„Eine Adoption durch schwule oder lesbische Eltern ändert das geschlechtliche Verhalten der Kinder nicht“

 

 

„Die grössere intellektuelle Kraft und das stärkere Erfindungsvermögen beim Manne ist wahrscheinlich eine Folge natürlicher Zuchtwahl“

Nachdem das „Google Manifesto“ eines Harvard-Absolventen, der dann bei Google arbeitete, bereits viel Aufsehen erregte, ist es an der Zeit auf ein ebenfalls sehr skandalträchtiges Manifest zu verweisen, welches bereits für einiges Aufsehen sorgte:

Die stärksten und lebenskräftigsten Männer, – diejenigen, welche am besten ihre Familien verteidigen und für dieselben jagen konnten, welche mit den besten Waffen versehen waren und das grösste Besitztum hatten, wie z. B. eine grössere Zahl von Hunden oder anderen Tieren, – werden beim [348] Aufziehen einer durchschnittlich grösseren Anzahl von Nachkommen mehr Erfolg gehabt haben als die schwächeren, ärmeren und niederen Glieder der nämlichen Stämme. Es lässt sich auch daran nicht zweifeln, dass solche Männer allgemein im Stande gewesen sein werden, sich die anziehenderen Frauen zu wählen. Heutigen Tages erreichen es die Häuptlinge nahezu jeden Stammes auf der Erde, mehr als eine Frau zu erlangen. Bis ganz neuerdings war, wie ich von Mr. Mantell höre, beinahe jedes Mädchen auf Neuseeland, welches hübsch war oder hübsch zu werden versprach, irgend einem Häuptling „tapu“. Bei den Kaffern haben, wie Mr. C. Hamilton anführt,[17] „die Häuptlinge allgemein die Auswahl aus den Frauen in einem Umkreise von vielen Meilen und sind äusserst bedacht darauf, ihre Privilegien fest zu halten oder zu bestätigen“. Wir haben gesehen, dass jede Rasse ihren eigenen Geschmack für Schönheit hat, und wir wissen, dass es für den Menschen natürlich ist, jeden characteristischen Punkt bei seinen domesticirten Thieren, bei seiner Kleidung, seinen Ornamenten und bei seiner persönlichen Erscheinung zu bewundern, sobald sie auch nur ein wenig über den mittleren Maassstab hinaus geführt sind. Wenn nun die verschiedenen vorstehenden Sätze zugegeben werden, und ich kann nicht sehen, dass sie zweifelhaft wären, so würde es ein unerklärlicher Umstand sein, wenn die Auswahl der anziehenderen Frauen durch die kraftvolleren Männer eines jeden Stammes, welche im Mittel eine grössere Zahl von Kindern aufziehen würden, nicht nach dem Verlaufe vieler Generationen in einem gewissen Grade den Character des Stammes modificirt haben würde.

Wenn bei unseren domesticirten Thieren eine fremde Rasse in ein neues Land eingeführt wird, oder wenn eine eingeborene Rasse lange Zeit und sorgfältig entweder zum Nutzen oder zur Zierde beachtet wird, so findet man nach mehreren Generationen, dass sie, sobald nur die Mittel zur Vergleichung existiren, einen grösseren oder geringeren Betrag an Veränderung erlitten hat. Dies ist eine Folge der während einer langen Reihe von Generationen fortgeübten unbewussten Zuchtwahl, d. h. der Erhaltung der am meisten gebilligten Individuen, ohne irgend einen Wunsch oder eine Erwartung eines derartigen Resultates von Seiten des Züchters. Wenn ferner zwei sorgfältige Züchter während vieler Jahre Thiere einer und der nämlichen Familie züchten und [349] sie nicht miteinander oder mit einem gemeinsamen Maasstabe vergleichen, so finden sie nach einer Zeit, dass die Thiere zur Ueberraschung ihrer eigenen Besitzer in einem unbedeutenden Grade verschieden geworden sind.[18] Ein jeder Züchter hat, wie von Nathusius es gut ausdrückt, den Character seines eigenen Geistes, seinen eigenen Geschmack und sein Urtheil seinen Thieren aufgedrückt. Welche Ursache könnte man nun anführen, warum ähnliche Resultate nicht der lange fortgesetzten Auswahl der am meisten bewunderten Frauen durch diejenigen Männer eines jeden Stammes folgen sollten, welche im Stande waren, eine grössere Zahl von Kindern bis zur Reife zu erziehen? Dies würde unbewusste Zuchtwahl sein, denn es würde eine Wirkung hervorgebracht werden unabhängig von irgend einem Wunsche oder einer Erwartung von Seiten der Männer, welche gewisse Frauen anderen vorziehen.

Wir wollen einmal annehmen, dass die Glieder eines Stammes, bei welchem eine gewisse Form der Ehe im Gebrauche war, sich über einen nicht bewohnten Continent verbreiteten; sie werden sich bald in verschiedene Horden theilen, welche durch verschiedene Grenzen und noch wirksamer durch die unaufhörlich zwischen allen barbarischen Nationen eintretenden Kriege von einander getrennt werden. Die Horden werden auf diese Weise unbedeutend verschiedenen Lebensbedingungen und Gewohnheiten ausgesetzt werden und werden früher oder später dazu kommen, in einem geringen Grade von einander abzuweichen. Sobald dies einträte, würde jeder isolirte Stamm für sich selbst einen unbedeutend verschiedenen Maassstab der Schönheit sich bilden,[19] und dann würde unbewusste Zuchtwahl dadurch in Wirksamkeit treten, dass die kraftvolleren und leitenden Glieder der wilden Stämme gewisse Weiber anderen vorzögen. Hierdurch werden die Verschiedenheiten zwischen den Stämmen, die zuerst sehr unbedeutend waren, allmählich und unvermeidlich in einem immer grösseren und bedeutenderen Grade verschärft werden.

[350] Bei Thieren im Naturzustande sind viele Charactere, welche den Männchen eigen sind, wie Grösse, Stärke, specielle Waffen, Muth und Kampfsucht durch das Gesetz des Kampfes erlangt worden. Die halbmenschlichen Urerzeuger des Menschen werden, wie ihre Verwandten, die Quadrumanen, beinahe sicher in dieser Weise modificirt worden sein; und da Wilde noch immer um den Besitz ihrer Frauen kämpfen, so wird ein ähnlicher Process der Auswahl wahrscheinlich in einem grösseren oder geringeren Grade bis auf den heutigen Tag vor sich gegangen sein. Andere den Männchen der niederen Thiere eigene Charactere, wie glänzende Farben und verschiedene Ornamente, sind dadurch erlangt worden, dass die anziehenderen Männchen von den Weibchen vorgezogen worden sind. Es finden sich indessen ausnahmsweise Fälle, in denen die Männchen, statt ihrerseits gewählt worden zu sein, selbst der wählende Theil gewesen sind. Wir erkennen solche Fälle daran, dass die Weibchen in einem höheren Grade verziert worden sind als die Männchen, wobei ihre ornamentalen Charactere ausschliesslich oder hauptsächlich auf ihre weiblichen Nachkommen überliefert worden sind. Ein derartiger Fall ist aus der Ordnung, zu welcher der Mensch gehört, beschrieben worden, nämlich der Rhesus-Affe.

Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat. Die Frauen sind sich überall des Werthes ihrer Schönheit bewusst, und wenn sie die Mittel haben, finden sie ein grösseres Entzücken daran, sich selbst mit allen Arten von Ornamenten zu schmücken, als es die Männer thun. Sie borgen Schmuckfedern männlicher Vögel, mit denen die Natur dieses Geschlecht zierte, um die Weibchen zu bezaubern. Da die Frauen seit langer Zeit ihrer Schönheit wegen gewählt worden sind, so ist es nicht überraschend, dass einige der an ihnen nach einander auftretenden Abänderungen ausschliesslich auf dasselbe Geschlecht überliefert worden sind, dass folglich auch die Frauen ihre Schönheit in einem etwas höheren Grade ihren weiblichen als ihren männlichen Nachkommen überliefert haben und daher, der allgemeinen Meinung nach, schöner geworden sind als die Männer. Die Frauen überliefern indess sicher die meisten ihrer Charactere, mit Einschluss der Schönheit, ihren Nachkommen beiderlei Geschlechts, so dass das beständige Vorziehen der anziehenderen Frauen [351] durch die Männer einer jeden Rasse je nach ihrem Maassstabe von Geschmack dahin geführt haben wird, alle Individuen beider Geschlechter, die zu der Rasse gehören, in einer und derselben Weise zu modificiren.

Was die andere Form geschlechtlicher Zuchtwahl betrifft (welche bei den niederen Thieren bei weitem die häufigste ist), nämlich wo das Weibchen der auswählende Theil ist und nur diejenigen Männchen annimmt, welche sie am meisten anregen oder entzücken, so haben wir Grund zu glauben, dass sie früher auf die Urerzeuger des Menschen gewirkt hat. Der Mann verdankt aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Bart und vielleicht einige andere Charactere der Vererbung von einem alten Urerzeuger, welcher seine Zierathen in dieser Weise erlangte. Es kann aber diese Form von Zuchtwahl gelegentlich auch während späterer Zeiten gewirkt haben; denn bei völlig barbarischen Stämmen sind die Frauen mehr in der Lage, ihre Liebhaber zu wählen, zu verwerfen und zu versuchen, oder später ihre Ehemänner zu wechseln, als sich hätte erwarten lassen. Da dies ein Punkt von einiger Bedeutung ist, will ich die Belege, die ich zu sammeln im Stande gewesen bin, im Detail mittheilen.

Hearne beschreibt, wie eine Frau in einem der Stämme des arctischen America wiederholt ihrem Ehemanne davonlief und sich mit dem geliebten Manne verband; und bei den Charruas von Südamerica ist, wie Azara anführt, die Fähigkeit der Scheidung vollkommen frei. Wenn bei den Abiponen ein Mann ein Weib sich wählt, so handelt er mit den Eltern um den Preis. Aber „es kommt häufig vor, dass das Mädchen durch alles Das, was zwischen den Eltern und dem Bräutigam abgemacht worden ist, einen Strich zieht und hartnäckig auch nur die Erwähnung der Heirath verweigert“. Sie läuft häufig davon, verbirgt sich und verspottet damit den Bräutigam. Capitain Musters, welcher unter den Patagoniern lebte, sagt, dass ihre Ehen immer durch Neigung begründet werden; „wenn die Eltern eine Partie gegen den Willen der Tochter abmachen, so verweigert sie dieselbe und wird niemals gezwungen, nachzugeben“. Im Feuerlande erhält ein junger Mann zuerst die Zustimmung der Eltern dadurch, dass er ihnen irgend einen Dienst erweist, und dann versucht er das Mädchen fortzuführen; „will sie aber nicht, so verbirgt sie sich in den Wäldern, bis ihr Bewunderer von Herzen ermüdet ist, nach ihr zu lugen, und die Verfolgung aufgibt; dies kommt aber selten vor“. Auf den [352] Fiji-Inseln ergreift der Mann die Frau, welche er sich zum Weibe wünscht, mit factischer oder vorgegebener Gewalt; aber „wenn sie die Heimstätte ihres Entführers erreicht, so läuft sie, wenn sie die Verbindung nicht billigen sollte, zu irgend einem, der sie schützen kann. Ist sie indessen zufriedengestellt, so ist die Sache sofort abgemacht“. Bei den Kalmucken besteht ein regelmässiger Wettlauf zwischen der Braut und dem Bräutigam, wobei die erstere einen gehörigen Vorsprung hat; und Clarke „erhielt die Versicherung, es käme kein Fall vor, dass ein Mädchen gefangen würde, wenn sie nicht für den Verfolger etwas eingenommen wäre“. So besteht auch bei den wilden Stämmen des malayischen Archipels ein ähnlicher Wettlauf, und nach Mr. Bourien’s Beschreibung scheint es, wie Sir J. Lubbock bemerkt, dass „der Preis des Wettlaufs nicht für den schnellsten und der des Kampfes nicht für den stärksten, sondern für den jungen Mann bestimmt ist, welcher das Glück hatte, der bestimmten Braut zu gefallen“. Ein ähnlicher Gebrauch, mit gleichem Ausgang, herrscht auch bei den Koraks des nordöstlichen Asiens.

Wenden wir uns zu Africa. Die Kaffern kaufen ihre Frauen, und Mädchen werden von ihren Vätern heftig geschlagen, wenn sie einen auserwählten Ehegatten nicht annehmen wollen; doch geht es aus vielen von Mr. Shooter mitgetheilten Thatsachen offenbar hervor, dass sie ziemliche Freiheit der Wahl haben. So hat man erfahren, dass sehr hässliche, wenngleich reiche Männer es nicht erlangt haben, Frauen zu bekommen. Ehe die Mädchen ihre Einstimmung zur Verlobung aussprechen, veranlassen sie den Mann, sich gehörig zu präsentiren, zuerst von vorn und dann von hinten, und „seine Gangart zu zeigen“. Es ist bekannt geworden, dass sie sich einem Manne versprochen haben und doch nicht selten mit einem begünstigten Liebhaber davon gelaufen sind. So sagt auch Mr. Leslie, welcher die Kaffern sehr genau kannte: „es ist ein Irrthum, sich vorzustellen, dass ein Vater seine Tochter in derselben Weise und mit derselben Machtvollkommenheit verkaufe, mit welcher er über eine Kuh disponirt“. Bei den so niedrig stehenden Buschmänninnen von Südafrica „muss der Liebhaber, wenn ein Mädchen zur Mannbarkeit herangewachsen ist, ohne verlobt zu sein, was indessen nicht häufig vorkommt, seine Zustimmung ebensowohl wie die der Eltern erlangen“.[20][353] Mr. Winwood Reade stellte meinetwegen Nachforschungen in Bezug auf die Neger von West-Africa an, und theilt mir nun mit, dass „die Frauen wenigstens unter den intelligenteren heidnischen Stämmen keine Schwierigkeiten haben, diejenigen Männer zu bekommen, welche sie wünschen, obschon es für unweiblich angesehen wird, einen Mann aufzufordern, sie zu heirathen. Sie sind vollständig fähig, sich zu verlieben, und sind auch zarter, leidenschaftlicher und treuer Anhänglichkeit fähig“. Noch weitere Beispiele könnten angeführt werden.

Wir sehen hieraus, dass bei Wilden die Frauen in keinem so vollständig unterwürfigen Zustande in Bezug auf das Heirathen sich finden, als häufig vermuthet worden ist. Sie können die Männer, welche sie vorziehen, verführen und können zuweilen diejenigen, welche sie nicht leiden mögen, entweder vor oder nach der Heirath verwerfen. Eine Vorliebe seitens der Frauen, welche in irgend einer Richtung stetig wirkt, wird schliesslich den Character des Stammes afficiren, denn die Weiber werden allgemein nicht bloss die hübscheren Männer je nach ihrem Maassstabe von Geschmack, sondern diejenigen wählen, welche zu derselben Zeit am besten im Stande sind, sie zu vertheidigen und zu unterhalten. Derartige gut begabte Paare werden im Allgemeinen eine grössere Anzahl von Nachkommen aufziehen als die weniger begünstigten. Dasselbe Resultat wird offenbar in einer noch schärfer ausgesprochenen Weise eintreten, wenn auf beiden Seiten eine Auswahl stattfindet, d. h. wenn die anziehenderen und zu derselben Zeit auch kraftvolleren Männer die anziehenderen Weiber vorziehen und umgekehrt auch wieder von diesen vorgezogen werden. Und diese doppelte Form von Auswahl scheint factisch bei der Menschheit, besonders während der früheren Perioden unserer langen Geschichte, eingetreten zu sein.

(…)

Wir können schliessen, dass die bedeutendere Grösse, Kraft, der grössere Muth und die stärkere Kampflust und Energie des Mannes im Vergleiche mit der Frau während der Urzeiten erlangt und später hauptsächlich durch die Kämpfe rivalisirender [361] Männchen um den Besitz der Weibchen vergrössert worden sind. Die grössere intellectuelle Kraft und das stärkere Erfindungsvermögen beim Manne ist wahrscheinlich eine Folge natürlicher Zuchtwahl in Verbindung mit den vererbten Wirkungen der Gewohnheit; denn die fähigsten Männer werden beim Vertheidigen und bei dem Sorgen für sich selbst, für ihre Weiber und ihre Nachkommen den besten Erfolg gehabt haben. Soweit es die äusserst verwickelte Natur des Gegenstandes uns gestattet zu urtheilen, scheint es, als hätten unsere männlichen affenähnlichen Urerzeuger ihre Bärte als Zierathen erlangt, um das andere Geschlecht zu bezaubern oder zu reizen, und sie dann nur ihren männlichen Nachkommen überliefert. Die Weibchen wurden allem Anscheine nach zuerst in gleicher Weise zur geschlechtlichen Zierde der Haardecke entkleidet; sie überlieferten aber diesen Character beinahe gleichmässig beiden Geschlechtern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Weibchen auch in anderen Beziehungen zu demselben Zwecke und durch dieselben Mittel modificirt wurden, so dass die Frauen angenehmere Stimmen erhalten haben und schöner geworden sind als die Männer.

Aus Darwin, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl II/Zwanzigstes Capitel

Kurzrezension The Evolution of Beauty. How Darwin‘s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us

Ein Gastartikel von Jochen

Dieser schreibt vorweg:

Ich habe mir die Mühe gemacht ein neu erschienenes Buch von Richard Prum zu lesen.Es wurde in amerikanischen Medien als “ unerwartetes feministisches Manifest“ und als „Entdeckung feministischer Konzepte in der Biologie selbst“ gefeiert. Sogar der „Spiegel“ hat ein Interview mit dem Autor geführt. Es steht also zu befürchten, dass demnächst biologistische, evolutionäre Rechtfertigungen des Feminismus ventiliert werden.
Ich möchte Ihnen meine kurze Rezension dieses Buches zur Veröffentlichung anbieten.

Kurzrezension
The Evolution of Beauty. How Darwin‘s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the
Animal World – and Us
Richard O. Prum
Doubleday, 2017
Gewöhnlich beschweren sich Naturwissenschaftler über die spekulativen und unwissenschaftlichen Methoden der Geistes- und Sozialwissenschaftler. Dass es auch andersherum geht zeigt Prum mit seinem Buch „Evolution of Beauty“, das ein Beispiel ist wie ein Vogelkundler soziale Ideologien mit biologischen Argumenten unterfüttert.

Prum hat drei Anliegen: In der seit Darwin und Wallace diskutierten Frage der Evolutionslehre um das Verhältnis der natürlichen Selektion durch Anpassung (Darwin
1859) und der sexuellen Selektion durch Partnerwahl (Darwin 1871). Hier zeigt Prum detailliert und überzeugend, dass die sexuelle Selektion zu den ästhetisch elaborierten Formen des Balzverhaltens bei Vögeln geführt hat, die mit natürlicher Selektion nicht
möglich gewesen wären. Vielmehr seien die aufwändigen ästhetischen Ornamente, wie das Federkleid bei männlichen Vögeln, deren Gesang und soziales, territoriales und
architektonisches Balzverhalten biologisch kostspielig und teilweise Anpassungen, die
vordergründig das Überleben nicht fördern. Es ist ihm wichtig zu zeigen, dass auch nichtmenschliche Tiere die kognitiven Voraussetzungen besitzen ästhetische Entscheidungen fällen können. Dadurch erhält die Evolution ein willkürliches, subjektives Instrument.

Damit etabliert er das biologische Grundprinzip, das er später auf den Menschen anwendet. Dadurch, dass weibliche Vögel eine größere Investition zur Fortpflanzung
tätigen müssen als männliche Vögel – insbesondere bei den Vogelarten wo die Männchen nicht an der Brutaufzucht beteiligt sind – sind sie sehr wählerisch bei der Partnersuche. Im Gegensatz zur adaptiven Evolutionslehre, bei der die Auswahl auf die Merkmale fällt, die das „survival of the fittest“ signalisieren, ist die Triebkraft der ästhetischen Evolution die sexuelle Autonomie der weiblichen Vögel. Diese sexuelle Unabhängigkeit setzen sie bei der Partnerwahl (mate choice) durch, indem sie alleine entscheiden welche männlichen Gene an die nächste Generation weitergegeben werden. Diese ästhetische Evolution wird angetrieben von der sexuellen Anziehung der weiblichen Vögel, die bei der Partnerwahl die männlichen Vögel zum ästhetischen Wettkampf zwingen. Bemerkenswert dabei ist, dass die ästhetischen Wünsche und Präferenzen der weiblichen Vögel eine ästhetische Koevolution der männlichen Vögel steuern und so das äussere Erscheinungsbild, das Verhalten und die Balzrituale hervorbringen.
Dieser Drang nach sexueller Autonomie der weiblichen Vögel versuchen die männlichen Vögel mit Gewalt, Zwangsmaßnahmen und Vergewaltigungen zu konterkarieren. Diese Gegenkräfte haben wohl nichts mit der ästhetischen Evolution zu tun, sondern lassen sich wohl eher durch adaptive Vorgänge erklären. Ebenso untersucht Prum auch nicht diese Mechanismen bei Vogelarten, die eine gemeinsame Brutaufzucht praktizieren.

Hier läßt sich das zweite Anliegen des Buchs erkennen. Nachdem die biologischen
Gegensätze weibliche sexuelle Autonomie, vorangetrieben durch ästhetische Evolution gegen männliches Gewaltverhalten etabliert sind, geht er daran dieses Prinzip in der menschlichen Evolution nachzuweisen. Dabei findet er zahlreiche Beispiele bei unseren Vorfahren (Menschenaffen), die diese Dichotomie bestätigen. Beim Menschen wird der Konflikt zwischen männlicher sexueller Gewalt und weiblicher sexueller Selbstbestimmung durch die Paarbindung gelöst, die Ergebnis einer ästhetischen Koentwicklung zu einer  sozialen Beziehung der gegenseitigen männlichen und weiblichen reproduktiven Interessen geführt hat. Die langwierige und kompliziere Aufzucht des menschlichen Nachwuchs macht die väterliche Sorge notwendig. Die weibliche Partnerwahl hat über die ästhetische Evolution die männliche sexuelle Gewalt domestiziert.
Wie das passiert ist handelt er unter dem Titel „Der Lysistrata Effekt“ ab. Auch wenn der Autor zugesteht, dass der die Entwicklung zur weiblichen Partnerwahl beim Menschen, die bei Gorillas und Schimpansen nicht existiert, nicht erklären kann, hält er die Verweigerung von Sex für einen plausiblen Ausgangspunkt. Dadurch seien Männer, wie damals in Athen und Sparta gezwungen worden ihre Waffen niederzulegen und die Partnerwahl an die Frauen abzugeben. Er beschreibt minutiös welche körperlichen und verhaltensmäßigen Folgen das gehabt hat. Die weibliche Partnerwahl auf der seine gesamte Theorie aufbaut und ohne die alle seine Schlußfolgerungen zusammenbrechen hat er bei einigen Vogelarten mit leidenschaftlicher Detailversessenheit untersucht und beschrieben. Beim Menschen beschreibt er ausführlich, was sie bewirkt hat und begründet damit seine zentrale Hypothese. Das nennt man gemeinhin einen Zirkelschluss!

Wenn er dann schreibt: „I hope, therefore, that aesthetic evolution and sexual conflict
theory will provide a productive new intellectual interface between evolutionary biology, contemporary culture, and gender studies“ (5252), erkennt man wo der Autor falsch abgebogen ist und kann vermuten, dass der Wunsch Vater des Gedanken war.
Das dritte Anliegen des Autors is die Ästhetik und das Verhältnis von Schönheit und
Wahrheit. Hierbei handelt es sich um die Dritt-Verwertung des gleichen Gedankens.

Die herkömmliche Ästhetik drehe sich nur um die menschliche Wahrnehmung und
künstlerische Kommunikation. Diese müsse entsprechend den sensorischen und
kognitiven Fähigkeiten auch den Tieren und Pflanzen zugesprochen werden, die aufgrund der ästhetischen Evolution durch die weibliche Partnerwahl zu ästhetischem Empfinden und Ausdrucksformen befähigt seien. Analog zu der Vorstellung der adaptiven Evolutionslehre, die äußerliche Merkmale als ehrliche und wahrhaftige Signale von genetischer Überlegenheit interpretiert, lasse die ästhetische Evolution auch Signale zu die subjektiv und willkürlich sind und nicht zwangsläufig Wahrheit kommunizieren.

Für ästhetische Praktiker (Künstler) keine große Erkenntnis. Meiner Meinung nach ließe sich diese Idee der ästhetischen Evolution durch die weibliche Partnerwahl auf weitere Gebiete anwenden, z.B. auf Architektur oder Musik (was erklären würde, warum Männer die überlegenen Komponisten sind).

 

Verbergen eines höheren Partnerwerts zur Vermeidung sexueller Belästigung

Ein Artikel in „Vice“ ist sicherlich immer mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, dieser hier ist aber vom Thema her sehr interessant:

All men are bad—even the non-human ones. We talked to an evolutionary biologist and author of a new paper, „Why aren’t signals of female quality more common?,“ that suggests female animals have adapted their appearance to avoid them.

Just like human women who walk innocuously down the street on two legs, female animals also endure unwanted catcalls (or worse) from their male counterparts. And while other animals haven’t developed pepper spray or the vocalization „fuck off,“ they have their own defenses against unwanted sexual attention.

Some female butterflies, for example, emit an anti–aphrodisiac when a male tries to mate with them after they have already mated with another; the unpleasant substance drives horny males straight away. The female African swallowtail butterfly employs a unique tactic to avoid harassment: it dresses in drag by morphing its usual markings to resemble that of the black and yellow male.

Now, a new paper from UK researchers at the University of Exeter, led by Professor David Hosken, suggests female animals across most species have subtly weaponized their appearance.

Male animals typically attract female mates through flagrant visual displays that signal they’re the best reproductive choice, but males can also be discerning about their partner’s appearance. In that case, Hosken muses, „Why do females not signal their sexual quality via ornamental secondary sexual traits like males do?“

It’s long been observed that females are typically less decorated than their male counterparts—the sexual dimorphism displayed amongst peacocks is an obvious example. Previous explanations for the penchant for drab plumage among female animals have focused on the increased need for females to camouflage from predators and conserve energy for reproduction.

But Hosken theorizes that, „given that selection can favor female signals that reduce male harassment“—such as emitting an anti–aphrodisiac or forming communities away from males entirely—“it is very likely that the costs of male harassment could also select against ornaments that positively signal female quality, even if these ornaments would increase fitness in the absence of sexual harassment.“

In other words, Hosken suggests that females look deceptively dull in part to ward off unwanted male attention because the threat of sexual harassment outweighs the potential benefits of being able to attract a better mate. To test his theory, Hosken told Broadly that he is currently doing work to determine if „attractive females are more harassed“ than „non-attractive“ females.

Der Artikel ist hier über Sci-Hub im Volltext abrufbar

Ein paar Überlegungen vorab zu „Fitnesssignalen“

  • Ein Signal für Fitness ist nur dann ein ehrliches Signal, wenn es mit Kosten verbunden ist und dadurch schwer zu fälschen ist.
  • diese Kosten müssen demnach geringer sein als die Vorteile, die dadurch entstehen, dass man jemanden einen hohen Wert mitteilt.
  • Ein hoher Partnerwert lohnt sich insbesondere dann, wenn der andere zwischen vorhandenen Partnern diskriminieren muss, also sich entscheiden muss, um welchen der in Frage kommenden Partner er wirbt bzw. welchen er auswählt.
  • Sperm is cheap, eggs are expensive: In einer Spezies, bei der der Mann außer seinem Sperma nichts beisteuert, also keine Versorgung, Verteidigung oder Ausbildung der Kinder und/oder der Partnerin übernimmt lohnt es sich nicht für ihn groß auszusuchen. Das ändert sich, wenn er besonders aufwändig um eine exklusive Partnerin werben muss oder eine gemeinsame Aufzucht des Nachwuchses dessen Chancen wesentlich verbessert.
  • Ein Signal kann noch teurer sein, wenn man zusätzlich zu seinen Kosten noch die Kosten eines „Austragens“ trägt: Ein Tier, dass schwanger schwerer flüchten kann und noch besonders auffällig ist, kann insgesamt zu hohe Kosten haben, ebenso ein Tier, welches zwar seinerseits bei Entdeckung fliehen könnte, dessen Nachwuchs, der noch nicht kräftig genug ist, um zu fliehen, aber evtl mitentdeckt wird und dann nicht fliehen kann.
  • Eine Strategie, eine Person mit hohem Partnerwert für sich zu sichern ist auch, deren eigene Wahl auszuschließen, etwa durch Gewalt oder dadurch, dass man andere davon abhält, überhaupt an diese heranzukommen.

Damit ist der häufigste Grund dafür, dass Weibchen keine besonderen Verzierungen haben, dass sich die Kosten dafür nicht lohnen. Da ein Pfau freudig jede Henne begattet, die ihn lässt, reicht es, sich einfach zu dem, mit dem besten Gefieder hinzubewegen. Ansonsten wird er sich weder gesondert für eine bestimmte Henne einsetzen noch für deren Nachwuchs. Eine Vermeidung der Kosten bringt mehr.

Natürlich kann es auch Situationen geben, wo man bestimmten hochwertigen Partnern Signale geben möchte, dass man selbst interessant ist, anderen weniger hochwertigen aber nicht. Das wäre dann der Fall, wenn entweder unsicherer Situationen bestehen oder die Werbung um einen selbst Kosten verursacht, die durch das sonstige Signalling nicht aufgewogen werden.

Bei Menschen ist die Lage etwas anders: Frauen wollen einen Partner, der nicht einfach nur Sperma liefert, sondern üblicherweise Versorgung, Schutz und Ausbildung. Wir verfolgen als Menschen eine „K-Strategie„:

Typische Eigenschaften von K-Strategen

  • Langsame Individualentwicklung und hohe Körpergröße
  • Lange Lebensspanne mit geringer Vermehrungsrate
  • Später Fortpflanzungsbeginn, lange Geburtenabstände, geringe Wurfgröße
  • Ausgeprägte elterliche Brutpflege
  • Großes (leistungsstärkeres) Gehirn

Wir sind die Spezies mit den wohl unselbständigen Nachwuchs, der eine umfassende Betreuung benötigt und sich sehr langsam entwickelt. Die Chancen des Nachwuchs steigen mit einer guten Versorgung während der Schwangerschaft, der Aufzucht und auch mit der Sicherung und Weitergabe einer Position in der Gruppe.

Die Auswahl des Partners ist dafür durchaus entscheidend, weswegen die sexuelle Selektion Brüste und andere Merkmale wie etwa einen flachen Bauch als Signale für einen hohen Partnerwert bei Frauen hat entstehen lassen.

Ein Verbergen kann dann Sinn machen, wenn man die Lage als besonders gefährlich für Strategien, bei denen die Partnerwahl der Frau umgangen wird (=Vergewaltigung, aggressive Belästigung), einschätzt oder man die Werbung von zu vielen Männern einen einschränkt.

Theoretisch würde das bedeuten: Um so sicherer eine Gesellschaft, um so freizügiger können Frauen sich zeigen. Um so unsicherer eine Gesellschaft bzw. das Umfeld einer Frau, um so weniger Freizügig wird sie sich zeigen.

Es wäre insofern nicht erstaunlich, wenn Anhängerinnen einer Rape Culture Theorie, die tatsächlich eine Bedrohung sehen, sich unattraktiver machen würden.

 

Auch gut damit vereinbaren ließe sich die zusätzliche Verwendung von „Warnfarben“, die Gefahr signalisieren und abschrecken sollen:

binx big red

binx big red

Allerdings neigt menschliches Verhalten dazu, komplizierter zu sein. Gerade in einer Spezies, bei der beiderseitige Attraktivität wichtig ist, macht Attraktivität in vielen Bereichen etwas aus und betrifft auch sonstige Bewertungen. Demnach gibt es auch eine Vielzahl von Strategien neben dem Verbergen von Attraktivität, die dies ergänzen:

  • Man kann Verlangen, dass die Sicherheit noch mehr erhöht wird, damit man trotz erhöhter Angst keine Einschränkungen vornehmen muss (siehe zB Verbot des Slutshaming, die Idee, dass Kleidung nie provozieren darf und jedes Ansinnen dieser Art geahndet wird, die Idee, dass Belästigungen die schlimmste aller denkbaren Taten sind und auch bei Kleinigkeiten oder Unsicherheit sehr schwer bestraft werden, um einen Abschreckungseffekt zu erreichen und die Sicherheit zu erhöhen bzw. wieder herzustellen)
  • Man kann verlangen, dass die Nachteile des eigenen Verbergens von Attraktivität gemindert werden, indem alle anderen auch die eigene Attraktivität verbergen müssen bzw indem Werbung mit besonders schönen und attraktiven Personen tabuisiert wird.

Ich finde den Gedanken des Artikels aus evolutionärer Sicht durchaus interessant. Inwieweit er beim Menschen dann tatsächlich ausschlaggebend war, wäre eine andere Frage.

Gruppenselektion bzw Multilevel Selektion: Besprechung zweier dazu diskutierter Beispiele

Gruppenselektion oder Multilevelselektion stützt sich immer wieder auf ein paar Beispiele, die aber tatsächlich nicht sehr überzeugend sind.

1. eine Gruppe löscht eine andere aus.

Das eine Beispiel – auch in einem von Elmar verlinkten Video gebracht – ist eine Gruppe A und eine Gruppe B, bei der beide eine bestimmte Selektionen unterlaufen, plötzlich gegeneinander antreten und dann die eine die andere besiegt. Hier wird angeführt, dass dies eine weitere Selektionsebene wäre, eben weil sich eine Gruppe gegen die andere durchgesetzt habe, vielleicht weil sie stärker oder schlicht weil sie mehr waren.

Die Selektionsebene sei hier die Gruppe, denn auch jemand mit „schlechten Genen“ könne in einer starken Gruppe erfolgreich jemand anderen als Teil einer Gruppe verdrängen, der eigentlich „bessere Gene“ hat.

Tatsächlich ist das aus meiner Sicht kein Fall der Gruppenselektion, sondern schlicht natürliche Selektion, die immer einen Anteil von Glück oder Pech hat und nicht beinhaltet, dass „gute Gene“ immer erfolgreich sind.

Würde man dies als eine eigene Form der Selektion anerkennen, dann müsste man auch „Ortsselektion“ anerkennen. Denn wenn eine Gruppe  neben einem Vulkan lebt, der dann ausbricht und die andere Gruppe im weiten Abstand davon, dann überlebt auch der mit „schlechteren Genen“, schlicht weil er sich nicht in der Nähe des Vulkans aufgehalten hat.

Vulkan und größere Stämme sind aus der Sicht der Selektion schlicht Umwelt.

Innerhalb der Gruppe, die überlebt, findet insoweit mit dem Element des Auslöschens des anderen auch keine einheitliche Selektion statt, die besondere Gene innerhalb dieser Gruppe anreichert. Sie reichert sie dann vielleicht in dem bestehenden neuen Terretorium am, dass hat aber nichts mit Selektion zu tun. Die Selektion innerhalb der Gruppe verläuft nach wie vor nach den Regeln über das Gen statt, bleibt also schlicht genzentriert.

2. Selektion durch die Gruppe

 

Wilson führt dazu sein Hühnerbeispiel an:

Wilson beschreibt an einem anderen Beispiel, wie man ein Gehege von 20 Hennen erhält, die in der Summe die meisten Eier legen (Wilson 2007,33f). Früher suchten Züchter die produktivsten Hennen aus einer größeren Gruppe heraus, selektierten wiederholt die Auswahl der ein oder zwei Dutzend besten Legehennen einige Generation lang bis nach einer Reihe von Generationen die besten bestimmt waren. Dies hatte jedoch den unter Züchtern bekannten unliebsamen Effekt, dass die verbleibenden besten Legehennen in der Gruppe keinerlei Konkurrenz duldeten und sich töteten. Die Zusammenhänge hat der Amerikaner William Muir [4] entdeckt: Wenn jeder sein Bestes gibt im Staat, dann ist das nicht zwingend das Beste für alle.

Dazu hatte ich auch schon einmal eine Diskussion mit Roslin geführt, der als Anhänger der Gruppenselektion eben dieses Beispiel brachte:

Im Übrigen gibt es etliche Laborversuche, die Gruppenselektion in ihrer Wirksamkeit belegen, etwa das Hühnerzuchtexperiment von David Muir.

In einer Versuchslinie wählte er immer nur die Henne mit der höchsten Legeleistung aus einem Käfig mit mehreren Hennen aus und machte sie zur Urmutter der nächsten Generation.

In einer parallelen Versuchslinie wählte er alle Hennnen aus dem Käfig mit der höchsten Legeleistung aus.

Nach 6 Generationen war die Käfigselektion erfogreich – Legeleistung um 160 % höher als in der Ausgangspopulation.

Im anderen Fall (Auswahl nur der besten Henne) war die Legeleistung gesunken.

Er hatte einen Käfig voller psychopathischer Chicks vor sich, die sich gegenseitig halb zu Tode pickten und ihr bestes taten, um die Konkurrenz am Eier legen zu hindern.

Er hatte also immer nur die egoistischste Henne ausgewählt, die ihre Mithennen am erfolgreichsten am Eier legen hatte hindern können und deren Persönlichkeitsmerkmale hochgezüchtet mit fatalem Ergebnis.

Meine Antwort dazu war:

Da herrschten ja vollkommen verschiedene Selektionsdrücke.

In der „Gruppengruppe“ wurden die Individuen gefördert, die andere Hühner förderten. Die Interessen des egoistischen Gens waren damit identisch mit dem Legeerfolg der Gruppe. Denn das ein Huhn weniger legt als eine hochmotiverte Gruppe sollte klar sein

In der „Egoistengruppe“ war es nicht nur das Interesse des Huhn möglichst viele Eier zu legen, sondern auch noch die anderen daran zu hindern, damit es weitergeht. Demnach bestand ein Selektionsdruck dahingehend seine Legeleistung zur Verbreitung der eigenen Gene zu erhöhen und die der anderen Abzusenken.

Demnach sagen egoistische Gene genau dieses Ergebnis voraus.

Und auch übertragen auf Wilsons Beispiel ist es kein Nachweis dafür, dass eine über das egoistische Gen hinausgehende Selektion in der Gruppe stattfindet, es ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass das Abstellen auf nur ein Zuchtkriterium schnell unangenehme Nebenfolgen haben kann, wenn man die Begleitfaktoren nicht bedenkt.

Das ist auch etwas, was im Sozialdarwinismus gerne falsch verstanden wird. Dort soll ja auch eine Form der Gruppenselektion stattfinden, „die Arier“ etwa gegen „die Untermenschen“.

Ich schrieb dazu bereits:

Zuallererst ist der Sozialdarwinismus ein naturalistischer Fehlschluß. Weil in der Biologie eine Selektion erfolgt, ist sie nicht gut und hieraus ergibt sich insbesondere auch kein Grund, sie auf andere Lebensbereiche zu übertragen.

Des weiteren geht der Sozialdarwinismus unzutreffenderweise davon aus, dass es eine „Höherentwicklung“ gibt, dass also die Evolution ein Ziel hat, welches man erreichen muss.

Es wird zudem verkannt, dass es in der Evolution nicht auf eine Auslese der Besten ankommt, sondern um eine Anpassung an Gegebenheiten. Eine Evolution stellt zwar häufig einen Wettbewerb dar, dieser kann aber auch dazu führen, dass sich soziale Wesen entwickeln, die dann eben den anderen helfen.

Zudem wird nicht erkannt, dass Evolution als Ansatzpunkt nicht das Individuum oder das Volk hat, sondern Gene, die untereinander darum konkurrieren, wer sich die besseren Fortpflanzungsmaschinen baut. Nicht wer überlebt „gewinnt“ in der Evolution, sondern wessen Gene sich im Genpool anreichern.

Es stimmen zudem zumeist die Kriterien für eine echte „Bestenauslese“ nicht. Wer tatsächlich auf bestimmte Gene selektieren will, der muss die Startbedingungen mit einbeziehen und schauen, ob Erfolge aus eigener Kraft erreicht worden sind. Eine echte sozialdarwinistische Selektion würde kaum vor Familien, Völkern oder Ständen halt machen und ein Aussortieren über all diese Ebenen hinweg verlangen.

Zudem wird übersehen, dass der Genpool unter verschiedensten Gesichtspunkten Vorteile bringen kann. Eine Fixierung auf eine Eigenschaft kann dazu führen, dass andere Eigenschaften, die eigentlich gewünscht und benötigt werden, verschwinden. Wer auf Wettbewerb selektiert, der läßt eben auch gleichzeitig viele soziale Eigenschaften wie Altruismus etc verschwinden.

Wer etwa nur die besten Soldaten zur „Zucht“ benutzt, der erhält vielleicht das Äquivalent der herausgepickten Hühner: Psychopathen, die wenig Skrupel haben zu töten, aber Einzelgänger sind. Und wer  nur auf „blaue Augen, blonde Haare“ geht, der kann andere negative Eigenschaften mitschleifen, die er eigentlich gar nicht wollte.

 

 

Die Evolution der Kooperation

In der Diskussion zu den egoistischen Genen tauchte noch einmal die Frage auf, wie sich dann Kooperation entwickeln konnte.

Ich zitiere dazu aus einem passenden Wikipediaartikel:

Axelrod geht von einem iterativen Gefangenendilemma aus. In diesem einfachen Zwei-Personen-Spiel haben beide Spieler den Anreiz, sich unkooperativ zu verhalten, wenn sie rational und egoistisch handeln – wenn keine weiteren Aspekte wie Moral oder gegenseitiges Vertrauen hinzu kommen, und wenn sie sich nur einmal und dann niemals wieder in dieser Situation begegnen. Das Dilemma des Gefangenendilemmas besteht darin, dass zwar Defektion für jeden Spieler aus seiner Sicht richtig (rational) wäre, es sich jedoch um ein Nichtnullsummen-Spiel handelt, bei dem nicht nur einer gewinnen kann, sondern beide den Gesamt-Gewinn durch Kooperation maximieren können.

Axelrod untersuchte, was sich ergibt, wenn sich diese Situation über viele Male wiederholt; wenn sich die beiden Spieler immer wieder begegnen, ohne zu wissen, wann sie zum letzten Mal zusammentreffen werden (iteriertes Gefangenendilemma). Von vornherein gibt es keine beste Strategie, da die Strategie immer von der Strategie des Gegners abhängt. In zwei Programmierwettbewerben ließ er verschiedene, zum Teil sehr ausgeklügelte Strategien zusammentreffen. Die Programme stammen von vielen Personen aus unterschiedlichen Fachbereichen, darunter Mathematiker, Informatiker, Sozialwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen. Es zeigte sich, dass sich in einem iterierten Gefangenendilemma kooperative Strategien durchsetzen.

Es stellte sich heraus, dass eine sehr einfache Strategie beide Male am erfolgreichsten war: Tit for Tat, gewann beide Wettbewerbe und bekam insgesamt, summiert über alle Spiele eines Turniers, die meisten Punkte. Tit for Tat setzte sich gegen komplexe, teilweise stochastische Verfahren, darunter Strategien, die trickreich versuchten, die anderen zu übertölpeln, durch. Tit for Tat besteht darin, beim ersten Zusammentreffen mit einem anderen Spieler zu kooperieren und in allen weiteren Runden dann stets dessen Verhalten aus der Runde davor nachzuahmen.

Axelrods Experiment liegen idealisierende Annahmen zu Grunde:

  • Alle Spieler sind mit den gleichen Ressourcen ausgestattet. Abgesehen von der Möglichkeit, in den einzelnen Spielrunden zu kooperieren oder zu verweigern, haben sie keine Möglichkeit, anderen Mitspielern Belohnungen zukommen zu lassen oder Repressalien auszuüben.
  • Abgesehen von der bisherigen Geschichte ihrer Interaktion in den vorangegangenen Spielrunden wissen die Spieler nichts voneinander.

Diese Annahmen mögen weltfremd erscheinen. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von realen Situationen, in denen sich dieses Mehrrunden-Gefangenendilemma wiederfindet. Im Kern tritt es immer dann auf, wenn eine Gruppe von Personen die Wahl hat, eine gemeinsame Ressource zum maximalen Eigennutz auszubeuten – oder sich zwecks Maximierung des gemeinsamen, nachhaltigen Nutzens zurückzuhalten. Axelrods Arbeit wurde deshalb zur Grundlage einer großen Anzahl weiterer Forschungsarbeiten in den Sozial-, Politik- und Rechtswissenschaften.

Die Analyse der beiden Wettbewerbe ergab folgende Bedingungen für eine erfolgreiche Strategie:

  1. Die Strategie muss freundlich sein, das heißt: Niemals als Erste nicht kooperieren (defektieren)! Alle Strategien, die niemals als Erste defektierten (nicht kooperierten), befanden sich auf den vorderen Plätzen.
  2. Die Strategie muss schlagkräftig sein und nicht nachtragend, das heißt, eine Defektion des Gegners mit einer eigenen Defektion zurückzahlen können und dann wieder kooperieren. Dies ist wichtig, um nicht ausgenutzt zu werden. Die Strategie muss aus den Handlungen des Gegners lernen und sich dessen Züge merken können. Um nicht in einem unendlichen Echo der gegenseitigen Defektion zu enden, sollte der Rückschlag deutlich, aber deeskalierend sein.
  3. Die Strategie darf nicht neidisch sein! Wenn die Strategie niemals zuerst defektiert, kann sie immer nur genauso gut wie der Gegner werden und niemals besser. Indem sie gegnerische Defektionen beantwortet, hinkt sie sogar immer einen Schritt hinterher und hat am Schluss ein paar Punkte weniger. Beim Versuch, diesen Rückstand aufzuholen, wird der Weg der besten Strategie verlassen, man schneidet insgesamt schlechter ab!
    Das heißt konkret, dass Tit for Tat den Wettbewerb nicht gewinnt, weil es eine hohe Zahl von Einzelsiegen erringt, sondern weil Tit for Tat zwar im Gegenteil im direkten Duell recht einfach zu besiegen ist und somit eher wenige Duelle gewinnt, dafür diese Niederlagen aber mit hohen Punktzahlen einhergehen.
  4. Sei nicht zu raffiniert, das heißt, die Strategie muss für den Gegner durchschaubar sein, damit er sich auf sie einstellen kann und nicht glaubt, es sei eine zufällige Strategie (Random hat nicht besonders gut abgeschnitten).
  5. Jede Strategie funktioniert nur, wenn die Wahrscheinlichkeit eines zukünftigen Spiels und damit von zukünftigem Gewinn ausreichend hoch ist. Ist diese Wahrscheinlichkeit zu klein, ist es immer besser zu defektieren und den jetzigen Gewinn zu sichern. Wer Kooperation mit seinem Gegner möchte, muss also für eine ausreichend häufige und ausreichend sichere Wiederkehr des Spiels sorgen.

Von allen zum Wettbewerb eingesandten Strategien erfüllte Tit for Tat diese Bedingungen am besten. Ein Nachteil ergibt sich aus den nicht deeskalierend ausgeführten Rückschlägen von Tit for Tat, wodurch diese Strategie nicht fehlerrobust ist. Interpretiert ein Spieler das kooperative Verhalten seines Mitspielers fälschlich als Defektion, dann dauert die gegenseitige Defektion an, obwohl beide Parteien im Grunde auf Kooperation ausgerichtet sind. In der Politik können solche Missverständnisse beispielsweise zum Wettrüsten wider Willen, zu wechselseitigen Handelsembargos oder anderen krisenhaften Entwicklungen führen. Aber nicht nur Missverständnisse, sondern auch das übertriebene Ausspielen von Tit for Tat kann dazu führen, dass auf Defektion immer wieder Defektion folgt, was zu einer kaum Gewinn bringenden Kette führen würde.

Abhilfe kann dadurch geschehen, dass nach zufälliger, d. h. für den Gegner nicht abschätzbarer Anzahl Wiederholungen spontan einseitig Kooperation gespielt wird, um den Kreislauf der Konfrontation zu durchbrechen, was Tit for Tat allerdings nicht vorsieht.

Natürlich ist die Wirklichkeit etwas komplizierter als das von Axelrod konzipierte Spiel. Die tatsächliche Welt muss auch einmalige Spiele beachten, mit Fremden, und hat gleichzeitig nicht nur das Ziel, eine bestimmte Ressource anzuhäufen, sondern benötigt eine Vielzahl verschiedener Ressourcen, die auch nicht gleichmäßig verteilt sind und bei denen Monopole bestehen. Es gibt wesentlich mehr Handlungsptionen, von Gewalt bis hin dazu andere mittels Kooperationen auszuschließen. Und dann kommen noch Verwandte dazu, dann der Wunsch als attraktiver Partner zu erscheinen und viele viele andere Punkte, nicht zuletzt

Dennoch gibt es denke ich ein gutes Grundmodell wieder, welches einem erlaubt die evolutionäre Entstehung nachzuvollziehen.

Vieles in unserem Verhalten lässt sich in diesem Licht verstehen, insbesondere viele unserer Emtionen und unser Sozialverhalten. Wir haben ein starkes Bedürfnis als jemand angesehen zu werden, der fair ist, der die Gruppe nicht ausnutzt, der sich auch nicht ausnutzen lässt, der Potential für eine Zusammenarbeit mit wichtigen Leuten hat. Wir sind entsetzt, wenn jemand, den wir zu unserem Freundeskreis zählen nicht gibt oder gar sich eigene Vorteile zuschustert, womöglich noch zu Lasten der Gruppe. Viele dieser Emotionen entstehen dabei nicht rational, sondern eben unterbewußt, als Teil unserer unterbewußten Programmierung.

 

„Das egoistische Gen“ vs „Gruppenselektion“

Zu dem Thema „egoistisches Gen“ als Metapher dafür, dass bei der Selektion nicht auf die Gruppe abzustellen ist, sondern immer darauf, dass ein bestimmtes Gen selektiert werden muss, habe ich bereits einiges geschrieben, es wird aber immer wieder kritisch diskutiert. Daher noch einmal etwas dazu. Die bisherigen Artikel:

Ein passender Wikipediaartikel dazu wäre:

Ich halte das Konzept der genzentrischen Selektion für einen der absolut wichtigsten Grundsätze, die man verstehen muss, wenn man evolutionäre Biologie verstehen will:

  • In die nächste Generation weitergeben werden nur unsere Gene.
  • Veränderungen (=Mutationen) erfolgen nicht über eine Spezies, sondern immer nur über einzelne Gene.
  • Gene, die dem Träger Nachteile bringen, aber der Gruppe Vorteile. werden damit nicht selektiert
  • Wann immer etwas nur der Gruppe einen Vorteil bringt, werden gleichzeitig auch Mutationen darauf selektiert, dass man die Vorteile mitnimmt, aber die Nachteile nicht trägt.

Das zweite, was man verstehen muss, ist, dass Evolution keinen Plan haben kann. Sie kann nicht darauf schauen, was für die Spezies insgesamt gut ist und dann bestimmte Gene „fördern“, die der Gruppe bzw der Spezies helfen. Alle Erwägungen, die darauf abstellen, dass damit die Spezies an sich doch besser gestellt wäre, können sich nur evolutionär auswirken, wenn sie zumindest gleichzeitig einen Vorteil, der größer ist als die Kosten, für die Anreicherung der Gene des Einzelwesens haben. Zudem darf es auch keinen noch größeren Vorteil bringen, dass System dahingehend auszunutzen, dass man die eigenen Gene noch stärker weitergibt.

Meist ist damit eine „Gruppenselektion“ nur möglich, wenn sie über eine Verwandtenselektion läuft. Einzelwesen Gruppen mit einer relativ hohen Verwandtschaft können durch die Förderung und den Schutz von Gruppenmitgliedern Kopien ihrer Gene schützen, so dass diese sich anreichern können.

Mich würde hier einfach mal der Meinungsstand interessieren:

Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren dazu ein paar Angaben machen könntet:

  • Wie habt ihr abgestimmt
  • Habt ihr Bücher wie zB „Das egoistische Gen“ gelesen?
  • Wenn ihr zustimmt: Was überzeugt euch?“
  • Wenn ihr unsicher seid oder dagegen seid: Was erscheint euch nicht logisch/Welche Theorie findet ihr besser?