Selbermach Samstag 303 (15.08.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Cancel Culture

Deutsche Wikipedia:

Mit Cancel Culture wird ein systematischer Boykott von Personen oder Organisationen bezeichnet, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen bzw. Handlungen vorgeworfen werden. Der Begriff stammt aus dem angelsächsischen Sprachraum und hat mittlerweile auch in deutschsprachige Debatten Eingang gefunden.

Der Begriff Cancel Culture geht auf die Praktik des Cancelns (von engl. to cancel = stornieren, aufheben) zurück, also auf das Zurückziehen der Unterstützung für eine öffentliche Person oder Organisation. Canceln wird überwiegend in sozialen Medien betrieben und zielt auf den Entzug medialer Aufmerksamkeit. Damit gehen in der Regel Beschuldigungen einher, die den Ruf der betroffenen Person schädigen können.[1] Entsprechende Vorfälle haben vereinzelt zu Entlassungen sowie zur Absetzung von Filmen und Fernsehserien geführt.[2] Cancel Culture ist ein politischer Begriff, der von den Gegnern dieser Tendenz geprägt wurde und überwiegend negativ konnotiert ist. Er steht in der Tradition der Auseinandersetzungen um Political Correctness.

Englische Wikipedia:

Cancel culture (also known as call-out culture) describes a form of boycott in which someone is thrust out of social or professional circles – either online on social media, in the real world, or both. They are said to be „canceled“.[3] The notion of cancel culture is a variant on the term „call-out culture“, and constitutes a form of boycott involving an individual (usually a celebrity) who has acted or spoken in a questionable or controversial manner.[4][5][6][7][8] Thus, according to Lisa Nakamura, professor of media studies at the University of Michigan, Ann Arbor, „cancel culture“ can be described as „cultural boycott“, in which the act of depriving someone of attention deprives them of their livelihood.[8] According to the social psychologist Jonathan Haidt, call-out culture arises from what they call „safetyism“ on college campuses.[9][10]

Although those on the right are most often the target of cancel culture,[11] there have been a few examples from the left; both the Dixie Chicks and Bill Maher have claimed to be victims of cancel culture.[12][13]

Stokowski:

Cancel Culture“ soll es im engeren Sinne bedeuten, dass die Arbeit oder Anwesenheit einer Person aufgrund von bisherigen Arbeiten, Tätigkeiten oder Aussagen dieser Person von mindestens einer anderen Person mit Twitter/Insta/Tiktok-Account als nicht begrüßenswert empfunden wird. (…) Allerdings sind die allermeisten Menschen, die als Teil der „Cancel Culture“ betrachtet werden, nicht in der Lage, irgendetwas zu verbieten, sondern sie kritisieren einfach bestimmte Werke, Kunstschaffende oder Institutionen und wollen mit diesen etwa keine Geschäfte oder gemeinsame Sache machen.

„Cancel Culture“ heißt also, manche Leute mögen manche Leute oder deren Arbeit nicht?

Ja. Wobei „nicht mögen“ hier heißt: Leute erkennen ein diskriminierendes Verhalten, etwa Frauenhass oder Antisemitismus, und kritisieren das. In Einzelfällen verlieren die Kritisierten dadurch einen Job, kriegen aber oft sehr schnell einen anderen.

Klar, dazwischen definiert sie noch etwas rum, aber im Prinzip ist das ihr wesentlicher Inhalt: „Cancel Culture? Man wird ja wohl noch Frauenhass und Nazis kritisieren dürfen und wir haben ja – auch wenn wir einen Online Mob bilden, der von jedem eine Distanzierung von dieser Person verlangt – keinerlei macht und können gar nichts anrichten.

Keine Macht. Bei jemanden, der Kolumnen im Spiegel veröffentlicht. Oder von anderen Leuten mit vielen Followern. Erstaunlich unreflektiert.

Noch ein paar Tweets dazu:

Folgen der Identitätspolitik und des Tätergruppe – Opfergruppe Schemas nach Thomas Sowell

Kamala Harris als potentielle Vizepräsidentin und die Tücken der Identitätspolitik auf der individuellen Ebene

Kamala Harris wird in den USA die Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin neben Joe Biden. Es war in jedem Fall klar, dass er eine schwarze Frau zum Vizepräsidenten machen wollte, damit eben diese Gruppe auch vertreten ist.

Jetzt wo sie ernannt ist ist eine interessante Kontroverse losgetreten:

Einmal die Frage ob sie überhaupt „schwarz genug“ ist, also afro-amerikanisch. Harris ist die Tochter des aus Jamaika stammenden Wirtschaftsprofessors Donald J. Harris (* 1938) und der tamilischen Krebsforscherin Shyamala Gopalan (1938–2009) aus Indien. Also eine Jamaikanisch-tamilische Herkunft.

Ihre Familie sieht so aus:

Allerdings sind die beiden Kinder wenn ich es richtig verstehe die Kinder ihres Mannes aus erster Ehe.

Aber wie es auch schon der Tweet andeutet werden sie einige da nicht als „schwarz genug“ ansehen. Mit zwei Wissenschaftlern kommt sie auch aus einer sehr „privilegierten Familie“ und das wird sicherlich auch irgendwie zur Sprache kommen und in den Wahlkampf eingebracht werden

Den zweiten Punkt finde ich noch interessanter, denn er berührt einen der Kernpunkte der Identitätspolitiken, die strikte Einteilung in Gruppen, die Unterdrückte und Unterdrücker sind und auch die Theorie, dass die Gruppen eben an sich die Vorteile ihrer Vorfahren nach wie vor zugute kommen und sie davon profitieren. Gerade in den USA gibt es dazu die Debatte um Reparationen, also Ausgleichszahlungen von den weißen Sklavenhalterabkömmlinge an die schwarzenSklavenabkömmlinge.

Harris soll nämlich jamaikanische Plantagenbesitzer in ihrer Ahnengalerie haben:

In June and July 2019, social media users shared reports that claimed one of the ancestors of 2020 presidential Democratic primary candidate and U.S. Sen. Kamala Harris (D-Calif.) was a slave owner on the Caribbean island of Jamaica.

Such claims were shared widely in the aftermath of the first round of Democratic primary debates, during which Harris brought racial issues to the fore by criticizing primary rival and former Vice President Joe Biden’s legislative record on busing, which she called “hurtful” to her as a black woman.

The focus on racial issues and Harris’ racial identity intensified after Donald Trump, Jr., son of President Donald Trump, briefly shared a tweet that averred: “Kamala Harris is *not* an American Black. She is half Indian and half Jamaican.” The source of that tweet, the @ali account, has consistently promulgated the claim that Harris is descended from “Jamaican Slave Owners.”

Amid the renewed scrutiny of Harris’ family history, the right-leaning website “Big League Politics” posted what it said were the names of the “slaves Kamala Harris’ ancestor owned,” adding:

“Democrat presidential candidate Kamala Harris is descended from Irish slave owner Hamilton Brown, the namesake of Brown’s Town in Jamaica, who recruited massive numbers of Irish migrants to Jamaica to work on his sugar plantations after the British empire abolished slavery.”

Ihr Vater soll beispielsweise zur Familiengeschichte das Folgende veröffentlicht haben:

“My roots go back, within my lifetime, to my paternal grandmother Miss Chrishy (née Christiana Brown, descendant of Hamilton Brown who is on record as plantation and slave owner and founder of Brown’s Town) and to my maternal grandmother Miss Iris (née Iris Finegan, farmer and educator, from Aenon Town and Inverness, ancestry unknown to me). The Harris name comes from my paternal grandfather Joseph Alexander Harris, land-owner and agricultural ‘produce’ exporter (mostly pimento or all-spice), who died in 1939 one year after I was born and is buried in the church yard of the magnificent Anglican Church which Hamilton Brown built in Brown’s Town (and where, as a child, I learned the catechism, was baptized and confirmed, and served as an acolyte).” [Emphasis is added].

There is no doubt that Hamilton Brown was a prominent plantation owner in Jamaica during the first half of the 19th century, owned slaves, and also advocated against the abolition of slavery and sought to downplay the difficult working and living conditions of slaves in Jamaica.

However, we have been unable to verify that a line of descent exists between the modern-day Harris family and the 19th-century slave owner. As such, the claim that an ancestor of Sen. Harris owned slaves in Jamaica remains unproven. If evidence emerges that verifies that line of descent, we will update this fact check accordingly.

Gegenwärtig ist noch unklar ob die Abstammung tatsächlich richtig ist und in welcher Weise sie abstammt: Verteidiger von Harris führen an, dass viele Sklavinnen vergewaltigt worden sind und eine Abstammung von dem Sklavenhalter auf diese Weise sie noch eher zu einem klassischen Opfer der Sklaverei machen würde, die Gegenseite meint, dass die Abstammung über eine weiße Frau nachzuweisen sei, es ist aber alles noch im Streit.

Was nun war oder falsch ist ist mir da eigentlich egal. Mich würde aber theoretisch interessieren, wie man in den intersektionalen Theorien damit umgehen will, wenn die grobe Einteilung in Rassen nach dem äußeren nicht mehr hinhaut, weil es eben Vermischungen gibt.

Ist das Kind einer „gemischtrassigen“ Ehe (auf der einen Seite direkte Abstammungen nur von Sklaven auf der anderen Seite nur von Plantagenbesitzern um mal etwas zu übertreiben) nun ein Opfer oder ein Täter?

Die Vermischungen lassen sich hier ja in jede Richtung verschieben, es kommen Leute aus anderen Ländern mit einer anderen Vergangenheit dazu, wie etwa Harris evtl.

Eine Aufschlüsselung zerstört hier schnell die Pseudorechtfertigungsbasis für die Vorhalte. Es müssen neue Begründungen gefunden werden.
Etwas einfacher ist es einfacher nur auf „Privilegien aufgrund von Vorurteilen“ abzustellen, die dann eben am äußeren Erscheinungsbild festmachen. Aber selbst dann kann man fragen ob das auf „PoCs“ auf solch privilegierten Familien wie bei Harris noch zutrifft oder es nicht doch eher eine Klassen. statt eine Rassenfrage ist. Harris ist nicht in Slums aufgewachsen, ihre Eltern haben gut verdient. Sie hat studiert und schnell Karriere gemacht. Sie kann kaum ernsthaft vermitteln diskriminiert worden zu sein. Dennoch steht sie ja gerade als Kandidatin für die Einbeziehung der schwarzen Bevölkerung.

 

„Letztendlich kaufen die Menschen vier Dinge und nur vier Dinge“

Über diesen Tweet las ich eine interessante Aussage:

 People buy 4 things and 4 things only. Ever. Those 4 things are

  • time,
  • money,
  • sex, and
  • approval/peace of mind.

If you try selling something other than those 4 things you will fail.

Deepl sagt:

Die Menschen kaufen 4 Dinge und nur 4 Dinge. Immer. Diese 4 Dinge sind

  • Zeit,
  • Geld,
  • Sex und
  • Anerkennung / Seelenfrieden.

Wenn Sie versuchen, etwas anderes als diese 4 Dinge zu verkaufen, werden Sie scheitern.

Ich habe das Gefühl, dass man das noch evolutionär klarer formulieren könnte.

Vielleicht:

  • Zeit: Finde ich durchaus passend
  • Geld: Vielleicht eher Ressourcen und Geld ist die beste Form davon?
  • Sex: Würde ich nicht ändern
  • Anerkennung/Seelenfrieden: Status in intrasexueller Konkurrenz und intersexueller Selektion evtl?

Natürlich: Letztendlich sind alle Handlungen beim Menschen auf „Sex bzw Möglichst lange  Weitergabe der Gene“ zurückzuführen. Was wären da die wichtigsten Elemente, die dabei helfen?

 

 

Wie frauenfeindlich ist die Gesellschaft? Theorie vs. Forschung (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Titiat Scriptor

Wir leben im Patriarchat – immer noch, trotz allem. In den Gesetzbüchern sind gleiche Rechte für die Geschlechter längst verankert, nicht aber in der praktischen Umsetzung.
Im Alltag kämpfen Frauen auch im Jahr 2020 überall noch gegen strukturelle und systematische Benachteiligung. Das ist die Grundannahme feministischer Sozialkritik und zugleich ihre Existenzberechtigung.
Das Patriarchat selbst ist unsichtbar, aber seine Zeichen sind scheinbar allgegenwärtig. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die besten Positionen in Wirtschaft und Politik sind von Männern besetzt, Frauen bleiben unterrepräsentiert. Ganze Berufszweige verschanzen sich gegen den Wunsch der Frauen nach Teilhabe. Das Patriarchat – so könnte man dieses Argument zusammenfassen – ist eine Struktur, die das Handeln der Leute in ungleiche Resultate für Männer und Frauen umwandelt.

Natürlich ist denkbar, dass auch eine Gesellschaft frei von geschlechtsbezogener Benachteiligung ungleiche Ergebnisse hervorbringt – zum Beispiel dann, wenn Männer
und Frauen im Kern unterschiedlich sind und deshalb verschiedene Lebensentscheidungen treffen. Diese Möglichkeit wird im feministischen Diskurs aber als eine Art biologischer Essenzialismus mehr oder minder explizit verworfen.

Möchte man dieser Logik folgen, stößt man unweigerlich im tiefsten Inneren der Patriarchats-These auf die alles entscheidende Frage: Was bewirkt denn eigentlich, dass die Welt trotz vermeintlich gleicher Interessen Männer und Frauen in unterschiedliche Positionen manövriert? Was ist die Ursache, der Antrieb, der Auslöser für Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Die Antwort, die man üblicherweise auf diese Frage findet, lautet in etwa so: Wir leben
in einer Gesellschaft von Männern für Männer. Die Einstellungen, Werte und Handlungsmuster, die uns von Kindesbeinen an mitgegeben werden, stellen männliche
Bedürfnisse und männliches Verhalten an die erste Stelle. Frauen werden entweder mit einem Achselzucken ignoriert oder aktiv benachteiligt. Es geht, anders gesagt, um frauenfeindliche Vorurteile in den Köpfen der Leute.

Ein aktuelles Beispiel: In ihrem Buch „Down Girl. Die Logik der Misogynie" (2019) beschreibt Kate Manne Frauenfeindlichkeit als integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Von Frauen, schreibt sie, werden Verhaltensweisen erwartet, die männliche Privilegien aufrechterhalten. Rebellinnen gegen das Patriarchat werden vom System bestraft. Männer hingegen profitieren von gesellschaftlicher „Himpathy“ was sinngemäß so viel heißen soll wie ungerechtfertigte
Sympathie für misogyne und asoziale Männlichkeit.

Soweit die Theorie. Wichtiger ist die Forschung. Denn: Ob wir in der oben beschriebenen Welt leben, ist am Ende keine philosophische, sondern eine empirische

Frage: Ist es also empirisch gerechtfertigt, zu sagen, dass bestehende Geschlechtervorurteile so sehr zu Lasten von Frauen gehen und Männer so sehr bevorzugen, dass man die Gesellschaft insgesamt als frauenfeindlich beschreiben
kann?

Was folgt, ist ein Auszug aus der aktuellen sozialpsychologischen und soziologischen Forschung. Alle zitierten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeichnen ein Bild von der
Richtung geschlechtsspezifischer Vorurteile in unserer Gesellschaft, das im harten Kontrast zu den oben skizzierten Behauptungen steht. Sie zeigen, dass es zu einfach ist, Frauen als rundherum benachteiligt zu beschreiben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Was folgt, ist natürlich kein Beleg dafür, dass Frauen nicht an vielen anderen Stellen benachteiligt sein können. Oder dass Frauen in unserer Gesellschaft unter dem Strich weniger benachteiligt sind als Männer. Darum geht es hier im Kern nicht. Es geht um die Frage, wie viele empirische Erkenntnisse, die der Patriarchats-These zuwiderlaufen, man hinnehmen möchte, bevor man die These von der insgesamt misogynen Gesellschaft verwirft oder zumindest infrage stellt.

Was also sagt die Forschung?

Die folgenden Studien können über http://www.doi.org mit den angegebenen Nummern
identifiziert werden.

1. Die Zukunft gehört autonom fahrenden Autos. Aber wie soll der Algorithmus menschliches Leben priorisieren, wenn ein Unfall nicht mehr vermeidbar ist und sich nur noch die Frage stellt, wer sterben muss? Rund 2 Millionen Befragte in einem weltweiten Online-Survey würden mehrheitlich eher männliche als weibliche Unbeteiligte opfern (DOI: 10.2478/nimmir-2019-0015).

2. Die Tendenz, weibliches Leben höher zu priorisieren als männliches ist auch in vielen anderen Kontexten belegbar. In verschiedenen Experimenten zum Umgang mit moralischen Dilemmas werfen die Testpersonen Männer häufiger vor fahrende Züge als Frauen, um Unschuldige zu retten. Sie fügen Männern häufiger und stärkere Stromstöße zu als Frauen. Sie retten Männer seltener von sinkenden Schiffen und helfen ihnen überhaupt seltener in Notlagen (DOI: 10.1177/1948550616647448).

3. Dass aggressives Auftreten das Ansehen von Männern fördert, das von Frauen aber beschädigt, wird immer wieder behauptet. Dazu im Kontrast stehen die Ergebnisse eines Experiments mit unterschiedlichen Aggressionsszenarien. Hier bewerteten die Probanden weibliche Aggression als moralisch akzeptabler als männliche Aggression
(DOI: 10.1023/A:1019665803317).

4. Und wie steht es um negative Stereotype im Berufsleben? Forscher ließen in einem groß angelegten Experiment mit mehr als 800 männlichen und weiblichen Entscheidern MINT-Lehrstühle an Universitäten an fiktive Bewerber vergeben. Bei gleicher Qualifikation wurden Frauen mit einer Präferenz von 2:1 vor Männern eingestellt (DOI: 10.1073/pnas.1418878112).

5. Auch in anderen Bereichen findet sich kein Widerstand gegen die Ausweitung weiblicher Teilhabe am Berufsleben, im Gegenteil. In Experimenten zeigen Probanden eine größere Bereitschaft, männerdominierte Berufe durch politische Maßnahmen für
Frauen zu öffnen als frauendominierte Berufe für Männer (DOI:10.1016/j.jesp.2019.03.013).

6. Eine Untersuchung zeigt, dass Leistungsbewertungen am Arbeitsplatz weniger akkurat sind, wenn die bewertete Person weiblich ist. Offenbar sind Vorgesetzte eher bereit, Bewertungen von Frauen nach oben zu korrigieren als Bewertungen von männlichen Angestellten. Ob man hier von einem Vorteil für Frauen sprechen kann, scheint zumindest fraglich. Das Ergebnis steht aber dennoch im Kontrast zur häufig geäußerten Behauptung, Frauen würden im Berufsleben negativer bewertet als Männer (DOI: 10.5465/ambpp.2016.18003abstract).

7. Selbst in der Bewertung vermeintlich objektiver Forschungsergebnisse lässt sich ein erhebliches gesellschaftliches Wohlwollen Frauen gegenüber aufspüren. Fiktive Studien zu biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern werden von Psychologinnen und Psychologen unterschiedlich eingeschätzt, je nachdem welchem Geschlecht in den Studien positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Eine erfundene Studie, die Frauen größere künstlerische Fähigkeiten und mehr Ehrlichkeit attestiert, wird als relevanter, glaubwürdiger, hilfreicher und weniger schädlich eingeschätzt als dieselbe Studie mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen (DOI: 10.1111/bjop.12463).

8. In dieselbe Richtung geht ein Experiment, in dem Probanden fiktive Ergebnisse von Leistungstests bewerten sollen. Erzielen Männer im Schnitt bessere Ergebnisse als Frauen, wird die Testmethode eher als sexistisch, unfair und inakzeptabel gesehen als im umgekehrten Fall (DOI: 10.2139/ssrn.3175680).

9. In einem anderen Experiment zeigen sich die Testpersonen eher bereit, ein wissenschaftliches Fachbuch zu zensieren, in dem Männer evolutionsbedingt als bessere Führungskräfte beschrieben werden als ein Buch mit der entgegengesetzten
Aussage (Quelle1).

10. Auch beim Thema antisoziales und kriminelles Verhalten wird Frauen mit mehr Wohlwollen und Verständnis begegnet als Männern. In Surveys erhalten zum Beispiel hypothetische Vergewaltigungsopfer mehr Empathie, wenn der Täter männlich ist. Empathie mit weiblichen Tätern ist dann besonders ausgeprägt, wenn ihr Opfer ein Mann ist. Ganz allgemein erhalten männliche Opfer die wenigste Empathie, besonders von anderen Männern (DOI: 10.1007/s11199-010-9919-7).

11. In einem weiteren Experiment beurteilen juristische Laien die strafrechtliche Relevanz von sexualisierter Gewalt und Zwang je nach Geschlecht der Täter unterschiedlich. Die Taten von Frauen gelten eher als entschuldbar und moralisch akzeptabel als die Taten von Männern (DOI: 10.1891/0886-6708.26.6.799).

12. Lässt man in Experimenten Testpersonen als Jury über das Strafmaß von fiktiven
männlichen und weiblichen Tätern bestimmen, zeigt sich, dass Männer für dieselben Taten schwerere Strafen erhalten als Frauen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn das Opfer weiblich ist (DOI: 10.1111/j.1559-1816.1994.tb01552.x).

13. Quantitative Auswertungen von tatsächlichen Strafprozessen deuten in dieselbe Richtung. Weibliche Sexualstraftäter erhalten vor Gericht für vergleichbare Taten weniger drastische Strafen als Männer (DOI: 10.1007/s10940-019-09416-x).

14. Auch bei anderen Verbrechen bestätigt sich diese Tendenz: Eine große Auswertung von rund 77.000 Strafprozessen in den USA ergibt, dass Männer für vergleichbare Taten seltener Bewährungsstrafen erhalten als Frauen. Werden Gefängnisstrafen verhängt, sind sie für Männer tendenziell länger als für Frauen (DOI: 10.1086/320276).

Soweit eine Auswahl aus der Literatur. Viele weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen könnten ergänzt werden. Und selbst wenn man auf einzelne Ergebnisse nicht zu viel Gewicht legt und annimmt, dass einzelne Erkenntnisse in Kontrollstudien so nicht reproduzierbar wären, zeichnet selbst dieser oberflächliche Literaturüberblick ein deutlich differenzierteres Bild unserer Gesellschaft als eingangs beschrieben.

Es stimmt: Geschlechterspezifische Vorurteile sind allgegenwärtig. Aber in den oben genannten, durchaus zentralen gesellschaftlichen Fragen lässt sich eine systematische, allgegenwärtige Benachteiligung von Frauen nicht entdecken. Es wäre grundfalsch, daraus zu schließen, dass wir in einer insgesamt männerfeindlichen Gesellschaft leben. Ebenso falsch erscheint aber die Behauptung, dass wir in einer insgesamt frauenfeindlichen Welt zu Hause sind. Einfache Wahrheiten gehen, wie so häufig, am
Kern des Problems vorbei.

Der Autor schreibt unter dem Namen @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

„Warum Frauen sich auf Verlegenheitssex einlassen“

Die jetzt schreibt etwas dazu, warum Frauen mitunter Sex haben, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht wollen:

Aline Halhuber-Ahlmann ist Politologin und Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums Salzburg, das Frauen und Mädchen zu Themen rund um Sexualität, Gesundheit und Frauenpolitik informiert. Sie erklärt sich Verlegenheitssex so: „Wir Frauen werden oft Opfer unserer Erziehung: Wir fühlen uns besonders stark für das Wohlbefinden unseres Umfeldes verantwortlich. Denn Frauen werden als soziale, einfühlsame und hilfsbereite Wesen erzogen. Viele von uns sind stolz, wenn sie Wünsche anderer erahnen.“ Dieses Verhalten bringe Frauen manchmal in Situationen, in denen sie über die eigenen Bedürfnisse hinweggehen. Vielleicht erklärt das auch, warum einige Frauen auch dann noch vaginalen oder analen Sex haben, wenn sie dabei Schmerzen empfinden.

Ob es Erziehung oder Veranlagung ist, ist eine andere Sache. Vieles spricht auch dafür, dass es eben nicht die Erziehung ist.

Mitunter ist es aber auch schlicht ein Selbstbelügen weil man irgendwie mitgeschwommen ist, es einfach hat geschehen lassen und es hinterher bedauert. Und nicht unbedingt das einfühlsame und hilfbereite.

Vielen Frauen fällt es laut Halhuber-Ahlmann außerdem schwer, den Sex abzulehnen, wenn sie und ihr Gegenüber sich bereits geküsst oder intime Berührungen ausgetauscht haben. „Sie fürchten, den Mann damit zu kränken oder sogar aggressiv zu machen. Sie halten es für einfacher, ja zu sagen.“

Würde man das gleiche einwerfen bei Frauen als Managerinnen, etwa „sie wollte den Vertrag nicht ablehnen, sie fürchtete den anderen zu kränken oder aggressive zu machen“, dann wäre man wahrscheinlich ein Sexist.

Und es dürfte das auch wieder davon abhängen wer der jeweilige Mann ist: Um so mehr Status sie ihm zugesteht, um so schwieriger wird es wahrscheinlich.

Victoria hatte mehrmals Sex, den sie so eigentlich nicht wollte – mit ihrem damaligen Freund, kurz vor der Trennung. Sowohl sexuell als auch emotional fühlte sie sich ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nahe. „Weil er ja mein Freund war, hatten wir Sex. Ich wollte ihn nicht verletzen“, erzählt sie. Heute kommt sie zu dem Schluss, dass sie das nicht hätte tun sollen: „Ich habe mich ihm ja damals sozusagen unterworfen.“ Mittlerweile hat Annika sich verziehen, nicht nein gesagt zu haben. Ein Rest an Misstrauen ist aber geblieben: Gegenüber sich selbst und gegenüber Männern. Neben einem Mann im Bett kann sie bis heute nicht durchschlafen. Und beim Sex versucht sie immer, selbst die Initiative zu ergreifen und dem Gegenüber zuvorzukommen. „Ich möchte nie wieder in so eine Drucksituation kommen“, sagt sie.

Finde ich irgendwie eine merkwürdige Beschreibung, jedenfalls da in dem Text nichts enthalten ist, was einen besonderen Druck des damaligen Freunde nahelegt. Sex mit einem Freund ist ja keine große Sache, auch Höflichkeitssex nicht. Muss man sich das verzeihen nicht nein gesagt zu haben? Muss daraus Mißtrauen folgen? Haben sie einfach vergessen die Drucksituation zu schildern oder reicht es, dass sie sich innerlich bereits aus der Beziehung verabschiedet hatte, was er ja anscheinend nicht wußte?

Wenn man allein deswegen neben einem Mann – der einem bisher auch nichts getan hat dem Text nach – nicht durchschlafen kann, dann läuft doch irgendetwas falsch.

Und auch Mona, die im echten Leben anders heißt, hat sich auf Sex eingelassen, „weil das Ja einfacher als das Nein war“, wie sie später sagt. Der Mann, den sie erst an diesem Abend zum dritten Mal traf, lud sie zu einem teuren Geburtstagsessen ein. Das Date fand, für Mona überraschend, in einem Nobelrestaurant statt, einem von jenen, in denen jeder Gang mit einem eigenen Wein begleitet wird. Die Rechnung betrug am Ende mehrere Hundert Euro. Mona fühlte sich in eine Abhängigkeitssituation gebracht. Selber bezahlen konnte sie ihren Teil der Rechnung nicht. „Also hab ich mich betrunken und mir gedacht: Okay, du musst heute Sex haben“, erzählt sie heute. „Das fühlte sich wie die einzige Möglichkeit an, mich bei ihm zu revanchieren.“

Dann hat Mona einfach ein sehr schlechtes Selbstbild und wenig Selbstbewußtsein. Oder rationalisiert etwas, was vielleicht mit Status bei dem Mann zu tun hatte.

Es wäre ja so gesehen recht einfach gewesen zu fragen, ob er sie einlädt und sonst vorzuschlagen das Restaurant zu wechseln. Und natürlich verpflichtet sie eine solche Einladung natürlich auch nicht zum Sex. Es ist erstaunlich, was da als Drucksituation empfunden wird.

Oft machen sich Frauen wie Mona noch lange Vorwürfe, nachgegegeben zu haben – eine Mitschuld bei ihrem Partner oder Date sehen sie dagegen selten.

Ich verstehe bereits nicht warum sie sich lange Vorwürfe machen. Sex ist ja nichts, was man nur begrenzt haben kann. Es nimmt einem nichts weg, wenn man Sex mit jemanden hatte. Aber es wäre, wenn das repräsentiv ist, ja zumindest ein interessanter Einblick in die Psyche einiger Frauen (und würde Falschbeschuldigungen gleich wieder häufiger machen)

Dabei tragen die mindestens genauso viel Verantwortung dafür, dass Sex immer einvernehmlich geschieht. „Männer sollten sich der Zustimmung zum Sex immer wieder zu versichern – besonders dann, wenn es sich um einen One-Night-Stand oder ein erstes Date handelt“, sagt Halhuber-Ahlmann. „Der Mann sollte immer mal wieder nachfragen, ob das, was man gerade macht, noch in Ordnung ist.“ Durch das Nachfragen könnten Frauen innehalten und das eigene Empfinden überprüfen.

Tatsächlich bestand hier in allen geschilderten Fällen aus dem klassischen Empfängerhorizont Einverständnis. Da jetzt eine Pflicht zum beständigen Nachfragen einzurichten – wenn man auch immer auf den anderen achten sollte und ihm dem Raum geben sollte – ist doch etwas weitgehend.

Und auch dieses „durch das Nachfragen können Frauen innehalten und das eigene Empfinden überprüfen“ rückt diese Frauen eher in eine komisches Licht. Sie sollten doch entscheiden können, ob sie Sex haben wollen oder nicht ohne das man sie wie kleine Kinder oder unmündige behandeln muss.

Spätestens, wenn ein Partner oder eine Partnerin beim Sex Ekel empfindet, wird es problematisch

Grundvoraussetzung dafür, dass das dann auch hilft, sei allerdings, dass Frauen sich über ihre Bedürfnisse klar werden. „In Gesprächsrunden und bei Vorträgen beobachte ich eine große Diskrepanz zwischen technischem Wissen und der Kenntnis über die eigenen Bedürfnisse. Viele Frauen können nicht genau sagen, was ihnen beim Sex gefällt.“ Kommt es zum Geschlechtsverkehr, können Frauen ihren Standpunkt aber eben nur vertreten, wenn sie diesen auch kennen: „Will ich Sex, Analsex, Oralsex? Ist Kondom für mich ein Muss? Wenn ich diese Fragen vorher für mich abgeklärt habe, kann ich das dem Partner auch besser kommunizieren.“

Echt? Die meisten Frauen die ich kenne hatten da durchaus eine Meinung, was nicht bedeutet, dass man über bestimmten Sachen nicht auch reden kann. Das in der heutigen Zeit eine Frau keine Meinung zu Analsex hat scheint mir sogar eher fernliegend.

In langjährigen Beziehungen kommt häufig ein Phänomen auf: „Manchmal willigt man auch zu Sex ein, obwohl man nicht unbedingt Lust darauf hat. Man will dem Partner aber einen Gefallen tun“, sagt Halhuber-Ahlmann. In der Ehe diene Sex darüber hinaus auch oft dem Beziehungserhalt. Zu groß sei bei vielen Paaren die Sorge, dass sie das Konzept der Monogamie sonst nicht mehr leben könnten.

Die Frage, die sich für Halhuber-Ahlmann in diesem Kontext aber stellt, ist, wie dieses Nicht-Wollen und die Unlust bewertet werden. Manchmal könne man sich als Paar ja auch von der Lust des oder der anderen überzeugen lassen, das nimmt sie als unproblematisch war. Spätestens, wenn ein Partner oder eine Partnerin Ekel empfindet, sei es aber problematisch, das zu ignorieren. Frauen rät Halhuber-Ahlmann deshalb, zu lernen, den seelischen Ekel zu erkennen – und auf ihn zu hören: „Manchmal probieren wir aus Interesse kurz und verneinen dann.“ Und das ist in Ordnung.

Irgendwie ein recht sinnloser Artikel, der aus meiner Sicht kein gutes Licht auf Frauen wirkt und sie erneut sehr passiv darstellt. Immerhin mit der Aufforderung sich selbst aktiv Gedanken zu machen.

Friedrich Merz zu Identitätspolitik und Cancel Culture

Traditionen vs Gleichberechtigung bei Volksfestpositionen

Es gab so etwas schon in vielen Varianten, von Schützenkönig bis zum Karnevalsprinzen: Positionen die bei traditionellen Festen einem Geschlecht vorbehalten sind. Gerade scheint es wieder einen solchen Fall zu geben, ich nutze ihn mal um das Ganze zur Diskussion zu stellen:

Memminger Fischertag :Wer die größte Forelle fängt, wird König

Die Liste der Memminger Fischerkönige ist lang, sie reicht zurück bis ins Jahr 1891. Damals siegte Ludwig Schäffler, genannt „Ludwig I.“. Auf ihn folgten „Albert I.“, „Karl III.“, und schließlich, im Jahr 2019, Walter Gröner, „Walter IV., der Taucher“. Die Tradition, sie wiegt schwer in der bayerischen Stadt. Ein Eintrag auf der Liste bedeutet für viele Memminger die Erfüllung eines Kindheitstraums. Bis heute wird sie lückenlos fortgeführt

Doch eines findet sich nicht auf der Liste: der Name einer Frau. Und das sorgt im Jahr 2020 für Streit.

Denn Frauen dürfen zwar Mitglied im Memminger Fischertagsverein werden – nicht aber am sogenannten Ausfischen des Stadtbachs teilnehmen, dem traditionellen Höhepunkt des Memminger Fischertags. Das bleibt den männlichen Stadtbewohnern vorbehalten.

Christine Renz hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern. „Es hat mich immer schon geärgert, dass Frauen nicht Fischerkönig werden können“, sagt Renz. Sie selbst stammt aus Memmingen, ist seit knapp 30 Jahren Mitglied im Verein – doch fischen darf sie nicht.

Da hat sie meine volle Unterstützung. Wenn etwas den Verein verlässt und für die Bevölkerung ein wichtiger Bestandteil der Gemeinschaft wird, dann sollte man sich nicht anstellen und die Position für jeden öffnen, egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung etc.

Natürlich: Extrawürste darf keiner erwarten. Es müssen eben für alle die gleichen Regeln gelten. Beim Fischertag gewinnt der, der die größte Forelle erwischt. Das klingt ja nun nach nichts, was zwingend ein männliches Geschlecht erfordert.

Wie seht ihr es?