Jutta Allmendinger und die Rückkehr des Patriarchats

Bei Anne Will war die Soziologin Jutta Allmendinger zu Gast und führte laut der Welt aus:

Bildung zähle nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern bringe uns auch besser durch Krisen, erklärt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Bildung schaffe Vertrauen in die Zukunft und Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, schwierige Situationen bewältigen zu können. Doch durch Schulschließungen steige die Bildungsungleichheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder von Eltern ohne höhere Bildung ein Gymnasium besuchen, sinke. „Da wissen wir, dass für Kinder aus solchen benachteiligten Schichten vier Wochen, sechs Wochen überhaupt nicht mehr nachzuholen sind“, erklärt sie. Das zeige sich aber erst in zehn oder 20 Jahren

„Und wir wissen, dass für Frauen, die lange zu Hause sind, die noch mehr mit ihrer Arbeitszeit zurückgehen, auch das im Arbeitsmarkt kaum noch zu kompensieren ist – was die Rente betrifft, was Karrierechancen betrifft.“ Dieses Wissen jedoch sei von der Politik gar nicht einbezogen worden, obwohl es neue empirische Zahlen gibt. Ein Problem, da dies wohl nicht mehr umkehrbar ist: „Die Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung weiter erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren. Wir sehen es ja an der Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen, die jetzt schon wieder zurückgeht“, sagt Allmendinger.

Was da ja häufig nicht verstanden wird: Jeder entsetzliche Rentenausfall der Frau trifft, wenn sie verheiratet ist, genauso den Mann. Entweder über den Versorgungsausgleich oder darüber, dass die gemeinsame Rente dann geringer ist.

Und bei einer Teilzeitquote der Frauen von etwas unter 50% der berufstätigen Frauen und 66% der Frauen mit minderjährigen Kindern im Haushalt dürften auch die meisten Karrierechancen nicht sonderlich betroffen sein – Karriere war häufig gar nicht das gesetzte Ziel. Immerhin wollen 75% der in Teilzeit Beschäftigten auf keinen Fall Vollzeit arbeiten.

Insofern wäre ich interessiert, worauf sie ihre These, dass gerade dadurch ganz erhebliche Einbrüche entstehen werden, stützt? Wenn sie dazu mehr gesagt hat, dann wäre ich interessiert.

Und eine „Retraditionalisierung“ ist auch interessant. Glaubt sie wirklich, dass eine solche Notlage wirklich neues bringt? Oder das Frauen im Schnitt da ihre Haltung grundsätzlich geändert haben, dass im Zweifel sie für die Kinder zuständig sind und er das Geld zu verdienen hat? Und welche Führungskraft wäre innerhalb dieser kurzen Zeit gefeuert worden, weil ja was eigentlich? Weil sie ihre Kinder betreut hat und nicht zur Arbeit erschienen wäre? Weil jemand gedacht hat: Sie macht zwar gut Arbeit, aber weil so viele Frauen gerade auf Kinder aufpassen feuere ich sie? Oder weil Leute gesagt haben: In der Coronakrise muss die Frau ja eh auf Kinder aufpassen, deswegen nehmen wir lieber einen Mann?

Wie soll die kurze Zeit überhaupt zu einem messbaren Unterschied geführt haben?

„Herr Habeck, meldet sich gerade das Patriarchat zurück?“, fragt die Moderatorin. Der antwortet: „Man hat jedenfalls gesehen, wer keine Lobby hat. Ich würde sagen: Alleinerziehende, Kinder und Frauen.“

Alleinerziehende, Kinder und Frauen haben keine Lobby? Das erscheint mir eine steile These.

Welche Maßnahmen hat sie sich denn vorgestellt? Immerhin hat ja niemand explizit Frauen verdonnert zuhause zu bleiben. Wenn besonders viele Frauen zuhause geblieben sind, dann war das eher den Absprachen geschuldet.
Interessanterweise hat Corona in der Hinsicht ja sogar Lockerungen und Streitigkeiten gebracht. Ich habe von einigen getrenntlebenden Eltern gehört, dass sie über die Zeit mal das Wechselmodell ausprobiert haben. Gleichzeitig entbrannte ein Streit darum, ob in der Coronazeit ein Umgang stattfindet oder man diesen dem anderen Elternteil verweigern kann (Stichwort: Soziale Distanz).

Der weitere Streit entbrannte natürlich auch um den Unterhalt, der in der Kurzarbeit oft herabgesetzt wurde, weil eben auch das Einkommen sank. Also harte Zeiten für alle.