Alice Schwarzer zum Queerfeminismus, Mädchenmannschaft, Femen und Co

Alice Schwarzer stellt sich auf Seiten von Femen und gegen den Queerfeminismus

Die Femen liegen mit ihren Methoden und Zielen im Kern des Feminismus! Auch, ja wie sie sich ausziehen! Sie führen mit ihren Aktionen den Status der Frau als Objekt ad absurdum und werden zum handelnden Subjekt. Sie entblößen ironisch ihre Busen und schon klicken die Kameras – die jedoch gleichzeitig mit der nackten Haut zwangsläufig die handfesten Slogans im Bild haben: Gegen Prostitution und Islamismus, oder auch gegen die „Heidi Horror Picture Show“ in Germanys Next Top Model! Das verstehen nicht nur die Medien, das verstehen auch die Menschen. Und es vermutlich kein Zufall, dass die so kreativen wie radikalen Femen aus einem Land kommen, in dem das Wort „Sexarbeiterinnen“ unbekannt, der brutalste Frauenhandel aber allgegenwärtig ist.

Ideologisch passt es schon, dass Schwarzer näher an den Femen steht als an dem „neuen Feminismus“ aka dem Queerfeminismus. Schwarzers Feminismus ist ein Feminismus, der ein direktes Feindbild Patriarchat hat, der Queerfeminismus befasst sich mittelbarer mit dem Patriarchat, will eher Rollen dekonstruieren, hat insoweit ein etwas indirekteres Feindbild Mann. Femen kämpfen insoweit aus dieser Sicht gegen die Unterdrückung, wollen aber nicht großartig dekonstruieren, sondern schlicht das Patriarchat abschaffen.

Nur die Berliner Szene-Feministinnen von #aufschrei oder „Mädchenmannschaft“ scheinen es nicht zu verstehen. Oder wollen sie es nicht verstehen? Sie überziehen jedenfalls die Femen seit Wochen mit Nörgeleien und Distanzierungen, würden sie wohl am liebsten umerziehen: Die Methoden seien peinlich und ihre Ziele politisch nicht korrekt. Konkurrenz? Neid? Sprachverwirrung? Die Femen sprechen in der Tat die Sprache des Lebens, diese Szene-Feministinnen das entpolitisierte Kauderwelsch ihrer Gender-Seminare, das das Leben eher verdeckt als benennt. Und es ist vor allem eine Frage der Inhalte. Klar, dass es zwischen Anti-Prostitutions-Aktivistinnen und Pro-Porno-Befürworterinnen oder Kritikerinnen des Islamismus und Kopftuch-Befürworterinnen nicht nur wenig Gemeinsamkeiten gibt, sie stehen sich politisch diametral gegenüber.

Ich finde es ja erstaunlich, dass innerfeministische Kritik sich so wenig Mühe gibt, die Gründe für Differenzen nachzuvollziehen und einmal sauber abzugleichen. Die Kritik verbleibt bei Einzelbeispielen, der verschiedene Ansatz wird nicht dargestellt. Es ist insoweit aus meiner Sicht keine Frage der Inhalte, sondern eine Frage der verschiedenen Ansätze: Auf der einen Seite „Die Männer“ auf der anderen Seite „Männlichkeit“ als Feindbild,

Längst sind die Wortführerinnen dieser Szene-Feministinnen in eine Art political correctness abgedriftet, mit der sie andere Feministinnen, unabhängig von der Generationszugehörigkeit, einzuschüchtern versuchen. In ihrer Welt gilt es z.B. schon als unkorrekt, von „Frauen“ und „Männern“ zu reden, „Gender“ ist angesagt. Ein Muss ist der Unterstrich – statt des Binnen Is oder der männlichen und weiblichen Form – damit soll Raum sein für alles, was sich zwischen den Geschlechtern bewegt.

Schwarzer braucht die Political Correctness weniger, weil sie ja eh in einem Kampf gegen das Patriarchat ist. Vom Feind erwartet man nicht, dass er sich politisch korrekt verhält. Im Queerfeminismus ist aber der Ansatz, dass die GEsellschaft selbst von ihren Strukturen befreit werden muss und das nicht direkt, sondern durch subversives Infragestellen der Rollen und sprachliche Ansätze. In Schwarzers Welt ist für viele Geschlechter weniger Platz, weil es eben ein Kampf Männer gegen Frauen ist. Im Queerfeminismus hingegen sollen alle Rollen abgeschafft werden

Überhaupt ist es sowieso daneben, sich als „weiße, privilegierte Mittelschichtsfrau“ über irgendwas zu äußern, ohne nicht im gleichen Atemzug die „people of colour“ sowie alle Benachteiligten der Welt mitzunennen. Es hat groteskte Formen angenommen und vor allem: Es verdeckt die eigentlichen feministischen Anliegen. Inna Shevchenko, eine der Initiatorinnen der Femen, hält dem entgegen: „Es gibt keinen ‚weißen Feminismus’. Die Menschenrechte sind universell. Warum sollten die Rechte der Frauen in Nordafrika sich unterscheiden von denen der Amerikanerinnen oder Europäerinnen?“

In einem Kampf aller Frauen gegen alle Männer ist die Hautfarbe relativ egal. Sie wird es eher als Bremse des Kampfes für die Frauen sehen, wenn man sich mit Intersektionalität selbst behindert und das eigentlich Ziel aus den Augen verliert.