„Tätschelnder Patriarch vs. hysterische Kampfemanze“

Ein nettes Plädoyer für eine weniger gegeneinander gerichtete Geschlechterdebatte findet sich in der Süddeutschen (vgl. auch die Besprechung bei Genderama).

Die Grundsituation sei dabei aber wenig erfreulich:

Es sind, auf der einen Seite, Männer mit aggressiver Abwehrhaltung; Tenor: Die Frauen drehen total durch, die kann man nicht mehr ernst nehmen. Es sind, auf der anderen Seite, Frauen mit überbordendem Turbo-Aktionismus; Tenor: Uns doch wurscht, was die Jungs davon halten, jetzt sind wir an der Reihe! Die beiden anderen Gruppen hört man nicht so deutlich, weil sie teils in Ratlosigkeit verstummt sind: Das sind die verunsicherten Männer, die plötzlich die Frauen nicht mehr verstehen, und die verunsicherten Frauen, die gar keine Lust mehr haben, ihre Meinung zum Thema zu sagen, weil sowieso keiner mehr ein Ohr für Zwischentöne hat.

Zu der diesbezüglichen Mitschuld der Frauen heißt es:

Frauen agieren nicht minder im Bereich der platten, überzeichnenden Provokation. Man nehme nur mal die barbusigen Auftritte der Femen-Aktivistinnen. Das Konzept von Femen wäre eine kluge Idee, wenn sie damit spielen würden, dass schöne Frauen mit nackten Brüsten immer Presseaufmerksamkeit kriegen, und wenn sie diese Aufmerksamkeit nutzen würden, um kluge Botschaften zu verbreiten. Stattdessen bedienen die Aktivistinnen nur das Bild der hysterischen Frau, die sich kreischend aufregt, aber inhaltlich nichts oder nur dummes Zeug von sich gibt. Bei einer Demonstration im Januar an der Hamburger Herbertstraße, wo sich Prostituierte in Schaufenstern anbieten, verglichen sie die Sexindustrie mit dem Holocaust und schrieben „Arbeit macht frei“ an den Eingang der Straße. Schaut man sich solche Aktionen an, kann man den Satz von Tuma im Spiegel-Blog fast schon wieder verstehen. Man muss sich nicht wundern, wenn viele Männer glauben, sie müssten beim Thema Frauenrechte nicht mehr zuhören. Auch jenseits der Nachrichtenbilder sind Frauen mit schuld daran, dass aus einer Debatte, die eigentlich ein besseres Miteinander zum Ziel haben sollte, ein ideologischer Grabenkampf geworden ist. Viele haben das Gefühl, all das, was jahrzehntelang verbockt wurde, jetzt innerhalb weniger Monate korrigieren zu müssen – und dabei geht ihnen das Gespür für Taktik und das richtige Maß oft verloren. Fieberhaft werden Netzwerke und Seilschaften aufgebaut, um eine möglichst hermetische Front zu bilden, eine Front gegen „die Männer“. Argumente rücken in den Hintergrund, für Selbstkritik ist gerade keine Zeit. Reflexhaft versammeln sich dieser Tage Frauen hinter anderen Frauen, die von Männern kritisiert werden. Früher hätten sie kurz mal überlegt, ob an der Kritik vielleicht etwas dran ist. Heute scheint weibliche Solidarität manchmal mehr zu zählen als Inhalt. Nicht jede macht da mit. Auf der Facebookseite der Süddeutschen Zeitung kommentierte eine Nutzerin die neue Sprachregelung an der Leipziger Uni: „Wenn das der neue Feminismus sein soll, steig‘ ich aus.“

Der Gegenvorschlag:

Die Debatte ist an einem Punkt angelangt, an dem alle Argumente bis zur Erschöpfung erörtert wurden. Nun könnte man ja eigentlich mal aufeinander zugehen. Die oft beschworene Augenhöhe zwischen den Geschlechtern, sie bedeutet ja nicht, dass jede Bemerkung und jedes Kompliment ganz kritisch auf politische Korrektheit hin abgeklopft werden muss. Ein schlüpfriger Witz stört Frauen oft weniger als die verdruckste Bemerkung, man müsse sich zusammenreißen, „weil Damen anwesend“ seien. Frauen wiederum müssen nicht lauernd darauf warten, dass ein Mann sich ungeschickt verhält, um ihm dann vorwerfen zu können, dass er ein aus der Zeit gefallener Sexist sei. Beide Seiten könnten die Kategorien „Frauen“ und „Männer“ kurz mal links liegen lassen und es probehalber hiermit versuchen: „wir“.

Dann herrscht vielleicht das richtige Klima, um die relevanten Probleme bei der Gleichberechtigung endlich anzugehen.

Ein gut klingender Vorschlag. Leider über weite Teile wenig praktikabel, weil eben die Argumente letztendlich zwar gegenseitig an den Kopf geworfen worden sind, aber eine ruhige Debatte darüber noch nicht stattgefunden hat. Solange die Bereitschaft zu einem Dialog nicht besteht und auch die Theorien der anderen Seite nicht mit den eigenen Theorien abgeglichen werden wird man kaum vorankommen. Zwar wäre ein Wir-Ansatz im Sinne der Betrachtung als Non-Zero-Game durchaus hilfreich, aber sie ist gegenwärtig wohl nicht zu erwarten, jedenfalls nicht in den Bereichen, die sich gegenwärtig tiefer mit dem Thema beschäftigen.

Allerdings ist abseits dieser Debatte teilweise die Diskussion nie angekommen. Dort, abseits der Ideologen, bei den durchschnittlichen Männern und Frauen, ist man bereits beim „Wir“.

Dort sind die Männer keine Unterdrücker und die Frauen keine Ausbeuter.

Man weiß, was man aneinander hat.