Wie frauenfeindlich ist die Gesellschaft? Theorie vs. Forschung (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Titiat Scriptor

Wir leben im Patriarchat – immer noch, trotz allem. In den Gesetzbüchern sind gleiche Rechte für die Geschlechter längst verankert, nicht aber in der praktischen Umsetzung.
Im Alltag kämpfen Frauen auch im Jahr 2020 überall noch gegen strukturelle und systematische Benachteiligung. Das ist die Grundannahme feministischer Sozialkritik und zugleich ihre Existenzberechtigung.
Das Patriarchat selbst ist unsichtbar, aber seine Zeichen sind scheinbar allgegenwärtig. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die besten Positionen in Wirtschaft und Politik sind von Männern besetzt, Frauen bleiben unterrepräsentiert. Ganze Berufszweige verschanzen sich gegen den Wunsch der Frauen nach Teilhabe. Das Patriarchat – so könnte man dieses Argument zusammenfassen – ist eine Struktur, die das Handeln der Leute in ungleiche Resultate für Männer und Frauen umwandelt.

Natürlich ist denkbar, dass auch eine Gesellschaft frei von geschlechtsbezogener Benachteiligung ungleiche Ergebnisse hervorbringt – zum Beispiel dann, wenn Männer
und Frauen im Kern unterschiedlich sind und deshalb verschiedene Lebensentscheidungen treffen. Diese Möglichkeit wird im feministischen Diskurs aber als eine Art biologischer Essenzialismus mehr oder minder explizit verworfen.

Möchte man dieser Logik folgen, stößt man unweigerlich im tiefsten Inneren der Patriarchats-These auf die alles entscheidende Frage: Was bewirkt denn eigentlich, dass die Welt trotz vermeintlich gleicher Interessen Männer und Frauen in unterschiedliche Positionen manövriert? Was ist die Ursache, der Antrieb, der Auslöser für Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Die Antwort, die man üblicherweise auf diese Frage findet, lautet in etwa so: Wir leben
in einer Gesellschaft von Männern für Männer. Die Einstellungen, Werte und Handlungsmuster, die uns von Kindesbeinen an mitgegeben werden, stellen männliche
Bedürfnisse und männliches Verhalten an die erste Stelle. Frauen werden entweder mit einem Achselzucken ignoriert oder aktiv benachteiligt. Es geht, anders gesagt, um frauenfeindliche Vorurteile in den Köpfen der Leute.

Ein aktuelles Beispiel: In ihrem Buch „Down Girl. Die Logik der Misogynie" (2019) beschreibt Kate Manne Frauenfeindlichkeit als integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Von Frauen, schreibt sie, werden Verhaltensweisen erwartet, die männliche Privilegien aufrechterhalten. Rebellinnen gegen das Patriarchat werden vom System bestraft. Männer hingegen profitieren von gesellschaftlicher „Himpathy“ was sinngemäß so viel heißen soll wie ungerechtfertigte
Sympathie für misogyne und asoziale Männlichkeit.

Soweit die Theorie. Wichtiger ist die Forschung. Denn: Ob wir in der oben beschriebenen Welt leben, ist am Ende keine philosophische, sondern eine empirische

Frage: Ist es also empirisch gerechtfertigt, zu sagen, dass bestehende Geschlechtervorurteile so sehr zu Lasten von Frauen gehen und Männer so sehr bevorzugen, dass man die Gesellschaft insgesamt als frauenfeindlich beschreiben
kann?

Was folgt, ist ein Auszug aus der aktuellen sozialpsychologischen und soziologischen Forschung. Alle zitierten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeichnen ein Bild von der
Richtung geschlechtsspezifischer Vorurteile in unserer Gesellschaft, das im harten Kontrast zu den oben skizzierten Behauptungen steht. Sie zeigen, dass es zu einfach ist, Frauen als rundherum benachteiligt zu beschreiben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Was folgt, ist natürlich kein Beleg dafür, dass Frauen nicht an vielen anderen Stellen benachteiligt sein können. Oder dass Frauen in unserer Gesellschaft unter dem Strich weniger benachteiligt sind als Männer. Darum geht es hier im Kern nicht. Es geht um die Frage, wie viele empirische Erkenntnisse, die der Patriarchats-These zuwiderlaufen, man hinnehmen möchte, bevor man die These von der insgesamt misogynen Gesellschaft verwirft oder zumindest infrage stellt.

Was also sagt die Forschung?

Die folgenden Studien können über http://www.doi.org mit den angegebenen Nummern
identifiziert werden.

1. Die Zukunft gehört autonom fahrenden Autos. Aber wie soll der Algorithmus menschliches Leben priorisieren, wenn ein Unfall nicht mehr vermeidbar ist und sich nur noch die Frage stellt, wer sterben muss? Rund 2 Millionen Befragte in einem weltweiten Online-Survey würden mehrheitlich eher männliche als weibliche Unbeteiligte opfern (DOI: 10.2478/nimmir-2019-0015).

2. Die Tendenz, weibliches Leben höher zu priorisieren als männliches ist auch in vielen anderen Kontexten belegbar. In verschiedenen Experimenten zum Umgang mit moralischen Dilemmas werfen die Testpersonen Männer häufiger vor fahrende Züge als Frauen, um Unschuldige zu retten. Sie fügen Männern häufiger und stärkere Stromstöße zu als Frauen. Sie retten Männer seltener von sinkenden Schiffen und helfen ihnen überhaupt seltener in Notlagen (DOI: 10.1177/1948550616647448).

3. Dass aggressives Auftreten das Ansehen von Männern fördert, das von Frauen aber beschädigt, wird immer wieder behauptet. Dazu im Kontrast stehen die Ergebnisse eines Experiments mit unterschiedlichen Aggressionsszenarien. Hier bewerteten die Probanden weibliche Aggression als moralisch akzeptabler als männliche Aggression
(DOI: 10.1023/A:1019665803317).

4. Und wie steht es um negative Stereotype im Berufsleben? Forscher ließen in einem groß angelegten Experiment mit mehr als 800 männlichen und weiblichen Entscheidern MINT-Lehrstühle an Universitäten an fiktive Bewerber vergeben. Bei gleicher Qualifikation wurden Frauen mit einer Präferenz von 2:1 vor Männern eingestellt (DOI: 10.1073/pnas.1418878112).

5. Auch in anderen Bereichen findet sich kein Widerstand gegen die Ausweitung weiblicher Teilhabe am Berufsleben, im Gegenteil. In Experimenten zeigen Probanden eine größere Bereitschaft, männerdominierte Berufe durch politische Maßnahmen für
Frauen zu öffnen als frauendominierte Berufe für Männer (DOI:10.1016/j.jesp.2019.03.013).

6. Eine Untersuchung zeigt, dass Leistungsbewertungen am Arbeitsplatz weniger akkurat sind, wenn die bewertete Person weiblich ist. Offenbar sind Vorgesetzte eher bereit, Bewertungen von Frauen nach oben zu korrigieren als Bewertungen von männlichen Angestellten. Ob man hier von einem Vorteil für Frauen sprechen kann, scheint zumindest fraglich. Das Ergebnis steht aber dennoch im Kontrast zur häufig geäußerten Behauptung, Frauen würden im Berufsleben negativer bewertet als Männer (DOI: 10.5465/ambpp.2016.18003abstract).

7. Selbst in der Bewertung vermeintlich objektiver Forschungsergebnisse lässt sich ein erhebliches gesellschaftliches Wohlwollen Frauen gegenüber aufspüren. Fiktive Studien zu biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern werden von Psychologinnen und Psychologen unterschiedlich eingeschätzt, je nachdem welchem Geschlecht in den Studien positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Eine erfundene Studie, die Frauen größere künstlerische Fähigkeiten und mehr Ehrlichkeit attestiert, wird als relevanter, glaubwürdiger, hilfreicher und weniger schädlich eingeschätzt als dieselbe Studie mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen (DOI: 10.1111/bjop.12463).

8. In dieselbe Richtung geht ein Experiment, in dem Probanden fiktive Ergebnisse von Leistungstests bewerten sollen. Erzielen Männer im Schnitt bessere Ergebnisse als Frauen, wird die Testmethode eher als sexistisch, unfair und inakzeptabel gesehen als im umgekehrten Fall (DOI: 10.2139/ssrn.3175680).

9. In einem anderen Experiment zeigen sich die Testpersonen eher bereit, ein wissenschaftliches Fachbuch zu zensieren, in dem Männer evolutionsbedingt als bessere Führungskräfte beschrieben werden als ein Buch mit der entgegengesetzten
Aussage (Quelle1).

10. Auch beim Thema antisoziales und kriminelles Verhalten wird Frauen mit mehr Wohlwollen und Verständnis begegnet als Männern. In Surveys erhalten zum Beispiel hypothetische Vergewaltigungsopfer mehr Empathie, wenn der Täter männlich ist. Empathie mit weiblichen Tätern ist dann besonders ausgeprägt, wenn ihr Opfer ein Mann ist. Ganz allgemein erhalten männliche Opfer die wenigste Empathie, besonders von anderen Männern (DOI: 10.1007/s11199-010-9919-7).

11. In einem weiteren Experiment beurteilen juristische Laien die strafrechtliche Relevanz von sexualisierter Gewalt und Zwang je nach Geschlecht der Täter unterschiedlich. Die Taten von Frauen gelten eher als entschuldbar und moralisch akzeptabel als die Taten von Männern (DOI: 10.1891/0886-6708.26.6.799).

12. Lässt man in Experimenten Testpersonen als Jury über das Strafmaß von fiktiven
männlichen und weiblichen Tätern bestimmen, zeigt sich, dass Männer für dieselben Taten schwerere Strafen erhalten als Frauen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn das Opfer weiblich ist (DOI: 10.1111/j.1559-1816.1994.tb01552.x).

13. Quantitative Auswertungen von tatsächlichen Strafprozessen deuten in dieselbe Richtung. Weibliche Sexualstraftäter erhalten vor Gericht für vergleichbare Taten weniger drastische Strafen als Männer (DOI: 10.1007/s10940-019-09416-x).

14. Auch bei anderen Verbrechen bestätigt sich diese Tendenz: Eine große Auswertung von rund 77.000 Strafprozessen in den USA ergibt, dass Männer für vergleichbare Taten seltener Bewährungsstrafen erhalten als Frauen. Werden Gefängnisstrafen verhängt, sind sie für Männer tendenziell länger als für Frauen (DOI: 10.1086/320276).

Soweit eine Auswahl aus der Literatur. Viele weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen könnten ergänzt werden. Und selbst wenn man auf einzelne Ergebnisse nicht zu viel Gewicht legt und annimmt, dass einzelne Erkenntnisse in Kontrollstudien so nicht reproduzierbar wären, zeichnet selbst dieser oberflächliche Literaturüberblick ein deutlich differenzierteres Bild unserer Gesellschaft als eingangs beschrieben.

Es stimmt: Geschlechterspezifische Vorurteile sind allgegenwärtig. Aber in den oben genannten, durchaus zentralen gesellschaftlichen Fragen lässt sich eine systematische, allgegenwärtige Benachteiligung von Frauen nicht entdecken. Es wäre grundfalsch, daraus zu schließen, dass wir in einer insgesamt männerfeindlichen Gesellschaft leben. Ebenso falsch erscheint aber die Behauptung, dass wir in einer insgesamt frauenfeindlichen Welt zu Hause sind. Einfache Wahrheiten gehen, wie so häufig, am
Kern des Problems vorbei.

Der Autor schreibt unter dem Namen @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

„Harper’s Letter“

Eine Anzahl von Prominenten, darunter etwa Chomsky, Haidt, Pinker,  Margret Atwood, Gloria Steinem, Rushdie und Rowling haben einen Brief geschrieben („Ein Brief über Gerechtigkeit und die offene Debatte„), der auf Harpers.org erschienen ist und demnach schnell als Harper’s Letter bekannt geworden ist. In diesen warnen sie vor den Gefahren der Cancel Culture und halten die Meinungsfreiheit hoch.

Our cultural institutions are facing a moment of trial. Powerful protests for racial and social justice are leading to overdue demands for police reform, along with wider calls for greater equality and inclusion across our society, not least in higher education, journalism, philanthropy, and the arts. But this needed reckoning has also intensified a new set of moral attitudes and political commitments that tend to weaken our norms of open debate and toleration of differences in favor of ideological conformity. As we applaud the first development, we also raise our voices against the second. The forces of illiberalism are gaining strength throughout the world and have a powerful ally in Donald Trump, who represents a real threat to democracy. But resistance must not be allowed to harden into its own brand of dogma or coercion—which right-wing demagogues are already exploiting. The democratic inclusion we want can be achieved only if we speak out against the intolerant climate that has set in on all sides.

Das wäre dann die Einleitung, die vermutlich erst einmal deutlich machen soll auf welcher Seite man steht um das dann folgende passend einzuordnen.

But resistance must not be allowed to harden into its own brand of dogma or coercion—which right-wing demagogues are already exploiting. The democratic inclusion we want can be achieved only if we speak out against the intolerant climate that has set in on all sides.

Also die Einschätzung, dass man ein intolerantes Klima auf beiden Seiten kritisieren muss und nicht nur den rechten Bereich kritisieren sollte, sondern auch Fehler der linken Seite.

The free exchange of information and ideas, the lifeblood of a liberal society, is daily becoming more constricted. While we have come to expect this on the radical right, censoriousness is also spreading more widely in our culture: an intolerance of opposing views, a vogue for public shaming and ostracism, and the tendency to dissolve complex policy issues in a blinding moral certainty.

Das wäre ein relativ direkter Angriff auf die gegenwärtige Ausgestaltung intersektionaler Theorien, die damit verbundene Intoleranz und die Cancel Culture.

We uphold the value of robust and even caustic counter-speech from all quarters.

Also der Gedanke, dass jede Seite sich auch gegen verbale Angriffe auf ihre Seite verbal verteidigen darf. „Caustic“ wäre „bissig“ „Sarkastisch“ oder „Scharfe“ Erwiderung

But it is now all too common to hear calls for swift and severe retribution in response to perceived transgressions of speech and thought. More troubling still, institutional leaders, in a spirit of panicked damage control, are delivering hasty and disproportionate punishments instead of considered reforms. Editors are fired for running controversial pieces; books are withdrawn for alleged inauthenticity; journalists are barred from writing on certain topics; professors are investigated for quoting works of literature in class; a researcher is fired for circulating a peer-reviewed academic study; and the heads of organizations are ousted for what are sometimes just clumsy mistakes. Whatever the arguments around each particular incident, the result has been to steadily narrow the boundaries of what can be said without the threat of reprisal. We are already paying the price in greater risk aversion among writers, artists, and journalists who fear for their livelihoods if they depart from the consensus, or even lack sufficient zeal in agreement.

Also eine Kritik, dass die Reaktionen zu weit gehen und die Auffassung, dass die Schwelle dessen was man noch sagen darf, ohne das man mit ernsten Folgen bedroht wird, immer mehr abgesenkt wird.

Es wird zudem angeführt, dass man bereits merkt, dass die Leute immer weniger bereit sind ein Risiko einzugehen, weil ihre Lebensgrundlage dadurch gefährdet ist.

This stifling atmosphere will ultimately harm the most vital causes of our time. The restriction of debate, whether by a repressive government or an intolerant society, invariably hurts those who lack power and makes everyone less capable of democratic participation. The way to defeat bad ideas is by exposure, argument, and persuasion, not by trying to silence or wish them away. We refuse any false choice between justice and freedom, which cannot exist without each other. As writers we need a culture that leaves us room for experimentation, risk taking, and even mistakes. We need to preserve the possibility of good-faith disagreement without dire professional consequences. If we won’t defend the very thing on which our work depends, we shouldn’t expect the public or the state to defend it for us.

Also ein klassisches Bekenntnis zur Meinungs- und Redefreiheit und für den Gedanken, dass man sich argumentativ auseinander setzen sollte und sich auch die Möglichkeit offen halten sollte, dass man einfach mit jemanden verschiedener Meinung sein kann, ohne das es für einen der beiden negative Konsequenzen haben sollte.

Eigentlich ist das ein Statement gegen das man weiter nichts sagen könnte. Wer den Streit dahinter und die extremeren intersektionalen Positionen nicht kennt, der würde an dem Brief nichts besonderes sehen. Ich vermute einmal vor 15 Jahren hätte man sich gefragt, warum sie ihn überhaupt meinen so etwas schreiben zu müssen.

Jedem, der die Debatte aber kennt ist klar, dass sie sich damit Feinde geschaffen haben, nicht zuletzt auch allein schon weil sie Rowling mit im Boot haben, aber natürlich auch inhaltlich.

Mir sind auch die meisten Namen der Unterzeichner unbekannt, keine Ahnung welche „größeren“ Namen da noch dabei sind.

Politiker kritisiert Männerhass weiblicher linker Politiker: „Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht“

Der schweizer FDP Abgordnete Hans-Peter Portmann beschwert sich darüber, die insbesondere linke Politikerinnen über Männer reden (via Arne)

Landbote: Herr Portmann, Sie gelten als eher ruhiger Parlamentarier. Plötzlich platzte Ihnen im Nationalratssaal der Kragen. „Mir hängt dieses Männerbashing in diesem Saal langsam zum Hals heraus!“, sagten Sie am Rednerpult. Auf Twitter legten Sie nach: „Diesen linken Kindergarten habe ich langsam satt!“ Was ist in Sie gefahren?

Hans-Peter Portmann: Während der ausserordentlichen Debatte mussten wir uns pausenlos anhören, wie sehr die Frauen während der Corona-Krise benachteiligt werden und wie böse die Männer sind. Als dann Irène Kälin behauptete, die Männer hätten sich als Krisenmanager in den Vordergrund gerückt, während die Frauen die eigentliche Arbeit verrichteten, musste ich intervenieren. Nun war einfach genug!

Landbote: Was stimmt an Irène Kälins Aussage nicht?

Hans-Peter Portmann: Die Schweiz hatte während der Krise mit Simonetta Sommaruga eine Frau als Bundespräsidentin. Und Irène Kälin selber führte die Verwaltungsdelegation an, die alle räumlichen und zeitlichen Entscheidungen für das Parlament getroffen hat. Es gab also sehr wohl Frauen in Führungspositionen. Aber es geht um mehr. Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht. Das Bashing wurde mit absurden Forderungen verknüpft wie etwa, die Corona-Hilfskredite seien mittels „Gender Budgeting“ nach Geschlecht zu verteilen. Es nimmt groteske Züge an.

Landbote: Sind Sie einfach ein bisschen dünnhäutig?

Hans-Peter Portmann: Nein. Mehrere linke Parlamentarierinnen haben ihre Reden mit den Worten begonnen „Liebe Männer und noch mehr liebe Frauen“. Man stelle sich vor, ein Mann würde dies umgekehrt machen. Oder jemand würde sagen „Liebe Ausländer und noch mehr liebe Schweizerinnen und Schweizer“. Es wäre die Hölle los! Die Forderung nach „Gender Budgeting“ ist sogar verfassungswidrig, wie auf meine Anfrage hin selbst Bundesrat Alain Berset bestätigte: Das Geld muss nach dem Prinzip der Gleichbehandlung verteilt werden, nicht nach dem Geschlecht.

Landbote: Sie setzen sich als Schwuler für die Rechte von Homosexuellen ein. Haben Sie nicht Verständnis dafür, dass auch die Frauen für ihre Anliegen kämpfen?

Hans-Peter Portmann: Ich habe im Parlament immer Frauenrechte unterstützt. Würden aber Schwule dermassen abschätzig über Heterosexuelle reden wie jetzt diese Frauen über die Männer, so würde ich mich auch wehren. Da wird mir übel.

Landbote: Übel?

Hans-Peter Portmann: Ja. Ich sage das auch immer in der schwul-lesbischen Bewegung: Wir fordern ein, dass man uns nicht diskriminiert. Aber dann machen wir das auch nicht mit anderen Leuten oder anderen Meinungen. Bei diesen Frauen aber hat man das Gefühl, sie stünden im ständigen Kampf gegen die böse Männerwelt. Sie üben genau jene Herabsetzungen aus, gegen die sie sonst zu Recht auf die Strasse gehen. Ich wollte im Nationalratssaal diesen Frauen den Spiegel vorhalten. Mal sagen: „Jetzt reicht es langsam!“

Landbote: Wie waren die Reaktionen?

Hans-Peter Portmann: Auf bürgerlicher Seite sind bis weit in die Mitte auch alle Frauen auf meiner Seite. Auch ihnen geht dieses ewige Gejammer der linken Frauen über die Männer auf die Nerven.

Gut, wenn es jemand mal sagt. Und wahrscheinlich auch kein Zufall, dass ein Homosexueller da das Wort ergreift.
Immerhin beruhigend, dass „bis weit in die Mitte“ die Frauen auf seiner Seite waren.

Christian Jakob in der Taz zu dem Konflikt zwischen „klassischen linken Positionen“ und „Intersektionalismus“

Christian Jakob wirft in der Taz einen Blick auf die Debatte zum „Müllartikel“ von Hengameh und führt dabei interessantes zum Intersektionalismus aus.

Er beschreibt, dass einige von dem Text entsetzt waren und einige andere entsetzt waren, dass man den Text kritisiert und das dies eben ein Konflikt zwischen den Intersektionalen und den „klassischeren Linken“ ist. Und damit teilweise auch eine Generationenkonflikt.

Die taz-Online- und Social-Media-Redakteurin Juliane Fiegler war entsetzt: Sie könne „echt nicht glauben, das macht mich fast sprachlos, dass diese Zeilen einfach durchgegangen sind und niemand ganz laut NEIN, STOPP! gerufen hat“, schrieb sie. Auch sie sei für Meinungsvielfalt. Aber hier gehe es um Rassismus-Erfahrungen. „Und sorry: Zum Thema Rassismus finde ich persönlich nur EINE Meinung ok.“

In diesen Sätzen steckt, wo die Differenzen liegen: In der Frage, was es genau bedeutet, wer spricht. Vor allem jüngere KollegInnen halten dies heute für entscheidend. Das zeigte auch der Tweet einer Kollegin vom Samstag: Sie hätte sich „gewünscht, dass all die White Privilege People“ nichts zu der „Müll“-Kolumne gesagt hätten. „Den Diskurs sollten diejenigen führen, die wirklich etwas zu struktureller Diskriminierung zu sagen haben.“

Das ist ja in der Tat der klassische Konflikt: Die einen schauen auf den Inhalt, die anderen nur darauf, wer etwas sagt und wer meint etwas dagegen sagen zu dürfen. Aus der Position der Schreibenden in der Opferhierarchie bezüglich des konkreten Themas  (hier PoCs leiden unter Polizeigewalt) ergibt sich dann die Berechtigung und allenfalls darf jemand aus einer anderen Opferhierarchie angeben, dass dessen Kategorie nicht mitbeachtet ist („Was ist mit Transsexuellen Polizisten?? Werden die nicht schon genug wie Müll behandelt?“) oder jemand aus der gleichen Opferkategorie kann anführen, dass sie noch zu mild ist.

Einige KollegInnen sahen ein „Redeverbot“ für Weiße anrollen. Ein Irrtum. Denn natürlich wird niemandem verboten zu reden. Erwartet wird vielmehr, sich der Auffassung anzuschließen, nichts zum Diskurs beizutragen zu haben, wenn man keine eigenen Erfahrungen hat – und deshalb freiwillig zu schweigen, anders also als Küppersbusch. So soll die gesellschaftliche Auseinandersetzung stärker von Benachteiligten bestimmt werden können und sich die Dinge deshalb zum Besseren verändern mögen.

Eine gar nicht so schlechte Darstellung. Es wird nicht verboten zu reden, es wird nur erwartet, dass man selbst merkt, dass man nicht reden sollte (und ein Verstoß dagegen natürlich dann wieder kritisiert).

Und deswegen „darf“ eine PoC-Autorin wie Hengameh Yaghoobifarah in den Augen intersektional Denkender auch „alles“, wie es hieß. Wer ihr das abspricht – und etwa an der Kolumne herummäkelt –, ist kein guter „ally“, Verbündeter der Diskriminierten, sondern verteidigt seine Privilegien. Und wer ihr das abspricht und selber PoC ist, ist in dieser Lesart ein „token“, also von Weißen manipuliert. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einem privilegierten oder zu einem unterdrückten Kollektiv. Aus Letzterem soll Definitionsmacht erwachsen – das Recht also, zu bestimmen, was diskriminierend ist. Rassistisch etwa ist demnach, was von einer – im Zweifelsfall einzigen – PoC so empfunden wird. Für intersektional Denkende ist dies zwingend.

Es soll daraus Definitionsmacht erwachsen, aber nur sofern man sich an die zulässigen Definitionen hält – alles andere ist in der Tat dann ein Überlaufen zum Feind, denn es gibt nur eine Wahrheit. Und die steht ganz klar fest. Wer sie nicht teilt, der hat damit nichts verstanden oder will es aus politischen Gründen nicht verstehen.

(…) Ältere LeserInnen und RedakteurInnen der taz tun sich damit teils schwer. Einige sehen ihre blinde Flecken, im Weltbild und im eigenen Handeln. Andere sind verunsichert, fürchten Rassismusvorwürfe und fragen sich, wo und wie sie als Weiße mitreden sollen, wenn von ihnen eigentlich nur erwartet wird, „sich über den eigenen Rassismus zu bilden“. Und wieder andere finden, dass die Fixierung auf „Privilegenreflexion“ und Identität viele wichtige Fragen unter den Tisch fallen lässt. Oder sie stoßen sich daran, dass für die Vorstellung gemischter politischer Organisierung und Solidarität in der intersektionalen Vorstellung von Antirassismus wenig Platz ist.

In der Tat fallen dabei viele Fragen unter den Tisch. Beispielsweise spielt Klasse, früher eines der wichtigsten Kriterien innerhalb der Linken, quasi keine Rolle mehr, weil es auch zu Kategorien übergreifend ist. Und in der Tat führt Intersektionalismus schnell zu einer Trennung, zu einer Verstärkung der Unterschiede, zur Betonung von Sachen wie Geschlecht oder Rasse, statt zu einer Überwindung der Unterschiede.

Umgekehrt werfen jüngere KollegInnen den Älteren vor, Anstoß an der „Müll“-Kampagne zu nehmen, weil sie „ihre“ taz beschädige, nicht aber an rassistischen oder sexistischen Karikaturen, die nur andere verletzen. Für sie ist solch zweierlei Maß Ausdruck weißen Privilegs. Und das wollen sie nicht durchgehen lassen.

Natürlich nicht! Das darf man auch nicht durchgehen lassen. Wäre ja interessant wie da die Konflikte ausgetragen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es da einiges an Verwerfungen gibt.

Was mit der politischen Fixierung auf Privilegien zu gewinnen ist, ist nicht ausgemacht. Diese zielt vor allem auf die Subjekte. Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten. In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“, sagt der Soziologieprofessor und Mitgründer der Gruppe „Kanak Attak“, Vassilis Tsianos, dazu. „Die Organisationsfrage wird nicht gestellt, die Eigentumsverhältnisse werden nicht angetastet.“

Das finde ich ja auch nach wie vor naiv, aber hier gut dargestellt:

Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten

Ein ziemlich bescheuerter Ansatz. Gerade dann wenn die moralische Anrufung sich auf eine Gruppenschuld bezieht und daraus eine persönliche Verantwortung macht.

In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“

Da haben sie sich alle Macht geschnappt und verlernen sie dann wieder, einfach nur weil man es ihnen sagt.

Auch Kritik am Staat ist bestenfalls sekundär. Denn der andere Weg, über den intersektional Denkende Veränderungen herbeiführen wollen, ist von oben: Institutionell verankerte Diversity soll nominell Unterprivilegierten – bei denen es sich allerdings ausnahmslos um AkademikerInnen handelt – Zugänge zur Macht verschaffen. „Reformeliten ohne soziale Bewegungen“, sagt Tsiannos.

Das ist kein dummes Konzept, wenn man derjenige ist, der dafür bezahlt wird die Veränderung für die Gesellschaft zu erreichen. Man braucht sich nicht groß mit einer Graswurzelbewegung beschäftigen, sondern man muss nur an die Fördertopfe ran.

Eines der Felder dieser Auseinandersetzung sind die Medien. Neben der stärkeren Repräsentation von Minderheiten steht dabei dreierlei im Raum, was aus teils guten Gründen gefordert, bislang aber kaum offen verhandelt wird.

Erstens: Meinungen sollen unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, wer sie äußert. Wer unterdrückt wird, hat erst mal recht. Dafür stehen Imperative, die etwa bei #MeTwo zu hören waren: Nicht relativieren, nicht infrage stellen, nicht anzweifeln. Am besten gar nichts sagen. Nur zuhören. Wie viele es sich auch bei der „Müll“-Kolumne wünschten. Zum „nicht kritisieren“ ist es da nicht weit. Für Journalismus, der ohne zu kritisieren nutzlos ist, ist das heikel, für den gesellschaftlichen Dialog auch.

Mit der Einschränkung, dass er unterdrückt wird bzw zu einer unterdrückten Kategorie gehört (es kann ihm dabei wunderbar gehen) und auch das richtige sagen muss

Zweitens: Expertise, die auf eigener Erfahrung gründet, hat Vorrang. Heute ist ausgemacht, dass eine Talkrunde über Rassismus ohne PoCs inakzeptabel ist. Das Schlagwort lautet: Erkenntnisbarrieren. Aber was heißt das für andere Felder?

Erfahrungen allerdings, die als akzeptiertes Mitglied einer unterdrückten Kategorie gewonnen worden sind.
In der Tat kann in der Sicht ein männlicher Forscher, der zB jahrelang mit vielen Veröffentlichungen zu den Ursachen des Gender Pay Gaps geforscht hat und diese eben nicht auf Sexismus zurückführt, nicht gegen eine Frau ankommen, die anführt, dass sie nur wegen Sexismus nicht mehr verdient.

Drittens: Diskriminierten soll Sicherheit vor Verletzungen garantiert werden. Für den Journalismus heißt dies, sprachliche Gewalt zu unterbinden. Das bekannteste Beispiel ist die Ächtung des verletzenden N-Worts. Die Implikationen gehen allerdings darüber hinaus: Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt. Auch ein Satz wie der eingangs geschilderte von Küppersbusch kann dann als rassistisch ausgelegt werden – und müsste folglich gestrichen werden. Extrem heikel.

Auch das ein interessanter Punkt. Ein Marginalisierter hat einen Anspruch darauf, dass er vor allen Anfeindungen geschützt wird und sicher ist. Ein Privilegierter hingegen sollte mal die Erfahrung machen wie es ist schlecht behandelt zu werden. Wird ihm nur gut tun. Der Satz hier dazu: „Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt“. Finde ich gut. Es wird eben Gewalt neu definiert in „berechtigtes sich wehren und nach oben treten“ und „Unberechtigte Angriffe und nach unten treten“. Berechtigtes nach oben treten kann es dann auch sein, wenn man in einer Zeitschrift mit hoher Auflage alles schreiben kann, was man will.

 

Männer und Frauen lehnen die Theorien um „toxische Männlichkeit“ in Mehrheit ab und finden sie beleidigend

Eine interessante Studie untersucht die Akzeptanz von Begriffen wie „Toxische Männlichkeit“ (via Arne)

Masculinity is frequently talked about in contemporary Western media as being in crisis, needing reform or even being ‘toxic’. However, no research to date has assessed the impact that this pervasive narrative might be having on people, particularly men themselves. This cross-sectional online pilot survey asked 203 men and 52 women (mean + SD age 46 + 13) their opinions about the terms toxic masculinity, traditional masculinity, and positive masculinity, and how they would feel if their gender was seen as the cause of their relationship or job problems. Most participants thought the term toxic masculinity insulting, probably harmful to boys, and unlikely to help men’s behaviour. Having feminist views, especially being anti-patriarchy, were correlated with more tolerance of the term toxic masculinity. Most participants said they would be unhappy if their masculinity or femininity were blamed for their work or relationship problems. Further analysis using multiple linear regression found that men’s self-esteem was significantly predicted by older age, more education, and a greater acceptance of traditional masculinity. Men’s mental positivity – which is known to be negatively correlated with suicidality – was significantly predicted by older age, a greater acceptance of traditional masculinity, and more education. Implications for the mental health of men and boys are discussed in relation to the narrative around masculinity in the media, social sciences, and in clinical psychology.

Quelle: Reactions to contemporary narratives about masculinity: A pilot study

Es wurde hier schon häufiger diskutiert, dass die Akzeptanz der Theorien sich auf bestimmte Kreise beschränkt und gerade in der „normalen Bevölkerung“ zwar eine gewisse Kenntnis besteht, soweit diese jünger sind, aber eigentlich keine Rolle in deren Leben spielt. Der typische Arbeiter hat keinen großen Bezug zu Privilegien etc.

Entsprechend scheint die Studie zu bestätigen, dass viele Personen diese Theorien ablehnen.

„Klar“ würde vielleicht jemand aus den Gender Studies sagen „die Männer wollen ja auch ihre Privilegien nicht ablegen und merken gar nicht wie toxisch sind. Und die Frauen und Männer haben keine Vorstellung davon, wie gut die Welt ohne toxische Männlichkeit wäre. Wir müssen es ihnen beibringen und dazu brauchen wir mehr Gender Professuren, mehr Medienaufmerksamkeit und mehr Geld“

Es ist in der Hinsicht ganz interessant auf anderen „neutralen“ Seiten, etwa auf Spass ausgerichtete Seiten wie 9gag die Kommentare zu lesen, wenn Social Justice Theorien Thema sind. Dort sieht man, dass die meisten Leser dort die Theorien eher übertrieben finden.

Andererseits sind viele Seiten und Medien voll von Themen und Artikeln aus der Sicht der Gender Studies.
Insofern begrüße ich, dass jemand sich des Themas annimmt und dort einmal untersucht, wie die Leute eigentlich zu den Begriffen stehen.

Noch aus der Studie:

Die Tabelle muss man so lesen, dass in die leere Stelle vor „Masculinity“ entweder „Traditional“, „Toxic“ oder Positive“ einzusetzen ist und dann kann in der Tabelle abgelesen werden, welche der Aussagen zugestimmt wird.

Da wird deutlich, dass die Idee von toxischer Männlichkeit von den wengisten (10,1%) als etwas gesehen wird, was sie sich besser verhalten lässt (eben indem sie sich davon abgrenzen), hingegen traditionelle Männlichkeit weitaus besser abschneidet.

88,4% meinen, dass die Idee von toxischer Männlichkeit sich negativ auf Jungen auswirkt. Und nur 10% finden die Theorie hilfreich. 87,9% der Männer und 84,6% der Frauen (bei sehr kleiner Teilnehmerzahl) finden die Theorie der toxischen Männlichkeit als beleidigend.

Es ist eine interessante Studie, die sich Politiker einmal genau anschauen sollten. In ihrem Umfeld mögen viele Personen sein, die die Theorie überzeugend finden, weil Frauen, die in die Politik gehen wollen häufig diese Ansätze verfolgen, der Anteil in der Bevölkerung, die, die die Politiker wählen, ist aber deutlich geringer.

 

Clementine Ford: „Ehrlich, Der Corona Virus tötet Männer nicht schnell genug“

Clementine Ford Corona virus isn’t killing men fast enough

 

Feministin: Wünscht Männern den Tod

Leute regen sich auf

Feministin: Männer sind so fragil und können keinen Witz verstehen

Leute regen sich immer noch auf, Fördergelder werden überprüft

Feministin: Ich entschuldige mich, aber nicht weil meine Aussage nicht doch berechtigt war, denn Männer sind ja schlimm und an allem Schuld und Frauen die Opfer, sondern weil mein Tweet besser hätte formuliert werden müssen und so davon ablenkt, dass Männer an allem schuld sind und Frauen die Opfer

Ein neuer Hashtag wird durchs Dorf getrieben: #Stattblumen

Sally Lisa Starken, Mitglied im Bundesvorstand der Frauen der SPD und  dort stellvertretende Vorsitzende ist letztes Jahr nicht ins Europaparlament gekommen und versucht jetzt anscheinend über einen gelungenen Hashtag zusammen mit Cordelia Röders-Arnold  (“Head of Menstruation” bei einhorn, einem Berliner Start-Up für nachhaltige Kondome und Tampons und  Feministin aus vollem Herzen) etwas mehr Bekanntheit zu bekommen. Dazu haben sie einen Appell ausgearbeitet und diesen mit dem Hashtag #Stattblumen ins Rennen geschickt.

Der Appell hat ziemlich viele Allgemeinplätze und wenig konkretes:

AN DIE BUNDESKANZLERIN ANGELA MERKEL,

DIE BUNDESFAMILIENMINISTERIN FRANZISKA GIFFEY,

DEN BUNDESWIRTSCHAFTSMINISTER PETER ALTMAIER, 

DEN BUNDESARBEITSMINISTER HUBERTUS HEIL 

UND DEN BUNDESFINANZMINISTER OLAF SCHOLZ.

#stattblumen

1. STATT BLUMEN FORDERN WIR FAIRE UND ANERKENNENDE GEHÄLTER.

Pflege, Erziehung, Einzelhandel: Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung sind 75% der Beschäftigten in den als „systemrelevanten“ bezeichneten Berufen Frauen. Nicht erst seit Corona ist Fürsorgearbeit unverzichtbar. Es wird Zeit für eine Entlohnung, die der Systemrelevanz gerecht wird. Dafür verlangen wir bessere und sichere Arbeitsbedingungen, flächendeckende Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen, damit Tarifverträge in jedem Unternehmen verbindlich werden und eine Anhebung des Einkommens.

Das Märchen von den 75% hatten wir hier ja bereits. Sie fordern dazu Tarifverträge, die flächendeckend sind und eine Anhebung des Einkommens.

Angesichts der Tarifautomonie können da die Politiker, die sie ansprechen allerdings wenig machen. Die Kanzlerin kann die Löhne von Arbeitnehmerin nicht anheben.Tarifautonomie bedeutet, dass Tarifverträge allein von den Tarifvertragsparteien selbst ausgehandelt werden. Eine Einflussnahme durch Regierung oder Verwaltung, Gesetzgeber und Rechtsprechung ist nicht zulässig. Vielmehr müssen staatliche Stellen ihre Neutralität wahren.

Tarifverträge können durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Einvernehmen mit einem aus je drei Vertretern der Spitzenorganisation der Arbeitgeber und der Spitzenorganisation der Arbeitnehmer bestehenden Ausschuss für allgemeinverbindlich erklärt werden, wenn dies die Tarifvertragsparteien gemeinsam beantragen und wenn die Allgemeinverbindlicherklärung im öffentlichen Interesse geboten erscheint.

2. STATT BLUMEN FORDERN WIR EINE GERECHTE AUFTEILUNG VON ERWERBS- UND (UNBEZAHLTER) SORGEARBEIT. 

Solange Kitas und Schulen nicht im Regelbetrieb arbeiten, verschärft sich die Belastung in Familien jeder Konstellationen und insbesondere bei Alleinerziehenden. Die zusätzlich anfallende Sorgearbeit wird wie selbstverständlich auf die Schultern von Frauen verlagert. Das bedeutet für sie nicht nur ein akutes finanzielles Risiko, sondern kann auch berufliche Chancen beeinträchtigen. Deshalb fordern wir die Umsetzung von Entgeltgleichheit, um die Lohnlücke zu schließen, einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung von Schulkindern, einen Rechtsanspruch auf Teilzeit – unabhängig von der Unternehmensgröße und eine partnerschaftliche Ausgestaltung des Elterngeldes sowie entsprechende Regelungen für pflegende Angehörige.

Entgeltgleichheit, ein hohes Wort. Eigentlich so nur forderbar, wenn man sich nicht wirklich mit dem Gender Pay Gap und seinen Ursachen beschäftigt hat.

Einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung kann man natürlich fordern, ein Rechtsanspruch auf Teilzeit scheint mir das ganze aber dann wieder eher zu entwerten, denn die werden dann eben überwiegend Frauen nehmen. Eine „Partnerschaftliche Ausgestaltung des Elterngeldes“ ist ja hübsch unbestimmt. Was soll das sein? Und eine entsprechende Regelung für pflegende Angehörige wäre dann eine Art anteilige Lohnfortzahlung, wenn man einen Angehörigen pflegt? Scheint mir auch eher den Gender Pay Gap zu fördern, da es ein Aussetzen einfacher macht.

3. STATT BLUMEN FORDERN WIR GLEICHBERECHTIGTE MITBESTIMMUNG.

Als die Leopoldina-Akademie erste Vorschläge für Lockerungsmaßnahmen in einer Studie veröffentlichte und vor allen Dingen für die mangelhafte Berücksichtigung der Bedürfnisse von Familien mit jüngeren Kindern in Kritik geriet, fiel der Blick auch auf die Expert*innengruppe: Von 26 Expertinnen, waren 24 männlich. Wir sagen: Representation matters! Wenn Entscheidungen in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft getroffen werden, dürfen Frauen nicht nur mitgemeint sein, sondern müssen auch an den Verhandlungstischen sitzen! Wir fordern Paritätsgesetze auf Bundes- und Länderebene, bessere gesetzliche Regelungen für mehr Frauen in Führungspositionen in Wissenschaft und Wirtschaft und eine Strategie, die Gleichstellung zum Querschnittsthema in allen Ressorts und bei allen Entscheidungsfindungen macht, um Frauen und marginalisierte Gruppen nicht weiter durch politische Entscheidungen zu benachteiligen.

Wäre interessant gewesen ob Repräsentation hier wirklich etwas geändert hätte. Wäre die Expertengruppe dann zu einem anderen Ergebnis gekommen? Und warum nicht einfach mit einer weiblichen Expertenrunde kontern, dann hätte man später zeigen können, wer die besseren Ergebnisse bringt oder wen die Leute überzeugender finden.

Paritätsgesetze dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit verfassungswidrig sein. Und mehr Frauen in Führungspositionen ist auch so eine leere Klausel. Mit welchem Recht eigentlich? Natürlich muss Gleichstellung, nicht Gleichberechtigung“Queerschnittsthema“ in allen Bereichen sein und Frauen sind eine marginalisierte Gruppe.

4. STATT BLUMEN FORDERN WIR EINE KOPPELUNG ALLER HILFSMASSNAHMEN MIT GLEICHSTELLUNGSPOLITISCHEN MASSNAHME

Zur Überwindung der Pandemiefolgen werden finanzielle Mittel in nie dagewesenen Ausmaß mobilisiert. Damit nicht nur Frauen unter den finanziellen Folgen der Pandemie langfristig leiden, müssen die nun geschnürten Konjunkturprogramme nach einem klaren Grundsatz wirken: Dort wo der Staat fördert, wird Gleichstellung gefördert. Wir wollen, dass diese insbesondere im privaten Sektor an eine Gleichstellungsdividende gekoppelt werden: Ein individueller Auskunftsanspruch, bei dem Unternehmen offenlegen, inwiefern Frauen gerecht bezahlt, befördert und gefördert werden.

Ich hatte dazu schon einmal getwittert:

Bei den Hilfen geht es darum, dass die Wirtschaft überlebt und Arbeitsplätze erhalten bleiben. Aber natürlich ist am wichtigsten, dass Frauen gefördert werden

5. STATT BLUMEN FORDERN WIR EIN RECHT AUF GEWALTSCHUTZ.

Viele Frauen* und ihre Kinder sind, insbesondere verstärkt durch Social Distancing, Gewalt ausgesetzt. Deshalb fordern wir jetzt ein Recht auf Schutz und schnelle Hilfe. Die Finanzierung von Frauenhäusern ist unzureichend. Deshalb fordern wir eine bundesweite und flächendeckende Finanzierung dieser Einrichtungen. Doch gerade jetzt, wo die Not groß ist, wird der Zugang zu Hilfesystemen oft durch verschiedene Diskriminierungsformen erschwert. Gerade geflüchtete Frauen und obdachlose Frauen, die im besonderen Maße auf Schutzräume angewiesen sind und Minderheiten, die von struktureller Gewalt betroffen sind, müssen in den Blick genommen werden.

Die These, dass es da zu gesteigerter Gewalt kommt wäre ja noch zu belegen. Aber erst einmal mehr fordern .

„Gerade obdachlose Frauen“ –> ein Klassiker.

 

6. STATT BLUMEN FORDERN WIR SEXUELLE SELBSTBESTIMMUNG.

Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht. Wenn jedoch ein Schwangerschaftsabbruch eine Beratung voraussetzt und Beratungsstellen in einer Krise nicht ausreichend handeln können, zeigt sich, dass die derzeitigen Regelungen zu §§ 218 und 219a die Rechte von Frauen gefährden. Wir fordern eine Streichung des § 219a StGB aus dem Strafgesetzbuch.

Dazu hatte ich auch schon mal getwittert:

Wohlgemerkt: ich habe gar nichts gegen ein liberales Abtreibungsrecht. Es kommt ja Männern durchaus zugute.

Aber es unter der Rubrik Gleichberechtigung laufen zu lassen ist schon dreist.

Unsere Forderungen betreffen alle Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität Benachteiligungen erfahren. Gewalt, Armut, Gefährdungen am Arbeitsplatz und massive Mehrbelastung durch zusätzliche Care-Arbeit in der Corona-Krise betreffen neben Frauen, nicht-binär geschlechtliche Personen und auch trans Männer gleichermaßen und sie werden zu oft unsichtbar gemacht und als Frauen vereinnahmt. Auch das wollen wir nicht länger hinnehmen.

„Unsere Forderungen betreffen alle Menschen (….), neben Frauen, neben Frauen, nicht-binär geschlechtliche Personen und auch trans Männer gleichermaßen“

Finde nur ich diesen Satz komisch? Irgendwie fehlen da die Männer und es klingt fast so als könne man sich da nicht vorstellen, dass Männer Menschen sind, die aufgrund ihrer Geschlechteridentität Benachteiligungen erfahren. Nur das man für sie eben keine Schutzhäuser hat, dass es unwichtig ist, ob ihre wichtigen Arbeiten gut bezahlt sind und das man ihnen mehr Rechte im „Carebereich“ zuweist, etwa über ein Wechselmodell etc, wer sollte so etwas vorschlagen?

 

Die Corona-Krise trifft uns alle, aber sie trifft uns nicht alle gleichermaßen.

Stimmt, Männer sterben überpropotional oft.

Der Blick unserer Forderungen ist explizit auf das Zusammenwirken  sowie die Verschränkung verschiedener Diskriminierungskategorien (Intersektionalität) gerichtet, denn gerade Frauen marginalisierter Gruppen, z.B. Frauen of Color, Schwarze Frauen und Frauen mit Behinderung, sind von Ungleichbehandlung betroffen. Sie arbeiten häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Fürsorgeberufen und erleben zusätzliche Hürden beim Zugang zu bspw. Frauenhäusern oder medizinischer Betreuung. Das muss bei politischen Entscheidungen grundsätzlich berücksichtigt  werden.

Frauen of Color, Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderungen, Frauen mit Fluchterfahrung, Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen, Frauen ohne Krankenversicherung oder ältere Frauen benötigen in dieser Krise gezielte Aufmerksamkeit, damit ihre Belange in den Mittelpunkt gerückt werden.

Das ist dann also der Blick der Frauen-SPD. Klassischer intersektionaler Feminismus.

 

Wie kommen wir feministisch korrekt durch die Corona-Krise (Teil2): „Es sind die Frauen, die das Land rocken“

Ein Artikel im Tagesspiegel hat ausgemacht, dass eigentlich nur die Frauen Deutschland noch am laufen halten und leitet daraus her, dass sie dann auch besser bezahlt werden müssen:

Die Coronavirus-Krise fordert den Menschen mehr Fürsorge ab. Für Kranke, für Schwache, für Kinder. Doch die Arbeit ist meist unterbezahlt, oft unbezahlt, scheinbar unsichtbar. Und: Fast immer ist es Frauenarbeit.

Schon lange vor dem Ausbruch des Coronavirus haben Frauen in Deutschland laut OECD die Hauptlast bei der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen getragen, fast 80 Prozent dieser Aufgaben werden von Frauen erledigt. Nun kommt hinzu: Frauen arbeiten oft in genau den Berufen, die jetzt als „systemrelevant“ bezeichnet werden.Eindrücklich zeigt das eine Grafik der Bundesagentur für Arbeit vom Sommer 2019. Demnach sind fast drei Viertel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Einzelhandel, also etwa die Kassierer im Supermarkt, weiblich. Ganz ähnlich sieht es in den Krankenhäusern aus, wo die Belegschaft zu 76 Prozent aus Frauen besteht. In Kindergärten und Vorschulen ist das Ungleichgewicht noch deutlicher: Nur sieben Prozent der hier Arbeitenden sind Männer, aber 93 Prozent sind Frauen.

Die Liste der „Systemrelevanten Berufe“ ist tatsächlich etwas länger:

Systemrelevante Berufe gem. § 2 Abs. 2 der o.g. Verordnung sind nachfolgend abschließend aufgezählt:
1. Angehörige des Polizeivollzugsdienstes und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Landes, die bei den Polizeipräsidien tätig sind und Vollzugsaufgaben wahrnehmen,
2. Angehörige von Feuerwehren,
3. Richterinnen und Richter sowie Staatsanwältinnen und Staatsanwälte der Justiz,
4. Bedienstete des Justiz- und Maßregelvollzuges,
5. Bedienstete von Rettungsdiensten,
6. Helferinnen und Helfer des Technischen Hilfswerkes,
7. Helferinnen und Helfer des Katastrophenschutzes,
8. die in der gesundheitlichen Versorgung von Menschen tätigen Angehörigen medizinischer und pflegerischer Berufe, insbesondere
a) Altenpflegerinnen und Altenpfleger nach § 1 des Altenpflegegesetzes in der Fassung der Bekanntmachung vom 25. August 2003
(BGBl. I S. 1691), zuletzt geändert durch Gesetz vom 15. August 2019 (BGBl. I S. 1307) in Verbindung mit § 64 des Pflegeberufegesetzes vom 17. Juli
2017 (BGBl. I S. 2581), zuletzt geändert durch Gesetz vom 13. Januar 2020 (BGBl. I S. 66), oder nach § 58 Abs. 2 des Pflegeberufegesetzes,
b) Altenpflegehelferinnen und Altenpflegehelfer nach § 1 des Hessischen Altenpflegegesetzes vom 5. Juli 2007 (GVBl. I S. 381),
zuletzt geändert durch Gesetz vom 21. Juni 2018 (GVBl. S. 296),
c) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen, die Kindern und Jugendliche im Rahmen der stationären Hilfen zur Erziehung oder der Eingliederungshilfe nach § 35a des Achten Buches Sozialgesetzbuch betreuen,
d) Anästhesietechnische Assistentinnen und Anästhesietechnische Assistenten im Sinne der §§ 1 und 2 der DKGEmpfehlung zur Ausbildung und Prüfung von Operationstechnischen und Anästhesietechnischen Assistentinnen/Assistenten vom 17. September 2013,
e) Ärztinnen und Ärzte,
f) Apothekerinnen und Apotheker,
g) Desinfektorinnen und Desinfektoren,
h) Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerinnen und Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger,
i) Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und Gesundheits- und Krankenpfleger,
j) Hebammen,
k) Krankenpflegehelferinnen und Krankenpflegehelfer,
l) Medizinische Fachangestellte,
m) Medizinisch-technische Laboratoriumsassistentinnen und Medizinisch-technische
Laboratoriumsassistenten,
n) Medizinisch-technische Radiologieassistentinnen und Medizinisch-technische Radiologieassistenten,
o) Medizinisch-technische Assistentinnen für Funktionsdiagnostik oder Medizinisch-technischer
Assistenten für Funktionsdiagnostik,
p) Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter,
q) Operationstechnische Assistentinnen und Operationstechnische Assistenten,
r) Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner,
s) Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner,
t) Pharmazeutisch-technische Assistentinnen oder pharmazeutisch-technische Assistenten,
u) Rettungsassistentinnen und Rettungsassistenten,
v) Zahnärztinnen und Zahnärzte
w) Zahnmedizinische Fachangestellte.

Ich habe mal die fett markiert, bei denen ich mehr Männer vermute.

Bedeutet: Vor allem Frauen kümmern sich aktuell in den Kitas um die Kinder von Ärzten, Krankenschwestern und Polizisten. Ohne sie würde Deutschland aktuell wohl zusammenbrechen.

Die Grafik konnte man schlecht kopieren, sie entsprach aber im wesentlichen dieser hier:

Ich will die Arbeit vieler der dort arbeitenden gar nicht kleinreden, aber die Aussage, dass jetzt in der Krise die Kindergärtnerinnen besonders viel Arbeit haben und Deutschland am Laufen halten ist angesichts des Umstandes, dass die meisten Kitas schlicht bis auf Notgruppen zu haben, dann doch etwas merkwürdig.

Und natürlich würde Deutschland auch ohne die hier nicht erwähnten LKW-Fahrer, Techniker, Frachtlogistiker, etc zusammenbrechen, die neue Waren bringen und dafür sorgen, dass weiterhin alles läuft.

Ganz abgesehen davon, dass eine Tätigkeit in der Sozialversicherung insofern auch kein systemrelevanter Job ist. Und alle im Einzelhändel beschäftigen Frauen zu Heldinnen auszurufen, wenn viele davon dank geschlossener Geschäfte (Einzelhandel ist ja nicht nur Lebensmittel) auch nichts anderes machen, erscheint auch merkwürdig.

Es ist eigentlich ganz interessant, warum da nicht auch technische Berufe aufgenommen sind oder eben LKW-Fahrer oder andere Leute, die auch wichtig sind, damit der Laden weiter läuft, aber die eben eher in männerdominierten Berufen arbeiten:

Kleine Verschwörungstheorie: Technische Berufe muss man nicht aufnehmen, weil Männer eben seltener Kinder betreuen. Sie brauchen keine Zusatzbetreuung, die kann aber bei relevanten Berufen, die eher weiblich besetzt sind oder einen hohen Anteil haben, sehr relevant sein.

Diese Berufsgruppen, und damit den Frauen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache am Mittwoch den Rücken gestärkt: „Danke, dass Sie da sind für ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten“, sagte sie in ihrer ersten außerplanmäßigen TV-Ansprache überhaupt.

Merkel sagte:

ich möchte mich bei dieser Gelegenheit zu allererst an alle wenden die als Ärzte oder Ärztin im Pflegedienst oder in einer sonstigen Funktion in unseren Krankenhäusern und überhaupt im Gesundheitswesen arbeiten sie stehen für uns in diesem Kampf in der vordersten Linie sie sehen als erster die kranken und wie schwer manche Verläufe der Infektion sind und jeden tag gehen sie aufs neue an ihrer arbeit und sind für die Menschen da was sie leisten ist gewaltig und ich danke ihnen von ganzem herzen dafür also es geht darum das Virus auf seinem weg durch Deutschland zu verlangsamen (…)

lassen Sie mich auch hier dank aussprechen an Menschen den zu selten gedankt wird wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt der macht einen der schwersten Jobs die es zur Zeit gibt. Danke dass sie da sind für ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am laufen halten
Es ist  das Richtige und fast selbstverständliche bei einer Krise, die insbesondere medizinisches Personal belastet und noch stark belasten wird. Auch anzuerkennen, dass es gegenwärtig an einer Supermarktkasse nicht einfach ist, kann man sicherlich machen.
Daraus ein Geschlechterding zu machen scheint mir aber vollkommen an dem Inhalt ihrer Rede vorbeizugehen. Merkel scheint mir weit eher dafür werben zu wollen nicht zu hamstern und Mitarbeiter dort freundlich zu behandeln und diesen etwas Mut zu machen.

An vorderster Front in dieser Krise mit einmaligen Einschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik sieht sie neben den Kassiererinnen ganz klar die Beschäftigten in Pflege- und Krankenberufen: „Sie stehen für uns in diesem Kampf in der vordersten Linie.“

Es ist eine seltene Anerkennung. Deutlich wird das zum Beispiel bei den Pflegefachkräften. Die empfinden ihren Job als besonders undankbar. Gefolgt von Paketbotinnen, Erzieherinnen und Müllmännern. Das zeigt eine Umfrage des Vergleichsportals Gehalt.de aus dem Jahr 2018 unter knapp 9.000 Personen.

Finden Paketboten und Erzieher ihre Arbeit weniger undankbar? Wäre interessant.

Die Befragten berichten von vielen Überstunden, hoher körperlicher Belastung und Risiken für die eigene Gesundheit. Etwa 17.000 offene Stellen gibt es in der Pflege. Das verschlechtert die Arbeitsbedingungen zusätzlich, etwa durch viele Überstunden und Dauerstress.

Und die Arbeit ist außerdem schlecht bezahlt. Der Mindestlohn für ungelernte Pflegekräfte liegt aktuell bei 11,35 Euro pro Stunde. Bei einer 40 Stunden-Woche entspricht das einem Bruttogehalt von nicht mal 2.200 Euro. Selbst über drei Jahre ausgebildete Kräfte erhalten nur wenig mehr und kommen auf knapp 2.700 Euro brutto.

Auch weil Frauen in Berufen wie diesen arbeiten, kommt es zu einem eklatanten Gehaltsgefälle: Erst diese Woche berichtete das Statistische Bundesamt, dass vergangenes Jahr der durchschnittliche Bruttostundenlohn der Frauen mit 17,72 Euro um 20 Prozent niedriger lag als der von Männern mit 22,61 Euro.

Zudem übernehmen Frauen nach wie vor deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer – etwa Kinderbetreuung oder Aufgaben im Haushalt. „Frauen weichen deshalb im Job oft auf Teilzeit aus, was langfristig mit deutlichen Einbußen bei den Stundenlöhnen verbunden ist“, sagte jüngst die Forscherin Karin Schulze Buschoff bei der Vorstellung einer entsprechenden Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Durch die Belastungen in Folge der Coronavirus-Epidemie wird sich die Situation für die Frauen verschärfen: Fast ganz Deutschland arbeitet seit Montag im Homeoffice, der Druck auf die Verteilung von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt steigt.

Tatsächlich verdienen Männer in Teilzeit sogar weniger als Frauen.

Ich finde die Verbindung zwischen den beiden Teilen sehr merkwürdig:

Er scheint erst einmal das falsche Bild aufzubauen, dass in der Krise die ganze Arbeit bei den Frauen hängen bleibt. Was ja schlicht nicht der Fall ist. Und das ihre Arbeit, die er irgendwie zur Arbeit aller Frauen macht, weil in bestimmten Berufen Frauen überproportional vertreten sind, ganz besonders wichtig ist.
Damit begründet er dann, dass man Frauenberufe besser bezahlen sollte und dann rundet er das noch mit einer Verschärfung der Situation der Frauen in der Krise ab, was wohl eine besondere Handlungsaufforderung sein soll und Dringlichkeit signalisieren soll.

Das Männer und Frauen meist eng verbunden sind und eine finanzielle Krise einer Frau meist die Krise einer Familie oder Partnerschaft ist oder eben dort aufgefangen werden muss kommt in dem Artikel nicht vor. Das Frauen nicht nur in Teilzeit gedrängt werden, sondern das genau die Vorstellung davon ist, wie sie gerne arbeiten wollen, möglichst bis zur Rente (vgl: „85 Prozent der etwa 2000 befragten teilzeitbeschäftigten Frauen fanden es demnach „super“ in Teilzeit zu arbeiten, 75 Prozent erklärten, derzeit „auf keinen Fall“ Vollzeit arbeiten zu wollen, 60 Prozent gaben an, möglichst bis zur Rente in Teilzeit arbeiten zu wollen.“) taucht in dem Artikel auch nicht auf.

Kurz zusammengefasst wäre der Inhalt des Artikels wohl „Seht mal wie wichtig Frauen sind, sie halten die Gesellschaft am laufen und ihr behandelt sie wie Dreck und zahlt ihnen zu wenig, zwingt sie in Kurzarbeit und die Kinder müssen sie auch noch betreuen, weil ihr sie unterdrückt. Und in der Krise wird es noch schlimmer.“

Aber das ist durch die Fakten eben so auch nicht gedeckt.

„Warum Männer Feministen werden sollten“

Nils Pickert dazu, warum Männer Feministen werden sollten (Ich fand einige Argumente so dumm, dass ich einer Besprechung nicht widerstehen konnte, auch wenn ich schon ein paar Artikel dieser Art besprochen habe)

Sollten Männer dann überhaupt Anstrengungen unternehmen, um feministisch zu handeln? Offenbar gibt es ja kaum bis keine Pluspunkte zu sammeln. Frauen bleiben kritisch, Männer beschimpfen einen hier und da als Geschlechtsverräter, lila Pudel oder Beischlafbettler, und direkte Vorteile sind auch nicht in Sicht: Feminismus ist keine Sekte, die einem Zugang zu den elitären Kreisen Hollywoods verschaffen kann, und auch kein Geheimclub, bei dem jemand einen Riegel auf Augenhöhe beiseiteschiebt und Sie das Losungswort sagen müssen. Feminismus ist eine politische Idee und eine Ermächtigungsstrategie. Er kämpft für Gleichberechtigung statt für Gleichmacherei. Er stellt die Machtfrage, fordert Diskriminierungsfreiheit und streitet für diejenigen, die strukturell Benachteiligung erfahren.

Keine Sekte? Kann man auch gut das Gegenteil vertreten. Und natürlich kämpft der Feminismus nicht für Gleichberechtigung, sondern weit eher eine teilweise Gleichstellung, nämlich eben dort wo es Frauen Vorteile bringt. Und Gleichstellung ist eben auch eine Form der Gleichmacherei und ist häufig das Gegenteil von Gleichberechtigung.

Aber deswegen Feminist werden?

Wäre eine gute Wahl. Nicht nur mit Blick auf Ihre Mütter, Töchter, Schwestern, Partnerinnen und all die anderen Frauen in Ihrem Leben, sondern auch für Sie ganz persönlich. Zum einen, weil Sie dann nicht zu all den Ärschen gehören, die glauben, dass es in Ordnung ist, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Laut einer aktuellen Studie der Vereinten Nationen findet das erschreckenderweise ein Drittel der Weltbevölkerung okay.

Was für ein geiles Argument. Nur Feministen sind dagegen, dass ein Mann eine Frau schlägt! Wer kein Feminist ist, der ist mindestens ein Befürworter davon, Frauen zu schlagen. Aber sonst sind wir keine Sekte, die das alleinige Seelenheil durch Beitritt verspricht!

Zum anderen, weil die Durchsetzung zentraler feministischer Forderungen dazu führen würde, dass man Ihnen nicht länger sagen würde, dass Sie gefälligst arbeiten gehen müssen, statt mehr als zwei Monate Elternzeit zu nehmen. Ihnen würde nicht länger die Männlichkeit abgesprochen, wenn Sie vor Schmerz winseln würden, wenn Sie nicht mehr leistungsfähig wären, psychische Probleme hätten oder Gewalt erfahren müssten. Sie würden nicht ständig dazu aufgefordert, über Ihre Grenzen zu gehen, sich zusammenzureißen und gefälligst nicht so rumzuheulen.

Das ist so etwa wie „wenn sie sich die Arme abhacken, dann tut ihnen die Schnittwunde am Finger nicht mehr weh“. Denn hier ist ja die vorgeschlagene Kur wesentlich schlimmer als das übel und dazu gibt es weitaus bessere Wege damit umzugehen.
Man muss etwa nicht die Welt einseitig in Gruppen einteilen, von denen die einen die Diskriminierer und die anderen die von diesen Diskriminierten sind und dann in einer Abwärtsspirale dieses Muster immer weiter übertreiben, bis alle Handlungen schlecht sind und man allgemeines negatives Verhalten vollständig auf eine die schlechte Gruppe transferieren muss („toxische Männlichkeit“). Man kann auch abseits dieser Theorien und abseits des Femimismus Männern zugestehen Schmerzen zu haben oder an ihre Grenzen zu kommen. Man kann auch dennoch noch einen Wert darin sehen, sich in bestimmten Situationen zusammenzureißen und eben durchzuhalten, als Mann oder als Frau, ohne es einseitig bei Männern zu verteufeln. Und man muss auch nicht rumheulen als großartige Eigenschaft darstellen, die alle Probleme löst.
Man kann sogar zugestehen, dass Männer im Schnitt anders und auch härter sind ohne das darin die Ursache alles Leides und keinerlei Vorteile gesehen werden können. Aber das würde ja differenziertes Denken erfordern, welches der Kult, die Sekte, nicht zulässt.

Mannsein könnte durch all die vielen tollen Eigenschaften definiert werden, über die Jungen und Männer schon heute verfügen, die aber leider immer noch viel zu oft schlechtgeredet und mit Scham beladen werden. Und würde nicht länger definiert durch absurde Abgrenzungen in Richtung Weiblichkeit: Sei kein Mädchen, sei nicht schwul! Andere Männer der Unmännlichkeit zu verdächtigen ist im Feminismus nicht möglich. Damit lässt sich die eigene Männlichkeit nicht länger aufwerten.

Mannsein ist bereits durch viele tolle Eigenschaften definiert und man muss diese nicht gegenüberstellen und in schlecht und gut einteilen, man kann auch einfach zugestehen, dass Menschen und damit auch Männer verschieden sind, verschiedenes wollen und damit in verschiedenen Bereichen gut abschneiden, ohne das man eine richtige Männlichkeit, die weich ist, vorzugeben.

Und klar können Männer im Feminismus der Unmännlichkeit verdächtigt werden. Es ist zB unter Femimistinnen ein beliebtes Mittel der Verhöhnung einem Mann, der Nachteile für Männer sieht etwas vorzuhalten wie „Oh, wirst du armer kleiner Mann unterdrückt von den bösen Frauen, die dich total fertig machen???“ oder ähnliches.

Beleidigungen beruhen eben gerne auf evolutionären Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit weil das wirkt. Und Feministen nutzen das ebenso gerne.

Aber ginge das alles nicht auch mit einem anderen Konzept, das nicht ganz so frauenbewegt daherkommt? Natürlich steht es Männern frei, eine eigene emanzipatorische Bewegung auf den Weg zu bringen, Ziele zu formulieren und Forderungen zu erheben. Die Anliegen von Männern sind genauso wichtig und wertvoll wie die von Frauen, sie verdienen Beachtung. Nur gleicht die männliche Emanzipation einem ziemlich leeren Werkzeugkasten. Es ist einfach nicht genug drin, mit dem Sie sofort loslegen und an Ihren Problemen herumschrauben beziehungsweise Ihre Hoffnungen zum Fliegen bringen können.

Korrekter wäre es wohl zu sagen, dass die Anliegen von Männern, die in der Erfüllung der Verbesserungsvorschläge des Feminismus liegen, Beachtung finden und in soweit eng umgrenzt sind: Männer dürfen es als Anliegen haben ihre toxische Männlichkeit zu bekämpfen. Sie dürfen sich von dieser emanzipieren.
Aber gar den Gedanken entwickeln, dass Frauen nicht so unterdrückt sind wie der Feminismus meint oder das Männer in vielen Bereichen schlecht wegkommen, weil Frauen dort Vorteile haben, dass sind keine Konzepte, an denen rumgeschraubt werden soll

Die Instrumente des Feminismus liegen hingegen alle einsatzbereit da. Feministinnen wissen, dass Geschlecht auch sozial konstruiert wird. Sie wissen, dass ein und dieselbe Person mehrfach diskriminiert werden kann. Feminist zu sein bedeutet eben nicht, dass man seine eigenen Interessen als Mann aus dem Blick verliert und sich der Frau für die nächsten Jahrhunderte unterwirft. Sondern dass Mann sich in einer Gesellschaft, die die Rechte von Frauen und Minderheiten mit Füßen tritt, nicht nur aus Solidarität an die Seite der Betroffenen stellt, sondern auch jederzeit selbst der Nächste sein kann. Der Nächste, der diskriminiert wird – weil er eine Behinderung hat, weil sein Gehalt für kaum mehr als das Nötigste reicht oder er Menschen des gleichen Geschlechts begehrt. Weil er „aussieht wie ein Corona-Patient“, den Sabbat ehrt oder seine Freizeit gerne in Shishabars verbringt.

Man kann also nicht als Mann diskriminiert werden. Sondern eben nur auf den anderen Ebenen. Und man hat gefälligst nur diese wunderbaren „Instrumente“ zu nutzen, die genau das ergeben, auch wenn es eine Unmenge von Studien gibt, die nahelegen, dass die von feministischen Theorien angenommene soziale Konstruktion (das „auch“ ist ja eher ein Feigenblatt) schlicht so nicht bestehen.

 

Feminismus bietet ziemlich interessante Lösungsansätze für das Kernproblem unserer Gesellschaft, die, selbst wenn sie die menschliche Würde für unantastbar erklärt, ihr doch jeden Tag Gewalt antut. Ob nun an den Außengrenzen Europas, in einer Sishabar in Hanau oder im heimischen Wohnzimmer. Feminismus vermag darüber hinaus messerscharf zwischen Privileg und Freiheit zu unterscheiden, obwohl sich doch beides für uns nahezu identisch anfühlt. Aber es ist eben keine Freiheit, wenn Mann bei einem Bewerbungsgespräch nicht nach seiner Familienplanung gefragt oder beim Erklimmen der Karriereleiter nie mit der Frage konfrontiert wird, wie man denn seine Kinder zu betreuen gedenkt. Es ist nur ein Privileg. Ein Privileg, das Männern zugleich die Freiheit nimmt, als kompetenter Vater wahrgenommen zu werden, als gleichberechtigter Erziehungspartner, als Arbeitnehmer, der sich nicht ausschließlich für die Karriere zur Verfügung zu halten hat.

Auch hier kann man für mehr Rechte als Vater kämpfen, aber macht man es mit dem Feminismus, dann kämpft man nicht wirklich für Väterrechte, sondern hat schon genug sich selbst dafür zu geißeln, dass man ein Mann ist. Es ist schlicht unglaublich uneffektik.

Mit so einem Privileg mag Mann weit kommen, aber eben nicht bei sich an. Und der Preis dafür ist hoch. Mehr als dreimal so hoch war 2017 die Suizidrate von Männern gegenüber der von Frauen. Unter anderem auch deshalb, weil Männer sich weniger häufig Unterstützung und Beratung suchen, weil sie gewohnt sind, über die Grenzen der eigenen Belastbarkeit hinaus zu arbeiten und weil sie ihre Selbstmordversuche häufig so ausführen, dass jede Hilfe zu spät kommt. Weil genau diese Dinge als mannhaftes Verhalten gelten. Und nicht etwa Vorsorgeuntersuchungen, Vater-Kind-Kuren und vorsichtige Risikoabschätzung.

Also lassen Sie sich das mit dem Feminismus noch einmal durch den Kopf gehen. Davon bekommt Mann ihn nämlich freier.

Warum dann nicht einfach Vorsorgeuntersuchungen, Vater-Kind-Kuren und vorsichtige Risikoabschätzungen direkt fordern statt den Umweg über angebliche Privilegien zu gehen?

 

„Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes“

Antje Schruppe und Enno Park halten anscheinend nichts von einem gemeinsamen Sorgerecht ab Geburt für unverheiratete Väter und drücken das auf eine gegenüber Vätern sehr gefühlskalte Art aus:

Antje Schrupp:

Automatisches Sorgerecht für unverheiratete Spermageber ist genau betrachtet eigentlich die Wiedereinführung der Zwangsehe: Wer schwanger wird, „muss heiraten“.

Die Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können, war also nur recht kurz. Ein paar Jahrzehnte.,

Ich verstehe nicht, die Logik dahinter. Dass man nicht heiraten muss, um Kinder zu haben, war doch mal eine Errungenschaft. Und jetzt wird das quasi durch die Hintertür wieder eingeführt: Wer gemeinsame Kinder hat, muss gefälligst miteinander klarkommen.
Ich finde dieses ganze Gesetzesvorhaben so dermaßen krass, dass ich mich wirklich wundere, warum sich hier nicht mehr feministischer Protest regt. Sind wir alle schon verväterrechtlert im Kopf?
Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass die Erkenntnis, im Fall einer Schwangerschaft „nicht heiraten zu müssen“ die große feministische Befreiung für mich war. Ich kannte noch GLeichaltrige, die „heiraten mussten“:
Ihre Gleichsetzung von „Sorgerecht für Unverheiratete ist wie Heiraten müssen“ ist natürlich ziemlicher Blödsinn.
Sorgerecht hat etwa nichts mit dem Umgangsrechts zu tun, das hätte der Vater sowieso. Und das gemeinsame Sorgerecht betrifft ohnehin nicht Entscheidungen des täglichen Lebens, sondern nur Fragen von erheblicher Bedeutung:
§ 1687 Ausübung der gemeinsamen Sorge bei Getrenntleben
(1) Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so ist bei Entscheidungen in Angelegenheiten, deren Regelung für das Kind von erheblicher Bedeutung ist, ihr gegenseitiges Einvernehmen erforderlich.
Der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, hat die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens. Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.
Solange sich das Kind mit Einwilligung dieses Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung bei dem anderen Elternteil aufhält, hat dieser die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten der tatsächlichen Betreuung. § 1629 Abs. 1 Satz 4 und § 1684 Abs. 2 Satz 1 gelten entsprechend.
(2) Das Familiengericht kann die Befugnisse nach Absatz 1 Satz 2 und 4 einschränken oder ausschließen, wenn dies zum Wohl des Kindes erforderlich ist.
Bei einem jungen gesunden Kind ist die erste Entscheidung von erheblicher Bedeutung üblicherweise die Frage, in welchen Kindergarten es kommt, danach noch die Frage auf welche Schule es kommt, vielleicht wird dazwischen noch ein Pass beantragt.
Wenn die Mutter umziehen will, dann wäre das auch von erheblicher Bedeutung, zumindest wenn es nicht im gleichen Ort ist.
Die Absprache beim gemeinsamen Sorgerecht kann also minimal sein, weit aus mehr Absprache erfordern Umgangsrecht etc.
Schrupp wäre vielleicht auch entsetzt, wenn sie wüßte, dass man das gemeinsame Sorgerecht auch bereits jetzt gegen den Willen der Mutter einklagen kann und das man das auch noch machen kann, wenn man es nicht hat und erfährt, dass die Mutter etwas machen will, was man nicht gut findet.
Die von ihr angenommene „Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können“ war also nach ihren Kriterien nie vorhanden. Wobei eine Frau sie natürlich immer noch leicht haben kann: Sie muss sich nur von jemanden schwängern lassen, den sie danach nicht mehr sieht und dann auf die Frage nach dem Vater antworten, dass es eben eine Karnevalsbekanntschaft oder ein Fremder bei einem One-Night-Stand war. Würde aber natürlich dann auch keinen Unterhalt bedeuten (den Schrupp aber meine ich eh nicht gut findet und auf den Staat verlagern würde).
Den Text finde ich neben seiner Verkennung von Fakten auch schon deswegen ziemlich bescheuert. Alleine schon die Bezeichnung „Spermageber“.
Enno Park, der wegen eines Cochleaimplantats selbsternannte Cyborg, dachte allerdings „Hold my Beer, das kann ich noch verächtlicher und gefühlsloser“
1/ Erwartbar, wie sehr sich die Leute über @antjeschrupp
’s These aufregen. Ich denke derweil an einen konkreten Fall in meinem Bekanntenkreis. Kurzer Thread:
2/ Gemeinsames Sorgerecht heißt, du kannst nichts alleine entscheiden, sobald es um das Kind geht. Heißt weiter: Du kannst auch nicht über den Wohnsitz des Kindes ohne das andere Elternteil entscheiden. Heißt weiter:
3/ Papi kann Kind und Mutter *verbieten* umzuziehen. So geschehen in meinem Bekanntenkreis, als eine Mutter eine Immobilie in einer Nachbarstadt erbte und diese jetzt nicht beziehen kann, weil der Vater ein Veto einlegt, weil er die Entfernung nicht convenient findet.
4/ Es geht also am Ende doch wieder um die Ausübung von Macht, insbesondere wieder eine patriarchale Machtstellung des Mannes, über Whereabouts von Frau und Kind bestimmen zu können. Antje hat leider recht, wenn sie automatisches Sorgerecht als Form von „Zwangsehe“ bezeichnet.
5/ P.S.: Und nein, „Spermageber“ ist hier keine Herabwürdigung aller Väter, denn sie meint ja gerade nicht soziale Väter sondern die Frage, ob Leuten, die ihr Sperma dagelassen haben, daraus eine solche Machtposition automatisch und gegen den Willen der Mutter zukommt.
6/ Wer das bejaht, denkt halt immer noch in patriarchalen Mustern. Denn letztlich geht es doch wieder nur darum, dass die Kontrolle über den weiblichen Körper und die biologische Reproduktion schön beim Mann
7/ Und ganz praktisch an meine Co-Männer: Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes oder gehe eine Beziehung mit einer Alleinerziehenden ein, aber einer DIE DICH IN IHREM LEBEN WILL.
8/ Alles andere ist nicht das Denken in Liebe und Beziehungen sondern das Denken in Kontrolle, Eigentum, Anspruchsdenken und Blutsabstammung. Kann man machen, ist aber scheiße.
Ein unglaublicher Text. Merkt er gar nicht, dass er da gleichzeitig der einen Seite vorwirft Macht auszuüben, in Eigentum zu denken, ein Anspruchsdenken zu haben und Kontrolle auszuüben (den Vätern) und dies dann ganz selbstverständlich der anderen Seite zuzugestehen.

Und das so weitgehend, dass er sagt „Wenn sie dich nicht mehr mag, dann gehört das Kind ihr, und wenn sie mit ihm wegziehen will, dann hast du die Klappe zu halten, zeug doch ein anderes Kind“

Zeug doch ein anderes
Zeug doch ein anderes 
Zeug doch ein anderes 
Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben.
Mir ist wirklich nicht ganz klar wie ein auch nur annähernd zur Empathie fähiger Mensch so etwas schreiben kann. Selbst wenn er keine Kinder hat sollte ihm doch das grobe menschliche Konzept eines Elternteils, welches sein Kind liebt, verständlich sein.
Aber auch abgesehen davon ist „Man kann gar nichts mehr machen, noch nicht einmal mit dem Kind in eine andere Stadt ziehen“ falsch:
Natürlich kann man das auch mit dem gemeinsamen Sorgerecht, die Frau sowieso, sie muss nur ihr Kind zurücklassen und dann eben ein anderes machen (was ist schon dabei?) und auch mit dem Kind, wenn sie den Anspruch bei Gericht geltend macht und die Hauptbezugsperson des Kindes ist und das auch noch mit will.
Ein Gericht fragen ist natürlich eine absolute Unzumutbarkeit. Wie kann man das nur verlangen, wenn man einen Elternteil räumlich von seinem Kind trennen will und dieses von ihm?
Dieses miese Patriarchat, da lässt es nicht einfach Frauen die absolute Macht über das Kind, sondern überlegt (umgesetzt ist es ja noch nicht) ob unverheiratete Väter zumindest in Fragen von erheblicher Bedeutung von Anfang an mitreden dürfen. Wie patriarchalisch kann ein System sein? Frauen werden da wirklich zwangsverheiratet und quasi aller Rechte beraubt, es ist unglaublich.
Noch ein paar Tweetreaktionen, die ich passend fand:

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