Geschlechterunterschiede im Bereich Neuroticism (Neurotizismus, emotionale Labilität)

In dem Google Manifesto war auch angeführt worden, dass ein Unterschied zwischen den Geschlechtern im Bereich Neurotizismus oder emotionaler Labilität  besteht.

Hier eine Studie dazu:

ABSTRACT. Mean gender differences on Eysenck’s three personality traits of extraversion, neuroticism, and psychoticism were collated for 37 nations. Women obtained higher means than men on neuroticism in all countries, and men obtained higher means than women on psychoticism in 34 countries and on extraversion in 30 countries. The relation between the magnitude of the gender differences and per capita incomes was not significant for any of the three traits.

Quelle:Gender Differences in Extraversion, Neuroticism, and Psychoticism in 37 Nations (Abstract/Volltext (Scihub))

Die Unterschiede zeigen sich also weltweit, aber das Patriarchat ist ja auch überall.

Hier die Werte aus der Studie:

Persönlichkeit Männer Frauen

Persönlichkeit Männer Frauen

Man sieht eine Vielzahl verschiedener Werte, bei denen sich aber mal ein größerer, mal ein kleinerer Abstand zwischen den Geschlechtern zeigt, aber üblicherweise eben ein Abstand zwischen den Geschlechtern besteht.

Aus der Studie:

We examined the relationship between the magnitude of the gender differences on the three personality traits and per capita incomes as indexed by GDP.
We expected that the gender differences might be greater in more traditional, economically developing countries such as Bangladesh, Nigeria, and Uganda, where differences in norms for sex roles are generally greater, than in developed countries like the United States, Germany, and the United Kingdom, with their much greater equality between the sexes. However, the correlations between the magnitude of the gender differences and the national GDP were not statistically
significant for any of the three traits.
The most striking feature of the results is the consistency of women’s higher means on neuroticism and men’s higher means on psychoticism in such a wide range of countries, all at such different stages of economic development. Also, our samples were drawn from all continents except South America. This consistency suggests the possibility that these gender differences may have a genetic basis, as proposed by Maccoby and Jacklin (1974) in reference to to the apparent
universality of the greater aggressiveness of men.

In reicheren Ländern zeigt sich also ebenso ein Unterschied wie in ärmeren Ländern.

Eine andere Studie untersucht das Entstehen:

Although large international studies have found consistent patterns of sex differences in personality traits among adults (i.e., women scoring higher on most facets), less is known about cross-cultural sex differences in adolescent personality and the role of culture and age in shaping them. The present study examines NEO Personality Inventory-3 (NEO-PI-3, McCrae, Costa, & Martin, 2005) informant ratings of adolescents from 23 cultures (N = 4,850) and investigates culture and age as sources of variability in sex differences of adolescents’ personality. The effect for Neuroticism (with females scoring higher than males) begins to take on its adult form around age 14. Girls score higher on Openness to Experience and Conscientiousness at all ages between 12 and 17 years. A more complex pattern emerges for Extraversion and Agreeableness, although by age 17, sex differences for these traits are highly similar to those observed in adulthood. Cross-sectional data suggest that

(1) with advancing age, sex differences found in adolescents increasingly converge towards adult patterns with respect to both direction and magnitude;

(2) girls display sex-typed personality traits at an earlier age than boys; and

(3) the emergence of sex differences was similar across culture. Practical implications of the present findings are discussed.

Mädchen werden also eher erwachsen, wie es bei einer Spezies mit einer Vergangenheit in starker körperlicher intrasexueller Konkurrenz in einem Geschlecht häufig. Die Entwicklung verläuft in allen Kulturen relativ gleich.

Eine andere Studie findet ich in dem Zusammenhang auch interessant:

Existent research documents an unclear and contradictory pattern between cortisol and personality variables, especially neuroticism. Specifically, no effect, positive correlations and negative correlations have all been reported to exist between cortisol and neuroticism. The current study tested whether males and females have a fundamentally different relationship between HPA activation and neuroticism and if this
might partially account for some of the discrepancy in findings. Saliva samples (n = 183) for cortisol were collected three times across a 90 min period. Neuroticism was measured via the NEO-FFI. For men, neuroticism was positively correlated with cortisol level (r = .29). For women it was negatively correlated.
The negative correlation between neuroticism and cortisol level remained when oral contraceptive use was statistically controlled, and the statistical significance actually increased (partial r = −.20). This suggests a slight suppressor effect, explainable by prior research on correlates of oral contraceptive use.
Overall, these findings may offer some explanation for the discrepant results that have been reported in the existing literature regarding neuroticism and cortisol measures

Bei Frauen würde also ein geringerer Cortisol-Spiegel weniger Neuroticism bedeuten, bei Männern ist es umgekehrt.

Zu  Cortisol:

Cortisol: This stress hormone may also influence us politically, according to recent research by Hibbing and his collaborators. „You can see people’s cortisol levels go up dramatically when you stress them out,“ Hibbing says—for instance, by requiring them to prepare to give a speech that is going to be videotaped. „We are finding there are relationships between cortisol and not voting. Those people who don’t vote are the people who tend to have fairly high cortisol levels. Because politics is pretty stressful.“

Wenn ich das richtig verstehe, dann sind damit gestresste Frauen neurozentrischer und gestresste Männer weniger neurozentrisch.

Selbermach Samstag 250 (12.08.2017)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen.

Feministische Pornos verstehen weibliche Lust nicht

Ein interessanter Beitrag behandelt feministische Pornos:

Der ganzen Diskussion um feministische Pornos liegt ein Missverständnis zugrunde. Wir alle wissen, dass Männer stärker über visuelle Reize funktionieren und Frauen eher auf erotische Geschichten reagieren. Das bestätigen psychologische wie neurologische Studien. Aber heisst das, dass nur ein Pornofilm mit einer Handlung ein guter Porno ist? Natürlich wird Pornografie vornehmlich für Männer gemacht, und manches ist für Frauen schwer erträglich. Aber es sei hier etwas verraten: Auch Männer können nicht mit jedem Angebot etwas anfangen. Und es gibt nicht wenige Frauen, die auch herkömmliche Porno­grafie ziemlich scharf finden.

Wenn feministische Pornografinnen betonen, Frauen brauchten vor allem schöne Kleider und eine tolle Geschichte, um in die Gänge zu kommen, dann tönt das so, als müsse man ihnen die expliziten Szenen fast heimlich andrehen. Als ob sie das nötig hätten. Viele Frauen können mit den verquasten feministischen Pornofilmen einfach nichts anfangen und stehen eher auf Herkömmliches. Denn Frauen und Männer mögen unterschiedlich begehren, aber eines haben sie gemeinsam: Der Lust sind die Erfordernisse des politisch Korrekten egal. Frauen, die schon die Kompatibilität von Feminismus und Stöckelschuhen fragwürdig finden, stossen in Tiefen des weiblichen Begehrens auf noch viel grössere Widersprüche. Kann man im normalen Leben Stärke und Unabhängigkeit propagieren und sich im Bett dennoch gern dominieren, vielleicht sogar schlagen lassen? Wie kann eine Frau die Darstellung einer Vergewaltigung erregend finden, wenn die reale Vorstellung zu den tiefsten Ängsten gehört? Darüber sprechen Frauen ungern, weil sie glauben, es könne etwas nicht stimmen mit ihnen. Sie fürchten, missverstanden zu werden – und das wohl zu Recht.

Der kleine Unterschied

Tatsächlich gibt es aber eine Reihe von einleuchtenden Gründen für diese verwirrenden Empfindungen. Erstens ist die Grenzüberschreitung an sich schon erregend, wie jeder Fremdgeher weiss. Zweitens funktioniert das weibliche Begehren narzisstisch: Wo Männer begehren, wollen Frauen begehrt werden. Und sind Pornostars die Verkörperung dessen, das Objekt besinnungsloser Begierde. Drittens spielt der Kontext für weibliche Lust eine grosse Rolle. Neurologische Untersuchungen zeigen, dass weibliches Begehren auf eine Vielzahl von Reizen reagiert. Während Männer beim Pornokonsum vor allem den weiblichen Körper betrachten, wechselt der weibliche Blick zwischen Gesicht und Körper. Nicht nur demjenigen des Mannes, sondern vor allem auch der Frau. Sie können sich dort mit der Frau identifizieren, ohne sich den realen Risiken einer solchen Begegnung aussetzen zu müssen.

Für eine feministisch orientierte Generation von Frauen mag das vielleicht schwierig zu akzeptieren sein: Aber auch Feministinnen haben zuweilen ganz unfeministische Gelüste. Sie sollten sich deswegen nicht schämen.

Das feministische Vorstellungen von Sex und Lust oder auch nur Begehren von vielen Frauen nicht geteilt werden, war ja schon häufiger Thema in diesem Blog. Interessant finde ich auch die Passage zum narzisstischen Begehren: Es passt nicht zu den Gefahren des Male Gaze

„Die grössere intellektuelle Kraft und das stärkere Erfindungsvermögen beim Manne ist wahrscheinlich eine Folge natürlicher Zuchtwahl“

Nachdem das „Google Manifesto“ eines Harvard-Absolventen, der dann bei Google arbeitete, bereits viel Aufsehen erregte, ist es an der Zeit auf ein ebenfalls sehr skandalträchtiges Manifest zu verweisen, welches bereits für einiges Aufsehen sorgte:

Die stärksten und lebenskräftigsten Männer, – diejenigen, welche am besten ihre Familien verteidigen und für dieselben jagen konnten, welche mit den besten Waffen versehen waren und das grösste Besitztum hatten, wie z. B. eine grössere Zahl von Hunden oder anderen Tieren, – werden beim [348] Aufziehen einer durchschnittlich grösseren Anzahl von Nachkommen mehr Erfolg gehabt haben als die schwächeren, ärmeren und niederen Glieder der nämlichen Stämme. Es lässt sich auch daran nicht zweifeln, dass solche Männer allgemein im Stande gewesen sein werden, sich die anziehenderen Frauen zu wählen. Heutigen Tages erreichen es die Häuptlinge nahezu jeden Stammes auf der Erde, mehr als eine Frau zu erlangen. Bis ganz neuerdings war, wie ich von Mr. Mantell höre, beinahe jedes Mädchen auf Neuseeland, welches hübsch war oder hübsch zu werden versprach, irgend einem Häuptling „tapu“. Bei den Kaffern haben, wie Mr. C. Hamilton anführt,[17] „die Häuptlinge allgemein die Auswahl aus den Frauen in einem Umkreise von vielen Meilen und sind äusserst bedacht darauf, ihre Privilegien fest zu halten oder zu bestätigen“. Wir haben gesehen, dass jede Rasse ihren eigenen Geschmack für Schönheit hat, und wir wissen, dass es für den Menschen natürlich ist, jeden characteristischen Punkt bei seinen domesticirten Thieren, bei seiner Kleidung, seinen Ornamenten und bei seiner persönlichen Erscheinung zu bewundern, sobald sie auch nur ein wenig über den mittleren Maassstab hinaus geführt sind. Wenn nun die verschiedenen vorstehenden Sätze zugegeben werden, und ich kann nicht sehen, dass sie zweifelhaft wären, so würde es ein unerklärlicher Umstand sein, wenn die Auswahl der anziehenderen Frauen durch die kraftvolleren Männer eines jeden Stammes, welche im Mittel eine grössere Zahl von Kindern aufziehen würden, nicht nach dem Verlaufe vieler Generationen in einem gewissen Grade den Character des Stammes modificirt haben würde.

Wenn bei unseren domesticirten Thieren eine fremde Rasse in ein neues Land eingeführt wird, oder wenn eine eingeborene Rasse lange Zeit und sorgfältig entweder zum Nutzen oder zur Zierde beachtet wird, so findet man nach mehreren Generationen, dass sie, sobald nur die Mittel zur Vergleichung existiren, einen grösseren oder geringeren Betrag an Veränderung erlitten hat. Dies ist eine Folge der während einer langen Reihe von Generationen fortgeübten unbewussten Zuchtwahl, d. h. der Erhaltung der am meisten gebilligten Individuen, ohne irgend einen Wunsch oder eine Erwartung eines derartigen Resultates von Seiten des Züchters. Wenn ferner zwei sorgfältige Züchter während vieler Jahre Thiere einer und der nämlichen Familie züchten und [349] sie nicht miteinander oder mit einem gemeinsamen Maasstabe vergleichen, so finden sie nach einer Zeit, dass die Thiere zur Ueberraschung ihrer eigenen Besitzer in einem unbedeutenden Grade verschieden geworden sind.[18] Ein jeder Züchter hat, wie von Nathusius es gut ausdrückt, den Character seines eigenen Geistes, seinen eigenen Geschmack und sein Urtheil seinen Thieren aufgedrückt. Welche Ursache könnte man nun anführen, warum ähnliche Resultate nicht der lange fortgesetzten Auswahl der am meisten bewunderten Frauen durch diejenigen Männer eines jeden Stammes folgen sollten, welche im Stande waren, eine grössere Zahl von Kindern bis zur Reife zu erziehen? Dies würde unbewusste Zuchtwahl sein, denn es würde eine Wirkung hervorgebracht werden unabhängig von irgend einem Wunsche oder einer Erwartung von Seiten der Männer, welche gewisse Frauen anderen vorziehen.

Wir wollen einmal annehmen, dass die Glieder eines Stammes, bei welchem eine gewisse Form der Ehe im Gebrauche war, sich über einen nicht bewohnten Continent verbreiteten; sie werden sich bald in verschiedene Horden theilen, welche durch verschiedene Grenzen und noch wirksamer durch die unaufhörlich zwischen allen barbarischen Nationen eintretenden Kriege von einander getrennt werden. Die Horden werden auf diese Weise unbedeutend verschiedenen Lebensbedingungen und Gewohnheiten ausgesetzt werden und werden früher oder später dazu kommen, in einem geringen Grade von einander abzuweichen. Sobald dies einträte, würde jeder isolirte Stamm für sich selbst einen unbedeutend verschiedenen Maassstab der Schönheit sich bilden,[19] und dann würde unbewusste Zuchtwahl dadurch in Wirksamkeit treten, dass die kraftvolleren und leitenden Glieder der wilden Stämme gewisse Weiber anderen vorzögen. Hierdurch werden die Verschiedenheiten zwischen den Stämmen, die zuerst sehr unbedeutend waren, allmählich und unvermeidlich in einem immer grösseren und bedeutenderen Grade verschärft werden.

[350] Bei Thieren im Naturzustande sind viele Charactere, welche den Männchen eigen sind, wie Grösse, Stärke, specielle Waffen, Muth und Kampfsucht durch das Gesetz des Kampfes erlangt worden. Die halbmenschlichen Urerzeuger des Menschen werden, wie ihre Verwandten, die Quadrumanen, beinahe sicher in dieser Weise modificirt worden sein; und da Wilde noch immer um den Besitz ihrer Frauen kämpfen, so wird ein ähnlicher Process der Auswahl wahrscheinlich in einem grösseren oder geringeren Grade bis auf den heutigen Tag vor sich gegangen sein. Andere den Männchen der niederen Thiere eigene Charactere, wie glänzende Farben und verschiedene Ornamente, sind dadurch erlangt worden, dass die anziehenderen Männchen von den Weibchen vorgezogen worden sind. Es finden sich indessen ausnahmsweise Fälle, in denen die Männchen, statt ihrerseits gewählt worden zu sein, selbst der wählende Theil gewesen sind. Wir erkennen solche Fälle daran, dass die Weibchen in einem höheren Grade verziert worden sind als die Männchen, wobei ihre ornamentalen Charactere ausschliesslich oder hauptsächlich auf ihre weiblichen Nachkommen überliefert worden sind. Ein derartiger Fall ist aus der Ordnung, zu welcher der Mensch gehört, beschrieben worden, nämlich der Rhesus-Affe.

Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat. Die Frauen sind sich überall des Werthes ihrer Schönheit bewusst, und wenn sie die Mittel haben, finden sie ein grösseres Entzücken daran, sich selbst mit allen Arten von Ornamenten zu schmücken, als es die Männer thun. Sie borgen Schmuckfedern männlicher Vögel, mit denen die Natur dieses Geschlecht zierte, um die Weibchen zu bezaubern. Da die Frauen seit langer Zeit ihrer Schönheit wegen gewählt worden sind, so ist es nicht überraschend, dass einige der an ihnen nach einander auftretenden Abänderungen ausschliesslich auf dasselbe Geschlecht überliefert worden sind, dass folglich auch die Frauen ihre Schönheit in einem etwas höheren Grade ihren weiblichen als ihren männlichen Nachkommen überliefert haben und daher, der allgemeinen Meinung nach, schöner geworden sind als die Männer. Die Frauen überliefern indess sicher die meisten ihrer Charactere, mit Einschluss der Schönheit, ihren Nachkommen beiderlei Geschlechts, so dass das beständige Vorziehen der anziehenderen Frauen [351] durch die Männer einer jeden Rasse je nach ihrem Maassstabe von Geschmack dahin geführt haben wird, alle Individuen beider Geschlechter, die zu der Rasse gehören, in einer und derselben Weise zu modificiren.

Was die andere Form geschlechtlicher Zuchtwahl betrifft (welche bei den niederen Thieren bei weitem die häufigste ist), nämlich wo das Weibchen der auswählende Theil ist und nur diejenigen Männchen annimmt, welche sie am meisten anregen oder entzücken, so haben wir Grund zu glauben, dass sie früher auf die Urerzeuger des Menschen gewirkt hat. Der Mann verdankt aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Bart und vielleicht einige andere Charactere der Vererbung von einem alten Urerzeuger, welcher seine Zierathen in dieser Weise erlangte. Es kann aber diese Form von Zuchtwahl gelegentlich auch während späterer Zeiten gewirkt haben; denn bei völlig barbarischen Stämmen sind die Frauen mehr in der Lage, ihre Liebhaber zu wählen, zu verwerfen und zu versuchen, oder später ihre Ehemänner zu wechseln, als sich hätte erwarten lassen. Da dies ein Punkt von einiger Bedeutung ist, will ich die Belege, die ich zu sammeln im Stande gewesen bin, im Detail mittheilen.

Hearne beschreibt, wie eine Frau in einem der Stämme des arctischen America wiederholt ihrem Ehemanne davonlief und sich mit dem geliebten Manne verband; und bei den Charruas von Südamerica ist, wie Azara anführt, die Fähigkeit der Scheidung vollkommen frei. Wenn bei den Abiponen ein Mann ein Weib sich wählt, so handelt er mit den Eltern um den Preis. Aber „es kommt häufig vor, dass das Mädchen durch alles Das, was zwischen den Eltern und dem Bräutigam abgemacht worden ist, einen Strich zieht und hartnäckig auch nur die Erwähnung der Heirath verweigert“. Sie läuft häufig davon, verbirgt sich und verspottet damit den Bräutigam. Capitain Musters, welcher unter den Patagoniern lebte, sagt, dass ihre Ehen immer durch Neigung begründet werden; „wenn die Eltern eine Partie gegen den Willen der Tochter abmachen, so verweigert sie dieselbe und wird niemals gezwungen, nachzugeben“. Im Feuerlande erhält ein junger Mann zuerst die Zustimmung der Eltern dadurch, dass er ihnen irgend einen Dienst erweist, und dann versucht er das Mädchen fortzuführen; „will sie aber nicht, so verbirgt sie sich in den Wäldern, bis ihr Bewunderer von Herzen ermüdet ist, nach ihr zu lugen, und die Verfolgung aufgibt; dies kommt aber selten vor“. Auf den [352] Fiji-Inseln ergreift der Mann die Frau, welche er sich zum Weibe wünscht, mit factischer oder vorgegebener Gewalt; aber „wenn sie die Heimstätte ihres Entführers erreicht, so läuft sie, wenn sie die Verbindung nicht billigen sollte, zu irgend einem, der sie schützen kann. Ist sie indessen zufriedengestellt, so ist die Sache sofort abgemacht“. Bei den Kalmucken besteht ein regelmässiger Wettlauf zwischen der Braut und dem Bräutigam, wobei die erstere einen gehörigen Vorsprung hat; und Clarke „erhielt die Versicherung, es käme kein Fall vor, dass ein Mädchen gefangen würde, wenn sie nicht für den Verfolger etwas eingenommen wäre“. So besteht auch bei den wilden Stämmen des malayischen Archipels ein ähnlicher Wettlauf, und nach Mr. Bourien’s Beschreibung scheint es, wie Sir J. Lubbock bemerkt, dass „der Preis des Wettlaufs nicht für den schnellsten und der des Kampfes nicht für den stärksten, sondern für den jungen Mann bestimmt ist, welcher das Glück hatte, der bestimmten Braut zu gefallen“. Ein ähnlicher Gebrauch, mit gleichem Ausgang, herrscht auch bei den Koraks des nordöstlichen Asiens.

Wenden wir uns zu Africa. Die Kaffern kaufen ihre Frauen, und Mädchen werden von ihren Vätern heftig geschlagen, wenn sie einen auserwählten Ehegatten nicht annehmen wollen; doch geht es aus vielen von Mr. Shooter mitgetheilten Thatsachen offenbar hervor, dass sie ziemliche Freiheit der Wahl haben. So hat man erfahren, dass sehr hässliche, wenngleich reiche Männer es nicht erlangt haben, Frauen zu bekommen. Ehe die Mädchen ihre Einstimmung zur Verlobung aussprechen, veranlassen sie den Mann, sich gehörig zu präsentiren, zuerst von vorn und dann von hinten, und „seine Gangart zu zeigen“. Es ist bekannt geworden, dass sie sich einem Manne versprochen haben und doch nicht selten mit einem begünstigten Liebhaber davon gelaufen sind. So sagt auch Mr. Leslie, welcher die Kaffern sehr genau kannte: „es ist ein Irrthum, sich vorzustellen, dass ein Vater seine Tochter in derselben Weise und mit derselben Machtvollkommenheit verkaufe, mit welcher er über eine Kuh disponirt“. Bei den so niedrig stehenden Buschmänninnen von Südafrica „muss der Liebhaber, wenn ein Mädchen zur Mannbarkeit herangewachsen ist, ohne verlobt zu sein, was indessen nicht häufig vorkommt, seine Zustimmung ebensowohl wie die der Eltern erlangen“.[20][353] Mr. Winwood Reade stellte meinetwegen Nachforschungen in Bezug auf die Neger von West-Africa an, und theilt mir nun mit, dass „die Frauen wenigstens unter den intelligenteren heidnischen Stämmen keine Schwierigkeiten haben, diejenigen Männer zu bekommen, welche sie wünschen, obschon es für unweiblich angesehen wird, einen Mann aufzufordern, sie zu heirathen. Sie sind vollständig fähig, sich zu verlieben, und sind auch zarter, leidenschaftlicher und treuer Anhänglichkeit fähig“. Noch weitere Beispiele könnten angeführt werden.

Wir sehen hieraus, dass bei Wilden die Frauen in keinem so vollständig unterwürfigen Zustande in Bezug auf das Heirathen sich finden, als häufig vermuthet worden ist. Sie können die Männer, welche sie vorziehen, verführen und können zuweilen diejenigen, welche sie nicht leiden mögen, entweder vor oder nach der Heirath verwerfen. Eine Vorliebe seitens der Frauen, welche in irgend einer Richtung stetig wirkt, wird schliesslich den Character des Stammes afficiren, denn die Weiber werden allgemein nicht bloss die hübscheren Männer je nach ihrem Maassstabe von Geschmack, sondern diejenigen wählen, welche zu derselben Zeit am besten im Stande sind, sie zu vertheidigen und zu unterhalten. Derartige gut begabte Paare werden im Allgemeinen eine grössere Anzahl von Nachkommen aufziehen als die weniger begünstigten. Dasselbe Resultat wird offenbar in einer noch schärfer ausgesprochenen Weise eintreten, wenn auf beiden Seiten eine Auswahl stattfindet, d. h. wenn die anziehenderen und zu derselben Zeit auch kraftvolleren Männer die anziehenderen Weiber vorziehen und umgekehrt auch wieder von diesen vorgezogen werden. Und diese doppelte Form von Auswahl scheint factisch bei der Menschheit, besonders während der früheren Perioden unserer langen Geschichte, eingetreten zu sein.

(…)

Wir können schliessen, dass die bedeutendere Grösse, Kraft, der grössere Muth und die stärkere Kampflust und Energie des Mannes im Vergleiche mit der Frau während der Urzeiten erlangt und später hauptsächlich durch die Kämpfe rivalisirender [361] Männchen um den Besitz der Weibchen vergrössert worden sind. Die grössere intellectuelle Kraft und das stärkere Erfindungsvermögen beim Manne ist wahrscheinlich eine Folge natürlicher Zuchtwahl in Verbindung mit den vererbten Wirkungen der Gewohnheit; denn die fähigsten Männer werden beim Vertheidigen und bei dem Sorgen für sich selbst, für ihre Weiber und ihre Nachkommen den besten Erfolg gehabt haben. Soweit es die äusserst verwickelte Natur des Gegenstandes uns gestattet zu urtheilen, scheint es, als hätten unsere männlichen affenähnlichen Urerzeuger ihre Bärte als Zierathen erlangt, um das andere Geschlecht zu bezaubern oder zu reizen, und sie dann nur ihren männlichen Nachkommen überliefert. Die Weibchen wurden allem Anscheine nach zuerst in gleicher Weise zur geschlechtlichen Zierde der Haardecke entkleidet; sie überlieferten aber diesen Character beinahe gleichmässig beiden Geschlechtern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Weibchen auch in anderen Beziehungen zu demselben Zwecke und durch dieselben Mittel modificirt wurden, so dass die Frauen angenehmere Stimmen erhalten haben und schöner geworden sind als die Männer.

Aus Darwin, Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl II/Zwanzigstes Capitel

Normalverteilungen, Unterschiede im Schnitt und das fehlende Verständnis dafür

Inzwischen wurde der Ersteller des Manifestos von Google gefeuert. Aber es gibt auch immerhin eine vollständige Version seines Manifests, hier auch in deutscher Übersetzung, in der diesmal die Grafiken enthalten sind. Sie ist hier abgebildet:

Ich finde es unglaublich, dass eine solche Grafik, die ganz deutlich macht, dass er nicht von absoluten Unterschieden ausgeht, herausgenommen worden ist. Natürlich: Mit dieser Grafik wäre ein Entstellen seiner Meinung noch schwieriger gewesen. Viel Text wird vielleicht nicht gelesen, aber eine solche Grafik fällt sofort ins Auge.

Es ist erschreckend, wie verzerrt die Darstellung in den Medien ist. Die meisten der Journalisten scheinen nur Artikel über das Manifest gelesen zu haben. Sie lesen noch nicht einmal eine leicht zugängliche Primärquelle oder recherchieren etwas, warum jemand so etwas schreiben könnte und ob das in der Wissenschaft vertreten wird.

Sehr gut macht das der direkte Vergleich eines Textes über den Text mit dem Text selbst deutlich:

Auch die Süddeutsche führt an, dass er Frauen Fähigkeiten abspricht, während im Orignaltext eine Grafik verlinkt war, die das genaue Gegenteil deutlich macht: Er meint, dass sowohl bestimmte Männer als auch bestimmte Frauen geringere Fähigkeitsausprägungen in bestimmten Bereichen haben, aber etwas mehr Frauen als Männer, während durchaus viele Männer und Frauen hinreichend hohe Fähigkeitsausprägungen in dem Bereich haben, aber eben mehr Männer, da er eben von Normalverteilungen ausgeht, die sich teilweise überlappen, aber verschobene Mittelwerte haben.

Was einen auch zu dem alten Problem bringt, dass „im Schnitt“ anscheinend etwas ist, was sehr schwer zugänglich ist.

Ich hatte schon Artikel dazu:

Wenn den Leuten klar werden würde, was in diesem Sinne „im Schnitt“ bedeutet, insbesondere bei einer Normalverteilung, dann wäre viel gewonnen.

Der Doktorant tweetet dazu

Es ist interessant, dass uns dieses Denken so schwer fällt. Unser Gehirn scheint eher darauf ausgerichtet zu sein, generelle Eigenschaften abzuspeichern und persönliche konkreten Personen zuzuordnen als sich eine solche Verteilung vorzustellen.