Die Evolution der Giraffen: Welchen Anteil an den langen Hälsen hatte sexuelle Selektion?

Der Spiegel berichtet über eine Theorie, nach der der lange Hals der Giraffe auch etwas mit sexueller Selektion zu tun haben könnte:

Doch möglicherweise müssen die Biologiebücher bald ergänzt werden. Nach einer neuen Studie geht der extrem lange Hals der Giraffen womöglich auf das rabiate Kampfverhalten der Tiere zurück. Das schließt ein internationales Forscherteam aus der Untersuchung fossiler Überreste einer Urgiraffe.

Diese Tiere schlugen bei Kämpfen wohl ihre Köpfe gegeneinander und entwickelten in der Folge eine schützende Haube auf dem Kopf und äußerst robuste Halswirbel, wie die Wissenschaftler im Fachmagazin »Science«  berichten. Auf ähnliche Weise könnten auch die extrem langen Hälse heutiger Giraffen entstanden sein. Diese schlagen zwar nicht ihre Köpfe gegeneinander, wohl aber ihre beeindruckend langen und muskulösen Hälse.

»Die gängige Vorstellung, dass sich die langen Hälse im Verlauf der Evolution nur entwickelten, weil die Tiere damit Blätter im oberen Bereich der Bäume erreichten, greift womöglich zu kurz«, erläutert Co-Autorin Manuela Aiglstorfer vom Naturhistorischen Museum Mainz und der Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz. »Womöglich ist das nur ein Nebeneffekt und die Kampfstrategie der vorrangige Grund für die Entwicklung des langen Halses.«

Giraffen sind evolutionär hoch interessant. Nicht nur wegen Lamarck und dem Lamarckismus, bei dem sie ein Standardbeispiel sind, sondern weil ihr Körperbau besonders ist und eine Vielzahl von Anpassungen notwendig machte.

So haben Giraffen ein für ihren Körper enorm großes Herz, weil es eben das Blut bis in den Kopf hinaus pumpen muss und dazu noch besondere Klappen in den Blutgefäßen, die verhindern, dass ihnen der Kopf platzt, wenn sie den Kopf zB zum Wassertrinken absinken und dann der hohe Blutdruck nicht mehr gegen die Gravitation kämpfen muss. Sie haben zudem einen enorm langen „rückläufigen Kehlkopfnerv“ einen Nerv, der bei Fischen noch einen recht geraden Weg hatte, aber dann durch die Evolution des Halses und seine Lage einmal einen sehr langen Weg nach unten machen muss um dann auf der anderen Seite wieder den gleichen Weg nach oben zu machen, weil die Evolution eben nicht gerade mal eben etwas neu vernetzen kann, sondern stets im „laufenden Betrieb“ umbauen muss, was ein guter Beleg dafür ist, dass es da keinen intelligenten Schöpfer gab.

Ich empfehle dazu (auch insgesamt, nicht nur zur Giraffe) die Serie „Inside natures Giants„, hier die Giraffenfolge.

Aber genug der Abschweifung,.  Hier geht es darum, dass man meint einen besonderen Vorfahren der Giraffen gefunden zu haben, der ebenfalls sehr stabile Halsknochen aufwies, aber bei einem kürzeren Hals und damit dafür sprechen könnte, dass der Hals durch sexuelle Selektion entstanden ist

Structured Abstract
INTRODUCTION
Extreme evolution of animal organs, such as elongation of the giraffe’s neck, has been the focus of intensive research for many decades. Here, we describe a fossil giraffoid, Discokeryx xiezhi, from the early Miocene (~16.9 million years ago) of northern China. This previously unknown species has a thick-boned cranium with a large disklike headgear, a series of cervical vertebrae with extremely thickened centra, and the most complicated head-neck joints in mammals known to date. The peculiar head-neck morphology was most probably adapted for a fierce intermale head-butting behavior, comparable to neck-blowing in male giraffes but indicative of an extreme adaptation in a different direction within giraffoids. This newly identified giraffoid increases our understanding the actual triggers for the giraffe’s head-neck evolution.
RATIONALE
The comparative anatomical studies of osteological structures, including the bony labyrinth morphology, the headgear genesis and histology, and dentitions, provide the basis for the giraffoid affinity of D. xiezhi, which was further supported by phylogenetic analyses and reconstructions of the fauna. Finite element analyses explain the mechanical predominance for the peculiar head-neck morphology in various head-butting modeling. Tooth enamel isotope analyses indicate the distinctiveness of the ecological niche occupied by D. xiezhi. Diversity of headgear within different pecoran groups reveals the different evolutionary selection pressure on these groups.
RESULTS
Finite element analysis reveals that the enlarged atlanto-occipitalis and intercervical articulations are essential for high-speed head-to-head butting. D. xiezhi appears to exhibit the most optimized head-butting adaptation in vertebrate evolution when compared with the models of extant head-butters. Tooth enamel isotope data show that D. xiezhi had the second highest average δ13C value among all herbivores and a large range of δ18O values, with some individuals occupying an isotopic niche differing substantially from others in the fossil community. This indicates that D. xiezhi was an open-land grazer with multiple sources of water intake, and their habitats likely included areas that were difficult for other contemporary herbivores to make use of.
CONCLUSION
The morphology and inferred ecology of D. xiezhi provide another example for understanding the neck evolution in giraffoids. Fossil giraffoids exhibit a higher degree of diversity in headgear morphology than any other pecoran group; such a diversity, associated with the complex head-neck morphology, likely indicates the intensive sexual combats between males in the evolution of giraffoids. For interspecific relationship, one possible strategy of early giraffoids is that they might have avoided competition with coeval bovids and cervids by taking advantage of other niches in the ecosystem. Giraffa,with its long neck, did not appear until the early Pliocene in savannah areas, when C4 ecosystems started being vastly established. “Necking” combat was likely the primary driving force for giraffes that have evolved a long neck, and high-level browsing was likely a compatible benefit of this evolution. The ecological positioning on the marginal niches promoted the intensive sexual competition, and the fierce sexual combats fostered extreme morphologies to occupy the special niches in giraffoids.

Was nun genau die treibende Kraft war ist im nachhinein bei Evolution immer schwer zu überprüfen.

Ich kann mir aber vorstellen, dass beides sich wunderbar ergänzt.

Zum einen kommt man mit dem langen Hals an höhere Zweige.
Zum anderen kann sich ein besonders langer Hals beim Kämpfen lohnen.

Aber: Die Verstärkungen und Verlängerungen zum kämpfen können eben einen guten Zusatzantrieb gegeben haben, den das einfache Erreichen eines etwas höheren Asts alleine vielleicht nicht gegeben hat. Wenn durch eine einfache kleinere Verlängerung des Halses die jeweilige Giraffe keinen so großen Vorteil hatte, dann konnte die sexuelle Selektion bzw der Vorteil innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz dennoch die Verlängerung vorteilhaft sein lassen und die dann ohne reinen Futtervorteil länger gewordenen Hälse konnten dann wieder einen Futtervorteil darstellen, weil es eben nicht um einen cm mehr ging, sondern dann vielleicht schon wieder um 10 cm. Zu bedenken ist, dass jede Verlängerung des Halses nicht einfach nur bedeutete, dass sich ein oder mehrere Halswirbel verlängern, das Herz musste angepasst werden, andere Veränderungen/Absicherungen gegen den gestiegenen Bluthochdruck mussten umgesetzt werden und der längere Hals musste auch verstärkt werden, damit man mit ihm noch effektiv kämpfen konnte.

Insofern sehe ich gute Chancen, dass sich beide Aspekte wunderbar ergänzt haben. Dafür spricht aus meiner Sicht auch, dass es nicht zu einem deutlichen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen gekommen ist, denn wenn der Hals nur einen Kampfvorteil gegeben hätte, dann hätte es sich angeboten, dass nur die Männer die Zusatzkosten eines langen Halses tragen, die Frauenhälse aber deutlich kürzer bleibem.

 

Nochmal: Status, sexuelle Selektion, intrasexuelle Konkurrenz und Evolution

Der Artikel zu intrasexueller Konkurrenz unter Männern und der Wunsch nach Status als etwas, was durch sexuelle Selektion entstanden ist hat in den Kommentaren einige Punkte gebracht, die zu besprechen sind:

Crumar schreibt:

Wenn man „Status“ als „soziales Ansehen in einer existierenden Gruppe/Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit“ übersetzt, dann macht der Begriff mehr Sinn.
„Status Hausbesitz“ wäre bei den Wildbeutern aber unsinnig, Schuhe mit roten Absätzen sind heute merkwürdig, die Bedeutung der Farbe Purpur sagt uns gar nichts.
Die Relevanz und die Marker von „Status“ können nicht biologisch „festverdrahtet“ sein, denn sie haben sich historisch verändert und machen nur sozialen Sinn. Ändert sich die Gesellschaft, dann ändert sich auch das, was als „Status“ gilt.
Ebenso verhält es sich mit „Kompetenzhierarchien“.
An diesem Punkt wird es ohne die inhaltliche Bestimmung von dem, in was man aus welchem Grund (neumodisch!) „kompetent“ ist oder sein muss annähernd sinnlos.
Denn „kompetent“ zu sein, bedeutet lediglich, eine gesellschaftlich gefragte Fähigkeit zu besitzen bzw. erworben zu haben, die natürlich zeitabhängig ist. D.h. es werden einmal erworbene „Kompetenzen“ auch entwertet oder gänzlich sinnlos und das durch gesellschaftliche Selektionsprozesse, keine biologischen.

Die Grenzen von dem, was eine evolutionspsychologische Erklärung hergibt, sind m.E. offensichtlich.

Das ist ein häufiger Einwand, der etwas vereinfacht anspricht, dass heutiger Status auf Punkte gerichtet ist, die es in der Steinzeit nicht gab und demnach auch nicht dort selektiert worden sein können.

Aber das verkennt eben, dass wir gar nicht die roten Schuhe oder das Haus biologisch angespeichert haben müssen, sondern nur Regeln nach denen wir etwas bewerten können, was in evolutionärer Zeit Status gebracht hat.
Status folgt ja auch gewissen Regeln: Etwas, was jeder haben kann wird keinen Status generieren, es muss eben etwas sein, was mit bestimmten Kosten belastet ist um es zu haben. Und da ist zB ein großes Haus und andere Luxusgegenstände recht einfach unterzubringen.
Natürlich lässt das Spiel für gesellschaftliche Regeln, aber eben immer nur in diesen Regeln.

Kirk schreibt:

Stimmt etwas mit mir nicht? Ich will nämlich keinen hohen Status haben.

Ich bezweifele, dass Kirk vollkommen Statuslos sein möchte. Aber natürlich kann selbst die Einstellung, dass man keinen Status hinterherjagen möchte sondern lieber ein bequemes Leben führen möchte, in der richtigen Gruppe eine Statuseinstellung sein (wenn man allerdings nicht in der Gosse lebt, sondern noch soweit einen gewissen Lebensstil hat).

Punks als Bewegung beispielsweise haben sich gegen das System aufgelehnt, den Kapitalismus kritisiert, aber dabei häufig jede Menge Statussignale gesendet: Von „Ich kann gegen die ganze Gesellschaft kämpfen, niemand schreibt mir etwas vor“ bis zu der beste Ablehner klassischer Statussignale zu sein etc.

Aber natürlich ist es bei der Suche nach Status auch wie bei jedem anderen Geschlechterunterschied. Es sind Normalverteilungen mit einer relativ breiten Spanne: An dem einen Ende die, die für Status alles machen (mit dem entsprechenden Risiko) auf dem anderen Ende die, die es eher ruhig halten (die dafür aber Kräfte sparen und weniger Risiko eingehen)

 

Der Übergang von Alphamännchen, die über Bullymethoden ihre Macht erhalten, zu Koalitionen, die sich soziale Regeln geben.

In dem Interview mit dem Primatologen welches ich neulich schon erwähnte fand ich eine andere Stelle auch noch interessant.

Er führte aus, dass es beim Menschen kein klassisches Alphamännchen gibt, wobei er Alphamännchen für die anderen Primaten so definiert hat, dass es einen Primaten gibt, der allein aufgrund seiner körperlichen Stärke alle anderen unter Kontrolle hält.

Im Gegensatz dazu sei in einer Menschengruppe die Kontrolle nur über Bündnisse von Männern zu erreichen, ein einzelner Mann könne sich im Endeffekt dort nicht durchsetzen, weil ihn die Gruppe der Männer immer absetzen könne.

Jetzt meine ich mich an Ausführungen anderer Primatologen, insbesondere Franz de Waal zu erinnern, dass Schimpansen durchaus gewissen Koalitionen eingehen, ihnen genehme Anführer unterstützen, aber natürlich ist ein Interview auch immer eine Verkürzung gewisser Gedanken, ich kann mir schon vorstellen, dass menschliche Bündnisse wesentlich umfassender und komplexer sein können.

Als wesentlichen Unterschied für diese komplexeren Bündnisse verwies er auf die menschliche Fähigkeit zu sprechen, die wesentlich mehr Planung erlaubt und damit auch einen effektiveren Widerstand gegen einen dominanten Mann. Das macht ja auch durchaus Sinn, man kann sich eben vorher vergewissern, dass man unterstützt wird, wenn einer angegriffen wird und vorher schauen, welche Gruppengröße auf jeder Seite vorhanden ist und man kann auch insbesondere koordinierte Angriffe absprechen, ohne das man diese allein über Verhalten koordiniert. Man kann also zB planen „Wenn er eingeschlafen ist und ich das Signal gebe stürzen wir uns alle auf ihn“ oder „wenn er auf der Jagd ist, dann schnappen wir uns zuerst seinen Verbündeten und wenn er wiederkommt ihn“.

Das alles macht es einem Bully, der allein über körperliche Gewalt agiert, deutlich schwieriger.

Er vertrag die Auffassung, dass damit reaktive Gewalt gegenüber proaktiver Gewalt deutlich zurückgegangen ist, wir uns also besser beherrschen können als etwa ein Schimpanse.

Dazu kurz:

reaktive Aggression

Sie tritt unmittelbar und impulsiv als Konsequenz einer realen oder wahrgenommenen Provokation, Frustration oder Bedrohung auf und ist von starken Ärgergefühlen begleitet. Die Ursachen liegen in einer verzerrten Wahrnehmung (Kind oder Jugendlicher fühlt sich durch fast alles provoziert), in der mangelnden Fähigkeit mit Gefühlen angemessen umzugehen (Kind oder Jugendlicher explodiert leicht vor Wut) und in einem eingeschränkten Verhaltensrepertoire (Kind oder Jugendlicher kennt bei Wut nur eine Reaktion, nämlich aggressives Verhalten).

Proaktive Aggression

Von dieser Form spricht man, wenn ein Kind oder Jugendlicher aggressiv handelt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie Erlangen von Macht über eine andere Person oder Ansehen sowie Anerkennung. Dieses aggressive Verhalten wird von angenehmen Gefühlen, wie Lust und Spaß, begleitet. Die Ursachen liegen im Wunsch nach Anerkennung und Ansehen in der Gruppe, in einer positiven Lernerfahrung (Kind oder Jugendlicher hatte Erfolg mit seinem Verhalten und bekam Anerkennung) und in gruppendynamischen Prozessen (viele Kinder oder Jugendliche in der Klasse sind beteiligt).

Also einmal Gewalt, weil man auf Umstände reagiert, ein anderes Mal Gewalt, weil sie einen an ein Ziel bringt.

Dabei eben auch der Gedanke, dass proaktive Gewalt kontrollierbarer ist und Ziele zudem dann eben auch erst auf anderem Wege erreicht werden können.

Der weitere Gedanke war dann, dass dieser Prozess der Koalitionsbildung im Gegensatz zur Herrschaft des (einzelnen) Stärkeren wesentlicher Bestandteil des menschlichen Zivilisationsprozesses war. Denn wer eine Koalition bildet, der muss der Gruppe eher Regeln geben, die allen gefallen und nicht nur ihm, damit er die passende Unterstützung erhält. Daraus folgen dann eher soziale Normen, die sich insgesamt durchsetzen können, Regeln, die allgemein akzeptiert werden und Willkür zumindest einschränken (zumindest innerhalb der mächtigeren Koalition).

Finde ich eine interessante Herleitung der menschlichen Gesellschaft und einer Form des „Gesellschaftsvertrages“ ausgehend von der kleineren Gruppe:

Thomas Hobbes hatte den Naturzustand der Menschheit 1651 als Krieg aller gegen alle (Bellum omnium contra omnes) geschildert, der nur durch eine ordnende Autorität mit absoluter Macht beendet werden könne. Vernünftige Untertanen sollten demnach in einen Herrschaftsvertrag einwilligen. Dadurch wechseln sie vom Naturzustand in den Gesellschaftszustand (Staat). Sowohl Vertragsabschluss als auch Naturzustand sind nur Vorstellungen, dass es so gewesen sein könnte.

Gegen diese Sichtweise wandte sich hundert Jahre später Jean-Jacques Rousseau mit der überaus einflussreichen Vorstellung, dass der Naturzustand im Gegenteil ein paradiesischer Friede sei, der erst durch gesellschaftliche Ungleichheiten zerstört werde. In seinem politisch-theoretischen Hauptwerk Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes (1762) forderte er, die bisherige Unterordnung in Monarchie oder Aristokratie durch den Willen gleichberechtigter Individuen in der Gesellschaft zu ersetzen.

Beim Kontraktualismus wird also angenommen, dass die Individuen sich aufgrund natürlicher Interessen aus freiem Willen zu einer staatlichen Ordnung zusammenschließen. Daraus resultieren wechselseitige Beziehungen sowie eine Selbstverpflichtung, den beschlossenen Vertrag einzuhalten.

Die Idee des Gesellschaftsvertrags ist nach Wolfgang Kersting ein Gedankenexperiment, das sich in einen „argumentationsstrategischen Dreischritt“[2] gliedert: Naturzustand – Gesellschaftsvertrag – Gesellschaftszustand. Das Gedankenexperiment in Hobbes’ suggestiver Formulierung versuche zu zeigen, dass der rechtsfreie Raum eine Gefangenendilemma-Situation mit sich bringe, also die Unmöglichkeit gegenseitigen Vertrauens. Die Anwendung des Rechts erscheint dann als friedenssichernder Ausweg.

Da wäre also der Krieg aller gegen alle, aber in dem Moment, indem er sich von Einzelkämpfen zu Gruppenkämpfen entwickelt müssen die Gruppen gewisse „Verträge“ miteinander schließen.

Status macht attraktiv: Lastenrad vs. Porsche

Auf Twitter gibt es alle möglichen Blasen für irgendwelche Themen, darunter auch eine durchaus starke Gruppe, die gegen PKWs ist und anführt, dass man diese abschaffen oder einschränken muss. Ersatz ist gerne das Lastenrad.

Dazu gab es gestern einen interessanten Tweet, der für erhebliches Twitteraufkommen sorgte und auch evolutionär interessant ist:

Noch mal als Text:

Hatte heute 4 sehr hübsche junge Mädchen bei mir, die ich für ihren Abi-Abschluss coache. Habe die mal gefragt, ob sie lieber einen Typen mit Lastenfahrrad oder mit Porsche daten würden. Alle haben das Gleiche geantwortet. Ratet mal, was.

Die Auflösung etwas weiter unten:

Tweet1:
Ich sag dir, was es damit zu tun hat: Attraktive Mädchen stehen in der Regel nicht auf Typen mit Lastenfahrrädern (gibt sicher Ausnahmen!). Die Lastenradfahrer kriegen meist den Typ Autobahnblockiererinnen.

Tweet 2:
Nun ja, diese „Kinder“ sind 19 Jahre. Und es hat wirklich nichts mit Corona zu tun. Sie finden halt Autos schön und komfortabel und Lastenräder unkomfortabel und eher lächerlich.

Tweet3:
Die fanden die Vorstellung sehr lustig, voll gestylt im Rad-Bollerwagen chauffiert zu werden. Und als sie sich den Typen ausmalten, der dann dieses Lastenfahrrad bestrampelt, haben sie sich vor Lachen unterm Tisch gekugelt.

Und noch eine Zusatzinformation zum „Fall“:

Das sind Mädchen aus Familiem mit prekären und/oder migrantischem Hintergrund. Ich mache das umsonst, kleiner persönlicher Beitrag für die Gesellschaft

Die Lastenradbubble stürzte sich dann ebenso auf den Tweet wie diejenigen, die anführten, dass ein Mann eben keine Frau will, die nur seinen Porsche interessant findet so wie die, die anführten, dass die jungen Frauen eher geantwortet hätten, dass sie ihnen lieber was beibringen sollten, weil sie sich den Porsche (oder das Lastenrad) selbst kaufen wollen etc.

Mal ein paar Antworten rausgegriffen:

Tweet:
Also Mädchen, die sich konform zum gängigen Schönheitsideal stylen und als konventionell attraktiv gelten dürften?
Check.
Wer so stark angepasst ist, freundet sich auch mit der Vorstellung an, Trophäenweibchen eines ähnlich konventionellen Typen zu sein, der seinen Selbstwert am Kaufpreis seiner überteuerten Armbanduhr und seinem fahrbaren Penisersatz misst.

Tweet:

Dass junge Menschen total auf Lastenräder anfahren, sieht man ja schon daran, dass die Parkplätze vor Bars und Clubs voll damit sind.

Wo früher mit dem aufgemotzten 3er gepost wurde, legen Jung-Osmanen heute den Ampelstart mit dem Lastenrad hin.
😜😜😜

 

Tweet:

Hübsche junge Mädchen brauchen natürlich einen älteren Mann mit teurem Auto, wo kommen wir da sonst hin?

Wir haben übrigens 2022, der Typ mit dem Fahrrad kann sich für das Date bei Bedarf einen Sharing-Tesla besorgen, der stinkt dann auch nicht so peinlich 😉

Ein paar Anmerkungen dazu:

  • Status macht Männer attraktiv. Status wird nach allgemeinen Regeln bewertet, also insbesondere nach dem Wert, der dem Symbol zugesprochen wird und den er insbesondere auch in dem sozialen Umfeld/der sozialen Gruppe hat.
  • Der Porsche ist ein deutliches Statussymbol, da teuer, das Lastenrad kann da im allgemeinen nicht mithalten. Es ist etablierter und anerkannter. Er steht für Geschwindigkeit und Kraft, für Abenteuer und Geld.
    Das Lastenrad mag für eine gewisse Vernunft sprechen, für Rücksicht auf die Natur, aber es dürfte Frauen wesentlich einfacher fallen, sich cool auf dem Beifahrersitz eines Porsche Cabrios zu sehen, wie alle ihr Beachtung schenken während der Wagen sportlich aufheulend in den Sonnenuntergang beschleunigt als cool in der Lastenaufnahme eines Lastenrads, während der Typ sich abstrampelt (oder noch schlimmer: Sie strampeln und er sitzt in der Lastenaufnahme.
  • Natürlich kann dennoch der Porsche – auch wenn das Symbol dennoch wahrgenommen wird – in einer radikalen Anti-Autogruppe eher negativ auffallen.
  • Natürlich gibt es viele weitere Faktoren: Aussehen, „Coolness“ etc die in die Statusbewertung einfließen.  Ein echt cooler Typ, gerade im Alter der hier interessanten Mädels, wird auch auf einem Lastenrad meist besser ankommen als ein kleiner Mittevierziger mit Halbglatze und Bierbauch im Porsche oder das „Muttersöhnchen mit reichen Eltern, aber ohne Game und statt dessen mit vollkommener Verbitterung weil ihn die Frauen immer noch nicht wollen, obwohl er doch einen Porsche hat“. Es ist wie immer ein Gesamtpaket.

Eine Studie dazu:

Previous studies have shown that male attractiveness can be enhanced by manipulation of status through, for example, the medium of costume. The present study experimentally manipulated status by seating the same target model (male and female matched for attractiveness) expressing identical facial expressions and posture in either a ‘high status’ (Silver Bentley Continental GT) or a ‘neutral status’ (Red Ford Fiesta ST) motor-car. A between-subjects design was used whereby the above photographic images were presented to male and female participants for attractiveness rating. Results showed that the male target model was rated as significantly more attractive on a rating scale of 1–10 when presented to female participants in the high compared to the neutral status context. Males were not influenced by status manipulation, as there was no significant difference between attractiveness ratings for the female seated in the high compared to the neutral condition. It would appear that despite a noticeable increase in female ownership of prestige/luxury cars over recent years males, unlike females remain oblivious to such cues in matters pertaining to opposite-sex attraction. These findings support the results of previous status enhancement of attractiveness studies especially those espousing sex differences in mate preferences are due to sex-specific adaptations.

Quelle: Effect of manipulated prestige-car ownership on both sex attractiveness ratings (Oder: Scihub)

Natürlich ist „significantly higher“ in Studien immer eine gefährliche Aussage, daher hier noch die Ergebnisse:

Ich würde sagen im Ergebnis machen sie beim Mann aus einer 6 eine 7. Was ja schon nicht schlecht ist. Zumal in dem Foto lediglich ein kleiner Ausschnitt um das Fenster herum gezeigt worden ist, bei dem man sah, dass es ein „Besseres“ und ein „schlechteres“ Auto war, aber man die Marke noch nicht einmal wirklich erkennen konnte.

Es wäre interessant wie verschiedene Männertypen davon profitieren, aber dazu findet sich nichts in der Studie.

Eine Studie mit einem Lastenrad habe ich leider nicht gefunden.

 

Fehlvorstellungen zur Evolution

Hier ein paar Fragen zur Evolutionsbiologie und entsprechende Antworten. Was ist an den Antworten falsch? Wie wäre eure Antwort auf die Fragen?

Frage 1: Geschwindigkeit von Geparden

Geparden können bei der Verfolgung von Beutetieren schneller als 60 Meilen pro Stunde laufen. Wie würde ein Biologe erklären, wie sich die Fähigkeit, schnell zu rennen, bei Geparden entwickelt hat, wenn man annimmt, dass ihre Vorfahren nur 20 Meilen pro Stunde rennen konnten?

Antwort: 

Ein Biologe könnte erklären, dass im Laufe der Jahre und Generationen das Bedürfnis nach einer höheren Geschwindigkeit vorhanden war, so dass jede nachfolgende Generation etwas schneller war als die vorherige

Frage2: Veränderung der Fellfarbe 

Wie kann sich eine Population von ursprünglich überwiegend weißen Mäusen unter entsprechendem Selektionsdruck in eine Population von ausschließlich braunen Mäusen verwandeln?

Antwort:

Eine einheitliche Mäusepopulation verändert ihre Fellfarbe allmählich über mehrere Generationen.

Frage 3: Füße von Enten

Enten sind Wasservögel. Sie haben Schwimmhäute an den Füßen. Diese Eigenschaft macht sie zu schnellen Schwimmern. Biologen glauben, dass sich Enten aus Landvögeln ohne Schwimmhäute entwickelt haben. Wie erklärt die Evolutionstheorie die Entwicklung der Schwimmfüße?

Antwort:

Die Ente merkt, dass sie sich im Wasser schlecht bewegt, wenn sie mit drei Zehen paddelt. Sie merkt, dass sie sich besser bewegt, wenn sie eine größere Oberfläche hat … und so entwickelte sie Schwimmfüße.

Frage 4: Blinde Salamander

Höhlensalamander sind blind (sie haben Augen, die nicht funktionsfähig sind). Wie würde ein Biologe erklären, wie sich blinde Höhlensalamander aus sehenden Vorfahren entwickelt haben?

Antwort:

Die Salamander begannen in Höhlen zu leben, in denen sie ihre Augen nicht benutzen konnten. Also wurden ihre Augen nicht benutzt. Mit jeder Generation wurde die Sehkraft der Salamander schlechter, bis sie schließlich blind waren.

 

Der Mensch als Rudeltier

Uebsilonniks schrieb in einem Kommentar:

Was ich hierbei immer wieder vermisse, ist die Anerkennung dessen, dass der Mensch (und bestimmte andere Arten) ein Rudeltier ist, ein soziales Wesen, das in der sozialen Gemeinschaft das Überleben auch der Schwachen sichert. Und auch der Sozialdarwinist, der zynisch achselzuckend feststellt, es wäre richtig, wenn einer ohne Gesundheitsversicherung im Krankenhausflur stirbt, lebt und überlebt nur, weil er in einem sozialen Gefüge lebt, in der er von vielen Leistungen profitiert, die er selbst nicht aufbringen kann.

Auf Nachfrage, was ihn daran am meisten interessiert:

Dass der Mensch aus Liebe oder Mitgefühl das Überleben anderer sichert und dadurch soziale Strukturen schafft, die verhindern, dass Schwäche einem Todesurteil gleichkommt, weil man „ausselektiert“ wird – und was sich zum Wohle aller auswirkt, extremes Beispiel: Stephen Hawking. Ich würde nicht in einer Welt leben wollen, in der alle ständig im mörderischen Wettkampf stehen.

Dazu auch noch aus der Wikipedia:

Rudel bezeichnet in der Verhaltensbiologie eine geschlossene und individualisierte Gruppe von Säugetieren. Ein Rudel ist eine geschlossene Gruppe, weil die Mitglieder eines Rudels nicht beliebig austauschbar sind. Ebenso ist es eine individualisierte Gruppe, weil die Mitglieder der Gruppe sich untereinander kennen. Innerhalb eines Rudels herrscht oft eine Rangordnung[1] und eine gewisse „Arbeitsteilung“.[2] Im Unterschied dazu ist eine Herde eine Ansammlung großer, in der Regel gleichartiger Säugetiere, von denen einige zwar verwandtschaftliche oder andere soziale Beziehungen untereinander haben können, dies gilt aber nicht für die Herde als Ganzes.

Zu den rudelbildenden Säugetieren gehören sowohl Pflanzenfresser wie verschiedene Arten der Hirsche, Mufflons, Gämsen und Steinböcke als auch Raubtiere wie Wölfe, Schleichkatzen, Löwen und Hyänen.[1]

Das Sammeln der Tiere, die ein Rudel bilden, nennt man rudeln.

Hier soll es sicherlich nicht darum gehen, ob der Mensch tatsächlich ein Rudeltier ist oder ob man ihn etwas anderes einordnet, etwa es eher eine „Gruppe“ ist, es geht hier um Zusammenarbeit und Kooperation.

In der Tat ist der Mensch ein soziales Tier. Wir sind auf Kooperation ausgelegt, das Zusammenleben mit anderen Menschen, Interaktion.

Aber das Problem bei Kooperation ist, dass sie gefährlich ist bzw Möglichkeiten bietet andere Leute auszunutzen:

Es kann effektiv sein, die Leistungen des anderen anzunehmen und ihm dann nichts zurück zu geben. Es kann interessanter sein, erst gar nicht zu kooperieren, sondern den anderen einfach umzubringen und ihm alles zu nehmen, was für einen interessant ist.

Wann das interessant ist bestimmt sich verkürzt gesagt danach, welche Vorteile eine Kooperation bietet und ob man für eine fehlende Kooperation in der Zukunft bestraft werden kann.

Daraus wiederum folgt auch, dass wir Leute, die nicht kooperieren, wenn sie es hätten machen, gerne bestrafen bzw sie gerne bestraft sehen wollen.

Und es bewirkt, dass man „Ingroups“ und Out-Groups“ (man könnte im Sinne dieses Artikels sagen: Rudel) bildet, damit man weiß, bei wem man eher Kooperation erwarten kann und bei wem nicht. Das hat viel Gutes gebracht, weil wir „unserer“ Rudel recht groß  machen können: Wo es früher vielleicht bestimmte kleinere Gruppen waren, sind es jetzt Länder, Länderzusammenschlüsse etc. Allerdings eben nicht absolut, wir haben „Schichten“ von In-Groups. Es hat auch viel Schlechtes gebracht, von Rassismus bis Kriegen

Näheres auch in: Die Evolution der Kooperation

Können wir `“Schwache“ ausschließen in einer Form von „Sozialdarwinismus“? Ja, wir müssen sie nur eine Outgroup zuordnen oder als Schmarotzer bezeichnen, die nichts zurückgeben.
Oder wir ordnen sie der In-Group zu und schützen sie als Teil der Gemeinschaft.

 

 

Die Geschichte der Evolutionstheorie: Robert Chambers

Im Jahre 1844, also 15 Jahre vor Darwins Buch „On the Origins of Species“ (1859) erschien ein Buch, welches für einen erheblichen Wirbel sorgte. Es handelt sich um „Vestiges of the Natural History of Creation“ (deutsch: Spuren der Naturgeschichte der Schöpfung)  und es wurde anonym veröffentlicht, Der Name des Autors, des 1871 verstorbenen schottischen Verlegers Robert Chambers, wurde erst in der 1884 posthum erschienenen 12. Auflage des Buches offengelegt.

Der grobe Inhalt war die Idee, dass ein Gott allenfalls, wenn überhaupt, die Grundlage geschaffen hat und sich dann die übrigen Tiere und auch der Mensch „natürlich“ entwickelt haben.

Aus der Wikipedia:

The work puts forward a cosmic theory of transmutation as the „natural history of creation“ which we now call evolution. It suggests that everything currently in existence has developed from earlier forms: solar system, Earth, rocks, plants and corals, fish, land plants, reptiles and birds, mammals, and ultimately man.

The book begins by tackling the origins of the solar system, using the nebular hypothesis to explain its formations entirely in terms of natural law. It explains the origins of life by spontaneous generation, citing some questionable experiments that claimed to spontaneously generate insects through electricity. It then appeals to geology to demonstrate a progression in the fossil record from simple to more complex organisms, finally culminating in man—with the Caucasian European unabashedly identified as the pinnacle of this process, just above the other races and the rest of the animal kingdom.[3]

Auch hier sieht man wieder, dass die Evolutionstheorie  nicht einfach bei Darwin entstanden ist und es keine Vorläufer gab, die den Weg bereitet haben. Es  passt mal wieder das Gleichnis, dass der jeweilige Wissenschaftler ein Zwerg ist, der auf den Schultern von Riesen sitzt. Was den Wert von Darwin nicht mindern soll, er war derjenige, der die Mechanismen dieser Entwicklung erst richtig herausgearbeitet und entwickelt hat und insoweit aus einer groben These eine echte Theorie gemacht hat.

Man sieht auch erneut die starke Verknüpfung der Biologie mit der Geologie in der damaligen Zeit, denn die Geologie brachte eine Vielzahl von Fakten in die Diskussion, für die man Erklärungen brauchte und an denen man schwer vorbeikommen konnte. Zum einen war da das Alter verschiedener Gesteinsschichten, aber auch die Fossilien mit erkennbar heute nicht mehr existierenden Tieren, die irgendwann einmal auf unserer Erde gelebt haben mussten.

Das Gedankengebäude war hier noch ein ganz anderes, man hing noch einer Fehlannehme an, die auch heute noch verbreitet ist, nämlich einer Entwicklung mit einem bestimmten Ziel, insbesondere einer stetigen Höherentwicklung. Deswegen musste alles in eine Reihenfolge gebracht werden und natürlich musste dann der europäische Mensch in dieser falschen Hierarchie ganz oben stehen.
Heute wissen wir, dass Evolution kein Ziel verfolgt und keinen Sinn hat und auch keine moralische Wertung oder eine Hierarchie enthält, es ist einfach ein Prozess zufälliger Mutationen, die dann selektiert werden nach deren Fähigkeit Gene in die nächste Generation zu bringen. Dabei kann nicht in die Zukunft geschaut werden, wie der Dodo zeigt oder ein Plan verfolgt werden.

 It even goes so far as to connect man’s mental reasoning power with the rest of the animals as an advanced evolutionary step that can be traced backwards through the rest of the lower animals. In this sense, the evolutionary ideas offered in Vestiges aim at being complete and all-encompassing.

Die Wikipedia enthält dazu ein Bild:

Diagram from the first edition shows a model of development where fish (F), reptiles (R), and birds (B) represent branches from a path leading to mammals (M).

Andere Arten sind hier also nur Abspaltungen eines  Weges des sozusagen eigentlich wichtigen Tieres bzw letztendlich des Menschen oder lassen sich zumindest so darstellen.

It contains several comments worthy of repetition in light of more recent debates, such as regarding Intelligent Design. For example:

Not one species of any creature which flourished before the tertiary (Ehrenberg’s infusoria excepted) now exists; and of the mammalia which arose during that series, many forms are altogether gone, while of others we have now only kindred species. Thus to find not only frequent additions to the previous existing forms, but frequent withdrawals of forms which had apparently become inappropriate – a constant shifting as well as advance – is a fact calculated very forcibly to arrest attention. A candid consideration of all these circumstances can scarcely fail to introduce into our minds a somewhat different idea of organic creation from what has hitherto been generally entertained. (p. 152)

In other words, the fact of extinction — which can be observed in the fossil layers —suggests that some designs were flawed. From this, the author concludes:

Some other idea must then come to with regard to the mode in which the Divine Author proceeded in the organic creation. (p.153)

But the suggestion is not a mechanism, as Darwin would propose fifteen years later. The author merely notes that a continually active God is unnecessary:

Er bringt hier also, wenn auch nicht so deutlich ausformuliert, den Ansatz, dass es gegen einen andauernden Schöpfungsprozess eines Gottes spricht, dass bestimmte Tiere ausgestorben sind, also anscheinend nicht hinreichend an ihre Umwelt angepasst waren.

Das Argument würde uns vielleicht heute nicht mehr so überzeugen, weil wir davon ausgehen würden, dass die Tiere ja nur an ihre damalige Umwelt angepasst sein mussten und die sich verändern kann. Aber für die damaligen Christen war es schon ein brisanteres Argument, denn ein allwissender Gott hätte ja das Tier schon so kreieren können, dass es auch auf die Änderungen vorbereitet war. Die Frage inwieweit Arten ausgestorben waren, war also eine Frage, die als Kritik an einem allwissenden Gott verstanden werden konnte bzw als Gotteslästerung bzw Bestreiten, dass es überhaupt einen Gott ist.
Ins gleiche Horn stieß die These, dass ein Gott in dem Prozess gar nicht nötig sein sollte, der natürlich mit der Schöpfungsgeschichte nicht in Einklang zu bringen ist und damit die Bibel angreift.

Dazu geht es auch gleich weiter:

…how can we suppose that the august Being who brought all these countless worlds into form by the simple establishment of a natural principle flowing from his mind, was to interfere personally and specially on every occasion when a new shell-fish or reptile was to be ushered into existence on one of these worlds? Surely this idea is too ridiculous to be for a moment entertained. (p.154)

Also das Argument, dass es ein Prinzip gibt, dass sich das Höhere aus dem niedrigen entwickelt und das von einem Gott so eingerichtet ist und es dann keinen Sinn macht, wenn dieser Gott dennoch immer wieder für jedes neue Reptil selbst eingreifen müsste.

Und das wird dann auch noch als zu lächerlich als das man überhaupt darüber nachdenken muss, bezeichnet. Das ist eben der Vorteil der Anonymität. Man kann einfach solche Thesen deutlich freier schreiben als wenn man dann gleich den kirchlichen Bannhammer spürt.

He furthermore suggests that this interpretation may be based upon corrupt theology:

Thus, the scriptural objection quickly vanishes, and the prevalent ideas about the organic creation appear only as a mistaken inference from the text, formed at a time when man’s ignorance prevented him from drawing therefrom a just conclusion. (p.156)

And praises God for his foresight in generating such wondrous variety from so elegant a method, while chastening those who would oversimplify His accomplishment:

To a reasonable mind the Divine attributes must appear, not diminished or reduced in some way, by supposing a creation by law, but infinitely exalted. It is the narrowest of all views of the Deity, and characteristic of a humble class of intellects, to suppose him acting constantly in particular ways for particular occasions. It, for one thing, greatly detracts from his foresight, the most undeniable of all the attributes of Omnipotence. It lowers him towards the level of our own humble intellects. Much more worthy of him it surely is, to suppose that all things have been commissioned by him from the first, though neither is he absent from a particle of the current of natural affairs in one sense, seeing that the whole system is continually supported by his providence. (pp.156–157)

Für die damalige Zeit sicherlich auch ein Ansatz, der einfacher zu kommunizieren war. Es gibt ja einen Gott, er hat nur schlauer agiert als ein Handwerker, sondern eher wie ein König, der die Gesetze der Entstehung schafft und dann nicht mehr einschreiten muss, weil das von ihm konzipierte System eben gut funktioniert.

In der Wikipedia zu den Auswirkungen auf die Publikationen von Darwin:

Following its publication, there was increasing support for ideas of the coexistence of God and Nature, with the deity setting Natural Laws rather than continually intervening with miracles. It is perhaps for this reason that Origin of Species was accepted so readily, upon its eventual publication.

On the other hand, the knowledge of the scandal and experience of the reaction of his scientist friends confirmed Darwin’s reluctance to publish his own ideas until he had well researched answers to all possible objections (though, in the end, Darwin had to publish earlier than he had wanted to anyway).

Darwin hatte 1834, also 10 Jahre vor dem Buch von Robert Chambers, bereits mit der Ausarbeitung seiner evolutionären Theorien begonnen, nachdem ihm Maltus noch einmal deutlich gemacht hatte, wie eine Selektion aussehen kann. 1844 wurde ihm durch das Buch von Chambers und die auch sehr heftige Kritik daran deutlich, dass er erheblichen Widerstand haben wird. Er fing dann lange Studien an Flußrankenkrebsen (Barnacles) an und als ihm diese zu uninteressant wurden begann er Tauben zu untersuchen, bei denen Einigkeit bestand, dass die dann verbreiteten Zuchttauben aus einer Wildart hervorgegangen waren und sich durch Zucht die verschiedensten Arten entwickelt hatten. In der Tat schien er die Publikation seines Buches herauszuzögern. Erst als er 1859 einen Brief von Russel Wallace erhielt, in dem er ihn ein Paper übersandte, welches sich ebenfalls mit Evolution beschäftigte, hielt er zunächst eine Präsentation seines und des Papers von Russel Wallace und brachte dann ein Jahr später, 1859 sein Buch, an dem er dann 25 Jahre geschrieben hatte, heraus.

In der Wikipedia findet sich eine Darstellung, wie das Buch von Chambers aufgenommen worden ist. Da sieht man, dass es ein Kampf Kirche vs Aufklärung war. die Idee aber viele schon dort überzeugt hat. In der Hinsicht hat Chambers mit seinem anonymen Buch für Charles Darwin den Boden vorbereitet, die Idee war wenn auch in einer anderen Form bereits bei einem gewissen Teil der gebildeteren Bevölkerung angekommen. Einige der Kämpfe waren bereits geführt, es musste nicht ganz vorne angefangen werden.

Die Geschichte der Evolutonstheorie: Jean-Baptiste de Lamarck und Lamarckismus (und Lyssenkoismus)

Einen interessanten Beitrag zur Evolutionstheorie, allerdings im Sinne einer nicht zutreffenden Vorstufe dieser Theorien brachte Jean-Baptiste de Lamarck:

Aus der Wikipedia dazu:

Um 1800 entwickelte Lamarck eine Theorie der Arttransformation, der Veränderlichkeit der Arten. Die Denkwege, die ihn dazu führten, sind nicht bekannt, als wichtige Faktoren werden folgende diskutiert:

  • Seine Erkenntnisse als Systematiker, dass sich die Klassen linear nach ihrer Komplexität reihen lassen;
  • sein Wechsel von einer vitalistischen zu einer mechanistischen Physiologie;
  • sich daraus ergebend die Möglichkeit der Urzeugung sowie eine epigenetische Sichtweise der Ontogenie;
  • sein Projekt der Physique terrestre, innerhalb der die Transformation die Erklärung für die Vielfalt der Lebewesen bildete.

Ein weiterer Ausgangspunkt war möglicherweise die in den 1790er Jahren in Paris geführte Diskussion, ob Arten aussterben können. Die Veränderlichkeit der Arten war für Lamarck eine Möglichkeit, die von ihm abgelehnte Vorstellung eines Aussterbens einerseits und die Fossilfunde andererseits in Übereinstimmung zu bringen.

Es ist interessant, dass Forscher in vielen Fällen auf Gedanken aufbauten bzw an Problemen arbeiteten, die gerade ausgiebig in der (gebildeteren) Gesellschaft diskutiert wurde. Bei Darwin waren das zB noch fragen der Geologie und die Frage, wie neues Land entstanden istund eben bei Lamarck die Frage, inwieweit Arten aussterben konnten. Es wäre interessant wenn wissenschaftliche nicht ideologische Fragen heute noch in dieser Weise diskutiert werden würden, aber wahrscheinlich ist die Wissenschaft zu kompliziert dafür geworden.

Lamarcks Theorie zufolge entstehen die einfachsten Organismen durch Urzeugung. Urzeugung findet auch in der Gegenwart noch statt.

Das wäre dann wahrscheinlich so eine Art göttliche Urzeugung, jedenfalls habe ich nichts weiteres dazu gefunden.

Diese Organismen entwickeln sich zu immer komplexeren Formen, wobei der Entwicklung ein Richtungssinn innewohnt: vom Einfachen zum Komplexen.

Das ist ja auch heute noch ein häufiger Irrtum: Man geht davon aus, dass eine Evolution immer zu einer Verbesserung führen muss. Etwa das die Weiterentwicklung des Menschens uns immer klüger machen muss. Bekommen allerdings eher die weniger intelligenten Leute Kinder, während die intelligenteren Leute vor lauter arbeiten nicht mehr dazu kommen, dann muss das keineswegs der Fall sein, um mal nur ein Beispiel zu nennen.

Pflanzen und Tiere haben sich demzufolge unabhängig voneinander entwickelt. Diese Theorie ist auch eine reine Transformationstheorie, sie beinhaltet im Gegensatz zu Darwins Theorie keine gemeinsame Abstammung aller Arten. Die einzelnen Tierklassen sind unabhängig voneinander entstanden. Die Klassen haben gleichartige Vorfahren, die durch die Urzeugung entstandenen Formen, aber keine gemeinsamen Vorfahren. Ihre jeweilige Höherentwicklung verläuft demnach parallel und unabhängig voneinander. Die Höherentwicklung erfolgt aufgrund eines im Organismus angelegten und determinierten Prozesses. Lamarcks Evolution ist also gerichtet, wenn auch nicht auf ein vorherbestimmtes Ziel.

Das ist alles noch recht unbestimmt und heute würde man es für eine schlechte Theorie halten, aber es ist eben der Vorgänger besserer Theorien, die immerhin schon eine gewisse Entwicklung innerhalb einer Spezies ermöglicht. Es erklärt immerhin wenn auch nicht die „Urzeugung“, dann jedenfalls die Differenzierung innerhalb dieser.

In seiner Philosophie zoologique (1809) stellt Lamarck auch philosophische Überlegungen zu einer möglichen Entstehung der Menschen (bimanes) aus einer „Rasse“ von Affen (quadrumanes) an:

Wenn in der That irgend eine Affenrace hauptsächlich die vollkommenste derselben, durch die Verhältnisse oder durch irgend eine andere Ursache gezwungen wurde, die Gewohnheit, auf den Bäumen zu klettern und die Zweige mit den Füssen sowohl als mit den Händen zu erfassen, um sich daran aufzuhängen, aufzugeben und wenn die Individuen dieser Race während einer langen Reihe von Generationen gezwungen waren, ihre Füsse nur zum Gehen zu gebrauchen und aufhörten, von den Füssen denselben Gebrauch wie von den Händen zu machen, so ist es nach den im vorigen Kapitel angeführten Bemerkungen nicht zweifelhaft, dass die Vierhänder schliesslich zu Zweihändern umgebildet wurden und dass die Daumen ihrer Füsse, da diese Füsse nur noch zum Gehen dienten, die Entgegenstellbarkeit zu den Fingern verloren. Wenn überdies die Individuen, von denen ich spreche, bewegt durch das Bedürfniss zu herrschen und zugleich weit und breit um sich zu sehen, sich anstrengten, aufrecht zu stehen und an dieser Gewohnheit von Generation zu Generation beständig festhielten, so ist es ferner nicht zweifelhaft, dass ihre Füsse unmerklich eine für die aufrechte Haltung geeignete Bildung erlangten, dass ihre Beine Waden bekamen und dass diese Thiere dann nur mühsam auf den Händen und Füssen zugleich gehen konnten.“[6][7]

Das ist immerhin schon einmal die Entwicklung des Menschen aus dem Affen, wenn auch nicht aus einem gemeinsamen Vorfahren und nicht mit der Klarheit der heutigen Evolutionstheorie. Hier sieht man aber auch schon, dass er nicht auf Gene abstellte (was auch Darwin noch nicht machte, die Gene als Theorie kamen sehr viel später) oder auf andere Vererbungen, sondern auf „Gewohnheiten“.

Die Vielfalt der Arten und die Abweichungen von der reinen Stufenfolge erklärte Lamarck mit einem zweiten Mechanismus, der als Nebenprinzip zur Höherentwicklung fungiert: veränderte Umweltbedingungen veranlassen die Tiere zu veränderten „Gewohnheiten“ (habitudes), die zu verändertem Gebrauch von Organen führen. Der veränderte Gebrauch führt zu Modifikationen des Organs, die auf die Nachkommen vererbt werden. Dieses Nebenprinzip wurde nicht von Lamarck entwickelt; die Vererbung erworbener Eigenschaften war im 18. und auch noch 19. Jahrhundert weithin anerkannt. Alleine dieser Teil von Lamarcks Evolutionstheorie, die Vererbung erworbener Eigenschaften, wurde in späterer Folge als Lamarckismus bezeichnet.

Insofern etwas tragisch für ihn, dass eine Idee, die er nur, da sie allgemein anerkannt war, übernommen hatte, das werden würde, für das seine Theorien bekannt wurde.

Erst 1876 wurde die Zoologische Philosophie von Lamarck in deutscher Sprache veröffentlicht, wohl als Folge der durch das Werk Charles Darwins stark gestiegenen Beachtung des Evolutionsgedankens (bereits 1875 begann eine Gesamtausgabe von Darwins Werken auf Deutsch zu erscheinen, also noch zu Darwins Lebzeiten).[8]

Die englische Wikipedia macht noch etwas deutlicher, dass er für seine Zeit durchaus modern war, wenn auch größtenteils ignoriert:

Lamarck is known largely for his views on evolution, which have been dismissed in favour of developments in Darwinism, but he was an impressive general biologist of his day, and his works still deserve respect. His theory of evolution only achieved fame after the publication of Charles Darwin’s On the Origin of Species (1859), which spurred critics of Darwin’s new theory to fall back on Lamarckian evolution as a more well-established alternative.[37]

Lamarck is usually remembered for his belief in the then commonly held theory of inheritance of acquired characteristics, and the use and disuse model by which organisms developed their characteristics. Lamarck incorporated this belief into his theory of evolution, along with other common beliefs of the time, such as spontaneous generation.[25] The inheritance of acquired characteristics (also called the theory of adaptation or soft inheritance) was rejected by August Weismann in the 1880s[Note 3] when he developed a theory of inheritance in which germ plasm (the sex cells, later redefined as DNA), remained separate and distinct from the soma (the rest of the body); thus, nothing which happens to the soma may be passed on with the germ plasm. This model allegedly underlies the modern understanding of inheritance.

Lamarck constructed one of the first theoretical frameworks of organic evolution. While this theory was generally rejected during his lifetime,[38] Stephen Jay Gould argues that Lamarck was the „primary evolutionary theorist“, in that his ideas, and the way in which he structured his theory, set the tone for much of the subsequent thinking in evolutionary biology, through to the present day.[39] Developments in epigenetics, the study of cellular and physiological traits that are heritable by daughter cells and not caused by changes in the DNA sequence, have caused debate about whether a „neolamarckist“ view of inheritance could be correct: Lamarck was not in a position to give a molecular explanation for his theory. Eva Jablonka and Marion Lamb, for example, call themselves neolamarckists.[10][32] Reviewing the evidence, David Haig observes that any such mechanisms must themselves have evolved through natural selection.[10]

Darwin allowed a role for use and disuse as an evolutionary mechanism subsidiary to natural selection, most often in respect of disuse.[Note 4] He praised Lamarck for „the eminent service of arousing attention to the probability of all change in the organic… world, being the result of law, not miraculous interposition“.[41] Lamarckism is also occasionally used to describe quasi-evolutionary concepts in societal contexts, though not by Lamarck himself. For example, the memetic theory of cultural evolution is sometimes described as a form of Lamarckian inheritance of nongenetic traits.

Und weil wir bei Lamarck sind auch gleich etwas zu dem späteren Lamarckismus:

Anpassung an äußere Veränderungen

Den Hintergrund für Lamarcks Theorie bildet eine Kombination von geologischem Uniformitätsprinzip und Gradualismus. Lamarck nahm an, dass alle natürlichen Kräfte, die in der Gegenwart wirken, auch in der Vergangenheit gewirkt haben. Singuläre Ereignisse, wie etwa in Cuviers Katastrophentheorie, spielen keine Rolle; die Natur ändert sich graduell und vollzieht keine abrupten Sprünge.

Ebendiese graduellen Änderungen der Umgebung sind gemäß Lamarck ein Antrieb der Evolution: Eine geänderte Umwelt führt dazu, dass sich auch die Gewohnheiten der darin lebenden Organismen ändern, was wiederum zur Folge hat, dass sich die Organismen selbst ändern.
Durch geänderte Gewohnheitenverursachte somatische Modifikationen würden nach seiner Theorie an die nächsten Generationen vererbt
. Dieser Punkt in Lamarcks Theorie ist heute als „Lamarckismus“ oder auch „weiche Vererbung“ bekannt und ist – im Gegensatz zu Lamarcks weiteren Ansichten – nicht in Vergessenheit geraten.

Heute wissen wird, dass Gewohnheiten nicht das Erbgut ändern. Die Geninformationen, die in der nächsten Generation ankommen, sind vielmehr streng getrennt von dem Leben der Eltern. Was auch schon daran deutlich wird, dass beispielsweise die Eizellen in der Mutter bereits bei ihrer Geburt angelegt werden und sich danach nicht mehr verändern. Und auch die Spermien der Männer unterlaufen keiner Veränderung im Erbgut. Ein kräftiger Schmied etwa erfährt durch seinen Beruf keine Veränderung dahingehend, dass „Körperkraft“ in den Genen seiner Spermien erhöht wird. Natürlich kann er den Beruf gewählt haben, weil er ohnehin Gene hatte, die einen leichteren Muskelaufbau begünstigen und die könnte er auch an seinen Sohn weitergeben, aber hat er sich die Muskeln ohne besondere genetische Grundlage durch hartes Hammerschwingen erarbeitet, dann schlägt sich dieser Vorteil nicht genetisch bei seinem Sohn nieder. Insofern ändern die Gewohnheiten des Vaters sein Erbgut nicht und landen damit auch nicht beim Sohn. Sie können insoweit auch nicht für die Veränderungen maßgeblich sein.

Lamarckismus

Heute wird er meist illustriert durch das Beispiel der Giraffe, die sich in trockener, unwirtlicher Umgebung nach hochgelegenen Blättern von Bäumen strecken musste, um sich zu ernähren. Hierdurch habe sich über viele Generationen hinweg der lange Hals entwickelt. Lamarck verwendete dieses Beispiel nur als eines unter vielen, es hatte für ihn nicht die zentrale Stellung, die es heute in vielen Darstellungen seiner Theorie hat.[9]

Die Evolution der Giraffe und ihres langen Halses ist überaus komplex. Wer einen guten Beitrag dazu sehen will, welche Modifikationen neben einer einfachen Verlängerung des Halses alles eintreten mussten, der schaue sich „Inside Nature’s Giants: Giraffe“ an, hier mal ein Link, ich hoffe er funktioniert lange:

Es muss sich nich einfach nur der Hals verlängern, es muss auch ein Herz entwickelt werden, welches das Blut den langen Weg zum Gehirn hochpumpen kann, es muss ein Mittel gefunden werden, damit  nicht das Blut, welches sonst gegen die Schwerkraft zum Kopf hochgepumpt wird, bei einer Absenkung des Kopfes zB zum Trinken den Kopf platzen lässt etc.

(Daneben stellt der rückläufiger Kehlkopfnerv (Nervus laryngeus recurrens) bei der Giraffe einen guten Beleg dafür da, was es keine Schöpfung, sondern eine Evolution gegeben hat, denn er macht bei der Giraffe einen „Umweg“ von ca. 5 Metern, der seiner früheren Lage bei Fischen geschuldet ist)

Lamarck ging von einer Vererbung erworbener Merkmale aus, was sich später als unzutreffend herausstellte. Die Unterscheidung zwischen der Erbinformation in den Zellen der Körpergewebe, die nicht an die Nachkommen weitergegeben werden kann, und der Erbinformation in den Eizellen und Spermien, die als einzige vererbt wird, konnte Lamarck noch nicht vornehmen.

Das stimmt und auch Darwin hat dieses Nichtwissen dazu verleitet in späteren Ausgaben seines Buches in Richtung Lamarckismus zu gehen, wie ich hier bereits einmal dargestellt habe: 

Später hat Darwin den Gedanken der Weitergabe von Eigenschaften aber wohl doch aufgenommen, in seinen Theorien zur Pangenesis:
Darwin entwickelte die Pangenesistheorie in seinen späten Werken als Konzession an Vertreter lamarckistischer Auffassungen wegen bestimmter Anpassungsphänomene bei Lebewesen, die er nicht mit seiner Selektionstheorie erklären zu können glaubte:

„Es wird fast allgemein zugegeben, dass die Zellen oder die Einheiten des Körpers sich durch Theilung oder Prolification fortpflanzen, wobei sie zunächst dieselbe Natur beibehalten und schliesslich in die verschiedenen Gewebe und Substanzen des Körpers verwandelt werden. Aber ausser dieser Vermehrungsweise nehme ich an, dass die Zellen vor ihrer Umwandlung in völlig passive oder ‚gebildete Substanz‘ kleine Körnchen oder Atome abgeben, welche durch den ganzen Körper frei circulieren und welche, wenn sie mit gehöriger Nahrung versorgt werden, durch Theilung sich verfielfältigen und später zu Zellen entwickelt werden können, gleich denen von denen sie herrühren. Diese Körnchen können der Deutlichkeit halber Zellenkeimchen genannt werden, oder da die Zellentheorie nicht vollständig begründet ist, einfach Keimchen … Endlich nehme ich an, daß die Keimchen in ihren schlummernden Zustande eine gegenseitige Verwandtschaft zueinander haben, welche zu ihrer Aggregation entweder zu Knospen oder zu den Sexualelementen führt. Um genauer zu sprechen, so sind es nicht die reproduktiven Elemente, auch nicht die Knospen, welche neue Organismen erzeugen, sondern die Zellen selbst durch den ganzen Körper. Diese Annahmen bilden die provisorische Hypothese, welche ich Pangenesis genannt habe.“ [1]

Das folgende Zitat zeigt eindeutig, dass Darwin weit lamarckistischer im Sinne einer Vererbung erworbener Eigenschaften gedacht hat, als wir dies heutzutage wahr haben wollen: „
Bei Variationen, welche durch die directe Einwirkung veränderter Lebensbedingungen verursacht werden … werden die Gewebe des Körpers nach der Theorie der Pangenesis direct durch die neuen Bedingungen afficiert und geben demzufolge modificirte Nachkommen aus, welche mit ihren neuerdings erlangten Eigenthümlichkeiten den Nachkommen überliefert werden. …“

Naturlich ist das seiner Zeit geschuldet. Dazu auch in dem Wikipediaartikel:

Die Gene waren seinerzeit noch nicht entdeckt. Heute wird überwiegend die Haltung vertreten, dass erworbene Merkmale nicht vererbt werden, da die Erbinformation nur über die Keimbahn an die nächste Generation weitergegeben wird, und dass Rekombination und Mutation für die Entstehung neuer Merkmale verantwortlich sind. Das Giraffenbeispiel erfreut sich gleichbleibender Beliebtheit, weil man es ebenso zur Widerlegung Lamarcks, wie auch als Beispiel für ein Ergebnis einer transformierenden Selektion verwenden kann.

In der Tat wissen wir es heute einfach besser. Aber zu damaliger Zeit warf es eben erhebliche Probleme auf. Insbesondere der Einwand der „Vermischung“ wurde damals als problematisch angesehen:

Wenn eine neue Eigenschaftsausprägung entsteht, sagen wir der etwas längere Hals einer Giraffe, dann paart sie sich dennoch zwangsläufig wieder mit anderen Giraffen, die diese Eigenschaftsausprägung noch nicht haben. Damit erfolgt immer wieder eine Reduzierung und Verwässerung der neuen Eigenschaft, die sich dann nie richtig durchsetzen kann.

Das Problem verhindert der Lamarckismus weil ja alle Giraffen versuchen an die höheren Blätter zu kommen.

Besser erklären es aber die Gene: An die Nachkommen wird nicht eine „Vermischte“ Anlage von beiden Eltern weitergegeben, sondern entweder die Gene der Mutter oder des Vaters. Wenn zB an ein Giraffenkind das Gen von der Mutter für den längeren Hals kommt und an das andere das Gen des Vaters für den „Normalen“ Hals, dann hat das Kind mit dem Gen für den langen Hals eben Vorteile und die Nachfahren, die es von ihm bekommen wiederum Vorteile. So kann sich das Gen anreichern.

Linearer Fortschritt
Da sich allein aus dem „lamarckistischen“ Teil von Lamarcks Theorie, in dem sich die Organismen an die ungerichteten äußeren Veränderungen in einer Art Zufallsbewegung anpassen, eine mit der Zeit steigende Komplexität der Organismen nicht erklären lässt, bedarf eine konsistente Theorie der Evolution weiterer Ergänzungen.

Lamarcks Lösung für dieses Problem besteht darin, eine zweite evolutionäre Kraft anzunehmen. Er postuliert die Existenz einer linearen taxonomischen Skala der Komplexität, auf der sich alle Organismen einordnen lassen und an deren Spitze der Mensch steht. Allen Organismen wohnt ein Vervollkommnungstrieb inne, durch den sie durch graduelle Veränderungen auf der Leiter der Komplexität immer weiter hinaufklettern. Dieser Vorgang könne selbst ohne Veränderungen der Umwelt geschehen, er sei also von der „weichen Vererbung“ abgekoppelt.[10] Lamarck führt die Mechanismen für diesen Prozess nicht genauer aus, als Erklärung gibt er nur vage „Bewegungen von Flüssigkeiten“ und „vitale Kräfte“ an.

Da überzeugt die Evolutionstheorie von Darwin aus meiner Sicht mehr.

Das Problem, warum es auch niedere Lebensformen gibt, wenn doch alle Organismen sich auf der Komplexitätsskala aufwärtsbewegen, erklärt Lamarck mit einer konstant stattfindenden Spontanzeugung von niederen Lebensformen. Auch hierfür gibt er keinen konkreten Mechanismus an.

Im Gegensatz zu Darwin hat Lamarck also keine Abstammungslehre postuliert, sondern zu jeder rezenten Art führt eine eigene Evolutionslinie. Die am höchsten evolvierten Organismen seien durch Urzeugung zuerst entstanden, die niederen Organismen später. Die Evolutionslinie zum Menschen sei daher nach Lamarck die längste und damit älteste.[11]

Das macht ja immerhin aus religiöser Sicht Sinn. Wobei: Die Tiere wurden ja zuerst geschaffen.

Die Faktoren im Zusammenspiel
Die in der Natur zu beobachtende Artenvielfalt kann, wie Lamarck anerkennen musste, kaum durch eine lineare Skala der Komplexität erklärt werden, welche daher nur eine Idealisierung sein kann. In der Wirklichkeit wird der lineare Fortschritt der Arten gewissermaßen „gestört“ durch die adaptive Anpassung der Arten an die sich ändernde Umwelt. Es besteht ein stetes Zusammenspiel zwischen vorwärts- und seitwärtsgerichter Evolution.[12]

Ein wichtiges Problem war zu Lamarcks Zeit, durch Funde von Fossilien angeregt, das mögliche Aussterben von Arten. Lamarck bestritt weitestgehend, dass Arten aussterben können. Eine für ausgestorben gehaltene Art könne entweder in noch unbekannten Teilen der Welt weiterexistieren, oder sie könne sich durch Adaptation so sehr gewandelt haben, dass sie nicht mehr erkannt wird. Einzig die Möglichkeit, dass einzelne Spezies durch den Menschen ausgerottet werden könnten, erwog Lamarck in „prophetischer“[13] Manier.

Mir erschließt sich bereits nicht, warum ein Aussterben überhaupt ausgeschlossen werden sollte. Vielleicht weil es dazu führen würde, dass es irgendwann gar keine Tiere mehr gibt? Aber man muss wahrscheinlich die damalige Debatte kennen um es zu verstehen.

Rezeption
Zu Lebzeiten erhielt Lamarck nur wenige Reaktionen auf seine Evolutionstheorie. Dies lag zum Teil daran, dass er, der im Stile vergangener Jahrhunderte mehr Naturphilosoph als Naturwissenschaftler war, mit seiner spekulativen Art wenig Anklang fand im nachrevolutionären Frankreich, in dem die Wissenschaft immer empirischer wurde.

Harte Kritik erfuhr Lamarck durch den einflussreichen Georges Cuvier, der dessen Theorie ausgerechnet in einem Nachruf (éloge) auseinandernahm. Cuvier kritisierte zum einen Lamarcks spekulative, nur schwach auf empirischen Fundamenten beruhende Theorie, ein Punkt, in dem ihm heutige Wissenschaftshistoriker weitgehend zustimmen. Zum anderen aber zeichnete er – Lamarcks kausalen Dreischritt von veränderter Umwelt über Gewohnheiten bis hin zur Vererbung ignorierend – ein Bild einer Theorie, in dem Wille oder Wünsche der Organismen die Evolution steuern, was dazu führte, dass Lamarck später oft dem Vitalismus zugeschrieben wurde.

Verzerrende Darstellungen wie die eben genannte, die heute als „Karikatur“[14] oder „Pseudolamarckismus“[15] eingestuft werden, prägten dauerhaft die öffentliche Wahrnehmung von Lamarck. Dabei war dieser ein radikaler Materialist und wurde hierfür sogar zu Lebzeiten von kreationistischen Vertretern wie William Kirby kritisiert.[16] In der Tat spielt in seiner Theorie, die etwa die Entstehung von Leben durch spontane Generation beinhaltet, ein Schöpfer keine Rolle.

Auch Charles Darwin hielt wenig von Lamarck. Er hatte dessen Bücher studiert, erwähnte diese aber nur selten in offiziellen Schriften und bezeichnete die Bücher privat als „veritable rubbish“.[17] Die Wertschätzung seines Freundes Charles Lyell für Lamarck konnte er nicht recht nachvollziehen.[18] Dennoch wird aus heutiger Sicht vermutet, dass Darwin – direkt[19] oder indirekt[20] – stärker durch Lamarck beeinflusst war, als es ihm traditionell zugeschrieben wird. Darwins Pangenesistheorie enthält überdies die Idee der „lamarckistischen“ Vererbung erworbener Eigenschaften. Das bei Darwin so zentrale Prinzip der natürlichen Selektion war Lamarck jedoch gänzlich fremd, weil Unterschiede zwischen Individuen einer Art keine Rolle in dessen Denken spielten.

Dazu hatte ich ja oben etwas geschrieben.

Aus heutiger Sicht wird von einigen Wissenschaftshistorikern die ahistorische Darstellung Lamarcks in Lehrbüchern kritisiert. Womöglich durch die spätere Debatte zwischen Neolamarckisten und Neodarwinisten beeinflusst, werde Lamarck fälschlicherweise als der Gegenspieler von Darwin dargestellt und seine Theorie auf das Beispiel der Giraffe reduziert.[21]

Lamarck kann erst einmal nichts dafür, dass seine Theorien auf diese Weise später aufgegriffen worden sind. Für seine Zeit sind es ja keine schlechten Überlegungen, sie werden insbesondere schlecht, weil wir heute mehr wissen. Aber viele Fehler seiner Theorien, etwa die Annahme, dass erworbene Fähigkeiten auch bei den Kindern vorliegen müssten, trifft man noch heute gerne an bzw es wird nicht scharf unterschieden zwischen der Anlage und dem Training der Eltern.

Neolamarckismus
Der Lamarckismus im heutigen Sinn, also das Konzept der Vererbung erworbener Eigenschaften, entstand erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als eine ernstzunehmende Alternative hierzu vorgeschlagen worden war. Die Ursache hierfür war August Weismann, der mit seiner Keimplasmatheorie den Darwinismus gewissermaßen aller lamarckistischen Elemente „bereinigte“. Die Weismann-Barriere verhindert jeden Einfluss von somatischen Veränderungen zurück aufs Erbgut. In Weismanns Theorie ist die natürliche Selektion die einzige wirkende Kraft, „weiche“ Vererbungsmechanismen gibt es in ihr nicht.

Die Weißmann-Barriere zur Erläuterung:

Das heutige Wissen der Genetiker über Chromosomen und DNA stand Weismann noch nicht zur Verfügung. Er verwendete die Begriffe Keimplasma und Körperplasma. Das Keimplasma sei für die Weitergabe der Erbinformationen zuständig, während das Körperplasma die Ausprägung des Organismus bestimme. Informationen gelangten aus dem Keimplasma in das Körperplasma und bestimmten so die Ausprägung erblicher Merkmale. Umgekehrt könnten jedoch keine Informationen aus dem Körperplasma in das Keimplasma gelangen. Durch äußere Einflüsse sei eine Änderung der individuellen Eigenschaften möglich, das Keimplasma bliebe davon aber unberührt.

Zwischen den als „Neodarwinisten“ bezeichneten Anhängern Weismanns und den „Neolamarckisten“ entstanden scharf geführte Debatten. Eines der Probleme der darwinistischen Seite war es hierbei, die Rückbildung von Organen zu erklären.[22] Die Lamarckisten hatten es dagegen schwer, experimentelle Belege für ihre Thesen anzuführen und ihre Theorie mit der zur Jahrhundertwende wiederentdeckten Genetik Gregor Mendels in Einklang zu bringen.

Gegen 1900 war der Neolamarckismus daher nicht die Randerscheinung, die er heute ist, sondern eine weithin akzeptierte Position.[23] Zu den Anhängern der Vererbung erworbener Eigenschaften zählten unter anderem Edward Drinker Cope, Herbert Spencer und Ernst Haeckel. Als Pierre de Coubertin die Olympischen Spiele 1894 wiedererweckte, war er vom Geist des Neolamarckismus geprägt. In seinem Projekt des rebroncer la France wollte er die männliche Bevölkerung Frankreichs nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg durch Sport fit machen wie die Engländer, um so die deutschen Turner besiegen zu können. Er ging davon aus, dass man Fitness vererben könne und jede Generation leistungsfähiger würde als die vorherige – wenn sie nur genug trainieren würde.[24]

Etwas, was leider nicht klappt, jede Generation muss erneut trainieren und hat nichts davon, dass andere Generationen viel trainiert hätten. Aber interessant, dass auf dieser Basis die Olympischen Spiele wieder aufgelebt sind.

Die Auseinandersetzung wurde schließlich nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf politischer Ebene geführt. Zunächst ließen sich evolutionstheoretische Standpunkte nicht eindeutig weltanschaulichen Positionen zuordnen. Dies änderte sich jedoch mit Beginn der 1930er Jahre, als sich auf Darwin und Mendel berufende eugenische Theorien besonders im nationalsozialistischen Deutschland an Bedeutung gewannen. Der Lamarckismus wurde fortan mit „linken“, sozialistischen Positionen verbunden.[25] Von Nationalsozialisten wurde er etwa als Produkt von „liberal-jüdisch-bolschewistischer Wissenschaft“ angesehen.[26]

Was allerdings nicht bedeutet, dass die Nationalsozialisten Darwin richtig verstanden haben, ihr Sozialdarwinismus mag zwar nicht von der Weitergabe von im Erwachsenenleben erworbenen Eigenschaften ausgehen, ist aber dennoch vollkommen falsch.

Paul Kammerer, der selbst antisemitischen Angriffen durch August Weismann,[27] Fritz Lenz und Ludwig Plate ausgesetzt war,[28] warf seinerseits den Anhängern Weismanns vor, in rassistischem Fanatismus zu fordern, dass nur eine Rasse siegreich aus einem Selektionsprozess hervorgehe. Dem gegenüber strebe er als Lamarckist eine Verbesserung des Wohls der gesamten Menschheit an.[29] Einer der Punkte, der den Lamarckismus für viele Menschen anziehend erscheinen ließ, war die Hoffnung, dass Verbesserungen in der Gegenwart sich direkt auf das Erbgut kommender Generationen auswirken können.

Das macht es in der Tat zu einer typisch linken Theorie: Potentielle gute Folgen für alle reicht für die Einführung, auch wenn es tatsächlich  nicht klappen kann und zu Katastrophe führen muss. 😉

Bis in die 1920er Jahre hinein war der Lamarckismus eine der wichtigsten Theorien neben dem Neodarwinismus von Weismanns Anhängerschaft. Allerdings blieben überzeugende experimentelle Nachweise aus, Skandale wie die Affäre um Paul Kammerer schwächten die lamarckistische Position und schließlich gelang es, die Genetik immer weiter mit dem Darwinismus zu kombinieren. Mit der Entwicklung der modernen evolutionären Synthese war der Lamarckismus endgültig wissenschaftlich obsolet.

Die Genetik hat natürlich sehr weitgehend zum Verständnis evolutionärer Vorgänge beigetragen, ich würde sogar sagen, dass man ohne Genetik Evolution nicht wirklich verstehen kann. Das Gen als wesentliche Einheit der Vererbung, als das, was eine gewisse Unsterblichkeit hat, uns selbst als Genvehikel und die Mutation und  Selektionvon Genen als wesentlicher Vorgang erklärt erst das Leben.

In der Sowjetunion hatte er allerdings noch eine Weile Bestand. Der sowjetische Agronom Trofim Denissowitsch Lyssenko verfocht während der Regierungszeit Josef Stalins in der UdSSR eine abgewandelte Form des Lamarckismus und versuchte, die Vererbung erworbener Eigenschaften zu beweisen. Auf seine Anweisung hin wurden erhebliche Flächen mit Weizen bepflanzt, die dafür klimatisch nicht geeignet waren. Die dadurch hervorgerufenen Missernten verschärften die schlechte Ernährungslage der russischen Bevölkerung in einer Zeit der Hungersnöte. Die von ihm praktizierte Kontrolle der Wissenschaft durch die Politik wird auch als Lyssenkoismus bezeichnet. Erst Mitte der 1950er Jahre (nach dem Tod seines Förderers Stalin) begann Lyssenkos Einfluss zu schwinden, 1962 wurde er entlassen.

Lysssenko hat sich in der Tat stark bei einem Neolamarckismus bedient. Dazu aus der Wikipedia:

Lyssenko war unter Josef Stalin der führende Biologe der UdSSR. Er vertrat wie Jean-Baptiste de Lamarck und die Neolamarckisten die Ansicht, dass erworbene Eigenschaften vererbt würden, und negierte die Existenz von Genen als unsozialistisch und deshalb falsch. Die Entstehung neuer Arten erfolge daher nicht durch Mutation und Selektion (Synthetische Evolutionstheorie), sondern durch Einflüsse der Umwelt. Seine Theorien prüfte er in groß angelegten Landwirtschaftsprojekten. So säte er Weizen unter ungünstigen klimatischen Bedingungen und fand daraufhin im nächsten Jahr Roggenpflanzen auf dem Feld. Tatsächlich hatten sich Roggenpflanzen von benachbarten Feldern ausgesät. Lyssenko interpretierte dagegen solche Ergebnisse als Beleg für seine Thesen. Mit der Einführung der künstlichen Jarowisation von Weizensaatgut wollte er die nach der Zwangskollektivierung verbreiteten Missernten in der Ukraine und Russland verhindern. Die von ihm prognostizierten Ertragssteigerungen erwiesen sich bald als unhaltbar.

Nach seiner Theorie hätte sich eben der Weizen, wenn man ihn nur häufig genug aussäht, an die kalten Temperaturen anpassen müssen. Wenn es aber so kalt ist, dass er gar keine neuen Samen bilden kann, dann kann sich auch keine Evolution einstellen, die ohnehin sehr langsam vor sich gehen würde. Insoweit musste das Experiment zum Scheitern verurteilt sein.

Wesentliche Thesen Lyssenkos, z. B. in seinem Hauptreferat auf der Tagung der Leninakademie der Landwirtschaftswissenschaften der UdSSR im August 1948 in Moskau vorgetragen, waren:

  1. Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene.
  2. Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat.
  3. In der Auseinandersetzung mit den Umweltbedingungen erworbene Eigenschaften werden vererbt.
  4. Bei Pflanzen können gezielte Veränderungen durch Pfropfung im Prozess der vegetativen Hybridisation induziert werden; es existiert kein prinzipieller Unterschied zur sexuellen Hybridisation.
  5. Durch Aufzucht von Winterformen ohne Kälteschock können bei Getreide erbliche Sommerformen erzielt werden.
  6. Kulturpflanzenarten wie Weizen und Roggen lassen sich durch geeignete Umweltbedingungen ineinander umwandeln.

Durch gute Beziehungen zum sowjetischen Geheimdienst NKWD gelang es ihm, Kritiker mundtot zu machen. Insbesondere nach seiner Ernennung zum Präsidenten der Sowjetischen Akademie für Landwirtschafts-wissenschaften der Sowjetunion im Jahre 1938 ließ er andere Biologen, vor allem Genetiker, politisch verfolgen und in Straflager bringen. So war Lyssenko mitverantwortlich für den Tod des bedeutenden Biologen und Gründers der Akademie, Nikolai Wawilow, im Jahre 1943.

Schrecklich. Aber passend zu einer Zeit in der Millionen von Menschen in Straflagern waren, teilweise ohne jeden Grund.

Lyssenko verstand es, sich durch gute Beziehungen innerhalb der Partei und zu Stalin persönlich erhebliche Ressourcen zu verschaffen. Auf seine Anweisung hin wurden erhebliche Flächen mit Weizen bepflanzt, die dafür klimatisch nicht geeignet waren. Die dadurch hervorgerufenen Missernten verschärften die ohnehin schlechte Ernährungslage der Sowjetbürger deutlich, es kam zu Hungersnöten. Ebenso in der Volksrepublik China, nachdem Mao Zedong für den Großen Sprung nach vorn den chinesischen Bauern die Anwendung der Methoden Lyssenkos befahl. In der Landwirtschaft der DDR kam es aufgrund der couragierten Tätigkeit Hans Stubbes bis auf einige Lippenbekenntnisse in Schulbüchern zu keiner praktischen Anwendung der Thesen Lyssenkos.

Das macht mal wieder deutlich, dass Ideologie und Wissenschaft nicht zusammen passen. Es ist nicht richtig, was am besten in die Ideologie passt, sondern was durch Fakten belegbar ist.

Die biologischen Wissenschaften der Sowjetunion wurden nachhaltig geschädigt, so dass der Begriff Lyssenkoismus fortan als Schlagwort für Scharlatanerie und die Unterordnung wissenschaftlicher Erkenntnis unter die Wunschvorstellungen der Politik gebraucht wurde.

Und das zu Recht. Wie gesagt: Das ist Lamarck nicht anzulasten, er war ein Kind seiner Zeit und hat dort vertretene Theorien übernommen. Er hat keine Leute umgebracht.
Lyssenko hingegen hätte es besser wissen können. Er hat sich dafür entschieden Leute mit anderen Meiungen in Straflager schicken zu lassen, statt sich deren Argumente anzuhören.

Die Geschichte der Evolutionstheorie: Alfred Russel Wallace

Alfred Russel Wallace ist für viele ein vollkommen unbekannter Mann, er wäre aber beinahe derjenige gewesen, der zuerst einen wissenschaftlichen Aufsatz zu dem, was wir heute die  Evolutionstheorie nennen publiziert hätte.

So ist er eher eine Fußnote in der Geschichte geworden, ein weitaus unbekannterer Name als Darwin, der weltweit den allermeisten Menschen, die zumindest über etwas Bildung verfügen, bekannt ist.

Wallace ist mit Darwin über viele verschiedene Punkte verbunden, beispielsweise waren es Darwins erste Berichte über seine Reise mit der HMS Beagle die ihm unter anderen dazu brachte, dass er auch Naturforscher werden wollte.

Aus der Wikipedia:

Wallace begann seine Karriere als Naturforscher und glaubte früh an eine Transmutation der Arten. Er wurde von Robert Chambers Werk Vestiges of the Natural History of Creation beeinflusst. 1845 schrieb Wallace an Henry Bates:

„Ich habe eine weitaus gefälligere Meinung zu ‚Vestiges’ als Du zu haben scheinst. Ich halte es nicht für eine eilfertige Verallgemeinerung, sondern für eine einfallsreiche Hypothese, die von einigen auffälligen Fakten und Analogien gestützt wird, die aber noch durch weitere Fakten und durch zusätzliches Licht, das mehr Forschung auf das Problem aufwerfen könnte, bestätigt werden muss. Es stellt ein Thema dar, dem sich jeder Naturstudierende widmen kann. Jede Tatsache, die er beobachtet, wird entweder dafür oder dagegen sprechen und deshalb dient es der Anregung zur Zusammenstellung von Fakten und als Objekt zugleich, worauf diese angewandt werden können, wenn erhoben.[21]“

An der Geschichte der Evolutionstheorie sieht man auch sehr schön, wie solche Theorien nicht einfach vom Himmel  fallen, sondern oft eine Vorgeschichte haben, die man so gar nicht kennt. Es hat sich eben nicht einfach Darwin an seinen Schreibtisch gesetzt und nach einem Geistesblitz die Theorien aufgeschrieben, sondern es gab Vorgängertheorien, die eine Grundlage bildeten, etwa das Werk von Robert Chambers, welches noch nicht wirklich eine Evolutionstheorie war, da es keine Mechanismen beschrieb, aber schon die Idee hatte, dass die Differenzierung im Tierreich ganz ohne einen Gott abgelaufen sein könnte. Auch andere Schriften, etwa die von Robert Maltus, der davon ausging, dass die Nahrungsproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten konnte, hatten zwar nichts mit Evolution zu tun, aber brachten sowohl Wallace als auch Darwin auf die Idee, dass Ressourcenmangel ein Selektionsfaktor sein könnte.

Wallace plante einen Teil seiner Feldarbeit von vornherein so, dass die Hypothese, dass unter einem evolutionären Szenario eng verwandte Arten angrenzende Gebiete bewohnen würden, überprüft werden könnte.[22] Während seiner Arbeit im Amazonasbecken erkannte er, dass geographische Barrieren, wie z. B. der Amazonasfluss und seine größeren Zuflüsse, oft die Ausbreitungsgebiete eng miteinander verwandter Arten trennten. Er nahm diese Beobachtungen in seine Veröffentlichung On the Monkeys of the Amazon (Über die Affen am Amazon) auf.[2] Fast am Ende des Artikels stellt er die Frage: „Sind eng verwandte Arten jemals durch einen weiten ländlichen Abstand getrennt?“.

Auch hier erst einmal die kleineren Ideen, man wußte noch nicht wie Evolution läuft, aber es entstand die Idee, dass ländliche Abstände eine Rolle spielen können.

Im Februar 1855, als er in Sarawak auf der Insel Borneo arbeitete, schrieb Wallace On the Law Which has Regulated the Introduction of Species (Über das Gesetz, welches die Einführung der Arten regulierte), ein Schriftstück, das im Annals and Magazine of Natural History im September 1855 veröffentlicht wurde. Hier erfasste und zählte er allgemeine Beobachtungen auf, welche die geographische und geologische Verteilung der Arten betrafen (Biogeographie). Seine Schlussfolgerung, dass jede Art koinzident in Ort und Zeit mit eng verwandten Arten entstanden ist, wird heute als „Sarawak-Gesetz“ bezeichnet. So beantwortete Wallace die Frage, die er in seiner früheren Veröffentlichung über die Affen im Amazonasbecken gestellt hatte. Obwohl es keine möglichen Evolutionsmechanismen erwähnte, war das Schriftstück ein Vorbote zu dem bedeutsamen Artikel, den er drei Jahre später schrieb.

Die Entwicklung der Evolutionstheorie ging bei Wallace und Darwin damit einher, dass beide auf ihren Reisen Unterschiede zwischen Tieren untersuchten und feststellten, dass diese Unterschiede stark an die jeweiligen Lebensräume angepasst waren. Für Darwin waren es zB die Schnabelformen der Darwinfinken oder der Panzer von Schildkröten auf den verschiedenen Inseln, Wallace hatte sehr viele Insekten gesammelt und eben auch Affen genau beobachtet.

Diese Veröffentlichung erschütterte die Überzeugung von Charles Lyell, dass die Arten unveränderlich waren. Obwohl ihm sein Freund Charles Darwin 1842 geschrieben und seine Unterstützung der Transmutationsidee geäußert hatte, beharrte Lyell auf seiner Ablehnung dieser Idee. Anfang 1856 wurde Darwin durch Lyell sowie Edward Blyth auf das Schriftstück von Wallace hingewiesen. Lyell war mehr beeindruckt und begann mit einem Notizbuch über die Arten, das sich mit den Folgen daraus beschäftigte, insbesondere für die menschliche Abstammung. Darwin hatte bereits seine Theorie ihrem gemeinsamen Freund Joseph Hooker vorgestellt und erklärte jetzt Lyell zum ersten Mal sämtliche Details zur natürlichen Selektion. Obwohl Lyell nicht damit einverstanden sein konnte, bedrängte er Darwin zu veröffentlichen, um Priorität zu erlangen. Darwin äußerte zunächst Bedenken, begann aber dann am 14. Mai 1856, einen Abriss aus seiner andauernden Arbeit zusammenzustellen.[23]

Und das war der „Nachteil“ der Darwin beinahe zum Verhängnis geworden wäre: Sein Ansatz war gründlicher, tiefgehender und methodischer und er wollte es perfekt machen, wohl auch weil ihm bewußt war, dass die Theorie erheblichen Aufruhr machen würde. Der oben erwähnte Robert Chambers hatte genau aus diesen Gründen sein Buch anonym veröffentlicht und erst dreißig Jahre später als Autorenstellung zugegeben. Darwin war auch schon vor seinem Buch sehr bekannt, sein erster Buch über die Reise mit der HMS Beatle hatte ihn insbesondere unter Geologen sehr bekannt gemacht. Gleichzeitig war der Streit unter den Geologen wiederum eine gesellschaftlich geführte Debatte (vgl Neptunismus vs. Plutonismus) und sein Buch wurde in dieser Hinsicht vom Bildungsbürgertum sehr gut angenommen. Er war zudem verheiratet und hatte insofern mehr zu verlieren als Wallace.

Im Februar 1858 war Wallace durch seine biogeographischen Forschungen am Malaiischen Archipel bereits  von der Gültigkeit der Evolution überzeugt. Wie er in seiner späteren Autobiographie schrieb:

„Das Problem war nicht nur, wie und warum sich die Arten verändern, sondern wie und warum sie sich in neue und gut definierte Arten verändern, die sich voneinander so vielfältig unterscheiden, warum und wie sie sich so genau an die unterschiedlichen Lebensbedingungen anpassen und warum die Zwischenstufen aussterben (da die Geologie ja zeigt, dass sie ausgestorben sind) und nur klar definierte und stark ausgeprägte Arten hinterlassen, Gattungen und höhere Tiergruppen.[24]“

Seiner Autobiographie nach machte Wallace sich Gedanken über Thomas Malthus Idee zur positiven Einschränkung menschlichen Populationswachstums, als er mit Fieber im Bett lag und ihm die Idee der natürlichen Selektion einfiel.[2] Wallace schrieb in seiner Autobiographie, dass er zu der Zeit auf der Insel Ternate war, aber Historiker haben das in Frage gestellt und behaupten, es sei aufgrund seiner Sammlungseintragungen wahrscheinlicher, dass er sich auf der Insel Gilolo befand.[2] Wallace beschreibt dies wie folgt:

„Es kam mir damals der Gedanke, dass diese Ursachen oder deren Äquivalente auch im Falle der Tiere ständig am Werk sind und da Tiere sich sehr viel schneller als Menschen vermehren, muss die jährliche Vernichtung aufgrund dieser Ursachen enorm sein, um die Anzahl der Mitglieder jeder Art gering zu halten, da sie offensichtlich nicht von Jahr zu Jahr zunimmt, sonst wäre die Welt von denen übervölkert, die sich am schnellsten vermehren. Unbestimmt über die enorme und konstante Zerstörung nachdenkend, die daraus folgt, stellte sich mir die Frage, weshalb einige sterben und einige überleben.Und die Antwort war klar, die besser geeigneten überleben. Und wenn man die beträchtliche Variation berücksichtigt, die mir meine Erfahrung als Sammler als vorhanden gezeigt hatte, dann folgte daraus, dass sämtliche Veränderungen, die für die Anpassung der Arten an die sich verändernden Bedingungen erforderlich sind, davon hervorgebracht werden. Auf diese Weise könnte jeder Teil des Aufbaus der Tiere genau wie erforderlich verändert werden und im Prozess dieser Veränderungen würden die Nichtveränderten aussterben und so würden die definierten und klar isolierten Merkmale jeder neuen Art erklärt werden.[25]“

Das sind die wesentlichen Grundlagen der „natürlichen Selektion“, das Überleben der am besten Angepassten.

Vor seiner Abreise in den Osten, 1854, hatte Wallace Darwin einmal kurz getroffen.[26] Ab 1857 standen sie dann in regelmäßigem brieflichen Kontakt und tauschten sich über ihre Publikationen, Theorien und Erkenntnisse aus. Wallace bewahrte Darwins Briefe sorgfältig auf, auch wenn die ersten Briefe verlorengegangen sind.[27] Im ersten belegten Brief vom 1. Mai 1857 kommentierte Darwin, dass sowohl Wallaces Brief vom 10. Oktober als auch seine Veröffentlichung On the Law that has regulated the Introduction of New Species (Über das Gesetz, das die Einführung neuer Arten regulierte) zeigten, dass beide ähnlich dachten, und dass sie bis zu einem gewissen Grad ähnliche Schlussfolgerungen gezogen hatten.

Das ist insofern interessant, weil durch die gemeinsame Arbeit eben auch jemand bereit stand, dem man Ideen präsentieren konnte und der einem vernünftige Gedanken dazu mitteilen konnte. Ein nicht zu unterschätzender Faktor bei einer vollkommen neuen Theorie.

Er fügte hinzu, dass er seine eigene Veröffentlichung zur Publikation in etwa zwei Jahren vorbereitete.[28] Wallace traute der Meinung von Darwin und schickte ihm seine Abhandlung On the Tendency of Varieties to Depart Indefinitely From the Original Type (Über die Tendenz der Arten, sich auf unbestimmte Zeit vom ursprünglichen Typ zu entfernen) am 9. März 1858, mit der Bitte, diese durchzusehen und an Charles Lyell weiterzuleiten, wenn er der Meinung war, es würde sich lohnen.[29] Am 1. Juni 1858 erhielt Darwin das Manuskript von Wallace. Obwohl die Abhandlung den Begriff „natürliche Selektion“ nicht explizit verwendete, erläuterte sie die Mechanismen der evolutionären Divergenz der Arten aufgrund vom Druck, der die Umgebung auf sie ausübt. In diesem Sinne war sie der Theorie, an der Darwin 20 Jahre gearbeitet hatte, ohne sie zu veröffentlichen, sehr ähnlich. Darwin schickte das Manuskript an Lyell mit einem Brief, in dem er schrieb: „Er hätte eine bessere Zusammenfassung nicht machen können! Seine Begriffe stehen sogar bei mir als Kapitelüberschriften. Er schreibt nicht, dass ich publizieren sollte, aber ich werde natürlich sofort schreiben und es irgendeinem Fachblatt anbieten“.[30][31]

Es ehrt Darwin, dass er das Schreiben direkt an Lyell weiterleitete, denn es muss ihm bewußt gewesen sein, dass damit sein Buch, wenn auch besser ausgearbeitet und wesentlich umfangreicher, damit etwas an Glanz verliert und als auf den Ideen eines anderen aufbauend angesehen werden würde.

Darwin, der durch die Krankheit seines kleinen Sohnes bestürzt war, übergab das Problem an Lyell und Joseph Hooker. Diese beschlossen, die Abhandlung in einer gemeinsamen Präsentation zusammen mit anderen nicht publizierten Schriften, die Darwins Priorität hervorhoben, zu veröffentlichen. Wallaces Abhandlung wurde der Linnean Society of London am 1. Juli 1858 präsentiert, zusammen mit Auszügen aus einer Schrift, die Darwin 1847 privat Hooker präsentiert hatte und einem Brief an Asa Gray aus dem Jahr 1857.[32]

Wenn ich mich richtig erinnere, dann haben Lyell und Hooker dabei zuerst Darwins Werk präsentiert, so dass streng genommen seine Werke die ersten waren. Es ging aber letztendlich ziemlich unter, wahrscheinlich hat das damalige Publikum die Bedeutung der Ideen nicht erfasst.

Die Reaktion auf die Vorlesung war stumm, während der Vorsitzende der Linnean Society im Mai 1859 bemerkte, dass es in dem Jahr keine bemerkenswerten Entdeckungen gegeben hätte.[32]

Das kann man aus heutiger Sicht wohl als erheblichen Irrtum ansehen, aber man kann ja auch nicht alles mitbekommen und nicht auf allen Gebieten die Wichtigkeit neuer Ansätze erkennen.

Aber mit Darwins Publikation von On the Origin of Species (Die Entstehung der Arten) später im Jahr 1859 wurde ihre Bedeutung offensichtlich. Als Wallace nach Großbritannien zurückkehrte, traf er sich mit Darwin; die beiden pflegten danach freundlichen Umgang miteinander. Über die Jahre sind bei manchen Leuten Zweifel über die Gültigkeit dieser Version aufgekommen. Anfang der 1980er-Jahre erschienen zwei Bücher, eins von Arnold Brackman und eins von John Langdon, in denen sogar angedeutet wird, dass es nicht nur eine Konspiration gegen Wallace gegeben hat, um ihm das gebührende Ansehen zu rauben, sondern dass Darwin sogar eine Schlüsselidee von Wallace übernommen hat, um seine eigene Theorie zu vervollständigen. Diese Behauptungen wurden von anderen Gelehrten untersucht, die sie für nicht überzeugend befanden.

Wissenschaftlich gesehen war „On the Origins of Spezies“ sicherlich das wesentlich bessere Buch und die Ideen dort besser aufgearbeitet als bei Wallace. Das fand sogar Wallace selbst:

Nach der Veröffentlichung von Darwins On the Origin of Species wurde Wallace zu einem ihrer überzeugtesten Verteidiger. Ein Vorfall im Jahr 1863 machte Darwin besondere Freude: Wallace veröffentlichte eine kurze Schrift Remarks on the Rev. S. Haughton’s Paper on the Bee’s Cell, And on the Origin of Species, um die Argumente eines Geologieprofessors an der Universität von Dublin vollkommen zu vernichten, der Darwins Anmerkungen in The Origin bezüglich der Art, wie sich die sechseckigen Zellen in Honigwaben durch die natürliche Selektion entwickelt hätten, kritisiert hatte.[2] Eine weitere bemerkenswerte Verteidigung von The Origin war Creation by Law (Schöpfung durch Gesetz), eine Abhandlung, die Wallace 1867 für The Quarterly Journal of Science schrieb, um dem Buch The Reign of Law (Die Herrschaft der Gesetze), das der Herzog von Argyle als Anfechtung der natürlichen Selektion geschrieben hatte, zu widersprechen.[35] Nach einer Versammlung der British Association im Jahr 1870 schrieb Wallace an Darwin und klagte darüber, dass „keine Gegner übrig geblieben sind, die irgendwas über Naturgeschichte wissen, so dass es keine der früheren guten Diskussionen mehr gibt.“[2]

Dies wiederum ehrt Wallace. Er hätte sich natürlich durchaus aufregen können, weil sein Aufsatz nicht die gebührende Beachtung gefunden hat oder er hätte anführen können, dass Darwin ihn reingelegt hat und ihm seinen Ruhm vorbehalten hat. Aber er hat – so entnehme ich es anderen Diskussionen in Büchern zu dem Thema – wohl auch immer angeführt, dass die gründlicheren und besseren Überlegungen Darwin geschrieben hat und das diesem daher auch der Ruhm gebührt.

Unterschiede zwischen den Theorien von Darwin und Wallace

Wissenschaftshistoriker haben angemerkt, dass einige Unterschiede zwischen den Evolutionskonzepten Darwins und Wallaces bestanden, obwohl Darwin Wallaces Ideen als im Wesentlichen gleich mit den seinen betrachtete.[36] Darwin betonte den Konkurrenzkampf unter den Individuen einer gleichen Gattung, um zu überleben und sich zu vermehren, während Wallace den biogeographischen und umfeldbedingten Druck hervorhob, der die Spezies zwingt, sich den örtlichen Gegebenheiten anzupassen.[37][38]

Gerade die Konkurrenz innerhalb einer Art wird heute als ein sehr wesentliches Element der Evolutionstheorie angesehen, Tiere der gleichen Art nutzen eben auch die gleiche evolutionäre Nische und befinden sich damit zwangsläufig in einer Konkurrenz. Das ist ja auch gerade bei dem Beispiel Mensch sehr einfach nachzuvollziehen: Menschen haben immer auch gerade gegeneinander gekämpft, auch wenn sie gleichzeitig viel kooperiert haben. Ein Mittel dies darzustellen ist auch intrasexuelle und intersexuelle Konkurrenz.

Andere haben bemerkt, ein weiterer Unterschied bestehe darin, dass Wallace offensichtlich die natürliche Selektion als eine Art Rückkopplungsmechanismus auffasste, welches die Arten ihrer Umgebung angepasst erhielt.[39] Sie verweisen dabei auf einen meistens übersehenen Absatz seiner berühmten Veröffentlichung von 1858:

„Die Wirkung dieses Grundsatzes ist genau wie die des Fliehkraftreglers der Dampfmaschine, die Abweichungen korrigiert, bevor sie offensichtlich werden und auf die gleiche Art und Weise kann kein unausgeglichener Mangel im Tierreich ein auffälliges Ausmaß erreichen, weil es sofort Auswirkung zeigen würde, indem er die Existenz erschweren und das Aussterben eine fast sichere Folge machen würde.[29]“

Klingt etwas nach Gruppenselektion. Die ja bekanntlich nicht funktioniert.

Warnfärbung und sexuelle Selektion

1867 schrieb Darwin an Wallace, dass es ihm schwerfiel zu verstehen, warum einige Raupen auffällige Farben entwickelt hätten. Darwin war zur Überzeugung gelangt, dass die sexuelle Selektion, ein Phänomen, dem Wallace nicht die gleiche Bedeutung wie Darwin beimaß, viele auffällige Farben in der Tierwelt erklärte. Allerdings merkte Darwin, dass dies bei den Raupen nicht der Fall sein könnte. Wallace erwiderte, er und Henry Bates hätten beobachtet, dass viele der spektakulärsten Schmetterlinge einen eigenartigen Geruch und Geschmack haben und dass John Jenner Weir (1822–1894) ihm mitgeteilt hätte, Vögel würden eine bestimmte Art gewöhnlicher weißer Motten aufgrund ihres schlechten Geschmackes nicht fressen. „Da die weiße Motte in der Dämmerung so auffällig wie eine bunte Raupe ist“, wie Wallace an Darwin zurückschrieb, „sei es wahrscheinlich, dass die auffällige Farbe als Warnung gegenüber möglichen Raubtieren diene und sich deshalb durch natürliche Selektion hätte entwickeln können“.

Ich weiß gar nicht, was da der letzte Schluss ist. Wenn das einer weiß oder auf entsprechende Artikel hinweisen kann, dann gerne in den Kommentaren.

Es macht Sinn, dass natürliche Selektion eine Rolle spielt. Denn diese muss ja insbesondere bei den Tieren, die sonst die bunten Tiere fressen einsetzen. Es ist aber eine schwierige Selektion bestimmte Tiere, die leichter zu sehen sind, nicht zu fressen, denn hat sich die Regel zu stark etabliert, dann lohnt es ich für alle Tiere farbiger zu werden. Interessant ist es allenfalls wenn man lebendig und ohne größere Beschädigungen wieder ausgespuckt wird, dann kann ein Tier lernen, welche anderen Tiere nicht schmecken. Etwas anderes wäre es noch, wenn ein giftigeres Tier automatisch eine deutlichere Farbe hätte, also der Stoff, der dagegen spricht es zu essen, die Farbe hervorruft. Dann sind Farbe und Giftigkeit/Ungenießbarkeit gekoppelt, was allerdings dann auch gleich wieder eine Möglichkeit für sexuelle Selektionn gibt und  den Prozess verschärfen kann.

Darwin war von dieser Idee beeindruckt. In einem nachfolgenden Treffen der Entomological Society bat Wallace um jegliche vorhandene Nachweise zum Thema. 1869 veröffentlichte Weir Daten aus Versuchen und Beobachtungen an bunten Raupen, die Wallaces Vermutungen unterstützen. Warnfärbung zählte zu den Beiträgen von Wallace auf dem Gebiet der Evolution der Tierfärbung allgemein und zum Konzept der schützenden Färbung im Besonderen.[2] Dies war auch Teil einer lebenslangen Meinungsverschiedenheit zwischen Wallace und Darwin über die Bedeutung der sexuellen Selektion. In seinem Buch Tropical Nature and Other Essays (Tropische Natur und andere Abhandlungen) schrieb er 1878 ausführlich über die Färbung von Tieren und Pflanzen und schlug alternative Erklärungen zu verschiedenen Fällen vor, die Darwin der sexuellen Selektion zugeschrieben hatte.

Es gibt dennoch viele Fälle in denen sexuelle Selektion bzw sexuelle Konkurrenz vieles im Verhalten und Aussehen der Lebewesen erklärt. Es macht die Theorie aus meiner Sicht erst richtig rund, ist aber obwohl es ein so wichtiger Baustein ist in breiten Teilen der Bevölkerung vollkommen unbekannt. Was sehr schade ist.

Er schrieb eine ausführliche Abhandlung darüber in seinem Buch Darwinism von 1889.

Das Buch „Darwinism“ zu nennen ist selbst dann eine erstaunliche Anerkennung Darwins, wenn es inzwischen ein allgemeiner Begriff geworden war.

Wallace-Effekt
In Darwinism verteidigte Wallace die natürliche Selektion. Darin postulierte er die Hypothese, dass die natürliche Selektion die reproduktive Trennung zweier Arten antreiben könne, indem die Ausbildung von Barrieren gegen eine Hybridisierung verstärkt wird. So würde sie zur Entwicklung neuer Arten beitragen. Er wies auf das folgende Szenario hin: Nachdem zwei Populationen einer Art über einen bestimmten Punkt hinaus divergiert sind, passt sich jede davon den bestimmten Umwelteinflüssen an, wobei hybride Nachkommen weniger gut angepasst sind, als die jeweiligen Elternarten. Zu diesem Zeitpunkt wird die natürliche Selektion dazu neigen, die Hybride zu eliminieren. Darüber hinaus würde die natürliche Selektion unter solchen Bedingungen die Entwicklung von Hybridisierungshemmnissen fördern, da Individuen, die hybride Paarungen vermeiden, besser geeignete Nachkommen erzeugen und so zur reproduktiven Isolierung beider beginnenden Arten beitragen würden. Diese Hypothese wurde als Wallace-Effekt bekannt.[2] Schon 1868 hatte Wallace in Briefen an Darwin angedeutet, dass die natürliche Selektion eine Rolle in der Verhinderung der Hybridisierung spielen könnte, hatte diese Idee aber nicht im Detail ausgearbeitet.[2] Noch heute ist sie Gegenstand der Forschung zur evolutionären Biologie, wobei sowohl Computersimulationen als auch empirische Ergebnisse ihre Gültigkeit unterstützen.[40]

Wie man sieht hat er – neben einem Buch über seine Forschungsreisen mit Bildern vieler Tiere, das ein großer Erfolg war – auch einige weitere wichtige Theorien entwickelt, die zum Gesamtverständnis beitragen.

Anwendung der Theorie auf den Menschen

1864 veröffentlichte Wallace die Abhandlung The Origin of Human Races and the Antiquity of Man Deduced from the Theory of Natural Selection (Ursprung der menschlichen Rassen und Alter des Menschen, gefolgert aus der Theorie der natürlichen Selektion), in der er die Theorie auf den Menschen bezog. Darwin hatte sich bislang nicht öffentlich mit dem Thema befasst, obwohl dies Thomas Huxley in Evidence as to Man’s Place in Nature (Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur) getan hatte. Kurz darauf wurde Wallace Spiritualist und behauptete, die natürliche Selektion könne nicht zum mathematischen, künstlerischen oder musikalischen Genius, sowie zu metaphysischen Gedanken, Geist und Humor führen. Anschließend behauptete er, dass etwas im „unsichtbaren Universum des Geistes“ mindestens drei Mal während der Evolution eingegriffen hätte. Das erste Mal sei die Schöpfung von Leben aus anorganischer Materie. Das zweite Mal die Einführung von Bewusstsein bei höheren Tieren. Und das dritte Mal die Bildung höherer mentaler Fähigkeiten beim Menschen. Er glaubte auch, dass der Grund für das Sein des Universums die Entwicklung des menschlichen Geistes sei.[41]

Die Reaktion auf Wallaces Ideen zu diesem Thema unter den führenden Naturalisten dieser Zeit war unterschiedlich. Charles Lyell stimmte Wallaces Ideen eher zu als Darwins.[42][43] Viele hingegen, einschließlich Huxley, Hooker und selbst Darwin, waren Wallace gegenüber kritisch.[2] Insbesondere Darwin war bestürzt. Er argumentierte, dass spirituelle Anreize nicht nötig seien und dass die sexuelle Selektion scheinbar nicht anpassungsfähige Geistesphänomene leicht erklären könne.

Wie ein Wissenschaftshistoriker dargelegt hat, widersprachen Wallaces Ansichten zu diesem Thema zwei Hauptlehren der aufkommenden darwinistischen Philosophie der Zeit, die besagten, dass Evolution weder teleologisch noch anthropozentrisch sei.[44] Während manche Historiker zu dem Schluss gekommen sind, dass Wallaces Glaube, die natürliche Selektion könne die Entwicklung des Bewusstseins und des menschlichen Geistes nicht erklären, auf seinen Spiritualismus zurückzuführen sei, streiten andere Wallace-Experten dies ab. Manche behaupten, Wallace habe nie das Prinzip der natürlichen Selektion auf diese angewandt.[45][46]

Da wurde er also aus heutiger Sicht etwas unwissenschaftlich.

Bewertung der Rolle von Wallace in der Evolutionstheorie

In vielen Beschreibungen der Geschichte der Evolution wird Wallace nur beiläufig einfach als „Anreiz“ für die Veröffentlichung von Darwins eigener Theorie erwähnt.[2] Tatsächlich entwickelte Wallace jedoch eigenständige Ansichten, die sich von Darwins unterschieden und er wurde von vielen (vor allem von Darwin) als einer der führenden Denker über Evolution seiner Zeit gehalten, dessen Ideen nicht ignoriert werden konnten. Ein Wissenschaftshistoriker hat angemerkt, dass sowohl Darwin als auch Wallace Wissen per Briefwechsel und Veröffentlichungen austauschten, wodurch sie sich über einen längeren Zeitraum gegenseitig inspirierten.[47] Wallace ist der meistzitierte Autor in Darwins Descent of Man, oft in starkem Widerspruch zu seinen eigenen Thesen.[2] Wallace blieb für den Rest seines Lebens ein vehementer Verteidiger der natürlichen Selektion. Um 1880 war die Evolution in wissenschaftlichen Kreisen auf breiter Ebene akzeptiert, aber Wallace und August Weismann waren praktisch die einzigen unter bekannten Biologen, die glaubten, sie sei durch die natürliche Selektion getrieben.[48][49]

Ein schönes Schlußwort, welches noch einmal deutlich macht, dass sich Wallace nicht verstecken muss.