Ergebnisse und Empfehlungen des Beirats Jungenpolitik

Das Bundesministerium für Senioren, Frauen und jugendliche stellt die Ergebnisse und Empfehlungen des Beirats Jungenpolitik vor.

Die gesamten Empfehlungen findet man hier.

Aus der dazugehörigen Pressemitteilung:

Der Abschlussbericht des Beirats enthält einen guten Überblick über die Wünsche und Vorstellungen junger Männer. So wollen fast alle beispielsweise gerne Väter werden. Gleichzeitig orientieren sich aber viele an hergebrachten Vorstellungen zu einem männlichen Berufsleben. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist kein Thema für junge Männer – obwohl sie gerne Zeit mit ihrer Familie verbringen möchten und männliche Bezugspersonen für Kinder wichtig finden. Auf Herausforderungen, die dadurch in Partnerschaften auf sie zukommen, sind sie nicht vorbereitet. Ihnen fehlen realistische Vorstellungen zur Vielfalt moderner Lebensformen. Jungen und junge Männer haben zudem Lust auf Teilhabe und auf gesellschaftliche Mitgestaltung – das ist eine nachdrückliche Erfahrung des Jungenbeirats. Aber sie fühlen sich aktuell nicht angesprochen, nicht einbezogen und häufig nicht respektiert. Das ist eine Aufforderung die Ansprache von Jungen und Mädchen sowie Kommunikations- und Partizipationsstrukturen zu überdenken.

In einer etwas feministischeren Sichtweise liest sich das wie folgt:

Calmbach und Debus schreiben in dem Bericht für Familienministerin Kristina Schröder (CDU), den Jungen fehle es „anzunehmenderweise teilweise an Reflexionsräumen und Austausch zu Vor- und Nachteilen verschiedener Modelle bzw. zu möglichen Problemen und Umgangsweisen mit diesen“. Einfacher gesagt: Die Männer, die schon Väter sind, und auch die Mütter und andere Bezugspersonen, drücken sich darum, die Problematik mit ihren Söhnen zu besprechen. Und die jungen Männer untereinander entziehen sich dem Thema ebenfalls – womöglich, aus Angst, als uncool oder unmännlich wahrgenommen zu werden. Die Konsequenz, die sich aus diesem Kapitel des 222 umfassenden Abschlussberichts des Beirats für Jungenpolitik ziehen lässt ist ein Plädoyer, ein Appell an Eltern, Lehrer, Betreuer: Sprecht mit den Jungs! Bringt sie zum Nachdenken! Schafft ebendiese Reflexionsräume, die ihnen fehlen. Sonst werden die Mädchen, die in 15 Jahren genau wissen werden, was sie wollen, noch immer mit ähnlich verunsicherten Männern konfrontiert sein wie die 30-Jährigen von heute.

Der verunsicherte Mann, der einfach nicht seine Rolle überdenken möchte. Das er vielleicht eine andere Rolle weit weniger möchte kommt dabei wohl nicht in den Sinn.

Dennoch ein interessanter Bericht. Hier ein paar Stellen (S.91):

In den meisten Jungengruppen entwickelten sich bereits nach kurzer Zeit Hierarchisierungen i.d.R. entlang von Alter, Lebensweltnähe, Artikulationsfähigkeit und häufig auch dem Körperbau (Muskularität, Sportlichkeit, teilweise Körpergröße). Diese drückten sich u.a. darin aus, dass den ranghöheren Jungen mehr zugehört wurde, während bei Redebeiträgen rangniedrigere Jungen häufiger unterbrochen wurden oder die zuhörenden Jungen unruhig wurden und den Sprecher nicht ansahen. In der Prekären bzw. Materialistisch-hedonistischen Lebenswelt wurden rangniedrige Jungen zudem schwulenfeindlich beschimpft. Wenn sie sich gegen Dominanzgesten ranghöherer Jungen wehrten, wurde ihnen teilweise (mehr oder weniger ernst) Gewalt angedroht. Die ranghöheren Jungen fielen teilweise dadurch auf, souverän auch Brüche mit den in anderen Kapiteln beschriebenen Männlichkeitsanforderungen zu zeigen, also beispielsweise von Selbstzweifeln oder Verliebtheit zu berichten. In manchen Jungengruppen bildete sich zusätzlich zu einer klar hierarchisierten Jungengruppe eine „Insel“ einzelner Jungen mit Merkmalen ranghöherer Jungen (v.a. Alter und Artikulationsfähigkeit), die jenseits der Hierarchie standen und Sonderpositionen einnahmen.

Also Hierarchien, Rangausbildung und intrasexuelle Konkurrenz. Dazu passend konnten sich die rankhöheren Jungen auch mehr Brüche erlauben.

Bei den Mädchen sah es so aus (auch S. 91)

In den Mädchengruppen entwickelten sich teilweise Hierarchisierungen, die aber subtiler abliefen und von außen schwieriger erkennbar waren. Abgesehen von den Mädchen der Prekären bzw. Materialistisch-hedonistischen Lebenswelt, bei denen ein sehr hohes UnruheLevel herrschte, hörten sich die Mädchen aller anderen Gruppen gegenseitig aufmerksam zu und unterbrachen sich nur selten. Allerdings bildeten sich entlang der Frage des Paarstatus und des Alters insbesondere in der Diskussion zu Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern Ungleichheiten heraus, da ältere Mädchen mit Partner sich mehr Raum nahmen als jüngere Mädchen ohne Partner. Hierarchisierungen zeigten sich v.a. auch, wenn selbst organisiert Gruppen gebildet werden sollten, in Pausengesprächen und Gesprächen bei der Collagenerstellung sowie in der Quantität und Intensität, in der sich bestimmte Mädchen aufeinander bezogen. Hier fanden subtile Ausgrenzungen statt, indem manche Mädchen, obwohl sie sich in den meisten Fällen gerade erst kennengelernt hatten, Freundinnenschaft performten, eine solche Aufmerksamkeit gegenüber anderen Mädchen aber nicht zeigten. Teilweise bemühten sich mehrere Mädchen um die Aufmerksamkeit desselben (i.d.R. älteren, sehr artikulationsfähigen und schlanken) Mädchens, was ein Machtungleichgewicht mit sich brachte. In vielen Gruppen gab es eher mehrere unterschiedliche und teils widersprüchliche Stränge der Hierarchisierung. Ein eindeutiges Oben und Unten wie in den meisten Jungengruppen war kaum zu beobachten. Die Strategie, über die Performance von Freundinnenschaft Hierarchien herzustellen, steht im Kontext dazu, dass sich die Mädchen insgesamt stärker aufeinander bezogen als die meisten Jungen. Mehrfach wurden nach Beendigung der Fokusgruppen-Diskussion von einigen oder allen Mädchen Telefonnummern und Facebook-Namen ausgetauscht

Also auch wie zu erwarten keine klaren Hierarchien, sondern eher versteckte. Dafür subtilere Ausgrenzungen.

Zu der Ausbildung von Selbstbewußtsein (S. 92)

Die Mädchen speisen ihr Selbstbewusstsein vor allem aus fürsorglichen und sozialen Kompetenzen. „Hard Skills“ und andere, weniger von der sozialen Umwelt abhängige Fähigkeiten bzw. Eigenschaften spielen nur lebensweltspezifisch und dann vor allem ergänzend eine bedeutsame Rolle (Expeditive, Experimentalistische Hedonistinnen, Materialistische Hedonistinnen).

Jungen nennen vor allem körperliche Leistungsfähigkeit und Sportlichkeit als Ressourcen, die sie an sich mögen und aus denen sie entsprechend Selbstbewusstsein schöpfen. Das trifft vor allem auf die Konservativ-bürgerlichen und die Materialistisch-hedonistischen Jungen zu.

Auch recht klassisch. Frauen wollen für fürsorgliche und soziale Kompetenz wahrgenommen werden, Männer für körperlichen Wettbewerb. Dann folgt klassisches „Doing Gender“:

Diese geschlechterstereotypen Aspekte werden von Jugendlichen in der Regel jedoch um neutrale oder geschlechteruntypische Eigenschaften ergänzt. Vor allem bei den Jungen der Konservativ-bürgerlichen Lebenswelt gelten fürsorgliche Kompetenzen als (wichtige) Quelle von Selbstbewusstsein. Hier zeigt sich ein offensichtlicher Bruch mit geschlechterstereotypen Vorstellungen, der vor dem Hintergrund der lebenswelttypischen Familien- und Partnerschaftsorientierung jedoch plausibel ist. I Soziale Kompetenzen gelten Jungen auch in anderen Lebenswelten als Quelle von Selbstbewusstsein, es zeigt sich jedoch kein so offensichtlicher Bruch mit geschlechtertraditionellen Vorstellungen. Sozialökologische Jungen nennen beispielsweise Offenheit, Lust an Austausch und Kritikfähigkeit als Eigenschaften, die ihr Selbstbewusstsein auszeichnen. In anderen bildungsnahen Lebenswelten werden auch Offenheit, Freundlichkeit und Toleranz als wichtige Facetten des eigenen Selbstbewusstseins genannt.

Männer, die sich um Leute sorgen oder kümmern? Wer hätte je davon gehört? Als ob Männer sich jemals um Leute, seien es Freunde oder Verwandte kümmern würden.  Nicht, dass Männer Freundschaften hätten oder Väter sind und in Beziehungen ihren Partner unterstützen. Warum sollte man man so etwas männertypisch finden? In der Tat ein Ausbruch aus der Männerrolle.

Auch den Satz finde ich interessant:

Im Vergleich der unterschiedlichen Ungleichheitsverhältnisse fällt auf, dass sozioökonomische Ungleichheiten fast gar nicht von Mädchen oder Jungen aus sozial benachteiligten Verhältnissen thematisiert werden und auch Mädchen nur eingeschränkt ihre eigene Betroffenheit von Sexismen in den Raum stellen

Also anscheinend kein Aufschrei bei der Jugend.

Zu sonstigen Diskriminierungen:

In fast allen Lebenswelten

  • haben Mädchen eine breiter gefächerte Ungleichheitswahrnehmung als Jungen. Im Fokus stehen dabei soziale Interaktionen (insbesondere interpersonale Diskriminierungen) und Vorurteile. Sie zeigen sich zudem deutlich empathischer mit Ungleichheitsbetroffenen als Jungen. Mädchen berichten in allen Lebenswelten häufiger als Jungen von Mobbingerfahrungen sowie davon, Opfer von Gewalt geworden zu sein. Vor allem abwertende oder gar bedrohliche „Anmachen“ haben fast alle Mädchen schon einmal erlebt. Dabei ist zu vermuten, dass auch Jungen Gewalt widerfahren ist, sie davon aber aufgrund der mit Männlichkeit verbundenen Souveränitätsanforderung nicht berichten;
  • fokussieren Jungen in ihrer Ungleichheitswahrnehmung stärker eigene Benachteiligungen und Diskriminierungserfahrungen, aber auch auf die Gesellschaft bezogene, wie Chancenungleichheit am Arbeitsmarkt und ökonomische Ungleichheiten (Kapitalismuskritik, Gender Pay Gap). Viele Jungen mit Rassismuserfahrungen zeigen sich dabei auffällig sensibler bezüglich anderer Diskriminierungs-Verhältnisse wie beispielsweise Sexismus als mehrheitsdeutsche Jungen derselben Lebenswelt. Fast alle Jungen vermeiden es, so weit möglich, in ihrer Thematisierung eigener Ungleichheitserfahrungen als Opfer zu erscheinen.

Jungen nehmen also insoweit durchaus eigene Ungleichserfahrungen wahr und auch eigene Benachteiligungen. Sie wollen aber keine Opfer sein.

Zu den Erfahrungen in der Schule:

Jungen aus den bildungsnäheren Lebenswelten (vor allem Konservativ-Bürgerliche, Sozial- ökologische und Adaptiv-Pragmatische) gehen von höheren Leistungserwartungen seitens der Lehrkräfte an Jungen als an Mädchen aus. Sie haben den Eindruck, dass Mädchen für gleiche Leistungen besser bewertet werden.

Materialistische Hedonisten bzw. Jungen aus der Prekären Lebenswelt sind der Meinung, für dieselben Unterrichtsstörungen härter bestraft zu werden als Mädchen. Auch die Mädchen gehen davon aus, dass sie in dieser Hinsicht in der Schule bevorzugt werden. Ungleichheiten oder Ungerechtigkeiten, die an Leistungserwartungen, Notenvergaben oder an fachlich gebundene Aspekte geknüpft sind, tauchen weder bei den Jungen noch den Mädchen dieser Lebenswelten auf. 32 Vgl. dazu die Debatte um Racial Profiling.

Mädchen sehen sich vor allem in den MINT-Fächern und im Sportunterricht benachteiligt. In den MINT-Fächern fühlen sich in erster Linie die formal höher gebildeten und lebensweltlich modern geprägten Mädchen ungerecht benotet, nicht ausreichend gefördert, aber auch durch abfällige Bemerkungen von Lehrkräften bloßgestellt. Hinzu kommen Diskriminierungs-Erfahrungen, die vor allem Mädchen formal niedriger gebildeter, aber in etwas geringerem Maß auch Mädchen privilegierterer Lebenswelten in der Schule in Form abwertender frauenfeindlicher Sprüche und sexualisierter Übergriffe durch ihre Mitschü- ler erfahren. Diese Erlebnisse machen Schule für viele Mädchen zu einem unangenehmen Ort.

Das waren jetzt nur ein paar rausgegriffene Stellen. Eine größere Besprechung findet sich auch bei Sciencefiles. Interessant ist, dass in einer Stellungnahme des Beirats Jungenpolitik auch viel über Mädchen geredet wird und ein Vergleich angestellt wird. Im Gegensatz zu den Untersuchungen über Gewalt gegen Frauen. Man erkennt schon die Ausrichtung der Studie, die aus meiner Sicht schon eher den klassischen sozialwissenschaftlichen-feministischen Theorien zugeneigt zu sein scheint. Es verwundert insofern nicht, dass sich Connell im Literaturverzeichnis findet.

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Selbermach Samstag XXXIX

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs oder auf den Blogs anderer? Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Die Männer- und die Frauenbratwurst

Edeka hat – auch wenn der Sommer bisher kaum Grillwetter bereit gestellt hat – ein diesbezügliches geschlechtsspezifisches Angebot gemacht:

Männer Frauen Bratwurst

Männer Frauen Bratwurst

Natürlich ist man im Feminismus nicht begeistert. Bei Antje Schrupp findet sich ein an Edeka geschriebener Brief, der das Grundproblem so beschreibt, dass die Männerwurst deftig gewürzt ist und zudem doppelt soviel Inhalt hat und die Frauenwurst teurer ist und darauf hingewiesen wird, dass sie fettarm ist.

Das Problem:

Sehr offen zeigt sich darin zunächst ein dumpfer Sexismus.

Männer essen viel und herzhaft, während Frauen vor allem dünn sein wollen – diese Annahmen über geschlechtsspezifische Eigenarten klingen durch.

Das sind natürlich auch gewagte Annahmen. Welche Frau will schon abnehmen? Oder ist an fettarmen Produkten interessiert? Ich kenne keine einzige Frau, die nach so etwas suchen würde. Es ist ja auch kein insbesondere auf Frauen bezogenes Schönheitsideal.  Das Männer eher mal eine Wurst mehr essen und eher darauf ansprechen, dass etwas herzhaft als kalorienarm ist, dass ist auch sehr gewagt.

Das Frauen eher als Männer Diätprodukte wollen ist aus meiner Sicht kein dumpfer Sexismus, sondern schlicht etwas, was der Realität entspricht. Das Firmen dies vermarkten mag man für falsch halten, das ändert aber nichts daran, dass es durchaus der Fall ist.

Der weitere Schluss:

Männer sind so, Frauen sind anders. Unterschiede sind in Stein gemeißelt.

Auch eine sehr gewagte Aussage aus meiner Sicht. Das solche Produkte immer nur an den Schnitt gerichtet sind und keine absoluten Aussagen treffen, dass ist den meisten Menschen wohl klar. Sicherlich werden einige Männer mit der schlankeren Wurst liebäugeln und sie dann wegen der Bezeichnung nicht kaufen, aber das ändert nichts daran, dass Frauen oder Männer keine anderen Würste essen dürfen. Würste errichten auch mit dieser Bezeichnung keine absoluten Geschlechternormen, gerade wenn sie dann noch mit einem entsprechend überzeichneten Bild versehen sind.

Frauen sollen gefallen, Männer dürfen genießen.

Eine hierarchische Rollenverteilung zugunsten der Männer ist darin deutlich eingeschrieben.

So weit, so äußerst unerfreulich.

Kann man auch umdeuten:

  • „Die feinere Wurst mit dem besseren Fleisch für die Frauen, weil sie besseres Essen verdient haben, die Männer können den deftigen Kram fressen, den sonst auch alle bekommen. „
  • „Männer sollen kräftig und muskulös sein, bei Frauen reicht es, wenn sie etwas auf das Gewicht achten“
  • Frauen bekommen eine ausdrücklich als „besonders“ bezeichnete (Extra-) Wurst, Männer etwas grobschlächtiges, unedles“

Danach könnte man behaupten, dass die Hierarchie hier zugunsten der Frauen errichtet wird. Was einen aber nicht weiterbringen würde.

Zu der normativen Wirkung der Wurst:

Fraglich ist darüber hinaus aber, warum in aller Welt überhaupt das Geschlecht beim Essen eine thematische Rolle spielen soll.

Ich nehme mal an, dass Sie die Produkte am Ergebnis irgendeiner Marktforschung ausgerichtet haben, die unterschiedliche Bratwurst-Vorlieben bei Frauen und Männern ergeben hat. Selbstverständlich sind Sie bemüht, mit Ihrem Sortiment die breitesten Geschmäcker zu treffen. Dass Sie deshalb zwei unterschiedliche Produkte kreieren, von denen Sie sich jeweils große Resonanz bei einem der Geschlechter versprechen, verstehe ich. Aber warum müssen Sie die auch geschlechterspezifisch benennen?

Denn wenn Frauen magere Wurst mit Gemüsefüllung tatsächlich so gern mögen, dann werden sie sie auch kaufen, wenn sie nicht als “für Frauen” gekennzeichnet ist. Durch die geschlechtsbezogene Bennennung aber agieren Sie normativ: Sie bestimmen, dass diese Wurst zu mögen, mithin auch magere Produkte zu bevorzugen, ein Zeichen von Frausein ist. Frauen mögen diese Wurst. Weil Frauen ja dünn sein wollen. Frauen sind so.

Wenn eine Frau nun lieber die “Männer-Bratwurst” mag, dann kann sie die natürlich essen. Aber damit wird ihre simple Grill-Mahlzeit zum Überschreiten einer – von Ihnen willkürlich gezogenen – Grenze ihrer Geschlechterrolle. Die Frau muss sich plötzlich zu ihrem Frausein verhalten, nur weil sie kräftig gewürzte Wurst mag. Sie tut etwas, dass “Frauen eigentlich nicht tun”. Ihre Produktbenennung setzt eine – vollkommen sinnlose – Norm, gegen die eine Frau verstößt, die den Fettgehalt von Speisen nicht zum primären Auswahlkriterium für ihre Ernährung macht.

Die Eingangsfrage ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Wie man dort richtig annimmt hat man wahrscheinlich die Bratwurstvorlieben der Frauen und Männer versucht zu treffen. Nimmt man das erst einmal an, dann ist es schon interessant, dass sie die obigen Annahmen einfach so als sexistisch bezeichnen. Aber gut. Hat man die Vorlieben, dann kann man zwei Produkte machen und diese Geschlechtslos vermarkten und hoffen, dass der Kunde erkennt, dass das eigene Produkt genau das ist, was er sucht oder man kann über einen persönlicheren Ansatz vorgehen und die Marktforschungsergebnisse gleich mit der Zielgruppe, die man für die jeweiligen Würste gefunden hat, verknüpfen. Wenn man also ein Produkt an (Hobby-)Sportler verkaufen will, dann kann man es zB „isotonischer Sportdrink“ nennen, wenn man etwas an Senioren verkaufen will, dann nennt man es „Seniorentaschenrechner“ (mit extra großen Tasten), obwohl es für Leute mit aus sonstigen Gründen geringen Sehvermögen oder schlechter Hand- Auge-Koordination vielleicht auch gut geeignet ist. Denn auf diesem Weg bringt man die Zielgruppe am ehesten dazu, dass es sich angesprochen fühlt und sich fragt, ob sie das Produkt will. Dann scheibt man noch zusätzlich das (Pseudo-) Argument dazu, welches der Person aus der Zielgruppe logisch erscheint und ihn dazu bringt, dass Produkt als für sich geeignet anzusehen.

Schauma Männer Shampoo

Schauma Männer Shampoo

An diesem Produkt sieht man es eigentlich ganz gut: Es gibt dutzende von Shampoos für jeden Haartyp. Da wird jeder Mann etwas passendes finden. Dennoch scheint sich für die Hersteller ein „Männer-Shampoo“ zu lohnen. Ich vermute, weil Männer vor dem Regal stehen und sich fragen, welches Shampoo das richtige ist und sie das Gefühl haben, dass ein Männershampoo schon das richtige sein wird – das praktizierte In-Grouping „ich bin für dich gemacht“ erleichtert schlicht die Entscheidung bei großer Produktvielfalt.  Deswegen sind die eigentlichen Vorzüge dieses Shampoos auch weniger auf Männerhaar ausgerichtet, sondern schlicht darauf, dass sie in männlichen Ohren gut klingen und positive Assoziationen wecken, zu Männern passen – die Zutat ist natürlich Hopfen, weil Bier und es verleiht „Stand und Volumen“, man vermutet fast, dass der Designer das Ganze erst als Witz gemeint hat und es zu übertrieben fand, es dann aber durch gewunken wurde.

Bei der Wurst ist das nichts anderes. Auch hier setzt man auf die Wirkung von Worten wie „kräftig“, bei den Frauen hingegen auf „besonders mager“. Beides sind eben Begriffe, die den jeweiligen Käufer besonders ansprechen sollen und ihn davon überzeugen sollen, dass das Produkt zurecht eine „Frauenwurst“ oder eine „Männerwurst“ ist.

Interessant wäre aus meiner Sicht auch, wie man dort zu anderen Geschlechterprodukten oder Aussagen steht. Frauenparfüm muss es ja eigentlich genau so wenig geben wie etwa Frauenhandtaschen oder Frauenuhren. Frauenquoten bedeuten ja auch, dass Frauen es nicht aus eigener Leistung schaffen, Männer aber schon, transportieren also ein sexistisches Frauenbild. Ebenso wie Frauenbeauftragte oder Frauenministerien.

Es wird dann noch gefragt, warum die Frauenwurst teurer ist, worauf Edeka immerhin antwortet:

in der Frauen-Bratwurst sei mehr besonders mageres Fleisch, außerdem hochwertiges Gemüse, und das Ganze sei in einen besonders zarten Saitling eingepackt, was die Herstellung dieser Wurst teurer mache als die der Männer-Bratwurst.

Leider wird von Strupp dieser Aspekt nicht in das Hierarchieverhältnis eingestellt.

Lustiger sind da schon die Kommentare über einen englischen Artikel zu dem Thema:

First it was penis envy, now the feminists have sausage envy!

 

„Lasst es uns doch einfach mal versuchen die Geschlechterrollen aufzubrechen“

Immer wieder kommt in Diskussionen ein Argument , wie das Folgende:

Wenn du eh meinst, dass es nicht klappt, die Geschlechterrollen aufzubrechen, weil alles Biologie ist,  dann lass es uns doch einfach mal ausprobieren. Vielleicht klappt es ja und dann haben wir eine bessere Welt. Was kann es schon schaden?

Dagegen lässt sich aber durchaus einiges sagen:

1. Es wurde schon probiert

Umerziehungen wurden immer wieder probiert. Der bekannteste Versuch ist wohl das Kibbuz. Aber auch ansonsten gibt es kein Volk auf dieser Erde, bei dem die Geschlechterollen etwa umgedreht sind. Vielmehr sind die Geschlechterrollen in vielen Grundlagen gleich und dies überall auf der Welt.

Auch geschlechtsneutrale Erziehung hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge zu verzeichnen.

2. Wissenschaftliche Ergebnisse legen nahe, dass es nicht klappt.

Eine Vielzahl von Studien legt nahe, dass die Geschlechterrollen einen  biologischen Ursprung haben. Ich habe hier bereits ein paar zitiert:

3. Wenn man versucht, etwas zu dekonstruieren, was nicht zu dekonstruieren ist, dann hilft man den Leuten nicht, sondern schadet ihnen

Es ist eben kein Experiment, welches keinen Schaden anrichtet. Es ist ein Menschenexperiment, bei dem man um die Geschlechterrollen aufzubrechen teilweise erheblichen Druck aufbaut oder Menschen beeinflusst.

Dagegen wird eingewandt, dass man ja eigentlich keinen Druck aufbaut, sondern nur Freiheiten gibt: Jeder soll sich so verhalten können, wie er will. Das entspricht jedoch nicht den im genderfeministischen Bereich geltenden Theorien, die ja gerade vorgeben, dass bestimmte Geschlechterrollen bestehen, die gerade dadurch Wirksamkeit erhalten, dass die Leute nach ihnen leben und obwohl sie nachteilhaft für die meisten sind nicht aus ihnen rauskommen. Wenn man jeden leben lassen wollte, wie er es will, dann würden eben auch nach diesen Theorien die Geschlechterrollen bestehen bleiben, weil sie immer noch das Denken der Menschen und die Ansicht davon, was normal ist prägen. Deswegen müssen sie dekonstruiert und aufgebrochen werden.

Das dies sehr negativ sein kann wird den meisten deutlich, wenn christliche Fundamentalisten überlegen Homosexualität zu dekonstruieren und jemanden wieder heterosexuell zu machen. Die meisten Menschen sagen in diesem Bereich nicht „Lass sie doch machen, was soll´s, es kann ja nichts passieren“, sondern haben im Gegenteil die Folgen bis hin zum Selbstmord gut vor Augen, die damit einher gehen die eigene Sexualität zu unterdrücken und sich ihrer schämen zu müssen.

4. Das bedeutet nicht, dass alle auf die Geschlechterrollen festgelegt sein müssen.

Dabei geht es nicht darum, dass jeder nach den Geschlechterrollen leben muss. Aufgrund der vorhandenen individuellen Unterschiede auch in der Biologie und den fließenden Übergängen gerade bei hormonellen Ausrichtungen ist innerhalb des biologischen Modells für alle Verhaltensweisen Platz.

Ich würde demnach Toleranz und Verständnis dafür, dass es nicht um eine essentialistische Betrachtungen geht, sondern nur um Häufungen, um Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern und verschobenen Mittelwerten geht. Ich würde die Leute früh über die biologischen Grundlagen der Homosexualität, Transsexualität  und die Abweichungen innerhalb der Geschlechter unterrichten. Wer versteht, dass es lediglich kleinere biologische Unterschiede sind und die Leute damit eben auch nicht anders können als sich auf eine bestimmte Weise verhalten, der wird nach meinem Verständnis auch eher Toleranz aufnehmen können.

Ich würde den Leuten vermitteln, wie es zu den Geschlechtsunterschieden kommt und was sich daraus moralisch herleitet, nämlich erst einmal nichts, weil es ansonsten ein naturalistischer Fehlschluss wäre.

„Tätschelnder Patriarch vs. hysterische Kampfemanze“

Ein nettes Plädoyer für eine weniger gegeneinander gerichtete Geschlechterdebatte findet sich in der Süddeutschen (vgl. auch die Besprechung bei Genderama).

Die Grundsituation sei dabei aber wenig erfreulich:

Es sind, auf der einen Seite, Männer mit aggressiver Abwehrhaltung; Tenor: Die Frauen drehen total durch, die kann man nicht mehr ernst nehmen. Es sind, auf der anderen Seite, Frauen mit überbordendem Turbo-Aktionismus; Tenor: Uns doch wurscht, was die Jungs davon halten, jetzt sind wir an der Reihe! Die beiden anderen Gruppen hört man nicht so deutlich, weil sie teils in Ratlosigkeit verstummt sind: Das sind die verunsicherten Männer, die plötzlich die Frauen nicht mehr verstehen, und die verunsicherten Frauen, die gar keine Lust mehr haben, ihre Meinung zum Thema zu sagen, weil sowieso keiner mehr ein Ohr für Zwischentöne hat.

Zu der diesbezüglichen Mitschuld der Frauen heißt es:

Frauen agieren nicht minder im Bereich der platten, überzeichnenden Provokation. Man nehme nur mal die barbusigen Auftritte der Femen-Aktivistinnen. Das Konzept von Femen wäre eine kluge Idee, wenn sie damit spielen würden, dass schöne Frauen mit nackten Brüsten immer Presseaufmerksamkeit kriegen, und wenn sie diese Aufmerksamkeit nutzen würden, um kluge Botschaften zu verbreiten. Stattdessen bedienen die Aktivistinnen nur das Bild der hysterischen Frau, die sich kreischend aufregt, aber inhaltlich nichts oder nur dummes Zeug von sich gibt. Bei einer Demonstration im Januar an der Hamburger Herbertstraße, wo sich Prostituierte in Schaufenstern anbieten, verglichen sie die Sexindustrie mit dem Holocaust und schrieben „Arbeit macht frei“ an den Eingang der Straße. Schaut man sich solche Aktionen an, kann man den Satz von Tuma im Spiegel-Blog fast schon wieder verstehen. Man muss sich nicht wundern, wenn viele Männer glauben, sie müssten beim Thema Frauenrechte nicht mehr zuhören. Auch jenseits der Nachrichtenbilder sind Frauen mit schuld daran, dass aus einer Debatte, die eigentlich ein besseres Miteinander zum Ziel haben sollte, ein ideologischer Grabenkampf geworden ist. Viele haben das Gefühl, all das, was jahrzehntelang verbockt wurde, jetzt innerhalb weniger Monate korrigieren zu müssen – und dabei geht ihnen das Gespür für Taktik und das richtige Maß oft verloren. Fieberhaft werden Netzwerke und Seilschaften aufgebaut, um eine möglichst hermetische Front zu bilden, eine Front gegen „die Männer“. Argumente rücken in den Hintergrund, für Selbstkritik ist gerade keine Zeit. Reflexhaft versammeln sich dieser Tage Frauen hinter anderen Frauen, die von Männern kritisiert werden. Früher hätten sie kurz mal überlegt, ob an der Kritik vielleicht etwas dran ist. Heute scheint weibliche Solidarität manchmal mehr zu zählen als Inhalt. Nicht jede macht da mit. Auf der Facebookseite der Süddeutschen Zeitung kommentierte eine Nutzerin die neue Sprachregelung an der Leipziger Uni: „Wenn das der neue Feminismus sein soll, steig‘ ich aus.“

Der Gegenvorschlag:

Die Debatte ist an einem Punkt angelangt, an dem alle Argumente bis zur Erschöpfung erörtert wurden. Nun könnte man ja eigentlich mal aufeinander zugehen. Die oft beschworene Augenhöhe zwischen den Geschlechtern, sie bedeutet ja nicht, dass jede Bemerkung und jedes Kompliment ganz kritisch auf politische Korrektheit hin abgeklopft werden muss. Ein schlüpfriger Witz stört Frauen oft weniger als die verdruckste Bemerkung, man müsse sich zusammenreißen, „weil Damen anwesend“ seien. Frauen wiederum müssen nicht lauernd darauf warten, dass ein Mann sich ungeschickt verhält, um ihm dann vorwerfen zu können, dass er ein aus der Zeit gefallener Sexist sei. Beide Seiten könnten die Kategorien „Frauen“ und „Männer“ kurz mal links liegen lassen und es probehalber hiermit versuchen: „wir“.

Dann herrscht vielleicht das richtige Klima, um die relevanten Probleme bei der Gleichberechtigung endlich anzugehen.

Ein gut klingender Vorschlag. Leider über weite Teile wenig praktikabel, weil eben die Argumente letztendlich zwar gegenseitig an den Kopf geworfen worden sind, aber eine ruhige Debatte darüber noch nicht stattgefunden hat. Solange die Bereitschaft zu einem Dialog nicht besteht und auch die Theorien der anderen Seite nicht mit den eigenen Theorien abgeglichen werden wird man kaum vorankommen. Zwar wäre ein Wir-Ansatz im Sinne der Betrachtung als Non-Zero-Game durchaus hilfreich, aber sie ist gegenwärtig wohl nicht zu erwarten, jedenfalls nicht in den Bereichen, die sich gegenwärtig tiefer mit dem Thema beschäftigen.

Allerdings ist abseits dieser Debatte teilweise die Diskussion nie angekommen. Dort, abseits der Ideologen, bei den durchschnittlichen Männern und Frauen, ist man bereits beim „Wir“.

Dort sind die Männer keine Unterdrücker und die Frauen keine Ausbeuter.

Man weiß, was man aneinander hat.

Dominanz und dominieren

Dominanz bei Männern und Attraktivität für Frauen war hier schon häufiger Thema:

Allerdings wird das gerne damit verwechselt, dass man ein Diktator ist und versucht die Frau zu unterwerfen. Hier ein Text dazu, den ich in der Hinsicht ganz gut finde:

Taking charge and being decisive however doesn’t mean taking domineering control over your woman. Taking charge doesn’t mean micromanaging her activities, telling her what to wear all the time, or telling her who she’s allowed to see. It doesn’t mean playing dictator.

You want to be dominant, but not domineering. You want to be strong, and yet sweet.

Nor do you need to create a woman who is subservient. In fact, your woman should not hesitate to offer you her advice based on her experience and feelings.(…)
Many men make the mistake of believing that being nice means being a pushover. It’s not. You still want to nice and loving to your woman, just not in a placating way, but from the position of taking command and being a man of action.

So you have to take control over the situation without losing control over yourself. You want to be able to be in control of any situation without resorting to any sort of domineering behavior. Being in control and being decisive simply means that you are a man of action, that you have direction, and are comfortable taking control when the moment arises.

Also dominant sein, weil man selbstsicher ist, die Sache in der Hand hat, Handeln will und kann, und nicht weil man sie kontrollieren will. Ich denke das kommt durchaus an.

Abgrenzung sozialer und biologischer Einflüsse und ihrer Schwierigkeiten

Der Mensch ist ein Produkt der Natur und der Umwelt. Die Anlage-Umwelt-Debatte ist insofern schwer zu führen, weil Kultur häufig eine Ausgestaltung der Biologie auf andere Weise ist.  Gerade bei der Forschung in die kulturelle Richtung werden aber gerne mögliche biologische Einflüsse zu früh ausgeschlossen. Dazu kurz etwas:

  • Bei einem Vergleich mit den Eltern wird nicht berücksichtigt, dass die Kinder von diesen nicht nur die Erziehung, sondern auch die Gene haben. Wenn sie also bestimmte gleiche Einstellungen haben, dann kann das daran liegen, dass sie die gleichen Gene haben.
  • Es wird häufig angenommen, dass die Beeinflussung nur in eine Richtung verläuft. Tatsächlich verläuft die Beeinflussung aber in beide Richtungen. Die Eltern/Bezugspersonen reagieren auch auf das (möglicherweise biologisch bedingte) Naturell/den Charakter des Kindes etc. Ein besonders freches Kind wird eben strenger angegangen werden oder die Eltern werden eher resignieren als bei einem Kind, welches von Natur aus brav ist. Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen („der Junge kommt aus einer kaputten Familie“ „Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt“)
  • bei der Peer-Group kann hinzukommen, dass sie sich eine PeerGroup suchen, die ihren Vorlieben entsprechen, die wieder biologische Ursprünge haben können
  • Abweichungen in Kulturen bedeuten nicht, dass diese auf Kultur zurückzuführen sind. Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein. Beispielsweise ist der Umstand, dass in Kulturen mit hoher Vaterunsicherheit nicht die Väter, sondern die Onkel mütterlicherseits die Kinder unterstützen nach evolutionärer Spieletheorie leicht nachzuvollziehen und entspricht der biologischen Interessenlage, die eben bei hoher Vaterunsicherheit eine hohe Investition des Partners der Frau in die Kinder uninteressant macht. Biologische Programme müssen nicht schlicht sein, sie können natürlich auch graduell ausgestaltet sein
  • Männer und Frauen sind nach den biologischen Theorien nicht essentialistisch verschieden, sondern nur im Schnitt. Abweichende Verhaltensweisen bestimmter Frauen und Männer sprechen damit per se  nicht gegen biologische Begründungen.