Vorschläge für „woke“-korrekte Sprache von der IT Community von Stanford

Arne wies auf einen Artikel über Sprachverbesserungsvorschläge von einem CIO-Counsel an der Standford-Universität hin. Er zitiert dort 

Verpönt ist die tausendfach benutzte Grussformel „ladies and gentlemen“. Das sei „binäre Sprache“, schliesse also alle anderen Geschlechter aus. „Gentleman“ sei überdies „maskuline Sprache“, welche Frauen und Transgender-Menschen ignoriere. Also „Hallo, ihr alle“. Das Adjektiv „seminal“ ist verboten, weil darin „semen“ („Samen“) steckt und „männlich-dominierte Sprache bevorteilt“. So sollen wir also zugunsten der Inklusion „bahnbrechend“ oder „fruchtbar“ walten lassen.

Stanford folgt hier dem gendergerechten Beispiel des US-Kongresses, der 2021 für das Parlament das binäre „Väter und Mütter“ mit „Eltern“ ersetzte. „Bruder und Schwester“ schrumpften zu „Geschwister“ zusammen. Zur Eröffnung der 117. Legislaturperiode endete das Einführungsgebet mit „Amen and A-women“. Der inklusiv denkende Abgeordnete war nicht ganz fit in der Liturgie. „Amen“ hat nichts mit Geschlecht zu tun. Es ist eine Bekräftigungsformel aus dem Hebräischen, etwa „So soll es sein!“.

Solche Sprachvorschläge sind immer herrlich bescheuert, wenn man sie als „Nichtwoker“ liest, ich habe mir daher mal die Quelle angeschaut:

The Elimination of Harmful Language Initiative (EHLI) is a multi-phase, multi-year project to address harmful language in IT at Stanford. EHLI is one of the actions prioritized in the Statement of Solidarity and Commitment to Action, which was published by the Stanford CIO Council (CIOC) and People of Color in Technology (POC-IT) affinity group in December 2020. The goal of the Elimination of Harmful Language Initiative is to eliminate* many forms of harmful language, including racist, violent, and biased (e.g., disability bias, ethnic bias, ethnic slurs, gender bias, implicit bias, sexual bias) language in Stanford websites and code. The purpose of this website is to educate people about the possible impact of the words we use. Language affects different people in different ways. We are not attempting to assign levels of harm to the terms on this site. We also are not attempting to address all informal uses of language.

CIOC:

Formed in 2015, the Stanford CIO Council meets monthly and is comprised of the senior-most technical leaders from major Stanford units that manage one or more substantial IT enterprises. The council strives to be transparent by publishing agendas and supporting materials on this website.

POC-IT

Stanford People of Color in Technology (POC-IT) is a university-wide affinity group that advances representation, engagement, and support of people of any color in technology roles at Stanford.

While primarily aimed at university, SLAC, and Stanford Medicine staff who work or have an interest in technology roles, POC-IT also welcomes faculty and students, allies, and those in non-technology roles who are interested in participating.

This program is part of Stanford IDEAL IT, which provides innovative approaches for increasing diversity, inclusion, equity, and access across Stanford IT.

Ich vermute mal da stammen die meisten Worte her, so etwas klingt als wäre es extrem woke.

Ziel soll es sein die Internetseiten besser zu gestalten, es ist also kein Leitfaden, der ganz offiziell von der Uni herausgegeben worden ist, sondern von einer Untergruppe an dieser Uni und eben auch nur ein „Vorschlag“, kein verpflichtender Leitfaden.

Ich greife einfach mal ein paar Sachen heraus, die ich erstaunlich fand, wer mag kann ja den Leitfaden noch mal durchsehen, es findet sich bestimmt mehr:

blind study –>masked study

Unintentionally perpetuates that disability is somehow abnormal or negative, furthering an ableist culture.

Oh weh.

Und interessant: Der einzige Eintrag unter „Colonialism“

Philippine Islands –> Philippines or the Republic of the
Philippines
The term is politically incorrect and denotes colonialism. Some people of Filipino heritage might use the term, though.

Keine wirklich Begründung, kaum ein wirklicher Unterschied und Leute von dort benutzen es auch noch selbst.

„preferred“ pronouns –> pronouns
The word „preferred“ suggests that non-binary gender identity is a choice and a preferenc

Herrlich und mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass zunächst eingeforderte Worte plötzlich unkorrekt werden können, weil man es natürlich noch weiter treiben muss.

Auch interessant:

abort –> cancel/end
This term can unintentionally raise religious/moral concerns over abortion.

Interessant, dass darauf auch Rücksicht genommen werden soll

Und noch ein Begriff, der veraltet ist:

survivor –> person who has experienced…, person who has been impacted
by…

Using person-first language helps to not define people by just one of their experiences. If the person identifies with the term, then use it.

Ich finde den Begriff ja fürchterlich, weil er alles auf die Höhe von einer Lebensgefahr stellt, auch wenn es wenig mit Lebensgefahr zu tun hat.

blackbox –> hidden, mystery box, opaque box, flight recorder

Assigns negative connotations to the color black, racializing the term.

Wo sind da negative Beiklänge? Black Box» bedeutet im Englischen ein geschlossenes System, auf das von aussen nicht eingewirkt werden kann. Das Innere liegt also im Dunkeln und ist von der Aussenwelt isoliert. Es hat also lediglich eine Verbindung zur Farbe beziehungsweise zu Dunkelheit.

webmaster, web master –> web product owner

Historically, masters enslaved people, didn’t consider them human and didn’t allow them to express free will, so this term should generally be avoided.

Ich vermute mal die Wortherleitung ist älter als die Sklaverei in den USA und bei Webmaster werden die meisten genau so wenig an Sklaven denken wie bei Masters of the Universe, aber alles, was irgendwie in dem Kontext aufgetaucht ist ist natürlich tabu.

kill(ing) two birds with one stone –> accomplish(ing) two things at once

This expression normalizes violence against animals

The horror!

trigger warning –> content note

The phrase can cause stress about what’s to follow. Additionally, one can never know what may or may not trigger a particular person

Aber mit „Content Note“ wird alles besser. Da werden die Leute, wenn es sich erst einmal durchgesetzt hat, überhaupt nicht haargenau das gleiche assoziieren wie bei Trigger warning.
zudem auch wieder ein Wort, welches verbessert wird und bald wieder verbessert werden muss.

Hier etwas mit „Deutschlandbezug“

hip-hip hurray, hip hip hooray –> hooray

This term was used by German citizens during the Holocaust as a rallying cry when they would hunt down Jewish citizens living in segregated neighborhoods.

Ja? Sagt mir erst einmal nichts. Spontan habe ich die Hep-Hep-Krawalle gefunden

 

Hörsaalbesetzung in Jena um Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte zu retten

Arne berichtet über eine Aktion an der Uni Jena:

Ab 2025 will die Jenaer Friedrich-Schiller-Universität den deutschlandweit einmaligen Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte streichen. Studierenden haben dagegen eine Petition gestartet und demonstriert. Geholfen hat es bislang nichts. Nun sind die jungen Menschen auf eine radikalere Protestform ausgewichen und haben Jenas größten Hörsaal besetzt – auf unbestimmte Zeit.

So wie es aussieht, werden sie eine Weile bleiben. Um die 50 Studierende halten seit Mittwochabend den Hörsaal 1 am Jenaer Ernst-Abbe-Platz besetzt. Zwei Dutzend schlafen sogar dort. Der Hörsaal der Uni Jena ist für etwa 800 Menschen ausgelegt. Jetzt hängen Transparente mit Forderungen an den Wänden, Matratzen liegen dort, wo normalerweise Professorinnen und Professoren für ihre Vorlesungen stehen.

(…) Die Hauptforderung der Besetzer: Der Lehrstuhl für Geschlechtergeschichte, seit 2010 unter der Leitung von Professorin Gisela Mettele, darf nicht wegfallen. Mettele geht 2025 in den Ruhestand. Danach soll es keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger geben. So der Plan der Uni. Ein Plan, der aus finanzieller Not heraus gefasst werden musste, sagt Professor Christoph Demmerling, Dekan der Philosophischen Fakultät.

Mettele ist ganz interessant: Ihr Thema scheint einmal Religion und dann Geschlechtergeschichte zu sein, also je nach Standpunkt zwei Religionen.
Ihre Forschung wirkt noch relativ unintersektional. Aber ich vermute die Chance auf eine Neubesetzung ist dort doppelt interessant: Einmal ist es schlicht eine Stelle mehr für Gender Studies Studierende. Dann kann man sie auch noch radikaler neu besetzen

Voraus ging die Verpflichtung, die bisher extern finanzierte Junior-Professur „Digital Humanities“ aus eigenen Mitteln zu bezahlen, und zudem der Wunsch, diese auch noch zu einer ordentlichen Professur aufzuwerten. Das kostet viel Geld. Heißt, an anderer Stelle muss gespart werden.

Zwei Streichkandidaten standen zur Wahl: Geschlechtergeschichte und Mittellatein. Der Fakultätsrat habe sich für ersteren entschieden, weil, wie Demmerling betont, Geschlechterthemen auch an anderen Professuren mitverhandelt und gelehrt werden.

Ich gebe zu, bei der Wahl zwischen Geschlechtergeschichte und Mittellatein würde ich persönlich einfach beide streichen. Und das ohne mich zu informieren, was Mittellatein überhaupt ist.

Das reiche aber nicht aus, finden die Studierenden im Hörsaal 1. Es sei wichtig, dass es für die Geschichtswissenschaft mit Genderperspektive eine zentrale Institution gebe. Nur so könne sichergestellt werden, dass der Ansatz auch umfassend fortentwickelt werde. Zufrieden geben wollen sich die Studierenden mit Geschlechtergeschichte in zufällig abfallender Häppchenform nicht.

Zudem sei die Entscheidung gegen den Lehrstuhl Geschlechtergeschichte undemokratisch und intransparent gefallen. Eine nicht demokratisch legitimierte Kommission – besetzt mit Nicht-Historikern – habe eine Vorauswahl getroffen. Im Fakultätsrat, der die endgültige Entscheidung getroffen hat, hatten die Studierenden nur eine von 17 Stimmen. Sie wünschen sich nun einen deutlich basisdemokratischeren Mitbestimmungsprozess in derartigen Fällen.

Natürlich ist es das gute Recht von Studenten sich gegen eine Streichung einer aus ihrer Sicht wichtigen Stelle auszusprechen. Aber letztendlich sind es aus meiner Sicht Scheinargumente, sie wollen halt eine andere Entscheidung.

Dekan Demmerling sieht das anders. Von undemokratisch könne keine Rede sein. Das Verfahren sei sehr „kleinteilig begutachtet“ worden. Das Rechtsamt habe es ausgeleuchtet – die Strukturkommission dann eine Empfehlung ausgesprochen. Zuvor gab es an der Universität äußerst kontroverse Diskussionen zum Thema.

(…) Nicht alle Jenaer Studierenden sind mit der Besetzung des größten Hörsaals einverstanden. Laut einem Uni-Sprecher gebe es einigen Unmut unter den Kommilitoninnen und Kommilitonen. Vorlesungen anderer Fächer fielen entweder aus oder werden in kleinere Räume verlegt. Das ist auch den Besetzern bewusst. Sie wollten keine Bildung verhindern, sagen sie. Aber sie sähen auch keine andere Möglichkeit, mehr Gehör zu finden. In den kommenden Tagen wollen sie mit der Uni verhandeln.

Das ist einer der großen Vorteile der Gender Studies: Sie sind bereit zu kämpfen und sie haben die Leute dafür, die so etwas machen, weil es eben eine Ideologie mit einer gewissen Fanatisierung ist. Das bringt Vorteile, einfach weil man Widerstand befürchten muss, wenn man etwas in diese Richtung macht. Man weiß eigentlich schon, oder zumindest weiß man es beim nächsten Mal, dass es Ärger geben wird.

Im Prinzip können sie sich überlegen, wie lange sie ohne ihren Hörsaal auskommen, ob sie sich trauen gewaltsam mit Polizei zu räumen oder eben klein bei zu geben.

US-Internetfirmen bauen Personal ab, Diversityabteilungen besonders betroffen

Eine Theorie zu den Genderbeauftragten und den entsprechenden Diversitätsbeauftragten gerade amerikanischen Firmen ist, dass sie im wesentlichen Luxusausgaben sind, die eben eine bestimmte Haltung darlegen sollen, aber letztendlich keinen wirklichen Mehrwert für die Firmen darstellen.

Ein Test für diese These ist die gerade stattfindende Krise in der IT-Industrie dort. Eine Vielzahl von Techfirmen entlässt gerade viele Mitarbeiter:

When Stripe and Meta announced job cuts earlier this month, affecting 14% and 13% of their workforces, respectively, they noted that layoffs would disproportionately affect recruiting because neither company plans to hire much next year. Amazon, which plans to axe around 10,000 workers, reported the same on Monday.

At Lyft, which cut 13% of its workforce in early November, one employee on the diversity and inclusion team said most of her department had been cut, including her. Similarly, Twitter, now owned by Elon Musk, saw its DEI team evaporate almost overnight. Twitter’s chief diversity officer Dalana Brand resigned within hours of Musk’s acquisition, and employees reported that the company has since dissolved its employee resource groups.

The whittling of talent-focused functions shouldn’t come as a surprise. Human capital investments do not provide an easily visible bottom-line return, especially for consumer tech companies, which prioritize engineering, research, and development.

“Even with pledges and recognition that the people experience matters, HR and D&I are often seen as pure overhead and perhaps a little bit distant from the profit-making engine,” says Julie Coffman, chief diversity officer at management consulting firm Bain.

But experts caution that this line of thinking is short-sighted. The market ebbs and flows, and when the economy recovers, companies that made deep cuts to recruitment or DEI will scramble to rebuild those teams and catch up to the talent initiatives their competitors kept in place. “If you’ve cut too much of your apparatus, [reassembling] can be a real fight,” says Coffman.

 Dei ist „Diversity, Equity, and Inclusion“. Es wäre auch das erste, was ich entlassen würde, wenn ich Personal abbauen müsste. Es wäre interessant ob das eine gewisse „Entwokung“ mit sich bringt in den jeweiligen Firmen und ob sie merken, dass das Leben dadurch eigentlich besser wird.
Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass sie es in besseren Zeiten direkt wieder einrichten, eben als Costly Signal ihrer moralischen Ausrichtung.

 

 

Kommt die Transdebatte bei den Grünen an?

Das Magazin Schwulissimo berichtete über Streitigkeiten bei den Grünen:

Der Streit um die Forderung nach einer öffentlichen Debatte über das geplante neue Selbstbestimmungsgesetz bei der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90 / Die Grünen Mitte Oktober in Bonn eskaliert immer mehr. Die Mindestanzahl der Antragsteller innerhalb der Partei ist längst erreicht, sodass die Antragstellerin Eva-Marie Müller aus Nordrhein-Westfalen diese Forderung nun offiziell einreichen konnte. Im Zuge dessen erleben Müller und die Befürworter einer Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz massive Angriffe – inklusive Vergleiche aus dem dritten Reich.

Erst einmal der Antrag, der unter dem obigen Link abrufbar ist:

Wir sind heute der Meinung:

  • Ja, es gibt Handlungsbedarf. Das bestehende TSG entspricht nicht mehr den gesellschaftlichen Werten und bedarf einer Anpassung, die transsexuellen Menschen Erleichterung einräumt und mehr Akzeptanz in der Gesellschaft verschafft
  • Die geplante Veränderung, Recht auf Selbstdeklaration des Geschlechtes in der im Eckpunktepapier beschriebenen Form, ist so fundamental, dass sie Auswirkungen auf andere, nicht transsexuelle Erwachsene und insbesondere auf Kinder und Jugendliche hat, und deshalb nicht ohne eine breite gesellschaftliche Zustimmung umgesetzt werden sollte.
  • Wir möchten daran erinnern, dass große Reformen (wie zum Beispiel die Abschaffung des Verbots von Homosexualität, die ‚Ehe für Alle‘, das Abtreibungsrecht, das Sterberecht usw.) in Deutschland in den meisten Fällen mit breiten überparteilichen Mehrheiten durchgesetzt worden sind. Diese Akzeptanz braucht auch das geplante Selbstbestimmungsgesetz. Weshalb wir für eine neue Regelung der Rechte von transsexuellen Menschen eine breite Mehrheit, bestenfalls unter Einbeziehung von Abgeordneten aller Parteien, anstreben.
  • Dies erfordert, dass Fragen gestellt und beantwortet werden, Argumente ausgetauscht werden können, Bedenken und Ängste aller Menschen ernst genommen und respektiert werden. Eine breite gesellschaftliche Debatte sollte deshalb zuvor ermöglicht werden. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen, die Einwände gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetzt vorbringen, öffentlich diffamiert, bedroht und mundtot gemacht werden. Weder parteiintern noch in der öffentlichen Debatte.
  • Gute Argumente müssen gehört werden, damit für wirklich alle Seiten das Beste entstehen kann. Folgen und Spätfolgen müssen bedacht werden, damit in der breiten Bevölkerung nicht nur die Akzeptanz für transsexuelle Menschen wächst sondern bestenfalls auch die Unterstützung derer.

Deshalb beantragen wir:

  •  eine innerparteiliche Debatte zu diesem Gesetz, die auch in aller Breite und Offenheit möglich gemacht werden muss.
  • Diffamierungen sind zu unterlassen.
  • Eine breit angelegte Rechtsfolgenabschätzung für die geplanten Regelungen , sowie belastbare quantitative Studien und aktuelle wissenschaftliche Leitlinien müssen das Bild abrunden und gehören zur Meinungsbildung dazu. Deshalb müssen diese im Gesetz Niederschlag finden.
  • Alternativen bzw. Änderungen zu dem geplanten Gesetz (die dieselbe Intention verfolgen, aber andere gesetzliche Bestimmungen vorschlagen) müssen ergebnisoffen diskutiert werden können.

Interessant auch: Bei Anträgen der Grünen wird immer der Frauenanteil angegeben. Hier ist er relativ niedrig: Frauenanteil: 36%

Wäre interessant, ob es eher eine Männeransicht ist oder Frauen sich da lieber nicht zu bekennen, weil sie wissen, dass das zu Angriffen führen wird.

Die Punkte des Antrags sind erst einmal sachlich, sie präsentieren ein Anliegen und wollen eine öffentliche Diskussion. Aber natürlich wäre, wenn man eine breite Mehrheit will, über alle Parteien, auch die Gefahr, dass man mehr Zugeständnisse machen muss, vorhanden und ohnehin dürfte es für die Radikaleren ein No-Go sein, dass man überhaupt darüber verhandelt oder auf Kritiker zugegeht, da ja jeder, der dagegen ist erst einmal der Feind, ein Terf ist.

Kurzer Rückblick: Müller, selbst Erzieherin, hatte den Antrag im August online gestellt, damit erstmals öffentlich und sachbezogen über das geplante neue Selbstbestimmungsgesetz debattiert werden kann. Bisher 69 Parteimitglieder aus ganz Deutschland haben sich diesem Antrag inzwischen angeschlossen. In der Begründung erklärt Müller, dass es bis heute viele offene Fragen zum geplanten Selbstbestimmungsgesetz gibt, die bisher nicht “zufriedenstellend“ beantwortet worden seien: „Wir befürchten, dass die Veröffentlichung des konkreten Gesetzentwurfs erst kurz vor der Verabschiedung geplant ist, so dass es dann für eine breite Debatte zu spät ist“, so die Grünen-Politikerin weiter.

Es ist eine gute Frage, was politisch und gleichzeitig Parteipolitisch richtig wäre. Es könnte glaube ich gut eine Debatte sein, bei der die Grünen merken, dass ihre Partei da Redebedarf hat und sie gleichzeitig merken, dass sie dort nicht reden können.
Die Grünen waren ja schon immer ein Sammelbecken verschiedenster Strömungen, von Fundis bis Realos, aber eben auch „Altfeministen“ und „Neufeministen“ die hier zusammen stoßen könnten. Es wäre interessant zu beobachten wie stark die intersektionale Seite der Grünen eigentlich ist .

Müller stellt sich dabei keineswegs gegen eine Änderung des bisherigen Transsexuellengesetzes, bittet nur um eine Debatte ob einiger strittiger Punkte bei der Ausarbeitung des neuen Gesetzes und erklärte weiter: „Die geplante Veränderung, Recht auf Selbstdeklaration des Geschlechtes in der im Eckpunktepapier beschriebenen Form, ist so fundamental, dass sie Auswirkungen auf andere, nicht transsexuelle Erwachsene und insbesondere auf Kinder und Jugendliche hat, und deshalb nicht ohne eine breite gesellschaftliche Zustimmung umgesetzt werden sollte (…) Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen, die Einwände gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz vorbringen, öffentlich diffamiert, bedroht und mundtot gemacht werden. Weder parteiintern noch in der öffentlichen Debatte. Gute Argumente müssen gehört werden, damit für wirklich alle Seiten das Beste entstehen kann. Folgen und Spätfolgen müssen bedacht werden, damit in der breiten Bevölkerung nicht nur die Akzeptanz für transsexuelle Menschen wächst, sondern bestenfalls auch die Unterstützung derer.

Ein radikaler Transaktivist hört hier nur „Wir wollen das Gesetz verzögern und verwässern und Zugeständnisse an TERFs machen“. In deren Vorstellung hat die Gesellschaft das Gesetz, um so radikaler um so besser, zu akzeptieren und eine Debatte dazu ist unnötig. Legitime Einwände sind ausgeschlossen.

Mehrfach betonte die Grünen-Politikerin dabei, sie erhoffe sich eine ergebnisoffene Debatte ohne Diffamierungen. Diese Hoffnung hat sich offensichtlich nicht erfüllt, bereits kurz nach Antragstellung warf ihr die erste Kollegin vor, dass sie in ihrem Antrag nicht gegendert habe. Die trans-Frau Renée-Maike Pfuderer aus dem Raum Stuttgart schreibt dann zu den Forderungen um eine sachliche Debatte: „Demokratinnen machen mit Nazis keine Gesetze! Das sollte bei uns als Mitglieder von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Konsens sein, ebenso die Ablehnung jeglicher Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, die hier ganz offensichtlich unterschwellig mitschwingt.“ Pfuderer fordert Müller anschließend direkt auf, ihren “diffamierenden“ Antrag zurückzuziehen und erklärt weiter, es sei ausreichend diskutiert worden und man dürfe nicht den “Konsens mit den Verfassungsfeinden vom rechten Rand führen“, wie sie die trans-Politikerin beispielsweise bei der Frauenschutzorganisation Terres des Femmes in Teilen ausgemacht haben will. Es ginge dieser und anderer Gruppen ganz oder teilweise mit ihrer “braunen Gesinnung und Menschenfeindlichkeit“ nur darum.

Pfuderer hat sich beispielsweise auch schon mit Boris Palmer angelegt.

Sie postete auch Beiträge wie diesen:

Da wurde eine Gewaltandrohung drin gesehen.
Auch sonst hält sie sich nicht zurück, etwa:

Man sieht, sie ist einer Diskussion nicht wirklich zugeneigt.

Kritik über diese Auslassungen der trans-Person kommt dabei auch von innerhalb der Partei, so beispielsweise von Rainer Lagemann von den Grünen in NRW: „Was sollen diese Abqualifizierungen. Ist nicht die TERF-Beschimpfung auch eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die wir doch bitte in unserer Partei unterlassen sollten. Vor allem das Nazi-Framing scheint mir auch strafrechtlich von Bedeutung zu sein. Ich dachte sowas gäbe es in unserer Partei gar nicht.“

Könnte wirklich eine interessante Debatte werden, zumal die Aufforderung solche Beschimpfungen zu unterlassen wahrscheinlich zwecklos sind.

Und Joachim Behnke, Grünen-Delegierter aus der Bodensee-Region, schreibt, dass ein Antrag auf eine Debatte eigentlich trivial sei, weil über grundlegende Themen grundsätzlich eine solche offene Debatte stattfinden sollte: „Einige der Kommentare hier haben aber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass genau dies nicht gewünscht ist, begründet mit einem sehr abstrusen Verständnis von Meinungsfreiheit, nämlich mit einer Beschränkung der Meinungsfreiheit auf die ´richtigen´ Ansichten (…) Es verrät auch ein merkwürdiges Verständnis von Debattenkultur, Antragsteller aufzufordern, ihren Antrag auf eine Debatte zurückzuziehen, weil sich allein schon dadurch bestimmte Gruppen diffamiert fühlen könnten. Wer glaubt, die ´reine´ Lehre ließe sich nur aufrechterhalten, indem sie vor jeder ´Verunreinigung´ durch den Austausch von Argumenten geschützt wird, der oder die begibt sich in gefährliche Fahrwasser des Illiberalismus.“

Ein Appell an eine Debattenkultur, der durchaus etwas für sich hat. Aber da könnte man wahrscheinlich bei den Grünen eher noch eine Debatte über Atomstrom führen als über das Transthema.

Mit immer drastischeren Worten poltert Pfuderer zurück und erklärt so unter anderem: „Wir sollten gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und dieses von Hass und Hetze getragene Lügen dieser TERF nicht dulden. Wenn hier was zu unterlassen sein sollte, dann Verständnis für faschistoide Lebensformen. Aber was erwartet Mensch von einem Menschen der dem Rassisten Palmer nahesteht (..) Ihre Meinung ist bekannt und disqualifiziert Sie per se für eine solche Diskussion (…) Mit solchen Menschen rede ich nur noch, wenn ich als Zeugin von einem Schiedsgericht gehört werde, sonst sicher nicht mehr. Und jetzt missbrauchen Sie dieses Tool nicht weiter für die vorsätzlichen Lügen von Frau Schwarzer, von Storch und wer sich da noch alles in dieser Grube heimisch fühlt.“ Den rund 70 Unterstützern des Debattenantrages unterstellt Pfuderer, sie würden sich sozusagen der „faschistoid geprägten gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ anschließen beziehungsweise „das Wort reden.“

Es ist ja ein altes Erfolgsrezept der intersektionalen Theorien einfach alle anderen hart anzugreifen, niederzuschreien, als Rassisten, Terfs oder was gerade auch immer passt zu beschimpfen und so aggressiv aufzutreten, dass Leute ihnen ausweichen wollen und lieber den Mund halten bzw man sich überlegen kann, ob man nicht lieber auf ihrer Seite ist, damit man andere anbrüllen kann, statt angebrüllt zu werden.

Aber es hat natürlich auch den Nachteil, dass man Leute vergrault oder Widerstand hervorruft. Gelingt es nicht die anderen zum Schweigen zu bringen und merken die Leute, dass eine Mehrheit die radikalen Thesen ablehnt, dann können sie schnell ihre Macht verlieren. Und anonyme Abstimmungen können da besonders gefährlich sein (oder sind die bei den Grünen nicht anonym)

Antragstellerin Müller steht offensichtlich fassungslos vor den Anfeindungen und erklärt dazu: „69 Menschen unterstützen einen Antrag, weil sie der Meinung sind, dass noch Gesprächsbedarf besteht. Um nichts anderes geht es hier! Bisher dachte ich, dies wäre der Sinn Anträge zu stellen. Man kann darüber beraten und mit ja oder nein abstimmen. Ein gutes demokratisches Verfahren! Unter den Augen der Öffentlichkeit und der Bundesgeschäftsstelle und Bundesvorstand wird es nun zugelassen, dass diese Gruppe von einem einzelnen Mitglied in übelster Art und Weise beleidigt und angegangen wird. Man mag es einfach nicht glauben!“

Das wäre ein Appell an die Vernunft und gesittete Regeln. Was wird dagegen wohl vorgebracht werden?

Die trans-Frau Pfuderer antwortet darauf: „Die Frage was hier los ist, ist berechtigt und stellt sich seit dieses Machwerk aus Lügen, Hass und Hetze von Ihnen eingestellt wurde. 69 Menschen, TERF oder am rechten Rand der Grünen unterstützen einen Antrag, der nicht notwendig, da das Gesetz in aller Breite diskutiert und partei-intern beschlossen wurde. Was an Argumenten für eine neue Debatte vorgebracht wird ist nicht als eine Sammlung von Lügen wie sie am eben genannten rechten Rand unserer Gesellschaft vorgebracht werden. Im weiteren FUCK OFF! Sie und ihr und ihre Spießgessellinen können lügen und trollen wie Sie wollen über 125.000 Grüne sind mehr als 69 xenophobe Rassisten mit Rechtsdrall und TERF und anderweitig belastete Menschen machen aus unserer Partei keinen braunen Zirkel.

Wer gegen uns ist ist ein Nazi. Erst der „rechte Flügel der Grünen“ (was ja eigentlich noch nicht rechts sein muss), dann „der braune Zirkel“. Auf Diskussion mit anderen Meinungen sind die intersektionalen Theorien nicht ausgelegt. Allenfalls auf Pseudodiskussionen, wie man noch intersektionaler sein kann.

Mehrere andere Grünen-Mitglieder zeigen sich fassungslos über die verbalen Angriffe innerhalb der Partei, die lediglich um eine Debatte über das Selbstbestimmungsgesetz bitten und diese im Rahmen einer Bundeskonferenz einfordern. Das Verhalten offenbare ein “unterirdisches Niveau“ und zeige auf “zutiefst menschenverachtende Weise“, wie Auseinandersetzungen geführt würden.

Wird dann eben interessant wie viele das sind. Es wäre ja eine Überraschung, wenn der Widerstand gegen das Gesetz letztendlich von den Grünen kommen würde.

Antragstellerin Müller hat indes den Antrag eingereicht. Grünen Politiker Behnke erklärte mit Blick auf trans-Frau Pfuderer: „Ich fände es auch durchaus angemessen, wenn die Parteiführung sich hier klar äußern würde zu ihrem Verständnis, wie Debatten und Diskussionen in dieser Partei geführt werden sollten. Meinungsverschiedenheiten sind etwas Normales und die Diskussion derselben unter Wahrung des gegenseitigen Respekts sollte selbstverständlich sein. Ich hoffe, das sieht die Parteiführung genauso.“ Mehrere andere Mitglieder fordern inzwischen ein Einschreiten der Partei, eine Antwort der Bundespartei steht indes noch aus. Der Streit um die trans-Politikerin Pfuderer eskalierte dabei immer weiter bis in die heutigen Morgenstunden hinein

Eine Transperson quasi den Mund verbieten? Eine sehr heikle Sache. Macht einen quasi auch zu einem Nazi.

Wer was zu den Weiterungen mitbekommt: Gerne hier mitteilen

 

Sophie Passman hat anscheinend keine Ahnung von intersektionalen Theorien und den dortigen Feindbildern

Matze hat gestern unter Verweis auf Arne auf eine Reaktion von Sophie Passmann zu dem Shitstorm nach ihrem Interview, welches auch hier Thema war, hingewiesen.

Ich fand diese Passage ganz interessant:

Viele wollten mich auf meinen Fehler hinweisen. Ich habe dabei auch kein Anrecht auf einen höflichen oder sachlichen Ton. Wenn aber nach Tag 1 wegen einer von mir problematischen Aussage schlicht und ergreifend eine Hetzjagd unter Feministinnen auf mich gestartet wird, bei der eine ganze Menge an Missgunst und Hass zu meiner Person endlich mal loskommen konnte, dann finde ich das einfach albern und überflüssig. Ich habe darauf keine Lust. Ich habe auch selbst keine Lust, so zu werden.

Immer wieder erstaunlich, wenn Leute gar nicht merken, dass zumindest Teile ihrer Bewegung vollkommen radikalisiert sind und jede Abweichung von der wahren Lehre als Ketzerei ansehen. Und deswegen eben fast zwangsläufig auf die Ketzerin zeigen müssen und „Steinigt sie, sie hat Jehova gesagt“ rufen müssen unter gleichzeitigen Abstreiten, dass sie irgendwie auch nur etwas mit ihr zu tun haben oder ihre entschuldigende Umstände zugestehen. Wer einen Ketzer in Schutz nimmt ist eben selbst ein Ketzer. Ehrliche Entrüstung und Verächtlichungmachung ist hingegen gutes Virtue Signalling.

Denn das, und das konnte ich ja jetzt selbst schockiert feststellen, ist das, was leider sooft passiert: Frauenhassende Männer reiben sich die Hände. Misogyne Arschlöcher, die in unseren Bubbles seit teilweise Jahrzehnten abhängen, sind freudestrahlend auf den Zug aufgesprungen, um endlich mal wieder so richtig eine Frau abhassen zu können.

Finde ich eine interessante Überleitung:  „Hetzjagd unter Feministinnen auf mich gestartet“ –> „Frauenhassende Männer reiben sich die Hände und können auf den Zug aufspringen.“

Will sie sagen „Fallt doch nicht über andere Frauen her, sonst gebt ihr Männern die Gelegenheit so richtig über eine Frau abzuhassen“.

Eher ein bizarres Argument wenn der Großteil der über sie herfallenden Feministen sind, und zwar männliche und weibliche. Und das beides mal nicht um eine Frau abhassen zu können, sondern eine Verräterin an ihren Theorien.

Konservative Wichser haben mich öffentlich gelobt, nicht, weil sie mich oder mein Interview mochten, sondern weil sie wissen, dass das noch mehr für das sorgt, das sie ja so gerne sehen: Frauen, die andere Frauen öffentlich runtermachen.

Diese konservativen Wichser können ja auch kein anderes Motiv haben. Und konservative Wichser werden ja auch meist von radikalen Feministinnen gelesen und nicht etwa geblockt.
Schon ein sehr einfaches Weltbild die Frau Passmann: Alle wollen entweder über sie oder Frauen im allgemeinen herfallen und sie runtermachen. Selbst Frauen!

Und nein, die ursprüngliche Kritik war für mich kein “runtermachen”. Das, was danach passiert ist, war es. Tweets, die anfangen mit “ich konnte Sophie Passmann eh noch nie leiden…” und glauben, danach noch etwas für den Feminismus nachhaltiges beitragen zu können, machen mich betroffen und langweilen mich.

Lady Bitch Ray war es:

Aber erneut: Interessant, dass sie die Dynamik dahinter echt nicht versteht. Sie sollte mehr „Alles Evolution“ lesen.

Ich habe einen Fehler gemacht, den habe ich hier versucht zu erklären. Ich werde darüber nach lange nachdenken, für mich ist das nicht abgehakt.

Ihr zurückrudern sah übrigens so aus (aus dem gleichen Artikel):

Die Passage, die ursprünglich kritisiert wurde, wurde dafür kritisiert, dass ich in ihr die Daseinsberechtigung Schwarzer Medienschaffender, die sich gegen Rassismus aussprechen, geschmälert oder sogar negiert hätte. Ich habe das, muss ich gestehen, am Anfang nicht verstanden, weil ich die Passage natürlich so nicht gemeint habe. Ich brauchte einige private Gespräche mit Schwarzen Kolleginnen, um zu verstehen, wie das gelesen wurde. Mir tut es sehr leid, dass diese Passage missverständlich war, das war nämlich mein Fehler.

Aber leider: Der Verstoß war zu groß und unverzeihlich. Hätte sie merken müssen. Erneut: Interessant, dass sie die Theorien in der für sie anscheinend zentralen Gruppe nicht versteht.

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass der Großteil, der bereit ist, sich darauf einzulassen, sich gemeinsam mit mir wieder daran erinnert, dass der Fein ganz woanders steht. Und wenn ihr ehrlich denkt, ich bin der Feind, dann, ja dann, kann ich euch auch nicht helfen. Danke, Schwestern.

Oh Gott, Frau Passmann hat sich anscheinend wirklich überhaupt nicht mit intersektionalen Theorien beschäftigt. Gar nicht anscheinend.

Wie kann man verpasst haben, dass die intersektionalen Theorien nicht mehr „Männer gegen Frauen“ sind, sondern „Privilegierte vs unterdrückte“ und Frau Passmann ist Weiß und hat sich gegen Schwarze ausgesprochen. Wenn sie sich gegen eine Randgruppe der Unterdrückten ausgesprochen hätte und das aus Versehen dann würde ich es noch verstehen. Aber „Schwarz vs Weiß“ ist die Königsklasse des Privilegienkonflikts und wer das nicht mitbekommen hat und alle Äußerungen in der Hinsicht als Feministin auf die Goldwaage legt, der hat seine feministischen Hausaufgaben nicht gemacht.

 

Sophie Passmann und der Feminismus weißer Frauen

Sophie Passmann hat ein Interview gegeben und die intersektionale Szene reagiert sehr kritisch. Insbesondere die folgenden Passagen scheinen auf Kritik zu stoßen:

Das Schlimmste am Internet sei, dass wir die Repräsentation einer Sache mehr schätzen als die Sache selbst, sagt Jia Tolentino.
Das ist eigentlich schon zu offensichtlich richtig. Es ist eine Binsenwahrheit wie: Sprache schafft Wirklichkeit. Natürlich. Im Internet geht es darum, dass man dabei gesehen wird, wie man als Person eine Sache repräsentiert. Was nur dazu führt, dass die bestehenden Strukturen weiter zementiert statt dekonstruiert werden. Plakatives Beispiel: Wenn Redaktionen im Namen des Antirassismus eine Schwarze Frau zum vermeintlichen Sprachrohr von rassistischen Erfahrungen in Deutschland machen, führt das dazu, dass wieder nur ein Standard reproduziert wird: Wer spricht am lautesten, am funkiesten in ein Interview-Mikrofon hinein? Ohne dabei irgendetwas gegen Rassismus getan zu haben. Ich habe mich deswegen vor zwei Jahren aus dem Politik-Scheiss komplett rausgezogen. Es bringt einfach nichts, ausser dass ich ordentlich Bücher verkaufe. Und das ist selbst mir zu unehrlich.

Hier im Blog würden wir da wohl nicht so viel kritisches sehen, eher zustimmen. Es ist eine Folge der Standpunkttheorien, nach denen eben nur eine betroffene Person etwas über Diskriminierung sagen kann. Und es passt auch gut zu dem Artikel neulich, in dem es darum ging, dass an Problemlösungen gar kein Interesse besteht, sondern man alles auf den großen Umsturz setzt.

In den intersektionalen Theorien ist es aber natürlich Ketzerei. Eine Schwarze reden lassen bringt nicht? Wer soll denn sonst den Rassismus darstellen?  Will sie etwa schwarzen Frauen keinen Raum geben? Und was meinst sie mit „Vermeintlichen Sprachrohr“? Natürlich ist eine schwarze Frau, die intersektionale Theorien vertritt und nach diesen handelt, das einzige legitime Sprachrohr dieser Gruppem!!!1
Und es werden keine Probleme gelöst? Irgendwer muss die Weißen ja über ihre Fehler belehren und das Thema in die Öffentlichkeit bringen.

Aber warum bringt das nichts? Einen abstrakten Missstand in einem Interview aufzuführen, der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist?

„Der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist“ ist natürlich auch Ketzerei. Man könnte fast meinen sie zweifelt da entsprechende Aussagen an!

Die einzelne Aussage mag nicht viel bewegen, aber vielleicht die daraus entstehende Debatte. Durch #MeToo beispielsweise hat sich einiges verändert…
… aber #MeToo ist doch auf einer ganz anderen Landkarte. Die Repräsentanz, auf die Jia Tolentino abzielt, meint, dass eine Einzelperson als Angehörige einer identitätspolitischen Gruppe etwas darstellt, für das sie ungefragt die ganze Identitätsgruppe in Mithaft nimmt, weil sie sagt: So sind wir. Das sind unsere Erfahrungen. Da ist meiner Meinung nach der Erkenntniswert gleich null. Der Erfolg von diesen Interview-Reihen und Büchern hat damit zu tun, dass Journalist:innen an irgendeinem Punkt entschieden haben, dass Erfahrungen gleichwertig sind mit Fakten. Der Hashtag #MeToo aber war eine aktivistische Aktion, die etwas angeprangert hat. Menschen, denen etwas passiert ist, sprachen darüber, was ihnen passiert ist. Die repräsentierten niemanden.

Der Anspruch auf Repräsentanz der Opfergruppen durch intersektionale Aktivisten aus dieser Opfergruppe ist natürlich eine heilige Kuh, an die keiner ran darf. Und Fakten wollen, das ist eh eine Unverschämtheit! Gefühle sind Fakten und mehr braucht es nicht!

Noch ein Satz etwas später:

Und wenn man erkennt, dass man bestimmte Dinge nur tut, weil sie im patriarchalen System von einem erwartet werden, soll man nicht versuchen, dieses Verhalten zu ändern?
Tut mir leid, aber jetzt sind wir knietief in Heidegger. Willkommen im Drittsemester Philosophie in Freiburg! Kein Mensch kann doch wissen, warum er gewisse Dinge möchte! Das können Männer doch auch nicht. Und wenn ich mir jetzt – wie zu Beginn meiner Karriere – weiterhin verbiete, eitel zu sein, und du das dann einen Systemdurchbruch nennst, ist das schlicht ein Kategoriefehler. Du setzt System und Systemumfeld gleich. Ich kann das System nicht durchbrechen, aber mein Umfeld, das kann ich verändern. Es ist doch albern, zu verleugnen, wer man ist. Dass man im Jetzt lebt, sowohl mit gewissen ästhetischen als auch popkulturellen Prägungen sowie einer Gender-Prägung. Ich bin der Mensch, der ich bin, mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, mit dem Alter und dem Elternhaus, das ich habe. Wenn ich vorlebe, dass ich bin, wie ich bin, und auf genau dieser Grundlage versuche, ein bisschen besser zu sein als die, die zeitlich vor mir waren, dann ist das die einzige Form von Empowerment, die wirklich funktionieren kann. Und genau das kann man sich bei mir abschauen und nachmachen.

Da leugnet sie ja quasi die Wirksamkeit des Patriarchats, scheint Männer zu entschuldigen und sieht so etwas wie …pfui… Eigenverantwortung des Einzelnen und ein Einstehen dafür, dass man ist, wer man ist, ohne die Verantwortung dafür an die Gesellschaft abzugeben.

Ich zitiere mal etwas von Twitter:

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RadFems vs intersektionale Feministen

Einige hier werden mitbekommen haben, dass an der Humbold Uni in Berlin ein Vortrag darüber gehalten werden sollte, dass es in der Biologie nur zwei Geschlechter gibt. Dieser wurde dann nach Protesten von intersektionalen Feministen abgesagt, was wieder zu Protesten führte, dazu auf heftigen Diskussionen auf Twitter.

Hier ein Bericht:

Viel Aufregung hatte es am Wochenende um die kurzfristige Absage eines Vortrags zum Thema Sex und Gender an der Berliner HU gegeben. Nun hat die Uni einen neuen Termin für die Veranstaltung angesetzt – allerdings in anderer Form.

Die Humboldt-Universität will einen abgesagten umstrittenen Vortrag nachholen. Der Sprecher der Universität, Boris Nitzsche, sagte dem rbb am Montag, der Vortrag solle nun am 14. Juli stattfinden. Ursprünglich war er als Teil der „Langen Nacht der Wissenschaften“ geplant.

Die Biologin und Doktorandin an der HU, Marie Vollbrecht, hatte den Vortrag mit dem Titel „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ halten wollen. Der „Arbeitskreis kritischer Jurist*innen an der Humboldt-Uni Berlin“ hatte im Vorfeld zu Protesten aufgerufen. In einer Mitteilung hieß es, die Biologin Marie-Luise Vollbrecht wolle in dem Vortrag queer- und genderfeindliche Thesen verbreiten.

Auch ein Gegenprotest war angemeldet worden. Daraufhin sagte die Uni den Vortrag am Samstag kurzfristig unter dem Hinweis auf Sicherheitsbedenken ab. Vollbrecht erklärte gegenüber dem rbb, es sei wissenschaftliches Grundwissen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gebe. Biologische Tatsachen seien unabhängig von Genderfragen zu sehen.

Die Sprecherin der „kritischen Jurist*innen“ sagte dem rbb, die Biologin Vollbrecht wolle in diesem Vortrag eine These vermitteln, die in der Wissenschaft überholt sei und zudem Anfeindungen gegen transsexuelle Menschen einen seriösen Anstrich gebe. „Allerdings forscht sie gar nicht zu dem Thema und stellt eine Meinung als gegeben dar, die dem breiten wissenschaftlichen Konsens gerade widerspricht. Wir als kritische Jurist*innen haben dementsprechend Samstag auch für die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte eingestanden“, so die Sprecherin.

Vollbrecht selber sagte der rbb24 Abendschau am Sonntag, ihr gehe es in dem Vortrag nicht um Politik, sondern nur um Biologie. Die Biologin war kürzlich als Co-Autorin eines umstrittenen Kommentars in der „Welt“ [Bezahlinhalt] aufgefallen. Darin wurde dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter anderem wegen eines Erklärvideos der „Sendung mit der Maus“ zum Thema Transgender [wdrmaus.de] die Indoktrination von Kindern und eine ideologische Betrachtungsweise vorgeworfen. Ein Beitrag, der vom Springer-Vorstandsvorsitzenden Matthias Döpfner als „intolerant, herablassend und ressentimentgeladen, wissenschaftlich bestenfalls grob einseitig“ bezeichnet wurde.

Die Humboldt-Universität erklärte, der Vortrag werde im Rahmen einer Diskussionsrunde nachgeholt. Dabei solle danach gefragt werden, wie man mit solchen aufgeladenen Situationen und polarisierenden Fragestellungen umgehen könne. Einerseits müsse die freie Rede der Wissenschaftler gesichert werden, andererseits sei aber auch legitimer Protest wichtig.

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, hatte die Absage zuvor scharf kritisiert. Die Universität habe der Wissenschaftsfreiheit einen Bärendienst erwiesen, sagte Kempen am Montag der Deutschen Presse-Agentur. „Sie hätte stattdessen Rückgrat beweisen sollen und alles daran setzen müssen, dass der Vortrag stattfinden kann“, so Kempen. Universitäten seien Stätten geistiger Auseinandersetzung, so Kempen. „Hier muss jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler ihre und seine Forschungsergebnisse, Thesen und Ansichten ohne Angst zur Diskussion stellen können.

Soweit es die Biologie betrifft würde ich wenig überraschend Frau Vollbrecht zustimmen. Interessanterweise ist sie allerdings ansonsten eine RadFem, eine radikale Feministin. 

Zwischen diesen und den intersektionalen Feministen wird gerade ein erbitterter Kampf geführt. Die unterschiedlichen Ansichten lassen sich nach meiner Ansicht wie folgt zusammen fassen:

Radfems:

  • Es gibt Männer und Frauen, Frauen sind Opfer der Männer und Männer sind insbesondere im sexuelle Bereich eine Gefahr für Frauen. Es ist im wesentlichen ein klassischer sexfeindlicher Feminismus.
  • Weiblichkeit ist etwas gutes und beschützenswertes, eine positive Identität, die dort gerne gelebt wird, insbesondere in der „befreiten“ kämpferischen  feministischen Version
  • Das Patriarchat ist der Gegner, alle die irgendwie gegen ihre Ideen stehen sind deshalb Verräterinnen an das Patriarchat oder irgendwie das Patriarchat
  • Aus dem Gedanken heraus sind Transsexuelle, gerade solche, die in „weibliche Schutzräume eindringen wollen“ ein Angriff auf die weibliche Identität und ein Versuch des Patriarchats Frauen die Schutzräume zu nehmen und sie damit sexualisierter Gewalt auszusetzen
  • Lustigerweise werden in diesen Kreisen daher die Befürworter intersektionaler Theorien in Bezug auf Transsexuelle auch gerne als Männerrechtler bezeichnet, weil eben die Transsexuellen in dem Kontext als Männer wahrgenommen werden, die Frauen die Schutzräume nehmen wollen und damit Männerrechtle vertreten

intersekionale Feministin:

  • Es gibt nur Identitäten, keine festen Geschlechter. Eine Begrenzung auf zwei Geschlechter würde den anderen Identitäten ihren Wert und ihre Berechtigungen absprechen
  • Ein M->F Transsexueller ist kein Mann, sondern eine Frau. Demnach kann sie auch keine andere Gefahr darstellen als eine sonstige Frau. 
  • Wer Transfrauen nicht akzeptiert ist ein TERF und damit Satan

Also ein erheblicher Grabenkampf innerhalb des Feminismus. Und keine der beiden Seiten ist letztendlich eine Seite, der man den Sieg wünscht. 

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