Feminismuskritik und Männerrechte – Deadlock statt Dreamteam (Gastartikel)

Dies ist ein Gastartikel von Tobias

Die These

Feminismuskritik und Männerrechte sind im Grunde zwei unterschiedliche Angelegenheiten. Eine große Mehrheit der Frauen in diesem Land sieht sich selbst nicht als feministisch, hat aber gleichzeitig mit der Männerrechtsbewegung nichts am Hut. Die persönliche Einstellung zu Feminismuskritik und Männerrechten kann sich also durchaus unterscheiden, obwohl es inhaltlich häufig um die gleichen Themen geht. Andersherum betrachtet, existiert Misandrie auch bei Frauen und Männern ohne feministisches Weltbild. So gab es in den letzten Jahren Kritik am vergleichsweise überproportionalen Anteil männlicher Flüchtlinge. Der dazu aufgespannte Alice-Schwarzer-Feminismus begründet das mit dem Frauenbild der Flüchtlinge (natürlich nur der Männlichen). Speziell mit dem Aspekt „männliche Flüchtlinge“ hantieren jedoch ansonsten politische Gruppen, welche man mit Feminismus ganz bestimmt nicht in Verbindung bringt. Dennoch werden Kritik am Feminismus und die Männerrechtsbewegung gerne implizit in einen Topf geworfen oder gleich mit Frauenhass gleichgesetzt.

Der heutige Feminismus ist ziemlich erfolgreich, wenn man bedenkt, dass der sich der Großteil der Bevölkerung nicht als feministisch bezeichnet [1] [2]. Feministische Forderungen führen zur Reform des demokratisch sensiblen Wahlrechts in einzelnen Bundesländern, während es eine große Koalition im Bund in jahrelangen schwierigen Verhandlung kaum schafft, die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zu Überhangmandaten umzusetzen. Feministen kritisieren ungestört den sogenannten Gender Pay Gap sowie den statistisch höheren Zeitanteil der Frauen an der Haus- und Familienarbeit, obwohl beides offensichtlich zusammenhängt. Eine angespannte Regierungskoalition bricht fast auseinander, weil sie sich in einer feministisch induzierten Abtreibungsdebatte (siehe [3]) nicht einig wird, die in der Bevölkerung fast niemanden interessiert. Demokratische Mechanismen wie Kritik oder ausgewogene Berichterstattung setzen bisweilen aus, wenn es um Feminismus geht.

Für diesen Sonderstatus muss es Gründe geben. Die hier vertretene These lautet, dass der politische Feminismus erfolgreich mit normativer Weiblichkeit kooperiert, insbesondere im Hinblick auf den Opferstatus. Die Kombination von Maskulismus und Feminismuskritik profitiert hingegen nicht in vergleichbarer Form. Eine solche Kombination ist zudem in der politischen Auseinandersetzung mit dem Mainstream-Feminismus besonders anfällig für den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit und Tätlichkeit. Im Anschluss wird auch diskutiert, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden sollten.

Feminismus und die Weiblichkeit

Nun kann man der Meinung sein, Feminismus und Frauentum wären selbstverständliche Partner, schon aufgrund des Begriffs. Vergleicht man jedoch feminine Attribute wie Ästhetik, Sensibilität oder Schüchternheit mit dem heutigen Feminismus, so lassen sich nur schwer Gemeinsamkeiten finden. Im Gegenteil, feministische Kampagnen fordern Frauen dazu auf diese Attribute abzulegen, etwa im Arbeitsleben. Der Feminismus stellt nicht den politischen Arm der Frauen in der Bevölkerung dar, sondern eher eine Art modernes Amazonentum [4]. Seine Kooperation mit normativer Weiblichkeit ist insbesondere von rechtfertigender und auch parasitärer Natur.

Nun existiert in menschlichen Gesellschaften ein tief sitzender Frauenschutzinstinkt. Frauen erleiden zwar zweifelsohne Gewalterfahrungen, allerdings wird ein Mensch viel eher als Opfer anerkannt, wenn es sich nicht um einen Mann handelt. Beispiele für diesen Effekt gibt es haufenweise, eines davon ist die mittelalterliche Hexenverbrennung. Diese betraf mehrheitlich Frauen, circa ein Viertel der Betroffenen waren jedoch männliche Hexer. Die öffentliche Wahrnehmung des Phänomens richtet sich jedoch weitestgehend auf die beschuldigten Frauen. Diese Asymmetrie mag zwar in manchen Fällen berechtigt sein, sie zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch politische und soziale Themen. Und auch Männer tragen in der Rolle als Retter und Helfer dazu bei, obwohl sie selbst dadurch zum Verschleißsubjekt werden. Ein Paradebeispiel dafür liefert eine Aussage aus dem Film Sin City: „An old man dies, a young woman lives; fair trade“ [5]. Der politische Feminismus nutzt diesen Instinkt, indem er sich als Vertreter immerzu benachteiligter Frauen darstellt. Er legitimiert seine ideologischen Forderungen mit Hilfe tradierter Schutzinstinkte. Allerdings vertritt der heutige Feminismus die Bedürfnisse der Frauen natürlich nicht, vielmehr versteckt er mit diesem Manöver seine ganz eigenen Interessen.

Daher treffen insbesondere Männerrechtler in Öffentlichkeit, Politik und Staat auf einen institutionellen Feminismus, der zumindest offiziell kaum hinterfragt wird. Dieser kann seine Gegner nach Bedarf und Belieben als Frauenhasser, rechte Reaktionäre oder Machos diffamieren. Zudem lassen sich unterschiedlichste politische Gruppierungen ansprechen, wenn man wahlweise ein schickes feministisch-progressives Narrativ oder einen dringenden Bedarf zum ritterlichen Schutz der Frauen servieren kann. In jedem Fall dürfen Frauen durch Maßnahmen erheblich bevormundet werden, für die sich eine feministische Begründung findet. Auch beim Platzieren feministischer Meinungen in den Medien hilft der Einsatz des weiblichen Opfernarrativs, denn es sorgt für Klicks und Quote.

In der Auseinandersetzung mit Männerrechtlern funktioniert dieser Feminismus wie ein ausgestreckter Zeigefinger: „Ihr (Männer) seid selbst schuld und außerdem sowieso böse“. In dieser Form stärkt die Konfrontation also das Band zwischen Feminismus und politisch wirksamer Femininität in der gesamten Gesellschaft. Die Geschlechterfrage immunisiert so auch gegen Kritik am Feminismus selbst. Äußern sich etwa Frauen kritisch zum Feminismus, wirft man diesen einfach Verrat an ihren Geschlechtergenossinnen vor. Feministische Ideologie mit tradierten Schutzinstinkten im Schlepptau taugt somit besonders gut als Bollwerk gegen die Männerrechtsbewegung, wenn diese sich durch irgendeine Kritik am Feminismus begründet. Ein Dilemma.

Was nun?

Es ist wenig überraschend, wenn sich zum Beispiel die Wut mancher entsorgter Trennungsväter irgendwann auf Frauen im Allgemeinen projiziert. Jedoch besteht die Gefahr, damit den Feministen ihre These eines Klassenkampfes zwischen den Geschlechtern zu erfüllen. Männerrechtsaktivismus und Feminismuskritik passen für Feministen ideologisch wunderbar zusammen, institutioneller Feminismus reproduziert Geschlechterkrieg daher schon aus Eigennutz. Wenn Männerrechtler ihre Forderungen im Gegensatz zu Interessen von Frauen definieren, werden Feministen nur zu gerne Partei auf Seiten der Frauen ergreifen und damit den Maskulismus gesellschaftlich isolieren.

Wenn Feminismuskritik an Geschlechtermechanismen scheitert, dann macht es Sinn beides separat zu halten, sodass Feministen sich nicht mehr als Placebo für die Interessen der Frauen anbieten können. Maskulisten sind dann gegenüber dem Feminismus nicht mehr in der Rolle des Gegners. Nur in bestimmten Situationen ergibt sich weiterhin zumindest ein Konkurrenzverhältnis – etwa um Ressourcen der öffentlichen Hand – mit zum Teil feministschen Frauen- und Mutterverbänden. Vielleicht erhält die Männerrechtsbewegung dadurch mehr gesellschaftlich Rückenwind und kann so ihre Forderungen einfacher mit normativ positiver Männlichkeit verbinden, da sie nicht mehr so stark von außen gebrandmarkt wird.

Als Gegner für den politischen Feminismus braucht es hingegen eine dedizierte Opposition. Diese basiert darauf, dass radikale feministische Ansichten nicht die Situation zwischen den Geschlechtern abbilden, sondern nur eine politische Meinung unter vielen. Folglich gibt es zu diesen Forderungen auch eine demokratisch legitime Gegenmeinung. Eine solche gibt es schließlich auch zum Kapitalismus, einer Erhöhung der Staatsschulden und dem geplanten Neubaugebiet in der Kommune. Eine Normalisierung des Feminismus und von Kritik am Feminismus im politischen Raum gehen Hand in Hand. Gelingt die definitorische Trennung der Frau vom Feminismus, wird Kritik an letzterem in Öffentlichkeit, Institutionen und Parteien praktizierbar.

Die stärkere Unterscheidung von Feminismuskritik und der Männerrechtsbewegung bietet darüber hinaus für beide Seiten weitere Vorteile:

  • sie führt zu einer besseren Mobilisierung von Menschen
    • insbesondere vieler Frauen
    • die dem etablierten Feminismus kritisch gegenüberstehen, auch wenn diese sonst mit dem Thema Männerrechte nichts am Hut haben
  • dem Feminismus eine Verletzung der Interessen der Frauen vorzuwerfen ist einfacher, wenn die Kritiker selbst keine spezifischen Geschlechterinteressen vertreten
  • die öffentliche Diskussion von Fällen, in denen eine Hidden Agenda durch den Tarnmantel Feminismus verhüllt werden soll ist einfacher zu legitimieren
  • das Mittel der Diffamierung selbst von linken bzw. progressiven Maskulisten als politisch reaktionär wird noch unglaubwürdiger und damit steigt das Potenzial für breite Akzeptanz im politischen Raum

Der größte Fortschritt wäre allerdings, dass die sexistische Wirkung des heutigen Feminismus auf die Geschlechterpolitik thematisiert werden kann. Radikalen Feministen ist vorzuwerfen, dass sie durch ihr Weltbild eine verbindende Geschlechterpolitik und zugleich ein egalisierendes Menschenbild verhindern. Zunächst müssen Männerrechtler als auch Feminismuskritiker allerdings ihre Narrative neu justieren, um aus der Ecke herauszukommen, in der sie platziert werden.

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1002977/umfrage/zustimmung-der-deutschen-bei-aussagen-zur-gleichberechtigung-nach-geschlecht-2019/

[2] http://big.assets.huffingtonpost.com/tabs_gender_0411122013.pdf

[3] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/gesetzesentwurf-zur-ergaenzung-von-219a-union-und-spd-raufen-sich-zusammen-a-1250587.html

[4] https://allesevolution.wordpress.com/2019/08/31/studie-feministinnen-sind-maskulinisiert-in-bezug-auf-praenatales-testosteron-und-im-bereich-dominanz/

[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Sin_City_(film)#That_Yellow_Bastard_(Part_2)

Katharina Schulze zu einer Tat, bei der ein Mann 2 Frauen und drei Männer erschossen hat: Es ist ein Femizid

In Kitzbühl hatte sich eine schreckliche Tat ereignet:

Die 19-jährige Ex-Freundin hatte sich laut Polizei vor zwei Monaten von dem 25-Jährigen getrennt. Nach der Bluttat hatte sich der 25-Jährige bei der örtlichen Polizei am Sonntagmorgen gestellt. „Ich habe soeben fünf Personen ermordet“, sagte der Einheimische, als er auf der Wache erschien. Der mutmaßliche Täter habe somit seine Ex-Freundin, deren neuen Freund, die Eltern und den Bruder der Ex-Freundin erschossen. (…)

„Es geht uns allen sehr schlecht, auch meinem Sohn“, sagte die Mutter des Tatverdächtigen dem Portal RTL.de. Ihr Sohn und die 19-Jährige seien seit fünf Jahren zusammen gewesen und hätten im kommenden Jahr heiraten wollen. Laut Polizei hatte sich das Paar vor zwei Monaten getrennt.

In der evolutionären Theorie würde man das unter „Mate Guarding“ (also das „Abschirmen“ des Partners) einordnen. Es ist natürlich eine schreckliche Tat,  und das die Täter in den meisten Fällen Männer sind ist auch nicht wegzudiskutieren.

Lucas greift eine Reaktion von der Grünen-Politikerin und Feministin Katharina Schulze auf

Ein Femizid, bei dem 2 Frauen und 3 Männer sterben. Das allein zeigt eigentlich schon, dass sie eine sehr merkwürdige Wertung vornimmt.

Die Endung „-zid“ hat folgende Bedeutung:

Bedeutungen:

[1] Wortbildungselement mit der Bedeutung tötendvernichtend
[2] Wortbildungselement mit der Bedeutung TötungMord

Es ist aus meiner Sicht etwas ein „Modewort“ in Teilen des Feminismus geworden alle Taten, bei denen Frauen Opfer waren, als Femizid zu bezeichnen, was erkennbar nicht nur die Tötung einer Frau darstellen soll, sondern eine Art „Vernichtung der Frau“ ähnlich wie ein Genozid auch nicht vorliegt, wenn ein Vertreter eigens Volkes getötet wird, sondern wenn dahinter die Absicht, der Plan oder zumindest der mögliche Erfolg stehen soll, möglichst viele Vertreter dieser Gruppe zu töten.

Was natürlich Blödsinn ist: Niemand möchte die Gruppe Frau vernichten oder auslöschen, weitaus eher sind Männer in höherer Zahl Opfer von Gewalttaten, aber selbst dann sind die prozentualen Zahlen in zivilisierten Gesellschaften so gering, dass es absurd ist so zu tun als wäre es in irgendeiner Form mit einem Genozid vergleichbar.

Wenn man etwas als einen „Geschlechter“zid bezeichnen möchte, dann vielleicht die Schützengräben des ersten Weltkrieges oder andere erbarmungslose Schlachten der Geschichte. (wäre das ein „Maskuzid“?)  aber auch da trifft es nicht zu, denn man wollte ja gerade nicht Männer vernichten, weil man etwas gegen die Gruppe Mann hatte.

Genau so wenig dürfte der Täter hier etwas gegen die Gruppe Frau gehabt haben: Er konnte es anscheinend schlicht nicht ertragen, dass DIESE Frau ihn nach fünf Jahren verlassen hat und hat deswegen sie, den aus seiner Grund bestehenden Grund der Trennung und vermutlich die anderen Anwesenden erschossen. Das ist keine Rechtfertigung seiner Tat, es geht nur darum, dass er die Tat nicht gegen Frauen gerichtet hat.

Dagegen wird man ihm Feminismus oder aus Sicht der Frau Schulze vielleicht einwenden, dass ja Täter solcher „Beziehungstaten“ ganz überwiegend Männer sind und deswegen eine Tat der Gruppe Männer gegen die Gruppe der Frauen vorliegt, was die Bezeichnung Femizid rechtfertige: Nur Männer würden sich so gegenüber Frauen verhalten.

Aber das verkennt ja wieder einmal, dass da kein gemeinsamer Plan dahinter steckt, dass es äußerst selten vorkommt und eben gerade deswegen darüber berichtet wird, weil es eine seltene Tat ist.

Dagegen wiederum wird dann angeführt, dass es keineswegs selten sei:

Das „jeden Tag“-Argument ist angesichts von ca. 7.600.000.000 Menschen auf dieser Erde und 365 Tagen ein sehr schlechtes Argument. Alles, was einem mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 0,0000048%  Wahrscheinlichkeit passieren kann, passiert damit im Durchschnitt einem Menschen pro Tag. Und selbst auf Deutschland bezogen liegt die Wahrscheinlichkeit für etwas, was einmal am Tag passiert bei 80.000.000 Menschen bei 0. 00045%.

Oder zu dem Tweet:

Das sind dann 87.000 Tötungen zu  von 3.800.000.000 Frauen. Also 0,002% Im gleichen Zeitraum wurde etwa die dreifache Anzahl von Männern ermordet. Allein(!) in Brasilien jedes Jahr etwa 45.000. Von einem wasauchimmer-zid ist das weit entfernt. 

Aber es ist aus der Sicht derjenigen, die eine Opferhaltung leben wollen, natürlich ein sehr hilfreiches Wort.

Ingbert Jüdt: Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

Djadmoros oder auch Ingbert Jüdt stellt sein Buch

Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

vor. Er hat die Grundstruktur bereits bei Geschlechterallerlei dargelegt.

1. Vorweg:

Nachdem ich Anfang September auf Geschlechterallerlei das baldige Erscheinen meines Buches angekündigt habe, möchte ich nun, da es mittlerweile in der Print-Version bei Books on Demand bestellbar ist (die Ebook-Version braucht anscheinend etwas länger) und auch im Buchhandel und bei Amazon gelistet wird, Christians freundliches Angebot nutzen, hier auf »Alles Evolution« einen Buchauszug zu präsentieren. Ich wähle dazu einen Abschnitt, in dem es um Alice Schwarzer, Esther Vilar und Erin Pizzey geht (Seite 78-92), und in dem ich ein Beispiel für meine zentrale These gebe, dass Feministinnen den Mann mit der Gesellschaft verwechseln.

Gegenüber der früheren Ankündigung habe ich eine nicht unwesentliche Veränderung vorgenommen: das bisherige Kapitel 2, »Psychoanalyse zwischen Hermeneutik und Naturwissenschaft« lasse ich auf einen wohlbegründeten Ratschlag hin in dieser Form entfallen – es ist zu langwierig, zu theoretisch und inhaltlich an wichtigen Punkten nicht sauber genug ausgearbeitet. Teile der Argumentation werden aber in andere Kapitel einfließen, insbesondere in das jetzt unter der Nummer 2 geplante Kapitel über die »kulturelle Exzentrizität des Mannes«. Auch den Untertitel (bzw. Bandtitel) habe ich geändert: er lautet nun »Plädoyer für eine Historisierung«. Im Rahmen der geplanten Reihe fungiert der erste Band zwar als Einleitung, da er aber eine selbständige Argumentation entwickelt, gibt es keinen Grund, ihn so zu  nennen.

Damit gliedern sich Buch und geplantes Gesamtwerk nunmehr wie folgt:

Vorwort
1 Einleitung
1.1 Eine Revolution der expandierenden Erwartungen
1.2 Der Mythos vom Patriarchat
1.3 Der Niedergang des Feminismus
1.3.1 Emanzipation der Bürger
1.3.2 Emanzipation der Arbeiter
1.3.3 Emanzipation der Frauen
1.3.3.1 Historische Voraussetzungen einer Entstehung der Frauenbewegung im Okzident
1.3.3.2 Natur und Bildung: die bürgerliche Form der Frauenbewegung
1.3.3.3 Arbeit als Emanzipation: die sozialistische Form der Frauenbewegung
1.3.3.4 Im Narzissmus gestrandet: Frauenbewegung und Feminismus nach der »zweiten Welle«
1.4 Plan des Gesamtwerks
Literaturverzeichnis

1 Plädoyer für eine Historisierung
2 Die kulturelle Exzentrizität des Mannes
3 Der Mythos vom Matriarchat
4 Der Mythos von der Entstehung des Patriarchats
5 Der Mythos von der männlichen Herrschaft im Patriarchat
6 Der Mythos vom modernen Patriarchat
7 Der Mythos von der politischen Unschuld des Feminismus

2. Der Auszug

Die Grundstruktur, die ich aufzeigen will, ist die Kehrseite der feministischen Selbstverpflichtung, den Standpunkt der weiblichen Subjektivität ernst zu nehmen und ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die weibliche Subjektivität ins Zentrum zu rücken, führt dazu, die männliche Subjektivität an den Rand zu drängen. Dagegen ist im Sinne einer journalistischen Perspektivwahl zunächst nichts weiter einzuwenden. Es gehört zu den ureigenen Aufgaben des Journalismus, solche Schwerpunkte zu setzen und Schlaglichter zu werfen. Problematisch wird diese Schwerpunktsetzung dann, wenn sie über den journalistischen Kontext hinaus implizit oder explizit auf analytische Modelle und auf die Grundkoordinaten der Weltwahrnehmung ausgedehnt wird. In diesem Moment wird die Perspektive der Frau auf den Mann zum Stellvertreter der Perspektive der Feministin auf die Gesellschaft. Es wird dann unterstellt, dass die Perspektive des Mannes mit der Perspektive der Gesellschaft in eins falle – weil der Mann über die Frau »herrsche«. Und weil diese Herrschaft seinen Interessen entspreche und sein Privileg darstelle, darum sei diese Herrschaft mit der Struktur der Gesellschaft identisch, weshalb nicht nur von einer patriarchalischen Geschlechterbeziehung, sondern von einer »patriarchalen Gesellschaft« gesprochen werden könne – mithin vom »Patriarchat«. Diese Konstruktion birgt jedoch die Gefahr in sich, dass die beabsichtigte kritische Analytik kurzschlüssig und unmittelbar aus der Phänomenologie abgeleitet wird und daher in ihr befangen bleibt. Kürzer formuliert: Alice Schwarzer nimmt die wahrgenommene Beziehung der Frau zum Mann für die reale Struktur der Gesellschaft. Ihre regelmäßig wiederkehrende Formulierung »Männergesellschaft« ist ein Ausdruck dieser analytischen Konfusion. Dieses Unterlaufen der eigentlich erforderlichen analytischen Distanz ist aber genau das, was es Alice Schwarzer und anderen Radikalfeministinnen ermöglicht, sich in einem auf einer simplen binären Unterscheidung beruhenden, mythischen Koordinatensystem einzurichten. Dass es sich um ein mythisches Koordinatensystem handelt, lässt sich insbesondere daran zeigen, dass es von Anfang an gegen empirische Einwände verriegelt ist: Es geht nicht mehr nur darum, einer zu kurz gekommenen Perspektive weiblicher Subjektivität aufzuhelfen, sondern darum, in demselben Sinne, wie wir das oben für die »68er«-Bewegung generell beschrieben haben, eine Legitimierung und Beglaubigung feministischer Aktivitäten zu erwirken, indem eine binäre, dichotome, gleichsam »manichäische« Gegenüberstellung der Geschlechter zum sakrosankten Fundament der gesamten Weltwahrnehmung erklärt wird. Worin diese »Verriegelung gegen empirische Einwände« besteht, möchte ich nun an einigen Beispielen erläutern:

Im zweiten der Protokolle des »Kleinen Unterschieds« stellt sich im Verlauf des Gesprächs heraus, dass »Renate A., 33 Jahre, Hausfrau und Putzfrau, fünf Kinder, Ehemann Hilfsarbeiter« im Alter von elf oder zwölf Jahren von ihrem Vater über einige Jahre hinweg sexuell missbraucht worden ist. Die Tochter hatte dieses Trauma als »sexuelle Aufklärung« rationalisiert: »Ich weiß nur noch, dass er mich aufgeklärt hat. Aber richtig, gleich mit Kontakt, und so, dass ich geblutet hab.«[Fußnote 1] Als Schwarzer nachhakt, stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen länger anhaltenden sexuellen Missbrauch gehandelt hat: »Der Vater nötigte das kleine Mädchen mit einer Mischung aus Drohungen und Lockungen, mit Schlägen und Geschenken dazu, es sich gefallen zu lassen und zu schweigen.«[Fußnote 2] Mit fünfzehn Jahren gelingt es der Tochter, aus dieser Missbrauchsbeziehung auszubrechen, indem sie sie der Mutter schildert, die den Vater daraufhin anzeigt. Im Kommentar zu diesem Protokoll weist Schwarzer darauf hin, dass es dennoch die Tochter ist, die sich ein schlechtes Gewissen macht, weil der Vater zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. »Nicht der Vater, sondern das ausgelieferte kleine Mädchen hat deswegen noch ein schlechtes Gewissen – es wird ihr von ihrer Umwelt aufgezwungen, die ihr die ›Schande‹ zuschreibt, nicht dem Vater. Sie ist die Nutte.«[Fußnote 3] Im Bedürfnis, diese Skandalisierung noch zu steigern, schreibt Schwarzer sodann:

»Man stelle sich den Fall umgekehrt vor: Mutter missbraucht jahrelang Sohn. Niemand hätte den Jungen verachtet, die Mutter aber wäre reif für die Psychiatrische gewesen – aus der man bekanntlich schwerer wieder herauskommt als aus dem Gefängnis.«[Fußnote 4]

Als Alice Schwarzer dies im Jahre 1975 schreibt, ist Andreas Marquardt, geboren 1956, ein Kampfsportler und gewalttätiger Zuhälter und damit ein Inbegriff des von Schwarzer angeprangerten »Patriarchats«, bereits neun Jahre lang, vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr, von seiner Mutter sexuell missbraucht worden. Eine Chance, dafür auch nur Glauben zu finden, geschweige denn seine Mutter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen und ins Gefängnis zu bringen, hatte er zu dieser Zeit nie, selbst nach der Jahrtausendwende war es noch schwierig genug. Seine Mutter hat er als Erwachsener, drei Wochen vor ihrem Tod, noch damit konfrontiert. Zu einer juristischen Aufarbeitung kam es darum aber nicht mehr. Was Alice Schwarzer hier behauptet, könnte daher von der Realität nicht weiter entfernt sein: Die Drohungen von Marquardts Mutter, ihren Sohn »ins Heim zu stecken« oder ihn der Lüge zu bezichtigen, waren, wenn man die Resultate vergleicht, wesentlich effektiver, als sie es bei dem geschilderten Missbrauch der Tochter durch ihren Vater gewesen war.

»Na, was meinst Du wohl, wem man mehr glaubt, einer Mutter oder dem missratenen Sohn, der nichts anderes als seinen Sport im Kopf hat? Sieh dich vor, mein Bürschchen! Was du vorhast, ist Verrat. Plapperst du auch nur ein Sterbenswörtchen aus, gebe ich dich weg, ich sorge dafür, dass du ins Heim kommst.«[Fußnote 5]

Anders als das Mädchen hatte dieser Junge nicht die geringste Chance, mit 15 Jahren eine Anschuldigung auszusprechen und seine Mutter zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Marquardts Mutter wäre nicht »in die Psychiatrische« gekommen – die Gesellschaft hätte jede Anklage gegen sie als Ungeheuerlichkeit »gegenüber der eigenen Mutter« empfunden – und damit den anklagenden Sohn verachtet. Nicht für das, was ihm widerfahren ist, sondern dafür, dass er ausgesprochen hätte, was ihm widerfahren ist – so wie noch in den 1990er Jahren, als er wegen seiner Gewaltexzesse gegen Frauen vor Gericht stand:

»Als der Richter mich fragte, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen hätte, erzählte ich die Geschichte mit Mutter. Vermutlich reagierte er genauso skeptisch wie die meisten Leute im Saal, das war an den verständnislosen Blicken abzulesen. Was erzählt der Typ denn da über seine Mutter? So was macht eine Mutter doch nicht! Alle schauten mich an, als würde ich mich mit einer Gruselgeschichte interessant machen wollen.«[Fußnote 6]

Der Unterschied zwischen beiden Fällen besteht in einem gesellschaftlichen Tabu, welches den sexuellen Missbrauch durch Mütter für unmöglich erklärt, während dem Mann dasselbe ganz selbstverständlich zugetraut wird – ein Tabu, das Schwarzer nicht nur nicht hinterfragt, sondern aktiv reproduziert. Man könnte nun einwenden, dass das eben nicht dem damaligen Stand des Wissens entsprach und es darum unfair sei, Schwarzer diesen Vorwurf zu machen. Tatsächlich ist es aber bis zum heutigen Tag schwer, dieses Tabu zu überwinden, und zwar wesentlich darum, weil eine feministische Ideologie tatkräftig zu seiner Befestigung beigetragen hat. Das wird auch durch den Bericht der Pädophilie-Kommission der Grünen von 2015 bestätigt, aus dem klar hervorgeht, dass Jungen als Opfer pädosexueller Gewalt aus ideologischen und taktischen Gründen vernachlässigt wurden[Fußnote 7]. Es ist die mythische Struktur des radikalfeministischen Denkens, welche es darauf festlegt, nicht in analytischer Distanz generell nach den Orten, Zeiten, Tätern und Opfern von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und häuslicher Gewalt zu fragen, sondern darauf, sich in manichäischer Weise auf den Missbrauch von Töchtern durch Väter, auf die Vergewaltigung von Frauen durch Männer und auf die häusliche Gewalt von Männern gegen Frauen zu beschränken – weil alle Feministinnen bereits »wissen«, dass die »Gesellschaft« eben ein »Patriarchat« ist. Bei Alice Schwarzer hätten wir womöglich sogar damit rechnen müssen, dass sie eine Beschuldigung von Andreas Marquardt gegen seine Mutter als Versuch eines Sohnes gewertet hätte, »patriarchale Macht« gegen sie auszuüben. Schließlich mag der Einwand erhoben werden, dass die Frauenbewegung dieses Tabu, wenn es damals bereits in Kraft war, wohl kaum selbst erfunden haben könne. Das ist zutreffend, legt aber nahe, dass der Feminismus nicht, wie beansprucht, die Mythen der bürgerlichen Geschlechtsrollen überwunden, sondern sie mindestens teilweise selbst in Anspruch genommen hat. Wichtige Teile des »Mythos vom Patriarchat«, nämlich eine Idealisierung der Frau und eine tiefsitzende Männerverachtung, gehen offenbar auf unkritisch weitergeführte ältere Bestandteile der bürgerlichen Ideologie zurück. Wir werden darauf noch ausführlich zurückkommen.

Auf eine analoge Entwicklung stoßen wir beim Thema der häuslichen Gewalt. In der Einleitung zu dem 2007 auf Englisch und 2013 auf Deutsch erschienenen Handbuch »Familiäre Gewalt im Fokus« schreiben die Herausgeber Hamel und Nicholls:

»Auf dem Gebiet der häuslichen Gewalt findet eine Revolution statt. Eine wachsende Anzahl von Forschungsergebnissen stellt in aller Ruhe und ohne großes Aufsehen einige der meistgeschätzten und am längsten bestehenden Annahmen in Frage, die die Voraussetzung für Gesetzgebung und Intervention zu familiärer Gewalt bilden … . Untersucht wird dabei die Rolle, die von Frauen ausgeübte (verbale, emotionale und physische) Gewalt in der Dynamik von Partnerschaften spielt, sowie die systemischen Eigenschaften des Missbrauchs von Partnern in Paarbeziehungen und Familien und die Grenzen von ideologisch geprägten, nach ›Einheitsmodellen‹ (one-size-fits-all) operierenden Behandlungs- und Therapieansätzen.«[Fußnote 8]

Mehrere Aspekte sind hervorzuheben: Erstens ist das quantitative Verhältnis der Beziehungsgewalt völlig anders als lange Zeit angenommen: Nach heutigen Erkenntnissen müssen wir davon ausgehen, dass von Männern und Frauen ausgeübte häusliche Gewalt ungefähr gleichverteilt ist, wobei einseitig ausgeübte Gewalt sogar häufiger von Frauen ausgeht.[Fußnote 9] Zweitens wird die Perspektive einer einseitigen und hierarchischen Gewaltbeziehung durch die systemische Perspektive einer wechselseitigen Verstrickung in Gewalt und einer beidseitigen Verantwortung für Kommunikationsverhalten ersetzt. Drittens wird für das Zustandekommen der bisherigen verkürzten Sicht auf den Problembereich ausdrücklich eine »Patriarchatshypothese« als ursächlich gesehen. Die von Susan Brownmiller in Bezug auf Vergewaltigungen formulierte Behauptung, Vergewaltigung sei

»nicht mehr und nicht weniger als eine Methode bewußter systematischer Einschüchterung, durch die alle Männer alle Frauen in permanenter Angst halten«[Fußnote 10],

kann auch in Bezug auf Beziehungsgewalt als ein locus classicus der Patriarchatsthese gelten. Die jüngeren empirischen Befunde sprechen freilich klar dagegen,

»darunter jene, die zeigt, dass nur 9,6 Prozent aller Paare in den Vereinigten Staaten männlich dominiert sind, jene, die zeigt, dass Frauen mindestens ebenso gewalttätig sind wie Männer, dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit brutale Gewalt gegen nicht gewalttätige Männer einsetzen als im umgekehrten Fall, dass eher Machtlosigkeit als Macht im Zusammenhang mit Gewalt von Männern steht, und dass keinerlei Datenmaterial die Vorstellung stützt, die Männer in Nordamerika fänden Gewalt gegen ihre Ehefrauen akzeptabel. (…) Und schließlich sind Missbrauchsfälle in lesbischen Beziehungen häufiger als in heterosexuellen Beziehungen, was darauf hindeutet, dass der Intimität und den psychologischen Faktoren, die diese regulieren, mehr Bedeutung zukommt als dem Sexismus.«[Fußnote 11]

Dennoch ist diese einseitige Sichtweise im sogenannten Duluth-Modell für die Handhabung von Beziehungsgewalt durch amerikanische Behörden zur offiziellen und verbindlichen Vorgabe geworden: »Dem Duluth-Modell zufolge müssen alle Männer, ungeachtet der ätiologischen Unterschiede, wie patriarchale Terroristen behandelt werden.«[Fußnote 12]

Auch hier könnte der Einwand kommen, dass diese Befunde in den 1970er Jahren eben noch nicht verfügbar waren. Es trifft sicher zu, dass es damals keine entsprechend breite Datenbasis gab. Was es aber gab, waren Einsichten aus der Praxis, insbesondere diejenigen der Gründerin der britischen Frauenhausbewegung, Erin Pizzey, die vom Anfang der 1970er Jahre stammten:

»Jede Zuflucht war besser als keine, aber es beunruhigte mich, dass Menschen, die an solchen Orten arbeiteten, die Vorstellung verbreiteten, dass alle Frauen unschuldige Opfer der Gewalt von Männern seien. Von den ersten hundert Frauen, die durch unsere Türen kamen, waren zweiundsechzig so gewalttätig wie die Männer, die sie zurückgelassen hatten. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass den Männern immer die Schuld für die Gewalt innerhalb einer Familie gegeben werden würde und dass … man Falschaussagen gegen sie machen würde und dass man jedesmal den Frauen glauben würde.«[Fußnote 13]

Pizzey wies darauf hin, dass es zwei Typen von Klientinnen gab: diejenigen, die nach einer Gewalterfahrung das Frauenhaus so bald wie möglich wieder verließen und ihre Partnerwahl anpassten, und diejenigen, die in schwer zu durchbrechende Gewaltzyklen verstrickt waren, an deren Zustandekommen sie beteiligt waren.

»Für Gewalt anfällige Frauen kehren in der Regel oft nach Hause zurück und nutzen in ihren weiteren Kämpfen gegen ihre Partner ein Frauenhaus oft als Drehtür. Wenn sie gehen, stehen die Chancen gut, dass sie sich sehr schnell in einer anderen gewalttätigen Beziehung wiederfinden.«[Fußnote 14]

Für unsere Argumentation bedeutsam ist die Feststellung, dass diese Erkenntnisse von den damaligen Feministinnen nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern aktiv unterdrückt wurden:

»Wie zu erwarten machte mich diese Theorie zu einer Hassfigur, und Journalistinnen, die zu mir kamen, weigerten sich im Allgemeinen, zu veröffentlichen, was ich zum Thema Frauen mit gewalttätigen Tendenzen zu sagen hatte. Die meisten Interviewer waren Feministinnen, und ich hatte damals den Eindruck, dass die Erkenntnisse unserer Arbeit – so umstritten sie auch damals waren – niemals ans Tageslicht kommen würden.«[Fußnote 15]

Die britische Frauenhausbewegung wurde von der radikalfeministischen Fraktion gekapert, die sich bald erfolgreich um staatliche Gelder bemühte und sie in ihren eigenen Aufbau von Infrastrukturen steckte. Ein Versuch von Pizzey, Gelder für ein Gewaltschutzprojekt aufzutreiben, das Männern zugutekommen sollte, blieb aussichtslos. Die Anfeindungen gegen Pizzey nahmen schließlich so sehr zu, dass ihre Post von der Polizei routinemäßig auf Briefbomben hin überprüft wurde. Der Anlass war das Eintreffen eines Päckchens ohne äußerlich erkennbaren Absender, von dem sich schließlich nach polizeilicher Untersuchung herausstellte, dass es ein unverlangt gesendetes Stück Tofu als Warenprobe enthielt.

»Ich kam mir ziemlich blöd vor, aber der höchst unangenehme Aspekt dieses Vorfalls war, dass der diensthabende Polizist sagte da ich eine umstrittene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sei, müsse von nun an alle meine Post und Pakete zunächst vom Bombenkommando untersucht werden. Erst dann würde es Briefe und Pakete an mich weiterleiten.«[Fußnote 16]

1981 entschloss sie sich schließlich, Großbritannien zu verlassen und in die USA überzusiedeln. Pizzeys Beispiel zeigt, dass die Entstehung der neuen Frauenbewegung mit einer durchaus gewaltsamen Verdrängung ideologisch abweichender Standpunkte verbunden gewesen ist. Diese Tendenz zur ideologischen Schließung betraf nicht nur Reizthemen wie die häusliche Gewalt, sondern war in den Frauenprojekten generell zu finden.

»Da die Frauen auf Regularien, Satzungen und formale Hierarchien verzichteten, ersetzte Gruppendynamik formale Verhaltensregeln, so dass verdeckte Machtstrukturen sich ungebremst und unkontrolliert durchsetzten – wer aus den Aktionen und Interpretationen der Frauengruppe ausscherte, wurde geschnitten oder sogar aktiv angegriffen.«[Fußnote 17]

Eine gewaltbesetzte Urszene der Etablierung des Mythos vom Patriarchat in Deutschland ist die Auseinandersetzung zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar. Vilar hatte 1971 die polemische Streitschrift »Der dressierte Mann« veröffentlicht, in dem sie die radikalfeministische These einer Unterdrückung der Frauen durch die Männer umkehrte. Tatsächlich, so behauptete sie, sei der typische berufstätige Mann ein manipuliertes, dressiertes Wesen, das von seiner Frau dazu gebracht würde, sich ein Leben lang im Erwerbsleben abzurackern, um ihr ein Leben ohne eigene Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

»Was ist der Mann? Der Mann ist ein Mensch, der arbeitet. Mit dieser Arbeit ernährt er sich selbst, seine Frau und die Kinder seiner Frau. Eine Frau dagegen ist ein Mensch, der nicht (oder nur vorübergehend) arbeitet. Die meiste Zeit ihres Lebens ernährt sie weder sich selbst noch ihre Kinder, geschweige denn ihren Mann. Alle Eigenschaften eines Mannes, die der Frau nützen, nennt sie männlich, und alle, die ihr nicht nützen und auch sonst niemandem, nennt sie weibisch. Der äußeren Erscheinung eines Mannes wird deshalb nur dann Erfolg bei den Frauen beschieden sein, wenn sie männlich ist, das heißt, wenn sie ganz auf den einzigen Daseinszweck des Mannes, die Arbeit, abgestimmt und dermaßen gestaltet ist, daß er jeder Aufgabe, die man ihm stellen könnte, jederzeit nachkommen kann.«[Fußnote 18]

Der polemische Charakter des Textes ist offensichtlich. Dennoch formuliert er Einsichten, denen gegenüber sich die feministische Perspektive blind stellt, nämlich dass der Mann auf seine eigene Weise in Abhängigkeiten und Unterwerfungsbeziehungen steckt, denen er nicht entrinnen kann, weil er über die ihm im Zerrbild vom »Patriarchen« unterstellte Machtfülle und Machtvollkommenheit gar nicht verfügt. Vilar weist auf die Ironie der feministischen Kritik hin:

»So absurd es klingt: In der heutigen Welt brauchen die Männer die Feministinnen weit dringender als ihre Ehefrauen. Sind diese doch die letzten, die sie noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen – eigenwillig, machtbesessen, rücksichtslos und ohne jede Hemmung, wenn es um die Befriedigung ihrer animalischen Instinkte geht. (…) Ohne ihre unermüdlichen Anklagen gäbe es den ›Macho‹ höchstens noch im Kino.«[Fußnote 19]

Es sind solche Einsichten, die sich genau an jenem blinden Punkt der feministischen Perspektive befinden, an dem ihr die Sicht auf die Gesellschaft durch die Sicht auf die Beziehung der Frau zum Mann verstellt wird. Das gesellschaftliche System, in dem Männer und Frauen gleichermaßen und gemeinsam leben, fällt nicht mit der Position des Mannes in eins, und seine Eigenschaften leiten sich nicht allein aus angeblich ausschließlich von Männern gestalteten Machtbeziehungen zu Frauen her. Vilars These nimmt vorweg, was systematisch und ohne Polemik erst gut zwanzig Jahre später von Warren Farrell in »The Myth of Male Power« ausformuliert wurde: dass man die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durchaus so bilanzieren kann, dass auch die männlichen Kosten einer Zugehörigkeit zur Zivilisation sichtbar werden, die zwar anders als die weiblichen Kosten beschaffen, aber darum keineswegs geringer sind. Farrell zufolge sind Männer »the disposable sex«, wobei sich die Bedeutungsvielfalt von »disposable« von »frei verfügbar« und »disponibel« über »entbehrlich« bis hin zu »wegwerfbar« und »Einweg-« erstreckt.[Fußnote 20] Sinngemäß wäre auch noch »verheizbar« passend. Dadurch relativiert sich auch die von der Frauenbewegung skandalisierte ökonomische Abhängigkeit der Frau vom Mann. In Vilars Worten: »Der Mann ist der Frau nicht wichtig genug, daß sie sich gegen ihn auflehnt. Ihre Abhängigkeit von ihm ist ja nur materieller, gewissermaßen ›physikalischer‹ Art. Es ist die Abhängigkeit des Touristen von seiner Fluggesellschaft, eines Wirts von seiner Kaffeemaschine, eines Autos vom Benzin, eines Fernsehgeräts vom Strom. Solche Abhängigkeiten bereiten keine Seelenqualen.«[Fußnote 21] Vilar plädiert im Kern dafür, das Verhältnis von Männern und Frauen zumindest in der modernen Erwerbsgesellschaft nicht als ein hierarchisches, sondern als ein komplementäres Verhältnis zu betrachten. Die moderne Gesellschaft für ein »Patriarchat« zu halten, ist ihr zufolge daher unsinnig. Auch diese These werde ich in einem eigenen Kapitel ausführlich verteidigen. An dieser Stelle lege ich Wert auf die Feststellung, dass – ganz analog zur Problematik der häuslichen Gewalt – die grundsätzliche Intuition, dass die radikalfeministische Perspektive ein radikal schiefes und radikal einseitiges Bild auf das Geschlechterverhältnis zeichnet, bereits Anfang der 1970er Jahre verfügbar war, und dass diese Intuition gewaltsam aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wurde. Exemplarisch für diese Gewaltsamkeit ist nicht nur die gegen Vilar ausgeübte physische Gewalt (sie wurde auf der Toilette der Münchner Staatsbibliothek von vier Frauen zusammengeschlagen), sondern insbesondere das im Februar 1975 vom WDR übertragene, unmoderierte Streitgespräch zwischen Vilar und Schwarzer: »Alice kontra Esther«[Fußnote 22]. Dieses Streitgespräch hat Schwarzer im »Kleinen Unterschied« auf folgende Weise kommentiert:

»Mit der Irrationalität der Männer habe ich selbst eine besonders exemplarische Erfahrung dank der Fernsehdiskussion mit Esther Vilar machen dürfen. Da wurde in den Medien von Springer bis ›Vorwärts‹ nicht etwa über Inhalte berichtet, sondern nur darüber, wie aggressiv doch die eine (ich natürlich) und ›charmant‹ doch die andere (Männerfreundin Vilar natürlich) gewesen sei. (…) Gleichzeitig sagt aber diese beispiellose Diffamierungskampagne vor und nach der Sendung ungewollt etwas aus über die heutige Stärke der Frauen und die Schwäche der Männer. Da beschlägt’s auch den sanften Patriarchen die Brille, da sehen sie nichts als die von ihnen so viel beschworene Karikatur, denn – da geht es um ihre Privilegien.«[Fußnote 23]

Was wurde in dieser Fernsehdiskussion debattiert? Ein wichtiger Punkt war beispielsweise die Frage nach der von Frauen geleisteten Hausarbeit. Während Schwarzer sie als unbezahlte Hausarbeit betrachtet, betrachtet Vilar sie als bezahlt aus dem Einkommen des Mannes. Vilar gibt hier schlicht das in der Nachkriegszeit vorherrschende Modell eines aus einem einzelnen männlichen Ernährerlohn gebildeten Familieneinkommens korrekt wieder.[Fußnote 24] In der Sache ist Schwarzers Ansicht daher falsch, denn der Transfergedanke des Ernährereinkommens war ein fester Bestandteil der dahinterstehenden politischen Intentionen. Einer von Vilars Haupteinwänden gegen die feministische Kritik lautete zudem, dass sich sehr viele Frauen in einem solchen Modell freiwillig und gerne einrichten – insbesondere dann, wenn es sich aufgrund des Berufs des Mannes um ein hohes Familieneinkommen handelt. Und sie betont, dass es praktisch niemals vorkomme, dass eine Frau sich ihr gesamtes Leben lang für den Erwerb zugunsten eines Ehemannes und der gemeinsamen Kinder zuständig fühle. Diesen biografischen Zwangscharakter der männlichen Ernährerrolle ist Schwarzer außerstande, wahrzunehmen. Ein anderes Thema ist Vilars scharf formulierter Vorwurf an die Feministinnen, sie würden einen »männlichen« Feminismus betreiben und sie seien »Nachplapperer, deren einzige Legitimation ihre Vagina sei«, weil »weder Mut noch Originalität« dazugehöre, sich in entsprechender Weise zu äußern. Vilar will, wie bereits zitiert, damit unter anderem zum Ausdruck bringen, dass Feministinnen »die letzten (sind), die sie« – also die Männer – »noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen«, nämlich als stark und machthabend. Auch hier formuliert Vilar zu einem sehr frühen (und wahrscheinlich zu frühen) Zeitpunkt eine Intuition, die erst in einigen nach der Jahrtausendwende erschienenen Arbeiten klar herausgearbeitet wird:[Fußnote 25] dass nämlich die »Verweichlichung« und Entmachtung des patriarchalen Mannes bereits mit dem Beginn der modernen Ära am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt und diesem Modell des patriarchalen Mannes im Zeitalter der industriellen Erwerbsarbeit daher keine Realität mehr entspricht. Da Vilars Ansicht jedoch nicht dem Umstand gerecht wird, dass durch die Befreiung der Sexualität in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Frauen und Männer tatsächliche Probleme entstehen, fehlt ihr das Verständnis für die durchaus vorhandenen historischen Gründe, die zu einem Entstehen der Frauenbewegung führen. Ein wechselseitiges Verständnis der jeweiligen Positionen war damit blockiert.

Alice Schwarzer freilich ist ohnehin entschlossen, diesen Gordischen Knoten des wechselseitigen Nichtverstehens nach der originalen alexandrinischen Art mit einem Gewaltstreich zu lösen. Sie, die insgesamt länger und auch länger am Stück redet, bemüht sich durchgehend, Vilars Ideen als groteske Abweichung von dem, »was alle wissen«, darzustellen. Diese Berufung auf einen »common sense« soll die Wahrheit ihrer eigenen Perspektive dort verbürgen, wo es tatsächlich mehr als eine Perspektive gibt oder Vilars Perspektive – wie beim Familieneinkommen – näher an der Sache liegt. Auch explizit bezeichnet sie Vilars Texte mehrfach als Unsinn, den man nicht ernst nehmen müsse. Während Vilar durchgehend sachlich und auch freundlich antwortet, ist Schwarzers verbales Verhalten drängend und bleibt nicht auf der Inhaltsebene, sondern zielt taktisch auf Eindrücke beim Publikum – sie versucht, Vilar als absurde Person in einer Außenseiterposition vorzuführen. Der Höhepunkt der Diskussion ist jedoch der Moment nach 29 der insgesamt knapp 43 Minuten, in dem Schwarzer ihr taktisches Verhalten zu einer massiven Beschuldigung steigert:

»Denn ich muss Ihnen ehrlich sagen, als das anfing vor drei Jahren, da habe ich gedacht, naja, um Gottes willen, was soll dieses konfuse Zeug, da braucht man gar nicht erst drauf einzugehen, da macht man nur Reklame für – und es ist aber so, dass sie einer Gesellschaft offensichtlich, der einige Ideen, die aus unserer Ecke kommen, stinken, gerade recht kommen, und dass sie in einem Ausmaß propagiert werden, dass man sich zwar nicht mit ihren sogenannten ›Ideen‹ auseinandersetzen muss – dafür sitze ich auch nicht hier – sondern ich glaube, man muss sich damit auseinandersetzen, dass sie in allen Medien und überhaupt in der Öffentlichkeit ein solches Forum finden mit diesen Geschichten – erstens, und zweitens muss man glaub ich endlich auch mal aufhören zu scherzen – ich meine, ich lache auch lieber, als dass ich dramatisch werde, das entspricht mehr meinem Naturell – aber das ist nicht der Moment – ich glaube wirklich, dass Ihre Bücher – ich hab sie also gestern mir noch mal systematisch durchgeschaut, weil ich wissen wollte, mit wem ich es zu tun habe – ich glaube, dass Ihre Bücher so unerhört sind, eine solche Beleidigung sind, so infam sind, dass ich heute ernsthaft überlege, ob Frauen sich nicht erkundigen sollten, nicht abchecken sollten, ob man Ihnen nicht einen Prozess machen sollte, denn! – und das möchte ich Sie jetzt fragen, wenn sie in ihren Büchern das Wort ›Frau‹ ersetzen würden durch das Wort ›Jude‹ oder ›Neger‹, dann wären ihre Schriften reif für den Stürmer. Sie sind nicht nur Sexistin, sie sind auch Faschistin.«

An dieser Stelle wird endgültig erkennbar, dass Schwarzer gar nicht daran denkt, Vilars Texten tatsächlich auf der inhaltlichen Ebene zu begegnen, sondern mit Taktiken, die man heute als »diskursive Gewalt« bezeichnet, darauf abzielt, sie öffentlich zu stigmatisieren und in eine Tabuzone der Berührungsverbote abzudrängen. Dass Vilars Bücher der Textgattung der Polemik angehören, also gerade nicht wie die Texte der Nazis buchstäblich gemeint sind, ignoriert Schwarzer ebenso gezielt wie den gesamten ideengeschichtlichen Kontext, insofern sie Vilar eine menschenverachtende Ideologie nur unterstellen, aber nicht nachweisen kann. Tatsächlich beutet Schwarzer hier – ob bewusst oder intuitiv – zusätzlich den für das Publikum nicht nur der damaligen Zeit kathartischen Effekt aus, einer jüdischen Autorin, die aufgrund der Emigration ihrer Eltern im argentinischen Exil geboren wurde, »Faschismus« zu unterstellen. Henryk Broder hat dieses Verhalten Schwarzers, das bei ihr ein durchgehendes Verhaltensmuster darstellt, in einem Blogbeitrag von 2008 sarkastisch auf den Punkt gebracht:

»Frau Schwarzer gehört zu den vielen deutschen Gutmenschen, die unter akutem ›Holocaust-Neid‹ leiden und deswegen keine Gelegenheit auslassen, sich auch als Opfer der Geschichte zu definieren. Und da sind die Juden natürlich das Maß aller Dinge.«[Fußnote 26]

[Fußnote 1] Schwarzer 2002, S. 40

[Fußnote 2] a.a.O.

[Fußnote 3] a.a.O., S. 50 f.

[Fußnote 4] a.a.O., S. 51

[Fußnote 5] Marquardt 2015, S. 246

[Fußnote 6] Marquardt 2015, S. 215 f.

[Fußnote 7] »Innerhalb der Frauenbewegung, die um die Öffentlichkeit und Akzeptanz des Themas Missbrauch von Mädchen kämpfte und sich durch das Thema Missbrauch von Jungen (›wieder rücken die Jungen/Männer in den Vordergrund und verallgemeinern das Thema‹) wieder übergangen fühlte, war das Thema Pädophilie nicht sehr interessant. Es wurde außerdem als Konkurrenz abgelehnt. Diese Haltung teilte letztlich der (Landes-) Frauenbereich der AL.« Bündnis 90/DIE GRÜNEN 2015, S. 65 f. Siehe zum Thema auch Lucas Schoppe, »Wie die Grünen Jungen opferten« (https://man-tau.com/2015/12/08/wie-die-grunen-jungen-opferten/)

[Fußnote 8] Hamel/Nicholls 2013, S. 17

[Fußnote 9] Hamel/Nicholls 2013, S. 172

[Fußnote 10] Brownmiller 1980, S. 22

[Fußnote 11] Hamel/Nicholls 2013, S. 66

[Fußnote 12] a.a.O.

[Fußnote 13] »Any refuge was better than none, but it concerned me that people working at such places should spout the notion that all women were innocent victims of men’s violence. Of the first hundred women who came through our doors sixty-two were as violent as the men they had left behind. I had to face the fact that the males were always going to be blamed for violence within a family and that … false claims would be made against them and that the women would always be believed. « (Pizzey 2011, S. 82, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 14] »Violence-prone women usually return home many times and often use a refuge as a revolving door in their continued battles against their partners. If they do leave, the chances are they will very quickly find themselves in another violent relationship.« (a.a.O., S. 83, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 15] »Predictably, this theory turned me into a figure of hate, and female journalists who came to interview me generally refused to publish what I had to say on the subject of women with violent tendencies. Most of the interviewers were feminists, and I got the impression back then that our findings from our work – controversial as these were at the time – were never going to be allowed to emerge into the light of day.« (a.a.O., Übersetzung I. J.)

[Fußnote 16] »I felt really stupid, but the chilling aspect of this incident was that the policeman in charge said that from now, as I was a controversial public figure, all my post and parcels must come to the bomb squad first to be examined. It would then forward letters and packages to me.« (Pizzey 2011, S. 283, Übersetzung von mir.)

[Fußnote 17] Reichardt 2014, S. 610

[Fußnote 18] Vilar 1987, S. 17

[Fußnote 19] a.a.O., S. 10

[Fußnote 20] Farrell 2002

[Fußnote 21] Vilar 1987, S. 26

[Fußnote 22] Die Sendung unterliegt auf youtube Copyright-Einschränkungen, weshalb verweisende Links immer wieder ins Leere führen, so auch der Link auf Alice Schwarzers eigener Website: https://www.aliceschwarzer.de/artikel/alice-schwarzer-contra-esther-vilar-318407. Auf dem Stand vom 26.06.2019 habe ich eine Version mit spanischen Untertiteln gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=stP_I8h4Y68

[Fußnote 23] Schwarzer 2002, S. 289

[Fußnote 24] Berninger/Dingeldey 2013

[Fußnote 25] Vgl. unten Kap. 1.3.3.2

[Fußnote 26] http://henryk-broder.com/hmb.php/blog/article/3714

Kommentar zur Auswertung der Anhörung des Rechtsausschusses des Bundestages vom 25.09.2019

Der  IG-JMV hat eine Auswertung  der zur Anhörung des Rechtsausschusses des Bundestages vom 25.09.2019 geschrieben, zu der ich auch ein paar Anmerkungen machen möchte:

 

In der o. a. Anhörung des Rechtsausschusses des Bundestages sprachen sich die Sachverständigen für eine Verbesserung der Qualität von familiengerichtlichen Verfahren aus. Die anwesenden Experten bestätigten den von den Antragstellern gesehenen Reformbedarf.

Die in der Interessengemeinschaft Jungen Männer und Väter (IG-JMV) zusammengeschlossenen Verbände begrüßen insbesondere die von den anwesenden Richtern und Anwälten (m/w/d) mündlich vorgetragenen Darlegungen, in denen sie die Unzulänglichkeiten der familiengerichtlichen Verfahren schonungslos offenlegten.

In der Öffentlichkeit stand bis jetzt vor allem die Arbeit von Jugendämtern, Sachverständigen und Verfahrensbeiständen in der Kritik. Die Richterschaft war aufgrund ihres hohen Ansehens von Kritik verschont geblieben. Dankenswerterweise öffneten jetzt die leitenden Richter (m/w) die Büchse der Pandora und ermöglichen so einen Diskurs über notwendige Veränderungen in der Arbeit der Familiengerichte.

Kritik und Diskurs ist in der Tat immer gut. Ebenso ist es gut die Kritik wiederum der Kritik zu unterziehen. Vieles hat eben auch zwei Seiten. Interessant ist auch immer: Was macht man statt dessen und was hat dies wieder für Nachteile.

Zu bedenken sind vor allem die Aussagen zweier Sachverständiger, die die Rechtsstaatlichkeit in familiengerichtlichen Verfahren bemängelten:

  1. Familienrichter unterlassen es in der Regel, sich selbst ein Bild über den vorliegenden Fall zu machen und verlassen sich auf die Aussagen von Jugendamtsmitarbeitern (m/w/d) und Sachverständigen. So wird nach Aussagen der Experten dem gesetzlich vorgeschriebenen Amtsermittlungsgrundsatz nicht nachgekommen.

In der Tat sind die Jugendamtsmitarbeiter, noch mehr aber die Verfahrensbeistände zu einem gewissen Teil zu „Ersatzrichtern“ geworden. Der Gedanke war ursprünglich, dass die Neutralität des Richters gewahrt bleiben muss und dieser sich nicht zu den einzelnen Parteien begeben kann um alleine mit diesen zu reden und dort auch ein ungezwungeneres Gespräch aufzubauen, sich die Räumlichkeiten anzuschauen, alleine mit den Kindern zu reden etc. Denn dann kommt er schnell in den Verdacht parteiisch gewesen zu sein, weil er hier länger war oder dort freundlicher. Und die Fairness des Verfahrens würde es dann wieder gebieten, dass bei den Gesprächen des Richters alle Parteien anwesend sein dürfen. Was dann die Gespräche wieder problematischer macht.

Also dachte man, dass man den Verfahrensbeistand einrichtet und ihm eine neutrale Position gibt in dem man ihn eben als „Beistand des Kindes“ etabliert. Die Idee war, dass die beide Eltern sich Anwälte nehmen können, die den Vortrag für sie positiv ausgestalten, aber niemand darauf achtet, was eigentlich mit dem Kind los ist. Das wollte man durch die Schaffung des Verfahrensbeistandes lösen.

Das Jugendamt  wiederum wurde involviert, weil man deren Kenntnisse, etwa aus früheren Verfahren, verwerten wollte.

Beide Quellen sind nur so gut wie die jeweils dort agierenden Personen. Wenn diese einen fairen und guten Job machen, dann sind sie in der Tat Augen und Ohren des Gerichts, um so eher ihre Aussagen von einer subjektiven Komponente geprägt sind, um so problematischer kann es sein, weil deren Aussage dann quasi nicht zu widerlegen ist, weil ja sonst keiner dabei war. Es greift das zusätzliche Problem, dass Richter dazu neigen den jeweiligen Personen dann auch eher glauben zu schenken, schlicht weil sie weniger emotional in die Sache eingebunden sind und keine eigenen Vorteile vom Ausgang haben.

Sachverständige müssen das nicht verbessern, denn auch diese haben eine sehr kurze Zeit sich ein Bild von der Angelegenheit zu machen und  im Familienrecht ist vieles dann schlicht Ansichts- und Auslegesache.
Steht im Gutachten, dass das Kinderzimmer „Karg und wenig kindgerecht“ eingerichtet ist dann hat das eine andere Wertung als wenn dort „zwar schlicht, aber funktionell“ eingerichtet steht. Und wenn ein Sachverständiger Aufgeregtheit des Kindes mit Befangenheit gegenüber dem Elternteil verwechselt, dann kann es auch schnell in die falsche Richtung gehen.

Aber auch das Problem ist schwer zu korrigieren: Die richterliche Einschätzung ohne Sachverständigen, der ja üblicherweise Psychologe etc ist ist ja noch viel subjektiver und noch weniger auf „Fakten“ hin überprüfbar.

Aber in der Tat wird heute auch fast zwingend verlangt, dass der Richter das Kind, wenn die Eltern sich nicht einigen können, selbst anhört. Das geschieht dann üblicherweise in einem separaten Zimmer des Gerichtes und auch dann hängt vieles davon ab, wie sich das Kind öffnet, was es sagt und wie man es interpretiert.

  1. Frau Lies-Benachib (djb) trug den Ansatz vor, Familienrichter als Fachrichter auszubilden und zu qualifizieren. Im Zuge der zunehmenden Verkomplizierung der Gesetze auch im Familienrecht (BGB, FamFG, SGB VIII usf.) spezialisieren sich die Fachanwälte – auch im Familienrecht. Es erscheint als zielführend, den aktuell geltenden Ansatz der Universalrichterschaft aufzugeben zugunsten von speziell ausgebildeten Fachrichtern / Familienrichtern (m/w/d).

Es gibt ja bereits Familienrichter. Während in einem normalen Zivildezernat an einem Amtsgericht alle Fälle eingehen, die das normale Zivilrecht mit sich bringt, ist das Familienrecht eben beim Familiengericht angesiedelt, dem Richter mit entsprechenden Stellen zugewiesen werden. Natürlich fangen hier Richter (nicht anders als Rechtsanwälte auch) mal ohne Wissen an, aber gerade weil es ein Bereich ist, der im Studium nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt, besuchen sie üblicherweise Kurse an der Deutschen Richterakademie und hospitieren bei Kollegen, die das schon länger machen.

Natürlich haben sie auch eine gewisse Vorbereitungszeit, denn die Verhandlung findet ja statt, nachdem erst einmal schriftlich vorgetragen wird, so dass es möglich ist sich in jedes Thema einzuarbeiten und die Rechtsanwälte liefern dazu noch üblicherweise die beiden entgegenstehenden Meinungen dazu, zwischen denen man sich entscheiden muss. Und dann gibt es natürlich noch den Richterexpertenpool, bei denen der Anfänger sich Tipps holen kann, also auf dem Gebiet länger tätige Richter, die man dann eben fragt, wie es weitergeht.

Dazu kommt, dass Beschlüsse auch nicht in der Verhandlung verkündet werden müssen, sondern üblicherweise später, so dass auch da ein Richter vorher noch einmal in Bücher und Urteilsdatenbanken schauen kann.

Richter haben zudem den Vorteil, dass sie dann eben täglich die Ansichten der Rechtsänwälte lesen, so dass ihnen neue Ansichten schnell bekannt werden, weil sie irgendjemand vorbringt.

Daneben eine „Pflichtfortbildung“ einzurichten, gar eine „Fachrichterschaft“ einzuführen bringt aus meiner Sicht gar nichts.

  1. Mehrere Sachverständige kritisierten nicht nur die Rolle der Jugendämter in familiengerichtlichen Verfahren („Jugendämter sind oft eher Teil des Problems als Teil der Lösung“) sondern auch die Rolle der Verfahrensbeistände. Ihre Ausbildung sei ungenügend und mangelhaft und schade oft genug den Betroffenen.

Das Problem von Jugendämtern ist, dass sie nicht juristisch denken, sondern üblicherweise sozialpädagogisch und natürlich auch, dass sie sehr subjektive Meinungen haben können. Eine Mitarbeiterin, die sich etwa in dem Bereich begeben hat um „Müttern zu helfen“ weil das etwa ihrer Biografie oder Ideologie entspricht überschreitet ihrem Rahmen. Hier würde ich Kurse, die den Jugendamtsmitarbeitern eine größere Neutralität anerziehen, durchaus begrüßen. Aber auch dort ist es wie überall: Viele Mitarbeiter auch dort machen gute Arbeit wie sie sie auch machen sollen, einige machen schlechte Arbeit in der sie persönliche Ansichten und Perspektiven einfließen lassen. Das gleiche gilt für Verfahrensbeistände.

Ich verweise noch einmal darauf, dass einige Beschränkungen systemimanent sind: In der Stunde, die oft nur Zeit ist, um die Beteiligten kennenzulernen, kann man keine tiefgreifenden Analysen durchführen.
Ein guter Verfahrensbeistand und ein guter Jugendamtsmitarbeiter können allerdings auch sehr gut sein, reale Missstände aufgreifen, Hilfsangebote organisieren und darlegen und den Vorgang sehr voranbringen.

Wie das System zu verbessern ist wäre interessant: Sie bilden eben auch ein Gegengewicht zu den Rechsanwälten, die natürlich auch kein objektives Bild bringen, sondern jeweils die Seite ihrer Mandanten günstiger darstellen und Probleme kleinreden oder auch gern persönliche Kriegen der Mandanten Raum geben ohne das die tatsächlichen Probleme beider angesprochen werden.

    Zu prüfen ist der Vorschlag von Frau Lies-Benachib zur Gründung von Fachgerichten mit einem Kollegium aus drei Richtern (m/w/d) in hochstrittigen Familienverfahren.

Also quasi das Landgericht für das Familienrecht. Was das wirklich bringen soll wäre interessant. Immerhin zeigt Erfahrung an den Landgerichten, dass diese oft langsamer sind. Natürlich können drei Juristen hochstreitige Fragen gründlicher besprechen. Aber diese Abstimmungen kosten eben auch Zeit.

    Diese Bestellung würde für Transparenz sorgen, ist es doch heute bereits Praxis, dass Familienrichter sich mit Kollegen „am Kaffeetisch“ über komplizierte Fälle beraten. Das bedeutet: Die Betroffenen wissen nicht, wer die gerichtlichen Entscheidungen in ihrem Falle trifft. Dies ist ein klarer Verstoß gegen das Justizgrundrecht auf Kenntnis des entscheidenden Richters laut GG Art. 101 sowie auf rechtliches Gehör laut GG Art. 103.

Das ist eine etwas naive Sicht, wenn man weiß, wie gerichtliche Kammern arbeiten. Dort ist es üblicherweise so, dass es einen Vorsitzenden gibt, der die Verhandlungen leitet und der die Akte gut kennt. Dann gibt es einen Beisitzer, der der eigentliche Aktenbearbeiter ist und die Akte hervorragend kennen soll und dann gibt es einen weiteren Beisitzer (auch Beischläfer genannt) der gerade nicht so vertiefte Aktenkenntnis haben soll, einmal weil es Ressourcen freihält für andere Fälle, bei denen er dann der Hauptbearbeiter ist und dann auch damit er der Richter ist, der sich eben nicht in Details verliert und etwas aus der „höheren Warte“ dazugeben kann. Der eigentliche Aktenbearbeiter macht üblicherweise vor der Verhandlung eine Art Kurzgutachten über den Fall, dass er den anderen vorstellt. Und wenn er da auf Probleme trifft, dann wird der auch zu dem anderen erfahrenen Richter oder einem befreundeten Kollegen gehen und das mit ihm besprechen.

Insofern wissen die Betroffenen nach diesem Maßstab dann immer noch nicht wirklich, ob nicht ein anderer Richter den entscheidenden Impuls gegeben hat, der nur von einem der anderen in die Kammer getragen worden ist.

Rechtlich ist es auch kein Verstoß gegen den Gesetzlichen Richter oder rechtliches Gehör, denn der jeweilige Richter muss ja immer noch entscheiden, was er in den Beschluss schreibt und diesen als seinen Unterschreiben. Ein Richter wird nie das Rad neu erfinden und ob der Rat von einem Kollegen kommt und ihn überzeugt oder aus einem Buch ist dabei egal. Zumal der Richter ja üblicherweise seine (vorläufige, man will ja nicht befangen sein) Auffassung in der ersten Verhandlung darlegt und dann die Rechtsanwälte oder Parteien dazu – ggfs auch nach einer Schriftssatzfrist – vortragen können.

Die IG-JMV gibt jedoch zu bedenken:

So begrüßenswert eine Implementierung und Qualifizierung von Fachrichterschaft ist, die grundsätzlichen Defizite im deutschen Familienrecht werden dadurch nicht angetastet. Vielmehr gilt bis heute:

  1. Es fehlen im Familienrecht zeitgemäße und partnerschaftliche Regelungen für Trennungsfamilien.

Das ist richtig, allerdings natürlich Sache des Gesetzgebers.

  1. Eine bundeseinheitliche Rechtsprechung ist für Familienverfahren so gut wie nicht erkennbar. Die Beschlüsse fallen je nach OLG-Bezirk – gelinde gesagt – uneinheitlich aus. So entsteht der Eindruck von Zufälligkeit und Willkür.

Das muss man etwas differenzierter sehen: In der Tat ist das Familienrecht obwohl ein Bundesrecht teilweise stark durch die jeweiligen OLGs bestimmt. Das sich OLGs widersprechen ist allerdings natürlich in vielen anderen Bereichen auch der Fall. In den OLG-Bezirken wird dies etwas abgemildert durch die jeweiligen Leitlinien der Oberlandesgerichte zum Unterhalt, die darlegen wie bestimmte Berechnungen durchzuführen sind. In genug Bereichen gibt aber auch schlicht der BGH die Richtung vor. Häufig gilt: Um Unterschiede zu verstehen und sie von Zufälligkeit und Willkür zu unterscheiden muss man auch erst einmal genug Ahnung vom Recht haben aber auch erkennen, dass Details des Falls häufig sehr unterschiedlich sind.

Und man muss auch berücksichtigen, dass einige Urteile auch verallgemeinert werden, die weitaus eher Einzelfälle betreffen.

  1. Die Gesetze schreiben – durch BGB §1606 (3) – ein Betreuungsmodell nahezu zwingend vor – das Residenzmodell: „Einer betreut – einer bezahlt“.

In der Tat. Hier wäre eine Modernisierung dringend erforderlich und zeitgemäß

  1. Die laut Verfassung vorgeschriebene Gleichbehandlung der Geschlechter sowie die Gleichbehandlung der Eltern sind für Trennungsfamilien nicht erkennbar. Anstelle dessen existieren Priorisierung und rechtliche Besserstellung des Elternteils, der zeitlich mehr betreut. Es werden Gewinner-Eltern und Verlierer-Eltern produziert. Der „gute“ Elternteil erhält die Kinder und die finanziellen Transferleistungen. Der zweite Elternteil – der „schlechte“ – wird zum Zahl- und Besuchs-Elternteil abgewertet.

Tatsächlich wäre eine Priorisierung eines Elternteils, der mehr betreut, erst einmal geschlechtsneutral. Mit Gleichberechtigung hat das nur sehr eingeschränkt etwas zu tun. Die Schaffung von „Gewinner und Verlierer“ folgt eher aus dem Residenzprinzip, eben dem Prinzpip, dass das Kind bei einem hauptsächlich lebt und der andere dann im Streitfall schlechter abschneidet.

  1. Die Familiengerichte delegieren Einschätzungen und Stellungnahmen an Jugendämter und Gutachter. Das bedeutet, die Beschlussfassung wird faktisch durch Dritte vorgenommen.

Alle Gerichte machen das, wenn externe Sachkenntnis erforderlich ist. Ein gutes Beispiel wäre das Baurecht, bei dem kaum ein Urteil ohne Sachverständigengutachten auskommt, wenn es um Mängel geht. Tatsächlich liefern aber die Sachverständigen nur die Fakten, die dann vom Richter gewertet werden müssen. Rechtlich kommt der Beschluss vom Richter, auch wenn durch das Gutachten der Inhalt häufig vorgegeben ist.

  1. Vor Familiengerichten wird meist der Elternteil belohnt, der nicht kooperiert (wenn er mehr betreut). Er wird zum Gewinner des Verfahrens. Ein fataler Effekt für die betroffenen Kinder.

Das hat sich sicherlich schon verbessert, ist aber leider immer noch in vielen Fällen ein sehr wirksames Mittel. Denn wenn eine Kooperation nicht klappt, dann kann das gemeinsame Sorgerecht eben nicht dem Kindeswohl entsprechen. Und wenn eine Entfremdung erst einmal stattgefunden hat und sich tief bei den Kindern eingegraben hat, dann kann man meist nichts mehr machen.

Genug Richter finden heute aber deutliche Worte gegen solche Praktiken. Allerdings sind ihre Handlungsspielräume gering. Die Drohung mit dem Kindesentzug durch den Richter ist häufig eine hohle Drohung, da auch dem Kindeswohl nicht dienlich. Das gegenwärtige Lieblingsmittel der Gerichte: Die Eltern zur Teilnahme an einer Familienberatung verpflichten, wo die Probleme auf der Beziehungsebene aufgearbeitet werden sollen und zur Elternebene gefunden werden soll.

  1. Das deutsche Familienrecht ist hauptverantwortlich für den Fakt, dass 40 % der Kinder in Nachtrennungsfamilien vollständigen Kontaktabbruch zu einem Elternteil erleiden, meist zu ihren Vätern.

Da hätte ich gerne mal die Quelle. 40% erscheint mir etwas viel.

 

Forderungen / Lösungen:

  • Nötig sind grundsätzliche Veränderungen im Familienrecht im Sinne von „Beide betreuen – beide bezahlen“, unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedürftigkeit und Leistungsfähigkeit sowie des Ansatzes von Gleichbehandlung für beide Eltern. BGB § 1606 (3) ist diesbezüglich zu verändern.
  • Der Ansatz „the winner takes it all“ (der Gewinner-Elternteil bekommt die Kinder, die Unterhaltsleistungen sowie die staatlichen Unterstützungen, der Verlierer-Elternteil wird zum Besuchs- und Zahl-Elternteil abgewertet) ist aufzugeben zugunsten des Ansatzes von Gleichbehandlung für beide Trennungseltern.

Das wäre sicherlich zu begrüßen, aber auch ein steiniger Weg. Kann auch für die Kinder extrem anstrengend sein im Wechselmodell zu leben. Und in Deutschland gerade bei Jungen Kindern auch immer noch schwer mit der Arbeit zu vereinbaren für viele. Es erfordert gleichzeitig einen Ausbau der Kinderbetreuung und wirft zusätzliche Arbeitskräfte auf dem Markt, was für Politiker nicht unbedingt interessant sein muss.

 

  • Vor Beginn des Familienverfahrens ist verpflichtende Mediation für beide Eltern zu setzen zur Regelung der Betreuung der Kinder. Dazu muss der Staat Druck auf die trennungswilligen Eltern ausüben: Bis zur Einigung gilt die Verteilung „jeweils hälftige Betreuung“, wie in vielen westlichen Ländern üblich.

Ich finde es ja immer faszinierend, dass häufig bei den Richtern, Sachverständigen, Jugendämtern und Verfahrensbeiständen Willkür und mangelnde Ausbildung gesehen wird und dann eine Mediation quasi wie auf einer heiligen Wolke vom Himmel herabschwebend gesehen wird.

Das man vom Gericht aus bei Sorgerechtsstreitigkeiten die Eltern umgehend in die Beratungsstellen verweist ist ja absoluter Alltag. Es bringt allerdings auch nicht so viel.

Wie stellen sich denn die Leute diese Mediation vor? Woher kommen die absolut fairen Mediatioren, die hervorrangend ausgebildet sind und wer bezahlt sie? Und wann ist der Zwang vorbei, wann darf man dann doch vor Gericht?
Viele Streitschlichtungsgesetze haben Streitschlichtungsstellen vor allerlei Streitigkeiten verpflichtend gemacht, etwa bei Streitigkeiten mit Nachbarn etc. Der Erfolg ist eher bescheiden.

  • Die Beteiligung der gerichtsnahen Professionen (Jugendämter, Sachverständige, Verfahrenspfleger usf.) ist für Trennungsverfahren zurückzufahren. Der Staat hat sich aus der Familie – auch Trennungsfamilien sind Familien – weitgehend herauszuhalten.

Auch das ist ja so eine Sache: Wenn da 5 dicke Gürteltiere über die Schwierigkeiten in der Familie bei dem Jugendamt vorhanden sind, wäre es dann nicht gut, wenn jemand, der die Familie schon kennt, da auch seine Perspektive dazu gibt?
Tatsächlich sind heute schon Gespräche beim Jugendamt über Sorgerecht und Umgangsrecht verpflichtend, wenn man das Verfahren auf Verfahrenskostenhilfebasis führen möchte, weil es eben eine kostenlose Hilfe zur Klärung der Probleme ist. Die dortigen Beratungsstellen sind auch nicht alle satanische Kinderentfremder. Viele machen auch durchaus gute Arbeit in der Vermittlung und protokolieren dort sinnvolle Umgangsvereinbarungen.

Und „der Sachverständige hält sich raus“ führt ja nicht zu einer Qualitätssteigerung. Es entscheidet dann ein Jurist darüber, wie er psychologische Probleme als Laie einschätzt

  • Der Wegzug eines Elternteils mit den Kindern nach außerhalb des Schulbezirks ist mit dem Verlust des Sorgerechts zu sanktionieren, wie in vielen westlichen Ländern bewährt.

So wie ich es kenne ist der Umzug auch nur dann, wenn er ohne Entscheidung des Gerichts erfolgt, in anderen Ländern ein Problem und führt auch nicht zum sofortigen Verlust des Sorgerechts. Und das ist theoretisch hier ähnlich. Denn Veränderungen des gewöhnlichen Aufenthaltes sind Fragen des gemeinsamen Sorgerechts und als solche etwas, was gemeinsam entschieden werden muss. Es wäre dennoch interessanter den Wegzug deutlich zu erschweren, ihn also von schwerwiegenden Gründen abhängig zu machen.

  • Das Melderecht ist dahingehend zu verändern, dass die Kinder – ohne Zustimmungspflicht des anderen Elternteils – in zwei Haushalten angemeldet werden können.

Die Meldung ist ja eigentlich auch nur für das Kindergeld und einige andere Punkte interessant, wird aber auch von Laien überbewertet. Wo das Kind gemeldet ist ist für die meisten  Richter vollkommen nebensächlich.

  • Sämtliche staatlichen finanziellen Leistungen sind proportional zur Betreuung auf beide Haushalte zu verteilen.

Das hingegen ist dringend geboten. Bisher kann bei einem Wechselmodell noch nicht einmal das Kindergeld aufgeteilt werden. Warum eigentlich nicht? Und meines Wissens nach ungeklärt ist auch, ob bei einem Wechselmodell beide Eheleute die Steuerklasse 2 nehmen können, die ja für „Alleinerziehende“ ist.

Hier besteht in der Tat Handlungsbedarf

Patriarchatssondersitzung: Unsere Barbiestrategie ist in Gefahr!

Liebe Mitpatriarchen,

ich rufe erneut zu einer außerordentlichen Patriarchatssitzung zusammen! Die Gefahr ist groß, denn einer unser wirksamsten Unterdrückungsmechanismen, die Barbie-Puppe, ist bedroht

Hier der bisherige Stand:

Barbie

Man sieht: Schlank, gute Figur, Lebensmittel einkaufend. Klassisches Schönheitsideal.

So haben wir – listig wie wir sind – Frauen von klein an hohe Anforderungen an ihre Körper gewöhnt. Jungen hingegen hatten – wir wollen uns ja selbst keinen Druck machen – keinerlei Anforderungen an sich in ihrem Spielzeug. 

Sicherlich waren wir hier etwas leichtsinnig geworden – kein Wunder, wenn man Frauen ein allgemeines, geheimes Wahlrecht geben kann und sie immer noch vollkommen unterdrückt – und hatten sogar bei dem Produzenten so etwas wie Rechtsanwalt-Barbies oder Computerexpertin-Barbie zugelassen.

Jetzt aber ist der Produzent vollkommen durchgedreht und hat eine „Geschlechtsneutrale Barbie“ auf den Markt gebracht:

 

Mattel bringt eine genderneutrale Barbie raus

Aus einem Bericht im Spiegel dazu:

Doch die klassische Barbie-Puppe einem Geschlecht zuzuordnen fiel bisher nicht schwer. Das soll sich nun ändern: Von Mattel gibt es künftig auch geschlechtsneutrale Barbies.

Kinder sollen sich so beim Styling ihre Puppen nicht mehr zwischen eindeutig männlich oder weiblich entscheiden müssen. Das soll durch abnehmbare Perücken möglich sein. So sollen Kinder bei den Frisuren der Puppen zwischen langen und kurzen Haaren wechseln können. Auch die Outfits würden sowohl aus Kleidern als auch aus Hosen bestehen.

Verrat! Eine Frauenpuppe mit HOSEN und kurzen Haaren?  Das ist ja wirklich vollkommen neutral. Wäre interessant, ob sie ansonsten Brüste haben. Immerhin sind sie noch schlank.

Wir hätten nie einem Produzenten vertrauen dürfen, der es wagt eine männliche Puppe ohne eine der wichtigsten Waffen der Unterdrückung, seinen Penis herauszubringen!

Immerhin, es könnte auch gut die gerechte Strafe auch ohne unser Zutun erfolgen:

Als der Konzern diversere Barbies auf den Markt brachte – darunter eine mit breiteren Hüften, in verschiedenen Hauttönen und ein Modell mit Hidschab – verzeichnete er deutliche Umsatzeinbußen und wollte sehr wahrscheinlich mit dem Ansatz auch das anhaltende Negativimage loswerden.

Nun teilt der Konzern mit, er wolle die neuen Puppen herstellen, da sich Kinder von traditionellen Stereotypen lösen würden. „Wir haben gehört, dass sich Kinder ihr Spielzeug nicht von Geschlechternormen diktieren lassen wollen“, sagte Kim Culmone, die bei Mattel für das Design der Puppen zuständig ist.

„Spielzeug ist ein Spiegelbild der Kultur und da die Welt die positiven Auswirkungen der Inklusivität feiert, war es für uns an der Zeit, eine Puppenlinie zu entwickeln, die in keine Schublade gehört.“

Die neuen Puppen kosten knapp 40 Euro.

Ob „woke“ Eltern überhaupt eine Barbie-Puppe für ihre weiblchen Kinder kaufen bleibt erst einmal dahingestellt.

Wie wenden wir die Gefahr ab? Werden wir die Unterdrückung auch weiterhin aufrechterhalten können?

Männer, es geht um den weltweit herausgeholten großzügigen Gehaltsvorteil von mindestens 21%, den jeder Mann auf jeder Stelle gegenüber einer Frau zusätzlich bekommt! Hier sollte also kein Risiko eingegangen werden:

Ich bitte um konstruktive Unterdrückungsideen zum Ausgleich dieses Rückschritts.

Die Sitzung ist eröffnet. Die weiblichen Kommentatoren: Bitte den Kaffee und die Schnittchen servieren.

 

„Wir brauchen eine weiblichere Welt“

Im Cicero schreibt  Ionna Orleanu über das Erfordernis einer weiblicheren Welt.

Die Einleitung:

Die Welt steht unter den Fittichen des „Männlichen“, ihr fehlt es an Empathie und Emotion, schreibt unsere Gastautorin Ioana Orleanu. Wir brauchen aber keinen alles klein hauenden Feminismus, sondern ein Gegenmodell. Ein Plädoyer für feminine Klugheit

Die Fittiche des Männlichen sind anscheinend schlecht und dagegen braucht man immerhin keinen Feminismus, sondern eine feminine Klugheit.

Dass Frauen das männliche Element, über das sie in höchst persönlicher Ausprägung verfügen, in vollem Umfang entfalten können, ist der große Vorzug unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Und ihre Leistungen strafen alle Jahrhunderte Lügen, die behaupteten, sie wären dafür zu schwach. Andererseits steht diese Gesellschaft ganz und gar unter den Fittichen dessen, was Lou Andreas-Salomè als männlich beschrieb.

Durchsetzungsvermögen, Unternehmergeist, extreme Spezialisierung, vernünftelnde Emotionslosigkeit bis hin zum Autismus, ständiges Tätigsein: das wird von allen, überall, gefordert und das wird von allen, brav, geleistet. Unser ganzes Dasein, unser Schaffen, unser Wollen wurzelt und schöpft aus diesen männlichen „Tugenden“. Irgendwie geistert durch uns alle jener Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Also strampeln wir uns ab, Männlein wie Weiblein, zu Tode hetzende Teilchen in einem unbarmherzig zermalmenden Räderwerk. Freilich verzieht kaum einer die Miene. Niemand will sich irgendeine Blöße geben, wir sind ja alle taff, unempfindlich, stark – und wollen es sein.

Es gibt viele Artikel dieser Art und auch im Feminismus kommt es immer wieder vor: Alle Anforderungen, die typischerweise für eine Karriere erforderlich sind und noch etwas Emotionslosigkeit werden im negativen Sinne zum männlichen erklärt. Dabei sind es meist schlicht Anfoderungen, die im Wettbewerb zu einem guten Abschneiden führen. Es ist ja gerade eine der Vorteile unserer auf Arbeitsteilung ausgelegten Gesellschaft, dass wir uns spezialisieren, weil in einer komplexen Welt niemand mehr alles oder auch nur ein größeres Fachgebiet vollständig überblicken kann, sondern in vielen Bereichen eine Spezialisierung schlicht erforderlich ist. Und natürlich auch Durchsetzungsvermögen und nicht Emotionslosigkeit, aber Sachlichkeit, Sachbezogenheit, Problemlösungsorientierung etc.

Es ist nicht zu bestreiten: Die männliche Art zu sein stellt unser Lebensideal dar. Deshalb haftet dem Sanften, Empfindsamen, Schwachen etwas Anrüchiges an. Deshalb hat alles, auch die Literaturkritik, ein Faible für das Trocken-Prosaische. Deshalb werden selbst unschuldigste Ausdrücke wie „Das Herz geht auf“ sofort als kitschig taxiert. Das Herz hat zu zubleiben. Denn wir sind cool. Nicht warm. Nicht rührselig. Nicht – Weiber!

Auch das ist so eine typisch einseitige Betrachtung: Es mag für Karrieredinge ideal sein, aber natürlich spielen im Leben auch viele andere „Arten“ eine Rolle, im persönlichen Umgang etc. Und natürlich hat man es auch gerne, wenn jemanden zur richtigen Zeit „das Herz aufgeht“. Mir geht gerade regelmäßig das Herz auf, wenn Fräulein Schmidt etwas neues macht oder sich einfach des Lebens freut. Und das hat nichts mit männlich oder weiblich zu tun.

Freilich ist diese Art des Seins höchst erfolgreich, ja, eigentlich setzt sie ihren Totalitarismus des Erfolgs seit ungefähr einer Milliarde Jahren durch, als (oh, ja, man sollte wahrlich seinen Ursprung kennen) „die ersten Mikroorganismen“ lernten, „sich gegenseitig zu fressen“. Mit uns, Menschentierchen, droht sie jedoch den Karren höchst erfolgreich gegen die Wand zu fahren.

Den Karren gegen die Wand fahren? Nie, zu keiner Zeit, ging es den Menschen besser. Die Säuglingssterblichkeit ist niedriger als jemals, der Lebensstandard der Leute ist besser als jemals, Leute hungern weniger als jemals. Der konstruktive Wettbewerb hat das Leben insgesamt besser gemacht.

In diesem Sinne muss man einer Sibylle Berg Recht geben, wenn sie dieses „weltumspannende männliche System“ anprangert. Leider bleibt auch sie auf halbem Wege stehen, weil sie mit keinem Wort das erwähnt, was dringend notwendig wäre: Diesem „ungebremsten maskulinen Schwachsinn“, bei dem wir alle mitmachen, ein Modell femininer Klugheit gegenüberzustellen.

Womit wir wieder bei Lou Andreas-Salomè, ihrem weiblichen Element und der unerwarteten Einsicht landen, dass sich gerade hier ihre Aktualität offenbart. Denn, ja, dieses Weibliche stellt das Gegengewicht dar, das dieser aus den Fugen geratenen männlichen Welt helfen könnte, wieder etwas ins Lot zu kommen. Wir dürften es nicht mehr so stiefmütterlich behandeln, wir müssten es aus seinem Aschenputteldasein befreien, aufwerten, zum Ideal erheben, damit wir alle weiblicher werden. Milder. Empathischer. Bescheidener. Kontemplierender. Harmonischer. Organischer. Schöner. Lyrischer. Ich könnte es auch ganz anders ausdrücken: Nicht neuen, unverschämt überbewerteten Frauenfußball neben dem alten, unverschämt überbewerteten Männerfußball braucht das Ländle, sondern: viel weniger Fußball.

Immerhin ein interessanter Ansatz. Aber nur weil sie Fußball nicht versteht bzw warum Leute ihn gerne schauen, bedeutet das nicht, dass er etwas schlechtes ist. Im Gegenteil, hier sind gerade oft Gefühle, hier ist ein gemeinsames Erleben. Ein Wettbewerb bei dem die meisten auch problemlos mit den Fans der anderen Mannschaft zurechtkommen und sich allenfalls einen spielerischen Wettbewerb leisten (auch wenn es Hooligans gibt sind die ja in der Minderzahl).

Eigentlich ist es schon erstaunlich, dass man in Zeiten, in denen alles nach neuen Ansätzen sucht, um den unversöhnlichen Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie zu lösen, nicht einsieht, dass das, wonach man sucht, das Feminine ist. Rücksichtslose Gier nach mehr und immer mehr, rücksichtsloses Verbrauchen, krebsartiges Wachsen, sinnentleertes Hetzen – diesem Grauen zu entkommen, wäre nur möglich, indem man einen „weiblichen Stempel auf die Dinge drückt“. Lou Andreas-Salomè empfahl das allen Frauen, die in jenem Existenzkampf zogen, „bei dem sie die Ellenbogen brauchen und … um sich hauen wie der Mann“. Wünschenswert wäre es jedoch, denke ich, dass wir es alle täten.

Da verwechselt sie aus meiner Sicht einiges. Frauen haben durchaus eine „Gier nach mehr“. Man schaue sich teure Mode an, die Guccitasche oder die Manolo Blahnik Schuhe sind nur ein Aspekt, aber auch Frauen wollen Konsum, wollen ein gutes Leben und sie wollen insbesondere Männer, die ihnen dies bieten können. Frauen drücken der Gesellschaft bereits ihren Stempel auf – indem sie Männer aussuchen, die in der Konkurrenz gut abschneiden. Nur weil ihr Interesse im Schnitt daran geringer ist sich selbst in den Wettbewerb zu stürzen sondern es lieber andere machen zu lassen bedeutet es nicht, dass sie den Wettbewerb nicht wollen.

Könnten wir das noch? Uns enthäuten, die Panzerschichten ablegen, wesentlich werden? Nun, vielleicht sollten wir als Zuspruch zwei als misogyn verschriene, aber im Grunde feminine Dichterdenker: den tanzenden Nietzsche und den rosenliebenden Benn bemühen: Du hättest – weiblich bleiben sollen, meine Seele, nicht männlich, nicht männlich.

Die Panzerschichten, welch merkwürdige Ansicht. Zumal es wieder eine Apex-Fallacy zu sein scheint: Die meisten Männer haben relativ normale Jobs, ohne dass sie da eine grauenhafte Konkurrenz leben, in der Konsum alles ist und rücksichtslose Gier waltet. Insofern bringt es nichts das eine als weiblich und das andere als männlich darzustellen.

 

„Was sich in den vergangenen Jahren im Feminismus getan hat“

Julia Kobrik wird dazu interviewed was sich im Feminismus getan hat:

jetzt: Wie weit sind wir im Jahr 2019 beim Thema Feminismus?

Julia Korbik: Sehr weit! Feminismus ist im Mainstream angekommen, zum Beispiel wird bei Anne Will darüber diskutiert und wir sehen nicht mehr nur Alice Schwarzer da sitzen. Beyoncé findet Feminismus toll, Taylor Swift jetzt irgendwie auch. Trotzdem treffe ich immer noch viel zu viele Menschen, denen ich erklären muss, dass Feministinnen keine Männer hassen. Als Feminist*in ist es ein großer Fehler zu denken, die Allgemeinheit sei so aufgeklärt wie man selbst. Der Feminismus bewegt sich auch viel in seiner eigenen Blase.

Der Feminismus hat sich in der Tat gewandelt. der größte Umbruch dürfte der intersektionale Feminismus sein. Wobei da gerne im Guten alle Feminismen in einen Hut geworfen werden bzw irgendeine Äußerung in Richtung Feminismus für den Feminismus als Bestätigung auch des jeweils eigenen Feminismus gewertet wird.

Julia Kobrik kann ich da gar nicht genau einordnen. Aber man könnte ihr auch wiederum erklären, warum in vielen Arten von Feminismus, gerade auch im intersektionalen Feminismus, jede Menge Männerhass und auch Hass an sich enthalten ist.

Warum muss man Menschen heute noch erklären, dass Feminismus auf keinen Fall Männerhass bedeutet?

Weil viele ein veraltetes Bild von Feminismus haben. In den Siebzigern wurden Männer von Feministinnen an den Pranger gestellt, weil das Thema im gesellschaftlichen Diskurs einfach nicht stattfand. In dieser männerdominierten Welt war es für Feministinnen also wichtig, eine autonome, radikale Bewegung auf die Beine zu stellen.

Das Bild ist bei vielen noch präsent, aber das heißt selbstverständlich nicht, dass Feministinnen alle Männer hassen. Am Ende geht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Feministinnen betrachten gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit kritisch. Dabei geht es nicht darum, dass Männer an sich schlecht sind, sondern um eindimensionale Bilder vom Mann-Sein und damit einhergehende schädliche Verhaltensweisen.

Auch interssant: „warum bedeutet Feminismus AUF KEINEN FALL Männerhass“ vs „Das Bild ist immer noch präsent, aber das heißt selbstverständlich nicht, dass Feministinnen ALLE Männer hassen“.

Würde ja erst einmal bedeuten, dass entweder einige Feministinnen Männer hassen oder Feministinnen jedenfalls einige Männer.

Sie führt also aus, dass Männer früher an den Pranger gestellt worden sind. Wo ist das heute anders? #NotallMen #Killallmen, Männer sind privilegiert, ja alle Männer profitieren vom Patriarchat. Ja, alle Männer unterstützen die Rape Culture, ja, Männer müssen sich ändern und ihre toxische Männlichkeit aufgeben.
Gut, es sind Gruppen dazu gekommen, die man auch hasst: Weiße, alte, CIS, nichtbehinderte etc.

Und um Gleichberechtigung geht es eben meist nicht,  was allein schon daran deutlich wird, dass Männern noch nicht einmal erlaubt wird, Ungerechtigkeiten für Männer anzuführen, die sie als diskriminierend erleben. Sie haben nach der Auffassung viele Feministinnen keine eigene Stimme, sie sind allenfalls Allys, können also nur die Ideen der Feministinnen unterstützen. Ich wüsste auch nicht, was viel eindimensionaler ist als das Bild von Männern, welches Feministinnen haben. Privilegierte Männer, die keine Gefühle kennen und von den Guten Frauen aus ihrer für sie schädlichen Schale geholt werden müssen. Privilegiert, selbst wenn sie obdachlos sind. Irgendwie immer oben auf, selbst wenn sie die höhere Selbstmordrate haben. Und die Bestimmer der Welt, keineswegs Anfoderungen von Frauen ausgesetzt, die sie ebenfalls formen. Gemeine Unterdrücker irgendwie, auch wenn sie ihnen die Daumen drückt, dass sie erkennen, was sie da machen und sich endlich bessern.

(…)

In der neuen Version hast du zum Beispiel die Sprache gegendert. Was hat sich noch getan?

Das Cover ist so grell und poppig gestaltet, weil wir 2014 Angst hatten, dass sonst kein junger Mensch ein Buch über Feminismus lesen will. Jetzt ist Feminismus cool geworden. Oder eher „Empowerment“: Viele Unternehmen haben entdeckt, dass man mit diesem herrlich vieldeutigen Wort Frauen ansprechen und ihnen Produkte verkaufen kann. Ob BH, Deo oder Schminke: Alles ist auf einmal ein Symbol für Feminismus.

Dieses fiese Patriarchat ist auch nie klein zu bekommen. Jetzt greift es einfach den Feminismus auf und kommerzialisiert ihn.

 

Hilft das auf dem Weg zur Gleichberechtigung?

Klar, es ist super, dass das Thema mittlerweile so präsent ist. Andererseits: wenn Feminismus plötzlich alles sein kann, was ist er dann noch? Wir müssen aufpassen, dass der Begriff weiter mit Inhalten gefüllt ist und nicht zum Werbebegriff von Unternehmen verkommt. Ich dachte irgendwie immer, dass Feminismus das Allerletzte ist, was kommerzialisiert wird. Auf einmal finden wir behaarte Frauen schön und Modekonzerne drucken sie auf T-Shirts als ein Symbol für Emanzipation. An so was war vor fünf Jahren nicht zu denken.

Tatsächlich finden wir behaarte Frauen ganz überwiegend nicht schön. Weitaus eher ist es ein Mittel die intrasexuelle Konkurrenz unter Frauen vermeintlich zu verringern. Aber das ist eher etwas, was Frauen untereinander ausmachen. Und in der Tat ist vieles einfach ein Werbeaufdruck, ein Symbol für „ich bin eine starke Frau“ oder andere Botschaften, die sich gut machen. Aber natürlich hat der Feminismus auch ansonsten in der Tat viel Boden gut gemacht, weil seine Anhänger einen Teil gewisser Wissenschaften besetzt haben und sich durch ihre Radikalität dort immer mehr ausbreiten.

Du schreibst in „Stand-Up“ ausführlich, dass Humor der falsche Umgang mit Feminismus ist. Warum ist dir das so wichtig?

Mir geht es um die ironische Haltung, die man dabei einnimmt: Ich bin ja so ein aufgeklärter Typ, deshalb kann ich dumme Sprüche über Frauen machen. Das Problem mit Ironie ist, dass du sie nur schwer kritisieren kannst. Viele schwierige Themen, und da gehört Feminismus dazu, werden mit blöden Witzchen abgetan, um keine Diskussion anfangen zu müssen.

Humor und Feminismus passen in der Tat nicht zusammen. Weil eben alles zu einem Problem überhöht wird, selbst die kleinste Kleinigkeit als wichtiges Rad im Diskriminierungsgefüge verloren geht und jeder Humor in dem Bereich daher ein dem Feind nachgeben wäre. Da darf es keine Selbstirnonie geben, denn der Kampf gegen die Unterdrückung ist eben kein Witz. Humor gibt insofern Virtue Punkte Abzug.

Was muss passieren, dass Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt sind?

Wir müssen auf jeden Fall Feminismus und Gleichberechtigung als etwas begreifen, das bei jedem Menschen selber anfängt. In Deutschland müssen wir zum Beispiel konkret dafür kämpfen, dass das Informationsverbot für Abtreibungen wegkommt oder die Regelung, dass Frauen nach einem Beratungsgespräch drei Tage warten müssen, bis sie abtreiben dürfen. Wir müssen den Gender-Pay-Gap bekämpfen. Wir müssen Geschlechterrollen aufbrechen. Wir müssen Gewalt gegen Frauen beenden. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Das ist mal eine gute Frage. Was müsste eigentlich passieren? Etwas wirklich konkretes kommt auch nicht wirklich.  Sie will:

  • Dass das Informationsverbot für Abtreibungen wegkommt

Eine relativ kleine Einschränkung, denn natürlich kann man sich bei der jeweiligen Ärztin selbst und ansonsten im gesamten Internet dazu informieren, nur darf sie eben nach außen keine Informationen geben, was in der Tat bescheuert ist, aber dennoch interessant, dass sie es als erstes nennt.

  • Drei Tage Wartezeit für die Abtreibung nach Gespräch

Kann meinetwegen auch weg. Aber das unter Gleichberechtigung zu verbuchen ist schon interessant, weil der Mann selbst ja nicht selbst das Baby abtreiben kann bzw eher juristisch abtreiben kann, die Frau aber schon, auch wenn sie drei Tage nach einem Beratungsgespräch warten muss. Der Mann erhält üblicherweise noch nicht einmal ein Beratungsgespräch. Und jede Unterhaltung darüber, was er gerne will, jede Beeinflussung der Frau, weil er sich dafür noch nicht reif hält, wird ebenfalls eher negativ gesehen.

  • den Gender Pay Gap bekämpfen

Ja, dann macht das doch endlich! Studiert andere Sachen, stürzt euch mehr in die Karriere, sucht euch Männer, die die Kinder betreuen und nicht Männer, die Karrierejobs haben. Raus aus den bequemen Jobs im öffentlichen Dienst, rein in die freie Wirtschaft.

Wovon der Gender Pay Gap nicht sinkt: So tun als seien Männer und ihre Macht an ihm schuld. So zu tun als würde dagegen protestieren etwas ändern, solange man sonst nichts ändert. So tun als müssten nur genug Leute Gender Studies studieren damit Frauen mehr Führungspositionen einnehmen bringt nichts.

Dafür müsste man auch die Menschen erreichen, die mit Feminismus bisher nichts zu tun haben wollten. Wie schaffen wir das?

Ich bin eigentlich immer offen für Diskussionen und Anregungen, sehe es aber manchmal nicht ein, mich mit allen zu unterhalten und alle Kritik anzunehmen, die mir als Feministin an den Kopf geworfen wird. Mit jemandem, der Gleichberechtigung grundsätzlich ablehnt, muss ich 2019 nicht mehr diskutieren. Ich habe aber oft gemerkt, dass ich, wenn ich offen an das Thema rangehe, Menschen am besten überzeugen kann. Natürlich ist das manchmal nervig, weil man als Feminist*in lieber über Inhalte sprechen will und nicht ständig über die Basics. Wenn man aber argumentativ und ruhig erklärt, was Feminismus eigentlich will, kann man auch Menschen abholen, die mit Feminismus nichts am Hut haben wollen.

Das klingt ja ganz offen. Sie scheint aber zumindest nicht auf Twitter zu sein. Schade eigentlich, sonst hätte sich das mal testen können. Ich lehne ja nicht Gleichberechtigung ab, allenfalls Gleichstellung.