Was verhindert, dass wir die genzentrierte Sicht verstehen?

Die genzentrierte Sicht führt immer wieder zu Widerspruch und scheint allgemein etwas zu sein, was viele Leute schwer akzeptieren können.

1. Versucht eines Beispiels

Ein Problem scheint mir zu sein, dass wir unsere Bedürfnisse als solche wahrnehmen und es uns schwer fällt einen übergeordneten Zweck, gerade etwas so abstraktes wie Fortpflanzung und Weitergabe von Genen, darin zu sehen. Für uns sind sie eben selbstverständlich Grundlage unseres Handelns. Aus unserem Hungergefühl zu abstrahieren, dass wir dieses nur entwickelt haben, damit wir Gene weitergeben und das „Überleben“ dazu nur ein notwendiger Zweck ist, erscheint uns bizarr, weil dieser Zweck uns selbstverständlich erscheint.

Dass es Selektionsprozesse geben kann, die dazu führen, dass ein Tier zB Brutpflege oder Eiablage über Ernährung priorisiert erscheint uns merkwürdig und nicht zu uns passend. Das liegt natürlich auch daran, dass ein Lebewesen, welches verhungert sich zunächst erst einmal nicht fortpflanzen kann. Gerade bei einer Spezies, die eine sehr lange Aufzucht von Kindern betreibt und bei denen Qualität des Nachwuchses vor Quantität geht und diese Qualität mit einer erheblichen Förderung erreicht wird ist eine kurzfristige Verlagerung auf Fortpflanzung zu Gunsten der Ernährung auch nur schwer möglich. Diese Erwägung passen insofern nicht für unsere Art, was ein verstehen erschwert. Bei Fischen, die Flussaufwärts ziehen, dort sich fortpflanzen und dann sterben sieht es ganz anders aus. Länger leben bringt für sie keinen wesentlichen Vorteil, es ist effektiver, dass sie alle Kraft in die Fortpflanzung stecken, auch wenn sie dann nicht überleben.

Dennoch bleibt es schwierig für viele uns als Teil eines solchen Prozesses zu sehen, weil wir eben lange leben.

Möglicherweise ist es einfacher, wenn man ein Bild verwendet:

Eine Fabrik ist zunächst erst einmal auf die Produktion bestimmter Waren und den Gewinn der Gesellschafter ausgelegt. Gewinn und Produktion von Waren wären hier in diesem Beispiel das Äquivalent der Fortpflanzung.

In einer Fabrik könnte man die Vorgänger aber auch anders sehen, wenn man diesen für uns deutlichen Zweck ausblendet. Der Gesellschafter ist natürlich auch um das Wohl seiner Arbeitnehmer besorgt, da er ohne sie nicht produzieren kann. Er richtet die Arbeitsplätze entsprechend ein, gerade dann wenn er qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, die hochwertige Arbeit leisten. Er versucht Annehmlichkeiten zu installieren, die die Mitarbeiter glücklich stimmen und den Arbeitsplatz attraktiv machen. Er richtet beispielsweise eine gute Kantine ein oder andere Annehmlichkeiten wie Firmenfeiern oder Dienstwagen oder diverse andere Vorgänger von Massagen im Büro über Altersvorsorgen, die über das gesetzliche hinausgehen.

Bei einer Firma, die mit unqualifizierten Mitarbeitern produziert und billige Ware ausstößt, wird man dies nicht finden. Ein solcher Chef mag eher bereit sein seine Arbeitnehmer auszubeuten, da er sie jederzeit leicht ersetzen kann. Hingegen wird dies bei einer hochqualifizierten Tätigkeit, bei der ein starker Konkurrenzdruck bezüglich des Anwerbens von Mitarbeitern mit entsprechenden Fähigkeiten besteht und in einer Branche, die gute Gewinne macht und sich daher in einer starken Konkurrenz um Fliege Mitarbeiter, die diese Gewinne erhalten ist, anders aussehen.

Jemand, der nun anführt, dass ein Betrieb, der sich um hochwertige Mitarbeiter bemühen muss, nicht auf die Produktion von Waren und Gewinn ausgelegt ist, sondern darauf, dass es den Mitarbeitern gut geht, wird auch diverse Punkte anführen können, die in der Firma genau aus diesem Grund durchgeführt werden. Er wird vielleicht annehmen, dass diese Aktionen Selbstzweck sind. Der Betrieb ist dann auf die Versorgung der Mitarbeiter ausgelegt und deren Wohlergehen.

Die Produktion der Ware dient nicht mehr dem Gewinn, sondern ist lediglich Vorwand um die Mitarbeiter gut versorgen zu können. In dieser mitarbeiterzentrierten Sicht erscheint alles auf die Mitarbeiter ausgerichtet, was dann eben so die gute Betreuung dieser Mitarbeiter erklärt. Gegenargumente wären dann, dass er sie auch schlechter Behandlung könnte, dass sie nur bestimmte Arbeitszeiten haben, in denen ihnen erlaubt wird hochinteressanten Tätigkeiten nachzugehen und es wird auf die entsprechende Annehmlichkeiten, die der Arbeitgeber bereitstellt, verwiesen. Wie sollte er sonst Mitarbeiter auf diese Weise begünstigen, wenn sie nicht bei ihm arbeiten? Er könne ja ohne den Betrieb auch nicht die Annehmlichkeiten bereitstellen, die Produktion von Waren sei lediglich Anlass für das entsprechende gute Verhalten gegenüber den Mitarbeitern es handle sich letztendlich lediglich um eine Stelle, an der Mitarbeiter versorgt werden, nicht Waren produziert werden. Jemand, die Produktion von Waren abstellen würde hätte genau den falschen Blick, diese Seite ganz unwesentlich und nur ein zufälliges Element in der Versorgung der Mitarbeiter, welches eben nebenher stattfindet.

Auch hier kommen jetzt endlich langfristig nur solche Firmen dauerhaft über die Runden, die entsprechende Produkte produzieren und sich an die Gegebenheiten des Marktes anpassen. Solche, die lediglich auf Versorgung von Mitarbeitern ausgelegt sind, werden hingegen vom Markt verschwinden. Dennoch hat in einem hochqualifizierten Bereich die Versorgung der Mitarbeiter mit Interesse mit guten Gehältern und interessanten und angenehmen Arbeitsplätzen eine hohe Priorität, da sie gerade das bestehen am Markt ermöglicht. Das Bestehen am Markt ist jedoch das, was die Firma letztendlich weiterbringt und bei einer Betrachtung über den entsprechend langen Zeitraum ist die Produktion der Ware und deren Verkauf zu attraktiven Preisen an einem Markt in Konkurrenz letztendlich das Kriterium, welches zählt.

Die Lage der Gene ist noch viel brisanter als die Lage eines Betriebs, der fähige Mitarbeiter braucht:

Die Gene haben nur einen einzigen potentiellen Angestelltenpool, mit dem sie sehr hochwertige Produkte herstellen können: Einen selbst. Arbeitet er nicht für sie, dann müssen sie minderwertige Produkte herstellen (denn die Gene finden sich in dieser Form abgesehen von Zwillingen so in keinem anderen Körper, es bleiben dann nur Verwandte mit deutlich geringeren Anteil der eigenen Gene) .

Wer nur einen geringen Pool von Angestellten hat, mit denen er arbeiten und Gewinn machen kann, der wird eben noch viel mehr für diese tun, wird weniger wollen, dass sie Risiken eingehen, wird wollen, dass diese für Geschäftspartner, mit denen man das Produkt, was den Gewinn bringt, möglichst attraktiv ist und der Wert dort offensichtlich wird etc.

Der Mitarbeiter eines solchen Betriebs wäre vielleicht auch der Auffassung, dass sich alles nur um ihn dreht – und in gewisser Weise hätte er auch recht. Denn er ist der beste Weg für Gewinn.

2. Alles ist Fortpflanzung? Warum dann nicht einfach Sex

In einer Diskussion ging es kürzlich darum, dass man für Fortpflanzung doch einfach nur Sex haben müsste. Alles andere damit in Verbindung damit zu bringen sei doch vollkommen unnötig, Kunst oder andere Sachen seien eben schlicht Kultur und hätten damit nichts zu tun.

Aber das unterschätzt eben, dass man sich nicht nur einfach Fortpflanzen will, sondern, dass man wie in dem obigen Beispiel ja langfristig im Geschäft bleiben will.

Deswegen wird es interessant, Werbung zu machen, etwa durch Signale für die eigene Kraft, Intelligenz etc. Eine der einfachsten Wege das zu machen, ist deutlich zu machen, dass man besser ist als ein anderer potentieller Kandidat, also intrasexuelle Konkurrenz:

Das kann ganz direkt sein:

Oder auch indirekt, indem man besondere Anzeichen ausbildet, die darstellen, dass man „gute Gene“ hat und trotz besonderer Lasten sein Leben meistert:

Die Konkurrenz kann dabei auch über andere Sachen als Aussehen erfolgen:

Und sogar im Tierreicht findet man bestimmte Formen von Kunst:

„Kunst“ bietet sich sogar gerade an, weil sie es einem erlaubt Denkfähigkeit darzustellen. Und bei keiner Spezies ist Denkfähigkeit entscheidender als beim Menschen, sie ist das, was einem wohl die allermeisten Vorteile bringt.

Es ist damit zu erwarten, dass wir gerade auch im Bereich Intelligenz konkurrieren.

Ein anderer Weg darzulegen, dass man besser ist, aber gleichzeitig die Gefahren von Statuskämpfen zu vermindern, ist eine Hierachie auszubilden und in ihr möglichst weit oben zu stehen.

Das nutzen beispielsweise auch andere Primaten:

ABSTRACT In social animals, competition among males for mates affects individual reproductive success. The priority-of-access model attempts to account for the influence of demographic conditions within groups upon male reproductive success, but empirical data for testing this model are scarce. Our long-term study of chimpanzees in the Taı¨ National Park, Coˆte d’Ivoire, encompasses a period of steady decrease in community size and fluctuating numbers of competing males and sexually receptive females. These demographic changes, in combination with genetic assessment of paternity for 48 offspring from three communities, allowed us to quantify the effects of varying levels of competition upon male reproductive success.
On average, the highest-ranking male sired 50% of all analyzed offspring during a 14-year period from 1987– 2000. Competition among males strongly decreased the relative reproductive success of the alpha male, such that the alpha male’s rate of success decreased from 67% with few competitors to only 38% with four or more competitors.The increasing number of synchronously receptive females in large groups also reduced the proportion of paternities by the alpha male. Thus, patterns of paternity in Taı¨ chimpanzees fit well the predictions of the priorityof-access model. We also found that despite the inability of dominants to monopolize reproduction, they achieved a higher reproductive rate in large multimale groups, because these have more females and a higher infant survival rate. Varied levels of male competition within communities seem to explain differences in the reproductive success of alpha males observed in different chimpanzee populations, and in other primate species.

Man sieht, dass Status sich auszahlt. Wie man Status aufbaut ist dabei relativ egal, bei Menschen ist es eben komplizierter als bei Affen, weil wir intelligenter sind und eine wesentlich komplexere Welt hervorgebracht haben.

Das unserer Kampf um die Stelle des Abteilungsleiters, unser Wunsch über ein Studium einen Beruf mit einem höheren Status zu erhalten, alle Ausdruck davon sind, ebenso wie Rap-Musik, Kunst oder andere Luxusgüter klingt für viele falsch. Es ist aber nur eine Frage, wie sehr man bereit ist, solche Punkte zu abstrahieren um sie mit dem „tierischen Level“ vergleichbar zu machen, bei dem wir das problemlos akzeptieren

Sexuelle Selektion und evolutionäre Theorien sind die Einzigen, die hier eine über alle Bereiche stimmige Theorie hervorbringen.

Siehe auch:

Ein passender Wikipediaartikel dazu wäre:

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„Wir haben uns von den Selektionsdrücken unabhängig gemacht und stehen über der Evolution“

 

Warum wir altern

Eine interessante Passage dazu, warum wir altern:

Es bestätigt mal wieder, dass Fortpflanzung das wesentliche Element der Evolution ist. Denn ein langes Leben an sich oder auch ein Überleben an sich bringt nichts, weil Gene dadurch nicht in die nächste Generation kommen. Und wenn Gene nicht in die nächste Generation kommen, dann haben sie eben zukünftig keinen Einfluss in der Spezies.

Gene, die später im Leben auftretende Schäden reparieren, haben einen immer geringeren Wert im Vergleich zu Genen, die die Wahrscheinlichkeit der Fortpflanzung erhöhen. Denn wir können schon am nächsten Tag eines unnatürlichen Todes sterben, zB von einem wilden Tier gefressen werden oder von einem Baum erschlagen werden oder von einem Feind erschlagen werden (insbesondere in der evolutionär relevanten Zeit).  Damit kann jede Maßnahme, die einen in früheren Zeiten, sagen wir mit 20, zusätzliche Energie kostet (etwa für zB den Aufbau hochwertigerer Knie), sich dafür aber mit 80 erst auswirkt, verschwendet sein und ihr Nutzen muss mit dem Nutzen verglichen werden, den es bringt, die gleiche Energie für andere Sachen zur Verfügung zu haben.

Wir leben lang, weil wir insgesamt eine Spezies sind, die auf „Qualität“ beim Nachwuchs setzt, also Kinder, die in einer geringen Zahl zur Welt kommen, lange betreut werden müssen und die spät selbständig sind. Auch die Betreuung der Großkinder hat den Nutzen eines langen Lebens sicherlich vermehrt.

Andere Tiere, die beispielsweise enorme Kosten hätten, um in kalten Gegenden durch den Winter zu kommen, wie beispielsweise viele Insekten, leben gerade deswegen nur einen Sommer und sichern mit der vorhandenen Energie eher ab, dass der Nachwuchs über den Winter kommt.  Bei einer Selektion darauf, dass ein Tier vielleicht den Winter überlebt, der Nachwuchs dann aber vielleicht nicht, kann schnell eine Selektion gegen das Tier und zugunsten des Nachwuchs erfolgen.

Bei jeder Alterserscheinung bleibt damit die Frage: Wie hoch sind die Kosten sie zu beheben und lohnt es sich, sie aufzubringen und dafür anderes zu vernachlässigen. Und das führt natürlich auch dazu, dass ähnlich wie bei einem alten Auto irgendwann die Gesamtkosten einer „Reparatur“ einzuplanen sind und der dann noch bestehende Nutzen: Wenn ein Auto noch jung ist, dann lohnt es sich bestimmte Reparaturen durchzuführen, muss man aber befürchten, dass bald noch weitere Teile den Geist aufgeben, dann kann es sich eher lohnen, das Geld statt für eine Reparatur für den „Nachfolger“ anzusparen uns zu hoffen, dass das alte Auto lang genug durchhält.