„Wisst ihr, wie viele Frauen sich nicht scheiden lassen / sich trennen, weil sie Angst vor dem finanziellen Ruin haben?“

 

„Jungs, warum wollt ihr nichts von „Toxic Masculinity“ hören?“

Ich mochte vor Jahren, als ich die Süddeutsche noch gelesen habe und im Abo hatte, die jetzt ganz gerne. Gerade die Rubrik: Mädchenfrage – Jungenfrage war häufig interessant und witzig geschrieben. Aber der intersektionale Feminismus ist ja schon länger dort angekommen, jetzt mit einer Frage, die sich abseits des Feminismus wahrscheinlich kein Mädchen stellt:

Liebe Jungs,

Was Mannsein heißt, wollte euch ein Rasierklingenhersteller Anfang dieses Jahres in einem Werbespot erklären, der „Toxic Masculinity“ anprangert: Er zeigt Männer als Machos am Grill, die hilflos dreinblicken, während immer mehr #MeToo-Nachrichten aus dem Fernseher rieseln. Dem gegenüber stellte Gillette Bilder von „guten Männern“: den jungen Vater, der mit seiner kleinen Tochter Motivationssprüche aufsagt, den Typen, der bei einem Streit unter Männern schlichtend dazwischen geht. Voilà, Shitstorm: Für den Spot gab es doppelt so viele Daumen runter wie hoch – vor allem von Männern. Vielen war der Inhalt zu plakativ, vor allem schienen euch aber die Worte „Toxic Masculinity“ zu stören.

Dass der Begriff, der ursprünglich aus der Soziologie der frühen 2000er stammt, ein bisschen fies klingt und gerade zum Modewort wird: geschenkt. Dass der Wandel eines Rasiererherstellers zum feministischen Akteur etwas unvermittelt kommt, auch. Aber dass dahinter auch ein reales Problem steckt, nämlich die negativen Auswirkungen von stereotypem Mannsein (Mann gleich hetero, hart, alpha) auf euch und uns, hört ihr scheinbar nicht so gern.

Selbst bei Diskussionen mit all den wunderbaren, schlauen und fortschrittlichen Männern in meinem Freundeskreis folgt auf den Begriff „Toxische Männlichkeit“ immer ein genervtes Seufzen. Digital passiert ähnliches unter Hashtags wie #NotAllMen. Ihr scheint große Angst davor zu haben, in einer negativen Schublade zu landen, einfach nur weil ihr Männer seid.

Dabei stört das Rumgehacke auf eurer kollektiven Boshaftigkeit auch uns gewaltig. Weil es unfair ist, ja. Aber auch, weil ihr dadurch mehr damit beschäftigt seid, für „die Männer“ zu argumentieren als für uns. Eure Genervtheit macht uns traurig. Denn sie verhindert die Gespräche, die wir dringend führen müssten – die, in denen es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze geht. Wir haben doch alle kapiert, dass es hilft, die Dinge zu benennen, die Sexismus eine Grundlage geben.

„Toxische Männlichkeit“ ist keine feministische Verschwörungstheorie, sondern ein neuer Begriff für alte Verhaltensmuster. Er beschreibt für mich auch eine männliche Herdenmentalität, die dafür sorgt, dass mir eine Gruppe von Männern öfter hinterher ruft als ein einzelner Mann. Dass sich Kollegen in gemischter Runde automatisch mehr mit Geschlechtsgenossen unterhalten, dass Männer sich „unter sich“ anders verhalten – kurz: dass Männlichkeit in der Gruppe unserer Gleichberechtigung im Weg steht. Und diese toxische Form der Männlichkeit hat noch eine ernstzunehmende Konsequenz: Die hohe Depressions- und Suizidrate unter Männern hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass stereotypes Mannsein heißt, keine Gefühle zu zeigen. Das findet ihr doch auch schlimm, oder? Warum seid ihr dann nicht genauso wütend wie wir?

Stört euch, dass wir Männlichkeit an sich anprangern? Müssen wir genauer werden? Oder findet ihr insgeheim einen Teil vom stereotypen Mannsein doch irgendwie gut? Was, wenn wir sagen: Toxisch, also schädlich, ist ein stereotypes Verhalten dann, wenn es uns und andere davon abhält, ihre Identität so zu leben, wie sie es wollen? Theoretisch können demnach auch stereotyp weibliche Attribute toxisch sein: Fürsorge etwa, wenn sie uns davon abhält, unseren Partner nach Elternzeit zu fragen.

Also, liebe Jungs: Findet ihr eure eigene Männlichkeit nun toxisch oder nicht? Und wenn ja: Warum wollt ihr nicht darüber reden?

Verwirrte Grüße

Eure Mädchen

Was für ein Mist. Schoppe hat ihn schon perfekt besprochen.

Ich zitiere einfach mal ein paar Kommentare:

Toxische
Männlichkeit ist ein Männlichkeitsklischee und der Ausdruck tiefer
Ressentiments. Daraus resultiert die Abwehrhaltung

oder:

Hier wird irgendwo ein Begriff verwendet, der nicht für sich selbst steht, sondern erstmal erklärt werden muss. Der Zweck ist klar: Der Begriff ist prägnant und provokativ gleichzeitig. Aber je nachdem wer versucht ihn zu definieren, kommen sehr unterschiedliche Sichtweisen zu Tage. Mal geht es um „männliches Verhalten“, dann über „männliches“ und „weibliches“, dann über Aktuelles und dann wiederum über längst überwundenes. Dann fügt man noch die Themen Hierarchie oder konkrete Verhaltensmuster im Einzelfall oder in der Gruppe ein und tada: Wir haben das Durcheinander. Meiner Meinung nach wäre es deutlich konstruktiver, auf solche Begriffe und den kalkulierten Streit darüber vollständig zu verzichten, und direkt zum Punkt zu kommen.

Ich weiß nicht, in welcher Welt es funktioniert, dass man mit jemandem in den Dialog tritt, indem man ihn angreift oder beschimpft.

oder:

Idioten, männliche als auch weibliche, gab es, gibt es und wird es immer geben. Genauso allerdings auch gefühlvolle und empathische Menschen.
Das Problem an diesen Konzepten, wie toxische Männlichkeit, ist, dass sie der Versuch sind, ganze Gruppen von Personen über einen Kamm zu scheren. Dies ist abzulehnen. Erstens, weil es diskriminierend ist und zweitens weil es übergriffig ist.
Übergriffig ist es, weil es der Versuch ist, Verhalten, welches einem selbst nicht gefällt, bei anderen abstellen zu wollen. Sofern es sich dabei nicht um strafrechtlich relevantes Verhalten handelt, ist das jedoch intolerant und durch nichts zu legitimieren.
Das heißt noch lange nicht, dass man gewisse Verhaltensweisen gut finden muss. Im Gegenteil. Wenn man etwas nicht gut findet, darf man das sagen. Wenn das nicht hilft, muss man sich solchen Leuten nicht abgeben.
Im Übrigen sollten man sich bewusst sein, dass niemand perfekt ist. Vielleicht hat jemand, der auf der einen Seite ein Defizit hat auf der anderen einen großen Vorzug. Es kommt auf die Mischung an und die Frage, ob man selbst, ganz individuell das Gesamtpaket mag.

oder:

Leute, die sich diskriminiert fühlen, wenn, wenn man Berufsbezeichnungen nicht das passende Gendersternchen verpaßt, gleichzeitig aber mich auffordern „Feminismus“ als positiv für Männer anzuerkennen und die Arschlochverhalten als „toxisch+männlich“ bezeichnen, sind entweder intellektuell nicht satisfaktionsfähig, oder einfach niederträchtig

Darf man hier „Scheiße“ sagen? Weil das is sexistische Kackscheiße.
Historischen wie zeitgenössischen Machtmißbrauch umzudeklarieren in eine Geschlechtseigenschaft, das ist so erbärmlich. Und das von Leuten, die sich für besonders „links“ und emanzipiert halten.

Der allergrößte Teil der Kommentare ist negativ. Kann natürlich auch an der Verlinkung durch Schoppe und andere liegen. Aber dennoch gut zu sehen.

Mindestanforderungen an die Sexismus-Verteidigung

Gerade tritt sie aus meiner Sicht wieder vermehrt auf:

Die Sexismus Verteidigung

Gemeint ist nicht, dass man Sexismus verteidigt, sondern das man Kritik damit abwehrt, dass diese Sexismus sei, weil derjenige, gegen den sie gerichtet ist, eine Frau ist.

Das hat man bei Nahles gesehen aber auch bei einer Reporterin, die über Habeck und die Grünen schrieb und der fehlende Distanz und das Schreiben eines Werbeartikels vorgeworfen wurde.

Man kann dabei die These der weiblichen Unterverantwortung und der männlichen Hyperverantwortung anführen, also das Frauen nie schuld sind, aber Männer immer, aber das wäre auch sehr pauschal.

Interessanter scheint es mir Anforderungen aufzustellen, die man an einen solchen Vorwurf stellen sollte, um zu überprüfen, ob er gerecht ist.

Dabei sollte man sich diese Überprüfung nicht zu einfach machen, weil man seinen Text und sein Verhalten mit diesem Ansatz vollständig aus der Kritik nehmen möchte und es immer schnell ein ad hominem ist: nicht mein Werk ist berechtigter Kritik ausgesetzt, meine Kritiker sind einfach nur Sexisten.

Der erste Schritt wäre aus meiner Sicht damit immer die Kritik inhaltlich zu kontrollieren. Ein vollständiger Rückzug darauf, dass der Kritiker ein schlechter Mensch ist, ist ein sehr einfacher Ausweg, zumal auch schlechte Menschen recht haben können.

Der zweite Punkt wäre ein Kausalitätsnachweis: dieser baut häufig so gesehen auf dem ersten auf, den ein erster Punkt jeder Kausalkette ist ja die Frage, ob man den Punkt hinwegdenken kann, ohne dass das Ergebnis wegfällt. Und dies müsste man Argument für Argument machen. Die Frage wäre also: hätte die Kritik Substanz, wenn nicht ich, sondern ein Autor anderen Geschlechts den Artikel geschrieben hätte.

Dazu wird man sich der Frage stellen müssen, inwieweit Männer oder Frauen in vergleichbaren Situationen unterschiedlich behandelt worden sind. Dies setzt allerdings voraus, dass man nicht lediglich nach Einzelfällen sucht, in denen beispielsweise das eigene Geschlecht auf diese Weise kritisiert worden ist oder nach Einzelfällen, bei denen das andere Geschlecht besser behandelt worden ist, sondern es erfordert, dass man eine größere Betrachtung vornimmt und ganz bewusst nach Fällen sucht, bei denen das andere Geschlecht ebenso schlecht behandelt worden ist bzw das eigene Geschlecht besser. Man wird sich einfach zunächst zumindestens vergleichbare Personen in vergleichbaren strittigen Situationen anschauen müssen. das hätte bei Nahles bereits eine Vielzahl von Personen männlichen Geschlechts zu Tage gebracht, die ebenfalls hart angegriffen worden sind.

Des weiteren wird man sich auch da hingehend hinterfragen müssen, ob man für die Geschlechter gleiche Maßstäbe bei der Bewertung der Situationen ansetzt. Dabei kann man nicht nur auf die Reaktion der Betroffenen schauen, etwa wie dieser eine bestimmte Kritiker mitnimmt oder wie diese darauf reagieren. Denn die persönliche oder auch geschlechterbezogene Empfindlichkeit ist gerade kein Maßstab dafür, ob jemand Hertha angegriffen wird.

Was wären aus eurer Sicht wichtige Kriterien?

Interessenunterschiede im Bereich Politik zwischen den Geschlechtern

Eine interessante Studie beleuchtet die Geschlechterunterschiede bezüglich des Interesses an der Politik:

Despite recent advances in gender equality in political representation and the availability of resources, this article shows that there is a persistent gender gap in declared political interest over the life cycle. Using evidence from the British Household Panel Survey (BHPS), we track the gender gap through the life span of citizens. At age 15, there is already a substantial gender gap of 20 percentage points in the probability of respondents reporting being politically interested, pointing to gendered socialization processes as the key explanation for such differences. In the following 10 years, as people develop into adults and unravel their political orientations, the extent of the gender gap continues to grow by about 10 additional percentage points. Following these formative years, attitudes crystallize and so does the gender gap, remaining at the same size (around 30 percentage points of difference between women and men) over the life course. These findings suggest that the development of gender roles during early childhood is a crucial phase in the source of the gender gap, deserving further attention from scholars.

Quelle: Tracing the Gender Gap in Political Interest Over the Life Span: A Panel Analysis

Eine interessante Grafik aus der Studie:

Also eine deutliche Differenz zwischen den Geschlechtern. Die Angabe, dass die „jungen Jahre kritisch für das Interesse sind“ ist dabei natürlich kein Beleg dafür, dass man in dieser Zeit viel ändern kann. Es kann auch schlicht der Umstand sein, welchen Hormonspiegel in Bezug auf Testosteron dort hatte.

Dafür spricht auch, dass man diesen Unterschied recht gut über verschiedene Gesellschaften vorfindet:

politisches Interesse Männer Frauen verschiedene Länder

Um so weiter „oben“ das jweilige Land steht um so geringer sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Man findet aber jedenfalls in allen Ländern Unterschiede. Ob die geringeren Unterschiede dann wieder kulturell oder eben auch biologisch begründet sind wäre eine interessante Frage.

vgl auch:

Sterbehilfe

Passend zur Ausgießung des heiligen Geistes bietet sich eine Diskussion über einen Fall an, bei dem eine Minderjährige in den Niederlanden Sterbehilfe erhalten haben soll. Sie sah ihr Leben als sinnlos an, weil sie als mit 12 und dann später noch im Alter von 14 mißbraucht worden war.

Es war wohl letztendlich keine Sterbehilfe, sondern Selbstmord, aber der Fall sorgte dennoch für eine Diskussion:

Es ist eine Nachricht, die um die Welt ging: Noa Pothoven, eine 17-jährige Niederländerin, soll in einer Klinik aktive Sterbehilfe erhalten haben und so am Sonntag gestorben sein. Am Mittwoch folgte eine Korrektur: Nein, das End-of-Life-Krankenhaus in Den Haag habe den Wunsch des Teenagers abgelehnt, aktive Sterbehilfe zu leisten.

Niederländischen Medienberichten zufolge habe sie sich stattdessen seit Juni geweigert, Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Ihre Eltern und die Ärzte entschieden sich gegen eine Zwangsernährung, sodass Pothoven schließlich am Sonntag starb.

So oder so, die Hintergründe des Todes der aus der Stadt Arnheim stammenden Noa Pothoven sind tragisch. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihre preisgekrönte Biografie Gewinnen oder lernen und wurde dadurch landesweit bekannt. Darin schildert sie, wie sie bei Kindergeburtstagen im Alter von elf und zwölf Jahren missbraucht wurde. Mit 14 Jahren wurde sie dann auch noch von zwei Männern vergewaltigt.

(…)

Im vergangenen Sommer wandte sie sich ohne das Wissen ihrer Eltern zum ersten Mal an besagte Sterbeklinik in Den Haag – dort wurde sie aber abgelehnt. Der niederländischen Regionalzeitung „De Gelderlander“ sagte die damals 16-Jährige im Dezember: „Sie finden, ich bin zu jung, um zu sterben. Sie sagen, ich soll die Traumabehandlung abschließen und dass mein Gehirn erst ausgewachsen sein muss, und das wird erst mit 21 Jahren sein. Ich bin am Boden zerstört, weil ich nicht mehr so lange warten kann.“ Sie suche Frieden, erklärte sie.

Ein tragischer Fall, der sich in der Tat für eine Diskussion über Sterbehilfe anbietet. Ich habe mir daher das niederländische Recht dazu einmal in der Wikipedia angeschaut:

Dort heißt es:

den Niederlanden ist nach dem Strafgesetzbuch sowohl die aktive Sterbehilfe (Artikel 293[1]) als auch die Beihilfe zur Selbsttötung (Artikel 294[2]) auch nach dem Inkrafttreten des Sterbehilfegesetzes weiterhin generell strafbar. Wenn allerdings ein Arzt Sterbehilfe leistet und dabei eine Reihe von Sorgfaltskriterien einhält und dem Leichenbeschauer der Gemeinde Meldung erstattet, unterliegt er einem besonderen gesetzlichen Schutz und macht sich nicht strafbar.

Im niederländischen Sterbehilfegesetz sind diese besonderen Sorgfaltskriterien spezifiziert.

Die im Artikel 2 des Gesetzes aufgeführten Kriterien beinhalten, dass sich der Arzt vom Zutreffen folgender Sachverhalte versichert hat:

  1. er ist überzeugt, dass der Wunsch des Patienten freiwillig und nach reiflicher Überlegung geäußert wurde,
  2. er ist überzeugt, dass der Zustand des Patienten aussichtslos und sein Leiden unerträglich ist,
  3. er hat den Patienten über Situation und Aussichten aufgeklärt,
  4. er ist zusammen mit dem Patienten zum Schluss gelangt, dass es für die Situation keine andere annehmbare Lösung gibt,
  5. er hat mindestens einen anderen, unabhängigen Arzt konsultiert, der den Patienten untersucht und zu den unter 1 bis 4 genannten Kriterien eine schriftliche Stellungnahme verfasst hat,
  6. die Lebensbeendigung oder die Hilfe bei der Selbsttötung erfolgt mit der gebotenen Sorgfalt.

Das sind für mich vollkommen rationale Gründe und ich würde es für ein sehr gutes Gesetz halten. Warum soll man Leuten unter diesen Umständen nicht ein menschenwürdiges Sterben erlauben?

Bei Patienten, die nicht in der Lage sind, ihren Willen zu äußern, darf der Bitte um Sterbehilfe oder Hilfe bei der Selbsttötung entsprochen werden, wenn die Person das 16. Lebensjahr vollendet hat und sie zu einem Zeitpunkt, zu dem sie zur vernünftigen Beurteilung ihrer Interessen fähig war, ihre Bitte schriftlich erklärt.

Nach dem Gesetz können auch Minderjährige um Lebensbeendigung auf Verlangen oder Hilfe bei der Selbsttötung bitten. Da die Bitte nur vom Patienten selbst gestellt werden kann, muss dieser zur vernünftigen Beurteilung seiner Interessen fähig sein und seinen Willen äußern können. Eine von Eltern oder Erziehungsberechtigten im Namen des Patienten geäußerte Bitte ist unzulässig.

Bei Minderjährigen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren müssen außerdem die Eltern oder Erziehungsberechtigten der Bitte um Sterbehilfe zustimmen. 16- und 17-Jährige können selbstständig entscheiden, die Eltern oder Erziehungsberechtigten müssen dabei jedoch in Entscheidungsfindung einbezogen werden. Sterbehilfe bei Minderjährigen unter 12 Jahren ist unzulässig.

Bei einwilligungsunfähigen Minderjährigen ab 16 Jahren gelten dieselben Regelungen wie für Erwachsene (schriftliche Erklärung zu einem Zeitpunkt, zu dem die Einwilligung noch möglich war).

Auch hier scheinen mir die Kriterien nachvollziehbar zu sein und auch die Handhabung in dem Fall oben erscheint mir nachvollziehbar.

Gegenwärtig ist in Deutschland die Selbsttötung natürlich erlaubt, auch die Beihilfe ist erlaubt (weil für die Beihilfe eine strafbare Tat vorliegen muss, was beim Selbstmord nicht der der Fall ist).  Allerdings ist man da natürlich evtl schnell in dem Bereich, in dem Mann die eigentliche Tatherrschaft hat und dann wäre es wieder strafbar.

Die echte „Tötung auf Verlangen“ ist in § 216 StGb geregelt:

(1) Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.
(2) Der Versuch ist strafbar.
Eine gewisse Grauzone aber wohl zugelassen sind palliative Maßnahmen, bei denen bei schweren Erkrankungen die Schmerzmitteldosis erhöht wird und dadurch der Tod etwas früher eintritt.
Aus meiner Sicht wäre eine professionelle Sterbehilfe nach den niederländischen Kriterien sehr empfehlenswert.
Das auch gerade, wenn man sich diese Zahlen aus den Niederlanden anschaut:
Im vergangenen Jahr nahmen laut offizieller Statistik 6585 Niederländer Sterbehilfe in Anspruch. Das entspricht 4,4 Prozent aller Sterbefälle in dem Land. Die meisten litten unter einem unheilbaren Krebsleiden, nur wenige unter psychischen Problemen.
Wer schon mal unheilbare Krebsleiden im Endstadium erlebt hat, der kann die Entscheidung lieber vorher zu sterben sicherlich nachvollziehen.
Was ist eure Meinung dazu?

Nochmal zu typischen Fehlvorstellungen über Geschlechterunterschiede und Normalverteilungen

Ich hatte hier eine kurze Sammlung verschiedener Fehlvorstellungen als Artikel eingestellt, die auch gerade einen Anfang darstellen sollte, von dem man aus weitere Abweichungen diskutieren kann.
In den Kommentaren wurde geliefert, so dass ich die dortigen Anmerkungen kurz noch mal in einem Artikel übernehmen will (vielen Dank für die guten Kommentare)

RW führte an:

Dann noch der Fall, wo die Verteilungskurven den gleichen Mittelwert, und nur unterschiedliche Breiten haben. Da ist die Apex Fallacy sehr beliebt.
Beispiel: IQ Verteilung, die bei Männern breiter gestreut ist als bei Frauen, aber den gleichen Peak haben. Erklärt warum es erheblich mehr männliche wissenschaftliche Genies gibt als weibliche. Feministische Interpretation: „Wenn Männer und Frauen gleichen IQ haben dann kann das nur Unterdrückung sein“. Dabei kehren sie komplett unter den Teppich, daß es auf der anderen Seite der Kurve viel mehr dümmere Männer gibt.

Es gibt ja sogar die Variante, wo derjenige sowohl der These zustimmt, dass es Frauen und Männer im Schnitt gleich intelligent sind und auch der These, dass es mehr dumme Männer gibt, die These, dass es dann aber auch mehr intelligentere Männer geben muss aber ablehnt.

Anne führte an:

zur Graphik 1:
Bei beiden Kurven wurde die gleiche Standardabweichung benutzt. Das trifft normalerweise so nicht zu.
I.A. streuen die Werte bei Männern stärker als bei Frauen.
In statistischen Themen unbedarfte Leser könnten auf die Idee kommen, dass alle Werte exakt auf den Kurven liegen. Tatsächlich gibt es auch davon Abweichungen und Ausreißer, die sich jedoch für große Anzahlen wieder herausmitteln.

Die Darstellung mit den beiden diskreten Werten könnte missverständlich wirken.
Wenn man die Standardabweichung gegen 0 gehen lässt, werden die „Glocken“ immer schmaler, aber gleichzeitig höher, da die Fläche unter der Kurve normiert ist und gleich bleiben muss. Man erhält schließlich Dirac-Delta-Peaks.

Selbst wenn die Mittelwerte μ gleich sind, so folgt bereits aus unterschiedlichen Standardabweichungen σ dass die Verteilungen weit voneinander abweichen können.
Ich habe das mal quick’n’dirty (evtuelle Unstimmigkeiten bitte ich zu entschuldigen) dargestellt im Bereich von ±3σ um den Mittelwert. Dabei unterscheiden sich die Standardabweichungen um ca. 20% voneinander.

Das ist in der Tat richtig, nicht alles sind vollkommen gleichartige Normalverteilungen, die nur verschobene Mittelwerte haben, es können auch sonst Unterschiede in der „Breite“ oder in anderen Bereichen auftreten.

Pingpong ergänzte:

Zum Thema: Bei der Gaussverteilung hängt der Maximalwert der Kurve auch von der Standardabweichung ab. Man sieht das oben in der Grafik von Anne, die Kurven haben den gleichen Mittelwert, aber die Kurve mit der größeren Standardabweichung ist kleiner. D.h. man kann keine zwei Gaussverteilungen erzeugen, die unterschiedliche Standardabweichungen aber trotzdem den gleichen Maximalwert haben – dazu muss man mindestens einmal den Maßstab anpassen.
Dass die Verteilungen von Merkmalen (z.b. Intelligenz, Mut, Risikobereitschaft, Affinität zu MINT etc) immer einer Gaussverteilung entspricht ist allerdings nicht von vornherein klar. Es könnte z.b. sein dass die Verteilung von Frauen annähernd eine Gaussverteilung ist, die von Männern aber schwerere Ränder (engl: heavy-tail distribution) hat. Damit kann man durchaus zwei Kurven bekommen, welche den gleichen Maximalwert haben, sich aber eben an den Rändern deutlich unterscheiden.

Also insoweit noch weitere Ausgestaltungen, die zu erheblichen Unterschieden führen können und die Differenzierung zwischen „Standardabweichung“ und „Mittelwert“. Ich führe ja häufig an, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht absolut sind, sondern häufig Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern aber abweichenden Mittelwert. Sollte ich dann wohl um die evtl Standardabweichung ergänzen.

Kibo schrieb:

Genauso ist es und nach meiner Meinung ist die unterschiedliche Standardabweichung die bessere Erklärung für einige (statistische) Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ich gehe sogar davon aus, dass vielen, die sich mit Statisktik gut auskennen, dieser Effekt nicht wirklich bewusst ist. Im Qualitätsmanagement (z.B. Six Sigma) möchte man im Allgemeinen möglichst geringe Streuungen haben, was dazu führt, dass eine kleine Standardabweichung besser ist als eine größere. D.h. die Gaußkurve sollte möglichst schmal sein. Bei Betrachtung des Geschlechterverhältnis ist es aber häufig anders. Die geringere Standardabweichung bei den Frauen führt zum geringeren Anteil an wichtigen Positionen.

Ich habe hier ein Beispiel konstruiert, wo die rote Kurve die Verteilung einer Eigenschaft innerhalb der W-Gruppe (z.B. weibliche Personen) zeigt und die blaue Kurve die Verteilung einer Eigenschaft innerhalb der M-Gruppe (z.B. männliche Personen). Auf der X-Achse soll ein größerer Wert besser sein als ein kleiner, d.h. 0 ist richtig schlecht und 100 ist nahezu perfekt. Auf dem ersten Blick sieht es so aus, dass die W-Gruppe (rot) besser als die M-Gruppe (blau) abschneidet. Der Mittelwert der W-Gruppe ist z.B. deutlich besser als die der Mittelwert der M-Gruppe. Wenn man sich aber die Extreme anschaut, dann sieht man den Unterschied. Ich habe jetzt im nächsten Bild die gleichen Kurven nur im Bereich 90 bis 100 dargestellt.

Das bedeutet, dass es deutlich mehr Personen der M-Gruppe gibt, die zu den allerbesten gehören (besser als 90), obwohl die W-Gruppe soviel besser im Mittelwert ist. In der Praxis interessieren die Mittelwerte nicht wirklich. Wer erfolgreich sein will muss besser als der Durschnitt sein. Unternehmen bezahlen für die besten Spezialisten die besten Gehälter, wer nur durschnittliche Eigenschaften der gesuchten Spezialrichtung vorweisen kann, wird möglicherweise nicht mal zum Vorstellungsgespräch eingeladen oder muss sich mit weniger Gehalt zufrieden geben.

Männer sind tatsächlich das diversere Geschlecht, dh. die Streuung ist viel stärker unter Männer als unter Frauen. Das führt dazu, das sie bei den Spitzenjobs viel stärker vertreten sind. Aber das ist halt nur die eine Seite der Medaille. Sie sind halt auch viel stärker unter den Verlierern (z.B. Obdachlose) unserere Gesellschaft vertreten.

Das zeigt noch einmal, dass Unterschiede im Spitzenbereich ganz besonders groß ausfallen können, selbst wenn der sonstige Unterschied nicht so groß ist und das für viele Bereiche gerade dieser Spitzenbereich der wichtigste ist, weil aus diesem besonders wichtige Positionen besetzt werden.

Auch dieser Beitrag kann gerne über weitere Kommentare ergänzt werden, damit da noch mehr Informationen zusammen kommen.