#MeToo und #HowIwillchange

In Reaktion auf Weinstein lief gestern auf Twitter eine internationale Version des Aufschreis, #metoo

Männer wurden aufgefordert, öffentlich Besserung zu geloben ode ihre Taten einzugestehen:

Schon war auch der Hashtag #Howiwillchange geboren:

Aber natürlich rief das auch Gegenstimmen auf den Plan:

 

 

Advertisements

Wie man feministisch richtig weitere Weinsteins verhindert (und warum das nicht klappt)

Julian Dörr schreibt in der Süddeutschen, warum man gerade jetzt noch feministischer werden muss:

Was heißt das nun für die Kulturprobleme der sexuellen Diskriminierung und der sexuellen Belästigung? Ganz einfach: Wenn wir die Weinsteins dieser Welt loswerden wollen, dann müssen wir dringend verändern, wie wir als Gesellschaft über die halbabsorbierte Gegenkultur des Feminismus sprechen. Oder etwas überspitzt: Wer die Weinsteins dieser Welt loswerden will, der muss endlich aufhören, über das Binnen-I zu witzeln. Frauenfeindliche Strukturen lassen sich nur dann auflösen, wenn ihnen Stück für Stück der Platz in der Gesellschaft genommen wird. Wenn die Rückzugsorte sexueller Diskriminierung und Belästigung ausgeräuchert werden. Um das zu erreichen, braucht es eine starke Gegenkultur. Eine Gegenkultur, die auch von Männern getragen werden muss. Von Männern, die sich nicht vom Label Feminismus abschrecken lassen dürfen. Im Fall Weinstein dauerte es Tage, bis sich die ersten männlichen Schauspieler zu Wort meldeten.

Es ist dieser naive Glaube, dass man Leute mit Binnen-Is umerziehen kann. Und das Binnen-Is etwas daran ändern, dass Leute Macht mißbrauchen.

Warum sollte es für Weinstein weniger interessant sein, mit Frauen schlafen zu wollen, wenn er Binnen-Is verwendet? Warum sollte es für Frauen, die etwas davon wussten, nicht mehr gefährlich sein, einen mächtigen Mann zum Feind zu haben, wenn sie überall Binnen-Is sehen.

Der Feminismus kann dabei nichts erreichen, weil er zu verrückt ist. Es ist eine Ideologie, die man nur mit einigen Verrenkungen vertreten kann, weil sie schlicht nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Und deswegen interessiert sie auch einen Großteil der Menschen nicht und wenn man ihnen mehr darüber beibringt, dann fällt ihnen das eher noch mehr auf. Die Unwissenheit darüber, was der radikale Feminismus vertritt, ist für diesen mit das wichtigste um nicht unterzugehen.

Im Fall Weinstein dauerte es nicht nur Tage, bis sich männliche Schauspieler zu Wort meldeten, es dauerte insbesondere Jahre bis sich Frauen, die bereits voller Feminismus waren, wie etwa Jennifer Lawrence, die gerade noch für gleiche Löhne kämpfte, zu Wort meldete.

Der gegenwärtige Feminismus kann keine Gegenbewegung sein, weil er zu Hasserfüllt ist und zu sehr in Lager spaltet. Er ist zudem zu unpraktisch um umgesetzt zu werden.

Wer die Unterdrückung, die Diskriminierung und den Missbrauch von Frauen durch Männer wie Weinstein verhindern will, der muss aufhören, die manche Facetten der Debatte um Gleichberechtigung als kleinlich und ein bisschen übertrieben wegzulächeln. Der muss aufhören, dem Feminismus dogmatische Umerziehung zu unterstellen, wie es Claus Kleber im Gespräch mit Maria Furtwängler getan hat, als die ihre Studie über die Rolle der Frau im deutschen Film und Fernsehen vorstellte (wenig überraschendes Ergebnis: Frauen sind unterrepräsentiert).

Ich denke er muss es gerade machen und es wäre besser, wenn es möglichst viele machen. Denn zum einen muss was wahr ist auch wahr bleiben, zum anderen ändern diese Vorhalte nicht und der Feminismus behindert sogar eher erfolgsversprechende Gegenmaßnahmen.

Wer sexuelle Übergriffe verhindern will, der braucht Geschlechtergerechtigkeit, der braucht das Binnen-I, der braucht die Quote, der braucht gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Der Weg dorthin verlangt kleinliche, langwierige und frustrierende Arbeit. Aber sie ist notwendig. Diskriminierung und sexuelle Übergriffe werden nicht von selbst mit den jetzigen alten weißen Männern verschwinden. Diese Probleme sind strukturell. Und sie reproduzieren sich. Frauenfeindlichkeit hört nur dann auf, wenn sich die Kultur ändert. Mit anderen Worten: Frauenfeindlichkeit hört nur dann auf, wenn Männer damit aufhören.

Da ist er schon wieder, der Hinweis auf die Hautfarbe, eine rassistische Struktur im Feminismus. Als hätte es Vorwürfe gegen Bill Cosby, R. Kelly, CeeLo Green, Kobe Bryant, Myke Tyson oder Tupac Shakur nicht gegeben.

Sexuelle Belästigung hört schlicht nie auf. Weil der Markt nicht einfach verschwindet, der es für die Handelnden interessant macht.  Es wird immer Leute geben, die Macht einsetzen um andere Ziele zu erreichen. Und Leute werden auch immer dazu schweigen, wenn es ihnen selbst Vorteile bringt. Shaming oder Belehrungen ändern daran nichts, weil es ja von vorneherein darauf ausgelegt ist, im Dunklen zu bleiben.

Das wäre die wesentlichste Einsicht, die man haben müsste, und genau die behindert der Feminismus mit seinen falschen Theorien.

Wenn man etwas machen wollte, dann müsste man die Vorstellung, dass man Leute wie Weinstein nur in eine Seminar für Binnen-Is stecken muss und sie ändern sich, aufgeben. Sie wären dann vielleicht etwas vorsichtiger oder würden noch nachhaltiger die Leute einschüchtern, aber ansonsten blieben die Motivationen bestehen.

Wenn man etwas produktives machen wollte, dann kann man nur Gelegenheiten nehmen und Vorbeugen bzw. die Gefahren eines Nachweises erhöhen.

Ein Verein für weibliche Schauspieler beispielsweise, der Gerüchte anonym sammelt und Produzenten Gefahrenstufen zuweist und deren Mitglieder dann grundsätzlich eine Freundin mitbringen, wenn sie mit ihm in Kontakt treten, wäre wohl effektiver.

Und genau das passiert ja auch: Jeder in Hollywood wusste davon, dass Weinstein jemand ist, mit dem man als Frau besser nicht allein ist. Es gibt entsprechende Gerüchte, man sichert sich ab, kann so sogar mit ihm zusammen arbeiten. Man könnte das ausbauen, aber es unnötig machen, das wird nie gelingen.

 

 

 

„Der Mann ist demnach das handelnde Subjekt der Weltgeschichte und das Maß aller Dinge.“

In einem Blog fand ich eine Herleitung des Sexismus als etwas, was gerade (weiße) Männer machen:

Sexismus ist nicht einfach immer dann, wenn Menschen benachteiligt sind, die ein Geschlecht haben. Sexismus ist ein Konzept mit historischen und philosophischen Dimensionen, die miteinander verwoben sind.
Ich versuche es so einfach wie möglich zu formulieren.

Wie auch beim Rassismus fängt es mit der Vorstellung an, was normal ist.

Normal ist der (weiße) Mann, das ist ein Narrativ, der sich aus einer langen Geschichtsschreibung ergeben hat, die von (weißen) Männern dominiert wurde und in vielen Teilen der Welt immer noch wird. Der Mann ist demnach das handelnde Subjekt der Weltgeschichte und das Maß aller Dinge.

Als jemand, der sich viel mit der Evolutionbiologie beschäftigt, denkt man vielleicht etwas weiter zurück. Und da würde man erst einmal feststellen, dass es wahrscheinlich schon vor unserem Menschsein Sexismus gab, weil auch in vormenschlichen Gruppen genau wie in heutigen tierischen Gruppen Männer Anführer gewesen sind, eher Kriege geführt haben, eher die damaligen Legenden beherrscht haben, und das ganz überwiegend als schwarze Menschen, denn der weiße Mann ist ja erst wesentlich später, nach der Auswanderung aus Afrika, entstanden.

Die ersten menschlichen Sexisten, soviel ist sicher, waren schwarz. Schlicht weil die ersten Menschen schwarz waren. Aber auch diese Idee, dass nur ein Geschlecht gehandelt hat, wirkt auf mich immer etwas naiv. Auch damals dürfte die Mutter eine wichtige Stellung gehabt haben, dürfte es Schamaninen, wichtige Ehefrauen, Mütter des Anführers oder gar weibliche Anführer gegeben haben, wie es sie heute auch gibt, wenn auch in geringerer Zahl.

In patriarchalen Gesellschaften hatten (und haben) die Männer Namen, Frauen sind „die Frau von“. Männer machten Politik und prägten die Geisteswissenschaften. So entstand ein Kreislauf, in dem Frauen nicht die Möglichkeit hatten, etwas zur Geschichte beizutragen und deswegen Männer sich darin bestätigt fühlen konnten, dass Frauen dazu auch gar nicht imstande sind.

Aus meiner Sicht wesentlichere Gründe als diese rein kulturellen dürften die folgenden sein:

  • Männer sind körperlich stärker als Frauen und weit aus eher auf Kampf hin optimiert.
  • Frauen mussten stillen und Kinder aus Gefahren weghalten, sie waren weitaus häufiger schwanger und sollten auch dann nicht in der Nähe von Gefahren sein
  • Mateguarding ist bei Frauen wichtiger als bei Männern, weil eine schwangere Frau problematischer ist als die Schwängerung einer anderen Frau, das gilt auch bei einer Tochter: Wenn sie von dem falschen geschwängert wurde, dann mussten die Eltern die Kosten für die Aufzucht tragen statt des Vaters. Frauen eher einzuschränken und weniger Freiheiten zu lassen folgt insofern (auch gerade vor der Erfindung von Verhütungsmitteln und vor einer einigermaßen sichern Gesellschaft) aus biologischen Unterschieden

Mitunter ging (bzw. geht) man so weit, Frauen überhaupt einen Intellekt oder gar eine Seele abzusprechen, was sie im Grunde auf die Stufe von Tieren stellt. Ein Mensch, so ist es auch in vielen Sprachen zu erkennen, ist erst einmal ein Mann. Mann ist gleich Mensch. Eine Frau ist ein weiblicher Mensch, also eine Abweichung der Norm.

Das wäre klassisches Beauvoir: Die Frau als das Andere. Bei zwei Geschlechtern mit Arbeitsteilung waren aber beide zu einem gewissen Teil „das Andere“.

Aus der Dominanz der Männlichkeit ergibt sich außerdem ein Konzept von Besitz und Besitztum, sowie von Subjekt und Objekt: Männer sind Subjekte und werden als diejenigen wahrgenommen, die etwas leisten und etwas erschaffen. Sogar die Kraft der Schöpfung wird der Männlichkeit beigeordnet (ungeachtet dessen, dass Kinder schon immer von Frauen geboren wurden). Auch Simone de Beauvoir sieht die schöpferische Transzendenz noch als männlich an, die in sich ruhende Immanenz dagegen als weiblich. Frauen sind Objekte. Sie machen nicht, sie sind. Männer treffen in patriarchalen Gesellschaften Entscheidungen, über Frauen wird verfügt.

Gut, dass über Männer nie verfügt worden ist. Etwa in Weltkriegen, in Bergwerken, in Fabriken oder bei der Frage, wer eher ins Rettungsboot kommt.  Gut das Frauen nie über Männer verfügt haben, etwa über ihre Söhne oder Männer oder ihre Landsleute (die weiße Feder wäre ein Stichwort)

Selbst wenn man das so sehen würde: Wir leben im Jahr 2017. Mit einem Grundgesetz, dass Frauen seit vielen Jahrzehnten gleichstellt. Mit einer Frau als Kanzlerin und Frauen, die jeden Beruf antreten können, den sie wollen.

(…)

Sexismus ist nicht gleich Benachteiligung. Sexismus ist eine Struktur, die unter anderem verschiedene Formen der Benachteiligung bewirkt. Lassen wir die Frage nach der Verhältnismäßigkeit ruhig mal außen vor: der Sexismus, unter dem Männer leiden ist im Prinzip derselbe Sexismus, unter dem die Frauen leiden. Wenn wir gegen den Sexismus kämpfen, dem die Frauen ausgesetzt sind, kämpfen wir ebenso für die Befreiung der Männer von diesem Sexismus. Es gibt nicht den einen und den anderen Sexismus. Ihr müsst Euch nicht gegen Feminismus stellen, es sei denn, Ihr wollt genau den Sexismus, unter dem ihr zu leiden vorgebt, stärken.

Was auch schlecht begründet ist. Warum muss da eine Wesensgleichheit bestehen? Warum können Frauen da nicht ihre eigenen Vorteile sichern, etwa im Familienrecht über Vorteile wie dem Residenzmodell, Unterhalt, dem vorrangigen Behalten und bessern Kontakt zu den Kindern?

Es ist immer wieder erstaunlich, dass diese Theorien, die angeblich so sorgsam darauf achten, dass Frauen keine Objekte sein sollen, sie dann nie Subjekt werden lassen und sie absolut passiv sehen.

Vermutlich wollt Ihr das

Aber Schuldvorwürfe gibt es ja bekanntlich nicht.

„In der feministischen Zukunft werden alle Minderheiten das Recht auf die Objektifizierung haben, die sie wollen“

Ein anderer passender Artikel zu dem Thema „feministisch richtiges Begehren“

Dort heißt es:

In a society that either desexualizes or hypersexualizes trans and gender nonconforming people, my whole existence is pretty much devoid of good sexual energy. While many of my cis women friends are trying to figure out how to drain out a swamp of unwanted male attention, I’m stuck in a desert trying to suck water from a cactus.

Jacob Tobia
Jacob Tobia

I can show literally my entire leg and get nothing. I can wear a skimpy dress to a club and people just look the other way. I can wear five inch heels and, while I might get lots of attention, it won’t be sexual attention. Instead of being a “madonna” or a “whore,” I’m simply considered a “diva” or a “freak” (and not the good kind). In the very best case scenario, when my sexual agency and desirability are recognized (about as often as a total solar eclipse, tbh), it’s almost always as “an experiment,” or as “something exotic,” a weak, token attempt to diversify someone else’s sexual portfolio.

I want to be sexually objectified and it never happens. I want people to appreciate the time and effort that I put into my body and my look. I want people to look at my perfectly applied lipstick and want me because of it. I want my long legs to give people feels. I want to dance on the bar and leave boys breathless, panting, and desperate to talk to me.

Natürlich ist es vollkommen okay, wenn man begehrt sein möchte. Wer möchte das nicht. Aber hier finde ich es ja doch erstaunlich. Es ist verständlich, dass die Leute nicht auf das Bein oder die Absatzschuhe reagieren, weil sie (er?)  schlicht eher wie ein Freak aussieht. Ich kann verstehen, dass weder Frauen noch Männer sich sonderlich angesprochen fühlen.

Das mag hart klingen, aber es gibt eben keinen Anspruch darauf, dass man als sexy wahrgenommen wird. Attraction is not not a choice

Das wird dort aber anders gesehen:

I think it begins with each of us shifting our internal monologue. It begins with learning to admit that it is okay to desire consensual objectification. If we want it, it is okay to enjoy being looked at. It is okay to enjoy being thought about and desired. It is human.

I want to be objectified in certain circumstances and in certain places. I want to be objectified at a gala when I’ve spent five hours on my makeup and weeks picking out the perfect dress. I want to be objectified when you’re looking at my picture on Tinder. I want to be objectified at a friend’s intimate cocktail party, when I’m lounging on the couch with my legs intentionally positioned just so. I want to be objectified in a nightclub when I’m dancing on the bar, and I want you to continue to objectify me when I’m back on the dancefloor. I’m even okay being objectified in the grocery store (but only when there’s comedic value, like when I’m shopping for bananas or cucumbers or vegan sausages or something).

And just because I want to be objectified in some places, that doesn’t mean that I want to be objectified in all places. I don’t want to be objectified in the office. I don’t want to be objectified in a meeting with a producer or an editor. I don’t want to be objectified by a director on set. I don’t want to be objectified on the street or on the subway or in the parking lot when I’m trying to get through my day. And if you see me in a coffee shop working on an article for Playboy, please don’t objectify me then either because odds are I’m in the zone and just need to get this shit done. (…)

In a feminist future, we stop saying that all objectification is categorically bad. In a feminist future, all trans people, people of size, people of color, and people with different abilities have the chance to get the types (if any) of objectification that we crave. In a feminist future, we each have the chance to own the types of objectification (if any) that we like and the types of objectification that we’d rather do without.

Dabei geht es darum, dass gefälligst Transsexuelle genauso ein Recht darauf haben, als begehrenswert angesehen zu werden wie andere. Wie man Begehren auf diese Weise steuern sollte bleibt unklar, es folgt schlicht daraus, dass die Welt gerecht ist.

Hardcore Transaktivisten sind, ich hatte es an anderer Stelle schon gesagt, mit die verrücktesten Feministen, die es gibt, weil sie jede Andersbehandlung als nach dem gewünschten Geschlecht als Transfeindlichkeit ansehen. Wer also die oben dargestelle Person nicht schön findet, der ist damit transfeindlich. Eine nichttransfeindliche Person würde schlicht eine (wunderschöne) Frau sehen und sie als solche akzeptieren.

 

Warum intersektionale Theorien für größere Parteien Gift sind

„Wir brauchen mehr Feminismus“ las ich jetzt verschiedene Male nachdem die Frauenquote im Bundestag gesunken ist. Allerdings ist der moderne Feminismus in seiner intersektionalen Ausprägung für Parteien hoch gefährlich, zumindest wenn sie nicht auf eine kleine Nische setzen wollen.

Eine „Volkspartei“ muss insbesondere darauf achten, dass sie den Hauptteil ihrer Wähler anspricht und sich nicht als Vertreter einer Minderheit darstellt. Natürlich kann sie sich Minderheitenanliegen annehmen, aber sie sollte dennoch nicht in den Ruf geraten, dass sie einseitig zu deren Gunsten handelt und gegen die Mehrheit arbeitet.

Obama hat das beispielsweise verstanden und nicht damit kandidiert, dass er ein schwarzer Mann ist, der es den Weißen endlich einmal zeigt, sondern, dass er ein Politiker ist, der für alle eine bessere Welt schaffen will. Seine Botschaft war „Change“ und „Yes, we can“. Seine Ansätze betrafen nicht eine kleine Gruppe, sondern ein allgemeines gerechteres Steuerrecht und eine allgemeine Krankenversicherung. Im Gegensatz zu Clinton, die stark darauf abstellte, dass sie eine Frau ist, machte Obama seine Hautfarbe gerade nicht zu einem wesentlichen Kriterium, sondern bezog alle Wähler mit ein, versprach allen eine bessere Welt und wertete niemanden ab.

So etwas ist allerdings mit der intersektionalen Theorie kaum möglich. Denn diese unterteilt die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, vom System Bevorteilte und vom System Benachteiligte, und verlangt Handlungen von den Unterdrückern / Bevorteilten. Es wird dort mit recht einseitigen Schuldzuweisungen gearbeitet, die aufgrund Merkmalen wie Hautfarbe (weiß) und Geschlecht (Mann) erfolgen.

Damit dürfte man, wenn man das Programm durchzieht, die Männer an sich, die weißen Männer, die weißen Frauen und die Frauen, die Männer als Partner sehen und nicht an eine Unterdrückung glauben, schon einmal nicht einbezogen haben und diese sogar als Gegner definiert haben.

Einer kleinen Partei wie etwa den Grünen mag dies einfacher fallen, da diese eher eine Nische besetzen können. Um so eher eine Partei aber plant einen größeren Teil der Bevölkerung zu überzeugen, also in Deutschland CDU und SDP um so weniger wird es sich für sie lohnen, sich intersektionalen Theorien anzuschließen, die automatisch gerade den größeren Teil der Bevölkerung aufgrund schlichter Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und noch nicht einmal tatsächlichen Handeln angreifen.

 

Das gläserne Kliff

Der Feminismus scheint eine gewisse Vorliebe für Glas zu haben: Den gläsernen Aufzug und die gläserne Decke kannte ich schon, denen gesellt sich jetzt noch das gläserne Kliff hinzu.

Gläsern sind sie eigentlich, weil man sie nicht sieht:

  • Die gläserne Decke ist eine unsichtbare Barriere nur für Frauen, die diese angeblich hindert in Führungspositionen zu kommen
  • Der gläserne Fahrstuhl bringt Männer schneller nach oben, ohne das man diese Hilfe bemerkt, sie steigen selbst in Organisationen mit hohem Frauenanteil eher an die Spitze.

Das „gläserne Kliff“ tanz da etwas aus der Reihe. Es geht darum, dass man Frauen eher „über die Klippe springen lässt“, indem man sie gerade dann befördert, wenn der Job besonders problematisch ist, also wenn man beispielsweise eine Vorstandsposition besetzen will, aber davon ausgeht, dass die Person, die diese Position besetzt, eh untergehen wird.

In der Wikipedia heißt es dazu:

The glass cliff is the phenomenon of women in leadership roles, such as executives in the corporate world and female political election candidates, being likelier than men to achieve leadership roles during periods of crisis or downturn, when the chance of failure is highest

In der Wikipedia wird zudem dieser Artikel in „Psychology of Women Quarterly“ als der dazu wesentliche zitiert:

Recent archival and experimental research has revealed that women are more likely than men to be appointed to leadership positions when an organization is in crisis. As a result, women often confront a “glass cliff” in which their position as leader is precarious. Our first archival study examined the 2005 UK general election and found that, in the Conservative party, women contested harder to win seats than did men. Our second study experimentally investigated the selection of a candidate by 80 undergraduates in a British political science class to contest a by-election in a seat that was either safe (held by own party with a large margin) or risky (held by an opposition party with a large margin). Results indicated that a male candidate was more likely than a woman to be selected to contest a safe seat, but there was a strong preference for a female rather than a male appointment when the seat was described as hard to win. Implications for women’s participation in politics are discussed.

Quelle: Politics and the Glass Cliff: Evidence that Women are Preferentially Selected to Contest Hard-to-Win Seats (Abstrakt/Full)

Zu den dort gefundenen Zahlen:

On average, women contested seats that were held by the opposition by a margin of 5.1% of the votes. In contrast, men contested seats that were held by the opposition by 2.6% of the vote.

However, these two main effects were qualified by a two-way interaction, F(1, 1,161) = 20.46, p < .001, η2 =.017. In line with Hypothesis 1, tests of simple effects to decompose this interaction revealed that gender differences in the winnability of seats occurred only for Conservative party candidates. Here, women ran for seats that were significantly less winnable in the sense that they were held by the opposition party by a much larger margin (M = 26.2%, SD = 21.9) than those contested by men (M = 12.4%, SD = 23.4), F(1, 1,161) = 27.42, p < .001, η2 = .023.

Ein Beispiel aus der deutschen Politik könnte Gesine Schwan sein, die von der SPD ohne tatsächliche Chance als Bundespräsidentin aufgestellt worden ist

Aus meiner Sicht wäre die wahrscheinlichste Erklärung, dass um Stellen, die man Gewinnen, die sich also lohnen, ein erbitterter Konkurrenzkampf geführt wird. Aus dem gehen meist Männer als Sieger hervor, weil diese eher bereit sind, eine entsprechende Stelle zu besetzen und sich der Konkurrenz zu stellen.

Ist die Stelle hingegen nicht zu gewinnen wird es uninteressant darum zu kämpfen (zumindest in einem System wie dem britischen, aus dem die Studie stammt, bei dem es nur darum geht die Mehrheit zu erhalten und nicht etwa bundesweite Stimmen). Dann muss lediglich noch geprüft werden wie man

  • das Gesicht wahrt
  • zumindest noch anderweitig einen gewissen Profit aus der Sache schlägt

Beides geht hervorragend mit Virtue Signalling. Man stelle eine Frau auf, die dann nicht gewählt wird, und schon kann man zeigen, dass man modern und weltoffen ist. Man hat nicht verloren, weil man die Leute nicht überzeugt, sondern weil die Zeit leider noch nicht reif für eine Frau ist. Es ist auch wesentlich leichter, eine passende Frau zu finden, wenn man ihr sagt, dass sie nur die Kandidatur machen muss, es gibt keinen Druck zu gewinnen. 

Es könnte also nicht ein Opfern der Frau sein, mit der man ihr Posten vorenthalt, sondern eher der Umstand, dass es keine Konkurrenz um den Posten gibt und auch keinen wirklichen Posten der Frauen dazu bringt, sich dort eher aufstellen zu lassen.

Ich komme auf das Thema, weil gerade zwei Artikel die These aufstellen, dass Frau Nahles nur deswegen Fraktionsvorsitzende geworden ist, weil der Job gerade stressig ist.

Am 27.09.2017 schrieb Christina Wächter in dem Jugendmagazin der Süddeutschen darüber:

Frauen bekommen erst dann Macht, wenn der Karren im Dreck steckt

Andrea Nahles ist seit Mittwoch Fraktionsvorsitzende und damit die erste Frau in der 150-jährigen Geschichte der SPD auf dem Posten. Damit hat Nahles die Spitze der Partei und ihr Ziel erreicht, auf das sie schon seit Jahrzehnten hingearbeitet hat.

Die Nachricht von der Berufung Nahles’ wurde allgemein wohlwollend aufgenommen. Endlich wird mal eine Frau rangelassen, auch im Jahr 2017 noch ein kleines Wunder, noch dazu bei der SPD, so der Tenor.

Doch bei genauerem Hinsehen bleibt ein schales Gefühl zurück, weil einem dieses  Postenbesetzungs-Manöver irgendwoher unheimlich bekannt vorkommt: Scheinbar bekommt immer dann eine Frau eine Chance, sich an der Spitze zu beweisen, wenn der Karren so richtig tief im Dreck steckt. Und  der SPD-Karren steckt, da sind sich alle einig, seit Sonntag so tief im Dreck, dass er kaum mehr manövrierfähig ist, nachdem die Partei das schlechteste Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren hat.

Immerhin wird das „Gläserne Kliff“ dann noch mit einer Vielzahl evtl Beispiele dargelegt und Erklärungen dafür angeboten:

Es gibt mehrere Theorien, warum das so ist: Ryan und Haslam glauben, dass Frauen besondere Kompetenz nachgesagt wird, Unternehmen mit unzufriedenen Mitarbeitern zu führen. Denn Frauen werden als besonders mütterlich, kreativ und intuitiv wahrgenommen – lauter Eigenschaften, mit denen man in schwierigen Situationen besonders gut voran kommt. Doch Ryan und Haslam glauben auch, dass Frauen sich einfach besonders gut als Sündenböcke eignen. Die Psychologie-Professorin der University of Houston Kristin Anderson hat dagegen die provokante These aufgestellt, Unternehmen würden vor allem deshalb Frauen in solchen Situationen an die Macht lassen, weil sie so viel einfacher ersetzbar und bessere Sündenböcke sind als Männer. Viele Firmen würden nach dem Schema vorgehen, weil sie sicher sein können: Sollte dieser Versuch schief gehen, hätten sie keine wertvollen Mitarbeiter verbrannt und könnten noch dazu die Schuld einer offensichtlich unfähigen Frau in die Schuhe schieben. Sollte die Frau wider Erwarten Erfolg haben, könnte sich das Unternehmen hingegen aufgrund seiner fortschrittlichen Unternehmenskultur und Diversity-Strategie öffentlich selbst gratulieren. Eine Frau den Karren aus dem Dreck ziehen zu lassen, erscheint aus dieser Perspektive als echte Win-Win-Strategie.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum Frauen überhaupt bereit sind, sich auf so eine Schleudersitzposition zu begeben. Das liegt laut Ryan und Haslam daran, dass Frauen oft nicht die nötigen Insider-Informationen zur Hand haben, mit denen sie wissen könnten, wie riskant die Position ist, die ihnen da angeboten wird. Und selbst wenn sie wissen, welches Risiko sie eingehen werden – und bei Andrea Nahles kann man damit rechnen, dass sie sehr genau weiß, worauf sie sich einlässt – den meisten Frauen ist klar, dass solche Trouble-Shooter-Jobs fast immer ihre einzige Chance sind, ihr Können zu beweisen.

Interessant finde ich, dass sie die Position der Fraktionsvorsitzenden als so bedrohlich ansehen. Eine Fraktionsvorsitzende hat keinen so dramatischen Job:

Die Fraktionsvorsitzenden haben nach § 69 Abs. 4 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vorbehaltlich gesetzlicher Beschränkungen beratende Stimme in allen Ausschüssen. Der Fraktionsvorsitzende verkündet Vorschläge und Beurteilungen der Fraktion im Bundestag. Zu seinen Aufgaben gehört darüber hinaus die Organisation der Fraktionsgeschäfte, die Vorbereitung von Fraktionssitzungen und die Pflege der Kommunikation zwischen dem Fraktionsvorstand in der übrigen Fraktion, insbesondere über Inhalte und Ergebnisse von Fraktionssitzungen. Aus Sicht der prozessorientierten Politikwissenschaft fungiert der Fraktionsvorsitzende innerhalb seiner Fraktion als Garant der Fraktionsdisziplin in der Bestrebung ein einheitliches und zuverlässiges Abstimmungsverhalten seiner Partei zu gewährleisten. In der heutigen parlamentarischen Praxis haben Parteien dem Fraktionsvorsitzenden mehrere Stellvertreter beigeordnet, die mit Zuständigkeit für bestimmte Politikfelder ausgestattet sind und den zugehörigen Arbeitsgruppen vorsitzen. Der Fraktionsvorsitzende und die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden bilden zusammen mit dem parlamentarischen Geschäftsführer den geschäftsführenden Fraktionsvorstand (GfV).

Die meisten Menschen werden die vorherigen Fraktionsvorsitzenden der Parteien noch nicht einmal nennen können. Bei der SPD war es bisher Thomas Oppermann. Und ein Fraktionsvorsitzender ist eben auch in der Opposition wichtig, Nahles ist ja nicht für eine hoffnungslose Wahl aufgestellt worden, sondern hat tatsächlich ein Amt bekommen, welches sie auch ausübt. Sie ist dann sogar eigentlich relativ frei, denn in einer Opposition ist es auch nicht so schwierig, Fraktionsdisziplin zu erzeugen. Aber vielleicht unterschätze ich auch die Schwierigkeiten eines Fraktionsvorsitzenden.

Man könnte im übrigen anführen, dass Martin Schulz auch ein Kliff vor sich hatte. Bei den Zahlen zu dem Zeitpunkt als er das Amt übernommen hat, war abzusehen, dass er scheitert. Aber bei einem Mann zählt es wahrscheinlich nicht.

Margarete Stokowski haut in eine ähnliche Kerbe:

Seitdem ist zwar viel passiert, und wir sehen eine Frau als Kanzlerin, eine Frau als Oppositionsführerin, aber die nackte Freude darüber kommt nicht so richtig auf. Unter welchen Umständen ist Andrea Nahles jetzt SPD-Fraktionschefin geworden? Exakt zu dem Zeitpunkt, als alle verfügbaren und irgendwie relevanten Männer den Wagen einmal vollständig vor die Wand gefahren haben. In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Nico Fried dazu: „Merkel wie Nahles wurden in ihren strukturkonservativen Parteien erst vorgelassen, als auch der letzte Mann an der Wiederaufrichtung des jeweiligen Ladens gescheitert war. Nahles ist somit wie Merkel eine politische Trümmerfrau.“

Tatsächlich steht zwar dieser Satz in dem Artikel, in dem Rest des Artikels in der Süddeutschen geht es aber eher darum, dass Nahles ein Machtmensch ist

Vielleicht von der Kanzlerin abgeguckt hat sich Nahles ihren ausgeprägten Pragmatismus. 2009 betrieb sie mit dem Argument, es müsse endlich eine Frau Bundespräsidentin werden, vehement die erneute Kandidatur Gesine Schwans gegen Horst Köhler. Genützt hat diese Kampagne nur Nahles. Und acht Jahre später reichte ihr dann auch Frank-Walter Steinmeier. In den Verhandlungen zur letzten großen Koalition wiederum setzte Nahles 2013 die Rente mit 63 durch und beschimpfte deren Kritiker. Mit steigendem Ansehen in der Wirtschaft und neuen Karriereplänen ließ sie die Legende streuen, sie sei eigentlich gegen die Rente mit 63 gewesen. Auch Nahles hat längst der süße Lockruf der politischen Mitte ereilt.

Die neue SPD-Fraktionschefin ist längst das, was man ein politisches Viech nennen darf – willensstark, erfahren, abgebrüht. Und bei Kritik schon fast so empfindlich, wie sie es ihren Altvorderen immer vorgeworfen hat. Nahles wird Parteichef Martin Schulz als Moderator des Übergangs dulden, aber nicht als Mann mit Zukunft sehen. SPD-Chefs sollen potenzielle Kanzlerkandidaten sein. Das hat Schulz hinter sich. Aber seine Schwäche ist einstweilen ihre Stärke.

Nahles‘ Chance liegt im absehbaren Ende der Ära Merkel. Nach dieser Kanzlerin wird die Union nach rechts ziehen. Für die SPD gibt es wieder den Platz in der Mitte, wo man Wahlen gewinnt. Eigentlich wäre dieser Raum bis 2021 als Regierungspartei in einer großen Koalition leichter zu besetzen als aus der Opposition. Aber die Debatte ist vorerst entschieden. Dass Nahles selbst 2021 kandidiert, erscheint noch schwer vorstellbar. Aber das war bei Merkel vier Jahre vorher auch nicht anders.

Eigentlich erstaunlich: In feministischen Artikeln geht es darum, dass Nahles geopfert wird, in dem Artikel des Mannes geht es darum, dass sie sich nach oben arbeitet und Kanzlerin werden will.  Dort wird beschrieben, wie sie voran kommt und was ihre Pläne sein können, sie ist eine aktive Politikerin mit Ambitionen auf das höchste Amt. In den anderen ist sie passiver Spielball der Männer, ein Objekt, ein Platzhalter.

Im Feminismus darf eben eine Frau nur Opfer sein. Das sie eine Chance nutzt ist unvorstellbar.