Geschlechtsneutrale Erziehung

In der Zeit ist ein Artikel über geschlechtsneutrale Erziehung, die nicht geklappt hat. Besprochen wird das Buch „Typisch Mädchen. Prägung in den ersten drei Lebensjahren“ von Marinanne Grabrucker.

Die Eltern, feministisch motiviert, hatten sich Mühe gegeben, die Kinder selbst entscheiden zu lassen und – zur Frustration der Eltern – entschieden sich diese konform mit den Geschlechterrollen.

Anfang der achtziger Jahre hat die Feministin Marianne Grabrucker dann sehr bewusst und mit dem Protokollblock in der Hand den Versuch unternommen, ihre kleine Tochter wirklich frei und geschlechtsneutral zu erziehen. Das Kind sollte auf gar keinen Fall »auf die Mädchenrolle zugerichtet« werden, stattdessen »die Neue Frau schlechthin« werden. Marianne Grabruckers Tagebuch (Typisch Mädchen… Prägung in den ersten drei Lebensjahren) ist als erschütterndes Dokument des Scheiterns zu lesen. Bei aller Mühe und Selbstkontrolle, heraus kam am Ende das Schlimmste: »mädchenhaftes Verhalten«.

Die Autorin führt es auf die Gesellschaft zurück, der eben nicht zu entfliehen ist.

Die „geschlechtsneutrale Erziehung“ kann bei einzelnen Kindern auch „klappen“ – der Phänotyp sagt im Einzelfall nichts über das Geschlechts des Gehirns. Dies ist nur im Schnitt der Fall (vgl. auch „Feministische Gehirne und männliche Ausrichtung„). Aber weil es eben biologische Grundlagen gibt überrascht das Ergebnis nicht.

Dabei ist natürlich die Art des Spielzeugs nur indirekt vorgegeben. Die Steinzeit, auf der unsere Gehirne beruhen, kannte ja keine Spielzeugautos. Aber Spielzeugautos und Puppen stehen für Konzepte: Sachen gegen Menschen. Abstraktes gegen Zwischenmenschliches. Mit Puppen kann man besser Beziehungen nachspielen. Mit Autos kann man eher gegenständlich denken.

Wenn man Autos mit sehr menschlichen Zügen als Spielzeug sehr vagen Puppen gegenüberstellen würde oder dem Mädchen (mit typisch weiblichen Gehirn) Geschichten vorspielen würde, indem es um Gefühle und Bindungen zwischen den Autos geht („das rote Auto liebt das gelbe Auto, das grüne Auto ist zu allen gemein, das lila Auto ist sehr ängstlich“) könnte man die Spielzeugwahl insoweit wahrscheinlich umstellen (kleiner Tipp für eine feministische Forscherin, die widerlegen will, dass Frauen nicht mit Autos spielen).

Das Kinder früh eine Grobeinteilung nach dem Geschlecht vornehmen können  ist evolutionär sinnvoll. Denn Kinder konnten in der Steinzeit von Frauen und Männern verschiedenes erwarten, da Frauen aller Voraussicht nach mehr in die Kinderbetreuung eingebunden waren. Die Unterscheidung ist nicht schwer zu erlernen und sie möglichst früh zu erlernen stellt evt. einen Vorteil dar.

Interessant sind auch die Passagen zu den Folgen der möglichen Auswirkungen einer geschlechtsneutralen Erziehung und der Dekonstruktion der Geschlechterstereotype:

Solche Reden provozierten heftigen Widerspruch. »Wer Identitäten zerstört, zerstört Menschen«, konterte der Bremer Sozialwissenschaftler Gerhard Amendt. »Identitätszerstörung oder auch nur -verwirrung führen zu pathologischen Zuständen, die als leidvolle Desorientierung erlebt werden. Identitätszerstörung, wie sie von Dissens an Jungen praktiziert wird, ist Teil einer politischen Strategie. Sie beruht auf einem Bild von Männlichkeit, das Männer generell als Täter und als schlecht zeichnet.«

Die Geschlechterrollen geben Kindern eben auch halt und werden von Ihnen als passend gefunden. Angesichts der körperlichen Unterschiede auch nicht verwunderlich.

Und auch die Langzeitstudien sprechen dafür, dass die Einteilung in Geschlechter nicht unbedingt schadet:

Eine interessante Beobachtung machte Trautner bei Längsschnittstudien mit anfangs auffällig streng einteilenden Kindern: Wer als Kleinkind seine Welt besonders klar in männlich/weiblich aufteilte, konnte später lockerer mit den Kategorien umgehen. Das entspricht der Alltagswahrnehmung. Männer und Frauen, die früh in eine sichere Geschlechtsrolle gefunden haben, müssen sich nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch präpotentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern. Sie können sich auch vom Rollenklischee abweichendes Verhalten erlauben.

Die klare Vorstellung von der Geschlechterdifferenz und der eigenen Zugehörigkeit ist offenbar eine gute Basis für einen späteren freien Umgang mit Stereotypen. Man kann sich dann Interesse und sogar Freude und Spaß an der Differenz leisten. Und man kann dann auch Unterschiede ertragen. Denn Differenz, darauf weist der Sozialwissenschaftler Amendt hin, macht eben nicht nur stolz. Sie erzeugt auch Neid. Penisneid ist da bloß ein Beispiel. Nur starke Menschen halten die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus.

Wer sicher in seiner Rolle ist, der kann auch Abweichungen zulassen. Das passt auch dazu, dass strenge Gegner zB der Homosexualität selbst verdeckte Homosexuelle sein können.

Der Zeitartikel zieht auch noch ansonsten über die Gleichmacherei im Feminismus her und kommt zu dem Ergebnis, dass es eben mal ausprobiert werden musste, man aber heute die Geschlechterverhältnisse etwas unverkrampfter sehen sollte.

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