Katharina Schulze zu einer Tat, bei der ein Mann 2 Frauen und drei Männer erschossen hat: Es ist ein Femizid

In Kitzbühl hatte sich eine schreckliche Tat ereignet:

Die 19-jährige Ex-Freundin hatte sich laut Polizei vor zwei Monaten von dem 25-Jährigen getrennt. Nach der Bluttat hatte sich der 25-Jährige bei der örtlichen Polizei am Sonntagmorgen gestellt. „Ich habe soeben fünf Personen ermordet“, sagte der Einheimische, als er auf der Wache erschien. Der mutmaßliche Täter habe somit seine Ex-Freundin, deren neuen Freund, die Eltern und den Bruder der Ex-Freundin erschossen. (…)

„Es geht uns allen sehr schlecht, auch meinem Sohn“, sagte die Mutter des Tatverdächtigen dem Portal RTL.de. Ihr Sohn und die 19-Jährige seien seit fünf Jahren zusammen gewesen und hätten im kommenden Jahr heiraten wollen. Laut Polizei hatte sich das Paar vor zwei Monaten getrennt.

In der evolutionären Theorie würde man das unter „Mate Guarding“ (also das „Abschirmen“ des Partners) einordnen. Es ist natürlich eine schreckliche Tat,  und das die Täter in den meisten Fällen Männer sind ist auch nicht wegzudiskutieren.

Lucas greift eine Reaktion von der Grünen-Politikerin und Feministin Katharina Schulze auf

Ein Femizid, bei dem 2 Frauen und 3 Männer sterben. Das allein zeigt eigentlich schon, dass sie eine sehr merkwürdige Wertung vornimmt.

Die Endung „-zid“ hat folgende Bedeutung:

Bedeutungen:

[1] Wortbildungselement mit der Bedeutung tötendvernichtend
[2] Wortbildungselement mit der Bedeutung TötungMord

Es ist aus meiner Sicht etwas ein „Modewort“ in Teilen des Feminismus geworden alle Taten, bei denen Frauen Opfer waren, als Femizid zu bezeichnen, was erkennbar nicht nur die Tötung einer Frau darstellen soll, sondern eine Art „Vernichtung der Frau“ ähnlich wie ein Genozid auch nicht vorliegt, wenn ein Vertreter eigens Volkes getötet wird, sondern wenn dahinter die Absicht, der Plan oder zumindest der mögliche Erfolg stehen soll, möglichst viele Vertreter dieser Gruppe zu töten.

Was natürlich Blödsinn ist: Niemand möchte die Gruppe Frau vernichten oder auslöschen, weitaus eher sind Männer in höherer Zahl Opfer von Gewalttaten, aber selbst dann sind die prozentualen Zahlen in zivilisierten Gesellschaften so gering, dass es absurd ist so zu tun als wäre es in irgendeiner Form mit einem Genozid vergleichbar.

Wenn man etwas als einen „Geschlechter“zid bezeichnen möchte, dann vielleicht die Schützengräben des ersten Weltkrieges oder andere erbarmungslose Schlachten der Geschichte. (wäre das ein „Maskuzid“?)  aber auch da trifft es nicht zu, denn man wollte ja gerade nicht Männer vernichten, weil man etwas gegen die Gruppe Mann hatte.

Genau so wenig dürfte der Täter hier etwas gegen die Gruppe Frau gehabt haben: Er konnte es anscheinend schlicht nicht ertragen, dass DIESE Frau ihn nach fünf Jahren verlassen hat und hat deswegen sie, den aus seiner Grund bestehenden Grund der Trennung und vermutlich die anderen Anwesenden erschossen. Das ist keine Rechtfertigung seiner Tat, es geht nur darum, dass er die Tat nicht gegen Frauen gerichtet hat.

Dagegen wird man ihm Feminismus oder aus Sicht der Frau Schulze vielleicht einwenden, dass ja Täter solcher „Beziehungstaten“ ganz überwiegend Männer sind und deswegen eine Tat der Gruppe Männer gegen die Gruppe der Frauen vorliegt, was die Bezeichnung Femizid rechtfertige: Nur Männer würden sich so gegenüber Frauen verhalten.

Aber das verkennt ja wieder einmal, dass da kein gemeinsamer Plan dahinter steckt, dass es äußerst selten vorkommt und eben gerade deswegen darüber berichtet wird, weil es eine seltene Tat ist.

Dagegen wiederum wird dann angeführt, dass es keineswegs selten sei:

Das „jeden Tag“-Argument ist angesichts von ca. 7.600.000.000 Menschen auf dieser Erde und 365 Tagen ein sehr schlechtes Argument. Alles, was einem mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 0,0000048%  Wahrscheinlichkeit passieren kann, passiert damit im Durchschnitt einem Menschen pro Tag. Und selbst auf Deutschland bezogen liegt die Wahrscheinlichkeit für etwas, was einmal am Tag passiert bei 80.000.000 Menschen bei 0. 00045%.

Oder zu dem Tweet:

Das sind dann 87.000 Tötungen zu  von 3.800.000.000 Frauen. Also 0,002% Im gleichen Zeitraum wurde etwa die dreifache Anzahl von Männern ermordet. Allein(!) in Brasilien jedes Jahr etwa 45.000. Von einem wasauchimmer-zid ist das weit entfernt. 

Aber es ist aus der Sicht derjenigen, die eine Opferhaltung leben wollen, natürlich ein sehr hilfreiches Wort.

Colorismus vs Rassismus

Aus dem Missy-Magazin:

Kürzlich gab es einigen Wirbel auf Twitter, weil Schauspieler Will Smith in einem neuen Film die Rolle des Vaters von Tennisstar Serena Williams übernehmen soll. Unter dem Hashtag #Colorism wurde die geplante Besetzung kritisiert. Aber was bedeutet Colorism überhaupt? Wer bei Wikipedia­ nachschlägt,­ findet­ als ­Erklärung­ „discrimination based on skin color“, also die Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe. Aber ist das nicht einfach „Rassismus“? Nicht ganz

Colorism (oder auch Shadeism) basiert zwar auf rassistischen Strukturen und Denkmustern, jedoch bildet hier die „Farbe“, also die Schattierung der Haut, die Grundlage für die Bevorzugung oder Benachteiligung einer Person. Dabei werden Menschen mit hellerem Hautton favorisiert und Menschen mit dunklerer Haut diskriminiert. Dies betrifft nicht nur Entscheidungen wie jene, ob Will Smith für die Darstellung eines weitaus dunkleren Mannes besetzt wird – Studien zufolge hat Colorism auch konkrete Auswirkungen im Justizsystem, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche, im Gesundheitswesen, in Medien und Politik – also in allen Bereichen der Gesellschaft.

Auch in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas werden Menschen mit hellerer Haut gesellschaftlich bevorzugt. Und hier haben wir den zweiten wesentlichen Unterschied zu Rassismus: Colorism tritt nicht nur zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen auf, sondern auch innerhalb einer ethnischen Gruppe. Mit ein Grund, weshalb die Thematik sogar innerhalb Schwarzer Communitys stark tabuisiert und die Auseinandersetzung damit sehr emotional und teils schmerzhaft ist. Denn das Gefühl von Einigkeit und Zusammenhalt im gemeinsamen Kampf gegen Rassismus erhält Risse.

Personen mit hellerer Haut fällt es oftmals schwer anzuerkennen, dass sie in einem rassistischen System Privilegien genießen, die Menschen mit dunklerer Haut nicht haben. Rassismuserfahrungen können sich jedoch stark unterscheiden: Geschlecht, soziale Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion, Körper, Be_hinderung, regionale Hintergründe oder eben auch der Hautton wirken hier mit hinein.

Rassismus beruht also auf der Zuordnung zu einer „Rasse“, die nach Hautfarben bestimmt wird und darauf aufbauender Schlechterstellung, Colorismus ist etwas vollkommen anderes und beruht darauf, dass man innerhalb der „Rasse“ noch mal nach der Hautfarbe differenziert.

Es ermöglicht eine „Opferhierarchie“ nach Abstufungen der Hautfarbe und dem Vorwurf unter „PoCs“, dass sie nicht erkennen, dass sie die weniger diskrimierten und man selbst das größere Opfer ist.

Letztendlich ist es eine Umbenennung des Rassismusvorwurfs, was immerhin den alten Grundsatz „Privilege and Power“ unberührt lässt: Schwarze haben zwar keine Privilegien, können also selbst nicht rassistisch sein, aber sie können immerhin mit Colorismus etwas weniger nichtprivilegiert sein und das reicht dann anscheinend

 

Ingbert Jüdt: Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

Djadmoros oder auch Ingbert Jüdt stellt sein Buch

Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

vor. Er hat die Grundstruktur bereits bei Geschlechterallerlei dargelegt.

1. Vorweg:

Nachdem ich Anfang September auf Geschlechterallerlei das baldige Erscheinen meines Buches angekündigt habe, möchte ich nun, da es mittlerweile in der Print-Version bei Books on Demand bestellbar ist (die Ebook-Version braucht anscheinend etwas länger) und auch im Buchhandel und bei Amazon gelistet wird, Christians freundliches Angebot nutzen, hier auf »Alles Evolution« einen Buchauszug zu präsentieren. Ich wähle dazu einen Abschnitt, in dem es um Alice Schwarzer, Esther Vilar und Erin Pizzey geht (Seite 78-92), und in dem ich ein Beispiel für meine zentrale These gebe, dass Feministinnen den Mann mit der Gesellschaft verwechseln.

Gegenüber der früheren Ankündigung habe ich eine nicht unwesentliche Veränderung vorgenommen: das bisherige Kapitel 2, »Psychoanalyse zwischen Hermeneutik und Naturwissenschaft« lasse ich auf einen wohlbegründeten Ratschlag hin in dieser Form entfallen – es ist zu langwierig, zu theoretisch und inhaltlich an wichtigen Punkten nicht sauber genug ausgearbeitet. Teile der Argumentation werden aber in andere Kapitel einfließen, insbesondere in das jetzt unter der Nummer 2 geplante Kapitel über die »kulturelle Exzentrizität des Mannes«. Auch den Untertitel (bzw. Bandtitel) habe ich geändert: er lautet nun »Plädoyer für eine Historisierung«. Im Rahmen der geplanten Reihe fungiert der erste Band zwar als Einleitung, da er aber eine selbständige Argumentation entwickelt, gibt es keinen Grund, ihn so zu  nennen.

Damit gliedern sich Buch und geplantes Gesamtwerk nunmehr wie folgt:

Vorwort
1 Einleitung
1.1 Eine Revolution der expandierenden Erwartungen
1.2 Der Mythos vom Patriarchat
1.3 Der Niedergang des Feminismus
1.3.1 Emanzipation der Bürger
1.3.2 Emanzipation der Arbeiter
1.3.3 Emanzipation der Frauen
1.3.3.1 Historische Voraussetzungen einer Entstehung der Frauenbewegung im Okzident
1.3.3.2 Natur und Bildung: die bürgerliche Form der Frauenbewegung
1.3.3.3 Arbeit als Emanzipation: die sozialistische Form der Frauenbewegung
1.3.3.4 Im Narzissmus gestrandet: Frauenbewegung und Feminismus nach der »zweiten Welle«
1.4 Plan des Gesamtwerks
Literaturverzeichnis

1 Plädoyer für eine Historisierung
2 Die kulturelle Exzentrizität des Mannes
3 Der Mythos vom Matriarchat
4 Der Mythos von der Entstehung des Patriarchats
5 Der Mythos von der männlichen Herrschaft im Patriarchat
6 Der Mythos vom modernen Patriarchat
7 Der Mythos von der politischen Unschuld des Feminismus

2. Der Auszug

Die Grundstruktur, die ich aufzeigen will, ist die Kehrseite der feministischen Selbstverpflichtung, den Standpunkt der weiblichen Subjektivität ernst zu nehmen und ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die weibliche Subjektivität ins Zentrum zu rücken, führt dazu, die männliche Subjektivität an den Rand zu drängen. Dagegen ist im Sinne einer journalistischen Perspektivwahl zunächst nichts weiter einzuwenden. Es gehört zu den ureigenen Aufgaben des Journalismus, solche Schwerpunkte zu setzen und Schlaglichter zu werfen. Problematisch wird diese Schwerpunktsetzung dann, wenn sie über den journalistischen Kontext hinaus implizit oder explizit auf analytische Modelle und auf die Grundkoordinaten der Weltwahrnehmung ausgedehnt wird. In diesem Moment wird die Perspektive der Frau auf den Mann zum Stellvertreter der Perspektive der Feministin auf die Gesellschaft. Es wird dann unterstellt, dass die Perspektive des Mannes mit der Perspektive der Gesellschaft in eins falle – weil der Mann über die Frau »herrsche«. Und weil diese Herrschaft seinen Interessen entspreche und sein Privileg darstelle, darum sei diese Herrschaft mit der Struktur der Gesellschaft identisch, weshalb nicht nur von einer patriarchalischen Geschlechterbeziehung, sondern von einer »patriarchalen Gesellschaft« gesprochen werden könne – mithin vom »Patriarchat«. Diese Konstruktion birgt jedoch die Gefahr in sich, dass die beabsichtigte kritische Analytik kurzschlüssig und unmittelbar aus der Phänomenologie abgeleitet wird und daher in ihr befangen bleibt. Kürzer formuliert: Alice Schwarzer nimmt die wahrgenommene Beziehung der Frau zum Mann für die reale Struktur der Gesellschaft. Ihre regelmäßig wiederkehrende Formulierung »Männergesellschaft« ist ein Ausdruck dieser analytischen Konfusion. Dieses Unterlaufen der eigentlich erforderlichen analytischen Distanz ist aber genau das, was es Alice Schwarzer und anderen Radikalfeministinnen ermöglicht, sich in einem auf einer simplen binären Unterscheidung beruhenden, mythischen Koordinatensystem einzurichten. Dass es sich um ein mythisches Koordinatensystem handelt, lässt sich insbesondere daran zeigen, dass es von Anfang an gegen empirische Einwände verriegelt ist: Es geht nicht mehr nur darum, einer zu kurz gekommenen Perspektive weiblicher Subjektivität aufzuhelfen, sondern darum, in demselben Sinne, wie wir das oben für die »68er«-Bewegung generell beschrieben haben, eine Legitimierung und Beglaubigung feministischer Aktivitäten zu erwirken, indem eine binäre, dichotome, gleichsam »manichäische« Gegenüberstellung der Geschlechter zum sakrosankten Fundament der gesamten Weltwahrnehmung erklärt wird. Worin diese »Verriegelung gegen empirische Einwände« besteht, möchte ich nun an einigen Beispielen erläutern:

Im zweiten der Protokolle des »Kleinen Unterschieds« stellt sich im Verlauf des Gesprächs heraus, dass »Renate A., 33 Jahre, Hausfrau und Putzfrau, fünf Kinder, Ehemann Hilfsarbeiter« im Alter von elf oder zwölf Jahren von ihrem Vater über einige Jahre hinweg sexuell missbraucht worden ist. Die Tochter hatte dieses Trauma als »sexuelle Aufklärung« rationalisiert: »Ich weiß nur noch, dass er mich aufgeklärt hat. Aber richtig, gleich mit Kontakt, und so, dass ich geblutet hab.«[Fußnote 1] Als Schwarzer nachhakt, stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen länger anhaltenden sexuellen Missbrauch gehandelt hat: »Der Vater nötigte das kleine Mädchen mit einer Mischung aus Drohungen und Lockungen, mit Schlägen und Geschenken dazu, es sich gefallen zu lassen und zu schweigen.«[Fußnote 2] Mit fünfzehn Jahren gelingt es der Tochter, aus dieser Missbrauchsbeziehung auszubrechen, indem sie sie der Mutter schildert, die den Vater daraufhin anzeigt. Im Kommentar zu diesem Protokoll weist Schwarzer darauf hin, dass es dennoch die Tochter ist, die sich ein schlechtes Gewissen macht, weil der Vater zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. »Nicht der Vater, sondern das ausgelieferte kleine Mädchen hat deswegen noch ein schlechtes Gewissen – es wird ihr von ihrer Umwelt aufgezwungen, die ihr die ›Schande‹ zuschreibt, nicht dem Vater. Sie ist die Nutte.«[Fußnote 3] Im Bedürfnis, diese Skandalisierung noch zu steigern, schreibt Schwarzer sodann:

»Man stelle sich den Fall umgekehrt vor: Mutter missbraucht jahrelang Sohn. Niemand hätte den Jungen verachtet, die Mutter aber wäre reif für die Psychiatrische gewesen – aus der man bekanntlich schwerer wieder herauskommt als aus dem Gefängnis.«[Fußnote 4]

Als Alice Schwarzer dies im Jahre 1975 schreibt, ist Andreas Marquardt, geboren 1956, ein Kampfsportler und gewalttätiger Zuhälter und damit ein Inbegriff des von Schwarzer angeprangerten »Patriarchats«, bereits neun Jahre lang, vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr, von seiner Mutter sexuell missbraucht worden. Eine Chance, dafür auch nur Glauben zu finden, geschweige denn seine Mutter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen und ins Gefängnis zu bringen, hatte er zu dieser Zeit nie, selbst nach der Jahrtausendwende war es noch schwierig genug. Seine Mutter hat er als Erwachsener, drei Wochen vor ihrem Tod, noch damit konfrontiert. Zu einer juristischen Aufarbeitung kam es darum aber nicht mehr. Was Alice Schwarzer hier behauptet, könnte daher von der Realität nicht weiter entfernt sein: Die Drohungen von Marquardts Mutter, ihren Sohn »ins Heim zu stecken« oder ihn der Lüge zu bezichtigen, waren, wenn man die Resultate vergleicht, wesentlich effektiver, als sie es bei dem geschilderten Missbrauch der Tochter durch ihren Vater gewesen war.

»Na, was meinst Du wohl, wem man mehr glaubt, einer Mutter oder dem missratenen Sohn, der nichts anderes als seinen Sport im Kopf hat? Sieh dich vor, mein Bürschchen! Was du vorhast, ist Verrat. Plapperst du auch nur ein Sterbenswörtchen aus, gebe ich dich weg, ich sorge dafür, dass du ins Heim kommst.«[Fußnote 5]

Anders als das Mädchen hatte dieser Junge nicht die geringste Chance, mit 15 Jahren eine Anschuldigung auszusprechen und seine Mutter zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Marquardts Mutter wäre nicht »in die Psychiatrische« gekommen – die Gesellschaft hätte jede Anklage gegen sie als Ungeheuerlichkeit »gegenüber der eigenen Mutter« empfunden – und damit den anklagenden Sohn verachtet. Nicht für das, was ihm widerfahren ist, sondern dafür, dass er ausgesprochen hätte, was ihm widerfahren ist – so wie noch in den 1990er Jahren, als er wegen seiner Gewaltexzesse gegen Frauen vor Gericht stand:

»Als der Richter mich fragte, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen hätte, erzählte ich die Geschichte mit Mutter. Vermutlich reagierte er genauso skeptisch wie die meisten Leute im Saal, das war an den verständnislosen Blicken abzulesen. Was erzählt der Typ denn da über seine Mutter? So was macht eine Mutter doch nicht! Alle schauten mich an, als würde ich mich mit einer Gruselgeschichte interessant machen wollen.«[Fußnote 6]

Der Unterschied zwischen beiden Fällen besteht in einem gesellschaftlichen Tabu, welches den sexuellen Missbrauch durch Mütter für unmöglich erklärt, während dem Mann dasselbe ganz selbstverständlich zugetraut wird – ein Tabu, das Schwarzer nicht nur nicht hinterfragt, sondern aktiv reproduziert. Man könnte nun einwenden, dass das eben nicht dem damaligen Stand des Wissens entsprach und es darum unfair sei, Schwarzer diesen Vorwurf zu machen. Tatsächlich ist es aber bis zum heutigen Tag schwer, dieses Tabu zu überwinden, und zwar wesentlich darum, weil eine feministische Ideologie tatkräftig zu seiner Befestigung beigetragen hat. Das wird auch durch den Bericht der Pädophilie-Kommission der Grünen von 2015 bestätigt, aus dem klar hervorgeht, dass Jungen als Opfer pädosexueller Gewalt aus ideologischen und taktischen Gründen vernachlässigt wurden[Fußnote 7]. Es ist die mythische Struktur des radikalfeministischen Denkens, welche es darauf festlegt, nicht in analytischer Distanz generell nach den Orten, Zeiten, Tätern und Opfern von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und häuslicher Gewalt zu fragen, sondern darauf, sich in manichäischer Weise auf den Missbrauch von Töchtern durch Väter, auf die Vergewaltigung von Frauen durch Männer und auf die häusliche Gewalt von Männern gegen Frauen zu beschränken – weil alle Feministinnen bereits »wissen«, dass die »Gesellschaft« eben ein »Patriarchat« ist. Bei Alice Schwarzer hätten wir womöglich sogar damit rechnen müssen, dass sie eine Beschuldigung von Andreas Marquardt gegen seine Mutter als Versuch eines Sohnes gewertet hätte, »patriarchale Macht« gegen sie auszuüben. Schließlich mag der Einwand erhoben werden, dass die Frauenbewegung dieses Tabu, wenn es damals bereits in Kraft war, wohl kaum selbst erfunden haben könne. Das ist zutreffend, legt aber nahe, dass der Feminismus nicht, wie beansprucht, die Mythen der bürgerlichen Geschlechtsrollen überwunden, sondern sie mindestens teilweise selbst in Anspruch genommen hat. Wichtige Teile des »Mythos vom Patriarchat«, nämlich eine Idealisierung der Frau und eine tiefsitzende Männerverachtung, gehen offenbar auf unkritisch weitergeführte ältere Bestandteile der bürgerlichen Ideologie zurück. Wir werden darauf noch ausführlich zurückkommen.

Auf eine analoge Entwicklung stoßen wir beim Thema der häuslichen Gewalt. In der Einleitung zu dem 2007 auf Englisch und 2013 auf Deutsch erschienenen Handbuch »Familiäre Gewalt im Fokus« schreiben die Herausgeber Hamel und Nicholls:

»Auf dem Gebiet der häuslichen Gewalt findet eine Revolution statt. Eine wachsende Anzahl von Forschungsergebnissen stellt in aller Ruhe und ohne großes Aufsehen einige der meistgeschätzten und am längsten bestehenden Annahmen in Frage, die die Voraussetzung für Gesetzgebung und Intervention zu familiärer Gewalt bilden … . Untersucht wird dabei die Rolle, die von Frauen ausgeübte (verbale, emotionale und physische) Gewalt in der Dynamik von Partnerschaften spielt, sowie die systemischen Eigenschaften des Missbrauchs von Partnern in Paarbeziehungen und Familien und die Grenzen von ideologisch geprägten, nach ›Einheitsmodellen‹ (one-size-fits-all) operierenden Behandlungs- und Therapieansätzen.«[Fußnote 8]

Mehrere Aspekte sind hervorzuheben: Erstens ist das quantitative Verhältnis der Beziehungsgewalt völlig anders als lange Zeit angenommen: Nach heutigen Erkenntnissen müssen wir davon ausgehen, dass von Männern und Frauen ausgeübte häusliche Gewalt ungefähr gleichverteilt ist, wobei einseitig ausgeübte Gewalt sogar häufiger von Frauen ausgeht.[Fußnote 9] Zweitens wird die Perspektive einer einseitigen und hierarchischen Gewaltbeziehung durch die systemische Perspektive einer wechselseitigen Verstrickung in Gewalt und einer beidseitigen Verantwortung für Kommunikationsverhalten ersetzt. Drittens wird für das Zustandekommen der bisherigen verkürzten Sicht auf den Problembereich ausdrücklich eine »Patriarchatshypothese« als ursächlich gesehen. Die von Susan Brownmiller in Bezug auf Vergewaltigungen formulierte Behauptung, Vergewaltigung sei

»nicht mehr und nicht weniger als eine Methode bewußter systematischer Einschüchterung, durch die alle Männer alle Frauen in permanenter Angst halten«[Fußnote 10],

kann auch in Bezug auf Beziehungsgewalt als ein locus classicus der Patriarchatsthese gelten. Die jüngeren empirischen Befunde sprechen freilich klar dagegen,

»darunter jene, die zeigt, dass nur 9,6 Prozent aller Paare in den Vereinigten Staaten männlich dominiert sind, jene, die zeigt, dass Frauen mindestens ebenso gewalttätig sind wie Männer, dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit brutale Gewalt gegen nicht gewalttätige Männer einsetzen als im umgekehrten Fall, dass eher Machtlosigkeit als Macht im Zusammenhang mit Gewalt von Männern steht, und dass keinerlei Datenmaterial die Vorstellung stützt, die Männer in Nordamerika fänden Gewalt gegen ihre Ehefrauen akzeptabel. (…) Und schließlich sind Missbrauchsfälle in lesbischen Beziehungen häufiger als in heterosexuellen Beziehungen, was darauf hindeutet, dass der Intimität und den psychologischen Faktoren, die diese regulieren, mehr Bedeutung zukommt als dem Sexismus.«[Fußnote 11]

Dennoch ist diese einseitige Sichtweise im sogenannten Duluth-Modell für die Handhabung von Beziehungsgewalt durch amerikanische Behörden zur offiziellen und verbindlichen Vorgabe geworden: »Dem Duluth-Modell zufolge müssen alle Männer, ungeachtet der ätiologischen Unterschiede, wie patriarchale Terroristen behandelt werden.«[Fußnote 12]

Auch hier könnte der Einwand kommen, dass diese Befunde in den 1970er Jahren eben noch nicht verfügbar waren. Es trifft sicher zu, dass es damals keine entsprechend breite Datenbasis gab. Was es aber gab, waren Einsichten aus der Praxis, insbesondere diejenigen der Gründerin der britischen Frauenhausbewegung, Erin Pizzey, die vom Anfang der 1970er Jahre stammten:

»Jede Zuflucht war besser als keine, aber es beunruhigte mich, dass Menschen, die an solchen Orten arbeiteten, die Vorstellung verbreiteten, dass alle Frauen unschuldige Opfer der Gewalt von Männern seien. Von den ersten hundert Frauen, die durch unsere Türen kamen, waren zweiundsechzig so gewalttätig wie die Männer, die sie zurückgelassen hatten. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass den Männern immer die Schuld für die Gewalt innerhalb einer Familie gegeben werden würde und dass … man Falschaussagen gegen sie machen würde und dass man jedesmal den Frauen glauben würde.«[Fußnote 13]

Pizzey wies darauf hin, dass es zwei Typen von Klientinnen gab: diejenigen, die nach einer Gewalterfahrung das Frauenhaus so bald wie möglich wieder verließen und ihre Partnerwahl anpassten, und diejenigen, die in schwer zu durchbrechende Gewaltzyklen verstrickt waren, an deren Zustandekommen sie beteiligt waren.

»Für Gewalt anfällige Frauen kehren in der Regel oft nach Hause zurück und nutzen in ihren weiteren Kämpfen gegen ihre Partner ein Frauenhaus oft als Drehtür. Wenn sie gehen, stehen die Chancen gut, dass sie sich sehr schnell in einer anderen gewalttätigen Beziehung wiederfinden.«[Fußnote 14]

Für unsere Argumentation bedeutsam ist die Feststellung, dass diese Erkenntnisse von den damaligen Feministinnen nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern aktiv unterdrückt wurden:

»Wie zu erwarten machte mich diese Theorie zu einer Hassfigur, und Journalistinnen, die zu mir kamen, weigerten sich im Allgemeinen, zu veröffentlichen, was ich zum Thema Frauen mit gewalttätigen Tendenzen zu sagen hatte. Die meisten Interviewer waren Feministinnen, und ich hatte damals den Eindruck, dass die Erkenntnisse unserer Arbeit – so umstritten sie auch damals waren – niemals ans Tageslicht kommen würden.«[Fußnote 15]

Die britische Frauenhausbewegung wurde von der radikalfeministischen Fraktion gekapert, die sich bald erfolgreich um staatliche Gelder bemühte und sie in ihren eigenen Aufbau von Infrastrukturen steckte. Ein Versuch von Pizzey, Gelder für ein Gewaltschutzprojekt aufzutreiben, das Männern zugutekommen sollte, blieb aussichtslos. Die Anfeindungen gegen Pizzey nahmen schließlich so sehr zu, dass ihre Post von der Polizei routinemäßig auf Briefbomben hin überprüft wurde. Der Anlass war das Eintreffen eines Päckchens ohne äußerlich erkennbaren Absender, von dem sich schließlich nach polizeilicher Untersuchung herausstellte, dass es ein unverlangt gesendetes Stück Tofu als Warenprobe enthielt.

»Ich kam mir ziemlich blöd vor, aber der höchst unangenehme Aspekt dieses Vorfalls war, dass der diensthabende Polizist sagte da ich eine umstrittene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sei, müsse von nun an alle meine Post und Pakete zunächst vom Bombenkommando untersucht werden. Erst dann würde es Briefe und Pakete an mich weiterleiten.«[Fußnote 16]

1981 entschloss sie sich schließlich, Großbritannien zu verlassen und in die USA überzusiedeln. Pizzeys Beispiel zeigt, dass die Entstehung der neuen Frauenbewegung mit einer durchaus gewaltsamen Verdrängung ideologisch abweichender Standpunkte verbunden gewesen ist. Diese Tendenz zur ideologischen Schließung betraf nicht nur Reizthemen wie die häusliche Gewalt, sondern war in den Frauenprojekten generell zu finden.

»Da die Frauen auf Regularien, Satzungen und formale Hierarchien verzichteten, ersetzte Gruppendynamik formale Verhaltensregeln, so dass verdeckte Machtstrukturen sich ungebremst und unkontrolliert durchsetzten – wer aus den Aktionen und Interpretationen der Frauengruppe ausscherte, wurde geschnitten oder sogar aktiv angegriffen.«[Fußnote 17]

Eine gewaltbesetzte Urszene der Etablierung des Mythos vom Patriarchat in Deutschland ist die Auseinandersetzung zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar. Vilar hatte 1971 die polemische Streitschrift »Der dressierte Mann« veröffentlicht, in dem sie die radikalfeministische These einer Unterdrückung der Frauen durch die Männer umkehrte. Tatsächlich, so behauptete sie, sei der typische berufstätige Mann ein manipuliertes, dressiertes Wesen, das von seiner Frau dazu gebracht würde, sich ein Leben lang im Erwerbsleben abzurackern, um ihr ein Leben ohne eigene Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

»Was ist der Mann? Der Mann ist ein Mensch, der arbeitet. Mit dieser Arbeit ernährt er sich selbst, seine Frau und die Kinder seiner Frau. Eine Frau dagegen ist ein Mensch, der nicht (oder nur vorübergehend) arbeitet. Die meiste Zeit ihres Lebens ernährt sie weder sich selbst noch ihre Kinder, geschweige denn ihren Mann. Alle Eigenschaften eines Mannes, die der Frau nützen, nennt sie männlich, und alle, die ihr nicht nützen und auch sonst niemandem, nennt sie weibisch. Der äußeren Erscheinung eines Mannes wird deshalb nur dann Erfolg bei den Frauen beschieden sein, wenn sie männlich ist, das heißt, wenn sie ganz auf den einzigen Daseinszweck des Mannes, die Arbeit, abgestimmt und dermaßen gestaltet ist, daß er jeder Aufgabe, die man ihm stellen könnte, jederzeit nachkommen kann.«[Fußnote 18]

Der polemische Charakter des Textes ist offensichtlich. Dennoch formuliert er Einsichten, denen gegenüber sich die feministische Perspektive blind stellt, nämlich dass der Mann auf seine eigene Weise in Abhängigkeiten und Unterwerfungsbeziehungen steckt, denen er nicht entrinnen kann, weil er über die ihm im Zerrbild vom »Patriarchen« unterstellte Machtfülle und Machtvollkommenheit gar nicht verfügt. Vilar weist auf die Ironie der feministischen Kritik hin:

»So absurd es klingt: In der heutigen Welt brauchen die Männer die Feministinnen weit dringender als ihre Ehefrauen. Sind diese doch die letzten, die sie noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen – eigenwillig, machtbesessen, rücksichtslos und ohne jede Hemmung, wenn es um die Befriedigung ihrer animalischen Instinkte geht. (…) Ohne ihre unermüdlichen Anklagen gäbe es den ›Macho‹ höchstens noch im Kino.«[Fußnote 19]

Es sind solche Einsichten, die sich genau an jenem blinden Punkt der feministischen Perspektive befinden, an dem ihr die Sicht auf die Gesellschaft durch die Sicht auf die Beziehung der Frau zum Mann verstellt wird. Das gesellschaftliche System, in dem Männer und Frauen gleichermaßen und gemeinsam leben, fällt nicht mit der Position des Mannes in eins, und seine Eigenschaften leiten sich nicht allein aus angeblich ausschließlich von Männern gestalteten Machtbeziehungen zu Frauen her. Vilars These nimmt vorweg, was systematisch und ohne Polemik erst gut zwanzig Jahre später von Warren Farrell in »The Myth of Male Power« ausformuliert wurde: dass man die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durchaus so bilanzieren kann, dass auch die männlichen Kosten einer Zugehörigkeit zur Zivilisation sichtbar werden, die zwar anders als die weiblichen Kosten beschaffen, aber darum keineswegs geringer sind. Farrell zufolge sind Männer »the disposable sex«, wobei sich die Bedeutungsvielfalt von »disposable« von »frei verfügbar« und »disponibel« über »entbehrlich« bis hin zu »wegwerfbar« und »Einweg-« erstreckt.[Fußnote 20] Sinngemäß wäre auch noch »verheizbar« passend. Dadurch relativiert sich auch die von der Frauenbewegung skandalisierte ökonomische Abhängigkeit der Frau vom Mann. In Vilars Worten: »Der Mann ist der Frau nicht wichtig genug, daß sie sich gegen ihn auflehnt. Ihre Abhängigkeit von ihm ist ja nur materieller, gewissermaßen ›physikalischer‹ Art. Es ist die Abhängigkeit des Touristen von seiner Fluggesellschaft, eines Wirts von seiner Kaffeemaschine, eines Autos vom Benzin, eines Fernsehgeräts vom Strom. Solche Abhängigkeiten bereiten keine Seelenqualen.«[Fußnote 21] Vilar plädiert im Kern dafür, das Verhältnis von Männern und Frauen zumindest in der modernen Erwerbsgesellschaft nicht als ein hierarchisches, sondern als ein komplementäres Verhältnis zu betrachten. Die moderne Gesellschaft für ein »Patriarchat« zu halten, ist ihr zufolge daher unsinnig. Auch diese These werde ich in einem eigenen Kapitel ausführlich verteidigen. An dieser Stelle lege ich Wert auf die Feststellung, dass – ganz analog zur Problematik der häuslichen Gewalt – die grundsätzliche Intuition, dass die radikalfeministische Perspektive ein radikal schiefes und radikal einseitiges Bild auf das Geschlechterverhältnis zeichnet, bereits Anfang der 1970er Jahre verfügbar war, und dass diese Intuition gewaltsam aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wurde. Exemplarisch für diese Gewaltsamkeit ist nicht nur die gegen Vilar ausgeübte physische Gewalt (sie wurde auf der Toilette der Münchner Staatsbibliothek von vier Frauen zusammengeschlagen), sondern insbesondere das im Februar 1975 vom WDR übertragene, unmoderierte Streitgespräch zwischen Vilar und Schwarzer: »Alice kontra Esther«[Fußnote 22]. Dieses Streitgespräch hat Schwarzer im »Kleinen Unterschied« auf folgende Weise kommentiert:

»Mit der Irrationalität der Männer habe ich selbst eine besonders exemplarische Erfahrung dank der Fernsehdiskussion mit Esther Vilar machen dürfen. Da wurde in den Medien von Springer bis ›Vorwärts‹ nicht etwa über Inhalte berichtet, sondern nur darüber, wie aggressiv doch die eine (ich natürlich) und ›charmant‹ doch die andere (Männerfreundin Vilar natürlich) gewesen sei. (…) Gleichzeitig sagt aber diese beispiellose Diffamierungskampagne vor und nach der Sendung ungewollt etwas aus über die heutige Stärke der Frauen und die Schwäche der Männer. Da beschlägt’s auch den sanften Patriarchen die Brille, da sehen sie nichts als die von ihnen so viel beschworene Karikatur, denn – da geht es um ihre Privilegien.«[Fußnote 23]

Was wurde in dieser Fernsehdiskussion debattiert? Ein wichtiger Punkt war beispielsweise die Frage nach der von Frauen geleisteten Hausarbeit. Während Schwarzer sie als unbezahlte Hausarbeit betrachtet, betrachtet Vilar sie als bezahlt aus dem Einkommen des Mannes. Vilar gibt hier schlicht das in der Nachkriegszeit vorherrschende Modell eines aus einem einzelnen männlichen Ernährerlohn gebildeten Familieneinkommens korrekt wieder.[Fußnote 24] In der Sache ist Schwarzers Ansicht daher falsch, denn der Transfergedanke des Ernährereinkommens war ein fester Bestandteil der dahinterstehenden politischen Intentionen. Einer von Vilars Haupteinwänden gegen die feministische Kritik lautete zudem, dass sich sehr viele Frauen in einem solchen Modell freiwillig und gerne einrichten – insbesondere dann, wenn es sich aufgrund des Berufs des Mannes um ein hohes Familieneinkommen handelt. Und sie betont, dass es praktisch niemals vorkomme, dass eine Frau sich ihr gesamtes Leben lang für den Erwerb zugunsten eines Ehemannes und der gemeinsamen Kinder zuständig fühle. Diesen biografischen Zwangscharakter der männlichen Ernährerrolle ist Schwarzer außerstande, wahrzunehmen. Ein anderes Thema ist Vilars scharf formulierter Vorwurf an die Feministinnen, sie würden einen »männlichen« Feminismus betreiben und sie seien »Nachplapperer, deren einzige Legitimation ihre Vagina sei«, weil »weder Mut noch Originalität« dazugehöre, sich in entsprechender Weise zu äußern. Vilar will, wie bereits zitiert, damit unter anderem zum Ausdruck bringen, dass Feministinnen »die letzten (sind), die sie« – also die Männer – »noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen«, nämlich als stark und machthabend. Auch hier formuliert Vilar zu einem sehr frühen (und wahrscheinlich zu frühen) Zeitpunkt eine Intuition, die erst in einigen nach der Jahrtausendwende erschienenen Arbeiten klar herausgearbeitet wird:[Fußnote 25] dass nämlich die »Verweichlichung« und Entmachtung des patriarchalen Mannes bereits mit dem Beginn der modernen Ära am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt und diesem Modell des patriarchalen Mannes im Zeitalter der industriellen Erwerbsarbeit daher keine Realität mehr entspricht. Da Vilars Ansicht jedoch nicht dem Umstand gerecht wird, dass durch die Befreiung der Sexualität in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Frauen und Männer tatsächliche Probleme entstehen, fehlt ihr das Verständnis für die durchaus vorhandenen historischen Gründe, die zu einem Entstehen der Frauenbewegung führen. Ein wechselseitiges Verständnis der jeweiligen Positionen war damit blockiert.

Alice Schwarzer freilich ist ohnehin entschlossen, diesen Gordischen Knoten des wechselseitigen Nichtverstehens nach der originalen alexandrinischen Art mit einem Gewaltstreich zu lösen. Sie, die insgesamt länger und auch länger am Stück redet, bemüht sich durchgehend, Vilars Ideen als groteske Abweichung von dem, »was alle wissen«, darzustellen. Diese Berufung auf einen »common sense« soll die Wahrheit ihrer eigenen Perspektive dort verbürgen, wo es tatsächlich mehr als eine Perspektive gibt oder Vilars Perspektive – wie beim Familieneinkommen – näher an der Sache liegt. Auch explizit bezeichnet sie Vilars Texte mehrfach als Unsinn, den man nicht ernst nehmen müsse. Während Vilar durchgehend sachlich und auch freundlich antwortet, ist Schwarzers verbales Verhalten drängend und bleibt nicht auf der Inhaltsebene, sondern zielt taktisch auf Eindrücke beim Publikum – sie versucht, Vilar als absurde Person in einer Außenseiterposition vorzuführen. Der Höhepunkt der Diskussion ist jedoch der Moment nach 29 der insgesamt knapp 43 Minuten, in dem Schwarzer ihr taktisches Verhalten zu einer massiven Beschuldigung steigert:

»Denn ich muss Ihnen ehrlich sagen, als das anfing vor drei Jahren, da habe ich gedacht, naja, um Gottes willen, was soll dieses konfuse Zeug, da braucht man gar nicht erst drauf einzugehen, da macht man nur Reklame für – und es ist aber so, dass sie einer Gesellschaft offensichtlich, der einige Ideen, die aus unserer Ecke kommen, stinken, gerade recht kommen, und dass sie in einem Ausmaß propagiert werden, dass man sich zwar nicht mit ihren sogenannten ›Ideen‹ auseinandersetzen muss – dafür sitze ich auch nicht hier – sondern ich glaube, man muss sich damit auseinandersetzen, dass sie in allen Medien und überhaupt in der Öffentlichkeit ein solches Forum finden mit diesen Geschichten – erstens, und zweitens muss man glaub ich endlich auch mal aufhören zu scherzen – ich meine, ich lache auch lieber, als dass ich dramatisch werde, das entspricht mehr meinem Naturell – aber das ist nicht der Moment – ich glaube wirklich, dass Ihre Bücher – ich hab sie also gestern mir noch mal systematisch durchgeschaut, weil ich wissen wollte, mit wem ich es zu tun habe – ich glaube, dass Ihre Bücher so unerhört sind, eine solche Beleidigung sind, so infam sind, dass ich heute ernsthaft überlege, ob Frauen sich nicht erkundigen sollten, nicht abchecken sollten, ob man Ihnen nicht einen Prozess machen sollte, denn! – und das möchte ich Sie jetzt fragen, wenn sie in ihren Büchern das Wort ›Frau‹ ersetzen würden durch das Wort ›Jude‹ oder ›Neger‹, dann wären ihre Schriften reif für den Stürmer. Sie sind nicht nur Sexistin, sie sind auch Faschistin.«

An dieser Stelle wird endgültig erkennbar, dass Schwarzer gar nicht daran denkt, Vilars Texten tatsächlich auf der inhaltlichen Ebene zu begegnen, sondern mit Taktiken, die man heute als »diskursive Gewalt« bezeichnet, darauf abzielt, sie öffentlich zu stigmatisieren und in eine Tabuzone der Berührungsverbote abzudrängen. Dass Vilars Bücher der Textgattung der Polemik angehören, also gerade nicht wie die Texte der Nazis buchstäblich gemeint sind, ignoriert Schwarzer ebenso gezielt wie den gesamten ideengeschichtlichen Kontext, insofern sie Vilar eine menschenverachtende Ideologie nur unterstellen, aber nicht nachweisen kann. Tatsächlich beutet Schwarzer hier – ob bewusst oder intuitiv – zusätzlich den für das Publikum nicht nur der damaligen Zeit kathartischen Effekt aus, einer jüdischen Autorin, die aufgrund der Emigration ihrer Eltern im argentinischen Exil geboren wurde, »Faschismus« zu unterstellen. Henryk Broder hat dieses Verhalten Schwarzers, das bei ihr ein durchgehendes Verhaltensmuster darstellt, in einem Blogbeitrag von 2008 sarkastisch auf den Punkt gebracht:

»Frau Schwarzer gehört zu den vielen deutschen Gutmenschen, die unter akutem ›Holocaust-Neid‹ leiden und deswegen keine Gelegenheit auslassen, sich auch als Opfer der Geschichte zu definieren. Und da sind die Juden natürlich das Maß aller Dinge.«[Fußnote 26]

[Fußnote 1] Schwarzer 2002, S. 40

[Fußnote 2] a.a.O.

[Fußnote 3] a.a.O., S. 50 f.

[Fußnote 4] a.a.O., S. 51

[Fußnote 5] Marquardt 2015, S. 246

[Fußnote 6] Marquardt 2015, S. 215 f.

[Fußnote 7] »Innerhalb der Frauenbewegung, die um die Öffentlichkeit und Akzeptanz des Themas Missbrauch von Mädchen kämpfte und sich durch das Thema Missbrauch von Jungen (›wieder rücken die Jungen/Männer in den Vordergrund und verallgemeinern das Thema‹) wieder übergangen fühlte, war das Thema Pädophilie nicht sehr interessant. Es wurde außerdem als Konkurrenz abgelehnt. Diese Haltung teilte letztlich der (Landes-) Frauenbereich der AL.« Bündnis 90/DIE GRÜNEN 2015, S. 65 f. Siehe zum Thema auch Lucas Schoppe, »Wie die Grünen Jungen opferten« (https://man-tau.com/2015/12/08/wie-die-grunen-jungen-opferten/)

[Fußnote 8] Hamel/Nicholls 2013, S. 17

[Fußnote 9] Hamel/Nicholls 2013, S. 172

[Fußnote 10] Brownmiller 1980, S. 22

[Fußnote 11] Hamel/Nicholls 2013, S. 66

[Fußnote 12] a.a.O.

[Fußnote 13] »Any refuge was better than none, but it concerned me that people working at such places should spout the notion that all women were innocent victims of men’s violence. Of the first hundred women who came through our doors sixty-two were as violent as the men they had left behind. I had to face the fact that the males were always going to be blamed for violence within a family and that … false claims would be made against them and that the women would always be believed. « (Pizzey 2011, S. 82, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 14] »Violence-prone women usually return home many times and often use a refuge as a revolving door in their continued battles against their partners. If they do leave, the chances are they will very quickly find themselves in another violent relationship.« (a.a.O., S. 83, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 15] »Predictably, this theory turned me into a figure of hate, and female journalists who came to interview me generally refused to publish what I had to say on the subject of women with violent tendencies. Most of the interviewers were feminists, and I got the impression back then that our findings from our work – controversial as these were at the time – were never going to be allowed to emerge into the light of day.« (a.a.O., Übersetzung I. J.)

[Fußnote 16] »I felt really stupid, but the chilling aspect of this incident was that the policeman in charge said that from now, as I was a controversial public figure, all my post and parcels must come to the bomb squad first to be examined. It would then forward letters and packages to me.« (Pizzey 2011, S. 283, Übersetzung von mir.)

[Fußnote 17] Reichardt 2014, S. 610

[Fußnote 18] Vilar 1987, S. 17

[Fußnote 19] a.a.O., S. 10

[Fußnote 20] Farrell 2002

[Fußnote 21] Vilar 1987, S. 26

[Fußnote 22] Die Sendung unterliegt auf youtube Copyright-Einschränkungen, weshalb verweisende Links immer wieder ins Leere führen, so auch der Link auf Alice Schwarzers eigener Website: https://www.aliceschwarzer.de/artikel/alice-schwarzer-contra-esther-vilar-318407. Auf dem Stand vom 26.06.2019 habe ich eine Version mit spanischen Untertiteln gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=stP_I8h4Y68

[Fußnote 23] Schwarzer 2002, S. 289

[Fußnote 24] Berninger/Dingeldey 2013

[Fußnote 25] Vgl. unten Kap. 1.3.3.2

[Fußnote 26] http://henryk-broder.com/hmb.php/blog/article/3714

Lucas Schoppe zu weiteren Problemen feministischer Positionen

Lucas Schoppe von Man-tau hatte in einem Kommentar zu dem Artikel zu Problemen feministischer Positionen weitere Probleme aufgeführt:

Das ÖKONOMIEPROBLEM ist in meinen Augen DAS zentrale Problem des intersektionalen Feminismus, gerade weil er als irgendwie linke“ Theorie verstanden werden soll. Tatsächlich aber ist auffällig, dass alle möglichen Kategorien für die obsessiv anmutende Unterteilung von Menschen in Marginalisierte und Privilegierte herangezogen, dass aber ausgerechnet ökonomische Unterschiede dabei kaum beachtet werden. Sie werden lediglich herangezogen, um die Bedeutung anderer Kategorien zu unterstreichen – etwa beim Hinweis, dass Frauen weniger verdienen würden als Männer, oder das Schwarze proportional häufiger in Armut lebten.

Das blendet nicht nur eine Kategorie aus, die wie keine andere verantwortlich ist für soziale Unterschiede – es ist auch ein deutlicher Bruch mit linken Traditionen, in denen die Frage nach der ökonomischen Basis gesellschaftlicher Konflikte lange unverzichtbar war. Deshalb ist es übrigens auch falsch, intersektionalen Feminismus als irgendwie marxistische Theorie einzustufen (ich bin kein Marxist, finde aber trotzdem, das Marx nicht für jeden möglichen Quatsch verantwortlich gemacht werden sollte).

Der Grund für die Ausblendung ökonomischer Aspekte ist zugleich auch der Grund, warum intersektionale Theorien im akademischen Bereich so modisch und, z.T., unumgänglich geworden sind. Die Studis und Dozenten an den Unis können damit vollkommen selbstverständlich ignorieren, wie vielen harten Auschlussprozessen sie es zu verdanken haben, dass sie an der Uni sind und viele andere nicht.

Sie können, und sogar exzessiv, Marginalisierung und Privilegierung verhandeln, aber dabei völlig unter sich bleiben. Marginalisiert sind dann Schwarze, Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle, Genderfluide etc., aber nicht die, die draußen bleiben: Denn die sind in der Mehrzahl weiß, hetero, cis und zur Hälfte sogar männlich. Lauter Privilegierte da draußen, während sich an den Unis Menschen sammeln, die sich als marginalisiert wahrnehmen können.

Der intersektionale Feminismus ist keine linke Theorie, sondern eine ideologische Orchestrierung massiver sozialer Privilegien, die mit Versatzstücken aus linker Theorie und sehr viel Geschwätz verdeckt werden.

Damit hängt denn auch das BIOLOGISMUSPROBLEM eng zusammen. Natürlich würden intersektionale Feministinnen selbst empört darauf hinweisen, dass SIE sich doch ganz gewiss nicht auf biologische Kategorien beziehen, sondern lediglich gesellschaftliche Konstruktionen nachvollziehen und bekämpfen, die ihrerseits biologistisch wären.

Das ist natürlich Quatsch. Hier ist eine „Linke“, die sich allen Ernstes auf die Kategorien Rasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung fixiert. Gerade weil sie diese Kategorien mit politischen und moralischen Phantasien auflädt, also z.B. „alte weiße Männer“ als Chiffre für Privilegien und Machtmissbrauch verwendet, agiert sie regelrecht prototypisch biologistisch.

Auch das MARGINALISIERUNGSPROBLEM leitet sich vom Ökonomieproblem ab. Denn wenn es zum sozialen, institutionellen Vorteil wird, sich als „marginalisiert“ darstellen zu können – dann werden diesen Vorteil natürlich auch vor allem diejenigen Menschen nutzen können, die eine bessere Position als andere haben.

Jemand muss schon sehr privilegiert sein, um sich noch erfolgreich als marginalisiert verkaufen zu können. Er – oder eben sie – braucht den entsprechenden Habitus (ein Redneck aus dem mittleren Westen hätte da eher geringere Chancen), institutionelle Absicherungen, gute soziale Kontakte, Zugang zu den jeweils gängigen Versatzstücken von Theorien, Verbindungen zu den Medien etc.

Wer soziale Beziehungen allein über „Marginalisierung“ und „Privilegierung“ verhandelt und dabei eine erfolgreiche Selbstdarstellung als „marginalisiert“ prämiert – der wird dafür sorgen, dass eher früher als später vor allem Privilegierte diese Prämien einstreichen können.

Ein Nebenproblem davon ist das STANDPUNKTPROBLEM. Wenn wir keine gemeinsame Wirklichkeit haben, über die wir unsere unterschiedlichen Positionen verhandeln können – sondern wenn die Standpunkte von Marginalisierten und Privilegierten sich radikal unterscheiden – und wenn noch dazu die Marginalisierten als „Opfer“ sozialer Verhältnisse die Definitionsmacht über deren Beschreibung haben müssen: Wer unterscheidet dann überhaupt, wer Opfer ist und wer nicht? Es gibt doch schließlich gar keine objektiven Kriterien, um diese Entscheidung zu treffen.

Gemäß Definitionsmachtkonzept können selbstverständlich nur die Opfer selbst entscheiden, dass sie die Opfer sind – wäre ja auch noch schöner, wenn sie dafür erst einmal die Täter fragen müssten. Das bedeutet: „Opfer“ sozialer Verhältnisse ist schließlich der, der sich selbst am erfolgreichsten als Opfer präsentieren konnte.

Übergreifend ist schließlich das EMPIRIEPROBLEM. Intersektionale Feministinnen beanspruchen, etwas über die soziale Wirklichkeit auszusagen, können aber mit sozialer Wirklichkeit eigentlich gar nichts anfangen. Schließlich ist bei ihnen jede Frage schon beantwortet, bevor sie überhaupt gestellt wurde. Wer marginalisiert ist und wer privilegiert, ist kein Ergebnis einer offenen Diskussion, sondern steht per Definition immer schon fest: Sonst würden in der offenen Debatte ja die Vorteile der „Privilegierten“ zu tragen kommen.

Sonst würde auch zum Beispiel der Hinweis von Männern, dass auch sie als Männer zum opfer sozialer Verhältnisse werden können, nicht ohne weitere Prüfung als „Opferideologie“ abgetan werden können.

Das bedeutet, dass empirische Daten ALS empirische Daten überhaupt keine Rolle spielen. Sie bleiben ausgeblendet, wenn sie dem Immer-schon-Gewussten widersprechen – und wenn sie es bestätigen, werden sie auf wilde, unkontrollierte Weise als Bestätigung verwendet.

Ich war mal bei einem Vortrag von Connell dabei, in dem sie geradezu manisch und völlig beliebig ganz unterschiedliche Situationen aus lauter ganz unterschiedlichen Teilen der Welt assoziativ verknüpfte – so dass sie mir schon leid tat, weil ich dachte, die Anwesenden müssten sie für eine Verrückte oder zumindest für eine seltsame Verschwörungstheoretikerin halten. Aber sie verstanden offenbar sofort, wofür ich eine Weile brauchte – nämlich dass alle diese Situationen irgendwie Beispiele für eine toxische Männlichkeit wären, die ja – wie wir wissen – unterschiedslos weltweit wabert.

Das Empirieproblem ist direkt mit der Abschottung hochprivilegierter gesellschaftlicher Milieus verknüpft, die ich am Anfang beim „Ökonomieproblem“ erwähnt habe. Der größte Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird hier einfach ausgeblendet – und das muss man sich erst einmal leisten können.

Fasst denke ich vieles nochmal sehr gut zusammen. Was haltet ihr davon?

Selbermach Samstag 259 (12.10.2019)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen

Körpergröße und Gehalt

Ein interessanter Artikel beleuchtet wie sich die Körpergröße von Männer und Frauen auf ihr Gehalt auswirkt:

Auf einen Nenner gebracht: Erfolg und Körpergröße scheinen stark zusammenzuhängen, wissenschaftlich: zu korrelieren.

Dieser Zusammenhang ist in zahlreichen wissenschaftlichen Studien zu finden, unter anderem aus den USA und Großbritannien. So bringen Männer, die größer sind als 1,82 Meter, später knapp sechs Prozent mehr Gehalt nach Hause als ihre durchschnittlich hoch geratenen Kollegen. Das stellten Forscher der Londoner Guildhall Universität nach einer Befragung unter 11.000 Berufstätigen fest.

Auch der Münchner Doktorand Fabian Spanhel kam in seiner Diplomarbeit zu diesem Schluss. Darin beschäftigte er sich mit dem Einfluss von Körpergröße auf die Lohnhöhe und die Berufswahl. Mit Verweis auf die Studie (PDF) von Nicola Persico, Andrew Postlewaite und Dan Silverman schreibt Spanhel:

Männer mit einem überdurchschnittlichen Nettolohn je Stunde sind in der Regel signifikant um 0,84 cm größer als Männer mit einem unterdurchschnittlichen Nettolohn je Stunde. Bei Frauen ist der Körpergrößenunterschied mit 0,83 cm fast genauso groß und ebenso signifikant.

In der Regel haben größere Personen einen höheren Schulabschluss und verfügen über eine höherwertige berufliche Qualifikation. Die größte Diskrepanz in der Körpergröße ist mit 4,16 cm zwischen promovierten Männern und Männern mit einer Anlernausbildung oder einem beruflichen Praktikum zu beobachten. Größere Menschen üben in der Regel eher leitende Tätigkeiten aus oder arbeiten in wissensintensiven Berufen. Wissenschaftlerinnen sind beispielsweise in der Regel um 2,44 cm größer als Frauen, die als Hilfsarbeitskräfte tätig sind.
Ist der Zusammenhang tatsächlich so einfach?

Olaf Hübler, Professor an der Leibniz Universität Hannover und Institutsleiter für empirische Wirtschaftsforschung, gab in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu bedenken, dass der Zusammenhang zwischen Körpergröße und Gehalt nicht linear sei. Entsprechend sei die Annahme „je größer, desto besser“ falsch.

Entscheidend sei in Hüblers Augen stattdessen die Tendenz zum Mittelwert. Optimal für einen Mann sei demnach eine Körpergröße von 1,91 Meter. Bei größeren Männern nehme der Gehaltsvorteil wieder ab.

Das ist ein interessantes Thema. Wäre interessant, ob Intelligenz und Körpergröße auch in einer gewissen Korrelation stehen. 0,84 cm erscheint allerdings auch nicht sehr groß, die 1,91 hingegen wären schon deutlich im oberen Bereich

Warum Körpergröße auf die Karriere wirkt
Die Forscher Timothy Judge und Daniel Cable sehen die Gründe in der unbewussten Wahrnehmung der Körpergröße: Große Menschen werden für selbstbewusst, kräftig und durchsetzungsstark gehalten – sprich sie bringen mehr Führungsqualität mit. Und wir sehen zu ihnen buchstäblich auf.

Dahinter stecken steinzeitliche Denkmuster, die sich entwickelt haben als der Mensch noch Jäger und Sammler war: „In Urzeiten hat man Größe mit Stärke gleichgesetzt“, sagte Reinhold Bergler, Vorurteilsforscher an der Universität Bonn, gegenüber dem Focus.

Körpergröße ist in gewisser Weise ein „Costly Signal“. Einmal muss man die Ernährung gehabt haben um sie aufzubauen, dann ist ein größerer Körper erst einmal schwerer zu unterhalten. Er bringt zudem – jedenfalls bis zu einer gewissen Größe – Vorteile wie größere Reichweite, üblicherweise auch eher ein höheres Kampfgewicht etc.

Wie wirkt sich die Körpergröße bei Frauen aus?
Wie sieht die Sache eigentlich bei den Frauen aus? Zählt auch dort die Größe? Eher nicht, glaubt man den Ergebnissen einer deutschen Langzeitstudie von Olaf Hübler aus dem Jahr 2009.

Er kommt zu dem Schluss, dass Männer mehr verdienen, wenn Sie größer sind als der Durchschnitt, während Frauen mehr verdienen, wenn diese kleiner sind als der Durchschnitt. Die optimale Größe einer Frau liegt für Hübler demnach bei 1,60 Meter.

Das finde ich erstaunlich, ich hätte eher gedacht, dass auch größere Frauen mehr verdienen. Aber es scheint bei beiden zu dem für das Geschlecht aussagekräftigeren Extremen zu gehen.

Allerdings scheint mal wieder etwas anderes bei Frauen interessanter zu sein:

Bei Frauen ist der entscheidende Faktor nicht die Körpergröße, sondern das Gewicht. (…)

Das Ergebnis: Schlanke Frauen verdienen deutlich mehr als dicke. Am höchsten war ihr Gehalt bei einem BMI von 21,5. Bei Werten darüber sinkt das Gehalt immer weiter.

Also letztendlich bei beiden auch Faktoren, die allgemein als attraktiv gelten bei dem jeweiligen Geschlecht