Demokratischer Repräsentationsbegriff und identitätspolitischer Repräsentationsbegriff

Auf dem Blog Homoduplex werden in einem interessanten Artikel noch einmal die Probleme einer Identitätspolitik und die Probleme des „richtigen Denkens“ und seiner Sicherstellung angesprochen:

Der Gedanke verläuft etwa so:

Ich bin gegen Herrschaft, gegen Hierarchie, gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Ich will Gleichheit. Ich will, dass alle Menschen selbst über ihr Leben bestimmen können und nicht die Wenigen über die Vielen. Ich will eine Revolution, durch die die Vielen ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen.

Bis hierher scheint die Sonne in Utopia. Doch dann ziehen vom Realitätssinn her Wolken auf.

Wenn jetzt aber alle gleichberechtigt mitentscheiden würden … ich meine, wir haben ja Wahlen und Meinungsumfragen … dann würden sie sich nicht für meine Utopie entscheiden. Da wären Linke dabei, aber auch Rechte und viele relativ Indifferente, die im Wesentlichen nur ihre Ruhe wollen und gar nicht revolutionär denken. Wenn alle mitbestimmten, würde etwas Mittiges dabei herauskommen, wie wir es jetzt auch schon haben, oder sogar etwas gefährliches Rechtes.

An dieser Stelle wird kognitive Dissonanz fast unumgänglich.

Ich will die Menschen befreien, doch mir dämmert, dass die befreiten Menschen sich nicht so verhalten würden, wie ich mir die befreite Gesellschaft vorstelle.

Bevor mir nun weiter dämmert, dass ich ihnen die Freiheit eigentlich nicht geben will, ihre Freiheit anders zu nutzen, als mir vorschwebt, und bevor das die Frage aufwirft, ob es unter diesen Voraussetzungen überhaupt Freiheit ist, die ich ihnen geben will – Dissonanz! -, reiße ich das Steuer herum und zeichne ein anderes Bild.

Ich weiß ungefähr, wie eine befreite Gesellschaft aussehen würde, aber die Massen wissen es nicht. Die würden immer wieder zum selben Mist zurücksteuern. Aber Zwang und Gewalt kommen nicht in Frage. Wir brauchen also Aufklärung, Überzeugungsarbeit, zunächst einmal die Befreiung des Diskurses von Herrschaft. Wenn sie voll aufgeklärt und befreit sind, werden die Menschen von selbst ein System formen wollen, wie ich es mir vorstelle. Ganz ohne Zwang und Gewalt.

Das ist im Endeffekt zB die internalisierte Mysogynie im Feminismus, das Problem, dass innerhalb der Gruppe das „falsche Denken“ herrschen kann und natürlich die Idee, dass man die Leute noch umerziehen muss, sie noch „erwachen“ müssen (Woke werden müssen) bevor sie eigentlich überhaupt wirklich ihre Gruppe vertreten müssen

  • Die Frauen müssen lernen, dass sie unterdrückt werden und an allem die Männer schuld sind
  • Die PoCs müssen lernen, dass sie von den Weißen unterdrückt werden
  • etc

Und auch dieser Absatz fasst es noch einmal gut zusammen:

Der beschriebene Zielkonflikt ist auch in den Repräsentationsbegriff der Identitätspolitik eingebaut, der gebraucht wird, wenn es heißt, Frauen, Migranten oder andere Gruppen seien irgendwo nicht »repräsentiert«.

Zuerst müssen wir diesen sorgfältig von demjenigen Repräsentationsbegriff unterscheiden, der in »repräsentative Demokratie« vorkommt. Diese sieht vor, dass die Repräsentanten Interessen repräsentieren, die die Bürger durch Wahlen zum Ausdruck bringen. Repräsentation im Sinne von »Diversity« sieht vor, dass demographische Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe usw. repräsentiert werden. Das ist keine Fortschreibung, Verfeinerung oder Weiterentwicklung demokratischer Repräsentation, sondern eine völlig andere Idee.

Der demokratische Repräsentationsbegriff geht von mündigen Individuen aus. Du kannst deinen Willen äußern, und wenn du das getan hast, gilt die Äußerung als dein Wille.

Von der Warte des neuen Repräsentationsbegriffs aus gibt es keine autonome Willensbildung. Dein Wille ist Funktion deines Geschlechts und deiner Hautfarbe. Wir wissen von vornherein aufgrund deines Geschlechts und deiner Hautfarbe, was dein Wille ist und sein muss, und wenn er das nicht ist, dann bist du einer Täuschung aufgesessen oder geistig verwirrt und deine Willensäußerung ist ungültig.

Der Zielkonflikt sieht am Beispiel Frauen etwa so aus: Ich will, dass mehr Frauen politische Macht erhalten. Wenn es nun aber konservative Frauen sind, die nach Ämtern greifen, will ich das dann immer noch? Oder: Will ich immer noch Gendersprech durchsetzen und behaupten, das sei im Interesse der Frauen, während die Mehrheit der Frauen dagegen ist (was zufällig der Fall ist)?

Kann ich behaupten, zu wollen, dass Frauen ihre Meinung einbringen, wenn das nur gilt, solange ihre Meinung meiner Meinung entspricht?

In der Tat werden Repräsentanten in dieser Hinsicht von Individuen zu Platzhaltern von vermuteten Gruppeninteressen. Sie sind dort als Männer, als Frauen, als Schwarze oder Weiße. Ihre Meinung ergibt sich aus der Summe ihrer Gruppenzugehörigkeiten und ist nach diesen zu bewerten. Eine falsche Meinung ist nicht Ausdruck des Individuums, sondern Verrat an der Gruppe.

Ich finde es gut dargestellt. Schaut euch den Rest des Artikels auch noch an

Das ist nicht witzig!

 

Einfluss der Arbeitsstelle auf das Scheidungsrisiko

Eine interessante Studie hat untersucht inwieweit es einem Zusammenhang zwischen Jobstatus und Scheidungsrisiko gibt:

Despite a large literature investigating how spouses’ earnings and division of labor relate to their risk of divorce, findings remain mixed and conclusions elusive. Core unresolved questions are

  1.  whether marital stability is primarily associated with the economic gains to marriage or with the gendered lens through which spouses’ earnings and employment are interpreted and
  2. whether the determinants of marital stability have changed over time.

Using data from the 1968 to 2013 waves of the Panel Study of Income Dynamics, I consider how spouses’ division of labor, their overall financial resources, and a wife’s ability to support herself in the event of divorce are associated with the risk of divorce, and how these associations have changed between couples married before and after 1975. Financial considerations—wives’ economic independence and total household income—are not predictive of divorce in either cohort. Time use, however, is associated with divorce risk in both cohorts. For marriages formed after 1975, husbands’ lack of full-time employment is associated with higher risk of divorce, but neither wives’ full-time employment nor wives’ share of household labor is associated with divorce risk. Expectations of wives’ homemaking may have eroded, but the husband breadwinner norm persists.

Quelle: Money, Work, and Marital Stability: Assessing Change in the Gendered Determinants of Divorce

Also die wesentlichen Feststellungen noch einmal übersetzt:

Finanzielle Erwägungen – die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Ehefrauen und das Gesamteinkommen des Haushalts – sind in keiner der beiden Kohorten ein Vorzeichen für eine Scheidung.

Der Zeitaufwand ist jedoch in beiden Kohorten mit dem Scheidungsrisiko verbunden.

Bei Ehen, die nach 1975 geschlossen wurden, ist der Mangel an Vollzeitbeschäftigung der Ehemänner mit einem höheren Scheidungsrisiko verbunden, aber weder die Vollzeitbeschäftigung der Ehefrauen noch der Anteil der Ehefrauen an der Arbeit im Haushalt ist mit einem Scheidungsrisiko verbunden. Die Erwartungen an die Hausarbeit der Ehefrauen mögen sich zwar verringert haben, aber die Norm für den Brotverdiener des Ehemannes bleibt bestehen.

Die Norm für den „Brotverdiener“ des Ehemannes, also der der Hauptverdiener ist, bleibt bestehen.

Aus der Studie:

Und aus den Zahlen:

Dargestellt wird das Risiko, dass die Ehe im nächsten Jahr geschieden wird. Wie man sieht ist sie bei allen anderen Faktoren bei ca 2,5%, ist der Mann nicht in Vollzeit angestellt, dann steigt sie auf 3,3%

Bei lang anhaltender Arbeitslosigkeit summiert sich das dann wahrscheinlich noch auf. So gesehen „nur“ eine Erhöhung um 0,8 Prozentpunkte. Es wäre eine Erhöhung um das 1,32 fache.

 

Shell Studie, Geschlechterrollen und Vorstellung der Jugend (Anmerkungen von Crumar)

Wie erst uepsiloniks und dann auch Arne hatte ich mir den Kommentar von Crumar  zur Shell Studie auch vorgemerkt. Mein Artikel zu der Studie findet sich Hier

Die 18. Shell-Jugenstudie 2019 stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.572 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren, die zu ihrer Lebenssituation und ihren Einstellungen und Orientierungen befragt wurden.

Die hier dargestellten Ergebnisse entnehme ich der Zusammenfassung (Quelle unten), sie befinden sich auf den Seiten 25-26. Interessant ist, es handelt sich hier um die m.W. erste Zusammenfassung, die diese Themenkomplexe darstellt. Daher kann ich sie leider nicht im zeitlichen Verlauf präsentieren.
Alle Hervorhebungen und Kommentare sind von mir.

Einstieg: „Fragt man Jugendliche, wie sie sich die partnerschaftliche Aufteilung der Erwerbstätigkeit wünschen würden, wenn sie 30 Jahre alt wären und ein zweijähriges Kind hätten, sind sich junge Männer und Frauen recht einig bezüglich der idealen Rollenverteilung: In einer Partnerschaft mit kleinem Kind sollte die Frau und nicht der Mann beruflich kürzer treten.
65 % der Frauen würden gerne maximal halbtags arbeiten – und 68 % der jungen Männer wünschen sich genau das von ihrer Partnerin.“

Womit dem immer wieder geäußerten Mantra, wonach „die verhaltensstarren Männer verhindern, dass Frauen mehr Erwerbsarbeit verrichten, um Karriere machen zu können“ eine Realität entgegensteht, in der knapp zwei Drittel der befragten Mädchen und jungen Frauen eine solche Option gar nicht wahrnehmen wollen.

Hier wird es merkwürdig: „Viele Männer wünschen sich eine Rolle als »aktiver Vater«, der sich an der Kinderbetreuung beteiligt, und nur 41 % von ihnen möchten in der beschriebenen Familiensituation in Vollzeit arbeiten. Von den jungen Frauen wünschen sich etwas mehr (51 %), dass der Vater in Vollzeit arbeitet.
Insgesamt haben beide Geschlechter also recht ähnliche Vorstellungen, was die Erwerbstätigkeit eines Vaters und einer Mutter angeht.“

Zunächst einmal wollen deutlich mehr junge Frauen von (!) Männern, sie mögen Vollzeit arbeiten, als diese es für sich selbst wollen, nämlich die Mehrheit dieser jungen Frauen (auffällig ausgelassen wird, wieviel Prozent der jungen Frauen sich einen „aktiven Vater“ wünschen).

59% der jungen Männer wollen in dieser familiären Situation demnach nicht (!) Vollzeit arbeiten, aber es bleibt unklar, wie die 68% der jungen Männer, die ihrerseits Frauen zugestehen, „maximal halbtags“ zu arbeiten es für möglich halten, ohne Vollzeit-Erwerbsarbeit familiär über die Runden zu kommen.

Ich strukturiere den Text folgend in Spiegelstrichen: „Insgesamt ist es mehr als die Hälfte (54 %) aller 12- bis 25-Jährigen, die ein »männliches Versorgermodell« favorisieren:
– 10 % bevorzugen das Modell eines »männlichen Alleinversorgers« (der Mann versorgt die Familie allein und arbeitet 30 oder 40 Stunden in der Woche), weitere
– 44 % präferieren das Modell eines »männlichen Hauptversorgers« (der Mann arbeitet mindestens 30 Stunden, die Frau maximal halbtags).“

Das traditionelle Familienmodell hat längst nicht ausgedient und es wird mehrheitlich auch gewünscht. Welche anderen Familienmodelle die – immerhin – 46% der Befragten sich vorstellen wird leider nicht dargestellt. Es wird leider auch nicht regional (siehe folgend) nach West und Ost aufgeschlüsselt.

Wenig erstaunlich „sind Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern zu sehen. Junge Menschen im Westen denken hier traditioneller:
– 58 % der Männer und 56 % der Frauen würden sich eine Familie mit männlichem Allein- oder Hauptversorger wünschen, während sich im Osten dem nur
– 38 % der Männer und 31 % der Frauen anschließen.“

Das sind erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West! Meine These, es gibt zwei Patriarchate in Deutschland, bzw. zwei Evolutionen wurde wieder glänzend bestätigt. 😉

Es folgt der feministisch inspirierte Euphemismus des Tages: „Der Vater als Ernährer der Familie ist – zumindest im Westen – offensichtlich keine rein männliche Vorstellung, dieses Modell wird auch von vielen jungen Frauen favorisiert.“

Wenn 56% der jungen Frauen sich dieser Vorstellung anschließen, dann handelt es sich nicht um „viele“, sondern um die Mehrheit der jungen Frauen. Damit hat sich die Ideologie, es handle sich um eine „rein männliche Vorstellung“ gründlich blamiert.
Nicht, dass die Forscher das daran hindern würde, den gleichen Quatsch immer wieder von sich zu geben. Natürlich nicht!

Die letzte Schlussfolgerung hat eine ähnliche Qualität: „In den neuen Bundesländern erfreuen sich dafür gleichwertiger aufgeteilte Modelle deutlich größerer Beliebtheit als im Westen.“

Man könnte nämlich auch sagen, 62% der jungen Männer und 69% der jungen Frauen lehnen den „Vater als Ernährer der Familie“ ab und nur die sogenannte Minderheit der jungen Männer und Frauen vertreten im Osten eine solche Ansicht.
Traditionelle Vorstellungen vom Vater als Ernährer der Familie: Westen = Mehrheit, Osten = Minderheit – das Konzept ist eigentlich ganz einfach zu verstehen.

Hier lassen sich die Erfolge des (West-) Feminismus besichtigen: Die Mehrheit der jungen Frauen (zumindest im Westen) strebt 2019 weder eine Beschäftigung über Teilzeit hinaus an, möchte, dass der Mann Vollzeit arbeitet und sieht den Mann als Haupt- oder Alleinversorger.
Das ist die ernüchternde Bilanz nach 50 Jahren Feminismus und es steht zu befürchten, die Einführung des Gendersternchen wird daran nichts ändern, weil auch das Binnen I seltsam wirkungslos blieb…

Zumindest wissen wir nun – und auch die jungen Männer sollten es wissen – was von all den schönen Umfragen über die „modernen Beziehungsvorstellungen“ junger Frauen zu halten ist.
Mehrheitlich gar nichts – ein Fall für das Altpapier.
Ermutigend nur der prozentuale Anteile von jungen Männern, die sich eine Rolle als aktiver Vater vorstellen können. Es bleibt viel Aufklärungsarbeit für uns zu leisten. Das steht fest!

Download hier: https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie.html

Natürlich ist das Ergebnis einer solchen Umfrage bei einer Altersspanne von 12-25 immer etwas skeptisch zu sehen. Mit 12 hat man eben auch teilweise noch keine Ahnung von irgendwas und insbesondere nicht davon, wie man sein Leben finanziert.  Ein 12-jähriger hat noch keine richtige Beziehung gehabt, er denkt auch noch nicht darüber nach, dass ein Statusberuf auch anderweitige Vorteile hat etc.

Insofern würde ich eine Übersicht über die Veränderung mit dem Alter sehr interessant finden.

Ähnlich auch bei den Frauen. Gerade junge Frauen haben gerne noch die großen Karrierepläne, aber sie sassen eben auch noch nicht in einem Büro und waren für die Umsatzzahlen ihrer Abteilung verantwortlich während der Einjährige im Kindergarten ist oder malen sich das auf diese Weise aus.

Ich vermute da werden viele eher noch konservativer werden.

Es wäre auch interessant eine Aufspaltung nach Alter, Schulbildung und Arbeit/nicht arbeit zu sehen. Und eine Langzeitstudie, wo die gleichen noch mal gefragt werden, wenn die Kinderplanung konkreter wird oder sich verwirklicht hat.

Aus den Angaben von Kindern auf ihre späteren Ansichten zu schlussfolgern ist nicht so einfach. Denn Kinder und Jugendliche und später dann Erwachsene denken natürlich auch anders, haben andere Erfahrungen gemacht, die die Perspektive verändern

„Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes“

Antje Schruppe und Enno Park halten anscheinend nichts von einem gemeinsamen Sorgerecht ab Geburt für unverheiratete Väter und drücken das auf eine gegenüber Vätern sehr gefühlskalte Art aus:

Antje Schrupp:

Automatisches Sorgerecht für unverheiratete Spermageber ist genau betrachtet eigentlich die Wiedereinführung der Zwangsehe: Wer schwanger wird, „muss heiraten“.

Die Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können, war also nur recht kurz. Ein paar Jahrzehnte.,

Ich verstehe nicht, die Logik dahinter. Dass man nicht heiraten muss, um Kinder zu haben, war doch mal eine Errungenschaft. Und jetzt wird das quasi durch die Hintertür wieder eingeführt: Wer gemeinsame Kinder hat, muss gefälligst miteinander klarkommen.
Ich finde dieses ganze Gesetzesvorhaben so dermaßen krass, dass ich mich wirklich wundere, warum sich hier nicht mehr feministischer Protest regt. Sind wir alle schon verväterrechtlert im Kopf?
Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass die Erkenntnis, im Fall einer Schwangerschaft „nicht heiraten zu müssen“ die große feministische Befreiung für mich war. Ich kannte noch GLeichaltrige, die „heiraten mussten“:
Ihre Gleichsetzung von „Sorgerecht für Unverheiratete ist wie Heiraten müssen“ ist natürlich ziemlicher Blödsinn.
Sorgerecht hat etwa nichts mit dem Umgangsrechts zu tun, das hätte der Vater sowieso. Und das gemeinsame Sorgerecht betrifft ohnehin nicht Entscheidungen des täglichen Lebens, sondern nur Fragen von erheblicher Bedeutung:
§ 1687 Ausübung der gemeinsamen Sorge bei Getrenntleben
(1) Leben Eltern, denen die elterliche Sorge gemeinsam zusteht, nicht nur vorübergehend getrennt, so ist bei Entscheidungen in Angelegenheiten, deren Regelung für das Kind von erheblicher Bedeutung ist, ihr gegenseitiges Einvernehmen erforderlich.
Der Elternteil, bei dem sich das Kind mit Einwilligung des anderen Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung gewöhnlich aufhält, hat die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen Lebens. Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben.
Solange sich das Kind mit Einwilligung dieses Elternteils oder auf Grund einer gerichtlichen Entscheidung bei dem anderen Elternteil aufhält, hat dieser die Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten der tatsächlichen Betreuung. § 1629 Abs. 1 Satz 4 und § 1684 Abs. 2 Satz 1 gelten entsprechend.
(2) Das Familiengericht kann die Befugnisse nach Absatz 1 Satz 2 und 4 einschränken oder ausschließen, wenn dies zum Wohl des Kindes erforderlich ist.
Bei einem jungen gesunden Kind ist die erste Entscheidung von erheblicher Bedeutung üblicherweise die Frage, in welchen Kindergarten es kommt, danach noch die Frage auf welche Schule es kommt, vielleicht wird dazwischen noch ein Pass beantragt.
Wenn die Mutter umziehen will, dann wäre das auch von erheblicher Bedeutung, zumindest wenn es nicht im gleichen Ort ist.
Die Absprache beim gemeinsamen Sorgerecht kann also minimal sein, weit aus mehr Absprache erfordern Umgangsrecht etc.
Schrupp wäre vielleicht auch entsetzt, wenn sie wüßte, dass man das gemeinsame Sorgerecht auch bereits jetzt gegen den Willen der Mutter einklagen kann und das man das auch noch machen kann, wenn man es nicht hat und erfährt, dass die Mutter etwas machen will, was man nicht gut findet.
Die von ihr angenommene „Zeit, in der Frauen in Freiheit und ohne sich in eine Dauerbeziehung zu einem Mann zu begeben, Kinder bekommen können“ war also nach ihren Kriterien nie vorhanden. Wobei eine Frau sie natürlich immer noch leicht haben kann: Sie muss sich nur von jemanden schwängern lassen, den sie danach nicht mehr sieht und dann auf die Frage nach dem Vater antworten, dass es eben eine Karnevalsbekanntschaft oder ein Fremder bei einem One-Night-Stand war. Würde aber natürlich dann auch keinen Unterhalt bedeuten (den Schrupp aber meine ich eh nicht gut findet und auf den Staat verlagern würde).
Den Text finde ich neben seiner Verkennung von Fakten auch schon deswegen ziemlich bescheuert. Alleine schon die Bezeichnung „Spermageber“.
Enno Park, der wegen eines Cochleaimplantats selbsternannte Cyborg, dachte allerdings „Hold my Beer, das kann ich noch verächtlicher und gefühlsloser“
1/ Erwartbar, wie sehr sich die Leute über @antjeschrupp
’s These aufregen. Ich denke derweil an einen konkreten Fall in meinem Bekanntenkreis. Kurzer Thread:
2/ Gemeinsames Sorgerecht heißt, du kannst nichts alleine entscheiden, sobald es um das Kind geht. Heißt weiter: Du kannst auch nicht über den Wohnsitz des Kindes ohne das andere Elternteil entscheiden. Heißt weiter:
3/ Papi kann Kind und Mutter *verbieten* umzuziehen. So geschehen in meinem Bekanntenkreis, als eine Mutter eine Immobilie in einer Nachbarstadt erbte und diese jetzt nicht beziehen kann, weil der Vater ein Veto einlegt, weil er die Entfernung nicht convenient findet.
4/ Es geht also am Ende doch wieder um die Ausübung von Macht, insbesondere wieder eine patriarchale Machtstellung des Mannes, über Whereabouts von Frau und Kind bestimmen zu können. Antje hat leider recht, wenn sie automatisches Sorgerecht als Form von „Zwangsehe“ bezeichnet.
5/ P.S.: Und nein, „Spermageber“ ist hier keine Herabwürdigung aller Väter, denn sie meint ja gerade nicht soziale Väter sondern die Frage, ob Leuten, die ihr Sperma dagelassen haben, daraus eine solche Machtposition automatisch und gegen den Willen der Mutter zukommt.
6/ Wer das bejaht, denkt halt immer noch in patriarchalen Mustern. Denn letztlich geht es doch wieder nur darum, dass die Kontrolle über den weiblichen Körper und die biologische Reproduktion schön beim Mann
7/ Und ganz praktisch an meine Co-Männer: Wenn du gerne Vater sein möchtest und ein Kind mit einer Frau hast, die partout nicht mit dir klarkommt, lass sie ziehen, zeug ein anderes oder gehe eine Beziehung mit einer Alleinerziehenden ein, aber einer DIE DICH IN IHREM LEBEN WILL.
8/ Alles andere ist nicht das Denken in Liebe und Beziehungen sondern das Denken in Kontrolle, Eigentum, Anspruchsdenken und Blutsabstammung. Kann man machen, ist aber scheiße.
Ein unglaublicher Text. Merkt er gar nicht, dass er da gleichzeitig der einen Seite vorwirft Macht auszuüben, in Eigentum zu denken, ein Anspruchsdenken zu haben und Kontrolle auszuüben (den Vätern) und dies dann ganz selbstverständlich der anderen Seite zuzugestehen.

Und das so weitgehend, dass er sagt „Wenn sie dich nicht mehr mag, dann gehört das Kind ihr, und wenn sie mit ihm wegziehen will, dann hast du die Klappe zu halten, zeug doch ein anderes Kind“

Zeug doch ein anderes
Zeug doch ein anderes 
Zeug doch ein anderes 
Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben.
Mir ist wirklich nicht ganz klar wie ein auch nur annähernd zur Empathie fähiger Mensch so etwas schreiben kann. Selbst wenn er keine Kinder hat sollte ihm doch das grobe menschliche Konzept eines Elternteils, welches sein Kind liebt, verständlich sein.
Aber auch abgesehen davon ist „Man kann gar nichts mehr machen, noch nicht einmal mit dem Kind in eine andere Stadt ziehen“ falsch:
Natürlich kann man das auch mit dem gemeinsamen Sorgerecht, die Frau sowieso, sie muss nur ihr Kind zurücklassen und dann eben ein anderes machen (was ist schon dabei?) und auch mit dem Kind, wenn sie den Anspruch bei Gericht geltend macht und die Hauptbezugsperson des Kindes ist und das auch noch mit will.
Ein Gericht fragen ist natürlich eine absolute Unzumutbarkeit. Wie kann man das nur verlangen, wenn man einen Elternteil räumlich von seinem Kind trennen will und dieses von ihm?
Dieses miese Patriarchat, da lässt es nicht einfach Frauen die absolute Macht über das Kind, sondern überlegt (umgesetzt ist es ja noch nicht) ob unverheiratete Väter zumindest in Fragen von erheblicher Bedeutung von Anfang an mitreden dürfen. Wie patriarchalisch kann ein System sein? Frauen werden da wirklich zwangsverheiratet und quasi aller Rechte beraubt, es ist unglaublich.
Noch ein paar Tweetreaktionen, die ich passend fand:

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