Distinktiongewinne und das „Rennen zum Absurden“

Ich möchte aus dem Gastbeitrag von Lucas Schoppe noch einmal einen Punkt herausgreifen:

So aber wirken feministische Positionen im wissenschaftlichen Diskurs schon seit einer ganzen Weile weniger durch ihre Bedeutung für die Forschung als durch eine moralisch grundierte Distinktion. Wer von dort aus agiert, kann andere beurteilen, nämlich als „Frauenfeinde“, „Misogyne“, „Antifeministen“ oder auch positiv als „kluge Männer“ (Schwarzer) – ohne aber selbst umfassend von diesen anderen beurteilt zu werden, zumindest nicht im offenen Diskurs.

Distinktion durch überlegene Moralität aber produziert ganz besondere Widersprüche. Wer moralisch argumentiert, der ist dann erfolgreich, wenn er möglichst viele andere von der Gültigkeit seiner Position überzeugt. Wer sich aber von anderen unterscheiden will, kann mit solchen Verallgemeinerungen der eigenen Position nichts anfangen, weil diese Position sich ja eben gerade dadurch beglaubigt, dass sie sich vom Allgemeinen – sei es der „Pöbel“, sei es das „Patriarchat“ – unterscheidet.
Distinktion durch Moralität funktioniert als Distinktion also umso weniger, je erfolgreicher die aufgerufenen Moralvorstellungen vertreten werden. Je mehr diese allgemein akzeptiert werden, desto radikaler müssen sie dann variiert werden, um überhaupt noch für einen Distinktionsgewinn zu taugen.

(…)

Distinktion durch Moralität begründet so nicht unbedingt einen „race to the bottom“,
https://de.wikipedia.org/wiki/Race_to_the_bottom , aber ein „race to the absurd“: Es kommt ja gerade darauf an, Positionen zu beziehen, die eben nicht von allen geteilt werden können, die dann aber für alle gelten sollen.

Distinktion etwas einfach ausgedrückt wäre die Unterscheidung und der Distinktionsgewinne lassen sich nur dann abgreifen, wenn man deutlich unterscheidbare Meinungen hat.

Das lässt sich gut in andere Betrachtungen einreihen:

Das der Feminismus immer absurdere Forderungen aufmacht und sich die Vertreter mit einer „Call out Culture“ darum bemühen sich als derjenige zu profilieren, der noch „Heiliger“ ist, der noch mehr die Rechte aller schützt wurde ja hier schon häufig behandelt.

Es würde gerade diese Call Out Culture erzeugen, wenn sich alle darum bemühen sich in ihren Moralansätzen unterscheidbar zu machen, sich als die noch besseren darzustellen, denn das ist gegenüber der Masse ja nur sehr eingeschränkt möglich bei dem gegenwärtigen Stand der Diskussion. Wer sich innerhalb der Szene etablieren will, der muss sich gerade innerhalb der Szene abgrenzen. Nur dort ist noch ein Distinktionsgewinn zu realisieren. Es muss damit immer absurder werden und es darf niemals zurück in den Mainstream kommen.

Sobald der Mainstream eine Idee akzeptiert muss man damit zwangsläufig eine weitere draufsetzen.

 

79 Gedanken zu “Distinktiongewinne und das „Rennen zum Absurden“

  1. Das könnte auch der Grund sein, warum in einer als freiheitlich deklarierten Welt alles, was mit Sex zu tun hat, plötzlich als verwerflicher und menschenfeindlicher angesehen wird als in jedem katholischen Pfarrhaus.

    Wie freiheitlich ist denn eine Welt, in der sogar Blicke und Worte schon Rote Linien überschreiten und darüber gesellschaftlicher Mainstream-Konsens besteht?

  2. Ich bin der Meinung, was wir hier sehen ist die soziologische Analogie zu einer Allergie. Heuschnupfen entsteht, weil der Körper sich neue zu bekämpfende Feinde suchen muss, weil es die alten Feinde, die sonst bekämpft werden mussten, nicht mehr gibt.

    Gerade der gegenwärtige Trend zur Gesinnungsethik, in dem nicht mehr das Handeln und das Ergebnis der Tat im Vordergrund steht, sondern die Intention des Handelns und die Intention der Tat, wo ganz offen und unverhohlen postuliert wird, wenn zwei dasselbe tun, wäre es nicht notwendigerweise dasselbe, ist der Nährboden für eine solche Entwicklung optimal bereitet.

    Meine zusätzliche These – hier nicht mehrheitsfähig, ich weiß – ist darüber hinaus, dass dieses Betonen der Moral nicht zufällig erfolgt, sondern wir aktuell eine religiöse Neujustierung der Gesellschaft erleben, die eine Reaktion auf die Leerstelle ist, die das Wegbrechen (oder Zerstören) der bisherigen religiösen Strukturen hinterlassen hat. Die Untersuchungen und Erkenntnisse von J. Haidt gehen ja in die Richtung.
    Jetzt die These: Wir erleben gerade den Bildungsversuch einer neuen Religion und die Jagd nach immer feiner zisilierten Distinktionsgewinnen ist der normale Machtkampf der Zeloten, die sich in der Anfangsphase, in das neue Wertesystem noch nicht „ausgehärtet“ ist, Machtkämpfe liefern.
    Was mich, sollte meine These stimmen, an der gegenwärtigen Situation so stört, ist die Unbarmherzigkeit, mit der in dieser Religion auf die identifizierten Gegner geschaut wird. Das ist in vielen Weltreligionen deutlich ausgewogener und konstruktiver niedergelegt (z.B. Trennung von Tat und Täter).

    • „aktuell eine religiöse Neujustierung der Gesellschaft erleben“

      Finde ich sehr spannend die Überlegung. Passt auch zur zunehmenden Irrationalität und dem hilflosen Versuch, diese immer wieder empirisch zu hinterlegen.

      Aber wer soll das Anzubetende, wer sollen die Götter sein? Da sind wir wohl noch auf der Suche, obwohl sich die Frauen ja schon sehr in den Vordergrund geschoben haben und anbieten möchten.

      Mit Menstuationsmustern bedruckte T-Shirts als Sakramente, eigene Schutzräume, Opfergaben, sogar eigene Parkplätze.

      Wäre doch möglich – in anderen Gesellschaften sind ja sogar Kühe heilig.
      Holy shit!

      • „Aber wer soll das Anzubetende, wer sollen die Götter sein?“

        Das unschuldige Opfer.

        Unbeholfene Neuauflage des Marienkults.
        Es ist ja nicht so, dass Feministinnen etwas neues schaffen würden/könnten; sie korrumpieren nur das bestehende.

      • Nimm mal einfach an, der Mensch *braucht* Religion, und dann frag mal, welcher wohl der Atheist und Nihilist folgt. Oder der Rationalist.
        Und ob die, falls man dem zustimmt, die folgen einer, nicht am Ende des Tages die manipulierbarsten von allen sein könnten.

        • Aus meiner Sicht sind die Anhänger jedwelcher Sekte, auch des Atheismus, nicht mehr oder weniger manipulierbar als alle anderen Zeitgenossen. Schon im Kern seiner Ausprägung kämpft der Atheismus mit dem Umstand, dass seine Grundannahme nicht zu beweisen ist, er also im Kern selbst eine Glaubensrichtung ist. Agnostiker stehen da anders da.

          Der Punkt ist allerdings der: Anhänger einer Glaubensrichtung haben eine Agenda, der sie folgen können und der Andere folgen können. Das funktioniert im kleinen (Maskenträger gegen Verweigerer), im Großen (alle großen politischen Strömungen des vergangen Jahrhunderts) und allen Ausprägungen dazwischen.

          Mit jeder These kannst Du Dich auf einen Marktplatz stellen und Follower finden. Mit der Abwesenheit einer These allerdings geht das nicht. Wer sagt, dass er erstmal prüfen muss ob… und dann wiederkommt mit dem Ergebnis der Art „it is highly unlikely, but cannot be rejected“, begründet keinen Glaubensgrundsatz. Er begründet Zweifel. Wer eine Weltreligion, auch eine staatliche, will, muss Orientierungspunkte vorgeben und Zweifel kaschieren. Das hat nichts mit Fakten zu tun, aber mit zur Schau gestellter Sicherheit in der Deutung des Kaffeesatzes.

          Überzeugte Agnostiker der Fakten sind in der Tat weniger anfällig für die Manipulation, sie kommen aber in den meisten Untersuchungen dazu nicht vor, weil sich ihre Paradgmen und Handlungsketten weniger gut in Kategorien eines gesellschaftlichen Rationales einsortieren lassen.

          • „Aus meiner Sicht sind die Anhänger jedwelcher Sekte, auch des Atheismus, nicht mehr oder weniger manipulierbar als alle anderen Zeitgenossen.“
            Das ist Unsinn. Atheismus ist keine Sekte, Atheismus bezeichnet das Fehlen eines (religiösen) Glaubens, mehr nicht. Atheismus verhält sich zum Theismus wie Nichtrauchen zu Rauchen: letzteres ist eine Sucht, ersteres nicht.
            Natürlich kann ein Atheist an anderen Blödsinn glauben, so wie ein Nichtraucher andere Drogen konsumieren kann. Das hat aber mit Atheismus per se nichts zu tun, sprich: das ist kein Kriterium, jemanden als Atheisten zu klassifizieren.

          • „Das hat aber mit Atheismus per se nichts zu tun, sprich: das ist kein Kriterium, jemanden als Atheisten zu klassifizieren.“

            Ich folge da eher DoZ.
            Vermutlich schreibt Ihr gerade aneinander vorbei.
            Natürlich ist Atheismus keine Religion im eigentlichen Sinne. Aber überzeugte Atheisten vertreten ihren Atheismus oft mit gleicher religiöser Inbrunst, wie überzeugte Theisten.
            Und DoZ geht es um diesen Fanatismus.
            Wir hatten die Diskussion über diese Unterschiede gerade vor vielleicht zwei Wochen.

            Mir als bekennendem Agnostiker ist diese Abgrenzung schon wichtig, während andere Atheismus und Agnostizismus gleich setzen.

          • Aus meiner Sicht sind Atheisten häufig aus einer Lust an der Zerstörung Bestehendens motiviert.
            Scheint ja auch geklappt zu haben.
            Der Leerraum wurde dann gekapert.
            Und guckt man sich so um, hat man einen sehr schlechten Deal gemacht.
            In meinen Augen.
            Aber das soll hier nicht Diskussionsthema sein.

          • Atheisten laufen in die gleiche Falle wie Theisten, man weder das eine noch das andere beweisen. Eine göttliche Existenz wurde bisher weder bewiesen noch widerlegt. An der Stelle liegen sowohl der Atheist der versucht zu argumentieren wie der Gläubige der versucht zu beweisen komplett falsch.

            Wahrer Glauben kann nur entstehen wo Gott (oder was auch immer an deistischer Existenz) nicht nachweisbar ist. Jeder Opportunist glaubt an Götter die erwiesenermaßen existieren. An etwas zu glauben, und dafür Konsequenzen in Kauf zu nehmen, obwohl man nur denkt es gäbe da etwas, das ist Glauben. Atheismus ist so gesehen im Kern eine absurde Überzeugung, da sie genau wie Religion auf ein Glaubenskonstrukt aufbaut um genau diesem dann die Grundlage zu entziehen.

            Jeder rationale Mensch sollte an Göttlichkeit zweifeln, denn sie ist nicht belegbar, aber jeder rationale Mensch sollte auch begreifen das genau dies nichtbelegebarkeit inhärenter Teil des Glaubensystems ist und nicht zu dessen Widerlegung beigezogen werden kann.

          • „Jeder rationale Mensch sollte an Göttlichkeit zweifeln, denn sie ist nicht belegbar, aber jeder rationale Mensch sollte auch begreifen das genau dies nichtbelegebarkeit inhärenter Teil des Glaubensystems ist und nicht zu dessen Widerlegung beigezogen werden kann.“

            Siehst Du, deshalb gibt es den Agnostiker.
            Der gibt zu, dass er die Frage nach der Existenz von Göttern nicht zufriedenstellend beantworten kann.
            Und es ist ihm egal, ob und wie viele Götter es gibt. 😉

          • Deshalb kann man mit Agnostikern zwar bestens streiten, aber nicht gegen sie argumentieren,
            Sie haben auf rationaler Ebene recht 😉

          • @sumu:
            „Deshalb kann man mit Agnostikern zwar bestens streiten, aber nicht gegen sie argumentieren,
            Sie haben auf rationaler Ebene recht..“
            ————————————————
            Dem kann ich weitgehend zustimmen, und die Aussage macht zugleich klar, daß es hierbei einseitig NUR um die rationale Ebene geht, die für Aspekte von Transzendenz und Spiritualität keine Zugänglichkeit besitzt. Für mich sind aber beide unabhängige Welten wichtig.

          • Atheisten sind davon überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Das ist alles. Genauso wie Darwinisten davon überzeugt sind, dass die Evolutionstheorie korrekt ist, um hier mal den Bogen zum Blognamen zu schlagen. Niemand erwartet von einem Darwinisten, sich Agnostiker zu nennen, nur weil er nicht beweisen kann, dass nicht doch ein Gott hier und da an der DNA rumgefummelt hat. Das findet er nunmal nicht plausibel. Das reicht doch. Beweisen kann man sowieso nur mathematische Sätze.

          • „.. jeder rationale Mensch sollte auch begreifen das genau dies nichtbelegebarkeit inhärenter Teil des Glaubensystems ist “

            Darauf hatte Richard Dawkins eine gute Antwort gegeben. Stellen wir uns mal vor, man würde das Grab von Jesus finden und eine DNA-Analyse der Knochen ergäbe, dass Jesus keinen leiblichen Vater hatte. Was würde die katholische Kirche dazu sagen? Vielleicht sowas wie „Ach, das ist doch nicht wichtig. Es geht um Glauben, nicht um Beweise“? Das ist ein Witz. Die Kirche würde es rausposaunen. Die Nichtbelegbarkeit wird nur deswegen zum Glaubenssystem erklärt, weil diese Belege ausbleiben. Wenn die Nichtbelegbarkeit zum Glaubenssystem gehören würde, hätten sich die mittelalterlichen Theologen ja gar nicht an Gottesbeweisen versucht.

          • Dick Dawkins, in der ihm eigenen charakterlosen Art und Weise, beschreibt sich als Level 6 von 7 Atheisten.
            Oder eben einen Agnostiker.

      • Darüber habe ich mir auch schon bedanken gemacht, aber ich glaube eigentlich nicht, dass dem wirklich so ist.
        Vielmehr glaube ich, dass es bestimmte menschliche Eigenschaften (zB. Gemeinschaftsgefühl) gibt, die dazu führen, dass sich bestimmte Strukturen herausbilden bzw. bleiben. Dazu kommen dann noch notwendige Eigenschaften der herausgebildeten Strukturen (positive Ausbreitungsgeschwindigkeit, Widerstandfähigkeit gegen Feinde/Opposition, teilw. Abschottung/Intransparenz, anstreben von Macht um der Macht (bzw. der eigenen Organisation) willen).

        Das können Religionen/Kirchen sein, aber eben auch „weltliche“ Strukturen/Bewegungen wie zB. der heutige Feminismus. Die können aber unabhängig voneinander existieren, und müssen sich nicht zwangsläufig ablösen. Es gibt da auch kein Vakuum, dass gefüllt werden müsste. Nur die Tendenz eben genau solche religiösartigen Strukturen herauszubilden.
        Das kann dann nach außen ähnlich aussehen, weil dort die gleichen Kräfte am Werk sind, die diese Strukturen herausbilden.

        Zur Verdeutlichung einige dieser menschlichen Eigenschaften/Kräfte, die mir so einfallen:
        – Herdentrieb (ist eine entsp. große Anzahl von „Gläubigen“ vorhanden wird mittels Bestrafung von „Ungläubigen“ (zB. durch Ausgrenzung/Anprangern) dafür gesorgt, dass kein weiterer offen Opposition beziehen will/kann)
        – unerreichbare Ziele (man kann das Ziel der Organisation/Struktur niemals erreichen (dadurch würde sie ja überflüssig…))
        Bei der Religion ist das einfach, da ist man ja quasi bis zum Tod gebunden. Aber es hat sich auch noch nie eine politische Partei aufgelößt, weil alle ihre Ziele erreicht wurden. Und auch der Feminismus wird sich nicht auflösen. Dafür ist er mittlerweile zu sehr institutionell verankert, zu sehr identitätsstiftend für Einzelpersonen und Parteien geworden.
        Die Umsetzung der „unerreichbaren Ziele“ kann zB. die oben beschriebene „moralische Distinktion“ sein. Bewegungen können sich durch „harte“ Ziele unterscheiden (faktenbasiert). Für die kann man streiten, die kann man erreichen. Eine moralische Distinktion wird im Feminismus immer funktionieren, weil Männer und Frauen einfach biologisch unterschiedlich sind. Also per Definition unterschiedlich. Und jeder Unterschied kann auch unterschiedlich beurteilt/interpretiert werden (die Welt ist ja ungeheuer komplex, und alles hat eine Vielzahl von Folgen/Auswirkungen).
        Da wird dann ein Vorteil, den Frauen haben (können im Gegensatz zu Männern einen wohlhabenden Partner heiraten und sich aus dem Erwerbsleben verabschieden, vom Partner finanzieren lassen und Hausfrau werden) ein Nachteil (GenderPayGap, mehr „Care-Arbeit“ etc).
        – Begrenzung weiblicher Sexualität
        Es ist ja kein Geheimnis, dass besonders Frauen scharf gegen attraktivere bzw. sexuell freizügere Frauen schießen. Diese biologische Gegebenheit findet im Feminismus Niederschalag. Häufig auch widersprüchlich, da sich dieses weiblich Konkurrenzdenken nicht immer mit der feministischen Ideologie in Einklang bringen läßt.
        zB. Grid Girls/Nummern-Girls bei der F1, freizügige Werbung, Cheerleder, Miss-Wahlen (nicht mehr Äußerlichkeiten sondern Persönlichkeit!) müssen abgeschaftt/verboten werden (steht zB. im Widerspruch zu „Frauen können frei über ihren Körper und ihre Sexualität bestimmen“)
        – Griff nach Macht. Jede Bewegung muss natürlich auf irgendeine Art nach Macht/Einfluß streben, sonst wird es die Bewegungen nicht lange geben. Bei den Religionen sind das steuerliche Vorteile, allg. akzeptierter Partner bei gesellschaftlichen Belangen (moralische Instanz bei etischen Fragen, Fernsehbeiratsplätze), öffentliche Dominanzsymbole aka. Kirchen.
        Beim Feminismus kann sich der Griff nach Macht gesetzgeberisch (zB. Quoten) äußern, aber auch gesellschaftlich (anprangern von Einzelpersonen/Firmen/Institutionen via soziale Medien). Oder durch Virtual Signalling, zB. von Unternehemn.
        – Diversifikation. Unterschiedliche Religionen können in unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich gut funktionieren. Die Anpassung der Religion an die vorliegenden gesellschaftlichen Gegebenheiten. Aber auch in Bereichen der Überschneidung zusammenarbeiten von verschiedenen Religionen. Beim Thema „Blasphemie verbieten“ ist die kath. Kirche nah am Islam.
        Auch der Feminismus hat eine große Bandbreite von Ausprägungen (Choice Feminism, Öko-Feminism, RadFem etcpp). Da kann jeder sein kleines unbedeutendes Süppchen kochen, aber bei größeren politischen Fragen steht man dann doch zusammen (mehr Frauenhäuser, Luxussteuer auf Tampons abschaffen, Quoten in Führungsetagen und Parlamenten ).

        • Nachtrag:
          Mir sind noch 2 weitere „hilfreiche“ Maßnahmen eingefallen, die sowohl von Religionen/Sekten als auch vom Feminismus genutzt werden.
          – Abgrenzung durch Sprache durch Umdeutung bzw. Neu-Erfinden von Begriffen (Patriarchat, toxische Männlichkeit, Frauenwahlrecht etc)
          Dadurch kann man nach innen seine „Gläubigkeit“ signalisieren, und es dient dem Erkennen von Anhängern in der Öffentlichtkeit (hilfreich zur Netzwerkbildung). Aber es dient auch dem Erschweren der Kommunikation mit Ungläubigen. Wenn man die Kommunikation mit Ungläubigen erschwert verhindert man, dass Mitglieder der eigenen Gruppe „abgeworben“ werden können.
          – Indoktrination (Kinder, Familie)
          Das machen Religionen so, zB. durch entsp. Rituale für Heranwachsende, aber auch der Feminismus zielt natürlich besonders auf Bildungseinrichtungen (Schulen, Universitäten).

          Ein Grund warum sich gerade der Feminismus so herausbilden konnte ist mMn, dass – ironischer Weise – gerade aus biologischen Gründen Frauen als besonders beschützenswert erscheinen. Sowohl bei Männern als auch Frauen erscheinen Frauen als humaner, schutzbedürftiger, als bessere Menschen. Gender-Empathie-Gap.
          Und die „Krise der Männlichkeit“ (also die postulierte Aussage, dass Frauen keine „Machos“ mehr wollten, sondern sanftmütige, häusliche Männer) führt bei einigen Männern dazu, sich im Konkurrenzkampf mit anderen Männern durch Anpassung an das, was scheinbar Frauen wollen, zu zeigen. Das beinhaltet die Übernahme von feministischen Positionen. Man fühlt sich als männlicher Beschützer, ohne (wie früher) körperlich / statusmäßig / finanziell Frauen beschützen / für sie sorgen zu können/müssen.

          Ich hab da neulich eine Studie überflogen, die darauf hindeutet, dass sich beim Mann eine tiefe (männliche Stimme), sowie Bartwuchs nicht herausgebildet haben um für Frauen attraktiver zu werden, sondern um andere Männchen einschüchtern zu können. Ich glaube das war bei Steve Stewart-Williams auf twitter verlinkt.
          Falls das stimmt würde das erklären, warum (nach meiner Erfahrung) so viele männliche Feministen einen mehr oder weniger gepflegten Bart haben. Aus dem selben Grund. 🙂

          • Klingt gut und aus einem Guss, was Du scheibst.
            Interessant ist die These von der „Unerreichbarkeit der Ziele“ als Wesensmerkmal von Religionen und religionsartigen Philosophien.
            Damit kann man auch die immer mehr ins Absurde abgleitenden Forderungen von Feministinnen erklären.

        • „Unerreichbarkeit der Ziele“ als Wesensmerkmal von Religionen und religionsartigen Philosophien.

          Hat den Vorteil, dass man sich bis zum Sanktnimmerleinstag als unentbehrlich behaupten kann, weil es ja noch so viel zu tun gäbe. Hört man von Feministen doch immer wieder, diese Phrase: Zwar wurde schon viel erreicht – Schulterklopf – aaaaber, es gäbe da ja noch so vieles, was angegangen werden müsse. Tausendmal gehört.

          • Und sie können das tun, was ihnen das Liebste ist… weil es wohl auch das einzige ist, was sie überhaupt können: sich selbst „als Frauen“ als ewiges Opfer immerwährender Unterdrückung darzustellen.

            Darum ja auch die Mantras „solange, wie auch nur eine Frau Belästigung / Gewalt erfahren muss…“. Jeder geistig normale Mensch weiß, dass es unmöglich ist, alles Schlechte aus dieser Welt für immer zu tilgen, egal für wen oder welche Gruppe, einfach weil das Schlechte von einzelnen üblen Individuen begangen wird. Und diese werden nicht aufhören, Arschlöcher zu sein, nur weil sie jemand dazu auffordert. Die Forderung, die Welt sollte (natürlich NUR) für Frauen ein 100 % sicherer Ort sein, ist dermaßen abwegig und von unfassbarer sexistischer Anspruchshaltung geprägt, dass es mich wundert, dass diese Flitzpiepen, die solchen Schwachsinn in die Welt ventilieren, von so vielen Vertretern von Medien und Politik auch noch ernst genommen und nicht einfach nur angemessen ausgelacht werden.

            Und dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass diese Dumpfbacken damit ja noch nicht einmal Kriterien für Gewalt / Belästigung verwenden, die auch nur annähernd objektivierbar wären. Alles was SIE als Gewalt definieren (ein Mann verlässt mitten in einer Diskussion mit einer Frau einfach den Raum) oder was sie als Belästigung empfinden (lässt sich oft zusammenfassen mit: ein Mann ist anwesend) hat gefälligst nie wieder irgendwo auf dieser Welt stattzufinden.

            Nicht einmal Feministinnen sind so dämlich, um nicht erkennen zu können, dass es sich um unmöglich jemals zu erreichende „Ziele“ handelt. Die Absicht, einfach nur bis in alle Ewigkeit etwas zum Jammern zu haben, unendlich die Simulation von Relevanz aufrecht erhalten zu können, könnte kaum offensichtlicher sein.

      • @beweis:

        »Aber wer soll das Anzubetende, wer sollen die Götter sein?«

        »Weiblichkeit« als Inbegriff des Nicht-Entfremdeten der modernen Gesellschaft. Weiblichkeit ist sakral: sie kann durch den geringsten lüsternen Blick entweiht und durch die geringste »Mikroaggression« profaniert werden, den subjektiven Standpunkt einer Frau in Frage zu stellen, ist Lästerung, die geringste Dissonanz, die ihrem Selbstbild zugemutet wird, macht sie zum Opfer, listen and believe ist darum die einzig legitime Form, sich einer Frau zu nähern, aber es wird Dir verlohnt, denn allein, dass sie Dir ihre Aufmerksamkeit zugnadet, heilt Dich von den Skrofeln und dem inneren Aussatz Deiner elenden Existenz!

        Frauen ergehen sich kraft ihrer höheren Intuitionen stellvertretend für uns alle in unnachahmlich tiefspürendem Sinnen über den Zustand der Welt und die Wege zu ihrer Besserung, und in ihrer Gnade schließen sie sogar den ursündigen Mann in den Kreis der heilsfähigen Wesen ein, wenn er denn sein verstocktes, toxisches Herz von der Frohbotschaft der weiblichen Friedfertigkeit anrühren lässt und in tiefempfundener Zerknirschung seine patriarchale Hülle von sich stößt.

        Habe ich meinen Punkt klar gemacht? 🙂

        • „Weiblichkeit“

          So ist es.
          Und deshalb ist auch jede Frau wegen ihrer innewohnenden Weiblichkeit eine Hohepriesterin der großen Göttin, eine Päpstin, der zu widersprechen an sich schon Sakrileg und strafwürdiger Frevel ist.

          • Weshalb wohl aus patriachalen Religionen brauchbare Kulturen, und aus der einen plus griechischer Philosophie gar die Zivilisation hervorging?

          • „Wir werden sehen. Warten wir 200 Jahre, dann hat sich der Kult ausgeformt.“

            Meine Prognose: in 200 Jahren wird der Feminismus als eine Randnotiz in der Geschichte erwähnt werden.
            Frauen haben noch nie eine funktionierende Kultur aus ihren eigenen Reihen heraus gebildet, am Leben gehalten und weiterentwickelt. Jedenfalls ist mir keine bekannt.
            Schon jetzt bekämpfen sich die einzelnen Strömungen in der Bewegung bis aufs Messer.
            Man erinnere sich nur an das Treffen von Schwarzgeld und Stokowski vor ner Handvoll Jahren.
            Feminismus kann nur als Virus in einer bestehenden Kultur existieren und von ihr leben. Geht die Kulur kaputt, geht der Feminismus mit über die Wupper.

        • …und in ihrer Gnade schließen sie sogar den ursündigen Mann in den Kreis der heilsfähigen Wesen ein, wenn er denn sein verstocktes, toxisches Herz von der Frohbotschaft der weiblichen Friedfertigkeit anrühren lässt und in tiefempfundener Zerknirschung seine patriarchale Hülle von sich stößt.

          Hier muss ich widersprechen. Der Feminismus bietet gerade keinen Ausweg aus der Erbsünde. Der Mann kann nie vollwertig in die Reihen der Gläubigen aufsteigen. Er kann im Zustand völliger Zerknirschung über seine Sündigkeit allerdings gnädige Duldung erfahren. Seine Stimme zu erheben oder gar Erlösung, bleiben ihm aber auf immer verwehrt.

          • Wir werden sehen. Warten wir 200 Jahre, dann hat sich der Kult ausgeformt. Dann schauen wir noch mal. Die Übertragung in den Duktus hast Du auf jeden Fall drauf – Interesse als Redenschreiber für eine der neuen Erzzeremonienmeisterinnen zu arbeiten? 😉

        • Starke Predigt. Sie werden das vielleicht ganz bescheiden als etwas dick aufgetragen bezeichnen, aber sie werden dich lieben. Wenn du dazu dann noch ordentlich anschaffst und ihre sexuellen Vergewaltigungsphantasien erfüllst, dann hast du das Zeug zum Hohepriester. Ihre Gnade sei stets mit dir.

      • @Beweis: Vulvenmalerei auf dem Dortmunder Kirchentag letztes Jahr und mit Vulven bedruckte Shirts nicht zu vergessen.

    • Immer wenn mir die „Zeloten“ gar zu sehr auf den Geist gehn, und ich glaube, die gehn nimmer mehr weg, tröst ich mich dem Schicksal Savonarolas.

    • Gerade der gegenwärtige Trend zur Gesinnungsethik, in dem nicht mehr das Handeln und das Ergebnis der Tat im Vordergrund steht, sondern die Intention des Handelns und die Intention der Tat, wo ganz offen und unverhohlen postuliert wird, wenn zwei dasselbe tun, wäre es nicht notwendigerweise dasselbe, ist der Nährboden für eine solche Entwicklung optimal bereitet.

      Die Intention des Handelns war und ist bedeutsam, auch und gerade in der Rechtssprechung. Wenn ein Autofahrer ein Kind überfährt, dann ist es von aussen betrachtet möglicherweise nicht unterscheidbar, ob der Fahrer schlicht unaufmerksam war oder in voller Absicht gehandelt hat. Jeder wird aber zustimmen, dass Letzterer wesentlich härter bestraft werden muss als der Unaufmerksame. So ganz verstehe ich deine Kritik nicht. Habe ich was nicht verstanden?

      • Wenn einer einen umbringt, dann hilft die Aussage: „Aber er meint es doch nur gut“ auch nur in begrenztem Maße, oder?

        Worauf Werlauer, denke ich, hinaus will, ist das Abrutschen der Folgen einer Handlung in die Bedeutungslosigkeit.
        Wer es gut meint (+ die gebenedeiten Werte hat), IST gut, egal welche Konsequenzen sein „gut“-sein hat. So ist das derzeitige Credo.
        Man muss gar nicht mehr erst bereuen. Man muss es nur noch gut meinen und unter „gut“ das selbe verstehen wie die Priester.

        • Wenn einer einen umbringt, dann hilft die Aussage: „Aber er meint es doch nur gut“ auch nur in begrenztem Maße, oder?

          Doch, genau darum geht es. Zunächst mal muss die Behauptung, der Täter habe die Tat im Glauben begangen, er tue etwas Gutes, glaubwürdig sein. Das wäre im vorliegenden Fall nicht so, aber bei Tötung eines Schwerkranken mit chronischen Schmerzen auf Verlangen schon eher. Die Intention ist bedeutsam. Die Schwierigkeit liegt in der Feststellung der Intention, denn sie ist nicht so ohne weiteres objektiv feststellbar. Und manchmal wird auch eine Intention zum Nachteil des Beklagten unterstellt („niedere Beweggründe u.s.w.)

        • Worauf Werlauer, denke ich, hinaus will, ist das Abrutschen der Folgen einer Handlung in die Bedeutungslosigkeit.
          Wer es gut meint (+ die gebenedeiten Werte hat), IST gut, egal welche Konsequenzen sein „gut“-sein hat. So ist das derzeitige Credo.

          Ja und auch andersherum:

          * Auch wenn X etwas getan hat, das nicht kritisierbar ist, so ist es doch schlecht, weil X ein schlechtes Wertesystem vertritt

          oder

          * X hat dieses und jenes getan oder gesagt, deshalb ist dieses und jenes falsch, da X ein schlechtes Wertesystem vertritt

      • Ich glaube, Werlauer hat das etwas unpräzise formuliert, denn tatsächlich steht ja auch die Intention einer Tat, welche immerhin in direktem Zusammenhang mit der Tat steht, bei den heutigen Klerikern eben nicht im Vordergrund, sondern nahezu ausschließlich die sonstige „Gesamtgesinnung“ des Täters. Das heißt, um bei deinem Beispiel zu bleiben, es ist ihnen nicht nur egal, ob derjenige ein Kind fahrlässig oder mutwillig getötet hat, sondern es ist ihnen ausschließlich wichtig, ob dieser jemand für sie ein Freund oder Feind ist. Man beachte die derzeitige Heuchelei im Zusammenhang mit Joe Biden, vor allem vor dem Hintergrund, wie noch vor gar nicht so langer Zeit z. B. mit Cavanaugh umgegangen wurde. Dabei zu beachten: die Anschuldigungen gegen Cavanaugh rochen von Anfang an nach billigem, politischem Schachzug, währen die Anschuldigungen gegen Biden vergleichsweise deutlich glaubwürdiger erscheinen.

        Oder auch wie verzweifelt man sofort z. B. von Seiten von Correctiv (von welcher Seite auch sonst) bemüht war, den Angriff gegen das Heute-Show-Team auf Rechts zu verdrehen, nachdem die ermittelnde Behörde verlautbarte, dass ein linksextremer Hintergrund sehr wahrscheinlich ist. Für solche Idioten kann einfach nicht sein, was nicht sein darf.

      • Genau an dem Punkt regt sich auch mein Widerstand.

        In der derzeitigen Gesinnungsethik ist die Intention eben NICHT relevant, sondern die Gruppenzugehörigkeit.
        Du bist als Mann Täter, egal, welche Motivation, oder welches Verhalten Du aufweist.

          • „Mit den passenden Multiplikatoren kannst du sehrwohl ein Mädchen auf der Straße vierteilen.“

            Dem widersprech ich ja auch gar nicht.
            Mir geht es darum, dass mich für eine Feministin eben NICHT die Absicht meines Tuns einordnet, sondern schlicht mein Geschlecht. Widersprech ich meiner LG, ist das schlecht, egal, welche Motivation sich hinter meinem Widerspruch verbirgt. Dagegen ist der Widerspruch meiner LG gegen mich aus denselben Gründen gut.
            Die Schnittgrenze der Gesinnungsethik ist also nich Motivation, sondern Geschlecht.

      • Sorry, da habe ich mich unverständlich ausgedrückt.

        Ich meinte die Gesinnung, also das Wertesystem aus dem heraus die Handlung bzw. die Tat begangen wird, ist zwingend für deren Bewertung zu berücksichtigen.

          • Hihi, da hatte ich dich nicht nur intuitiv richtig verstanden, sondern sogar gleich das identische Beispiel zur Hand (siehe Kommentar von 12:29 Uhr)… 😉

    • @Werlauer:

      »Meine zusätzliche These – hier nicht mehrheitsfähig, ich weiß – ist darüber hinaus, dass dieses Betonen der Moral nicht zufällig erfolgt, sondern wir aktuell eine religiöse Neujustierung der Gesellschaft erleben, die eine Reaktion auf die Leerstelle ist, die das Wegbrechen (oder Zerstören) der bisherigen religiösen Strukturen hinterlassen hat. Die Untersuchungen und Erkenntnisse von J. Haidt gehen ja in die Richtung.«

      Also ich bin da absolut bei Dir – ich denke, dass Identitätspolitik und Feminismus eine Wiedergeburt dessen sind, was Eric Voegelin als »Politische Religion« bezeichnet hat und dass sie eine neue Art mythischen Denkens installieren, also gleichsam am »Mythus des 21. Jahrhunderts« arbeiten.

      • Soweit ich sehe, macht Werlauer aber eine gewichtige Voraussetzung: dass im 20. Jahrhundert die Religiosität irgendwie zurückgedrängt worden ist. Ist das denn wirklich der Fall? Im ehemaligen Ostblock sicher – aber dort gibt es vergleichsweise wenig Identitätspolitik und Feminismus.

        Die neue Religion hat sich gerade dort formiert, wo auch im 20. Jahrhundert die Religion sehr lebendig – um nicht zu sagen: militant – geblieben ist: in Nordamerika. Auch wenn die Zentren – nämlich Ost- und Westküste – vergleichsweise wenig religiös sind, so sind sie doch deutlich religiöser als etwa Westeuropa.

        Wenn es sich also bei Feminismus und Identitätspolitik tatsächlich um eine neue Religion handelt, dann ist diese nicht wegen fehlender, sondern trotz verbreiteter Religion entstanden.

        • „Im ehemaligen Ostblock sicher –“

          Was bezeichnest Du als ehemaligen Ostblock.
          Polen ist radikal katholisch, eigentlich nur noch vergleichbar mit Irland und in Russland hat die orthodoxe Kirche gerade irgendwelche verfassungsmäßigen Rechte bekommen.
          Jugoslawien hat vor noch gar nicht langer Zeit nen Religionskrieg erlebt und auch sonst kenne ich die einzelnen Ostblockländer eher als religiös eingestellt.

          • Soweit ich weiß, hat seit 1990 eine gewaltige Re-Christianisierung im ehemaligen Ostblock eingesetzt. Ich denke schon, dass im Sozialismus auch in Ländern wie Polen oder Russland die Religion stark zurückgedrängt worden ist.

          • @Jochen Schmidt:
            „Ich denke schon, dass im Sozialismus auch in Ländern wie Polen oder Russland die Religion stark zurückgedrängt worden ist.“
            ———————————-
            Atheismus war dort in „sozialistischen Zeiten“ Staatsdoktrin, mit „top-down“ verordneter Gesinnung, bei deren nicht-Befolgung mehr oder weniger drakonische Maßnahmen (Verfolgung, bis hin zu Deportation und GULAG in der SU) erfolgten.
            Trotz (oder wegen?) dieser jahrzehntelang praktizierten Tyrannei haben sich die religiösen Glaubensverbundenheiten bei den meisten Menschen im privaten Überbau erhalten (Zwei-Welten).

        • @Jochen Schmidt:

          »Soweit ich sehe, macht Werlauer aber eine gewichtige Voraussetzung: dass im 20. Jahrhundert die Religiosität irgendwie zurückgedrängt worden ist. Ist das denn wirklich der Fall?«

          Religiosität wird seit der Aufklärungsepoche zurückgedrängt – zuerst wird ihr Welterklärungsanspruch und ihre moralische Zuständigkeit angegriffen, dann verliert sie auch organisatorisch an Boden. Aber praktisch zeitgleich damit wird – nämlich in der romantischen Bewegung – die Lücke entdeckt, die sie hinterlässt und die Werlauer angedeutet hat.

          Diese Lücke soll nun durch eine »neue Mythologie« gefüllt werden, in der seit Nietzsche auch Menschen zu Göttern der Erde erklärt werden können, und die politische Gefährlichkeit solcher neuen Mythologien haben Leute wie Eric Voegelin und Ernst Cassirer schon früh erkannt, nämlich als sie in Gestalt von Faschismus und Stalinismus noch lebendig, mächtig und politisch bedrohlich waren.

          Dagegen hat sich nur eine Form der Religiosität abschotten können: nämlich die fundamentalistischen Varianten der bekannten Weltreligionen, auf deren christliche Geschmacksrichtung Du Dich beziehst. Deren Verbreitung ist recht unterschiedlich, je nachdem, ob man Christentum, Judentum, Islam oder auch den Hinduismus betrachtet. Die fundamentalistische Religion ist sozusagen die Alamo-Stellung des religiösen Anspruchs auf Allzuständigkeit.

          Insofern hatten es neue Mythologien nicht allzu schwer, die moderne Kultur zu durchdringen.

          • „Diese Lücke soll nun durch eine »neue Mythologie« gefüllt werden, in der seit Nietzsche auch Menschen zu Göttern der Erde erklärt werden können, und die politische Gefährlichkeit solcher neuen Mythologien haben Leute wie Eric Voegelin und Ernst Cassirer schon früh erkannt, nämlich als sie in Gestalt von Faschismus und Stalinismus noch lebendig, mächtig und politisch bedrohlich waren.“

            Es wäre zumindest einen Gedanken wert, ob nicht auch der exakt zufällig(?) mit dem Schwinden der Autorität klassischer Religionen aufkommende Nationalismus in dieselbe Rubrik einzuordnen wäre.
            Man hat sich bis hinein ins 18. Jahrhundert aus religiösen Gründen gegenseitig umgebracht, nicht aber aus Gründen der nationalen Identität.

          • @carnofis:

            »Es wäre zumindest einen Gedanken wert, ob nicht auch der exakt zufällig(?) mit dem Schwinden der Autorität klassischer Religionen aufkommende Nationalismus in dieselbe Rubrik einzuordnen wäre.«

            Ja, das halte ich für einen guten Punkt! Etwa, wenn man sich die Ursprünge des modernen Antisemitismus anschaut: in Deutschland wurde dem Judentum der »deutsche Geist« entgegengesetzt, den man sich protestantisch-national vorstellte und später, in Alfred Rosenbergs »Mythus des 20. Jahrhunderts«, völkisch-rassistisch.

            Freilich dürfte das in anderen Varianten auch auf andere Nationalismen passen, das war wohl kaum ein deutsches Alleinstellungsmerkmal.

          • „Insofern hatten es neue Mythologien nicht allzu schwer, die moderne Kultur zu durchdringen.“

            Verstehe ich überhaupt nicht. Heute sind prozentual etwas genau so viele Menschen religiös wie z. B. 1900. Aber heute geht der gläubige Mensch bei Krankheit zum Arzt – früher ging er einfach in die Kirche. Heute hört der gläubige Bauer auf den Wetterbericht – früher hat er stattdessen für Regen gebetet.

            Und wegen dieser Zurückdrängung der Religion – vereinfacht gefragt – konnten sich politische Religionen wie Identitätspolitik und Feminismus ausbreiten? Dieses bisschen Zurückdrängung reicht aus, damit die Menschen eine politische Religion brauchen?

          • @Jochen Schmidt:

            »Dieses bisschen Zurückdrängung reicht aus, damit die Menschen eine politische Religion brauchen?«

            Mir ist nicht so ganz klar, wie Du auf »dieses bisschen Zurückdrängung« kommst. Ich greife mal per Google etwas willkürlich eine Kirchgangstatistik seit 1950 raus, da ist der Rückgang massiv.

            Und Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte entnehme ich: »Zwischen 1866 und 1910 ging die Teilnahme aller [protestantischen] nominellen Kirchenmitglieder am Abendmahl ziemlich drastisch zurück … . Im Reich fiel der Kirchgang der Protestanten bis 1914 auf fünfzehn bis zwanzig Prozent der Kirchenmitglieder ab.« (3, 1179) Bei den deutschen Katholiken scheint die Entwicklung langsamer abgelaufen zu sein, aber ich finde auf die Schnelle keine Zahlen.

            Davon abgesehen hat sich auch die kirchliche Religion selbst verändert, Tristan hat eben darauf hingewiesen, dass die Protestanten sich jetzt Vulven auf die T-Shirts malen, und auch Antje Schrupp ist ja studierte Theologin.

            Ich denke mal, Du unterschätzt die zahlenmäßige und inhaltliche Dimension des religiösen Bedeutungsverlusts.

          • @Jochen Schmidt

            Und wegen dieser Zurückdrängung der Religion – vereinfacht gefragt – konnten sich politische Religionen wie Identitätspolitik und Feminismus ausbreiten? Dieses bisschen Zurückdrängung reicht aus, damit die Menschen eine politische Religion brauchen?

            Der entscheidende Aspekt ist mMn nicht, ob sie das durch das Zurückdrängen konnten, sondern was durch das Zurückdrängen fehlt. Und fehlen tun meines Erachtens nach die Sinnstiftung. Die Suche nach Sinn und die menschliche Tendenz, Erkenntnisse nicht bis in jedes Detail selbst zu erarbeiten, sondern sie sich aus vertrauenswürdigen Quellen zu kopieren führen mE immer zum Entstehen eines Narrativs, einfach damit der Transport leichter wird. Und solche Narrative können in Einzelpersonen nicht beliebig nebeneinander existieren, wenn sie sich in wesentlichen Komponenten widersprechen. Und das Narrativ des Feminismus passt schlecht zu „Einer trage des anderen Last“.

            Also kann begünstigt der Wegfall der Sinnstiftung des einen Narrativs die Möglichkeit, eine Sinnstiftung in einem anderen Narrativ zu finden. Die Gewohnheit, in Narrativen zu denken hilft vermutlich bei der Adaption des neuen Narrativs.

          • „Also kann begünstigt der Wegfall der Sinnstiftung des einen Narrativs die Möglichkeit, eine Sinnstiftung in einem anderen Narrativ zu finden.“

            Sehr gut erklärt.
            Man kann sich den Menschen als soziales Wesen vorstellen, das ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe verspürt.
            Eine Gruppe ist dann eine Gruppe, wenn sie eine Gruppenidentität durch Abgrenzung nach außen entwickelt hat. Diese Gruppenidentität ist immer(!) auch Sinn der Gruppe.
            In dem Sinne ist eine Ansammlung von Menschen, die am Bahnsteig auf die S-Bahn wartet, keine Gruppe.
            Als im 18. Jahrhundert die Autorität der Gruppe „Kirche“ sank, verließen viele Menschen diese Gruppe und suchten sich eine neue, bzw. waren offen für eine solche. Rückblickend gab es nicht viel Alternativen, die Neubildung einer identitätsstifenden Gruppe war also recht erfolgsversprechend. „Nation“ war dabei nicht zwingend der Gewinner. Die französische Revolution haben grenzüberschreitend Menschen in ganz Europa begrüßt.
            Aber die napoleonischen Kriege, verbunden mit der tiefen Enttäuschung am Verrat der revolutionären Idealen, ebnete der Gruppe „Nation“ den Boden.
            Und wenn sich eine Gruppe als „Nation“ abgrenzt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das andere Gruppen ihr nachtun.

  3. Die Strategie Distinktion durch Moralität findet sich aber in jeder sozialen Gruppe. Überall, wo die Moralvorstellungen hinreichend ähnlich sind und es für die weitere Abgrenzung irgendeine Belohnung gibt (kann auch das individuelle Gefühl der Überlegenheit sein etc.). Solche Muster finden sich auch in den Kommentarbereichen zu diesem Blog.

  4. Sorry, da habe ich mich unverständlich ausgedrückt.

    Ich meinte die Gesinnung, also das Wertesystem aus dem heraus die Handlung bzw. die Tat begangen wird, ist zwingend für deren Bewertung zu berücksichtigen.

    • Ok, völlig einverstanden. Wobei die Gesinnung unter Umständen natürlich Rückschlüsse auf die Intention zulässt, gewisse Intentionen plausibel erscheinen lässt. Aber ich verstehe, das ist sehr heikel und führt mitunter dazu, dass der Grundsatz „Urteile ohne Vorturteile“ nicht mehr beachtet wird.

  5. Also gut, hier ist meine These zu dem Moralismus:

    Bei heutigen Frauen gilt es als verpönt, dem Mann gefallen zu wollen. Insbesondere natürlich mit den Dingen, die Männern tatsächlich gefallen, von der Schönheit bis zur häuslichen Kochkunst.

    Aber das tiefe innere Bedürfnis gefallen zu wollen ist davon noch lange nicht weg. Ebenfalls nicht die Notwendigkeit von Kriterien für eine weibliche Hierarchie. Deshalb verlagert sich das alles in den einzigen noch nicht verpönten Bereich: den des „guten Wesens“ der Frau. Und je weniger es damit tatsächlich her ist, umso größer wird gleichzeitig die Notwendigkeit sich „gut“ darzustellen.

  6. Denke wir sind uns ziemlich einig, dass das beschriebene Phänomen zutrifft.

    Ich sehe da jedoch auch viel praktischere Gründe für die Motivation, immer weitergehendere und radikalere Forderungen aufzustellen. Es handelt sich schlicht um eine Legitimierungsmöglichkeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für „Gleichstellungsbeauftrage“, Aktivisten und feministische Publizisten.

  7. „Distinktion durch Moralität funktioniert als Distinktion also umso weniger, je erfolgreicher die aufgerufenen Moralvorstellungen vertreten werden. Je mehr diese allgemein akzeptiert werden, desto radikaler müssen sie dann variiert werden, um überhaupt noch für einen Distinktionsgewinn zu taugen“

    Gilt das auch für die Kommentarwettbewerb der Männer gegenüber Frauen hier im Blog oder ist das wieder etwas ganz anderes und meine Gefühle stehen mir im Weg dies richtig zu verstehen? 🤔🤷‍♀️

      • Sorry, dass ich ein Problem mit immer wiederkehrenden frauverachtenden, rechten und rassistischen Kommentaren habe und dies offensiv thematisiere.
        Wegschauen und ignorieren wäre auch eine Option, nicht meine. Es tut mir leid, dass ich es nicht schaffe.

      • Ich meine ein Überbietungswettbewerb beim Angehen abweichender Meinung. Eine Person fängt an, der nächste setzt noch etwas drauf und so weiter, immer mehr.
        Diesen verbal aggressiv unterlegten Wettbewerb der Männer untereinander um einen Distinktionsgewinn zu erreichen hatte ich gmeint.

        • „Ich meine ein Überbietungswettbewerb beim Angehen abweichender Meinung. Eine Person fängt an, der nächste setzt noch etwas drauf und so weiter, immer mehr.“

          Tu doch einfach mal, was Anne verlangt hat und belege Deine Aussage. Im Moment furzt Du nur und es stinkt.
          Wer weicht von wessen Meinung ab, in einer Weise, die Dir missfällt.
          Dass wir uns ständig an gegenläufigen Meinungen reiben, ist Bestandteil dieses Blogs. Würden wir uns nur gegenseitig unserer Wertschätzung versichern, wäre der/das Blog schon vor 10 Jahren gestorben.
          Das aber kann nicht Deinen Verdruss hervorrufen, nehme ich an.

        • Versteh schon, du bist ziemlich gefrustet, weil hier niemand auf deine Befindlichkeiten eingeht, und stattdessen von dir sachlich fundierte Argumentation erwartet wird.
          Kannst oder willst du nicht leisten. Aber das ist deine eigene Bredouille, kein Geschlechterstreit. Die Auseinandersetzungen finden zwischen dir persönlich und anderen statt – nicht zwischen Frauen und Männern, denn du repräsentierst nicht die Frauen, sondern sprichst ausschließlich für dich selbst.
          Es wird dir nicht gelingen, einen Geschlechterkrieg zu entfachen.

    • „und meine Gefühle stehen mir im Weg dies richtig zu verstehen“

      in kurz: Ja.

      in lang: Es gibt hier keinen Wettbewerb Männer gegen Frauen. Es gibt nur einen Wettbewerb Idee gegen Idee. Und wenn du deine Idee nicht verteidigen kannst, wird dir deutlich, dass es hier auch nicht allzuviele der weiblichen Privilegien gibt, die du sonst gewohnt bist. Wie zum Beispiel respektvoll und behutsam behandelt zu werden, nur weil du weiblich bist.

      Du wolltest Gleichstellung. Hier gibt es sie. Jeder, der hier undurchdachtes Zeuch redet, kriegt Wind von vorne. AUCH du. Trotz der Gefühle, die das auslöst. 🙄

      • Ich meinte den Wettbewerb unter den MÄNNERN!!!!
        Sorry, stehe gerade unter Stress, hab keine Zeit in Ruhe zu schreiben und durchzulesen.
        Hab Kuchen gebacken, Kirschstreusel und hole jetzt meine Tochter vom Reiten 😉

  8. Pingback: Scheide oder Vulva, macht es einen Unterschied? | Alles Evolution

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