Anzeichen dafür, dass man mit dieser Person besser keine Beziehung führen sollte

Bei 9gag war ein kurzer Post zu der Frage, bei welchen Hinweisen zu einer Person Leute gedachte haben, dass es erklärt, dass sie Single sind.

Darunter waren einige interessante Beispiele, von der Frau, die erwartet, dass man auf jede Nachricht sofort antwortet, auch um 5 Uhr nachts, bis zu Leuten, die gestehen, dass sie fremdgegangen sind oder Leuten, die bereits nach kurzer Zeit erwarten, dass man etwa ein gemeinsames Konto einrichtet oder das man sich für sie ändert.

Ich finde den Beitrag nicht mehr aber es ist ja ein interessantes Thema:

Was wären eure Signale, die eher gegen die Beziehungstauglichkeit dieser Person sprechen?

Falschbeschuldigungen: Häufigkeit und Strafen

Über Arne bin ich auf diesen Artikel bei Focus gestoßen, der sich mit Falschbeschuldigungen bei Sexualdelikten beschäftigt:

Das Institut für Rechtsmedizin in Essen hat rund 100 Ermittlungsverfahren zu Sexualdelikten ausgewertet. Eines der überraschendsten Ergebnisse: In 12 Prozent der untersuchten Fälle hatten die „Opfer“ eine Sexualstraftat nur vorgetäuscht.

Eine Studie des Instituts für Rechtsmedizin in Essen hat in einem größeren Rahmen untersucht, wie deutsche Gerichte Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ahnden und welche Rolle Rechtsmediziner bei der Aufklärung dieser Delikte spielen.

Eines der brisantesten Ergebnisse: In elf der 93 untersuchten Fälle (12 Prozent) stellte sich heraus, dass die bei der Polizei angezeigten Sexualstraftaten nur vorgetäuscht waren.

Studienautor Kurt Trübner sagte zu FOCUS Online: „Das bestätigt unsere Erfahrungen, wonach sich in 10 bis 15 Prozent solcher Delikte die angeblichen Opfer ihre Verletzungen selbst zugefügt haben und unschuldige Personen der Tat bezichtigen

Auch hier muss man berücksichtigen, dass es um die Fälle ging, in denen man nachweisen konnte, dass die Sexualstraftaten vorgetäuscht waren. Das lässt eine Dunkelziffer zu, bei denen dies gerade nicht nachgewiesen werden kann, etwa auch weil es keine Verletzungen gibt, die man untersuchen kann.

Es wurden ja anscheinend Fälle ausgewertet, in denen es Gutachten gab. Aber in vielen Fällen werden schlicht der Beschuldigte und die Anzeigenerstatterin angehört bzw als Zeuge vernommen werden und dann entscheidet der Richter, wem er glaubt oder er lässt evtl ein Glaubwürdigkeitsgutachten durchführen.

Für die Essener Studie, die kürzlich auf einer Rechtsmediziner-Tagung im schweizerischen Luzern vorgestellt wurde, werteten die Verfasser sämtliche forensische Gutachten zu Sexualstraftaten aus, die das Essener Institut in den Jahren 2000 bis 2011 erstellt hatte. Unberücksichtigt blieben Fälle, bei denen die Opfer Kinder unter 14 Jahren waren.

Insgesamt lagen den Rechtsmedizinern 125 Ermittlungsverfahren zur Auswertung vor. In 93 Fällen (74 Prozent) gelang es den Studienautoren Kurt Trübner und Vivi Reuter, die entsprechenden Polizeiakten bzw. Gerichtsurteile einzusehen. Auf diese Weise konnten sie feststellen, welche juristischen Folgen sich für die Beschuldigten – zu 98 Prozent Männer – ergaben.

Die Auswertung zeigte: Bei den insgesamt 93 Ermittlungsverfahren zu Sexualstraftaten, in denen die Akten vollständig vorlagen, erhob die Staatsanwaltschaft in 60 Fällen Anklage (65 Prozent), wobei drei Fälle kurz danach eingestellt wurden. 33 Verfahren (35 Prozent) hatte die Staatsanwaltschaft bereits zuvor eingestellt, ohne dass es überhaupt zu einer Anklage kam.

Also von 93 Verfahren wird in 33 Fällen keine Anklage erhoben, was beispielsweise auch damit zu erklären wäre, dass der Täter nicht ermittelt werden kann. Es kann auch daran liegen, dass die Beweislage nicht ausreicht oder die Aussage bereits im Vorfeld zu widersprüchlich ist.

Wenn das Verfahren dann in drei Fällen nach direkt wieder eingestellt wird, dann kann das auch verschiedene Ursachen haben: Von einer Versöhnung bei Ehegatten und einem Hinweis darauf, dass man vom Zeugnisverweigerungsrecht gebrauch machen wird bis zu einer Stellungnahme nach Anklageerhebung, aus der sich ergibt, dass es so nicht gewesen sein kann.

Von den insgesamt 36 eingestellten Ermittlungsverfahren wurden elf Verfahren (31 Prozent) eingestellt, weil die angeblichen Opfer eine Sexualstraftat nur vorgetäuscht hatten. In sieben dieser Fälle hatten rechtsmedizinische Gutachten den entsprechenden Beweis erbracht.

Also bei den eingestellten Verfahren war ein ganz erheblicher Anteil eine Falschbeschuldigung.

Von den elf angeblichen Opfern, die eine Sex-Straftat nur vorgetäuscht hatten, wurden lediglich fünf (45 Prozent) strafrechtlich verfolgt, und nur in zwei Fällen (18 Prozent) kam es zu einer Verurteilung wegen Vortäuschens einer Straftat. In einem Fall sprach das Gericht eine Geldstrafe aus, in dem anderen Fall verhängte es eine Arbeitsauflage.

Feministen behaupten gerne eine Rape Culture, weil angeblich Vergewaltigungen nicht bestraft werden und damit der Staat die Vergewaltiger schützt. Die Anzahl der Verurteilungen und die Strafen zeigen, dass es andersrum eher ein deutlicheres Bild sit.

Zu den 57 angeklagten Sexualstraftaten, bei denen es zu Strafprozessen kam, lagen den Studienautoren insgesamt 53 Gerichtsurteile vor (in vier Fällen standen die Urteile zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch aus). Auch hier sind die Ergebnisse aufschlussreich.

Von den 53 Angeklagten wurden zehn freigesprochen (rund 19 Prozent), elf kamen mit Bewährung davon (rund 21 Prozent), einer wurde zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt.

Immerhin 31 Angeklagte (rund 59 Prozent) wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Haftdauer betrug in der Regel zwei bis fünf Jahre, die Maximalstrafe lag bei 13 Jahren und sechs Monaten. In drei Fällen wurden die Täter außerdem zu anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Auch das passt nicht ganz zu dem feministischen Mythos, dass eine Anzeige nicht zu einer Verurteilung führt und nicht mit erheblichen Strafen versehen ist.

Das Durchschnittsalter der bei der Studie untersuchten Opfer betrug 27,7 Jahre, das der Beschuldigten 33,5 Jahre. Täter und Opfer kannten sich in 68 Prozent der Fälle, in 27 Prozent handelte es sich um einen ehemaligen Intimpartner, in vier Prozent um Arbeitskollegen. Elf Prozent hatten sich am Tattag neu kennengelernt.

Also auch nicht der alte Mann, sondern eher der junge Mann. Und in vielen Fällen ein Partner oder zumindest ein vorheriger Kontakt.

vgl. auch:

BMFSFJ: „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschand“

Das BMFSFJ hat ein  Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschand“ herausgebracht.

Der Kurztext lautet:

Partnerschaftliche Gleichstellungspolitik nimmt Frauen und Männer gleichermaßen in den Fokus und unterstützt dort, wo Benachteiligungen vorhanden sind. Das Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland“ beschreibt wie Jungen und Männer als Adressaten und Nutznießer dieser Gleichstellungspolitik bereits heute erreicht und mobilisiert werden. Darüber hinaus gibt es einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand und Entwicklungen in dem Themenfeld. Darin werden auch gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen veranschaulicht sowie neue Perspektiven und Horizonte eröffnet – für eine moderne Gesellschaft, in der Partnerschaftlichkeit aktiv gelebt wird.

Der Langtext ist hier herunterzuladen. Er ist insgesamt interessant, ich greife ein paar Aussagen ohne Anspruch auf Vollständigkeit heraus:

Aus der Einleitung auf S. 6:

Gleichstellungspolitischer Fortschritt braucht das Engagement von Jungen und Männern. Deshalb verfolgt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (im Folgenden auch Bundesgleichstellungsministerium oder BMFSFJ) eine partnerschaftliche Gleichstellungspolitik, die Jungen und Männer mit einer eigenen Umsetzungsstrategie direkt einbezieht. Sie ist Inhalt des vorliegenden Dossiers, das Jungen und Männer dabei in einer dreifachen Rolle anspricht:

Eine dreifache Rolle, man darf gespannt sein, ob man Männern da zugesteht Forderungen zu haben oder ob es ganz klassisch feministisch zugeht:

1. Als Akteure des Wandels („agents of change“): Denn auch Jungen und Männer haben Gleichstellungsanliegen, wollen jenseits von Geschlechterklischees frei und gut leben, ihre Potenziale und Interessen verwirklichen, Beziehungen auf Augenhöhe führen.

Das wäre ja grundsätzlich immerhin die Mitteilung, das Männer „Gleichstellungsanliegen“ haben. Hat man das bei Frauen jemals so formuliert? Es klingt relativ zurückhaltend.

2. Als Unterstützer und Partner von Gleichstellung und Frauenemanzipation:
Denn auch wenn Jungen und Männer selbst unter Männlichkeitsnormen leiden, bleiben sie strukturell privilegiert. Gleichstellungspolitik muss der
Geschichte Rechnung tragen. Sie muss und darf von Jungen und Männern auch einfordern, dass sie sich mit ihren gewachsenen Privilegien auseinandersetzen und Gleichstellungsanliegen von Frauen solidarisch mit unterstützen.

„Strukturell diskriminiert“, also klassischer dritte Welle Feminismus, und Männer leiden eben nur unter Männlichkeitsnormen, also quasi toxische Männlichkeit etc. Ich denke in diesem Sinne darf man auch Punkt 1 verstehen: Männer haben das Anliegen, dass Männlichkeit besser wird und nicht etwa, dass anderweitige Benachteiligungen für sie abgebaut werden. Sie dürfen klassische „Allys“ sein.

Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, dass man generell für Gleichberechtigung eintritt, im Gegenteil, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man für die Gleichberechtigung (nicht Gleichstellung im Sinne von „equality of outcome“) eintritt. Aber dennoch verstehe ich das klassisch feministisch, sie sollen Frauen unterstützen

3. Als Partner in einer Allianz für Vielfalt und soziale Gerechtigkeit:
Denn Gleichstellung ist nicht erreicht, wenn nur die privilegiertesten Männer und Frauen gleich viel haben und dürfen. Partnerschaftliche Gleichstellungspolitik bezieht Jungen und Männer ein in den Entwicklungsprozess hin zu sozialer Gerechtigkeit und einer equality for all gender.

Also eine klassische intersektionale Betrachtung: Männer sollen auch Unterstützer für Leute sein, die in anderen Kategorien der klassischen intersektionalen Theorien „nicht privilegiert“ sind.

Auf Seite 9 findet sich:

Der Aspekt der Persistenz (Beharrung, Stillstand) bezieht sich auf den Umstand, dass sich die tatsächlichen Lebensverhältnisse sehr viel langsamer wandeln. Einige Beispiele:

  • Die Erwerbsquote von Männern liegt mit 82,4 Prozent nach wie vor höher als die der Frauen (74 Prozent), auch wenn sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verringern. Teilzeitbeschäftigung kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern. Frauen sind überproportional im Dienstleistungsbereich, Männer häufiger in Industrie und Landwirtschaft beschäftigt.3
  • Männer verdienen im Mittel deutlich mehr als Frauen. Der Gender Pay Gap lag 2018 in Deutschland mit 21 Prozent Lohngefälle über dem EU-Schnitt von 16 Prozent.4
    In der Europäischen Union ist dieser Unterschied nur in
    Estland noch größer.
  • Erst rund 40 Prozent aller anspruchsberechtigten Väter gehen in Elternzeit. 80 Prozent von ihnen wählen die kürzestmögliche Bezugsdauer von zwei Monaten (während 92 Prozent der
    Frauen zehn bis zwölf Monate in Elternzeit gehen).5

Generell gilt: Männlichkeit wird – Stichwort: toxische Männlichkeit – zusehends problematisiert. Trotzdem wird „männliches“ Verhalten – zumindest mit Blick auf die Leistungs- und Erwerbsorientierung – weiterhin eingefordert.
Um Wahlfreiheit zu verwirklichen, dürfen sich Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nicht länger an traditionellen Modellen familiärer Aufgabenverteilung ausrichten. Es gilt anzuerkennen, dass die Förderung männlicher eine bisher unterschätzte und zu wenig genutzte Ressource für die Lösung einer Vielzahl drängender Herausforderungen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt ist. Was das Grundgesetz (Art. 3 Abs. 2) und der Vertrag von Lissabon (Art. 3 Bst. 3 Abs. 2)7 fordern, lässt sich auch ganz einfach fassen: als Auftrag, alle Ressourcen und Belastungen, alle bezahlten und unbezahlten Arbeiten fair, also hälftig, zwischen den Geschlechtern zu verteilen.

Also das klassische Bild:

Männer arbeiten häufiger, Frauen verdienen im Mittel weniger, Väter nehmen weniger Elternzeit – das darf nicht sein, das müssen wir ändern!
Ich finde den aus dem Grundgesetz (fälschlicherweise) abgeleiteten  Auftrag eine hälftige Teilung der bezahlten und „unbezahlten“ Arbeiten herzustellen erstaunlich:
Das Grundgesetz sagt immerhin in Art. 2 GG zunächst erst einmal, dass jeder machen kann, was er will („Allgemeine Handlungsfreiheit“) und das der Gesetzgeber einem da nicht reinreden darf, wenn er nicht einen guten Grund hat.

Wie Leute ihr Leben einrichten ist erst einmal deren Sache und der Staat hat sich dort nicht einzumischen. Der Ansatz hat etwas sehr autoritäres/totalitäres.

Der zweite Abschnitt: „Männer, Männlichkeit und Männerpolitik“, als schnelle Einführung gedacht, beginnt auf S. 11 wie folgt:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau (gemacht).“ Dieser berühmte Satz von Simone de Beauvoir gilt gleichermaßen für Jungen und Männer. Auch sie lernen im Lauf ihres Aufwachsens, wie „richtig“ Mann-Sein geht. Weil aus Jungen Männer gemacht werden, reicht es nicht, Jungen „einfach Jungen sein lassen“ zu wollen. Denn es gibt kein „reines“ Junge-Sein, das von Kultur und Gesellschaft unberührt wäre. Junge- und Mann-Sein entwickeln und vollziehen sich immer innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse.

Beauvoir als reine Sozialkonstruktivistin ist heute in der Wissenschaft eigentlich nicht mehr vertretbar: Transsexuelle etwa zeigen, dass man sehr wohl mit einer anderen Gehirnausrichtung geboren werden kann und CAH-Frauen zeigen, dass Sozialisierung nur in Abhängigkeit von pränatalen und postnatalen Hormonen gesehen werden kann und diese weitaus eher einen wesentlichen Teil der Geschlechterunterschiede bewirken.

Im deutschen Sprachraum waren Lothar Böhnisch und Reinhard Winter Pioniere in der Erforschung männlicher Sozialisation. Sie haben vorgeschlagen, den Prozess des Männlich-Werdens als Aneignung von sieben Prinzipien zu fassen:

  • Externalisierung (Männlich ist … sich nicht
    mit der eigenen Innenwelt zu beschäftigen);
  • Gewalt (Männlich ist … sich selbst und andere
    beherrschen zu wollen);
  • Stummheit (Männlich ist … nicht über
    Befinden/Empfindungen zu sprechen);
  • Alleinsein (Männlich ist … ohne Unterstützung
    auszukommen);
  • Körperferne (Männlich ist … den eigenen
    Körper zu vernachlässigen, Körpersignale
    auszublenden und den Körper als Werkzeug
    zu „gebrauchen“);
  • Rationalität (Männlich ist … Gefühle
    abzuwehren und abzuwerten);
  • Kontrolle (Männlich ist … alle und alles
    im Griff haben wollen).

Das ist aus meiner Sicht zum einen eben nicht nur eine Frage der Sozialisation, sondern eben auch der Biologie, aber im Ganzen auch sehr negativ fomuliert. Ich versuche es – ohne wirklich Wissen ob die Negativität hier von Böhnisch und Winter kommen oder aus dem Dossier mal mit einer positiven Umdeutung:

  • Externalisierung : Männlich ist es praktische Lösungen zu finden und etwas zu schaffen statt sich nur damit zu beschäftigen, was bestimmte Situationen für Gefühle auslösen.
  • Gewalt: Das ersetze ich mal durch „Männer treten gerne in Wettbewerb miteinander und errichten – auch um Konflikte abzufangen-  gerne Hierarchien. Sie arbeiten aber ebenso gerne zusammen, um kooperative Gewinne zu erzielen.  Status und Ressourcen aufzubauen bedeutet nicht, dass man andere beherrschen möchte.
  • Stummheit (Männlich ist … nicht über Befinden/Empfindungen zu sprechen): Ich würde sagen: Männer sind lieber aktiv, wenn sie es sein können und sehen weniger Nutzen darin sich über Empfindungen auszutauschen, die wenig an der Situation ändern.
  • Alleinsein (Männlich ist … ohne Unterstützung
    auszukommen); „Männer sind hochgradig teamfähig, versuchen aber auch an Herausforderungen zu wachsen und Probleme selbst zu lösen und so ihre Fähigkeiten zu erweitern“.
  •  Körperferne (Männlich ist … den eigenen Körper zu vernachlässigen, Körpersignale auszublenden und den Körper als Werkzeug
    zu „gebrauchen“);
    Was für eine absolute Aussage und was für eine Zuweisung an Männlichkeit an sich. Natürlich achten Männer auch auf ihren Körper, aber natürlich ist er auch ein Werkzeug und man kann Körpersignale auch einschätzen und meinen, dass es nicht so dramatisch ist und man dennoch bestimmte Sachen weiter machen kann. Das mag mitunter falsch sein, ist aber eben auch häufig richtig.
  • Rationalität (Männlich ist … Gefühle abzuwehren und abzuwerten);
    Auch hier: Wie kann man Rationalität, ein sehr hohes Gut, nur abwertend beschreiben? Rationalität ist etwas wunderbares und eben auch positiv als Gegenstück zur Hysterie oder zur übertriebenen Ängstlichkeit, Weinerlichkeit etc darstellbar.
  • Kontrolle (Männlich ist … alle und alles im Griff haben wollen).
    Auch hier: Kontrolle klingt da sehr negativ: Natürlich ist es etwas Gutes, wenn man sein Leben, seine Arbeit etc im Griff hat. Der Wunsch, dass man Kontrolle über wichtige Aspekte hat ist nichts schlechtes, es bedeutet auch die Übernahme von Verantwortung, das Bekenntnis dazu, dass es eben nicht nur äußerliche Faktoren sind, sondern man auch selbst etwas machen muss. Aber natürlich gibt es auch wahnsinnig kontrollierende Frauen. Etwa solche, bei denen der Partner sich für alles abmelden und um Erlaubnis fragen muss oder eben Feministinnen, die das Leben aller daraufhin kontrollieren wollen, dass sie es „woke“ genug einrichten

Und auf S. 11:

Die fachliche Auseinandersetzung ist seither vorangeschritten. Gefragt wurde, wie männliche Sozialisation entwicklungsfreundlicher und ressourcenreicher beschrieben werden kann. Gefragt wurde auch, wie es kommt, dass die allermeisten Männer doch eigentlich prima Kerle sind, obwohl sie sich in solch enge Männlichkeitskorsette zwängen. 

Die allermeisten sind eigentlich „prima Kerle“? Schwingt in dieser Beschreibung nicht selbst etwas Rollendruck mit, denn ein Kerl hat ja auch etwas von „hart“ und „stark“ und was nicht alles so zu  überkommendes Rollenbild ist.

Aus Seite 12:

Als gesichert darf gelten:

  • Männliche Sozialisation gibt es. Junge- und Mann-Sein wird erlernt. Die eingeforderten Lernschritte hängen dabei immer auch mit Machtstrukturen und Herrschaftsinteressen zusammen.
  • Männlichkeitsanforderungen gibt es. Wir alle, Männer wie Frauen, teilen gesellschaftliches Orientierungswissen, was „männlich“ ist. Diese gesellschaftlichen Überzeugungen fühlen sich naturgegebener an als sie sind.
  • Männlichkeitsanforderungen schaffen Normen und Hierarchien. „Ausgeprägtes Wettbewerbsverhalten“ ist unter Jungen typisch. Es nährt die eigentlich seltsame und doch äußerst wirkmächtige Annahme von Männern, dass es eine Art Männlichkeitsrangfolge gibt, in der es möglichst weit oben zu stehen und verächtlich auf die unten herabzublicken gilt. (Oder wenn das chancenlos ist: Bei der es sich mit denen weit oben möglichst gut zu stellen gilt.)
  • Männer wollen Männlichkeitsanforderungen genügen – und müssen letztlich daran scheitern. Denn die Anforderungen sind zu hoch  und zu widersprüchlich, um sie erfüllen zu können. Mann-Sein ist deshalb immer auch ein Umgang mit dem Gefühl, nicht ganz zu genügen.
  • Männliche Sozialisation uniformiert und begrenzt damit Entwicklung und Vielfalt. Denn die meisten Männer wollen das Risiko nicht eingehen, „unmännlich“ zu erscheinen. Lieber
    legen sie den Autopiloten ein und funktionieren, wie von ihnen erwartet wird. Viele verlieren die Verbindung zu sich selbst. Deshalb fällt es beispielsweise vielen Männern schwer, Gefühle zu benennen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Männliche Sozialisation „rechtfertigt“ gesellschaftliche Ungleichheiten und Geschlechterhierarchien, denn sie vermittelt Männern die Illusion, den Mittelpunkt der Welt darzustellen, Anspruch auf Privilegien zu haben, bestimmen
    zu dürfen. Das verursacht viel Leid und Wut – und führt bis heute zu unhaltbaren Ungerechtigkeiten.

Diese Feststellungen gelten insbesondere für jene
Männer, die der statistischen Norm des heterosexuellen, weißen Cis-Mannes (vergleiche Beschreibung im folgenden Kasten) entsprechen.

Das viele Männer das weitaus lockerer sehen und nicht jeder Mann an zu harten Männlichkeitsanforderungen scheitert, sondern die meisten Männer gerne Männer sind kommt darin nicht vor. Und der Gedanke, dass jede Hierarchie, auch Leistungshierarchie, schlecht ist, den finde ich auch erstaunlich, ebenso das gar nicht gesehen wird, dass man nicht zwangsläufig auf die „unten“ herabblicken muss, sondern, dass diese häufig andere Fähigkeiten in anderen Hierarchien haben, die ihnen einen bestimmten Platz sichern und auch Kooperation möglich machen. Der Sportler mag schneller laufen können, deswegen muss er den „Bücherwurm“ oder den „Computerspezialisten“ nicht ablehnen oder verächtlich auf ihn herabschauen.

Und wo vermittelt männliche Sozialisation noch den Gedanken, der Mittelpunkt der Welt zu sein?
Weit eher findet in vielen Fällen eine Überhöhung der Frauen statt.

S. 14:

„Männer sind im Aufbruch und in Bewegung“, stellt das BMFSFJ bereits 2007 fest. „Sie reagieren damit aber nicht nur auf Forderungen der Frauenbewegung, sondern fordern eine eigenständige und gleich starke Gleichstellungspolitik für Männer, damit die Belange, Bedarfe und auch Benachteiligungen von Männern in der Gesellschaft in den Blick geraten.“14 Dieser Befund bestätigt sich 2015: 60 Prozent der Männer stimmen der Aussage zu, Gleichstellungspolitik befasse sich „noch nicht ausreichend mit den Bedürfnissen und Anliegen von Männern“15, wobei jüngere Männer dieser Aussage überproportional zustimmen. 65 Prozent aller Männer befürworten die Aussage, „Gleichstellungspolitik ist nur ein anderer Name für Frauenförderung“

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Botschaft, die damit verbunden ist, bei dem Ministerium angekommen ist. Für sie ist es anscheinend der Ruf der Männer von ihrer Männlichkeit befreit zu werden. Ich bezweifele, dass das die meisten Männer meinten.

Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer sieht sich einer grundsätzlichen Herausforderung gegenüber: Mit Blick auf die Geschichte sind Männer das privilegierte Geschlecht, das sich einen unverhältnismäßig großen Anteil an Rechten, Macht und Ressourcen sicherte. Lassen wir aber die Geschichte in den Hintergrund rücken und konzentrieren wir uns auf eine Momentaufnahme heute, so sehen wir Männer als herausgefordertes Geschlecht, dessen frühere Vormachtstellung zunehmend (und zu Recht) hinterfragt wird. (…) Gleichstellungspolitik spricht Jungen und Männer in diesem Übergang differenziert an: Ja, Jungen und Männer sind bis heute immer noch privilegiert, weil sie von ungerechten Geschlechterverhältnissen profitieren – und beispielsweise mehr Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Sie sind gleichzeitig aber auch Betroffene, weil sie selbst unter Männlichkeitsnormen und ungerechten Geschlechterverhältnissen leiden – und beispielsweise infolge Lohnungleichheit „vernünftigerweise“ die Ernährerrolle übernehmen, selbst wenn sie diese gar nicht wollen.

Also ganz klassisch:

  • Männer sind privilegiert
  • Sie leiden unter Männlichkeitsnormen, die ihnen bestimmte Wege versperren, also muss Männlichkeit sich ändern

Und das Fazit auf S. 14 was nun daraus für Geschlechterpolitk folgt:

  • Jungen und Männer sind Akteure des Wandels („agents of change“) – weil auch Jungen und Männer Gleichstellungsanliegen haben, frei und gut leben, sich selbst verwirklichen, Beziehungen auf Augenhöhe führen, ihren Sehnsüchten folgen, lieben wollen. Deshalb bleibt Gleichstellungspolitik nicht beim Gerechtigkeitsappell stehen, sondern fragt Jungen und Männer nach ihren eigenen Horizonten in einer geschlechtergerechten Gesellschaft – und unterstützt sie auf ihrem Weg
  • Jungen und Männer sind Unterstützer von Gleichstellung und Frauenemanzipation – weil sie Verantwortung für ihre „patriarchale Dividende“ (keine Erbschuld!) tragen müssen.
    Deshalb erachtet es partnerschaftliche Gleichstellungspolitik als notwendig und zumutbar, dass Jungen und Männer Frauenemanzipation unterstützen, zurückstehen, Verzicht leisten, auch „einfach mal die Klappe halten“.

In einem Ministeriumsdossier wird erst eine „patriarchale Dividende“ dargestellt und man geht sogar auf Kritik ein, indem man dahinter schreibt, dass diese Erbschuld eben keine Erbschuld ist und damit muss es ja auch wirklich gut sein.

Dann wird Männern gesagt, dass sie doch einfach mal Verzicht leisten sollen und auch einfach mal die Klappe halten sollen.

Also eine Umfrage unter den Wählern ermittelt: Männeranliegen kommen zu kurz und alles ist eh nur noch Frauenförderung.

Und die Politik antwortet den Männern, dass sie gefälligst mal die Klappe halten sollen.

S. 16:

  • 79 Prozent aller Männer sagen, dass Gleichstellung wichtig sei für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei den unter 50-Jährigen ist die Zustimmung noch höher.
  • Nur 16 Prozent der Männer glauben, dass Gleichstellung in Deutschland realisiert sei., 84 Prozent sehen weitere Entwicklungsnotwendigkeiten.
  • Für 80 Prozent der Männer ist nicht mehr die Frage, ob es Gleichstellungspolitik braucht, sondern nur noch, wie diese gestaltet sein soll.
    Auch hier sind Männer progressiv: Eine Mehrheit fordert eine aktive und offensive Gleichstellungspolitik mit dem Ziel der sozialen, moralischen und ökonomischen Gerechtigkeit
    zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft.
  • Eine große Mehrheit der Männer in Deutschland sieht auch ganz persönlich einen Gewinn: weil Gleichstellung in einer Partnerschaft wirtschaftlich vernünftig sei (86 Prozent), der Partnerschaft guttue (82 Prozent), mehr Gerechtigkeit bringe (83 Prozent) und Vorteile für beide Geschlechter habe (81 Prozent). Nur eine kleine Minderheit von zehn Prozent der
    Männer in Deutschland findet, der Mann sollte Alleinernährer bleiben. 82 Prozent sagen demgegenüber, auch nach Familiengründung sollten Männer und Frauen beide erwerbstätig sein (elf Prozent mehr als noch 2007).

Die Zahlen sollen hier her kommen. ich hatte das dortige Dossier einmal zitiert, weil dort auch vorkommt, dass der harte Kern des Maskulismus aus 400.000 Männern und 40.000 Frauen besteht

Aber ich denke die obigen Zahlen werden hier falsch verstanden: Natürlich wollen die meisten Männer heute, dass die Frau auch Geld verdient und sie die Last nicht alleine tragen müssen. Das ist nur rational, bedeutet aber nicht Zustimmung dazu, dass man „Männlichkeit“ hinterfragen muss oder das sie sich in ihrer Männlichkeit eingesperrt fühlen. Sie können gerne Männer sein aber dennoch wollen, dass Frauen mehr arbeiten. In dem Dossier ist auch erwähnt, dass Kinder der große „Retraditionalisier“ ist. Und in der Tat dürfte es eben so sein, dass die meisten wollen, dass die Frau vor Kindern natürlich erwerbstätig ist, dann werden die meisten mit den Frauen übereinstimmen, dass diese wegen der Kinder kurzzeitig aussetzt und dann in Teilzeit arbeitet und statt ihre „Männlichkeit“ als Problem zu internalisieren werden sie eher Interesse an bezahlbarer und verfügbarer Kinderbetreuung haben, also wieder mal externe Problemösung angehen wollen.

Dann wird thematisiert inwieweit es Unterschiede in der Bildung gibt und tatsächlich wird dargestellt, dass Mädchen dort in jüngerer Zeit besser abschneiden. Es heißt dann:

Es stellt sich die unbequeme Frage, ob die statistische Momentaufnahme einen sich beschleunigenden Trend zu Ungunsten des Bildungserfolgs von Jungen verhüllt. Die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie 201837 könnten so gelesen werden. Sie bestätigen ein traditionelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Jungen können besser rechnen, Mädchen besser lesen. Der Abstand beim Rechnen ist aber kleiner und schrumpft schneller als beim Lesen.
Bei differenzierter Betrachtung unterstützen die Daten jedoch die Einschätzung aus Bildungsforschung und Praxis der Jungenarbeit, wonach Jungen keineswegs pauschal „Bildungsverlierer“ sind. Sehr wohl gibt es aber bestimmte Gruppen von Jungen, die gegenüber gleichaltrigen Mädchen geringere Bildungschancen und -erfolge vorweisen. Es handelt sich dabei um Jungen aus bildungsfernen und benachteiligten Schichten, in denen Jungen mit Migrationshintergrund und/ oder traditionellen Männlichkeitsvorstellungen überrepräsentiert sind.38
Manche Jungen, die über geringere Bildungsressourcen verfügen, erweisen sich als „bildungsresilient“ und kompensieren den Startnachteil zum Beispiel mit höherem Einsatz. Ein Teil von ihnen löst das Spannungsfeld auf, indem schulischer Fleiß und Erfolg als uncool und unmännlich umgedeutet werden. Das stabilisiert das Selbstwertgefühl, stärkt die Identität und teilweise auch das Ansehen in der Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen). Aus offensichtlichen Gründen handelt es sich dabei aber nur um eine kurzfristig „erfolgreiche“ Bewältigungsstrategie. Die von der Europäischen Kommission 2012 herausgegebene Untersuchung The Role of Men in Gender Equality verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es Jungen schwerfällt, Unterstützung zu suchen, wenn sie mit schulischen Leistungsanforderungen Mühe haben, da sie damit in Konflikt mit einem in der männlichen Peergroup vorherrschenden Bild von Männlichkeit geraten. „Vor allem Jungen
aus sozioökonomisch marginalisierten Milieus [orientieren sich] an Männlichkeitsmustern, die durch eine Ablehnung intellektuellen Engagements charakterisiert sind, was in weiterer Folge schulischen Erfolg verhindert.“39 Diesen Zusammenhängen zwischen Bildungserfolg und Männlichkeitskonzepten wird im System Schule noch viel zu wenig Rechnung getragen. Uli Boldt – er ist selbst Lehrer – ist in der grundsätzlichen Feststellung zuzustimmen: „Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Problemen, die Jungen machen und den Problemen, die Jungen haben, diskutiert.“40

Also wieder intersektional gerettet:
Es scheint als wären Jungen Bildungsverlierer, aber hier – nie aber bei „Frauendiskriminerung“ also Bereichen, in denen Frauen schlechter abschneiden, wie etwa dem Gender Pay Gap – schaut man differenzierter auf das Problem und erkennt, dass es kein Problem der Kategorie Mann ist, sondern ein Problem der Kategorie „Herkunft“ und das aber auch dort wieder Männlichkeit das Problem ist.

Intersektional noch sehr angreifbar („Sagen die etwa, dass PoCs selbst schuld sind an ihren Problemen in der Schule?“). Man müsste wohl noch darauf verweisen, dass diese Rollenbilder eigentlich Folge der Kolonialzeit sind und damit Weiße schuld sind oder etwas in der Art.

Aber der Satz: „„Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Problemen, die Jungen machen und den Problemen, die Jungen haben, diskutiert.“ ist erst mal ja nicht schlecht. Man kann ihn in vielen Zusammenhängen nutzen

„Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Lohnunterschieden, die Frauen machen und den Lohnunterschieden, die Frauen haben, diskutiert.“

Ich vermute aber das ist wieder falsch.

Es wird auch noch darauf eingegangen, dass Lehrerinnen eher weiblich sind.

Das Ergebnis: S. 23:

Zusammenfassend ist festzuhalten: „Weder Jungen noch Mädchen sind eine einheitliche Gruppe, eine generelle Bildungsbenachteiligung von Jungen ist nicht gegeben. Die größten Unterschiede finden sich nicht zwischen Jungen und Mädchen, sondern zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund und aus unterschiedlichen sozialen Schichten.

Dann geht es um Berufs- und Studienwahl (S. 26):

Auch bei der Berufswahl beobachten wir diese Gleichzeitigkeit von gemeinsamen und unterschiedlichen Neigungen und Interessen. Abbildung 7 zeigt die Geschlechterverteilung bei Lehrberufen und Studienfächern. Sie veranschaulicht eindrücklich, wie geschlechtstypisch geprägt die Studien- und Berufswahl noch immer ist. Fachlich wird dieser Umstand unter dem Schlagwort der „horizontalen Geschlechtersegregation“ problematisiert.

Weshalb ist das überhaupt ein Problem? Wenn die Natur Männer und Frauen nicht ungleich mit Begabungen und Interessen gesegnet hat – daran lassen die Erkenntnisse der Geschlechterforschung eigentlich keinen Zweifel – ist jede Ungleichverteilung der Geschlechter in einem
Berufs- oder Studiengebiet eine Verschwendung des Talents derjenigen, die sich nur deswegen gegen ein Engagement in diesem Gebiet entscheiden, weil sie dafür das vermeintlich „falsche“ Geschlecht haben.

Die Erkenntnisse der Geschlechterforschung lassen also keinen Zweifel daran, dass die Natur Männer und Frauen nicht ungleich mit Begabungen und Interessen gesegnet hat.

Also vermutlich die Erkenntnisse der Gender-Geschlechterforschung. Denn die übrige Wissenschaft sieht das vollkommen anders:

Siehe etwa:

Differences in men and women’s interest/priorities:
Lippa (1998): http://bit.ly/2vr0PHF
Rong Su (2009): http://bit.ly/2wtlbzU
Lippa (2010): http://bit.ly/2wyfW23
See also Geary (2017) blog: http://bit.ly/2vXqCcF

Life paths of mathematically gifted females and males:
Lubinski (2014): http://bit.ly/2vSjSxb

Sex differences in academic achievement unrelated to political, economic, or social equality:
Stoet (2015): http://bit.ly/1EAfqOt

Big Five trait agreeableness and (lower) income (including for men):
Spurk (2010): http://bit.ly/2vu1x6E
Judge (2012): http://bit.ly/2uxhwQh

The general importance of exposure to sex-linked steroids on fetal and then lifetime development:
Hines (2015) http://bit.ly/2uufOiv

Exposure to prenatal testosterone and interest in things or people (even when the exposure is among females):
Berenbaum (1992): http://bit.ly/2uKxpSQ
Beltz (2011): http://bit.ly/2hPXC1c
Baron-Cohen (2014): http://bit.ly/2vn4KXq
Hines (2016): http://bit.ly/2hPYKSu

Primarily biological basis of personality sex differences:
Lippa (2008): http://bit.ly/2vmtSMs
Ngun (2010): http://bit.ly/2vJ6QSh

Aber gut.

Die Ökonomie nennt dies eine suboptimale Allokation von Bildungsressourcen. Wenn 73 Prozent der 14–17-jährigen Jungen sagen, „ich bin für die konsequente Gleichstellung von Frauen und Männern – beruflich und privat“, darf dies auch als Hinweis gelesen werden, dass es den Wünschen der Jungen selbst zuwiderläuft,

Darf es nicht. Denn die meisten Menschen werden dabei von einer Chancengleichheit („Equality of opportunity“) statt von Ergebnisgleichheit („Equality of Outcome“) ausgehen und die Auffassung vertreten, dass jeder studieren können soll, was er will, aber nicht zwanghaft eine Geschlechtergleichheit im Ergebnis gefordert wird.

Dann auf S. 34:

Die Lohnungleichheit zugunsten der Männer ist einer der Faktoren, der zu erklären vermag, warum Paare andere Arbeitsmodelle wählen als sie wünschen.68 Dabei wirken unterschiedliche Faktoren ungünstig zusammen, etwa die Reduktion des Erwerbspensums vieler Frauen infolge der Übernahme unbezahlter Care-Aufgaben (insbesondere nach der Familiengründung), die monetäre Minderbewertung von Berufen und
Branchen mit hohem Frauenanteil und die Untervertretung von Frauen in Führungspositionen. Der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland betrug 2018 21 Prozent. Er war – nach Estland – der zweitgrößte in der gesamten Europäischen Union und liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von 16 Prozent.69

Auch hier wird wenig differenziert. Richten Frauen vielleicht ihr Leben anders ein, etwa weil sie Kinder betreuen wollen und ihnen Vereinbarkeit damit wichtiger ist als Lohn? Werten sie allgemein Lohn geringer und wollen sie eine andere Work-Life Balance? Wollen sie einen Partner, der gleichviel oder mehr verdient? Und bestimmt vielleicht nicht der geringere Lohn die Arbeitsverteilung, sondern ist der geringere Lohn eher selbst das Produkt einer erwarteten Arbeitsverteilung?

Seite 40:

Erwerbslosigkeit trifft Männer in Deutschland insgesamt etwas öfter (3,9 Prozent) als Frauen (3,0 Prozent). Bei den gering qualifizierten Männern ist die Quote deutlich höher (zehn Prozent), wobei der relative Abstand zu den gering qualifizierten Frauen gleich bleibt (sieben Prozent). Beim mittleren Qualifikationsniveau betrug die Erwerbslosenquote 2018 bei Männern 3,2 Prozent (Frauen 2,4 Prozent), bei hochqualifizierten Männern 1,8 Prozent (Frauen 1,9 Prozent). Menschen mit Migrationsgeschichte sind etwa doppelt so stark von Arbeitslosigkeit betroffen wie Personen ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig werden Männer bei arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen stärker berücksichtigt als Frauen – stärker auch, als es ihre quantitativ höhere Betroffenheit durch Erwerbslosigkeit rechtfertigen würde.

Männer sind zwar häufiger arbeitslos, werden aber eh schon mehr gefördert als Frauen.

Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass es nicht nur mehr arbeitslose gibt, sondern auch mehr gering qualifizierte gibt und man die eben besser fördern kann als bereits qualifizierte (Klassisch wäre der Gabelstaplerführerschein für den Nichtqualifizierten oder etwas in der Art.)

Seite 42:

Bei den Bindungs- und Lebenssituationen zeigen sich deutliche Geschlechterdifferenzen. Erstaunlich ist, dass 55,5 Prozent aller 25–45-jährigen Männer, aber nur 42,4 Prozent aller 25–45-jährigen Frauen ledig sind. In der Gesamtbevölkerung sind von den Männern 34,9 Prozent ledig, aber nur 25,6 Prozent der Frauen. Dieser Unterschied lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Männer zum Zeitpunkt von Ehe und Familiengründung gut zwei Jahre älter sind als Frauen.

Zu untersuchen wäre, inwiefern der höhere Anteil an Ledigen bei Männern (34,9 Prozent gegenüber 25,6 Prozent bei Frauen) Folge einer bewussten
Entscheidung gegen eine Partnerschaft oder gegen die Institution Ehe ist beziehungsweise wie hoch unter ihnen der Anteil der „unfreiwilligen Singles“ ist, die im englischen Sprachraum als Incels (Abkürzung für involuntary celibates) bezeichnet werden. Geschlechterpolitisch ist diese Frage von Relevanz, weil es in dieser Gruppe Tendenzen gibt, den nicht (mehr) vorhandenen, unerfüllten und/oder unerfüllbaren Bindungswunsch als Folge der Emanzipation der Frauen zu problematisieren. Der Schritt zu antifeministischen Denkfiguren ist von hier aus nicht mehr weit. Auch die Vernetzung in einschlägigen Internetforen birgt nicht unerhebliches gesellschaftliches Problempotenzial. Hier besteht Forschungsbedarf.

Männer sind eher Single? Da müssen wir gleich mal eine Unterdrückung für Frauen draus machen, dass sind bestimmt diese gefährlichen „Incels“ und damit ist männliches Single sein nicht etwa etwas, bei dem man Männer mehr unterstützen muss, obwohl wir „Einsamkeit“ als ein Problem von Männern angesprochen haben, nein, es ist etwas, bei dem man Frauen besonders schützen muss, damit diese schrecklichen Singlemänner nicht ihre Frauenfeindlichkeit ausleben.

Ein wunderbares Männerdossier.

S. 44:

Die Zahl unverheirateter Eltern nimmt kontinuierlich zu während die Zahl Alleinerziehender97 und Geschiedener Schwankungen unterliegt, aber
nicht generell zunimmt.98 Während vor 20 Jahren doppelt so viele Frauen wie Männer ein Scheidungsverfahren beantragten, verschwindet dieser
Geschlechterunterschied zusehends: 2017 wurden 52 Prozent der Scheidungen von der Frau eingereicht, 42 Prozent vom Mann und sieben Prozent von beiden. 2018 waren rund 121.000 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.

Immer häufiger wollen sich nach der Trennung beide Elternteile weiter um das Kind kümmern und es gemeinsam versorgen. Das heißt, auch die
Väter wollen weiter die Erziehungsverantwortung tragen. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine aktive Beteiligung des Vaters an Pflege- und Erziehungstätigkeiten ebenso wie ein intensives Vater-Kind-Verhältnis positive Effekte auf die Entwicklung des Kindes hat. Die Politik hat die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen und strukturelle Hemmnisse abzubauen, um Betreuungs- und Beziehungskontinuität auch nach Trennung und Scheidung zu fördern. Jene Väter, die sich nach Trennung und Scheidung in Betroffenen-Organisationen (zum Beispiel http://www.vaeteraufbruch.de) engagieren, sehen diesen Anspruch als nicht
erfüllt an und kritisieren eine ungleiche Behandlung von Vätern durch Rechtsetzung und -sprechung. Sie fordern die alternierende Obhut als Regelfall nach Trennung und Scheidung (bekannt unter dem Begriff Wechselmodell).

Hier fehlt dann eine zustimmende Wertung dazu, dass sie das zu recht fordern oder ob dies nicht dringend geboten wäre um das Männerbild zu reformieren.

S. 47

95 Prozent aller Väter mit einem Kind im Kita-Alter sehen Kitas „als Ermöglichungsinstanz, die Familien brauchen, damit Frauen und Männer
gleichermaßen das Einkommen verdienen können“. Faktisch ermöglicht die zunehmende Inanspruchnahme familienexterner Kinderbetreuung zusätzliches Engagement der Mütter im Erwerbsbereich – und nicht eine geringere Erwerbsorientierung der Väter.

Was gut zu den obigen Aussagen passt, dass Männer mehr Beteiligung der Frauen wollen und nicht ihre Männlichkeit als Problem sehen.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schreibt dazu: „Die eigenen widersprüchlichen Erwartungen an Väter, einerseits weiterhin die Rolle des Familienernährers auszufüllen und andererseits gleichberechtigter und präsenter Erzieher der eigenen Kinder zu sein (…), führt bei jungen Männern zu inneren Konflikten und Unsicherheit, mitunter sogar zum Verzicht auf Kinder. Auch und gerade junge Väter leiden unter
dem Druck, diese ‚Quadratur des Kreises’ zu bewerkstelligen. Das Problem, Beruf und Familie zu vereinbaren, ist heute also keineswegs allein auf Mütter beschränkt, es weitet sich auf die Väter aus.“113 Dass sich sowohl Frauen/Mütter wie auch Männer/Väter widersprüchlichen Rollenerwartungen ausgesetzt sehen, ist zu unterstreichen.

Aber deswegen Weiblichkeit zu hinterfragen würde einer solchen Publikation nie einfallen.

S. 49:

Mit Blick auf die Hausarbeit ist dabei in Erinnerung zu halten, dass Frauen die männliche Beteiligung an der Hausarbeit ambivalenter wahrnehmen als das Engagement der Väter in der Kinderbetreuung. 52 Prozent der Frauen sagen explizit, dass für sie das Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt keine sympathische Eigenschaft von Männern sei. Umgekehrt betonen 48 Prozent der Frauen, dass sie sich dies von ihrem Partner wünschten. Die Beteiligung des Mannes am Haushalt ist also auch für viele Frauen etwas Zwiespältiges.
Ein Teil von ihnen fordert sie im Dienst von Gleichstellung und persönlicher Entlastung ein. Ein Teil von ihnen wehrt sie – wohl auch zur Sicherung der Definitionsmacht in dieser Domäne – eher ab. Mit Blick auf die Zurückhaltung der Männer im Haushaltsbereich ist die Feststellung relevant, dass die nach wie vor sehr deutliche Ungleichstellung Beziehungsgeschehen ist – und zumindest nicht allein auf Unlust der
Männer zurückzuführen ist

„52% der Frauen sagen, dass für sie das Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt keine sympathische Eigenschaft von Männern sei“

Dennoch fehlt in dem ganzen Dossier jede Ausführung dazu, wie Frauen die Geschlechterrollen anfordern, selbst leben wollen und Druck auf Männer ausüben.  Und auch die Verbindung dazu, dass Männer sich über einseitige Frauenforderung beschweren.

Immerhin hier geht es etwas in die Richtung:

Mit Blick auf das Engagement von Männern in der Familienarbeit spielt auch die Einstellung der Mutter eine zentrale Rolle: Sie kann das Anpacken ihres Partners fördern, indem sie

  • der Vater-Kind-Beziehung Raum gibt,
  • Betreuungszeit durch den Vater allein ermöglicht,
  • kritische Distanz zu ihren eigenen Ansprüchen
    und Maßstäben wahrt,
  • eigenständige Herangehensweisen durch den
    Vater akzeptiert,
  • Wertschätzung für väterliche Leistungen zum
    Ausdruck bringt, aber qualifizierende Urteile
    unterlässt und
  • die väterliche Kompetenzentwicklung mit
    ihrem eigenen Schritt halten lässt.

Oben bei den Männern: Die können einfach mal die Klappe halten und endlich Akzeptieren, dass man ihnen die Privilegien schon lange hätte wegnehmen sollen
Unten bei den Frauen: Sie kann das Anpacken ihres Partners fördern

Es folgt ein durchaus interessanter Abschnitt zur Gesundheit.

Auf Seite 48 zeigt sich eine interessante Grafik, die abbildet, dass die Lebenszufriedenheit der Geschlechter nicht viel voneinander abweicht. Interessanterweise sind Frauen von 40 -70 (die Grafik startet bei 40) zufriedener mit dem Leben, ab 70 sind die Männer etwas zufriedener. Ich vermute mal, dass die höhere Unzufriedenheit auch daher kommt, dass die Frauen eher einen Partner verloren haben als die Männer, weil der Mann in der Beziehung eher älter ist und damit früher stirbt.

Interessant auch eine Grafik dazu, dass sich Männer eher als Frauen freiwillig engagieren (S. 70) und auch die Aufschlüsselung nach Gebieten auf S. 75 ist interessant:

Männer eher im Bereich Sport und Bewegung (19, 6% zu 13,1) sowie Politik (5,0% zu 2,3%) oder berufliche Interessenvertretung (3,4% zu 1,6%) und Unfall- und Rettungsdienst und freiwillige Feuerwehr (4,8% zu 1,1%).

Frauen eher im Bereich Schule und Kindergarten (10,7% zu 7,4%) Religion (9,4% zu 5,8%) und sozialer Bereich (9,5% zu 7,4%).

Natürlich findet sich auch hier kritisches:

So löblich das Engagement von Männern im freiwilligen Bereich ist, so augenfällig ist aus gleichstellungspolitischer Perspektive der Umstand, dass sich auch bei der Betrachtung des freiwilligen Engagements Geschlechterhierarchien reproduzieren: Über alle Altersgruppen hinweg sind Männer in Leitungsfunktionen im freiwilligen Engagement deutlich stärker vertreten. Dabei sind die Geschlechterunterschiede bei den Jüngeren am niedrigsten und bei den Älteren am stärksten ausgeprägt.191 Spitz bringt der Fünfte Altenbericht diesen Zusammenhang auf den Punkt: „Je anerkannter, prestigeverbundener, einflussreicher und in diesem Sinne politischer ein Ehrenamt ist, desto häufiger finden sich dort Männer. Und  umgekehrt, je unauffälliger, verborgener, alltäglicher und in unmittelbare menschliche Alltagsbeziehungen eingebettet das Engagement ist,
desto eher wird es von Frauen (…) geleistet.“

Diese Schweine!

Zu Gewalt (S. 79):

Gewalt unter Männern kann als Ausdruck strukturell angelegten Ringens um die höhere Position in der Geschlechterhierarchie durchaus in diese
Sichtweise integriert werden. Gewalt von Frauen gegen Männer ist in diesem Zusammenhang jedoch weniger gut erklärbar – es sei denn, sie ist
ebenfalls Ausdruck von Machtverhältnissen. Die Istanbul-Konvention vermag diese Problematik nicht aufzulösen. Sie geht pragmatisch damit um, indem Männer einerseits implizit als Opfer struktureller Gewalt anerkannt werden (insofern Frauen und Mädchen „nur“ einer „größeren Gefahr von geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind als Männer“) und andererseits Männer als Opfer häuslicher Gewalt explizit genannt werden („in der Erkenntnis, dass häusliche Gewalt Frauen unverhältnismäßig stark betrifft und dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können“).
Dieses historisch gewachsene Spannungsfeld erschwert den unverstellten Blick auf männliche Verletzlichkeit und Gewaltwiderfahrnisse

Daraus ergeben sich dann folgende Fragen:

Die erste Frage lautet: Wie können die Sichtbarkeit und Anerkennung männlicher Verletzlichkeit befördert werden? Das ist eine gleichstellungspolitische Zielsetzung, die im Rahmen unserer Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer bearbeitet werden kann.

Die zweite Frage lautet: Müsste Gewalt, die Männer sich selbst und anderen Männern antun, nicht viel mehr als strukturelles Geschehen verstanden werden, da es durch Männlichkeitsnormen und männliche Sozialisationserfahrungen befördert, wenn nicht sogar provoziert wird? Diese Frage erfordert eine breitere Reflexion.

Auch hier ist natürlich Männlichkeit schuld.

Und zu Sexismus gegen Männer:

Sexismus: Männer ignorieren Männer als Opfer

In einer neuen Studie210 des DELTA-Instituts im Auftrag des BMFSFJ wurde erforscht, was Menschen in Deutschland als Sexismus wahrnehmen und wo respektive wie er ihnen im Alltag begegnet.
Um wirksame Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer zu verfolgen, braucht es solide Grundlagen:

Zahlen müssen aktuell erhoben und komplexe Zusammenhänge erforscht werden. Das BMFSFJ ermöglicht solche Grundlagenarbeit. Aktuellstes Beispiel: Im Auftrag des BMFSFJ hat Prof. Carsten Wippermann im Rahmen einer Pilotstudie Einstellungen zu Sexismus bei Männern und Frauen untersucht.

Was verstehen sie unter Sexismus? Wie und wo begegnet er ihnen? Wie reagieren sie darauf? Wie verbreitet ist Sexismus-Erleben im Alltag? Wie müsste vorgebeugt werden?
Ausgewählte Ergebnisse:

  • Fast alle Menschen in Deutschland haben eine Vorstellung, was Sexismus ist. Der Begriff löst etwas aus. Inhaltlich gehen die Vorstellungen auseinander. Allen gemein ist die Überzeugung, dass Sexismus etwas ist, das es zu vermeiden gilt.
  • Frauen sehen Sexismus eher als ein strukturelles Problem. Für Männer (vor allem ab mittlerem Alter sowie in traditionellen und bürgerlichen Milieus) ist Sexismus eher eine moralische Verfehlung einzelner Personen und Personengruppen, die sich in derb-verletzenden Worten, Gesten und Bildern zeigt.
  • Entsprechend ist die Sensibilität für Sexismus bei Frauen und Männern im Alltag verschieden. Die Hälfte aller Männer nimmt im eigenen Umfeld überhaupt keinen Sexismus wahr, aber nur ein Drittel der Frauen
  • Männer wie Frauen assoziieren mit Sexismus reflexhaft die sexorientierte Übergriffigkeit von Männern gegenüber Frauen und benennen dies als häufigste Beziehungskonstellation von Sexismus. Fast nur Frauen weisen aber darauf hin, dass es auch Übergriffigkeit von Frauen gegenüber Männern gibt. Männer ignorieren oder tabuisieren, dass Männer Opfer sexueller Übergriffigkeit von Frauen sein können.
  • Dass Männern Sexismus durch andere Männer widerfahren kann, wird nur im Kontext von Homosexualität reflektiert (sei es als sexuelle Belästigung von Männern durch Männer; sei es als Stigmatisierung von homosexuellen Männern durch andere Männer).
  • Wenn nicht nur körperliche Übergriffe als Sexismus bezeichnet werden, sondern auch subtilere Formen der Herabwürdigung, öffnet sich der Blick für Situationen, in denen Männer Opfer von Sexismus werden. Vor allem der Sport ist für Männer ein Bereich, in dem sie sich durch Bemerkungen, Gesten, Handlungen und Ähnliches in ihrer Männlichkeit sexistisch herabgewürdigt und verletzt erleben (meistens von anderen Männern).

Die Studie klingt interessant.

Es passt natürlich nicht ganz zur hohen Zahl von Männern, die angeben, dass sie sich mehr Männerförderung wünschen und die Gleichberechtigung zu einseitig auf Frauen ausgerichtet sind.
Ich vermute mal, dass man mit passenden Fragestellungen durchaus einiges an Sexismus gegen Männern zu Tage fördern könnte.

Es werden dann Umsetzungsziele für die Gleichstellungspolitik in vier Bereichen genannt:

Vielfalt:

• Umsetzungsziel 1.1: In der Bevölkerung wächst die Akzeptanz für mehr Vielfalt von Männlichkeit(en).
• Umsetzungsziel 1.2: Jungen und Männer werden in ihrer Verletzlichkeit ernst(er) genommen.
• Umsetzungsziel 1.3: Jungen und Männer werden stärker gefördert, um erlebte Benachteiligungen und Ausgrenzung abzubauen.
• Umsetzungsziel 1.4: Die Institutionen der psychosozialen Grundversorgung erhöhen ihre Kompetenz, um Jungen und Männer bedürfnisgerecht zu erreichen, zu beraten und zu begleiten.

Freiheit:

• Umsetzungsziel 2.1: Jungen und Männer lassen sich durch Geschlechterstereotype nicht (länger) in ihrer Berufswahl behindern.
• Umsetzungsziel 2.2: (Gesetzliche) Rahmenbedingungen schaffen reale Wahlfreiheit auch für Jungen und Männer; Fehlanreize für das traditionelle Ernährer-Modell sind beseitigt.
• Umsetzungsziel 2.3: Die Genderkompetenz im Bildungsbereich ist erhöht.
• Umsetzungsziel 2.4: Das Wissen über den Unterstützungsbedarf von Männern, die sich als Emanzipationsverlierer sehen, ist erhöht

Nachhaltigkeit:

• Umsetzungsziel 3.1: Geschlechterreflektierte Jungen- und Männerarbeit entwickelt sich fachlich weiter. Angebote der Jungen- und Männerarbeit werden verstetigt.
• Umsetzungsziel 3.2: Gesundheitsfachpersonen und -organisationen messen der Förderung von Männergesundheit und männlicher Selbstsorge in Forschung, Ausbildung und Praxis eine höhere Bedeutung zu.
• Umsetzungsziel 3.3: Männliche Beiträge in der Angehörigenpflege werden sichtbarer und zahlreicher.
• Umsetzungsziel 3.4: Digitalisierung und der Wandel der Arbeitswelt unterstützen Männer im Einschlagen flexiblerer Lebens und Erwerbsverläufe.

Gerechtigkeit:

• Umsetzungsziel 4.1: Männer setzen sich aktiv(er) und frühzeitig(er) mit Vaterschaft und Vereinbarkeit auseinander.
• Umsetzungsziel 4.2: Männer übernehmen einen wachsenden Anteil der Verantwortung für unbezahlte Arbeiten in Haus und Familie.
• Umsetzungsziel 4.3: Die Erarbeitung von Vereinbarkeitspolicies für Männer und Väter in Unternehmen wird angeregt. Der Anteil in Teilzeit arbeitender Männer ist erhöht.
• Umsetzungsziel 4.4: Rahmenbedingungen sichern das Recht der Kinder auf alltagsnahen Bezug zu beiden Elternteilen auch bei/nach Trennung/Scheidung

Ich finde es erstaunlich wie viel davon im Prinzip Forderungen sind und wie viel Framing dabei ist: Unter Freiheit etwa werden „Fehlanreize“ für das Ernährermodell“ beseitigt. Und unter Freiheit wird auch verstanden, dass Männer endlich verstehen, dass die „Auflösung von Geschlechterrollen“ (und die Darstellung der „Bösen Männlichkeit“) ihnen doch auch nur Vorteile bringt.

Andere Besprechungen:

Wer Gleichberechtigung möchte, sollte Paritätsgesetze ablehnen

Ein Gastbeitrag von Titiat Scriptor

Als der Feminismus noch in seiner zweiten Welle über die westlichen Gesellschaften rollte, begleitete ihn die – grundsätzlich nachvollziehbare – Hoffnung, dass der Abbau verschiedener Benachteiligungsstrukturen auch bei den zählbaren Ergebnissen zu mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern führen würde. Jahrzehnte später ist klar, dass es so nicht gekommen ist. Die unabweisbare Tatsache ist: Frauen sind in vielen gesellschaftlichen Schlüsselrollen damals wie heute eine Minderheit. Sie stellen 31 Prozent der Bundestagsabgeordneten, besetzen 25 Prozent der Universitätslehrstühle und 10 Prozent der Vorstandspositionen in deutschen Unternehmen.
Frauenquoten sind seit langem eines der schärfsten (und umstrittensten) politischen Instrumente, um solche hartnäckigen Ungleichverteilungen aufzubrechen. Seit den 1980ern sollte „die Quote“ bei den verschiedensten Personalentscheidungen für mehr Gerechtigkeit sorgen. Zuletzt ist in die Quotendebatte wieder mehr Bewegung gekommen. Parität heißt das Schlagwort, unter dem Fragen gerechter Geschlechterverteilungen zunehmend forciert werden. Die Paritätsidee ist dabei keineswegs neu. Die Grünen, um nur ein Beispiel zu nennen, arbeiten seit Jahrzehnten mit einer Selbstverpflichtung zur paritätischen Verteilung von Ämtern und Mandaten.
Vergleichsweise neu ist aber die Forderung, Parität in gesellschaftlichen Schlüsselbereichen für alle verbindlich per Gesetz zu erzwingen. Erst im August kippte das Thüringer Landesverfassungsgericht einen Gesetzesentwurf, der paritätische Wahllisten für alle Parteien verbindlich etablieren sollte. Aktuell wird in Brandenburg über eine ähnliche Regelung verhandelt. Auch auf der großen Bühne, für den Bundestag, werden parteiübergreifend Rufe nach Parität lauter. Selbst die Bundeskanzlerin hat ihre Unterstützung dafür zugesagt. Auf den ersten Blick ist Parität nur eine weitere Quotenregelung. Gleiche Repräsentation von Männern und Frauen ist numerisch schließlich nichts anderes als eine Frauenquote von 50 Prozent.

Und dennoch – einen fundamentalen Unterschied gibt es: Quoten enthalten normalerweise keine Annahme darüber, wie sich ein Geschlechtergleichgewicht ausbalancieren würde, wenn es keinerlei Benachteiligung gäbe. Anders gesagt: Die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent für DAX-Vorstände basiert nicht auf der Idee, dass 70 zu 30 so etwas wie ein natürliches Geschlechtergleichgewicht im Spitzenmanagement wäre. Quoten dieser Art sind eher ein Brecheisen: Sie sollen verkrustete Strukturen einreißen und Veränderungsprozesse auslösen.

Ganz anders die Logik der Parität. 50/50 ist hier kein Zwischenschritt, kein Mittel für den guten Zweck, sondern die exakte Quantifizierung einer Gerechtigkeitsidee: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung, also soll auch die Hälfte der wichtigen Positionen weiblich besetzt sein. Im Gegensatz zur Quote wird Parität von der Annahme getragen, dass fifty-fifty in einer wirklich geschlechtsneutralen, egalitären Gesellschaft der natürliche Zustand wäre. Das mag logisch klingen, ist aber im Grunde eine radikale Idee. Ihr Kern ist die Prämisse, dass Männer und Frauen quasi identisch sind. Sie haben dieselben Interessen, dieselben Präferenzen, dieselben Bedürfnisse. Lässt man diese Annahme weg, ergeben Forderungen nach Parität keinen Sinn. 50/50 wäre weder notwendig noch gerecht, wenn auf jede Frau, die DAX-Vorstand werden möchte, 8 Männer mit demselben Ziel kämen. Wer Parität sagt, postuliert deshalb – bewusst oder unbewusst – die essenzielle Gleichheit von Mann und Frau. Es gibt ein Problem mit dieser Prämisse: Sie ist falsch. Die psychologische und sozialwissenschaftliche Forschung von Jahrzehnten zeigt, dass sich Männer und Frauen in zentralen Aspekten unterscheiden. Als Gruppen haben Männer und Frauen im Durchschnitt anders ausgeprägte Persönlichkeitsstrukturen und andere Präferenzen. Natürlich können einzelne Männer und Frauen radikal von diesen Durchschnittswerten abweichen, aber insgesamt, auf die gesamte männliche und weibliche Bevölkerung bezogen, ist die These von der essenziellen Gleichheit der Geschlechter falsch.

Das ist dann auch die Grundproblematik der Paritätsidee: Wenn Männer und Frauen im Schnitt nicht dasselbe wollen, dann ist 50/50 im besten Fall nicht zielführend. Im schlechtesten Fall erzeugt ein gesetzlicher Paritätszwang selbst künstliche Verzerrungen freier gesellschaftlicher Verteilungsprozesse. Damit ist niemandem geholfen. Wie unterschiedliche Interessen der Paritätslogik zuwiderlaufen, lässt sich am Beispiel der MINT-Berufe anschaulich machen. Für Anhänger der Parität waren Statistiken zu Frauenanteilen in MINT-Berufen noch nie ein Grund zur Freude. Die Bundesagentur für Arbeit berechnet auch für 2019 ein enormes Ungleichgewicht: 81 Prozent der Angestellten in Ingenieurberufen sind männlich, 83 Prozent in der Informatik, 85 Prozent in Technikberufen. Branchenübergreifend steht auch nach Jahrzehnten der Frauenförderung im MINT-Sektor das ernüchternde Ergebnis: 84 Prozent Männer, 16 Prozent Frauen.

Auf der Suche nach möglichen Ursachen für diese Ungleichheiten stößt man bald auf einen der zentralen psychologischen Geschlechtsunterschiede: Männer (als Gruppe) interessieren sich im Schnitt mehr für Dinge und abstrakte Systeme, Frauen (als Gruppe) interessieren sich im Schnitt mehr für Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen. Solche Unterschiede sind konsistent und sehr groß – viel größer etwa als Unterschiede in grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen (DOI: 10.1111/j.1751-9004.2010.00320.x).
Die Annahme, dass es einen Zusammenhang zwischen persönlichen Präferenzen und beruflicher Orientierung gibt, ist nicht sonderlich gewagt. Wer sich gerne mit anderen
Menschen und deren Bedürfnissen auseinandersetzt, wird eher nicht Fachinformatiker. Und wer eine Leidenschaft für abstrakte Systeme und komplexe Objekte mitbringt, wird eher nicht Sozialpädagoge. Nachvollziehbar also, dass dem Männerüberschuss im MINT-Sektor ein ebenso ausgeprägtes, aber umgekehrtes Ungleichgewicht in sozialen Berufen entgegensteht: Frauenanteil 84 Prozent.

Der Zusammenhang zwischen geschlechtstypischen Interessen und beruflichen Entscheidungen ist vielfach auch formal nachgewiesen. Nur ein Beispiel: Eine Serie von 15 Studien mit rund 7500 männlichen und weiblichen Probanden bestätigt nicht nur die oben beschriebenen Interessensunterschiede, es lässt sich anhand dieser Präferenzen auch mit guter Zuverlässigkeit vorhersagen, welche Studienfächer Männer und Frauen tatsächlich wählen (DOI: 10.1177/1948550612444320).

Andere Experimente zeigen, dass sich solche geschlechtstypischen Präferenzen schon im Spielverhalten von Kindern nachweisen lassen. Eine Studie untersucht zum Beispiel, mit welchen Spielzeugen Kinder zwischen 9 und 32 Lebensmonaten am liebsten spielen. In allen Fällen gehen die Ergebnisse in dieselbe Richtung: Jungs bevorzugen tendenziell Spielzeuge, die ihr Interesse an Dingen spiegeln, zum Beispiel Autos. Mädchen bevorzugen tendenziell soziale Spielzeuge, die ihr Interesse an Personen spiegeln, zum Beispiel Puppen (DOI:10.1002/icd.1986).

An dieser Stelle ließe sich mit einiger Berechtigung einwenden, dass solche Präferenzen keinen signifikanten biologischen Ursprung haben müssen, sondern auch über kulturbedingte Umwelteinflüsse und Sozialisierung entstehen können. Tatsächlich gibt es für die prägende Rolle von Kultur und Erziehung viele empirische Belege. Dafür spricht zum Beispiel, dass in der oben genannten Studie die Präferenzen für geschlechtstypische Spielzeuge mit steigendem Alter der Kinder größer werden, also mit wachsendem Bewusstsein für das eigene Geschlecht positiv korrelieren. Eine andere Studie zeigt, dass Mädchen eher mit jungentypischem Spielzeug spielen, wenn es vorher rosa eingefärbt wurde. Oder wenn man den Mädchen vor dem Spielen erzählt, es handele sich um ein Spielzeug für Mädchen. Derselbe Effekt – mit umgekehrten Vorzeichen – gilt auch für Jungen (DOI: 10.1016/j.appdev.2014.06.004).

Und trotzdem: Aus der Tatsache, dass Interessensunterschiede mit großer Sicherheit kulturell mitbedingt werden, lässt sich kein Argument pro Parität ableiten. Zu deutlich zeigt die Forschungslage, dass geschlechtstypische Präferenzen zur grundlegenden menschlichen Hardware gehören, also angeboren sind. Geschlechterunterschiede haben eine biologische Basis. Dafür spricht nicht zuletzt, dass entsprechende Unterschiede konsistent, kulturübergreifend und über lange Zeit stabil beobachtet werden können (DOI: 10.1111/j.1751-9004.2010.00320.x).

Zum anderen lassen sich Unterschiede – wie die oben beschriebene Studie zeigt – bereits bei Kindern feststellen, die für nennenswerte Sozialisierung zu jung sind. Schon bei 9 Monate alten Kinder sind geschlechtstypische Präferenzen sichtbar. Kinder entwickeln aber erst mit rund 15 Monaten ein erstes Bewusstsein für das eigene Geschlecht.

Ein Experiment mit Neugeborenen in den ersten Lebenswochen unterstreicht den vorsozialen Ursprung von Geschlechtsunterschieden auf eindrucksvolle Weise. Forscher messen dabei, wie lange Neugeborene ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene Objekte richten. Dabei zeigt sich, dass neugeborene Mädchen eine messbare Präferenz für Gesichter haben. Ihnen gilt mehr Aufmerksamkeit als allen anderen Objekten. Jungs konzentrierten sich im Gegensatz dazu am längsten auf Mobiles (DOI: 10.1016/S0163-6383(00)00032-1).

Weitere Hinweise stammen aus Studien, die den Einfluss pränataler Hormonproduktion auf spätere Spielpräferenzen untersuchen. Hohes pränatales Testosteron korreliert dabei positiv mit einer Präferenz für jungentypisches Spielzeug – bei beiden Geschlechtern. Hinzu kommt, dass Mädchen, deren Körper wegen einer Stoffwechselerkrankung Androgene überproduzieren, später eine ausgeprägte Präferenz für typisch männliches Spielzeug zeigen (DOI: 10.1111/j.1467-9280.2009.02279.x).

Der vielleicht überzeugendste Hinweis auf den evolutionären, kulturunabhängigen Ursprung von geschlechtstypischen Interessen stammt aber nicht aus Studien mit Kindern, sondern aus dem Tierreich. Eine Reihe von Tierexperimenten zeigt, dass sich Menschen- und Affenkinder darüber einig sind, mit welchen Spielzeugen man den meisten Spaß hat. Auch Rhesusaffen-Jungs spielen lieber mit Autos. Dass sie keine Ahnung haben, was ein Auto ist, hindert sie daran nicht. Rhesusaffen-Mädchen bevorzugen dagegen soziale Spielzeuge wie Stofftiere und Puppen (DOI: 10.1016/j.yhbeh.2008.03.008).
Auch bei Meerkatzen und Schimpansen lassen sich vergleichbare Muster beobachten. Bei Schimpansen suchen junge Weibchen viel häufiger als Männchen nach kleineren Stöcken, um mit ihnen wie mit Puppen zu spielen. Sie wiegen sie an der Brust und betten sie mitunter auch zum Schlafen in ihre Nester. Geschlechtstypische Spielpräferenzen könnten also das Ergebnis von Selektionsprozessen aus der Evolutionsgeschichte sein – Prozesse, die begannen, bevor sich die evolutionären Pfade von Menschen und Menschenaffen getrennt haben und lange bevor Kultur als Faktor überhaupt in Betracht kommt (DOI: 10.1016/j.cub.2010.11.024).

Zurückbezogen auf die Eingangsfrage nach dem Sinn oder Unsinn von Paritätsforderungen, ergibt sich aus solchen Forschungsergebnissen ein relativ belastbarer Schluss: Die Grundannahme der Paritätsverfechter hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand. Männer und Frauen sind nicht essenziell gleich. Es gibt harte, biologische Unterschiede zwischen beiden Gruppen, die sich unter anderem in verschiedenen Präferenzen manifestieren und beeinflussen, für welche Berufe Männer und Frauen sich tendenziell entscheiden. Die Vorstellung, Geschlechtergerechtigkeit sei erst erreicht, wenn weibliche Repräsentation im Berufsleben oder in Parlamenten dem Frauenanteil in der Gesamtgesellschaft entspricht, basiert auf einer empirisch widerlegbaren Vorstellung vom Menschen als Wesen ohne Biologie.

Dass Paritätsbestrebungen auch praktisch gesehen nicht zielführend wären, wird durch eine aktuelle sozialwissenschaftliche Studie zumindest angedeutet. Untersucht wurde, ob in Ländern mit ausgeprägt egalitärer Genderpolitik der Frauenanteil in MINT-Berufen größer ist als in weniger progressiven Ländern. So müsste es sein, wenn Interessensunterschiede wesentlich von geschlechtstypischen Sozialisierungsmustern abhängen. Entgegen dieser Erwartung stellen die Autoren fest, dass in Ländern mit besonders progressiver Politik – insbesondere in den skandinavischen Gesellschaften – der Frauenanteil im MINT-Bereich nicht nur nicht größer wird, sondern sogar sinkt. Möglicherweise wird hier sichtbar, was geschieht, wenn Männer und Frauen (als Gruppe) ihre Berufe mit geringem kulturellen Erwartungsdruck und mit großer materieller Sicherheit wählen: Der Einfluss biologischer Faktoren wird maximiert. Aber nur möglicherweise, denn die Studie wurde zu Recht für ihr wenig überzeugendes Forschungsdesign kritisiert (DOI: 10.1177/0956797620904134).

Niemand weiß, wie sich Männer und Frauen unter völlig kulturunabhängigen, geschlechtsneutralen Bedingungen im MINT-Sektor ausbalancieren würden. 52 zu 48? 74 zu 26? Eine belastbare Basis für Festlegungen dieser Art existiert nicht. Eine paritätische Verteilung ist als natürliches Gleichgewicht wegen der hier beschriebenen biologischen Unterschiede aber praktisch ausgeschlossen. Paritätsgesetze sind deshalb kontraproduktiv. Daraus folgt natürlich nicht, dass wir die eingangs genannten Ungleichverteilungen einfach hinnehmen sollten. 84 zu 16 im MINT-Bereich ist mit größter Wahrscheinlichkeit auch nicht das Ergebnis unverzerrter Verteilungsprozesse. Studien zeigen deutlich, dass kulturelle Hürden Mädchen davon abhalten, MINT-Fächer zu studieren und MINT-Berufe zu ergreifen. Sie deuten auch an, dass Interventionen im sozialen Umfeld dabei helfen können, diese Hürden zu beseitigen (DOI: 10.1080/09500693.2018.1540897).

Wer möchte, dass Männer und Frauen mit minimalen kulturellen Verzerrungen ihren Interessen frei nachgehen können, sollte deshalb Paritätsforderungen ablehnen und stattdessen Maßnahmen befürworten, die für alle Menschen die gleichen Wege durchs Leben öffnen. Anders gesagt: gleiche Chancen statt gleicher Ergebnisse.

Der Autor schreibt unter dem Pseudonym @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

„Ihr landet mit großartigen Feministinnen im Bett & das ist euch null Mühen wert?“

Weil es ja irgendwie ganz gut zu dem Text von gestern passt gleich noch dies hinterher:

Bin einfach nur entsetzt, wie viele Freundinnen allein in den letzten Wochen so Kack-Sex erlebt haben. Mit linken Dudes! Nette Typen, von denen ich mir grundsätzlich mehr Einsatz erwarte. Ihr landet mit großartigen Feministinnen im Bett & das ist euch null Mühen wert? Echt jetzt?

Ich finde diese Schuldzuweisungen ja immer großartig. Schlechter Sex, da müssen natürlich die Männer schuld sein. Vielleicht hat sich die Frau ja auch keine Mühe gegeben und gedacht, dass es reicht, dass sie eine „großartige Feministin“ ist. Oder ihre fürchterliche Meinung über Männer trägt nicht gerade dazu bei, dass er sich Mühe geben will sondern es eher als „pump ’n dump“ sieht. Oder sie meint als wunderbare fatpositive Frau dennoch Anspruch auf einen Mann zu haben, der sie behandelt wie ein Topmodel. Oder man lässt sich auf feministischen Sex ein, fragt immer schön nach, ist ganz einfühlsam und beschwert sich, wenn sie nicht auch nachfragt und die Frau törnt es ab. Oder oder oder-

Steht man da auf, geht heim & denkt sich, poah geiler Sex? Oder denkt ma sich nix, weil ma sein eigenes Verhalten nicht reflektiert? Oder ist es wie manchmal beim Essen, man findet es nicht gut, es ist aber zu mühsam sich nach was anderem umzusehen? Nur als Dauer-Zustand??!

Der gute alte „sneaky Fucker“ Ansatz spricht eben nicht immer für guten Sex. Aber bei der Feindseligkeit, die viele Feministinnen ausstrahlen würde ich es auch für verständlich halten, wenn man sich nach was anderen umsieht.

Ist Sex was, das man konsumiert, wie einen Film, ein Essen, eine Massage oder einen Haarschnitt? Da ist ein Bedürfnis, man befriedigt es & denkt nicht mehr dran? Nicht nur, dass so ein Verhalten super respektlos ist, es reproduziert Patriarchat & Kapitalismus gleichermaßen

Auch geile Forderung: Strengt euch gefälligst an, sonst reproduziert ihr das Patriarchat und den Kapitalismus! Na, wenn das nicht motiviert.

Es gab ja mal einen Fall, bei dem eine Frau mit vielen Sportlern geschlafen hat und sie danach bewertet hat, ich finde den Artikel gerade nicht mehr. Aber da haben auch einige nur den Sex mitgenommen, weil sie an ihr nicht sonderlich interessiert waren und haben dementsprechend schlechte Noten erhalten.

Und ja. Ich mag gar nicht abstreiten, dass ein respektvolles Gespräch über Sex & die eigenen Vorlieben für viele Cis-Männer total schwer ist. Aber: Es ist nie zu spät dafür es zu lernen. Und es zahlt sich aus. Und es ist hot! Wirklich!

Ist das schwer? Ich habe eher das Gefühl, dass Frauen sich da schwerer tun. Gut, die Definition von „respektvoll“ mag variieren

Was mich auch zu meinen zahlreichen Tipps führt. Ihr wollt Sex? Dann sauft euch bitte nicht halb ins Koma davor. Gilt übrigens für alle Gender! Flirtet. Redet. Sprecht miteinander & wenn ihr Lust habt, dann fragt doch zb einfach, ob ihr euch jetzt küssen könnt.

Durchaus ein guter Tipp. Auch ein guter Tipp: Such dir keine Männer aus, die sich ins Komma gesoffen haben.

Aber ihre Tipps erscheinen mir da auch nicht sehr hilfreich: Wenn man schon beim Sex ist sind Tipps zum küssen wenig ergiebig.

Rechnet mit einem Korb. Mit einem NEIN. Das ist ok. Das passiert. Ist nicht weiter schlimm. Sei eher stolz drauf, dass du um Zustimmung gefragt hast anstatt vielleicht die Grenzen einer anderen Person verletzt zu haben.

In dem Minenfeld des Feminismus wäre ich mir nicht so sicher, dass es Okay ist, sich ein Nein zu holen. Aber gut.

Ganz seltsam finde ich (kleine Hetero-Side-Story), dass es zumindest in meinem Umfeld absolut üblich ist, dass ausschließlich die Frauen Typen aufreißen. Cis-Dudes glauben offenbar, dass sie sich sehr passiv verhalten müssen & keinesfalls irgendeinen Schritt setzen dürfen

Irgendwas läuft da gewaltig falsch & ich finds sehr mühsam, diesen Part auch noch übernehmen zu müssen. Mit dem Zustimmungskonzept im Hirn kann doch kaum was falsch laufen oder?!

Haha, wie kann das nur kommen? Und mit den passiven Männern hat man dann schlechteren Sex?

Kommunikation ist mM der wichtigste Teil von allem. Du bist dir nicht sicher? Frag nach. Du möchtest wissen, wie der Abend verlaufen könnte? Frag nach. Du magst keinen penetrativen Sex haben? Sag es. Du bist unsicher, wie viel du während dem Sex reden sollst/kannst? Frag nach

Klingt irgendwie nach sehr komplizierten Sex. Ich kann mir ja nach wie vor nicht vorstellen, dass diese dauernden Bestätigungen abseits eines gewissen Dirty Talks sexy sind. Eher scheint man beständig das logische Gehirn anwerfen zu müssen statt einfach Sex zu haben. Reizt nach meiner Erfahrung viele Frauen eher raus.

Dazu gehören immer 2 oder alle Personen, die eben miteinander Sex haben. Um Zustimmung zu fragen ist keine Bringschuld, es geht beide Personen gleichermaßen an. Nach schlechtem Sex ein faires Feedback zu geben, macht durchaus Sinn. Man lernt bekanntlich nicht aus 😉

In der Tat kann Feedback vollkommen okay sein. Wobei ja bei vielen Sachen auch schon während dessen klar ist, was ankommt und was nicht.

„Frauen sind auch schlecht im Bett“-Sager oder sexistischer Müll wird geblockt, just to inform

Soweit nichts neues im Feminismus

siehe auch:

Wie frauenfeindlich ist die Gesellschaft? Theorie vs. Forschung (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Titiat Scriptor

Wir leben im Patriarchat – immer noch, trotz allem. In den Gesetzbüchern sind gleiche Rechte für die Geschlechter längst verankert, nicht aber in der praktischen Umsetzung.
Im Alltag kämpfen Frauen auch im Jahr 2020 überall noch gegen strukturelle und systematische Benachteiligung. Das ist die Grundannahme feministischer Sozialkritik und zugleich ihre Existenzberechtigung.
Das Patriarchat selbst ist unsichtbar, aber seine Zeichen sind scheinbar allgegenwärtig. Frauen verdienen für dieselbe Arbeit weniger als Männer. Die besten Positionen in Wirtschaft und Politik sind von Männern besetzt, Frauen bleiben unterrepräsentiert. Ganze Berufszweige verschanzen sich gegen den Wunsch der Frauen nach Teilhabe. Das Patriarchat – so könnte man dieses Argument zusammenfassen – ist eine Struktur, die das Handeln der Leute in ungleiche Resultate für Männer und Frauen umwandelt.

Natürlich ist denkbar, dass auch eine Gesellschaft frei von geschlechtsbezogener Benachteiligung ungleiche Ergebnisse hervorbringt – zum Beispiel dann, wenn Männer
und Frauen im Kern unterschiedlich sind und deshalb verschiedene Lebensentscheidungen treffen. Diese Möglichkeit wird im feministischen Diskurs aber als eine Art biologischer Essenzialismus mehr oder minder explizit verworfen.

Möchte man dieser Logik folgen, stößt man unweigerlich im tiefsten Inneren der Patriarchats-These auf die alles entscheidende Frage: Was bewirkt denn eigentlich, dass die Welt trotz vermeintlich gleicher Interessen Männer und Frauen in unterschiedliche Positionen manövriert? Was ist die Ursache, der Antrieb, der Auslöser für Ungleichheit zwischen den Geschlechtern?

Die Antwort, die man üblicherweise auf diese Frage findet, lautet in etwa so: Wir leben
in einer Gesellschaft von Männern für Männer. Die Einstellungen, Werte und Handlungsmuster, die uns von Kindesbeinen an mitgegeben werden, stellen männliche
Bedürfnisse und männliches Verhalten an die erste Stelle. Frauen werden entweder mit einem Achselzucken ignoriert oder aktiv benachteiligt. Es geht, anders gesagt, um frauenfeindliche Vorurteile in den Köpfen der Leute.

Ein aktuelles Beispiel: In ihrem Buch „Down Girl. Die Logik der Misogynie" (2019) beschreibt Kate Manne Frauenfeindlichkeit als integralen Bestandteil westlicher Gesellschaften im 21. Jahrhundert. Von Frauen, schreibt sie, werden Verhaltensweisen erwartet, die männliche Privilegien aufrechterhalten. Rebellinnen gegen das Patriarchat werden vom System bestraft. Männer hingegen profitieren von gesellschaftlicher „Himpathy“ was sinngemäß so viel heißen soll wie ungerechtfertigte
Sympathie für misogyne und asoziale Männlichkeit.

Soweit die Theorie. Wichtiger ist die Forschung. Denn: Ob wir in der oben beschriebenen Welt leben, ist am Ende keine philosophische, sondern eine empirische

Frage: Ist es also empirisch gerechtfertigt, zu sagen, dass bestehende Geschlechtervorurteile so sehr zu Lasten von Frauen gehen und Männer so sehr bevorzugen, dass man die Gesellschaft insgesamt als frauenfeindlich beschreiben
kann?

Was folgt, ist ein Auszug aus der aktuellen sozialpsychologischen und soziologischen Forschung. Alle zitierten Studien haben eines gemeinsam: Sie zeichnen ein Bild von der
Richtung geschlechtsspezifischer Vorurteile in unserer Gesellschaft, das im harten Kontrast zu den oben skizzierten Behauptungen steht. Sie zeigen, dass es zu einfach ist, Frauen als rundherum benachteiligt zu beschreiben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Was folgt, ist natürlich kein Beleg dafür, dass Frauen nicht an vielen anderen Stellen benachteiligt sein können. Oder dass Frauen in unserer Gesellschaft unter dem Strich weniger benachteiligt sind als Männer. Darum geht es hier im Kern nicht. Es geht um die Frage, wie viele empirische Erkenntnisse, die der Patriarchats-These zuwiderlaufen, man hinnehmen möchte, bevor man die These von der insgesamt misogynen Gesellschaft verwirft oder zumindest infrage stellt.

Was also sagt die Forschung?

Die folgenden Studien können über http://www.doi.org mit den angegebenen Nummern
identifiziert werden.

1. Die Zukunft gehört autonom fahrenden Autos. Aber wie soll der Algorithmus menschliches Leben priorisieren, wenn ein Unfall nicht mehr vermeidbar ist und sich nur noch die Frage stellt, wer sterben muss? Rund 2 Millionen Befragte in einem weltweiten Online-Survey würden mehrheitlich eher männliche als weibliche Unbeteiligte opfern (DOI: 10.2478/nimmir-2019-0015).

2. Die Tendenz, weibliches Leben höher zu priorisieren als männliches ist auch in vielen anderen Kontexten belegbar. In verschiedenen Experimenten zum Umgang mit moralischen Dilemmas werfen die Testpersonen Männer häufiger vor fahrende Züge als Frauen, um Unschuldige zu retten. Sie fügen Männern häufiger und stärkere Stromstöße zu als Frauen. Sie retten Männer seltener von sinkenden Schiffen und helfen ihnen überhaupt seltener in Notlagen (DOI: 10.1177/1948550616647448).

3. Dass aggressives Auftreten das Ansehen von Männern fördert, das von Frauen aber beschädigt, wird immer wieder behauptet. Dazu im Kontrast stehen die Ergebnisse eines Experiments mit unterschiedlichen Aggressionsszenarien. Hier bewerteten die Probanden weibliche Aggression als moralisch akzeptabler als männliche Aggression
(DOI: 10.1023/A:1019665803317).

4. Und wie steht es um negative Stereotype im Berufsleben? Forscher ließen in einem groß angelegten Experiment mit mehr als 800 männlichen und weiblichen Entscheidern MINT-Lehrstühle an Universitäten an fiktive Bewerber vergeben. Bei gleicher Qualifikation wurden Frauen mit einer Präferenz von 2:1 vor Männern eingestellt (DOI: 10.1073/pnas.1418878112).

5. Auch in anderen Bereichen findet sich kein Widerstand gegen die Ausweitung weiblicher Teilhabe am Berufsleben, im Gegenteil. In Experimenten zeigen Probanden eine größere Bereitschaft, männerdominierte Berufe durch politische Maßnahmen für
Frauen zu öffnen als frauendominierte Berufe für Männer (DOI:10.1016/j.jesp.2019.03.013).

6. Eine Untersuchung zeigt, dass Leistungsbewertungen am Arbeitsplatz weniger akkurat sind, wenn die bewertete Person weiblich ist. Offenbar sind Vorgesetzte eher bereit, Bewertungen von Frauen nach oben zu korrigieren als Bewertungen von männlichen Angestellten. Ob man hier von einem Vorteil für Frauen sprechen kann, scheint zumindest fraglich. Das Ergebnis steht aber dennoch im Kontrast zur häufig geäußerten Behauptung, Frauen würden im Berufsleben negativer bewertet als Männer (DOI: 10.5465/ambpp.2016.18003abstract).

7. Selbst in der Bewertung vermeintlich objektiver Forschungsergebnisse lässt sich ein erhebliches gesellschaftliches Wohlwollen Frauen gegenüber aufspüren. Fiktive Studien zu biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern werden von Psychologinnen und Psychologen unterschiedlich eingeschätzt, je nachdem welchem Geschlecht in den Studien positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Eine erfundene Studie, die Frauen größere künstlerische Fähigkeiten und mehr Ehrlichkeit attestiert, wird als relevanter, glaubwürdiger, hilfreicher und weniger schädlich eingeschätzt als dieselbe Studie mit umgekehrten Geschlechtervorzeichen (DOI: 10.1111/bjop.12463).

8. In dieselbe Richtung geht ein Experiment, in dem Probanden fiktive Ergebnisse von Leistungstests bewerten sollen. Erzielen Männer im Schnitt bessere Ergebnisse als Frauen, wird die Testmethode eher als sexistisch, unfair und inakzeptabel gesehen als im umgekehrten Fall (DOI: 10.2139/ssrn.3175680).

9. In einem anderen Experiment zeigen sich die Testpersonen eher bereit, ein wissenschaftliches Fachbuch zu zensieren, in dem Männer evolutionsbedingt als bessere Führungskräfte beschrieben werden als ein Buch mit der entgegengesetzten
Aussage (Quelle1).

10. Auch beim Thema antisoziales und kriminelles Verhalten wird Frauen mit mehr Wohlwollen und Verständnis begegnet als Männern. In Surveys erhalten zum Beispiel hypothetische Vergewaltigungsopfer mehr Empathie, wenn der Täter männlich ist. Empathie mit weiblichen Tätern ist dann besonders ausgeprägt, wenn ihr Opfer ein Mann ist. Ganz allgemein erhalten männliche Opfer die wenigste Empathie, besonders von anderen Männern (DOI: 10.1007/s11199-010-9919-7).

11. In einem weiteren Experiment beurteilen juristische Laien die strafrechtliche Relevanz von sexualisierter Gewalt und Zwang je nach Geschlecht der Täter unterschiedlich. Die Taten von Frauen gelten eher als entschuldbar und moralisch akzeptabel als die Taten von Männern (DOI: 10.1891/0886-6708.26.6.799).

12. Lässt man in Experimenten Testpersonen als Jury über das Strafmaß von fiktiven
männlichen und weiblichen Tätern bestimmen, zeigt sich, dass Männer für dieselben Taten schwerere Strafen erhalten als Frauen. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied, wenn das Opfer weiblich ist (DOI: 10.1111/j.1559-1816.1994.tb01552.x).

13. Quantitative Auswertungen von tatsächlichen Strafprozessen deuten in dieselbe Richtung. Weibliche Sexualstraftäter erhalten vor Gericht für vergleichbare Taten weniger drastische Strafen als Männer (DOI: 10.1007/s10940-019-09416-x).

14. Auch bei anderen Verbrechen bestätigt sich diese Tendenz: Eine große Auswertung von rund 77.000 Strafprozessen in den USA ergibt, dass Männer für vergleichbare Taten seltener Bewährungsstrafen erhalten als Frauen. Werden Gefängnisstrafen verhängt, sind sie für Männer tendenziell länger als für Frauen (DOI: 10.1086/320276).

Soweit eine Auswahl aus der Literatur. Viele weitere Studien mit ähnlichen Ergebnissen könnten ergänzt werden. Und selbst wenn man auf einzelne Ergebnisse nicht zu viel Gewicht legt und annimmt, dass einzelne Erkenntnisse in Kontrollstudien so nicht reproduzierbar wären, zeichnet selbst dieser oberflächliche Literaturüberblick ein deutlich differenzierteres Bild unserer Gesellschaft als eingangs beschrieben.

Es stimmt: Geschlechterspezifische Vorurteile sind allgegenwärtig. Aber in den oben genannten, durchaus zentralen gesellschaftlichen Fragen lässt sich eine systematische, allgegenwärtige Benachteiligung von Frauen nicht entdecken. Es wäre grundfalsch, daraus zu schließen, dass wir in einer insgesamt männerfeindlichen Gesellschaft leben. Ebenso falsch erscheint aber die Behauptung, dass wir in einer insgesamt frauenfeindlichen Welt zu Hause sind. Einfache Wahrheiten gehen, wie so häufig, am
Kern des Problems vorbei.

Der Autor schreibt unter dem Namen @titiatscriptor auf Twitter über
sozialwissenschaftliche Themen

Politiker kritisiert Männerhass weiblicher linker Politiker: „Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht“

Der schweizer FDP Abgordnete Hans-Peter Portmann beschwert sich darüber, die insbesondere linke Politikerinnen über Männer reden (via Arne)

Landbote: Herr Portmann, Sie gelten als eher ruhiger Parlamentarier. Plötzlich platzte Ihnen im Nationalratssaal der Kragen. „Mir hängt dieses Männerbashing in diesem Saal langsam zum Hals heraus!“, sagten Sie am Rednerpult. Auf Twitter legten Sie nach: „Diesen linken Kindergarten habe ich langsam satt!“ Was ist in Sie gefahren?

Hans-Peter Portmann: Während der ausserordentlichen Debatte mussten wir uns pausenlos anhören, wie sehr die Frauen während der Corona-Krise benachteiligt werden und wie böse die Männer sind. Als dann Irène Kälin behauptete, die Männer hätten sich als Krisenmanager in den Vordergrund gerückt, während die Frauen die eigentliche Arbeit verrichteten, musste ich intervenieren. Nun war einfach genug!

Landbote: Was stimmt an Irène Kälins Aussage nicht?

Hans-Peter Portmann: Die Schweiz hatte während der Krise mit Simonetta Sommaruga eine Frau als Bundespräsidentin. Und Irène Kälin selber führte die Verwaltungsdelegation an, die alle räumlichen und zeitlichen Entscheidungen für das Parlament getroffen hat. Es gab also sehr wohl Frauen in Führungspositionen. Aber es geht um mehr. Drei Wochen lang haben linke Frauen bei jedem Votum die Männer schlechtgemacht. Das Bashing wurde mit absurden Forderungen verknüpft wie etwa, die Corona-Hilfskredite seien mittels „Gender Budgeting“ nach Geschlecht zu verteilen. Es nimmt groteske Züge an.

Landbote: Sind Sie einfach ein bisschen dünnhäutig?

Hans-Peter Portmann: Nein. Mehrere linke Parlamentarierinnen haben ihre Reden mit den Worten begonnen „Liebe Männer und noch mehr liebe Frauen“. Man stelle sich vor, ein Mann würde dies umgekehrt machen. Oder jemand würde sagen „Liebe Ausländer und noch mehr liebe Schweizerinnen und Schweizer“. Es wäre die Hölle los! Die Forderung nach „Gender Budgeting“ ist sogar verfassungswidrig, wie auf meine Anfrage hin selbst Bundesrat Alain Berset bestätigte: Das Geld muss nach dem Prinzip der Gleichbehandlung verteilt werden, nicht nach dem Geschlecht.

Landbote: Sie setzen sich als Schwuler für die Rechte von Homosexuellen ein. Haben Sie nicht Verständnis dafür, dass auch die Frauen für ihre Anliegen kämpfen?

Hans-Peter Portmann: Ich habe im Parlament immer Frauenrechte unterstützt. Würden aber Schwule dermassen abschätzig über Heterosexuelle reden wie jetzt diese Frauen über die Männer, so würde ich mich auch wehren. Da wird mir übel.

Landbote: Übel?

Hans-Peter Portmann: Ja. Ich sage das auch immer in der schwul-lesbischen Bewegung: Wir fordern ein, dass man uns nicht diskriminiert. Aber dann machen wir das auch nicht mit anderen Leuten oder anderen Meinungen. Bei diesen Frauen aber hat man das Gefühl, sie stünden im ständigen Kampf gegen die böse Männerwelt. Sie üben genau jene Herabsetzungen aus, gegen die sie sonst zu Recht auf die Strasse gehen. Ich wollte im Nationalratssaal diesen Frauen den Spiegel vorhalten. Mal sagen: „Jetzt reicht es langsam!“

Landbote: Wie waren die Reaktionen?

Hans-Peter Portmann: Auf bürgerlicher Seite sind bis weit in die Mitte auch alle Frauen auf meiner Seite. Auch ihnen geht dieses ewige Gejammer der linken Frauen über die Männer auf die Nerven.

Gut, wenn es jemand mal sagt. Und wahrscheinlich auch kein Zufall, dass ein Homosexueller da das Wort ergreift.
Immerhin beruhigend, dass „bis weit in die Mitte“ die Frauen auf seiner Seite waren.

Das Kondom nach dem Sex als Mann mitnehmen?

Ein Tweet dazu, wie man als Mann danach mit dem Kondom umgeht:

Kumpel nimmt nach seinen One-Night-Stands immer seine benutzen Kondome mit, weil er Angst hat, dass sich im Nachhinein eine der Damen damit schwängert. Überlege noch, ob ich es berechtigte Vorsicht oder Paranoia ist.

Ich muss zugeben ich habe das auch ein paar Mal gemacht. Gar nicht mal weil mir die Frau dazu Anlass gegeben hat, aber irgendwie fand ich es in diesem Moment sicherer als ihn in der Wohnung zu lassen. Ich denke es war etwas Paranoia. Wobei die Rechnung für ein Handeln ja immer die Schadenskalkulation ist, bestehend aus der Wahrscheinlichkeit, dass der Schaden eintritt (sehr gering, wenn man die gute alte „Never stick your dick in crazy“ Regel befolgt) und dem Schaden der entsteht, wenn die geringe Wahrscheinlichkeit dennoch eintritt (enorm!). Dagegen muss man dann noch die Mühe rechnen, den Schaden sicher abzuwenden oder zu verringern und das Kondom einfach kurz in ein Taschentuch zu stecken und mitzunehmen macht eben auch wenig Mühe.

Habt ihr das schon mal gemacht? Paranoid oder berechtigte Vorsicht?

Christian Jakob in der Taz zu dem Konflikt zwischen „klassischen linken Positionen“ und „Intersektionalismus“

Christian Jakob wirft in der Taz einen Blick auf die Debatte zum „Müllartikel“ von Hengameh und führt dabei interessantes zum Intersektionalismus aus.

Er beschreibt, dass einige von dem Text entsetzt waren und einige andere entsetzt waren, dass man den Text kritisiert und das dies eben ein Konflikt zwischen den Intersektionalen und den „klassischeren Linken“ ist. Und damit teilweise auch eine Generationenkonflikt.

Die taz-Online- und Social-Media-Redakteurin Juliane Fiegler war entsetzt: Sie könne „echt nicht glauben, das macht mich fast sprachlos, dass diese Zeilen einfach durchgegangen sind und niemand ganz laut NEIN, STOPP! gerufen hat“, schrieb sie. Auch sie sei für Meinungsvielfalt. Aber hier gehe es um Rassismus-Erfahrungen. „Und sorry: Zum Thema Rassismus finde ich persönlich nur EINE Meinung ok.“

In diesen Sätzen steckt, wo die Differenzen liegen: In der Frage, was es genau bedeutet, wer spricht. Vor allem jüngere KollegInnen halten dies heute für entscheidend. Das zeigte auch der Tweet einer Kollegin vom Samstag: Sie hätte sich „gewünscht, dass all die White Privilege People“ nichts zu der „Müll“-Kolumne gesagt hätten. „Den Diskurs sollten diejenigen führen, die wirklich etwas zu struktureller Diskriminierung zu sagen haben.“

Das ist ja in der Tat der klassische Konflikt: Die einen schauen auf den Inhalt, die anderen nur darauf, wer etwas sagt und wer meint etwas dagegen sagen zu dürfen. Aus der Position der Schreibenden in der Opferhierarchie bezüglich des konkreten Themas  (hier PoCs leiden unter Polizeigewalt) ergibt sich dann die Berechtigung und allenfalls darf jemand aus einer anderen Opferhierarchie angeben, dass dessen Kategorie nicht mitbeachtet ist („Was ist mit Transsexuellen Polizisten?? Werden die nicht schon genug wie Müll behandelt?“) oder jemand aus der gleichen Opferkategorie kann anführen, dass sie noch zu mild ist.

Einige KollegInnen sahen ein „Redeverbot“ für Weiße anrollen. Ein Irrtum. Denn natürlich wird niemandem verboten zu reden. Erwartet wird vielmehr, sich der Auffassung anzuschließen, nichts zum Diskurs beizutragen zu haben, wenn man keine eigenen Erfahrungen hat – und deshalb freiwillig zu schweigen, anders also als Küppersbusch. So soll die gesellschaftliche Auseinandersetzung stärker von Benachteiligten bestimmt werden können und sich die Dinge deshalb zum Besseren verändern mögen.

Eine gar nicht so schlechte Darstellung. Es wird nicht verboten zu reden, es wird nur erwartet, dass man selbst merkt, dass man nicht reden sollte (und ein Verstoß dagegen natürlich dann wieder kritisiert).

Und deswegen „darf“ eine PoC-Autorin wie Hengameh Yaghoobifarah in den Augen intersektional Denkender auch „alles“, wie es hieß. Wer ihr das abspricht – und etwa an der Kolumne herummäkelt –, ist kein guter „ally“, Verbündeter der Diskriminierten, sondern verteidigt seine Privilegien. Und wer ihr das abspricht und selber PoC ist, ist in dieser Lesart ein „token“, also von Weißen manipuliert. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einem privilegierten oder zu einem unterdrückten Kollektiv. Aus Letzterem soll Definitionsmacht erwachsen – das Recht also, zu bestimmen, was diskriminierend ist. Rassistisch etwa ist demnach, was von einer – im Zweifelsfall einzigen – PoC so empfunden wird. Für intersektional Denkende ist dies zwingend.

Es soll daraus Definitionsmacht erwachsen, aber nur sofern man sich an die zulässigen Definitionen hält – alles andere ist in der Tat dann ein Überlaufen zum Feind, denn es gibt nur eine Wahrheit. Und die steht ganz klar fest. Wer sie nicht teilt, der hat damit nichts verstanden oder will es aus politischen Gründen nicht verstehen.

(…) Ältere LeserInnen und RedakteurInnen der taz tun sich damit teils schwer. Einige sehen ihre blinde Flecken, im Weltbild und im eigenen Handeln. Andere sind verunsichert, fürchten Rassismusvorwürfe und fragen sich, wo und wie sie als Weiße mitreden sollen, wenn von ihnen eigentlich nur erwartet wird, „sich über den eigenen Rassismus zu bilden“. Und wieder andere finden, dass die Fixierung auf „Privilegenreflexion“ und Identität viele wichtige Fragen unter den Tisch fallen lässt. Oder sie stoßen sich daran, dass für die Vorstellung gemischter politischer Organisierung und Solidarität in der intersektionalen Vorstellung von Antirassismus wenig Platz ist.

In der Tat fallen dabei viele Fragen unter den Tisch. Beispielsweise spielt Klasse, früher eines der wichtigsten Kriterien innerhalb der Linken, quasi keine Rolle mehr, weil es auch zu Kategorien übergreifend ist. Und in der Tat führt Intersektionalismus schnell zu einer Trennung, zu einer Verstärkung der Unterschiede, zur Betonung von Sachen wie Geschlecht oder Rasse, statt zu einer Überwindung der Unterschiede.

Umgekehrt werfen jüngere KollegInnen den Älteren vor, Anstoß an der „Müll“-Kampagne zu nehmen, weil sie „ihre“ taz beschädige, nicht aber an rassistischen oder sexistischen Karikaturen, die nur andere verletzen. Für sie ist solch zweierlei Maß Ausdruck weißen Privilegs. Und das wollen sie nicht durchgehen lassen.

Natürlich nicht! Das darf man auch nicht durchgehen lassen. Wäre ja interessant wie da die Konflikte ausgetragen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es da einiges an Verwerfungen gibt.

Was mit der politischen Fixierung auf Privilegien zu gewinnen ist, ist nicht ausgemacht. Diese zielt vor allem auf die Subjekte. Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten. In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“, sagt der Soziologieprofessor und Mitgründer der Gruppe „Kanak Attak“, Vassilis Tsianos, dazu. „Die Organisationsfrage wird nicht gestellt, die Eigentumsverhältnisse werden nicht angetastet.“

Das finde ich ja auch nach wie vor naiv, aber hier gut dargestellt:

Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten

Ein ziemlich bescheuerter Ansatz. Gerade dann wenn die moralische Anrufung sich auf eine Gruppenschuld bezieht und daraus eine persönliche Verantwortung macht.

In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“

Da haben sie sich alle Macht geschnappt und verlernen sie dann wieder, einfach nur weil man es ihnen sagt.

Auch Kritik am Staat ist bestenfalls sekundär. Denn der andere Weg, über den intersektional Denkende Veränderungen herbeiführen wollen, ist von oben: Institutionell verankerte Diversity soll nominell Unterprivilegierten – bei denen es sich allerdings ausnahmslos um AkademikerInnen handelt – Zugänge zur Macht verschaffen. „Reformeliten ohne soziale Bewegungen“, sagt Tsiannos.

Das ist kein dummes Konzept, wenn man derjenige ist, der dafür bezahlt wird die Veränderung für die Gesellschaft zu erreichen. Man braucht sich nicht groß mit einer Graswurzelbewegung beschäftigen, sondern man muss nur an die Fördertopfe ran.

Eines der Felder dieser Auseinandersetzung sind die Medien. Neben der stärkeren Repräsentation von Minderheiten steht dabei dreierlei im Raum, was aus teils guten Gründen gefordert, bislang aber kaum offen verhandelt wird.

Erstens: Meinungen sollen unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, wer sie äußert. Wer unterdrückt wird, hat erst mal recht. Dafür stehen Imperative, die etwa bei #MeTwo zu hören waren: Nicht relativieren, nicht infrage stellen, nicht anzweifeln. Am besten gar nichts sagen. Nur zuhören. Wie viele es sich auch bei der „Müll“-Kolumne wünschten. Zum „nicht kritisieren“ ist es da nicht weit. Für Journalismus, der ohne zu kritisieren nutzlos ist, ist das heikel, für den gesellschaftlichen Dialog auch.

Mit der Einschränkung, dass er unterdrückt wird bzw zu einer unterdrückten Kategorie gehört (es kann ihm dabei wunderbar gehen) und auch das richtige sagen muss

Zweitens: Expertise, die auf eigener Erfahrung gründet, hat Vorrang. Heute ist ausgemacht, dass eine Talkrunde über Rassismus ohne PoCs inakzeptabel ist. Das Schlagwort lautet: Erkenntnisbarrieren. Aber was heißt das für andere Felder?

Erfahrungen allerdings, die als akzeptiertes Mitglied einer unterdrückten Kategorie gewonnen worden sind.
In der Tat kann in der Sicht ein männlicher Forscher, der zB jahrelang mit vielen Veröffentlichungen zu den Ursachen des Gender Pay Gaps geforscht hat und diese eben nicht auf Sexismus zurückführt, nicht gegen eine Frau ankommen, die anführt, dass sie nur wegen Sexismus nicht mehr verdient.

Drittens: Diskriminierten soll Sicherheit vor Verletzungen garantiert werden. Für den Journalismus heißt dies, sprachliche Gewalt zu unterbinden. Das bekannteste Beispiel ist die Ächtung des verletzenden N-Worts. Die Implikationen gehen allerdings darüber hinaus: Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt. Auch ein Satz wie der eingangs geschilderte von Küppersbusch kann dann als rassistisch ausgelegt werden – und müsste folglich gestrichen werden. Extrem heikel.

Auch das ein interessanter Punkt. Ein Marginalisierter hat einen Anspruch darauf, dass er vor allen Anfeindungen geschützt wird und sicher ist. Ein Privilegierter hingegen sollte mal die Erfahrung machen wie es ist schlecht behandelt zu werden. Wird ihm nur gut tun. Der Satz hier dazu: „Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt“. Finde ich gut. Es wird eben Gewalt neu definiert in „berechtigtes sich wehren und nach oben treten“ und „Unberechtigte Angriffe und nach unten treten“. Berechtigtes nach oben treten kann es dann auch sein, wenn man in einer Zeitschrift mit hoher Auflage alles schreiben kann, was man will.

 

Jochen König: „Vätern, die nicht mindestens 7 Monate Elternzeit nehmen, das Sorgerecht aberkennen“

Der männliche Feminist Jochen König will Väter zwingen mal endlich nicht mehr faul zu sein und so etwas einfaches wie die Erwerbsarbeit zu machen, während die Frauen hart Kinder betreuen und plädiert dafür, dass man ihnen das Sorgerecht aberkennt, wenn sie nicht mindestens 7 Monate Elternzeit nehmen.

Zu seiner Situation führt er aus:

Meine kleine Tochter hat drei Eltern. Mit keiner der beiden anderen Elternteile war ich in einer Liebesbeziehung. Seit ihrer Geburt kümmern wir uns um sie zu dritt auf Basis unserer gemeinsamen Freundschaft. In der Krise verteilt sich die Last auf vielen Schultern. Trotzdem ist das alles auch für uns eine große Herausforderung. An vielen Tagen versuche ich verzweifelt, Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Ich bin Bereichsleiter in einem sozialen Unternehmen und wenn wir uns zur Leitungsrunde in der Videokonferenz treffen, bin ich der Einzige, bei dem Kinder im Hintergrund durchs Bild laufen. Die Kinder der anderen Väter werden in der Zeit von den jeweiligen Müttern betreut. Mütter mit kleinen Kindern sind auf dieser Hierarchieebene gar nicht erst vertreten. Mehr noch als vorher muss ich – wie die Mehrzahl der Mütter – beruflich mit Männern konkurrieren, die wesentlich mehr Zeit und Energie in ihre Karrieren investieren können als ich.

Wenn ich es richtig verstehe, dann hat er sich von seiner – anscheinend eher auf Karriere fixierten Freundin getrennt oder sie von ihm und zieht jetzt sein Kind zusammen mit einem lesbischen Paar groß. 

Drei Elternteile und ein Kind – da muss der Alltag gut organisiert sein, zumal die beiden Mütter nicht zusammen wohnen. Sechs Tage verbringt das Kind bei seinem Vater, sechs Tage bei der einen Mutter und zwei Tage bei der zweiten Mutter. Große Entscheidungen treffen sie gemeinsam: In welche Kita soll das Kind gehen, welche Schule soll es mal werden? Aber sie würden nicht alles ausdiskutieren, sagt Jochen. Kinder könnten es gut kompensieren, wenn nicht jeder Haushalt nach den gleichen Regeln liefe.

Er betreibt also eine Art Wechselmodell, bei dem er der einzige mit Sorgerecht sein dürfte, auch wenn es anders gelebt wird. Ein Modell, welches anscheinend für ihn klappt aber welches ja so für die allerwenigsten funktionieren dürfte.

Es ist eine gute Frage, warum es ihm so auf die Nerven geht, dass andere ihr Leben anders aufteilen, dass er sie bestrafen möchte. Er verlagert immerhin von 14 Tagen 8 auf Fremde, die mit dem Kind erst einmal nichts zu tun haben und bringt sie für seinen Vorteil sogar noch um Rente und Gehalt in ihrer Karriere. In einer Ehe bekommt der Partner immerhin für diese Freistellung einiges von dem anderen ab. Hier scheinen die anderen beiden leer auszugehen und er die Vorteile dieses Deals einzustreichen.

Er schreibt:

Vielleicht ist es an der Zeit, die Strategie zu wechseln. Statt Väter mit immer neuen Angeboten zu locken, könnten einfach diejenigen gestärkt werden, die sich tatsächlich um ihre Kinder kümmern. Die Familienpolitik könnte aufhören, einem Ideal von innerfamiliärer Gleichberechtigung hinterherzuhecheln, zu dem Väter seit Jahrzehnten ihren Anteil beharrlich verweigern. Vielleicht sind Väter in heterosexuellen Kleinfamilien einfach nicht immer dafür gemacht, Verantwortung zu tragen und ihren Teil der Arbeit zu übernehmen.

Wer Vollzeit arbeitet und nicht mindestens sieben Monate in Elternzeit geht, könnte beispielsweise grundsätzlich das Sorgerecht verlieren. Wer sich auf diese Weise unsolidarisch gegenüber dem anderen Elternteil und den eigenen Kindern verhält, hat nichts mitzuentscheiden. Vielleicht würde das etwas mehr Väter motivieren, in der Familie aktiver zu sein. Damit Mütter dann allerdings im wahrscheinlicheren Fall nicht allein dastehen, müssten zusätzlich größere Elternnetzwerke gefördert und gestärkt werden.

Allein aufgrund seiner eigenen Historie hätte er ja eigentlich den Artikel auch vollkommen geschlechtsneutral halten können. Aber er scheint einen gewissen Hass auf Leute entwickelt zu haben, die keine Kinderbetreuung übernehmen, sondern lieber die Versorgung übernehmen.
Das Männer ihren „Anteil beharrlich verweigern“ ist auch lustig wenn die meisten davon mit den betreuenden Frauen gemeinsame Kasse machen und über Unterhalt, Zugewinn und Versorgungsausgleich davon profitieren.

Statt mit der Ehe ungleiche Aufgabenteilungen staatlich zu subventionieren, könnten Zusammenschlüsse von Menschen gefördert werden, die sich solidarisch und gemeinsam kümmern. Neben der Investition in Zukunftstechnologien jenseits der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen könnte ein Corona-Konjunkturpaket eine Innovationsprämie für zukunftsfähige Familienmodelle jenseits der Abhängigkeit von Vätern enthalten.

Ah, er will also die Förderung seines Lebensentwurfes. Wäre interessant, wie er sich das vorstellt. Anscheinend soll ja der Staat was an die Betreuenden zahlen. Und nicht die blöden normalen Familien mit ihrem  Ausbeutern, die „nur“ das Geld (und die Betreuung nach der Arbeit und am Wochenende) einbringen. Ganz schlimm so etwas. Die haben echt kein Sorgerecht verdient. Sondern nur innovative Konzepte wie das seine.

Aber mal weg von seinem Fall:
Was geht es ihn tatsächlich an, wie Leute ihre Betreuung einteilen wollen? Uns geht es ja auch nicht an, wenn er eine Ko-Elternschaft mit Freunden betreibt, solange es dem Kind dabei gut geht.
Natürlich gibt es auch genug Konstellationen, bei denen es durchaus schwierig ist die 7 Monate zu nehmen. Von der Hausfrau, die Hausfrau sein möchte und bei denen dann wenn er lange aussetzt dann schlicht das Geld nicht reinkommt. Über den Selbständigen, der es sich schlicht nicht erlauben kann, dass er 7 Monate nicht arbeitet und damit sein Unternehmen gefährdet. Bis zu anderen großen Gehaltsunterschieden, die ein solches Aussetzen uninteressant machen.

Und mit welchem Recht überhaupt das Sorgerecht aberkennen und was soll das bringen? Ist es dann auf immer weg oder kann man danach einfach wieder eine Sorgeerklärung abgeben bzw einen Antrag bei Gericht stellen, bei dem der Partner vollauf einverstanden ist?
Aus meiner Sicht wäre so etwas noch nicht einmal verfassungsmäßig.

Insofern ein wenig durchdachter Artikel, der mir eher damit zusammen zu hängen scheint, dass jemand irgendwie eifersüchtig ist.