Toxische Männlichkeit Definition

Ich sammele mal ein paar Definitionen:

Englische Wikipedia zu Toxische Männlichkeit

The concept of toxic masculinity is used in academic and media discussions of masculinity to refer to certain cultural norms that are associated with harm to society and men themselves. Traditional stereotypes of men as socially dominant, along with related traits such as misogyny and homophobia, can be considered „toxic“ due in part to their promotion of violence, including sexual assault and domestic violence. The socialization of boys in patriarchal societies often normalizes violence, such as in the saying „boys will be boys“ about bullying and aggression.

Self-reliance and emotional repression are correlated with increased psychological problems in men such as depression, increased stress, and substance use disorders. Toxic masculine traits are characteristic of the unspoken code of behavior among men in prisons, where they exist in part as a response to the harsh conditions of prison life.

Other traditionally masculine traits such as devotion to work, pride in excelling at sports, and providing for one’s family, are not considered to be „toxic“. The concept was originally used by authors associated with the mythopoetic men’s movement such as Shepherd Bliss to contrast stereotypical notions of masculinity with a „real“ or „deep“ masculinity that they say men have lost touch within modern society. Critics of the term argue that its meaning incorrectly implies that gender-related issues are caused by inherent male traits.[1]

The concept of toxic masculinity, or certain formulations of it, has been criticized by some conservatives as an undue condemnation of traditional masculinity, and by some feminists as an essentialist concept that ignores the role of choice and context in causing harmful behaviors and attitudes related to masculinity.

Deutsche Wikipedia zu toxische Männlichkeit:

Toxische Männlichkeit (auch „giftige Männlichkeit“) ist eine Bezeichnung für ein Verhalten von Männern, das als schädlich für die Gesellschaft oder Männer selbst gesehen wird. Der Begriff wurde in der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er- und 1990er-Jahre geprägt und fand von dort ihren Weg in die akademische und politische Literatur. Er wurde anfangs überwiegend für Männer am Rande der Gesellschaft gebraucht, etwa in Gefängnissen, um deren aggressives und kriminelles Verhalten zu beschreiben. Als wesentlich für die Ausbildung eines solchen Verhaltens wurde eine fehlende oder gestörte Vater-Sohn-Beziehung gesehen.[1]

Feministen benutzten den Begriff seit den 2000er-Jahren – insbesondere seit 2016 im Kontext von Donald Trump und #MeToo – in Literatur und Medien. Die Begriffsverwendung, insbesondere in feministischen Kontexten, ist umstritten. Oftmals fehlt eine klare Definition des Begriffs oder der Bezug zu anderen theoretischen Konzepten über Männlichkeit. Generell wird Gewalt, Dominanz, Aggressivität, Misogynie und Homophobie mit dem Begriff assoziiert. Der Begriff wird in feministischer Literatur auch als Antwort auf die Wiederkehr rechtsgerichteter maskulinistischer Politik verwendet.[1]

Missy Magazin zu toxischer Männlichkeit:

Toxic masculinity ist Englisch und bedeutet toxische, also schädliche Männlichkeit. Das Konzept beschreibt eine in unserer Gesellschaft vorherrschende Vorstellung von Männlichkeit und umfasst das Verhalten, das Selbstbild und Beziehungskonzepte von Männern sowie kollektive männliche Strukturen. Männer sollen keine Schwäche zeigen, höchstens Wut, sie sollen hart sein, aggressiv und nicht zärtlich oder liebevoll, schon gar nicht miteinander. Männlichkeit muss immer wieder bewiesen werden, z. B. durch die Einordnung in eine Hierarchie, die mit Mutproben und erniedrigenden Ritualen gefestigt wird – auf dem Schulhof genauso wie in der Bundeswehr.

So findet toxische Männlichkeit in der Kindheit ihren Anfang und setzt sich nicht zuletzt in Männerbünden als Organisationsform auf allen Ebenen der Gesellschaft fort. Sie findet aber nicht nur „unter Männern“ statt, sondern richtet sich auch nach außen: In Form von Gewalt gegen andere, vor allem Frauen und Queers, und sexualisierter Gewalt gegen Menschen aller Geschlechter. Es geht immer auch um Sexualität: Nach den Vorannahmen von toxischer Männlichkeit muss ein Mann immer (heterosexuellen) Sex haben wollen und können. Dies ist ein wichtiger Baustein der Vergewaltigungskultur (Rape Culture) und verstärkt zudem das gefährliche Vorurteil, dass Männer nicht Opfer von sexualisierter Gewalt werden können.

100mensch.de

TOXISCHE MÄNNLICHKEIT

Der Begriff bezeichnet ein Verhalten bzw. Selbstbild, das auf einem traditionellen, stereotypen und patriarchalen Männerbild basiert. Die Bezeichnung „toxische Männlichkeit“ (toxisch = giftig, vergiftend) meint nicht, dass alle Männer generell toxisch sind. Sie bezieht sich auf übersteigerte und für die ganze Gesellschaft schädliche Verhaltensweisen und Einstellungen, wie z. B.:

Gefühle (außer Wut und Aggression) werden unterdrückt bzw. nicht gezeigt Gewalt als Mittel der Problemlösung / Recht des Stärkeren Aggressives und dominantes Auftreten (z. B. auch in Gesprächen)
„Recht“ auf sexuelle Aggression, Übergriffigkeit, Grenzüberschreitungen
Übersteigertes Konkurrenzdenken
Selbstanspruch, alles unter Kontrolle haben müssen
Selbstanspruch, alles alleine schaffen zu müssen
Abwehr von vermeidlich „weiblichen“ Eigenschaften als Schwäche
Dieses Verhalten hat negative Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft, da toxische Vorstellungen von Männlichkeit zur Diskriminierung aller anderer Geschlechter, z.B. in Form von Misogynie (Frauenfeindlichkeit) sowie Homo- und Trans*feindlichkeit, führen.

Viele dieser Vorstellungen sind noch immer in der Erziehung von Kindern in Aussagen wie „Jungen weinen nicht“, oder „Gewalterfahrungen gehören zum Mann-werden dazu“ verankert. Das toxische Männlichkeitsbild und die Gewalterfahrungen der Väter werden so auf deren Söhne übertragen (Traumavererbung).

Toxische Männlichkeit geht mit der Angst einher, Privilegien zu verlieren oder nicht als „richtiger Mann“ bzw. als „weiblich“ angesehen zu werden. Sie schränkt die eigene Individualität ein, kann aber auch ein Gefühl von Sicherheit geben. Dabei hat toxische Männlichkeit ausgeprägte negative Auswirkungen auf Männer: z.B. selbstschädigendes Verhalten wie das Vermeiden von Arztbesuchen und das Verschweigen von Depressionen, was sich in Krankheits- und Selbstmordstatistiken niederschlägt. Männer sterben außerdem früher und werden häufiger Opfer von Gewalttaten.

Frauenseiten Bremen zu toxischer Männlichkeit:

Was ist eigentlich … toxische Männlichkeit?

Ab und zu tauchen im feministischen Diskurs Begriffe auf, die vielen von uns neu sind. Eine Zeit lang bin ich immer wieder über den Ausdruck toxische Männlichkeit, beziehungsweise Maskulinität, gestolpert und habe mich gefragt…was genau ist das eigentlich?

Maskulinität und Femininität
Fangen wir erst einmal einfacher an. Was verstehen wir unter Maskulinität? Maskulinität beschreibt eine Reihe von Verhaltensweisen, Gepflogenheiten und Einstellungen, die in unserer Kultur typischerweise mit Männern und Mann-Sein in Verbindung gebracht werden. Das Gegenteil, Femininität, bezeichnet demnach Eigenschaften, die meist Frauen zugeschrieben werden. Jeder Mensch verfügt aber in gewissem Maße über maskuline und feminine Merkmale.

Anerzogene Verhaltensmuster
An sich ist Maskulinität nicht problematisch. Wenn bestimmte ‚maskuline‘ Verhaltensweisen aber Menschen Schaden zufügen, werden sie als toxisch bezeichnet. Dominanz, Aggressivität, Einschüchterung, Kontrolle, emotionale Distanziertheit – das sind einige Beispiele. Auch die Sexualisierung von Frauen, sowie jegliche Formen von Gewalt zählen dazu. Oftmals wird toxisch-maskulines Verhalten mit Männlichkeit gleichgesetzt und somit als natürlich wahrgenommen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es hier aber um anerzogene Verhaltensmuster geht, mit denen Jungs nicht geboren werden.

Menschen, die toxische Maskulinität praktizieren, definieren diese immer als der Femininität überlegen. Eigenschaften wie Mitgefühl, Fürsorge oder Emotionalität werden als schwach dargestellt, während gegensätzliches Verhalten als stark empfunden wird. Daraus folgt, dass Menschen, die sich eher durch feminine Eigenschaften auszeichnen, suggeriert wird, anderen unterlegen zu sein. Das kann Personen aller Geschlechter betreffen. Auch kann jede*r toxisch-maskulines Verhalten ausüben oder fördern, wie beispielweise eine Mutter, die ihrem Sohn beibringt: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“.

Die Angst vor ‚Entmannung‘

Toxische Maskulinität geht Hand in Hand mit Sexismus und Homophobie. In unserer patriarchalen Gesellschaft zählen Männer oftmals nicht als ‚wahre Männer‘, wenn sie in ihrer Beziehung nicht das Sagen haben. Die Anliegen der Partnerin zu respektieren gilt als Schwäche oder Unfähigkeit, sich durchzusetzen. Auch die Angst, Zuneigung für andere Männer zu zeigen, äußert sich in toxischer Maskulinität. Denn unsere Gesellschaft ist heteronormativ konzipiert. Dementsprechend wird die Liebe zu Männern allein von Frauen erwartet. Wenn aber Männer sich gegenseitig Zuneigung bekunden, wird dieses Verhalten als frauentypisch und somit schwach verstanden. Daraus resultiert häufig eine emotionale Verschlossenheit von Jungen und Männern. Sie schämen sich, Zuneigung zu zeigen, aus Angst sich zu entmannen. Wer kennt nicht das anscheinend obligatorische „no homo“, das jugendliche Jungs jedem Kompliment anhängen, das sie einander machen.

GenderIQ.de

Was ist eigentlich ‘Toxic Masculinity’?

‍“toxic masculinity,” a (heterosexual) masculinity that is threatened by anything associated with femininity (whether that is pink yogurt or emotions) – Sarah Banet-Weiser and Kate M. Miltner.

Der Begriff  toxic masculinity wird oft benutzt, wenn es darum geht aggressives Dominanzverhalten von heterosexuellen cis-Männern zu beschreiben. Toxic masculinity (zu Deutsch ‚schädliche /toxische Männlichkeit‘) ist ein Konzept, das gerne mal falsch verstanden wird. Ganz schnell endet man bei der Gleichung Männer = Toxisch. So einfach diese Gleichung auch erscheint, sie ist leider falsch, denn bei dem Konzept geht es nicht um ‚Männer‘ (sex), sondern um ‚Männlichkeit‘ (gender). Also darum, was wir als männliches Verhalten anerkennen und was nicht. Genauer gesagt, geht es darum zu erkennen, dass bestimmt Aspekte die traditionell zum Mann-werden dazu gehören, schädlich sind. Schädlich für sie selbst, aber auch alle anderen um sie herum.

Bei ‚Toxic Masculinity‘ geht es nicht darum, dass Männer schädlich oder schlecht sind

Grundidee dahinter ist, dass wir bei männlich gelesen Kindern bestimmte Verhaltensweisen fördern, die ihnen vielleicht momentan weiterhelfen (zum Beispiel, um auf dem Schulhof nicht gehänselt zu werden), die aber auf Dauer toxisch sind. Deshalb dürfen Jungs gerne mal wild sein und über die Stränge schlagen, auch wenn das für andere unangenehme Folgen hat (‘Boys will be boys’). Jungs sollen sich durchsetzen können und keine Schwäche zeigen, damit ja keiner auf die Idee kommt sie zu dominieren. Nach dem Motto ‚Indianer kennt keinen Schmerz‘ ermutigen wir Jungs nicht zu weinen und versuchen sicher zu gehen, dass sie nicht am Ende noch ‚verweichlichen‘.

‚Wer toxische Männlichkeit erlernt hat, lebt mit einem Mangel‘, schreibt Frederik Müller. ‚Diese Personen haben meist kein gutes Verhältnis zu ihrem Körper, können ihre eigenen Grenzen ebenso wenig respektieren wie die anderer und haben Schwierigkeiten damit, Gefühle zuzulassen, zu zeigen und zu verarbeiten. Konsequenzen hieraus sehen wir etwa im schlechten Umgang heterosexueller cis Männer mit dem eigenen Körper, ihrer Nachlässigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit und ihrer Tendenz zu Depressionen, Sucht und Suizid.‘

Olympes Erben

Toxische Männlichkeit meint klischeehafte und einengende Verhaltensweisen oder Umgangsformen zur Demonstration von Männlichkeit, die ein eindimensionales Bild vom Mann-Sein entwerfen. Diese Vorstellungen von Männlichkeit werden zum Teil gesellschaftlich eingefordert und schränken Emotionen und Verhaltensweisen von Jungen und Männern ein.

Zu diesen Umgangsformen und Verhaltensweisen von toxischer Männlichkeit gehören zum Beispiel diese:

  • Männer sollen hart sein und keine Schwäche zeigen.
  • Männer sollen Gefühle verstecken oder unterdrücken (außer Wut und Aggression).
  • Männer lösen Konflikte mit Gewalt.
  • Männer packen Probleme an und bewältigen sie ohne fremde Hilfe.
  • Männer verhalten sich nicht „weibisch“ oder „verweichlicht“ (schüchtern, liebevoll, zärtlich).
  • Männer sind auf Wettbewerb und Dominanz, nicht auf Kooperation ausgelegt.
  • Männer wollen immer Sex und können auch immer.
  • Männer und Frauen verstehen sich nicht und können nicht befreundet sein.
  • Männer sind breitschultrig, muskulös, hochgewachsen und schmerzresistent.

Im Zusammenhang mit toxischer Männlichkeit fallen häufig auch Begriffe wie Macho oder Alpha-Mann.

Das Problem an toxischer Männlichkeit ist, dass sie oft von der Gesellschaft eingefordert wird – also viele Leute erwarten, dass sich Männer so verhalten wie oben beschrieben wird. Wenn Jungen oder Männer diesen Stereotypen nicht entsprechen, müssen sie auch heute noch mit negativen Folgen rechnen, zum Beispiel indem sie ausgelacht, beleidigt oder bloßgestellt werden. Ihnen wird abgesprochen, ein „wahrer Mann“ zu sein und oftmals wird es so dargestellt, als ob Frauen eben nur solche „wahren Männer“ attraktiv finden (auch von Frauen selbst).

Toxische Männlichkeit bedeutet auch, dass diese stereotypen Verhaltensweisen immer wieder bestätigt werden müssen, zum Beispiel durch die Abwertung von Frauen oder anderen Geschlechtsidentitäten, von Männern, die nicht „Alpha“ genug sind, aber auch durch „typisch männliche“ Verhaltensweisen wie Bier trinken oder Fleisch essen. Ein Mann, der lieber eine Saftschorle als ein Bier bestellt, eher einen Salat statt eines Steaks isst? – In diesem Konzept von Männlichkeit schwach, lächerlich, unmännlich. Und das ist schädlich.

Doch nicht nur auf den eigenen Lebensbereich einzelner Menschen kann sich toxic masculinity negativ auswirken. Auch gesellschaftlich-politisch gesehen kann toxische Männlichkeit ein Problem sein, weil sie ein Geschlechterbild aufrechthält, das rechtsgesinnten Menschen zusagt. Denn mit toxischer Männlichkeit gehen nicht nur traditionelle Bilder von Männlichkeit einher, sondern auch von Weiblichkeit. Toxische Männlichkeit äußert sich häufig (auch) in Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit.

WMN.de

Was ist toxische Männlichkeit?

Der Begriff ist in erster Linie auf destruktive und schädliche Denk- und Verhaltensweisen von Männern bezogen. Diese Handlungen richten sich vorwiegend gegen Frauen, Kinder, queere Menschen – und gegen sich selbst. Das eigentliche Problem liegt aber viel tiefer.

Toxischer Männlichkeit beruht auf Stereotypen über männliche Eigenschaften. Männer nehmen bestimmte Rollen ein, weil die in der Gesellschaft weit verbreitet sind. Das begrenzt den Spielraum, sich frei auszuleben. Stattdessen werden Klischees bedient. Zum Beispiel: Männer sind stark und emotional extrem unempfindlich. Sie lassen sich nichts sagen und sind in ihrer unerschütterlichen Heterosexualität gefestigt.

So entsteht das veraltetes, konservative Bild eines Mannes, das unüberlegt übernommen wird. Toxisch ist es noch nicht. Die Toxizität entsteht später.

In Zeitungen wird toxische Männlichkeit wird nicht selten für Vergewaltigungen und Gewalt verantwortlich gemacht. Tatsächlich stehen maskuline Verhaltensweisen laut Studien in Zusammenhang mit Aggressionen, Misogynie, schlechter Gesundheit und Depressionen.

Das birgt zum einen eine Gefahr für sie selbst. Männer lassen sich ungern helfen, wollen keine Schwäche zeigen und gehen seltener zu Ärzt:innen oder Psycholog:innen.

Zum anderen zeigen Nachforschungen auch, dass Jungen und Männer mit sexistischen Verhaltensweisen häufiger genderbezogene Gewalttaten ausübenDas verinnerlichte Verhaltensmuster begünstigt also Gewalt und Missbrauch.

Feminismus vs. Männerrechtsbewegung

Auf die Dinge gibt es natürlich auch andere Sichtweisen. Vor allem Konservative sind häufiger der Meinung, der Begriff „toxische Männlichkeit“ sei eine Attacke auf die Männlichkeit selbst. Sie berufen sich dabei auf die hohen Raten an Suiziden und dem Drogenmissbrauch von Männern.

Die Debatte wird so nicht als Denkanstoß gesehen, eher als Angriff feministischer Bewegungen. Als Gegenstück bildeten sich Männerrechtsbewegungen. Dort werden traditionelle Männerbilder, teilweise aber auch antifeministische und frauenfeindliche Positionen vertreten. Stattdessen werden Verhaltensstereotypen aus der herausgekramt.

Die weiteren Argumente sind genauso wenig überzeugend. Sie verwechseln Opfer und Täter, indem sie sich selbst als Geschädigte darstellen. Belegbare politische Ungerechtigkeiten gibt es dagegen zu selten. Während sich feministische Bewegungen gegen belegbare Ungleichheiten wie den Gender Pay Gap stellen, sind beispielsweise männerfeindliche Haltungen im Gesundheitssystem aufgrund häufig fehlender geschlechterspezifischer Medizin mehr als fraglich.

„The Future is female“ – Die Zukunft ist weiblich

Ein Slogan, den man häufiger hört, beispielsweise auch im Zusammenhang mit den neuen Starwars Filmen aber auch bei anderen Gelegenheiten, ist „The Future is female“

Es soll irgendwie ja wohl ausdrücken, dass Frauen in der Zukunft eine größere Rolle spielen werden oder sogar die bestimmende Rolle, es hat also etwas von „das Patriarchat ist vorbei und die glorreiche Zukunft der Frauen beginnt“.  Was ja aus humanistischer Sicht eine fürchterliche Aussage ist, die irgendwie beinhaltet, dass Frauen etwas besseres sind. Es erscheint mir als das Gegenteil von Gleichberechtigung und einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Eine der ersten, die anscheinend eine Form dieses Slogans benutzte war wohl (?) Sally Miller Gearhart. Aus deren Wikipediaseite:

In her early career, Gearhart took part in a series of seminars at San Francisco State University, where feminist scholars were critically discussing issues of rape, slavery, and the possibility of nuclear annihilation. Gearhart outlines a three-step proposal for female-led social change from her essay, „The Future–-If There Is One–-is Female„:

I) Every culture must begin to affirm a female future.
II) Species responsibility must be returned to women in every culture.
III) The proportion of men must be reduced to and maintained at approximately 10% of the human race.

Da wäre immerhin der Aussagegehalt ganz klar, die Zukunft ist weiblich, weil man die Männer stark reduzieren will und sie nichts mehr zu sagen haben werden.

Gearhart does not base this radical proposal on the idea that men are innately violent or oppressive, but rather on the „real danger is in the phenomenon of male-bonding, that commitment of groups of men to each other whether in an army, a gang, a service club, a lodge, a monastic order, a corporation, or a competitive sport.“ Gearhart identifies the self-perpetuating, male-exclusive reinforcement of power within these groups as corrosive to female-led social change. Thus, if „men were reduced in number, the threat would not be so great and the placement of species responsibility with the female would be assured.“ Gearhart, a dedicated pacifist, recognized that this kind of change could not be achieved through mass violence. On the critical question of how women could achieve this, Gearhart argues that it is by women’s own capacity for reproduction that the ratio of men to women can be changed though the technologies of cloning or ovular merging, both of which would only produce female births. She argues that as women take advantage of these reproductive technologies, the sex ratio would change over generations.[14]

Immerhin also ein friedlicher Ansatz, eine Art friedliches Ausschleichen der Männer, damit diese keine Männerbündnisse schließen können, bewirkt durch ein Frauenbündnis.

Daphune Patal in her book Heterophobia: Sexual Harassment and the Future of Feminism summarizes Gearhart’s essay as, „The future must be in female hands, women alone must control the reproduction of species; and only 10% of the population should be allowed to be male“.[15]

Mary Daly supported Gearhart’s proposals, stating: „I think it’s not a bad idea at all. If life is to survive on this planet, there must be a decontamination of the Earth. I think this will be accompanied by an evolutionary process that will result in a drastic reduction of the population of males.“[16]

Wer Mary Daly auf seiner Seite hat, der sollte überlegen, ob er eine humanistische Position vertritt, aber das ist eine andere Sache.

Würde man das als den Ursprung der Formel benennen, dann wäre es etwas, auf das Feministen nicht stolz sein könnten. Einen tatsächlichen Bezug darauf findet man allerdings selten, die Formel wird eher ohne weiteren Inhalt einfach als Zeichen für eine bessere Welt und ein „Ende der Unterdrückung“ gesehen, aber wie man bei Stars Wars sieht durchaus auch in dem Zusammenhang, dass Frauen in weiblichen oder weiblicheren Teams arbeiten und die Posten entsprechend besetzen.

Ich habe mal noch etwas gegoogelt:

Hier:

While the slogan has a long history, for our panel the future is female because it means that we must look to the female archetype, and into the myriad of women’s experiences to define alternative forms of leadership. The female energy is to be found in a world that is emotionally intelligent, that is collaborative, a global society in which individuals are “linked and not ranked”. “The Future is Female” means that hierarchy in industry, in technology, in art, in sport etc. is not the only valid form of social organization.

Our world is facing complex challenges and these issues need comprehensive solutions. It is time, better late than never, to integrate the female ingredient in the definition of these solutions. Wallonia-Brussels wants to bring her fair share and create a forum for the voices of women, with very different backgrounds, to be heard. The goal is of course not to raise the female against the male archetype. To the contrary, we believe that “the whole is greater than the sum of its parts”.

Together, we will try to outline the upcoming forms of leadership, the future of work and inclusion for our global society. Let’s convene and get valuable insights from the 6 “ecosystems” we managed to have on stage: Venture Investment, Government Agency, Startup, Incubator, Sport Industry and Civil Society Association.

Das klingt etwas nach einem Differenzfeminismus, in dem Frauen irgendwie eine „Female Energy“ haben. Die weiblichen Stimmen sollen gehört, aber nicht gegen die Männer gestellt werden, sondern ein neues großes Ganzes ergeben.

Oder hier:

The Reality

  • THE NUMBERS ARE NOT GOOD. No matter how many times you hear about female advancement on the news or read about it, the numbers are NOT changing. There are a few companies that are making inroads when it comes to gender pay parity and equality at their workplaces (Salesforce being one of them, and they glow in the spotlight). The top workplaces for women and working mothers to be employed are also widely documented. And that’s it. That’s the summation of the progress we have made.
  • MEN CONTINUE TO PUSH BACK ON WOMEN’S DEMANDS. Women are called unreasonable, dumber (because our brains are smaller), inferior, not committed, distracting, and not as qualified. All this backlash over women asking for something that is pretty rudimentary. Women don’t want to be punished for being mothers. We do want equal treatment that addresses women’s issues. Not the issues of men—that’s a different set of issues. As a result, not much is happening. We are spinning in circles.
  • WOMEN FAIL TO COLLABORATE WITH EACH OTHER. This means that we are not well organized to ask for what we need. Infighting amongst women—accentuated by She Tyrants and Queen Bees—is alive and well. Just because you know one woman who has figured it out doesn’t move the needle. Young women think older women (like me) are feminists, and while they often don’t know what that term means they are adamantly against it. After all, it’s we who have these issues, not them. Give it time, I say. It’s easy to overlook the issues when you haven’t yet experienced the glass ceiling, or discrimination against mothers, or the horrible guilt you feel when you have to juggle both your sick child and your job.
  • ORGANIZATIONS ARE FOCUSED ON OPERATIONS AND PROFITS. A company will make changes when it is mandated (i.e. forced). Despite the hundreds of thousands of dollars forked out to pay damages and fines for sexual harassment charges (including one case where the company was ordered to pay a 1.6 million dollar settlement because the company knew but didn’t do anything about it), many companies believe a two-hour online harassment training will do the trick. Wait, you think that a $3000 program will do a good enough job over two hours delivered every two years for you to limit your exposure to these massive settlements? Think again. Organizations also don’t seem to understand how to find and hire women. That’s why I wrote an article about it.
  • ON THE POLITICAL FRONT, WE STILL HAVE MEN WHO ARE DECIDING WHAT WOMEN SHOULD DO. What our health programs and care programs should look like, what we should be covered for, and what we can do with our bodies. How a man can say that a woman’s visit to her OB/GYN is “extra care” and not the standard care, or that birth control can’t be covered, is so caveman that it leaves me speechless every single time. Women need to be in charge of deciding what care we need. We keep rehashing the exact same issues again and again. There is so much time wasted that I’d like to fire them all for failing.


The Future is Female

The future is female because we are at a point in history where the question women have is simple: “Can you see who I am?” 

Why do we have to beg for things that we shouldn’t have to ask for, like equality in every area of our lives and the right to make our own decisions?

The future is female because men built the systems and the systems are failing women. Women are now ready to step up because our trust has been eroded.

While we’ve been pro men all along because we love our men, we have now run out of patience. No more waiting.

The future is female because men make the majority of decisions in a system that works for them, and that has no allocated room for women. Why do we feel bad for being a woman?

See us for who we are. Women are not men. I repeat, women are not men. We do not need the same things as men. We want something equivalent that works for us. It has to be created now.

The future is female because women are so fed up that we’re exploding. If we see one more image of a roomful of men deciding on healthcare for women, we will explode.

If we see one more comment on locker room banter… If we hear one more excuse for why something can’t be done because it would be an unfair advantage for women, like time off to give birth and care for a newborn… If we hear one more time that because we took a year off our entire education is worthless… ENOUGH!

The future is female because most male decision makers have failed to understand that there is a difference between men and women.

They don’t understand that just because we want equality, we don’t want to be treated like men. We want to be treated like women. And just saying that is setting off men crying unfair. At the same time, men are upset that women are asking for what men have! Wait, which one is it going to be?

Because of snail-like pace that systems are moving in, women have no choice but to step up. And when women organize it is an earth-shattering event. If you still don’t hear us, we’ll do it again and again until we have it figured out.

The answer—and I have been standing on my soapbox shouting it out loudly—is very simple. Let men be men and let women be women. Give each what each needs, as long as it is the equivalent. THAT’S BALANCE. That’s what we should aim for.

If you like to listen to the podcast interview in Pablo’s segment of the Small Business War Stories – check it out in the link below. Here we talked about community, supporting one another, the realities of starting a business, and much more.

Auch hier wieder eher ein Differenzfeminismus, Frauen wollen Frauen sein und Männer Männer, jeder hat das zu bekommen, was er braucht und es muss Gleichheit bestehen. Im oberen Teil wird deutlich, dass sich die Männer zu viel nehmen

Was ist Antifeminismus?

Lucas Schoppe bespricht in einem wie immer lesenswerten Artikel die Reaktionen darauf, dass das Forum soziale Inklusion 400.000 Euro vom Staat erhalten soll (der Link auf meinen Artikel dazu)

Dabei hält er den Kritikern vor weniger auf Inhalte einzugehen, sondern eher mit Schlagwörtern wie Antifeminismus zu arbeiten und stellt dabei die Frage, was eigentlich genau Antifeminismus ist:

Nun ist der Begriff „Antifeminismus“ heute allerdings kaum noch zu definieren, schon weil der Begriff „Feminismus“ kaum noch zu definieren ist. Zu vielen Fragen – zur Transsexualität zum Beispiel, zum Islam oder zur Prostitution – haben Feministinnen heute radikal konträre, unvereinbare Positionen. Es ist kaum möglich, irgendeine feministische Position zu beziehen, ohne damit aus anderer Perspektive als irgendwie antifeministisch dazustehen.

In der Tat gibt es da einige Grabenkämpfe, die gerade führende Ideologie, der intersektionale Feminismus lehnt eh alle anderen als Falsch ab und verteilt Schuldzuweisungen wie „Terf“, „Swerf“ oder auch schlicht Rassist. 

Aber natürlich ist klar, dass etwa Alice Schwarzer, auch wenn sie von vielen intersektionalen Feministinnen abgelehnt wird oder sogar nicht als Feministin bezeichnet wird, weil sie kritisch dem Islam gegenüber ist (Zum „Altfeminismus vs intersektionalen Feminismus“ vergleiche hier) deswegen noch keine Antifeministin ist. Hingegen werden sich viele Feministinnen durchaus einig sein, dass jeder Männerrechtler, mit Ausnahme derer, die eigentlich feministisch argumentieren und damit keine wirkliche Vertretung von Männern vornehmen, sondern allenfalls Schuld der Männer abbauen wollen, „antifeministisch“ sind.

Lucas möchte dann auch Hedwig Dohm abstellen, aber eine solche „Historische Auslegung“ des Begriffs greift für den heutigen Feminismus etwas kurz bzw das Zitat geht schon in die richtige Richtung, ist aber noch nicht abschließend zu sehen.

Lucas schreibt:

Hedwig Dohm  hat 1902 „Die Antifeministen“ am Beispiel der „Herrenrechtler“ so beschrieben:

Die Charakterschwachen machen Front gegen die Frauenbewegung – aus Furcht. Sie haben immer Angst, von der Frau – besonders von ihrer eigenen – unterdrückt zu werden. Weil sie sich heimlich ihrer Schwäche bewußt sind, betonen sie bei jeder Gelegenheit ihre Oberhoheit.

Antifeministen bestehen bei Dohm aus religiösen oder egoistischen Gründen auf einer klaren Geschlechterhierarchie, auf einer klaren Trennung der Sphären von Mann und Frau, und sie betonen ihre Stärke, weil sie Angst davor haben, Erfahrungen der Schwäche einzugestehen.

Das ist exakt das Gegenteil dessen, was das Forum Soziale Inklusion vertritt: Dem geht es darum, dass die Sorge für Kinder gleichermaßen Verantwortung von Müttern und Vätern ist – und dass offen darüber gesprochen werden kann, wenn eben auch Männer Erfahrungen der Schwäche, der Hilflosigkeit und der Gewalt machen und dabei Hilfe brauchen.

Wer das als „Antifeminismus“ bezeichnet, zeichnet damit ein erbärmliches Bild des Feminismus.

Ich würde es etwas anderes fassen (aus der Sicht des Feminismus). Ich hatte hier schon einmal eine wie ich finde sehr schöne Darstellung der Gemeinsamkeiten aller feministischer Theorien von Griet Vandermassen zitiert:

„Sie beginnen regelmäßig damit, dass Frauen (und gelegentlich Männer) die Quellen der Unterdückung in ihrem Leben suchen und versuchen, sich von diesen zu befreien“.

Antifeminismus muss damit das Spiegelbild des Feminismus sein, also:

Männer, die die (im jeweiligen Feminismus angenommen) Unterdrückung der Frau nicht anerkennen wollen und ihre in Geschlechterfragen alleinige Opferrolle nicht akzeptieren, sondern meinen selbst Opfer sein zu können oder aber die Unterdrückung der Frau dadurch zu schmälern, dass sie Frauen für Aspekte davon selbst verantwortlich machen (und so die Befreiung der Frau verhindern)

Man lese unter dieser Definition die Kritik aus dem TAZ-Artikel noch einmal:

Der Verein diskreditiere alleinerziehende Mütter und die Gleichstellung von Frauen, so Ulle Schauws. Auf der Webseite des „Forums Soziale Inklusion“ heißt es zum Beispiel: Die Belange von Jungen, Männern und Vätern würden durch die Bundespolitik oft „vorsätzlich unsichtbar gemacht“. Deshalb sehe sich der Verein gezwungen, sich „deutlich den Bedürfnissen“ von Männern zu widmen.

Das sei ein typisch antifeministisches Argumentationsmuster, so Schauws: Die Benachteiligung von Frauen einfach umzudrehen und die Bekämpfung von Diskriminierung als unberechtigte Bevorzugung von Frauen darzustellen.

Das passt aus meiner Sicht durchaus. Denn der Angriff auf die (Allein)stellung im Geschlechterbereich als Opfer ist das große Problem. Das darf nicht wirklich sein.

Dohm könnte man auch einordnen:

Bei ihr sind die Männer feige Angsthasen, die Frauen kleinhalten wollen. Sie akzeptieren die Opferstellung auf eine andere Weise nicht: Sie sagen, dass Frauen keine Opfer sind, sondern ihr natürlicher Platz unterhalb der Männer ist, weil Männer eben überlegen sind. Wobei dies für Dohm eben selbst aus Sicht der damaligen Männer eine Scheinposition ist, die nur dazu dienen soll die Frauen kleinzuhalten.

Lucas hat Recht, dass diese Definition auf das Forum soziale Inklusion nicht zutrifft. Aber das bringt wenig, weil die Opferstellung durch diese ja dennoch angegriffen wird. 

 

 

Ist die Beteuerung, dass Feminismus auch Männern helfen will, ein potemkinsches Dorf?

Viele Feministinnen führen immer wieder gerne an, dass Feminismus ja eigentlich für Männer gut ist und Feministinnen ja auch Männeranliegen vertreten würden. Damit untermauern sie zum einen ihren Alleinvertretungsanspruch in Geschlechterfragen und wehren zum anderen Kritik ab.

Tatsächlich ist dieses „Helfen“ in Richtung Männer meist relativ inhaltsleer. Eher geht es darum, dass Männer von der ominösen „toxischen Männlichkeit“ Abschied nehmen sollen und dann wären alle Probleme irgendwie gelöst. Und zu diesem Abschied nehmen von der toxischen Männlichkeit gehört ja letztendlich sich zum Feminismus zu bekennen und auch einzusehen, dass Männer an allem Schuld und außerdem privilegiert sind. Ein wirklich positives Männerbild wird soweit mir bekannt unter der Überschrift „Nichttoxische Männlichkeit“ nicht präsentiert.

Insofern errichtet der Feminismus eine gewisse Fassade, nach der er Männern hilft, aber es steckt nichts dahinter.
Es sind eben potemkinsche Dörfer:

Als Potemkinsches Dorf – meist im Plural als Potemkinsche Dörfer, seltener auch Potemkin’sche Dörfer oder Potjomkinsche Dörfer (erlaubt ist laut Duden auch die Kleinschreibung: potemkinsche Dörfer usw.)[1] – wird Vorgetäuschtes bzw. die „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ bezeichnet:[1] Durch materiellen und/oder organisatorischen Aufwand („Attrappen“, Schauspieler usw.) wird die Illusion von vorweisbaren Erfolgen, Wohlstand usw. geschaffen. Die Bezeichnung geht zurück auf die unwahre Geschichte, dass Feldmarschall Potemkin (moderne Transkription: Potjomkin) Kulissen von Dörfern aufgestellt und angebliche Dorfbewohner von einem zum nächsten transportieren lassen habe, um Katharina die Große auf einer Reise nach Neurussland über die Entwicklung bzw. den Wohlstand der neubesiedelten Gegend zu täuschen.

Passt das oder was wäre eine bessere kurze Umschreibung/Bezeichnung?

Lucas Schoppe zu einer Politik der Ressentiments

Lucas Schoppe bespricht ebenfalls das Dossier des BMFSFJ und geht dabei insbesondere auf die Haltung dort gegen Männer ein:

Selbst die Thematisierung männlicher Gewalterfahrungen ist so noch von abwertenden Klischees geprägt. Männern wird durchaus zugestanden, selbst Opfer toxischer Männlichkeiten zu sein – aber die Fantasien selbst, die Männlichkeit mit Gift und Toxizität in Verbindung bringen, werden nicht in Frage gestellt.

An keiner Stelle wird beispielsweise deutlich, dass die sehr viel größere Beteiligung von Männern an der Erwerbsarbeit keineswegs toxisch ist, sondern überhaupt erst die Ressourcen produziert, mit denen andere – auch Ministerien – agieren können. Als Opfer können Männer in diesem Dossier gerade noch vorkommen, solange sie dadurch nicht um die institutionellen Leistungen für Frauen konkurrieren. Aber in keiner Passage des Textes wird Männlichkeit positiv konnotiert: Sie erscheint grundsätzlich als problematisch und veränderungsbedürftig.

Das ist in der Tat richtig: Es gibt keinen positiven Blick auf Männlichkeit in einem Dossier, welches vorgibt auf Männerpolitik ausgerichtet zu sein. Männlichkeit ist das Übel, die Ursache für schlechte Zustände, etwas, was sich verändern muss. Getarnt ist das als „Hilfe für Männer“.

Das ist eine Politik des Ressentiments, die immer wieder ähnliche Muster entfaltet – ob sie nun auf ethnische und rassistische Ressentiments oder auf Geschlechterressentiments zurückgreift. Der Begriff „toxische Männlichkeit“, der im Dossier ganz selbstverständlich verwendet wird (LF, 9), ist ein idealtypisches Beispiel für eine Ressentimentklammer, die von scheinzivilen Positionen bis hin zu offener Menschenfeindlichkeit reicht: Er kann harmlos für Männlichkeitskonzepte stehen, an denen auch Männer leiden würden, aber ebenso für Männer selbst benutzt werden, die dann insgesamt als Gift im Körper der Gesellschaft erscheinen.

Hier scheint mir Lucas Schoppe mit den fettgedruckten Worten Theorien aufzugreifen, unter den Schlagworten konnte ich aber bei einer Suche nicht viel dazu finden. Vielleicht kann mich da jemand aufklären.

In der Wikipedia findet sich etwas dazu, was auf Nitzsche verweist:

Friedrich Nietzsche gewinnt seinen Ressentiment-Begriff in der Auseinandersetzung mit Eugen Dühring, der den Begriff in die deutschsprachige philosophische Debatte einführt und zugleich dessen radikale, wertpolemische Verwendung vorgibt.[9] Dühring hatte – in einer Art Neuauflage der Kallikleischen Argumentation – alle Rechtsbegriffe, insbesondere den grundlegenden der Gerechtigkeit überhaupt, die dem Naturrecht des Stärkeren entgegentreten, aus dem Ressentiment erklärt (Der Werth des Lebens, 1865). In Gegensatz dazu tritt nun Nietzsche, der zwar ebenso keine „höheren“, den realen Machtverhältnissen übergeordneten Werte anerkennt, jedoch eine immanente Gerechtigkeit zwischen Ebenbürtigen bzw. Gleichstarken annimmt.

Nietzsche beschreibt die „Psychologie des Ressentiments“ als Selbstvergiftung durch gehemmte Rache: „Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt […] eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“[10]

In der Genealogie der Moral (1887) wendet Nietzsche diesen Gedanken auf die „Historie der Moral“ an. Die Vergiftung durch das Ressentiment korrumpiert die allgemeinen Wertschätzungen: „Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (gennaios ‚edelbürtig‘ unterstreicht die nuance ‚aufrichtig‘ und auch wohl ‚naiv‘), so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.“[11]

Das Ressentiment findet seinen wert- und weltgeschichtlichen Niederschlag in der jüdischen und christlichen Moral, die als Sklavenmoral von reaktivem, verneinenden Charakter der vornehmen, bejahenden, Herrenmoral der Römer gegenübergestellt wird. An die Stelle der ursprünglichen, „vornehmen“ Schätzwerte „gut“ vs „schlecht“ tritt nun die Moral von „gut“ und „böse“. Durch die Zurückdrängung des ursprünglichen Racheimpulses (durch Delegation der Rache an Gott bzw. Delegation der Strafe an den Staat) wird eine Verinnerlichung des Menschen erzwungen, die zur Ausbildung der moralischen Begriffe (Sünde, Schuld, Gewissen) im modernen Sinn führt. Diese jedoch verleugnen, so Nietzsche, ihre Herkunft aus dem Ressentiment und beanspruchen Absolutheit, was eine „Kritik der moralischen Werte“ als Frage nach dem „Wert der Werte“ notwendig macht. Dieser Kritik unterliegen insbesondere die modernen europäischen Demokratien, deren grundlegenden Wert Nietzsche als „Wille zur Gleichheit historisch aus der Ressentiment-Moral herleitet. Sie mündet in der moralischen Utopie des Übermenschen als Befreiung vom „Geist der Rache“ überhaupt.[12]

Das passt durchaus zum Feminismus, der meint, dass er sich an Männern rächen muss, der einen Racheimpuls hat und in der Tat in Gut und Böse einteilt. Viele Feministinnen erscheinen in der Tat verbittert und voll der „Selbstvergiftung durch gehemmte Rache“.

Interessante Konzepte. Vielleicht hat sich ja hier schon jemand damit beschäftigt.

„SJWs kämpfen nicht intellektuell, sondern sie wollen sich über die sozialen Ebene und über Machtspiele durchsetzen“

Auf dem Twitteraccount „Woke Distance“ fand sind ein interessanter Thread:

The woke are not trying to win the culture war against liberals intellectually, they are trying to win SOCIALLY. The woke don’t fight academically with evidence and reason. They fight SOCIALLY using power moves to take over institutions and bullying tactics to shut us up.

he woke do not want to merely participate in liberal democratic society; allowing their ideas to be carefully scrutinized by our academic, cultural and democratic institutions. The woke want to SEIZE POWER in those institutions, and mutate them into institutions of wokeness.

So the tactics adopted by the woke were developed for seizing institutional, cultural, and political power, not for discovering the truth. If it works to send social media mobs after people to get them fired so woke people can take their jobs works, then that is what they do

Since the goal of the woke is to seize social and political power so they can wield it in the name of their ideology, they are not interested in being kind, civil, or „nice.“ In fact Robin DiAngelo actually says „niceness“ is bad, and claims it reproduces white supremacy:
The result is that when the woke try to get into positions of power, they do not typically do so by demonstrating they have the MERIT to be in those positions. They are not, to be frank, interested in meeting the standard of merit that liberals use in selecting their leaders.
This is because the woke think liberals and other non-woke groups don’t really care about merit, and just use merit as an excuse to keep „marginalized groups“ out of positions of power. The woke think leadership requirements are little more than poorly disguised power hoarding
As such they think meeting liberal standards accepts the logic of liberalism, which they reject and want to replace with wokeness. So, rather than follow liberal rules of civility, merit, reason, and democracy; they follow woke rules and play cynical social power games.
They will accuse, imply, and insinuate all kinds of things about anyone in order to socially destroy whoever dares to get in their way. They’re not going to tell you you’re wrong, they’re going to tell everyone else you’re a racist, sexist, homophobe. That’s how it works.
Here, @BretWeinstein explains how false accusations of racism were used to try to intimidate him into going along with a woke takeover of College where he was teaching at the time. Please pay close attention here
In this Clip Reihan Salam (@reihan) response to comments by Eddie Glaude (@esglaude ) and while he is talking Eddie interrupts him to insinuate that Reihan is not being genuiune and is merely trying to score political points in a debate. This is a typical woke tactic.
The point he is that if you think you’re going to push back on wokeness with arguments according to the rules of civility, fairplay, evidence and reason you are sorely mistaken. This is not how this works.
The woke don’t play that game. Theirs is a contest for power, and they use cynical social tactics in order to try to browbeat people into doing what the woke want them to do. Push back requires we recognize what game the woke are playing, and make that clear to everyone else
Wokeness has a vulnerability: being understood. When people understand the game the woke play, they stop going along with it and the woke lose power. So make their game clear, make it transparent, and call it out. The sooner you do the sooner they woke lose power.
Für eine Ideologie, die alles als einen Machtkampf, ein Nullsummenspiel um Einfluss, versteht und die keine „objektive Wahrheit“ akzeptiert, sondern alles als konstruiert ansieht ist es verständlich, wenn sie auch ansonsten nichts als Macht akzeptieren.
Natürlich wird dennoch versucht sich einen Anschein von Wahrheit, von Wissenschaftlichkeit zu geben. Eben durch die dabei üblichen Mittel: Komplizierte Begriffe, den Verweis auf Authoritäten, darauf dass das was sie vertreten weithin akzeptiert ist.
Deswegen meine ich ja auch immer, dass „der Kaiser ist nackt“ ein gutes Gegenmittel ist.

Die woke Welle

Ein bekanntes Buch ist „Die Welle„. Ein Lehrer startet ein Experiment, indem die Kinder in der Schule eine gewisse Gruppenidentität übernehmen und sich immer ablehnender gegen andere Verhalten.

Aus dem Wikipediaartikel:

Die drei Prinzipien der Welle
Die erste Stufe Macht durch Disziplin  besteht nur aus der Einübung von Disziplin und einer straffen, auf die sich autoritär verhaltende Person des Lehrers fixierten Unterrichtsform, wie sie bis in die 1950er und frühen 1960er Jahre in Schulen alltäglich war.

In der zweiten Unterrichtseinheit Macht durch Gemeinschaft! wird die Klasse auf ein unbedingtes, überindividuelles Gemeinschaftsgefühl eingeschworen und erhält vom Lehrer das gemeinsame, identitätsstiftende Symbol der Welle samt dem dazugehörigen Gruß.

Es ist das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein, das wichtiger ist als man selbst“, erklärte Mr. Ross. „Man gehört zu einer Bewegung, einer Gruppe, einer Überzeugung. Man ist einer Sache ganz ergeben …“[5]
In der dritten Einheit Macht durch Handeln![6] verpflichtet er die Schüler auf geschlossenes Handeln der Gruppe, Egalität innerhalb der Gruppe und die Pflicht, neue Mitglieder anzuwerben. Dennoch wird mit der Verteilung von Mitgliedskarten für einfache Mitglieder und Führungspersonen, welche die Pflicht zur Meldung abweichenden Verhaltens haben, eine hierarchische Struktur und ein Überwachungssystem geschaffen.

Die Welle verfügt dennoch trotz der eingeführten autoritären und totalitären Strukturen über keine inhaltlichen Grundsätze, Ziele oder eine Ideologie, wie sie totalitären Systemen und Gruppierungen wie dem Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus oder religiösen Sekten zu eigen sind.

Es ist natürlich ein interessantes Experiment und auch eine gute Erklärung wie verführerisch eine Identitätpolitik sein kann. Interessant würde ich finden, ob sich Teile dieser Erkenntis auch auf linke Identitätstheorien übertragen lassen. 
Lässt sich etwa statt der rechten Version von „die Welle“ (da ist es ja gut dargestellt, dass es funktioniert) auch eine „Woke Welle“ darstellen?

Innerhalb der „Woken Welle“ gibt es ja durchaus eine straffe Disziplin, eine Struktur, in die man sich einpassen muss. Es gibt auch gewisse Hierarchien der Unterdrückung, etwa Transpersonen, PoCs, Frauen etc. Man darf nur bestimmte Sachen mögen oder nicht mögen etc. 

Die Macht der Gemeinschaft wird dort auch sehr betont. Denn zum einen droht bei Falschverhalten eine „Cancel Culture“ und der Ausschluss aus der Gruppe und zum anderen sind alle anderen eben „Nichtwoke“ und müssen erst die Ideologie der Gruppe übernehmen um Teil dieser zu werden. 

Es gibt zwar keine klaren Führungspersonen, aber es lauert eben der Shitstormmob auf diejenigen, die sich falsch verhalten. Da das Leben auf sozialen Medien stattfindet ist eh eine einfache Überwachung möglich, aber auch im „wahren Leben“ darf man ja nicht vom richtigen Pfad abweichen. 

 

Eigendynamische Verselbstständigung


Im Verlauf des Romans werden diese Grundsätze von den Beteiligten immer mehr verinnerlicht. Ross bemerkt, dass seine Schüler zwar Informationen – vor allem geschichtliche – wie automatisch wiedergeben können, aber aufhören, eigenständig zu denken und kritisch zu hinterfragen. Innerhalb der elitären Gruppe entsteht einerseits der Anschein, alle seien gleichberechtigt, und vorherige Außenseiter wie der Schüler Robert können sich integrieren und besonders profilieren.

Andererseits droht das Experiment Beziehungen zwischen guten Freunden zu zerstören, so zum Beispiel das Verhältnis zwischen Laurie, der kritischen Chefredakteurin der Schülerzeitung, und ihrem Freund David, der von den positiven Aspekten der Welle überzeugt ist, da er diese auf den Mannschaftsgeist seines Sportteams überträgt. Sowohl David als auch Amy, die beste Freundin von Laurie, halten Lauries Bedenken für das Resultat von Eifersucht, da ihre vorherige Beliebtheit mit dem Erstarken der Welle abnimmt.[7] Allmählich zeigt das Experiment totalitäre Züge, da eine Mitgliedschaft in der Welle, die sich längst über die Geschichtsklasse hinweg ausgebreitet hat, an der Schule immer mehr zum unhinterfragten Zwang wird.

In Woken Gruppen herrscht auch ein gewisser Frieden, der etwas trügerischer ist, weil es so einfach ist etwas falsch zu machen. Ebenso enden Freundschaften schnell und zB an US-Universitäten kann einem eine fehlende Mitgliedschaft im woken Club sehr negativ ausgelegt werden.


Wie könnte eine „Woke Welle“ aussehen? Was müsste man ändern? 

Wie frauenfeindlich ist die Gesellschaft? Theorie vs. Forschung (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Titiat Scriptor

Wir leben im Patriarchat – immer noch, trotz allem. In den Gesetzbüchern sind gleiche Rechte für die Geschlechter längst verankert, nicht aber in der praktischen Umsetzung.
Im Alltag kämpfen Frauen auch im Jahr 2020 überall noch gegen strukturelle und systematische Benachteiligung. Das ist die Grundannahme feministischer Sozialkritik und zugleich ihre Existenzberechtigung.
Das Patriarchat selbst ist unsichtbar, aber seine Zeichen sind scheinbar allgegenwärtig. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die besten Positionen in Wirtschaft und Politik sind von Männern besetzt, Frauen bleiben unterrepräsentiert. Ganze Berufszweige verschanzen sich gegen den Wunsch der Frauen nach Teilhabe. Das Patriarchat – so könnte man dieses Argument zusammenfassen – ist eine Struktur, die das Handeln der Leute in ungleiche Resultate für Männer und Frauen umwandelt.

Natürlich ist denkbar, dass auch eine Gesellschaft frei von geschlechtsbezogener Benachteiligung ungleiche Ergebnisse hervorbringt – zum Beispiel dann, wenn Männer
und Frauen im Kern unterschiedlich sind und deshalb verschiedene Lebensentscheidungen treffen. Diese Möglichkeit wird im feministischen Diskurs aber als eine Art biologischer Essenzialismus mehr oder minder explizit verworfen.

Möchte man dieser Logik folgen, stößt man unweigerlich im tiefsten Inneren der Patriarchats-These auf die alles entscheidende Frage: Was bewirkt denn eigentlich, dass die Welt trotz vermeintlich gleicher Interessen Männer und Frauen in unterschiedliche Positionen manövriert? Was ist die Ursache, der Antrieb, der Auslöser für Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Die Antwort, die man üblicherweise auf diese Frage findet, lautet in etwa so: Wir leben
in einer Gesellschaft von Männern für Männer. Die Einstellungen, Werte und Handlungsmuster, die uns von Kindesbeinen an mitgegeben werden, stellen männliche
Bedürfnisse und männliches Verhalten an die erste Stelle. Frauen werden entweder mit einem Achselzucken ignoriert oder aktiv benachteiligt. Es geht, anders gesagt, um frauenfeindliche Vorurteile in den Köpfen der Leute.

Ein aktuelles Beispiel: In ihrem Buch „Down Girl. Die Logik der Misogynie" (2019) beschreibt Kate Manne Frauenfeindlichkeit als integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Von Frauen, schreibt sie, werden Verhaltensweisen erwartet, die männliche Privilegien aufrechterhalten. Rebellinnen gegen das Patriarchat werden vom System bestraft. Männer hingegen profitieren von gesellschaftlicher „Himpathy“ was sinngemäß so viel heißen soll wie ungerechtfertigte
Sympathie für misogyne und asoziale Männlichkeit.

Soweit die Theorie. Wichtiger ist die Forschung. Denn: Ob wir in der oben beschriebenen Welt leben, ist am Ende keine philosophische, sondern eine empirische

Frage: Ist es also empirisch gerechtfertigt, zu sagen, dass bestehende Geschlechtervorurteile so sehr zu Lasten von Frauen gehen und Männer so sehr bevorzugen, dass man die Gesellschaft insgesamt als frauenfeindlich beschreiben
kann?

Was folgt, ist ein Auszug aus der aktuellen sozialpsychologischen und soziologischen Forschung. Alle zitierten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeichnen ein Bild von der
Richtung geschlechtsspezifischer Vorurteile in unserer Gesellschaft, das im harten Kontrast zu den oben skizzierten Behauptungen steht. Sie zeigen, dass es zu einfach ist, Frauen als rundherum benachteiligt zu beschreiben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Was folgt, ist natürlich kein Beleg dafür, dass Frauen nicht an vielen anderen Stellen benachteiligt sein können. Oder dass Frauen in unserer Gesellschaft unter dem Strich weniger benachteiligt sind als Männer. Darum geht es hier im Kern nicht. Es geht um die Frage, wie viele empirische Erkenntnisse, die der Patriarchats-These zuwiderlaufen, man hinnehmen möchte, bevor man die These von der insgesamt misogynen Gesellschaft verwirft oder zumindest infrage stellt.

Was also sagt die Forschung?

Die folgenden Studien können über http://www.doi.org mit den angegebenen Nummern
identifiziert werden.

1. Die Zukunft gehört autonom fahrenden Autos. Aber wie soll der Algorithmus menschliches Leben priorisieren, wenn ein Unfall nicht mehr vermeidbar ist und sich nur noch die Frage stellt, wer sterben muss? Rund 2 Millionen Befragte in einem weltweiten Online-Survey würden mehrheitlich eher männliche als weibliche Unbeteiligte opfern (DOI: 10.2478/nimmir-2019-0015).

2. Die Tendenz, weibliches Leben höher zu priorisieren als männliches ist auch in vielen anderen Kontexten belegbar. In verschiedenen Experimenten zum Umgang mit moralischen Dilemmas werfen die Testpersonen Männer häufiger vor fahrende Züge als Frauen, um Unschuldige zu retten. Sie fügen Männern häufiger und stärkere Stromstöße zu als Frauen. Sie retten Männer seltener von sinkenden Schiffen und helfen ihnen überhaupt seltener in Notlagen (DOI: 10.1177/1948550616647448).

3. Dass aggressives Auftreten das Ansehen von Männern fördert, das von Frauen aber beschädigt, wird immer wieder behauptet. Dazu im Kontrast stehen die Ergebnisse eines Experiments mit unterschiedlichen Aggressionsszenarien. Hier bewerteten die Probanden weibliche Aggression als moralisch akzeptabler als männliche Aggression
(DOI: 10.1023/A:1019665803317).

4. Und wie steht es um negative Stereotype im Berufsleben? Forscher ließen in einem groß angelegten Experiment mit mehr als 800 männlichen und weiblichen Entscheidern MINT-Lehrstühle an Universitäten an fiktive Bewerber vergeben. Bei gleicher Qualifikation wurden Frauen mit einer Präferenz von 2:1 vor Männern eingestellt (DOI: 10.1073/pnas.1418878112).

5. Auch in anderen Bereichen findet sich kein Widerstand gegen die Ausweitung weiblicher Teilhabe am Berufsleben, im Gegenteil. In Experimenten zeigen Probanden eine größere Bereitschaft, männerdominierte Berufe durch politische Maßnahmen für
Frauen zu öffnen als frauendominierte Berufe für Männer (DOI:10.1016/j.jesp.2019.03.013).

6. Eine Untersuchung zeigt, dass Leistungsbewertungen am Arbeitsplatz weniger akkurat sind, wenn die bewertete Person weiblich ist. Offenbar sind Vorgesetzte eher bereit, Bewertungen von Frauen nach oben zu korrigieren als Bewertungen von männlichen Angestellten. Ob man hier von einem Vorteil für Frauen sprechen kann, scheint zumindest fraglich. Das Ergebnis steht aber dennoch im Kontrast zur häufig geäußerten Behauptung, Frauen würden im Berufsleben negativer bewertet als Männer (DOI: 10.5465/ambpp.2016.18003abstract).

7. Selbst in der Bewertung vermeintlich objektiver Forschungsergebnisse lässt sich ein erhebliches gesellschaftliches Wohlwollen Frauen gegenüber aufspüren. Fiktive Studien zu biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern werden von Psychologinnen und Psychologen unterschiedlich eingeschätzt, je nachdem welchem Geschlecht in den Studien positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Eine erfundene Studie, die Frauen größere künstlerische Fähigkeiten und mehr Ehrlichkeit attestiert, wird als relevanter, glaubwürdiger, hilfreicher und weniger schädlich eingeschätzt als dieselbe Studie mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen (DOI: 10.1111/bjop.12463).

8. In dieselbe Richtung geht ein Experiment, in dem Probanden fiktive Ergebnisse von Leistungstests bewerten sollen. Erzielen Männer im Schnitt bessere Ergebnisse als Frauen, wird die Testmethode eher als sexistisch, unfair und inakzeptabel gesehen als im umgekehrten Fall (DOI: 10.2139/ssrn.3175680).

9. In einem anderen Experiment zeigen sich die Testpersonen eher bereit, ein wissenschaftliches Fachbuch zu zensieren, in dem Männer evolutionsbedingt als bessere Führungskräfte beschrieben werden als ein Buch mit der entgegengesetzten
Aussage (Quelle1).

10. Auch beim Thema antisoziales und kriminelles Verhalten wird Frauen mit mehr Wohlwollen und Verständnis begegnet als Männern. In Surveys erhalten zum Beispiel hypothetische Vergewaltigungsopfer mehr Empathie, wenn der Täter männlich ist. Empathie mit weiblichen Tätern ist dann besonders ausgeprägt, wenn ihr Opfer ein Mann ist. Ganz allgemein erhalten männliche Opfer die wenigste Empathie, besonders von anderen Männern (DOI: 10.1007/s11199-010-9919-7).

11. In einem weiteren Experiment beurteilen juristische Laien die strafrechtliche Relevanz von sexualisierter Gewalt und Zwang je nach Geschlecht der Täter unterschiedlich. Die Taten von Frauen gelten eher als entschuldbar und moralisch akzeptabel als die Taten von Männern (DOI: 10.1891/0886-6708.26.6.799).

12. Lässt man in Experimenten Testpersonen als Jury über das Strafmaß von fiktiven
männlichen und weiblichen Tätern bestimmen, zeigt sich, dass Männer für dieselben Taten schwerere Strafen erhalten als Frauen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn das Opfer weiblich ist (DOI: 10.1111/j.1559-1816.1994.tb01552.x).

13. Quantitative Auswertungen von tatsächlichen Strafprozessen deuten in dieselbe Richtung. Weibliche Sexualstraftäter erhalten vor Gericht für vergleichbare Taten weniger drastische Strafen als Männer (DOI: 10.1007/s10940-019-09416-x).

14. Auch bei anderen Verbrechen bestätigt sich diese Tendenz: Eine große Auswertung von rund 77.000 Strafprozessen in den USA ergibt, dass Männer für vergleichbare Taten seltener Bewährungsstrafen erhalten als Frauen. Werden Gefängnisstrafen verhängt, sind sie für Männer tendenziell länger als für Frauen (DOI: 10.1086/320276).

Soweit eine Auswahl aus der Literatur. Viele weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen könnten ergänzt werden. Und selbst wenn man auf einzelne Ergebnisse nicht zu viel Gewicht legt und annimmt, dass einzelne Erkenntnisse in Kontrollstudien so nicht reproduzierbar wären, zeichnet selbst dieser oberflächliche Literaturüberblick ein deutlich differenzierteres Bild unserer Gesellschaft als eingangs beschrieben.

Es stimmt: Geschlechterspezifische Vorurteile sind allgegenwärtig. Aber in den oben genannten, durchaus zentralen gesellschaftlichen Fragen lässt sich eine systematische, allgegenwärtige Benachteiligung von Frauen nicht entdecken. Es wäre grundfalsch, daraus zu schließen, dass wir in einer insgesamt männerfeindlichen Gesellschaft leben. Ebenso falsch erscheint aber die Behauptung, dass wir in einer insgesamt frauenfeindlichen Welt zu Hause sind. Einfache Wahrheiten gehen, wie so häufig, am
Kern des Problems vorbei.

Der Autor schreibt unter dem Namen @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

„Harper’s Letter“

Eine Anzahl von Prominenten, darunter etwa Chomsky, Haidt, Pinker,  Margret Atwood, Gloria Steinem, Rushdie und Rowling haben einen Brief geschrieben („Ein Brief über Gerechtigkeit und die offene Debatte„), der auf Harpers.org erschienen ist und demnach schnell als Harper’s Letter bekannt geworden ist. In diesen warnen sie vor den Gefahren der Cancel Culture und halten die Meinungsfreiheit hoch.

Our cultural institutions are facing a moment of trial. Powerful protests for racial and social justice are leading to overdue demands for police reform, along with wider calls for greater equality and inclusion across our society, not least in higher education, journalism, philanthropy, and the arts. But this needed reckoning has also intensified a new set of moral attitudes and political commitments that tend to weaken our norms of open debate and toleration of differences in favor of ideological conformity. As we applaud the first development, we also raise our voices against the second. The forces of illiberalism are gaining strength throughout the world and have a powerful ally in Donald Trump, who represents a real threat to democracy. But resistance must not be allowed to harden into its own brand of dogma or coercion—which right-wing demagogues are already exploiting. The democratic inclusion we want can be achieved only if we speak out against the intolerant climate that has set in on all sides.

Das wäre dann die Einleitung, die vermutlich erst einmal deutlich machen soll auf welcher Seite man steht um das dann folgende passend einzuordnen.

But resistance must not be allowed to harden into its own brand of dogma or coercion—which right-wing demagogues are already exploiting. The democratic inclusion we want can be achieved only if we speak out against the intolerant climate that has set in on all sides.

Also die Einschätzung, dass man ein intolerantes Klima auf beiden Seiten kritisieren muss und nicht nur den rechten Bereich kritisieren sollte, sondern auch Fehler der linken Seite.

The free exchange of information and ideas, the lifeblood of a liberal society, is daily becoming more constricted. While we have come to expect this on the radical right, censoriousness is also spreading more widely in our culture: an intolerance of opposing views, a vogue for public shaming and ostracism, and the tendency to dissolve complex policy issues in a blinding moral certainty.

Das wäre ein relativ direkter Angriff auf die gegenwärtige Ausgestaltung intersektionaler Theorien, die damit verbundene Intoleranz und die Cancel Culture.

We uphold the value of robust and even caustic counter-speech from all quarters.

Also der Gedanke, dass jede Seite sich auch gegen verbale Angriffe auf ihre Seite verbal verteidigen darf. „Caustic“ wäre „bissig“ „Sarkastisch“ oder „Scharfe“ Erwiderung

But it is now all too common to hear calls for swift and severe retribution in response to perceived transgressions of speech and thought. More troubling still, institutional leaders, in a spirit of panicked damage control, are delivering hasty and disproportionate punishments instead of considered reforms. Editors are fired for running controversial pieces; books are withdrawn for alleged inauthenticity; journalists are barred from writing on certain topics; professors are investigated for quoting works of literature in class; a researcher is fired for circulating a peer-reviewed academic study; and the heads of organizations are ousted for what are sometimes just clumsy mistakes. Whatever the arguments around each particular incident, the result has been to steadily narrow the boundaries of what can be said without the threat of reprisal. We are already paying the price in greater risk aversion among writers, artists, and journalists who fear for their livelihoods if they depart from the consensus, or even lack sufficient zeal in agreement.

Also eine Kritik, dass die Reaktionen zu weit gehen und die Auffassung, dass die Schwelle dessen was man noch sagen darf, ohne das man mit ernsten Folgen bedroht wird, immer mehr abgesenkt wird.

Es wird zudem angeführt, dass man bereits merkt, dass die Leute immer weniger bereit sind ein Risiko einzugehen, weil ihre Lebensgrundlage dadurch gefährdet ist.

This stifling atmosphere will ultimately harm the most vital causes of our time. The restriction of debate, whether by a repressive government or an intolerant society, invariably hurts those who lack power and makes everyone less capable of democratic participation. The way to defeat bad ideas is by exposure, argument, and persuasion, not by trying to silence or wish them away. We refuse any false choice between justice and freedom, which cannot exist without each other. As writers we need a culture that leaves us room for experimentation, risk taking, and even mistakes. We need to preserve the possibility of good-faith disagreement without dire professional consequences. If we won’t defend the very thing on which our work depends, we shouldn’t expect the public or the state to defend it for us.

Also ein klassisches Bekenntnis zur Meinungs- und Redefreiheit und für den Gedanken, dass man sich argumentativ auseinander setzen sollte und sich auch die Möglichkeit offen halten sollte, dass man einfach mit jemanden verschiedener Meinung sein kann, ohne das es für einen der beiden negative Konsequenzen haben sollte.

Eigentlich ist das ein Statement gegen das man weiter nichts sagen könnte. Wer den Streit dahinter und die extremeren intersektionalen Positionen nicht kennt, der würde an dem Brief nichts besonderes sehen. Ich vermute einmal vor 15 Jahren hätte man sich gefragt, warum sie ihn überhaupt meinen so etwas schreiben zu müssen.

Jedem, der die Debatte aber kennt ist klar, dass sie sich damit Feinde geschaffen haben, nicht zuletzt auch allein schon weil sie Rowling mit im Boot haben, aber natürlich auch inhaltlich.

Mir sind auch die meisten Namen der Unterzeichner unbekannt, keine Ahnung welche „größeren“ Namen da noch dabei sind.

Politiker kritisiert Männerhass weiblicher linker Politiker: „Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht“

Der schweizer FDP Abgordnete Hans-Peter Portmann beschwert sich darüber, die insbesondere linke Politikerinnen über Männer reden (via Arne)

Landbote: Herr Portmann, Sie gelten als eher ruhiger Parlamentarier. Plötzlich platzte Ihnen im Nationalratssaal der Kragen. „Mir hängt dieses Männerbashing in diesem Saal langsam zum Hals heraus!“, sagten Sie am Rednerpult. Auf Twitter legten Sie nach: „Diesen linken Kindergarten habe ich langsam satt!“ Was ist in Sie gefahren?

Hans-Peter Portmann: Während der ausserordentlichen Debatte mussten wir uns pausenlos anhören, wie sehr die Frauen während der Corona-Krise benachteiligt werden und wie böse die Männer sind. Als dann Irène Kälin behauptete, die Männer hätten sich als Krisenmanager in den Vordergrund gerückt, während die Frauen die eigentliche Arbeit verrichteten, musste ich intervenieren. Nun war einfach genug!

Landbote: Was stimmt an Irène Kälins Aussage nicht?

Hans-Peter Portmann: Die Schweiz hatte während der Krise mit Simonetta Sommaruga eine Frau als Bundespräsidentin. Und Irène Kälin selber führte die Verwaltungsdelegation an, die alle räumlichen und zeitlichen Entscheidungen für das Parlament getroffen hat. Es gab also sehr wohl Frauen in Führungspositionen. Aber es geht um mehr. Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht. Das Bashing wurde mit absurden Forderungen verknüpft wie etwa, die Corona-Hilfskredite seien mittels „Gender Budgeting“ nach Geschlecht zu verteilen. Es nimmt groteske Züge an.

Landbote: Sind Sie einfach ein bisschen dünnhäutig?

Hans-Peter Portmann: Nein. Mehrere linke Parlamentarierinnen haben ihre Reden mit den Worten begonnen „Liebe Männer und noch mehr liebe Frauen“. Man stelle sich vor, ein Mann würde dies umgekehrt machen. Oder jemand würde sagen „Liebe Ausländer und noch mehr liebe Schweizerinnen und Schweizer“. Es wäre die Hölle los! Die Forderung nach „Gender Budgeting“ ist sogar verfassungswidrig, wie auf meine Anfrage hin selbst Bundesrat Alain Berset bestätigte: Das Geld muss nach dem Prinzip der Gleichbehandlung verteilt werden, nicht nach dem Geschlecht.

Landbote: Sie setzen sich als Schwuler für die Rechte von Homosexuellen ein. Haben Sie nicht Verständnis dafür, dass auch die Frauen für ihre Anliegen kämpfen?

Hans-Peter Portmann: Ich habe im Parlament immer Frauenrechte unterstützt. Würden aber Schwule dermassen abschätzig über Heterosexuelle reden wie jetzt diese Frauen über die Männer, so würde ich mich auch wehren. Da wird mir übel.

Landbote: Übel?

Hans-Peter Portmann: Ja. Ich sage das auch immer in der schwul-lesbischen Bewegung: Wir fordern ein, dass man uns nicht diskriminiert. Aber dann machen wir das auch nicht mit anderen Leuten oder anderen Meinungen. Bei diesen Frauen aber hat man das Gefühl, sie stünden im ständigen Kampf gegen die böse Männerwelt. Sie üben genau jene Herabsetzungen aus, gegen die sie sonst zu Recht auf die Strasse gehen. Ich wollte im Nationalratssaal diesen Frauen den Spiegel vorhalten. Mal sagen: „Jetzt reicht es langsam!“

Landbote: Wie waren die Reaktionen?

Hans-Peter Portmann: Auf bürgerlicher Seite sind bis weit in die Mitte auch alle Frauen auf meiner Seite. Auch ihnen geht dieses ewige Gejammer der linken Frauen über die Männer auf die Nerven.

Gut, wenn es jemand mal sagt. Und wahrscheinlich auch kein Zufall, dass ein Homosexueller da das Wort ergreift.
Immerhin beruhigend, dass „bis weit in die Mitte“ die Frauen auf seiner Seite waren.