Abgrenzung sozialer und biologischer Einflüsse und ihrer Schwierigkeiten

Der Mensch ist ein Produkt der Natur und der Umwelt. Die Anlage-Umwelt-Debatte ist insofern schwer zu führen, weil Kultur häufig eine Ausgestaltung der Biologie auf andere Weise ist.  Gerade bei der Forschung in die kulturelle Richtung werden aber gerne mögliche biologische Einflüsse zu früh ausgeschlossen. Dazu kurz etwas:

  • Bei einem Vergleich mit den Eltern wird nicht berücksichtigt, dass die Kinder von diesen nicht nur die Erziehung, sondern auch die Gene haben. Wenn sie also bestimmte gleiche Einstellungen haben, dann kann das daran liegen, dass sie die gleichen Gene haben.
  • Es wird häufig angenommen, dass die Beeinflussung nur in eine Richtung verläuft. Tatsächlich verläuft die Beeinflussung aber in beide Richtungen. Die Eltern/Bezugspersonen reagieren auch auf das (möglicherweise biologisch bedingte) Naturell/den Charakter des Kindes etc. Ein besonders freches Kind wird eben strenger angegangen werden oder die Eltern werden eher resignieren als bei einem Kind, welches von Natur aus brav ist. Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen („der Junge kommt aus einer kaputten Familie“ „Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt“)
  • bei der Peer-Group kann hinzukommen, dass sie sich eine PeerGroup suchen, die ihren Vorlieben entsprechen, die wieder biologische Ursprünge haben können
  • Abweichungen in Kulturen bedeuten nicht, dass diese auf Kultur zurückzuführen sind. Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein. Beispielsweise ist der Umstand, dass in Kulturen mit hoher Vaterunsicherheit nicht die Väter, sondern die Onkel mütterlicherseits die Kinder unterstützen nach evolutionärer Spieletheorie leicht nachzuvollziehen und entspricht der biologischen Interessenlage, die eben bei hoher Vaterunsicherheit eine hohe Investition des Partners der Frau in die Kinder uninteressant macht. Biologische Programme müssen nicht schlicht sein, sie können natürlich auch graduell ausgestaltet sein
  • Männer und Frauen sind nach den biologischen Theorien nicht essentialistisch verschieden, sondern nur im Schnitt. Abweichende Verhaltensweisen bestimmter Frauen und Männer sprechen damit per se  nicht gegen biologische Begründungen.

32 Gedanken zu “Abgrenzung sozialer und biologischer Einflüsse und ihrer Schwierigkeiten

  1. „Ein besonders freches Kind wird eben strenger angegangen werden oder die Eltern werden eher resignieren als bei einem Kind, welches von Natur aus brav ist. Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen („der Junge kommt aus einer kaputten Familie“ „Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt“)“

    Dieser Kommentar zeugt leider von völliger Unkenntnis von Erziehung und Kinderpsyche. Ich empfehle dringend die Beschäftigung mit der Familientherapie nach Virginia Satir.

    • @ pan

      „Dieser Kommentar zeugt leider von völliger Unkenntnis von Erziehung und Kinderpsyche.“

      Lass mich nicht dumm sterben. Was an Christians Thesen ist Unkenntnis geschuldet. Wie verhält es sich Deiner/Satir´s Meinung nach denn „wirklich“?

      • “Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt” -> Es ist niemals die Schuld des Kindes. Es gibt von Natur aus wilde Kinder, aber keine von Natur aus bösen Kinder.

        „Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen.“ -> Man möge mir bitte einen Anlass nennen, bei dem man ein Kind „hart anzugehen“ hat. Und vor allem, bei dem das „hart angehen“ irgendeinen anderen Erfolg erzielt, als den Selbstwert des Kindes noch weiter zu verringern und daher noch mehr Aggression, Rückzug usw. zu erzielen.

        Mehr zum Thema und damit niemand „dumm sterben“ muss: http://www.amazon.de/Kommunikation-Selbstwert-Kongruenz-Perspektiven-familientherapeutischer/dp/3873870185/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1372162252&sr=8-3&keywords=virginia+satir

        • Du fällst in die Moralfalle: es ging nicht um die moralische Bewertung des Kindes.

          Es ist niemals die Schuld des Kindes

          „Schuld“ ist keine Kategorie in der Biologie, es geht also auch nicht darum, ob das Kind „böse“ ist. Es geht darum, ob bestimmte belastungszenarien, die zu einem Familienzerwürfnis Führen können – egal wen man dafür verantwortlich machen will – im Kind determiniert sein können.

          Am einfacheren Thema: es würde wenig überraschen, wenn behinderte Kinder häufiger in kaputten Familien aufwachsen – einfach weil die Eltern mit der Belastung schlecht klarkommen. Daraus folgt aber weder, dass der Behinderte böse ist, noch dass die kaputte Familie für die Behinderung sorgte.

          Man möge mir bitte einen Anlass nennen, bei dem man ein Kind “hart anzugehen” hat.

          Muss man nicht, da das Ziel nicht war, das verhalten der Eltern zu rechtfertigen, sondern, die Kausalität zu etablieren.

          Egal wie wirkungslos beispielsweise prügeln ist, werden Eltern bei – nehmen wir deine Terminologie – „wilden“ Kindern eher dazu tendieren, sie zu prügeln, als bei „braven“. Wenn man nun feststellt: „Wild/Prügeln“ korrelliert, muss das nicht heissen, dass prügeln wild macht, es kann eben auch andersherum sein.

          Um es mal an einem einfacheren Thema zu veranschaulichen:

          Früher bestand die Theorie, dass distanzierte Väter und anhängliche Mütter das Kind schwul machen, man hatte wohl auch tatsächlich Korrelationen festgestellt.
          Tatsächlich ist es aber so, dass _aufgrund_ der Homosexualität die eltern ein schlechtes gewissen hatten, und sich das beim Vater in der Distanz, bei der Mutter im Nachholen der Zuneigung ausdrückte.

    • Und dieser Kommentar bestätigt christians „zu früh ausgeschlossen“.

      Inwiefern wiederlegt die beschäftigung mit jemand, der das, was er sieht, ausschliesslich psychologisch erklärt, dass die Phänomene eine biologische Komponente haben?

  2. @ christian

    Alles, was der konstruktivistisch verschwurbeltem Mileuhypothese widerspricht, wird halt ausgeblendet.

    Interessant in dem Zusammenhang sind Untersuchungen von Familien mit adoptierten Kindern (weder Vater noch Mutter biologisch).

    Da kommt der Anspruch, durch Förderung emotional und kognitiv alles zum Besten zu wenden, an knallharte Grenzen….

    Selbst bei Adoption direkt nach der Geburt gleichen sich biologische Geschwister, die in getrennten Familien aufwachsen, ab der späten Pubertät wesentlich mehr in Sachen Persönlichkeit, Emotionalität, Intelligenz, Delinquenzneigung etc. als das jeweils adoptierte Kind seinen nicht biologisch verwandten Geschwistern.

    • @ ratloser

      *Alles, was der konstruktivistisch verschwurbeltem Mileuhypothese widerspricht, wird halt ausgeblendet.*

      Der hier „links-sozialistisch“ dominierte Zeitgeist hat ja gar keine andere Wahl, wenn er am Leben bleiben will.

      Die einlaufende Evidenz zeigt in eine ganz andere Richtung.

      Die wird man nicht dauerhaft unter den Teppich des Egalitarismus und Soziokulturalismus kehren können.

      Irgendwann in den nächsten Jahrzehnten platzt unausweichlich die Bombe.

      Wahrscheinlich zuerst auf der Seite der Gesellschaft, weil die katastrophalen Folgen einer von falschen Prämissen ausgehenden Politik nicht mehr beherrschbar sein werden.

      Dann wird man fragen, was falsch gelaufen ist.

      Und das Ignorierte, Verleugnete, Verdrängte entdecken.

      Das sich zwischenzeitlich, dafür spricht alles, nur weiter vermehrt und verdichtet haben dürfte.

  3. Abweichungen in Kulturen bedeuten nicht, dass diese auf Kultur zurückzuführen sind. Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein. Beispielsweise ist der Umstand, dass in Kulturen mit hoher Vaterunsicherheit nicht die Väter, sondern die Onkel mütterlicherseits die Kinder unterstützen nach evolutionärer Spieletheorie leicht nachzuvollziehen und entspricht der biologischen Interessenlage, die eben bei hoher Vaterunsicherheit eine hohe Investition des Partners der Frau in die Kinder uninteressant macht.

    Ich verstehe nicht, wie der biologische Mechanismus hier funktionieren soll. Wie erkennt der Organismus, dass er sich in einer Kultur mit geringer Vaterschaftssicherheit befindet? Das Ganze kann doch nur über bewusste und intelligente strategische Entscheidungen laufen. Dazu wäre noch anzumerken, dass Menschen nicht bewusst im Interesse ihrer Gene handeln und deshalb auch keine aktiven Entscheidungen zur Weiterverbreitung dieser Gene treffen. Wenn Menschen ein strategisches Interesse haben, Kinder zu zeugen, etwa um ihre Alrerversorgung zu sichern, dann ist das grundverschieden von evolutionsbiologisch erklärbaren Phänomenen wie Geschlechtstrieb oder Sehnsucht nach Kindern. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das hier durcheinandergebracht wird, denn ähnliches gilt natürlich auch für die Frage, wer wieviel in die Aufzucht der Kinder investiert. Ein biologischer Mechnismus wäre hier darauf angewiesen, Kulturelle Gegebenheiten „parsen“ zu können.

    Mich erinnert das an die kürzliche Diskussion, über spezielle Gehirnmodule mit quasi fertig-programmierter Software, in die für den endgültigen Betrieb noch ein paar kulturelle Parameter eingegeben werden müssen. Die werden dann irgendwie (über weitere Module mit spezialisierter Erkennungssoftware?) aus der Umwelt abgescannt.

    • Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden. Wenn Kulturen eine ausreichend lange Zeit voneinander getrennt sind, können sie sich natürlich biologisch auseinanderentwickeln. Aber der Satz „Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein.“ klingt ein bisschen so, also wären die zugrundliegenden Muster jederzeit abrufbar, so dass der Organismus das gerade passende aktivieren kann.

      • Vielleicht nehme ich manches auch zu wörtlich. Bei „anderes biologisches Muster“ geht es wahrscheinlich gar nicht um ein anderes Muster. Es ist immer das gleiche Muster; es kommt nur nicht in jeder Kultur gleichermaßen zum tragen.

    • @ Stephan

      Nehmen wir an, eine Ausgangspopulation enthält Männer, die in die Kinder ihrer Schwester investieren und Männer, die in ihre eigenen investieren.

      Aus einer intuitiven Neigung heraus, ganz unüberlegt.

      Nun durchläuft diese Population eine lange Phase von Vaterschaftsunsicherheit (vielleicht Fernhandelsaktivitäten der Männer, die lange Abwesenheit bedingt oder häufige Kriegszüge > dito.) Die Väter „eigener“ Kinder investieren langfristig weniger als die Onkelversorger (die an und für sich weniger investieren als die leiblichen Väter, aber unter diesen besonderen Umständen relativ mehr, weil sie sicher sein können, wenigstens 1/4 ihres Gensatzes zu fördern), da verunsichert und an ihrer Vaterschaft zweifelnd (Kind sieht „fremd“ aus, riecht nicht vertraut).

      Das führte dazu, dass innerhalb dieser Population die Männer mit der Neigung zur Onkelversorgerrolle zunehmen, weil deren Gene sich durch die geringere Sterblichkeit der von ihnen versorgten Kinder in der Population anreichern.

      So dass dann in einer solchen Population mehr Männer vorhanden sind, die diese Rolle intuitiv-instinktiv präferieren.

      • Haben sich unsere Kommentare überschnitten? Ich hab mich oben ja schon korrigiert. Ist eben die Frage, wie Christian das meint. Ich glaube jedenfalls nicht, dass das gleiche Individuum in verschiedenen Kulturen auf jeweils verschiedene genetische Programme zurückgreifen würde. (Auf weniger komplexen Verhaltensebenen mag das möglich sein, aber nicht in dem genannten Beispiel.)

        Hängt eigentlich auch mit der Frage zusammen, inwieweit man von Menschenrassen reden kann. Bzw. wie weit die biologischen Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern reichen.

    • „Wie erkennt der Organismus, dass er sich in einer Kultur mit geringer Vaterschaftssicherheit befindet?“

      Es ist das pochen auf deinen Schädel, was du schon deni Leben lang hast …. und denkst schon im Mutterleib gehört zu haben … 😀

    • @Stephan

      „Wie erkennt der Organismus, dass er sich in einer Kultur mit geringer Vaterschaftssicherheit befindet? Das Ganze kann doch nur über bewusste und intelligente strategische Entscheidungen laufen.“

      Warum? Die Informationen kann der Mensch ja ganz normal aufnehmen, sie werden dann eben nur unterbewußt verarbeitet. Wie exklusiv die Beziehung in der Gesellschaft ist ist mit einem menschlichen Gehirn ja durchaus feststellbar.

      • So einfach ist das mit der unterbewussten Verarbeitung glaube ich nicht.

        Der einfachere biologische Programm wäre doch: Man bringt den Nachkommen der Schwester mehr Empathie entgegen als den Nachkommen der Brüder. Im Fall, dass nun diese Nachkommen leiden (weil sie vom Vater vernachlässigt werden), entsteht der Wunsch zu helfen. Letztlich entwickelt sich daraus ein System kultureller Regeln.

        Meine Vorstellung wäre nicht, dass komplexe kulturelle Daten unterbewusst verarbeitet werden, sondern dass Emotionen bestimmte Handlungen wahrscheinlich machen.

        • @Stephan

          „So einfach ist das mit der unterbewussten Verarbeitung glaube ich nicht.“

          Warum nicht? Letztendlich ist der Datenverarbeitungsprozess und die erforderliche Rechenleistung die gleiche. Das Ergebnis wird nur einmal ans „ich“ weitergegeben.

        • Was mir einfach Bauchschmerzen bereitet, ist die Vorstellung, dass komplexe kulturelle Zusammenhänge ohne Steuerung des Bewusstseins zuverlässig bearbeitet werden können

          Träume z.B. sind ja meistens ziemlich wirr. Da sieht man, dass das Unterbewusstsein eine Menge Schwachsinn produziert, wenn man es frei laufen lässt.

          Daniel Dennett hat sich im ersten Kapitel seines Buchs Conscienceness Explained damit auseinandergesetzt, wie überhaupt Halluzinationen funktionieren können trotz der enormen Eigenleistung des Gehirns ohne Input. Und kommt zum Ergebnis, dass sie nicht wirklich funktionieren (sie sind nicht wirklich realistisch).

          Interessant ist ja eigentlich auch, dass es in der neuronalen Struktur des Gehirns keine Hinweise auf eine Gehirnsprache („Brainish“) gibt. In der DNA mit ihrem 4-Basen-Code findet man immerhin eine schablonenhafte Struktur.

          Ich finde es gar nicht so selbstverständlich, dass im Gehirn algorithmische, „virtuelle“ Prozesse ablaufen. Das neuronale System beruht ja eher auf Kaskaden von Dämfung und Verstärkung, wobei sich bestimmte Regelkreise wohl irgendwie verfestigen.

          Man kann sich ja auch individuelle Lernprozesse als eine Art Evolution vorstellen. Ein Baby mag eine angeborene Disposition haben, zu brabbeln. Das Verhalten ist aber zu einem gewissen Teil zufällig, so dass zufällige Laute entsehen. Sobald das Baby mmm macht, bekommt es mehr Aufmerksamkeit und wird belohnt (weil Mama mit m beginnt). Belohntes Verhalten wird wiederholt. Das stelle ich mir so vor, dass sich eine bestimmte neuronale Kaskade verfestigt. Man braucht da nicht gleich einen Algorithmus. Andererseits wird das Verhalten immer komplexer, es bleibt ja nicht beim mmm. Da wird es schwierig, sich das alles noch als neuronales Gewurschtel vorzustellen, und man wünscht sich vielleicht lieber ein am Reißbrett konstruiertes System, mit wohldefinierten Speicherzugriffen usw. Chomsky meint es gäbe eine angeborne Urgrammatik. Meines Erachtens eine viel zu komplizierte Annahme.

          Wenn man einen Ball fängt, glaube ich nicht, dass eine Flugbahn „berechnet“ wird, sondern dass verfestigte Handlungskaskaden ablaufen, wobei immer wieder korrigierende Kaskaden eingreifen.

          Wenn Datenverarbeitungsprozesse sehr rudimentär und irgendwie „körpernah“ sind, wäre ich noch einverstanden, aber wenn es um planungsvolles Handeln geht, dürfte das Gehirn dermaßen an der Grenze der Leistungsfähigkeit sein, dass sich das Bewussstsein schon eingeklinkt hat. Ich glaube deshalb nicht, dass kulturelle Gegebenheiten unterbewusst verarbeitet werden, sondern dass Emotionen und dergl. (also die rudimentären Regelkreise) in die komplexen Handlungsmuster reinwirken.

          Man muss sich das Gehirn irgendwie noch als Organ vorstellen können und nicht als reinen Rechenapparat, der mit einer hoch abstrahierenden Software arbeitet.

        • Ich würde mir komplexe Handlungsmuster soweit wie irgend möglich (Sinne einer Sparsamkeit des Modells) als Gegeinanderagieren von weniger komplexen Mustern vorstellen. Wobei das Gehirn die Fähigkeit hat, Handlungsmuster testweise durchzuspielen und zu bewerten.

          Feste Programme würde ich nur da vermuten, wo es sehr deutliche Hinweise gibt. Aber lieber sparsam damit umgehen.

      • So ähnlich würde ich auch sonst soziale und biologische Ursachen voneinander abzugrenzen versuchen.

        Gefühle: eher biologisch, Handlungen: eher soziologisch

        Niedrige Verhaltenskomplexität: eher biologisch, hohe Komplexität: eher soziologisch.

        Auch die Stabilität des Verhaltens könnte man heranziehen. Erlerntes Verhalten ist fehlerträchtiger, „hart kodiertes“ biologisches eher nicht, siehe mein Beispiel unten (breitbeinig sitzen).

        Weiterhin müsste man versuchen, Lernerfolge besser zu quantifizieren und vorauszusagen. Wenn man Kinder jahrzehntelang dazu erzieht, nicht zu masturbieren, ihnen in dieser Hinsicht auch kein Vorbild gibt, müsste man erwarten, dass sie es lassen – so wie man ja auch Mädchen Jahrtausende erfolgreich dazu erzieht, sich zu unterzuordnen (ich bin mal etwas polemisch). Wenn hier die soziologischen Theorien falsche Voraussagen treffen oder beobachtete Phänomene nicht erklären können, bleiben eben erstmal nur die biologischen Theorien.

        Natürlich müssen auch die biologischen Theorien weiterentwickelt werden.

        Auch wenn man zwischen sozialen und biologische Ursachen nicht immer klar abgrenzen kann, kann man sich der Frage der Gewichtung schrittweise annähern. Imho.

        • @Stephan

          „Niedrige Verhaltenskomplexität: eher biologisch, hohe Komplexität: eher soziologisch.“

          Warum sollte komplexität nicht biologisch sein können?

          https://allesevolution.wordpress.com/2012/08/30/muss-eine-biologisch-vorgegebene-verhaltensregeln-simpel-sein/

          Alles, was als kulturelle Regel abgespeichert ist, kann genauso als biologische Regel abgespeichert werden. Die dafür erforderlichen Gehirnstrukturen sind dann nicht wesentlich anders.

          Zudem können einfache Regeln komplexe Auswirkungen haben.
          Ein „Sei der Mann mit dem höchsten Status“ oder „versuche die hübscheste Frau zu bekommen“ ist als Regel einfach, kann aber in Konkurrenz mit anderen, die der gleichen Regel folgen hoch komplexe Verhalten zur Folge haben.

        • Naja, ein kultureller Regelsatz wäre z.B. auch das Urheberrechtsgesetz. Wenn man den Teil betrachtet, den sich ein Jurist so im Laufe seines Lebens aneignen kann, hätte man im Ergebnis einen recht komplizierten Satz von Handlungsanweisungen. Um so etwas biologisch abzuspeichern bräuchte man wohl noch ein paar Milliarden Jahre Evolution.

          Die Evolution des Lernens (siehe Kommentar oben) funktioniert effizienter als die biologische Evolution.

          „Zudem können einfache Regeln komplexe Auswirkungen haben.“

          Genau, darum plädiere ich ja für einfache Regeln.

        • @ Stephan

          Ich verstehe gerade das Problem, das Du hast, nicht ganz.

          Komplexes Handeln, willentliches Handeln, kann doch biologisch-unbewusst motiviert sein.

          Der Mensch ist frei, zu tun, was er will, aber eben nicht (völlig?) frei, zu wollen, was er will.

          Natürlich werden die komplexen Regeln einer Zivilisation nicht von irgendeinem Unbewussten halluziniert.

          Aber das Wollen, das ihre Ausgestaltung treibt, gehorcht einem biologischen Programm.

          So wie der Maßschneider eine große Freiheit hat, modischen Ausgestaltungen Raum zu geben, sie willkürlich zu gestalten, so muss er doch auf biologische Gegebenheiten (Anatomie) und funktionale Anforderungen (Wärme schutz, Schutz der Haut, Regenschutz etc., je nach dem oder eben Körperschmuck zur Steigerung von sexueller Attraktivität/Status) Rücksicht nehmen.

          Wenn er darauf keine Rücksicht nimmt, kommt vielleicht ein kurzfristig tragbares Produkt dabei heraus, das seinen Träger mehr quält als erfreut.

          Irgendwann aber wird die unpraktische Zwangsjacke abgestreift, er wird keinen Erfolg haben und so erzwingt die „Behaglichkeit“ eine Begrenzung seiner Gestaltungsfreiheit.

        • @Alexander
          Würdest du denn Christians Aussage zustimmen?

          „Alles, was als kulturelle Regel abgespeichert ist, kann genauso als biologische Regel abgespeichert werden. Die dafür erforderlichen Gehirnstrukturen sind dann nicht wesentlich anders.“

          Hier etwas ausführlicher (unter Punkt 1):
          https://allesevolution.wordpress.com/2012/08/30/muss-eine-biologisch-vorgegebene-verhaltensregeln-simpel-sein

          Ich gehe davon aus, dass die biologischen Komponenten des Verhaltens eine eher geringe Komplexität haben. Ich streite nicht ab, dass diese Komponenten immerzu präsent sind und das Verhalten beeinflussen. Passt auch zu dem Schneiderbeispiel.

        • @ Stephan

          *Würdest du denn Christians Aussage zustimmen?*

          Nein, insbesonder dem „Alles“ nicht.

          Hat er allerdings so auch wahrscheinlich nicht gemeint.

          • @Roslin

            Mir ging es erst einmal darum, dass auch erlerntes biologisch abgespeichert werden muss, es also einen Weg geben muss, es „niederzuschreiben“. Denn die einzige Speicherung ist ja nun einmal biologisch, wenn man nicht von einem Seelenkonzept ausgeht. Ob eine solche Regel dann durch Selektion entstehen kann ist wieder eine andere Frage, es müsste eben einen Ausgangspunkt und eine Verfeinerung geben. Wenn allerdings Grammatikregeln durch Evolution entstehen können dann scheinen mir Regeln, in denen es nur darum geht, wie hoch die Vatersicherheit ist, eher einfacher. Zumal darauf ein sehr hoher Selektionsdruck liegt, denn ob ein Kind von einem selbst ist und es sich lohnt Ressourcen zu investieren ist ja evolutionär hoch bedeutsam.

  4. Männer und Frauen sind nach den biologischen Theorien nicht essentialistisch verschieden, sondern nur im Schnitt. Abweichende Verhaltensweisen bestimmter Frauen und Männer sprechen damit per se nicht gegen biologische Begründungen.

    Männer und Frauen sind nach biologischer Sicht bzw. biologisch essentialistisch verschieden. Was denn sonst?

    Der Schnitt bildet gerade diese Essenz (indirekt) ab.

    Der Essentialismus-Vorwurf ist ein feministischer Blasphemievorwurf. Denn neben unserer wesenhaften Verschiedenheit haben wir enorme individuelle Möglichkeiten der Entwicklung. Genau deshalb gibt es so eine große Varianz in vielerlei Hinsicht, und genau deshalb bildet sich trotz allem immer wieder in jedem Individuum das männliche und weibliche Wesen ab.

    Anders ist die Realität der Geschlechter sowie die gegenseitige Anziehung gar nicht erklärbar.

    Christian, emanzipier‘ dich von der Gender-Ideologie.

    PS: Ich ersetze jetzt Chomsky als Klugschweizer. Leset und Ihr werdet begreifen.

    • Die Ablehnung von Essentialismus hat weniger was mit Feminismus als mehr mit Popper et al zu tun:

      Die „Essenz“ macht die Theorie aus, beispielsweise in der Physik der ideale punktförmige Körper.

      In der Realität beobachtest du aber nie die Essenz, sondern Ausprägungen, über die du, anhand Vereinfachung auf Essentialismen, vorhersagen triffst.

      Sprichst du den Essentialismen eine echte Existenz zu, müsstest du die Realität ablehnen, wo sie dem Essentialismus (der Theorie) widersprucht.

      Wenn man wissenschaftlich Arbeitet, findet man aber stattdessen genauere Theorien.

      Und hier ist, entgegen den Lippenbekenntnissen, der Feminismus eben doch ziemlich Essentialistisch: „Die Männer“ gründen „das Patriachat“ welches „Die Frauen“ unterdrückt. Es gibt „die Definitionsmacht“, nicht etwa verbreitete Meinungen.

      Daher denke ich, dass echte emanzipation von Pseudowissenschaften eher darüber stattfindet, dass man sich vom Essentialismus verabschiedet, als dass man sich einen eigenen aufbaut.

    • @Keppla

      Die Essenz existiert ja auch nicht in einem platonischen, sondern in einem aristotelischen Sinne. Ich denke schon, daß es ein weibliches Wesen gibt. Es handelt sich natürlich um eine Abstraktion.

      Ich glaube, du verwechselst Platonismus mit Essentialismus.

  5. Hier mal eine Möglichkeit, wie man diese schwierige Abgrenzung zwischen gelernt und angeboren vielleicht zu fassen kriegt

    Angenommen, Jungs werden dazu erzogen, breitbeinig mackerhaft zu sitzen. Müsste man dann nicht beobachten können, dass sie das, was man ihnen anerzogen hat, gelegentlich mal vergessen? So wie sie ja auch vergessen, die Nachbarn zu grüßen, weil sie eben noch etwas unaufmerksam sind? Ich stelle mir das so vor: Einer dieser zum Frauenunterdrücker verbogenen Jungs sitzt da so alle auf dem Mäuerchen und hat gedankenverloren die Beine übereinandergeschlagen. Er bemerktz gar nicht, dass er da für sein Geschlecht ein unangemessen bescheidenes Bild abgibt. Nehmen wir an, dass sich ein weiblich-unterwerfungswilliges Häuflein Elend von der Seite nähert. Im Moment, wo dieser lernschwache, verkorkste Bengel seiner männlichen Pflicht endlich endlich gewahr wird, würde er dann hastig ein paar ungelenke Bewegungen machen, um dann um so dreister seine Vormachtstellung durch breites Spreizen der Beine anzuzeigen. Das wäre eine typische Fehlleistung während der schwierigen Phase des Lernens, Macker zu sein.

    Die Sprachwissenschaftler forschen ja auch an Fehlleistungen des Gehirns, nennt sich Versprecherforschung. Es gibt da einige typische Häufungen, z.B. werden gern Anfangssilben aufeinander folgender Wörter vertauscht oder es werden bestimmte Konstituenten vorweggenommen. Die Forscher versuchen über eine Analyse dieser Versprecher etwas darüber herauszufinden, wie der Sprechvorgang an sich organisiert ist.

    Ich meine, da müsste auch für Soziologen was drin sein.

  6. Pingback: Wechselwirkung von biologischen und sozialen Faktoren (Anlage-Umwelt-Kovariation) | Alles Evolution

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