„5a-reductase-2 deficiency“ (5a-RD-2) und „17b hydroxysteroid dehydrogenase-3 deficiency“ (17b-HSD-3)

Interessantes zur Geschlechterentstehung und einen guten Überblick über die Forschung bietet der Artikel „Male Gender Identity and Masculine Behavior: the Role of Sex Hormones in Brain Development“ (PDF)

Ich greife dort mal die Ausführungen zu zwei interessanten Konstellationen, die dort behandelt werden: 5a-reductase-2 deficiency (5a-RD-2) and 17bhydroxysteroid dehydrogenase-3 deficiency (17b-HSD-3)

Ein Auszug:

Gender development and 5a-reductase-2 deficiency (5a-RD-2) and 17bhydroxysteroid dehydrogenase-3 deficiency (17b-HSD-3) Children with 5α-RD-2 have an enzyme defect that prenatally blocks the conversion of testosterone into dihydrotestosterone. Consequently they are born with external genitals that are female in appearance. They are usually raised as girls and seem to have a female gender identity, but, if the condition is not discovered in childhood, these children develop male sex characteristics in puberty: growth of their “clitoris” and scrotum, lowering of the voice, beard growth, masculine muscle development, and masculine body fat distribution. After puberty, many of these youngsters start living as males and develop a sexual attraction toward females. These transitions have been primarily documented in non-Western cultures. When raised as boys, these children have a male identity and behave like boys.

Another condition affecting testosterone biosynthesis, which might lead to impaired virili zation in male infants, but excessive virilization when these children become adolescents, is 17 β-HSD-3. Gender transitions in 46,XY children with 17β-HSD-3 raised as girls have also been reported. However, such changes did not happen in all affected individuals. De Vries and colleagues (2007) reviewed the literature on gender identity outcome and DSD and found that 59% of the female-raised 5α- RD-2 individuals (69 of 117), and 39% of the 17β-HSD-3 individuals (20 of 51), all above age 12, had gender dysphoria to the extent that they chose to live as males later in life.

Ergänzend aus der Wikipedia zum Steroid-5α-Reduktase-Mangel:

Die 5α-Reduktase (SRD5) wandelt Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) um; DHT stimuliert den Androgenrezeptor wirksamer. Bei einem Defizit dieser Isozyme, insbesondere des zweiten Isozyms (SRD5A2), kann es bei Männern zu einem Pseudohermaphroditismus mit einer Hypospadie des Penis kommen, bei dem die äußere Öffnung der Harnröhre im Dammbereich liegt [1].

Biochemisch ist die Testosteron-Konzentration bei Betroffenen niedrig bis normal. Der DHT-Spiegel ist sehr niedrig. Das Verhältnis von Testosteron zu DHT ist somit höher als normal. DHT gehört zu den Androgenen und ist unter anderem für die Bildung der äußeren männlichen Geschlechtsteile des Mannes während der Fötalentwicklung im Mutterleib zuständig.

DHT hat keinen Einfluss auf die Entwicklung des weiblichen Körpers. Betroffene Männer werden zwar mit den typischen Gonaden geboren, diese sind allerdings in den ersten Jahren verborgen. Auch haben die Jungen keinen erkennbaren Penis. Ihr äußeres primäres Geschlecht gleicht den weiblichen Genitalien.

Die Jungen werden so in den ersten Jahren wie Mädchen erzogen. Diese fügen sich auch ohne Probleme in das soziale Bild ein. Beim Einsetzen der Pubertät kommt es dann zur vermehrten Entwicklung des Sexualhormons Testosteron. Die vermeintlichen Mädchen durchleben eine männliche Pubertät. Die Hoden treten nach außen und die Klitoris wächst zu einem Penis aus. Dieser Penis weist in den meisten Fällen ebenfalls die typischen Symptome einer Hypospadie auf.

Die Hoden sind in der Lage zeugungsfähiges Sperma zu bilden. Allerdings kann es durch die Unterentwicklung der Prostata und die Hodenlageanomalie zur Unfruchtbarkeit kommen.

70 bis 80 Prozent der Betroffenen leben nach der vollendeten Pubertät als Mann weiter. Die Wenigsten entsprechen in dem anerzogenen weiblichen Gesellschaftsbild.

Die Gegentheorie wäre wohl, dass sie mit dem männlich werden des Körpers eben die weiblichen Rollen ablehnen und männlicher werden müssen. Die Rollen werden eben auch an dem körperlichen Bild fest gemacht. Mich überzeugt das allerdings wenig. Schließlich sind auch ansonsten soziale Rollen schwer abzulegen.

Und zu 17-beta-hydroxysteroid dehydrogenase deficiency aus der englischen Wikipedia:

17-beta-hydroxysteroid dehydrogenase III deficiency is a rare disorder of sexual development affecting testosterone biosynthesis, which can produce impaired virilization (traditionally termed male pseudohermaphroditism) of genetically male infants and children and excessive virilization of female adults.

It is an autosomal recessive[1] condition and is one of the few disorders of sexual development that can affect the primary and/or secondary sex characteristics of both males and females. (…)

17-beta-hydroxysteroid dehydrogenase III deficiency is clinically characterized by either ambiguous external genitalia or complete female external genitalia at birth; as a consequence of impaired male sexual differentiation in 46,XY individuals. Further investigations on ambiguous genitalia will eventually lead to findings of intersexuality. Severely impaired virilization (often complete absence of male sexual differentiation) can lead to development of female external genitalia. These children are raised as female, and their diagnosis is often discovered when there is absence of menarche (first menstruation) and when they begin to virilize during puberty (slowly become more like a man; deepening of the voice, acne, male musculature etc). At careful examination, testis can often be found in the inguinal channel.

 

 

61 Gedanken zu “„5a-reductase-2 deficiency“ (5a-RD-2) und „17b hydroxysteroid dehydrogenase-3 deficiency“ (17b-HSD-3)

    • @Chomsky

      Ich wollte insbesondere die beiden Konstellationen darstellen, die aus meiner Sicht in einer Diskussion über Geschlechter durchaus interessant sind.

      Hier geschieht in der Pupertät, also relativ spät, ein Wechsel der Geschlechterrolle. Das muss doch geradezu für die Geschlechterdebatte interessant sein.

      Wie würdest du dir denn diesen Wechsel erklären?

      • @Christian

        Wir können die Diskussion ein bisschen abkürzen; also mein anthropologisches Menschenbild ist etwa wie das unten nachfolgend aufgeführte. Klar müsste man nun immer wieder spezifizieren, wie das Verhältnis von Biologie und Kultur ist, aber es ist immerhin mal eine grundlegende Vorstellung, welche anthropologische Position man einnimmt:

        Die anthropologische und die gesellschaftliche Dimension der Sozialisationstheorie

        Ohne Sozialisation kein Individuum und auch keine Gesellschaft. Ebenso wie der Mensch in seiner Ontogenese auf einen sozialen Kontext mit vielfältigen Unterstützungsleistungen angewiesen ist und dadurch auch nachhaltig geprägt wird, ist die Existenz und Fortdauer der Gesellschaft auf Sozialisation angewiesen. Das Neugeborene braucht soziale Unterstützungsstrukturen, um überhaupt überleben zu können und in der jeweiligen Gesellschaft zu einem handlungsfähigen Mitglied werden zu können. Entsprechend wurde in der Sozialisationsforschung immer wieder darauf hingewiesen, dass der neugeborene Mensch – wie es beispielsweise Adolf Portmann (1955) formuliert hat – eine „physiologische Frühgeburt“ ist.
        Erschütternde und zugleich eindrucksvolle Belege hierfür liefern sog. Wolfskinder. Kinder also, die in jungen Jahren isoliert von Menschen aufgewachsen sind. In den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtete so z.B. der katholische, aus Indien stammende Missionar Joseph Amrito Lal Singh in einem Tagebuch (dt. 1964) von zwei Mädchen, die er in einem Dschungel westlich von Kalkutta („Midnapore“) tatsächlich bei Wölfen gefunden hat. Die beiden ca. acht- und zweijährigen Mädchen – Kamala und Amala genannt – waren stumm, gingen ständig auf allen Vieren, ernährten sich fast ausschliesslich von rohem Fleisch, assen nur vom Boden und wollten sich nicht waschen lassen. Der Geistliche versuchte die beiden Mädchen behutsam an ein Leben unter Menschen zu gewöhnen. Amala, die jüngere der beiden Mädchen starb sehr bald. Kamala lernte nach und nach aufrecht zu gehen, Kleider zu tragen, Mischkost zu essen und einige Wörter zu sprechen. Aber auch sie ist nach wenigen Jahren gestorben. „

        Ähnliche Defizite ergeben sich auch dann, wenn Neugeborene unter Bedingungen einer starken Vernachlässigung aufwachsen müssen. Dies zeigt z.B. der Bericht von Anna, die als uneheliches und unerwünschtes Kind geboren wurde (vgl. Davis 1949). Anna wurde von ihrer Mutter in ein fensterloses Zimmer auf dem Dachboden eingesperrt und ihre ‚Zuwendung’ beschränkte sich weitgehend darauf, ihrer Tochter Milch zum Überleben zu geben. Als das Kind nach fünf Jahren entdeckt wurde, konnte es nicht gehen, nicht reden, nicht selbst essen und nicht einmal kauen. Die völlig apathische Anna lachte oder weinte auch nie. Dass aber selbst eine angemessene Versorgung der Kinder nicht ausreicht, zeigen die bekannten Studien von René Spitz (2005). Obwohl die Säuglinge in Waisenhäusern gut genährt, regelmässig gebadet, ihre Windeln gewechselt wurden und sie saubere Betten und Zimmer hatten, waren die meisten Kinder nach einem Jahr geistig zurückgeblieben. Sie lachten oder weinten auch fast nie und zeigten keine Ansätze, sprechen zu lernen. „

        Diese Beispiele machen deutlich, dass ein neugeborenes Kind für seine Entwicklung auf soziale Unterstützungsstrukturen angewiesen ist. Dabei reicht eine blosse physische Pflege nicht aus: Kinder brauchen eine liebvolle Zuwendung von Erwachsenen und Kommunikation mit ihnen. Dieses frühe Angewiesensein auf andere Menschen ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen unter den Lebewesen (vgl. Hettlage 2008). Weil wesentliche Reifungsprozesse in einem sozialen Kontext eingebettet sind, werden Menschen zu Lernwesen. Anders als die Tiere verfügt der Mensch über eine geringere instinktive Absicherung seines Verhaltens und seiner Anpassung an eine ihm artgemässe Umwelt. Beim Menschen tritt – in den Worten von Helmuth Plessner (1964, S. 29) – an die Stelle der „Erbmotorik“ eine „Erwerbsmotorik“ und damit eine „auch nicht von den uns nächstverwandten Anthropoiden erreichten Variabilität und Nuancierungsfülle“. Zwar besitzen auch Tiere nicht alle Fähigkeiten von Geburt an; auch sie müssen lernen, aber bei ihnen ist festgelegt, was sie und auch wie sie lernen müssen. Durch ihre Instinkte sind sie auf eine bestimmte Lebensweise und damit auch auf bestimmte Lerninhalte gleichermassen spezialisiert wie begrenzt.

        In ihrer Instinktausstattung sind Menschen im Vergleich zu Tieren „Mängelwesen“ (vgl. Gehlen 1966). Diese ‚defizitäre’ biologische Ausstattung eröffnet dem Menschen eine grosse Weltoffenheit und Plastizität. Sie ‚zwingt“ ihn zugleich zum Handeln und zur Kulturschöpfung. Was seine Natur nicht vorgibt, muss von den Menschen als Kollektiv hervorgebracht werden und von den jeweils neuen Mitgliedern angeeignet werden. An die Stelle der Instinkte treten bei Menschen Institutionen. Um angesichts einer unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten nicht überrollt zu werden, sind Menschen herausgefordert, habitualisierte Handlungsmuster zu entwickeln, zu speichern und zu tradieren, die eine Entlastung bieten und als Orientierung dienen können. Verhaltenssicherheit durch Institutionen ist dabei allerdings immer nur relativ erreichbar. Gerade weil die Menschen Mängelwesen sind und soziale Unterstützungsstrukturen brauchen, wird die Kultur zur ‚natürlichen’ Lebensbedingung. „Kultur ist daher ein anthropologischer Begriff, der Mensch von Natur ein Kulturwesen“ (ebd. S. 80). (Böhnisch, Lothar et al.: Sozialisation und Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne, S. 11 ff.)

        • @Leszek

          „Ohne Sozialisation kein Individuum und auch keine Gesellschaft.“

          Sicher. Aber in welchem Umfang erfolgt eine Sozialisation? Das ist ja die große Frage, die man sich stellen muss. Wie wenig Sozialisation ist möglich und was ist unabhängig gegen übliche Sozialisation bzw. welche soziale Phänomene sind nur Ausgestaltungen unserer Biologie?
          Darauf können Fälle wie die oben geschilderten interessant sein. Denn diese zeigen ja gerade Grenzen eine kindlichen Sozialisation aus,

          „Ebenso wie der Mensch in seiner Ontogenese auf einen sozialen Kontext mit vielfältigen Unterstützungsleistungen angewiesen ist und dadurch auch nachhaltig geprägt wird, ist die Existenz und Fortdauer der Gesellschaft auf Sozialisation angewiesen.“

          Aber wie nachhaltig geprägt? Oben scheint sich ja die weibliche Prägung aus der Kindheit einfach durch Hormone aufzulösen. Das ist doch auf jeden Fall erst einmal ein interessantes Phänomen.
          Natürlich haben wir eine Sozialisation. Und natürlich werden wir sie immer brauchen. Aber welche menschlichen Phänomene erklären sich aus der Sozialsiatin und welche aus der Biologie: Ein einfaches Beispiel: Einen Psychopathen kann man sozialisieren, wie man will, er wird die dahinterstehenden Konzepte vielleicht einfach gar nicht verstehen können. Es gibt zB bestimmte Menschen, die zwar lernen können, was erlaubt und verboten ist, aber sie können die Wertungen dahinter nicht nachvollziehen können. Sie würden anführen, dass Menschen foltern und bei Rot über die Ampel gehen beides verboten ist und den Unterschied nicht wirklich verstehen.
          Trotz verschiedener Kulturen finden wir bei den Menschen erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.
          ZB hier bei den Big Five bei Männern und Frauen
          https://allesevolution.wordpress.com/2010/10/22/big-5-personality-traits-unterschiede-mann-frau/

          Gerade bei Verhalten zeigt sich auch eine hohe Vererbbarkeit:
          https://allesevolution.wordpress.com/2011/06/14/die-drei-gesetze-der-verhaltensgenetik/

          Erscheint uns vielleicht vieles, bei dem wir denken, dass wir es von den Eltern aufgrund ihrer Erziehung übernehmen, nur so, weil wir es von ihnen geerbt haben?

          „Das Neugeborene braucht soziale Unterstützungsstrukturen, um überhaupt überleben zu können und in der jeweiligen Gesellschaft zu einem handlungsfähigen Mitglied werden zu können. Entsprechend wurde in der Sozialisationsforschung immer wieder darauf hingewiesen, dass der neugeborene Mensch – wie es beispielsweise Adolf Portmann (1955) formuliert hat – eine „physiologische Frühgeburt“ ist.“

          Das würde ich durchaus auch so sehen. Viele Feinjustierungen erfolgen natürlich erst in der Sozialisation und alleine schon Sprache erlernen ist ohne sozialen Kontakt auch nicht möglich.
          Allerdings sollte man auch bedenken, dass wir den Ausschnitt, der veränderbar ist, übergroß wahrnehmen. Er erscheint uns als die gesamte Spanne des möglichen Verhaltens. Es ist aber eher die Spanne des möglichen menschlichen Verhaltens. Wir machen ja viele Sachen nicht, die wir machen können. Und wir verhalten uns durchaus dabei nicht immer logisch.

          „Erschütternde und zugleich eindrucksvolle Belege hierfür liefern sog. Wolfskinder. Kinder also, die in jungen Jahren isoliert von Menschen aufgewachsen sind. In den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtete so z.B. der katholische, aus Indien stammende Missionar Joseph Amrito Lal Singh in einem Tagebuch (dt. 1964) von zwei Mädchen, die er in einem Dschungel westlich von Kalkutta („Midnapore“) tatsächlich bei Wölfen gefunden hat. Die beiden ca. acht- und zweijährigen Mädchen – Kamala und Amala genannt – waren stumm, gingen ständig auf allen Vieren, ernährten sich fast ausschliesslich von rohem Fleisch, assen nur vom Boden und wollten sich nicht waschen lassen. Der Geistliche versuchte die beiden Mädchen behutsam an ein Leben unter Menschen zu gewöhnen. Amala, die jüngere der beiden Mädchen starb sehr bald. Kamala lernte nach und nach aufrecht zu gehen, Kleider zu tragen, Mischkost zu essen und einige Wörter zu sprechen. Aber auch sie ist nach wenigen Jahren gestorben.“

          Ja, sicher brauchen Menschen menschlichen Kontakt um sich normal zu entwickeln. Aber es gibt auch Menschen, die sich trotz erheblicher Vorfälle in ihrer Kindheit und einer sehr schlechten Sozialisierung gut entwickelt haben.
          Nur weil es ein Extrem wie Wolfkinder gibt bedeutet das nicht, dass wir innerhalb einer normalen Sozialisation nicht dennoch bestimmte Grenzen haben.

          Die Liste der „Wolfskinder“ in der Wikipedia ist ja auch nicht ganz uninteressant:
          http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfskind

          Wenn man sich einige dann davon anschaut:
          http://de.wikipedia.org/wiki/Isabelle_(Wolfskind)

          Isabelle (* um 1932 wohl in Ohio) ist der Name eines so genannten Wolfskindes, das 1938 in Ohio entdeckt wurde. Ihre Entwicklung ist von Entwicklungspsychologen dokumentiert worden und hat zur Weiterentwicklung des Wissensstandes über Hospitalismus und seine Heilung beigetragen.
          Isabelle und ihre taubstumme Mutter waren von ihrem Großvater in einem abgedunkelten Raum gefangen gehalten worden. Bei ihrer Entdeckung im Alter von sechs Jahren konnte Isabelle nicht sprechen. Sie hatten jedoch gelernt mit ihrer Mutter durch Gesten zu kommunizieren. Sie war körperlich und intellektuell zurückgeblieben und verhielt sich Männern gegenüber feindselig.
          Isabelle durchlief nach dem Beginn ihrer Förderung die Entwicklungsschritte der ersten sechs Lebensjahre in der gleichen Reihenfolge, wie ein gewöhnliches Kind. Ihr Lerntempo jedoch war schneller. Zwei Monate nachdem sie das erste Wort gesprochen hatte, lernte sie Sätze zu bilden. Weitere neun Monate später konnte sie lesen und schreiben, bis zehn zählen und eine Geschichte nacherzählen. Mit achteinhalb Jahren war sie auf dem Entwicklungsstand eines normalen Kindes dieses Alters.

          http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_und_Vanya

          Andrei und Vanya (*4. September 1960[1]) (auch bekannt unter den Namen John und Paul, nach der Kinderpsychologin Jarmila Koluchová von der Palacký-Universität Olomouc, die ihre Entwicklung beschrieb, auch die Koluchová-Zwillinge oder noch häufiger Koluchová-Twins genannt) gelten als entwicklungspsychologisches Fallbeispiel.
          Die Zwillinge verloren ihre Mutter bei der Geburt. Eine Tante mütterlicherseits nahm die Kinder in Pflege und sie entwickelten sich normal. Als jedoch ihr Vater nochmals heiratete, nahm er die Zwillinge wieder bei sich auf. Er war jedoch meistens wegen seiner Arbeit nicht zuhause. Die Stiefmutter sperrte die beiden Jungen in den Keller und beschäftigte sich nur mit ihnen, wenn sie sie schlug. Als man die Zwillinge nach fünfeinhalbjährigem Martyrium im Keller entdeckte, waren sie kleiner, als für das Alter üblich, konnten nicht sprechen und verstanden die Bedeutung von Bildern nicht. Der IQ der Jungen wurde auf circa 40 geschätzt.
          Die Zwillinge wurden ihren Eltern weggenommen und später adoptiert. In einer liebevollen Umgebung gelang es ihnen, ihren intellektuellen und emotionalen Rückstand aufzuholen. Sie besuchten zuerst die Schule für Lernbehinderte und später eine normale Schule, anschließend besuchten beide eine technische Hochschule. Einer der Zwillinge wurde Computertechniker und der andere Fachlehrer für Technik. Mit Mitte 40 waren beide verheiratet, hatten jeweils drei Kinder und einen großen Freundeskreis und wurden als normal entwickelt und mit leicht überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet beschrieben

          Es scheint also einiges nachholbar und erlernbar zu sein, das Gehirn an ich ist auf Impulse angewiesen, um bestimmte Funktionen ausgestalten zu können, aber das an sich bedeutet auch keine beliebige ausgestaltbarkeit.

          „Ähnliche Defizite ergeben sich auch dann, wenn Neugeborene unter Bedingungen einer starken Vernachlässigung aufwachsen müssen. Dies zeigt z.B. der Bericht von Anna, die als uneheliches und unerwünschtes Kind geboren wurde (vgl. Davis 1949). Anna wurde von ihrer Mutter in ein fensterloses Zimmer auf dem Dachboden eingesperrt und ihre ‚Zuwendung’ beschränkte sich weitgehend darauf, ihrer Tochter Milch zum Überleben zu geben. Als das Kind nach fünf Jahren entdeckt wurde, konnte es nicht gehen, nicht reden, nicht selbst essen und nicht einmal kauen. Die völlig apathische Anna lachte oder weinte auch nie. Dass aber selbst eine angemessene Versorgung der Kinder nicht ausreicht, zeigen die bekannten Studien von René Spitz (2005). Obwohl die Säuglinge in Waisenhäusern gut genährt, regelmässig gebadet, ihre Windeln gewechselt wurden und sie saubere Betten und Zimmer hatten, waren die meisten Kinder nach einem Jahr geistig zurückgeblieben. Sie lachten oder weinten auch fast nie und zeigten keine Ansätze, sprechen zu lernen. „

          Ich habe das hier gefunden:

          http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_(Wolfskind)

          Kingsley Davis, der den Fall untersucht hat und mit dem Fall des Wolfskindes Isabelle verglichen hat, war der Meinung, dass Anna wahrscheinlich von Geburt an geistig behindert gewesen sei, da sie sich so anders entwickelte als Isabelle. Er wies aber auch auf einen Unterschied zwischen den beiden Wolfskindern hin: Anna war allein gefangen gehalten worden, Isabelle dagegen zusammen mit ihrer Mutter. Dieter Zimmer sieht das als Grund für die Unterschiede im späteren Leben der beiden Wolfskinder an

          Aber natürlich ist es schrecklich, sechs Jahre lang an einen Stuhl gebunden und alleine zu sein. Und natürlich hinterlässt das Spuren. Aber es sind auch ganz extreme Fälle.

          „Diese Beispiele machen deutlich, dass ein neugeborenes Kind für seine Entwicklung auf soziale Unterstützungsstrukturen angewiesen ist. Dabei reicht eine blosse physische Pflege nicht aus: Kinder brauchen eine liebvolle Zuwendung von Erwachsenen und Kommunikation mit ihnen.“

          Natürlich. Aber wenn man ein gewisses Mindestmaß im Umgang voraussetzt, was ergibt sich dann darüber hinaus an Gestaltungsmöglichkeit?

          „Dieses frühe Angewiesensein auf andere Menschen ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen unter den Lebewesen (vgl. Hettlage 2008).“

          In diesem Umfang sicherlich. Aber wenn man einen Affen 6 Jahre lang (oder das Äquivalent bei seiner Lebenszeit) an einen Stuhl bindet und ihn komplett isoliert, dann bezweifele ich, dass er danach einfach so aufsteht und sind in eine Gruppe integriert. Natürlich lernen wir soziales Verhalten, wie viele Tiere, in Abstimmung, es komplett vorher festzulegen wäre ja auch viel zu unflexibel und böte auch zuwenig Möglichkeiten, seine Gruppe zu wechseln.

          „Weil wesentliche Reifungsprozesse in einem sozialen Kontext eingebettet sind, werden Menschen zu Lernwesen.“

          Aber in welchem Umfang? Das ergibt sich aus dem bisher von dir angeführten nicht-

          „Anders als die Tiere verfügt der Mensch über eine geringere instinktive Absicherung seines Verhaltens und seiner Anpassung an eine ihm artgemässe Umwelt.“

          Das ist erst einmal eine Behauptung. Welche Tests und Studien belegen das? Wobei „instinkte“ da vielleicht auch nicht so richtig passt. Aber biologisch bedingte ist da was anderes.
          Man macht sich die Prinzipien da meist nicht so bewusst und erkennt es nicht so direkt. Aber wenn man dann mal bei Geary „Male, Female“ einen vergleich aller Tiere und der verschiedenen Tiere und der dahinterstehenden Prinzipien liest und dann die Einordnung des Menschen in dieses System, dann sieht es schon anders aus. Ebenso wenn man Frans de Waal, Der Affe in uns“ liest. Auch sehr gut in dem Zusammenhang, um einem mal aufzuzeigen, wie sehr menschliches Verhalten in vielen Bereichen auf Biologie beruht, ist Matt Ridleys „The Origins of virtue
          Ich habe hier ja auch einige Studien, die entsprechende Auswirkungen darlegen und von den Wolfskinderargument nicht betroffen sind.
          Auch die reine Körperchemie wird immer besser verstanden und offenbart einiges an interessanten Schlußfolgerungen.

          „Beim Menschen tritt – in den Worten von Helmuth Plessner (1964, S. 29) – an die Stelle der „Erbmotorik“ eine „Erwerbsmotorik“ und damit eine „auch nicht von den uns nächstverwandten Anthropoiden erreichten Variabilität und Nuancierungsfülle“. Zwar besitzen auch Tiere nicht alle Fähigkeiten von Geburt an; auch sie müssen lernen, aber bei ihnen ist festgelegt, was sie und auch wie sie lernen müssen. Durch ihre Instinkte sind sie auf eine bestimmte Lebensweise und damit auch auf bestimmte Lerninhalte gleichermassen spezialisiert wie begrenzt.“

          Natürlich lernen wir. Aber ein gutes Beispiel ist da die Sprache: Wir lernen sie nicht zu jeder Zeit gut. Es gibt ein sehr enges Fenster, innerhalb dessen wir Sprache Muttersprachlich erlernen können. Einigen mag das im späteren Leben auch noch gelingen, aber den allermeisten nicht. Warum nicht? Eben weil wir biologische Wesen sind und das Gehirn in einem bestimmten Lebensalter dafür besonders lernfähig ist. In diesem gelingt es uns recht mühelos und unabhängig von intelligenz eine Sprache nur durch zuhören zu erlernen. Ein paar Jahre später brauchen wir Unterricht, Grammatikregel, müssen Vokabeln büffeln etc.
          Forschung legt nahe, dass wir bestimmte Sachen leichter lernen, das Wissen wesentlich leichter unterbringen können, als andere Bereiche. Auch Lernen selbst muss nicht beliebig sein. Ebenso ist es mit Sozialisierung. Bestimmte Sachen wird man nicht wegsozialisieren können und da sollte man sich die Frage stellen warum nicht.

          „In ihrer Instinktausstattung sind Menschen im Vergleich zu Tieren „Mängelwesen“ (vgl. Gehlen 1966). Diese ‚defizitäre’ biologische Ausstattung eröffnet dem Menschen eine grosse Weltoffenheit und Plastizität.“

          In einigen Bereichen ist da richtig. In anderen nicht. Ein Beispiel wäre etwas die sexuelle Ausrichtung: Menschen können sich nicht entscheiden heterosexuell zu werden oder eben auch homosexuell, abgesehen vielleicht von einigen Bisexuellen.
          Auch in anderen Bereichen gibt es bestimmte Regeln, die unsere „Weltoffenheit und Plastizität“ einschränken.

          „Sie ‚zwingt“ ihn zugleich zum Handeln und zur Kulturschöpfung.“

          Es scheint einem so. Aber die Kultur ist in vielen Bereichen gut erkennbar ein Produkt der Biologie, zumindest in den Grundzügen. Die meisten kennen nur die Regeln nicht, die dort bestehen. Es lohnt sich aber, sich damit zu beschäftigen.
          Alleine schon Bereiche wie Kunst oder Musik: Man sieht sie aus einem ganz anderen Blickwinkel, wenn man Geoffrey Miller, The Mating Mind gelesen hat.

          „Was seine Natur nicht vorgibt, muss von den Menschen als Kollektiv hervorgebracht werden und von den jeweils neuen Mitgliedern angeeignet werden. An die Stelle der Instinkte treten bei Menschen Institutionen. Um angesichts einer unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten nicht überrollt zu werden, sind Menschen herausgefordert, habitualisierte Handlungsmuster zu entwickeln, zu speichern und zu tradieren, die eine Entlastung bieten und als Orientierung dienen können.“

          Ich glaube auch, dass Gewohnheiten eine wichtige Sache für Menschen sind. Allerdings nicht als rein soziale Entwicklung, sondern als biologisches Programm. Wir sind „Gewohnheitstiere“. Es ist keine soziale Notlösung, sondern eine „eingebaute Funktion“

          „Verhaltenssicherheit durch Institutionen ist dabei allerdings immer nur relativ erreichbar. Gerade weil die Menschen Mängelwesen sind und soziale Unterstützungsstrukturen brauchen, wird die Kultur zur ‚natürlichen’ Lebensbedingung. „Kultur ist daher ein anthropologischer Begriff, der Mensch von Natur ein Kulturwesen“ (ebd. S. 80). (Böhnisch, Lothar et al.: Sozialisation und Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne, S. 11 ff.)“

          Ich kann nur dazu raten, einmal über den Tellerrand zu lesen. Geary wurde ja schon einmal vorgeschlagen, ich habe oben noch weitere Bücher genannt. Ein Konzept erscheint immer logisch, wenn man innerhalb des Konzepts liest, man braucht die Vorstellung des Gegenkonzepts um die Wertigkeit der eigentlich vertretenen Meinung zu erkennen. Ich habe es jedenfalls nicht bereut, etwa Butler oder andere gelesen zu haben. Im Gegenzug sollte ich mich dann wohl mit Böhnisch beschäftigen.

      • @ Chomsky

        Du scheinst ja echt ein Fan von Lothar Böhnisch zu sein. Ich habe noch nichts von ihm gelesen.
        Könntest Du kurz mal erklären, warum Du seine Werke so gut findest. Wie positioniert er sich im Kontext feministischer und maskulistischer Diskurse? Inwiefern könnte Böhnisch sinnvoll maskulistisch rezipiert werden?
        Und ein Buchtipp wäre nett. Was würdest Du empfehlen von Böhnisch zu lesen?

      • @Leszek

        Böhnisch ist in der Tradition der Kritischen Theorie zu sehen; also Macuse, Fromm, Adorno, Habermas, Horkheimer et al.
        Kritische Theorie heisst auch: Freudo-Marxismus! Also eine Kombination aus Psychoanalyse und Neo-Marxismus. Aber auch eine Kombination aus Psycho- und Soziogenese. Aber Böhnisch ist um Einiges differenzierter und komplexer als die Frankfurter Schule. Wenn man alle seine Bücher liest, dann habe ich bisher noch keinen Autor kennengelernt, der so viele unterschiedliche Theoriekonzepte zu integrieren versucht hat, also in der Handhabe einer Vielzahl von Theoriekombinationen ist Böhnisch für mich bisher unerreicht. Da ich der Auffassung bin, dass es eine Vielzahl von theoretischen Perspektiven braucht, um die Komplexität der Welt aufzuschliessen, ist Böhnisch natürlich immer wieder ein Autor, von dem man lernen kann.

        Im Bezug auf Feminismus und Männerrechtsbewegung schreibe ich dann morgen einmal etwas, weil das braucht ein bisschen eine differenziertere Ausführung! 🙂

      • @ Chomsky

        Mit der Kritischen Theorie habe ich mich natürlich beschäftigt und beurteile sie insgesamt auch positiv, fand aber dennoch stets, dass andere linke Traditionen in Theorie und Praxis bedeutender und relevanter sind.

        Seit dem Lesen einer bescheuerten pseudowissenschaftlichen, verschwörungstheoretischen konservativen Hetzschrift gegen Linke von einem William Lind, in der insbesondere über die Frankfurter Schule hergezogen wurde, (auf einem Niveau, für das die Bezeichnung Kemper -Niveau durchaus passend wäre), verspüre ich allerdings eine gestiegene Sympathie für die Frankfurter Schule und ihre Errungenschaften. Des Weiteren ist mir das reaktionäre Potential des konservativen „Anti-Kultur-Marxismus“- Diskurses dadurch erst vollständig zu Bewusstsein gekommen und es erscheint mir wichtig diesen Diskurs kritisch zu analysieren, zu dekonstruieren und zurückzudrängen.

        Von daher habe ich mit der Frankfurter Schule keine Probleme.

        Ich bevorzuge ebenfalls multiperspektivisches und theorienübergreifendes Denken, da rennst Du bei mir offene Türen ein.

        Dann warte ich mal gespannt auf Deine weiteren Ausführungen.

      • @ Chomsky

        Hier habe ich eine scharfe Kritik an Böhnisch bei Amazon gefunden, die leider nahelegt, dass er für den Maskulismus wohl nicht zu gebrauchen ist (jedenfalls, wenn die Grundtendenz der Kritik zutreffend sein sollte.):

        http://www.amazon.de/Sozialp%C3%A4dagogik-Lebensalter-Einf%C3%BChrung-Lothar-B%C3%B6hnisch/dp/3779915219/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1336845305&sr=1-2

        „In den Ausbildungsgängen der sozialen Arbeit, speziell der Sozialpädagogik, ist Lothar Böhnisch eine feste Größe und wird oft zitiert. Ungeachtet seiner übrigen Veröffentlichungen kann ich diesen Band aber nicht empfehlen. Der differenzierende Blick auf Individuum in verschiedenen Lebensalter findet dort sein Ende, wor er geschlechtsspezifisch argumentiert. Hier sieht man sich mit penetranter Hartnäckigkeit einem regelrechten Paradigmenwechsel gegenüber den sonstigen Darstellungen konfrontiert. So verfällt Böhnisch hier aufällig einseitig wie gründlich in ein ausgesprochen defizitorientiertes Jungen- und Männerbild, das dann allzuoft in verkürzenden Schuldzuweisungen des Männlichen in den Geschlechterverhältnissen gipfelt. Freilich ein Bild das sich nahtlos in den politischen Mainstream einreihen lässt. Es ist dies aber ein unzulässig verengter Blickwinkel den man sich als kritischer Sozialpädagoge verwehren muss. Zumindest dann, wenn man Jungen und Männern ebenfalls einen gelingenden Lebensalltag zubilligen möchte. Eine ernstzunehmende kritische Reflexion, der Lebenswirklichkeit von Jungen und Männern, die in irgendeiner Form wegleitend sein könnte, findet man wenn überhaupt nur äußerst spärlich vor. Für die Grundlagenausbildung eines angehenden Sozialpädagogen kann ich deshalb die „Sozialpädagogik der Lebensalter“ nicht empfehlen.“

        Bei aller berechtigten Wertschätzung für die Frankfurter Schule und für theorieübergreifende Ansätze: Wenn diese Kritik zutreffend sein sollte, ist das ziemlich genau jene Sorte misandrischer feministischer Pädagogik, die wir gerne auf den Müllhaufen der Geschichte befördern möchten.

        (Ich warte natürlich trotzdem auf Deine weiteren Ausführungen zum Thema.)

      • @Leszek

        Das ist ja interessant, dass wir hier auf die Frankfurter Schule zu sprechen kommen. Ich bin aber keineswegs so positiver Ansicht was Adorno und Horkheimer angeht. Was mich bei den beiden immer gestört hat war ihr elitärer Kulturpessimismus, der mich selbst immer sehr an Heidegger erinnert hat. Und da mich interessiert hat, warum mir Adorno und Heidegger so ähnlich vorkamen (obwohl ich natürlich Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ kenne), bin ich auf zwei interessante Kritiken an seiner Philosophie geraten. Eine „Linke“ und eine „Rechte“, wenn man das denn überhaupt so sagen kann in der Philosophie, die sich interessanterweise aber decken: Nämlich von Hans-Jürgen Krahl (in „Konstitution und Klassenkampf“), und von Günther Rohrmoser (in „Das Elend der kritischen Theorie“ glaube ich). Rohrmoser schreibt über Adorno Folgendes: „Nun folgt aber […] aus dem Gedanken, daß grundsätzlich auch alles ganz anders sein könnte, für die Praxis der Verwirklichung einer qualitativ anderen Welt unter den Bedingungen der Herrschaft totaler Negativität nicht nur nichts, sondern sogar kraft seiner Vermittlungslosigkeit, die Verfestigung der negativen Strukturen der Gegenwart.“ (ebd. S.50) Ich denke treffender kann man das Problem mit Adorno nicht auf den Punkt bringen, wie überhaupt Rohrmoser auch ganz exzellent das Verhältnis Adornos zu Heidegger beschreibt. Wobei er dem ersten attestiert gerade auf Grund seiner Nähe zu Heidegger nicht an der Überwindung der Pathologien der Vernunft beteiligt, sondern vielmehr Teil der Zerstörung der Vernunft zu sein. Was die praktische Bedeutung oder besser Irrelevanz von Adornos Philosophie anbelangt, so kommt Hans-Jürgen Krahl interessanterweise zu genau der selben Diagnose. „Adornos Negation der spätkapitalistischen Gesellschaft ist abstrakt geblieben und hat sich dem Erfordernis der Bestimmtheit der bestimmten Negation verschlossen, jener dialektischen Kategorie also, der er sich aus der Tradition Hegels und Marxens verpflichtet wusste.“ Auch wenn Rohrmoser hier etwas radikaler in seiner Kritik ist und man sich bei Krahl fragen muss, ob seine Voraussetzung eines Spätkapitalismus heute noch jemanden anspricht, so scheint mir doch, dass beide eigentlich das Problem ziemlich deutlich getroffen haben. Entweder die negative Dialektik macht gar nichts, oder sie macht das was schon da ist noch schlimmer. Das ist übrigens eine interessante Parallele zu Derrida glaube ich, dessen Verhältnis zu Heidegger dem von Adorno eigentlich nicht unähnlich ist.

        Entsprechend führen sich gläubige Anhänger der kritischen Theorie auch oft ein bisschen auf wie die Personifizierung des „kritischen Theoretikers“ aus Horkheimers berühmten Aufsatz, halten sich dabei aber immer sehr unkonkret. Nicht mein Geschmack einerseits, andererseits aber auch anmaßend, weil man sich auf den Punkt stellt, die Einsicht in den totalen Entfremdungszusammenhang zu haben, diese Einsicht allen Leuten ständig vorhält, aber zugleich meint nichts tun zu können. Für mich sind solche „Einsichten“ immer ein Grund mehr sich mit skeptischer Philosophie zu beschäftigen.

        Den Text von Krahl findet man übrigens hier: http://www.krahl-seiten.de/der%20politische%20widerspruch.htm

        So, und nun noch was zu dem Herrn Lind.

        Nun diese Kulturmarxismus-Ideologie hat sich ja auch bei Anders Breivik gewalttätig manifestiert. Was den Herrn William Lind angeht; das scheint ja wirklich intellektuell traurig zu sein, ist aber eine Form von Sozialparanoia, die heute viele Konservative in den USA zeigen. Und auch z.T. hier in Deutschland. Denn offenbar können sie sich nicht erklären, wie so etwas wie „1968“ überhaupt passieren konnte, ohne, dass dabei finstere Mächte im Hintergrund gewirkt haben. Immerhin waren sie ja auf der richtigen Seite. Wie kann es sein, dass die richtigen Werte zurückgewiesen werden? Aber die Lösung ist nah: „The Frankfurt School’s key people spent the war years in Hollywood!“ Und dort haben sie gelernt ganz Amerika psychologisch zu konditionieren. Dieses Denken hat natürlich eine lange Tradition, beispielsweise in der Suche nach Verbindungen der Freimaurerei zur französischen Revolution. Eine andere Alternative sind religiöse Formen. Es gibt eine wirklich interessante Rede von Rick Santorum, in der er an einer katholischen Privatuni in Florida erklärt, wie Amerika von Satan verführt wurde und Satan natürlich bei den Intellektuellen angefangen hat, weil diese aufgrund ihres Stolzes klüger zu sein als die „normalen“ Amerikaner, Satan zuerst zum Opfer gefallen sind. Noam Chomsky ist aber einer der wenigen (Zizek ist ein anderer), die gesehen haben, worin die wirkliche Gefahr z.B. der Tea Party Bewegung liegt: Es handelt sich um Leute, die traditionell eigentlich von der Linken angesprochen werden sollten. Linke Politik wird von diesen Menschen aber als Teil einer Verschwörung einer Elite in Washington wahrgenommen, die sich aus internationalen Finanzspekulaten, Bürokraten, Homosexuellen, Feministinnen und Schwarzen zusammensetzt. Und das Wort „Sozialismus“ ist dann die Kodierung für alles, was mit dieser Form von Staatlichkeit in Verbindung gebracht wird. Das ist eine sehr problematische Ausgangslage, denke ich.

        Europa hat aber auch eigenständiges zu liefern. Interessant und intellektuell gefährlicher als der Kulturmarxismus-Diskurs ist die Richtung der Nouvelle Droite nach Alain De Benoist, die sich auf den Begriff „Metapolitik“ versteht und direkt von Gramsci inspiriert versucht eine neue Form von rechter kultureller Hegemonie als Langzeitstrategie zu schaffen. Bisher waren sie dabei nicht sehr erfolgreich. Allerdings kann man einiges davon bei Marine Le Pen sehen, so denke ich jedenfalls. In Deutschland findet man solche Debatten in der Zeitschrift „Sezession“ und bei denen, die in deren Umfeld schreiben. Das seltsame dabei ist eigentlich die Überschneidung von linkem und rechtem Gedankengut, die man vielleicht das letzte Mal so in der Weimarer Republik gekannt hat. Zum Beispiel die ökologische Frage und die Opposition zum „Universalismus“ oder auch die Kritik an der „Rhetorik der Menschenrechte als ideologische Verkleidung der Globalisierung“ bei De Benoist. Alles Positionen, für die mir auch „Linke“ einfielen. Und natürlich die Polemik gegen den Finanzkapitalismus, nicht umsonst seit jeher das Paradebeispiel für „wurzellosen Kosmopolitismus“. Das lässt sich übrigens auch bei den Neofaschisten von „Jobbik“ in Ungarn beobachten.

        Ein Zitat von dem Herrn Lind hat mir übrigens etwas zu denken gegeben: „They also said that the working class would not lead a Marxist revolution, because it was becoming part of the middle class, the hated bourgeoisie. Who would? In the 1950s, Marcuse answered the question: a coalition of blacks, students, feminist women and homosexuals.“ Abgesehen davon, dass es sich dabei natürlich um seine Hassgruppen handelt, ist das deswegen sehr wichtig, weil ich ja in den feministischen Frauen nun auch nicht gerade die großen Sympathieträger sehe. Aber es gibt hier ein Problem. Der Feminismus ist ein bisschen wie der Sowjetmarxismus; zu Beginn der Sowjetunion, im direkten Anschluss an den blutigen Bürgerkrieg gab es eine kurze Phase einer beachtlichen gesellschaftlichen Öffnung auf nahezu allen Lebensbereichen. Wichtig ist, dass man erkennt: Der Effekt der Revolution war leider nicht das Ziel der revolutionären Bewegung, im Laufe des „Aufbaus des Sozialismus“ ist diese Offenheit schnell wieder verschwunden. Auf die Öffnung folgt eine sich selbst schließende Institutionalisierung und bei permanenten Schwierigkeiten auch eine Radikalisierung nach innen und nach einer Phase von Stabilität schließlich aber der Zusammenbruch, weil bestimmte grundsätzliche Probleme innerhalb der marxistischen Ideologie nicht thematisierbar waren. Wenn der Feminismus also nun international stärker unter Druck gerät, was ich für sehr wahrscheinlich halte, was wird passieren? Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass es dann nicht nur zu einem Pseudo-Backlash kommt, sondern, dass dann wirkliche rechtsgerichtete Kräfte die Richtung auf einer fundamentaleren kulturellen Ebene bestimmen. Und das wäre sicher nicht gut.

        Was mich persönlich sehr nachdenklucg stimmt ist, dass die Linke es in den letzten 20 Jahren nicht geschafft hat, die Katastrophen ihrer Vergangenheit wirklich überzeugend aufzuarbeiten. Man kann aber nicht einfach ungebrochen über Wege zum Kommunismus diskutieren, wenn dessen Scheitern die Erfahrung der Gegenwart bestimmt. Das allerdings bedeutet, dass sie für die Zukunft wahrscheinlich sehr schlecht gerüstet sein wird. Und um den Kreis zu schließen: Die negative Dialektik, wird sicher nicht die Lösung bringen.

      • @Christian

        Ich würde folgendes vorschlagen:
        Lies doch mal folgendes Buch:
        Rolf Oerter / Leo Montada (Hrsg.)
        Entwicklungspsychologie

        Das Werk ist wohl d a s Standartwerk in Deutschland bezüglich Entwicklungspsycholgoe. Hat momentan knapp 1200 Seiten und ca. 80 Seiten Literaturverzeichnis und ich schätze, da sind mindestens 1600 Bücher aufgelistet im Kontext der Entwicklungspsycholgoie. Ich denke, in diesem Buch wirst Du nur marginal etwas von Butler und Foucault und den Ethnomethodolgen lesen: Sie alle sehr empirisch und positivistisch orientiert.
        Nachfolgend übrigens das Inhaltsverzeichnis dieses Buches:

        http://www.beltz.de/fileadmin/beltz/inhaltsverzeichnisse/978-3-621-27607-8.pdf

        Wenn Du dieses Buch liest, dann bist Du auf der sicheren Seite, was heute in etwa der Wissenstand in der Entwicklungspsychologie ist.
        Du musst aber in Betracht ziehen, mit der Entwicklungspsychologie bist Du eigentlich noch auf der intrapersonellen Ebene: klar, die geht natürlich darüber hinaus auf die Mikroebene (Interaktionen) und Mesoebene (Institutionen). Was sie aber ganz sicherlich nicht abedeckt, ist Makroebene (historisch politökonomische Prozesse) und die Repräsentationsebene (kulturelle Hegemonie und hegemoniale symbolische Ordnung).

        Deshalb würde ich Dir als Ergänzung zum Oerter/Montada das Buch von Böhnisch: Pädagogische Soziologie. Eine Einführung empfehlen, da wirst Du eine Reihe von soziologischen Konzepte kennenlernen, die für eine Sozialisationsforschung auch zentral sind. Und wenn Du dann noch den Schnauf hast, dann lese eben von Böhnisch et al. das Buch „Sozialisation uznd Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne“.

        Ja, ich denke, wenn ich den Oerter/Montada auch wieder mal lese, sind wir in etwa auf dem gleichen Wissensstand und können doch mal frisch los diskutieren! 🙂

    • @ Itsme

      Wie immer ein interessanter Beitrag.

      Die Kritik an Adornos und Horkheimers Kulturpessimismus ist sicherlich berechtigt, andererseits finde ich, dass ihr Pessimismus in der „Dialektik der Aufklärung“ innerhalb des gegebenen historischen und sozialen Kontextes psychologisch durchaus nachvollziehbar war. Da sollte man nicht zu streng urteilen.

      Adornos „Negative Dialektik“ taugt nichts für eine konstruktive linke Kritik und Praxis, das hast Du schön herausgearbeitet. Ich halte von diesem Werk auch nicht viel, aber man sollte Adorno m.E. auch nicht auf dieses Werk reduzieren.

      Breivik halte ich in psychodynamischer Hinsicht für einen malignen Narzissten. Leute von diesem Persönlichkeitsschlag tendieren, wenn sie zumindest das intellektuelle Level des Halbgebildeten erreichen, häufig dazu sich irgendeine Ideologie zu suchen, die ihnen zur Rationalisierung ihrer eigenen Destruktivität dient. Bleibt die Frage, ob eine andere Ideologie als die konservative anti-kulturmarxistische Verschwörungstheorie vielleicht weniger Opfer gefordert hätte. Das kann niemand wissen, aber zum Gewalttäter geworden wäre Breivik vermutlich so oder so, mit dieser oder einer anderen Ideologie.

      De Benoists neurechte Ideologie ist mit dem klassischen Marxismus und Anarchismus und auch mit den meisten neo-marxistischen Strömungen unvereinbar. Allerdings überschneidet sich seine Ideologie mit Theoriefragmenten des Poststrukturalismus und auch – wiewohl das
      erstmal abwegig erscheint – des Multikulturalismus, insbesondere was den zugrundeliegenden Werterelativismus angeht.. Das sollte Anhängern des Poststrukturalismus und des Multikulturalismus zu denken geben.

      „Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass es dann nicht nur zu einem Pseudo-Backlash kommt, sondern, dass dann wirkliche rechtsgerichtete Kräfte die Richtung auf einer fundamentaleren kulturellen Ebene bestimmen. Und das wäre sicher nicht gut.“

      Wenn es nur um den vorherrschenden Feminismus geht, glaube ich das eher nicht, das ist nur ein Aspekt innerhalb des zeitgenössischen hegemonialen Diskursgesamtzusammenhangs. Die Komplexität der Einflussfaktoren ist hier zu vielfältig als dass es meiner Einschätzung nach möglich wäre hier ein begründetes Risiko zu diagnostizieren.

      Wenn Feminismuskritik aber eingebettet wird in eine umfassendere rechte Ideologie, wie eben z.B. der „Anti-Kultur-Marxismus-Diskurs“, dann besteht das Risiko einer kulturellen Regression, falls dieser Diskurs zu starken Einfluss gewinnen würde. Eine Kritik am heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus ist unvermeidbar, weil dieser inzwischen zu viele negative Effekte produziert, unter denen Menschen real leiden, (was nicht heißt, dass alle männlichen Benachteiligungen vom Feminismus herrühren würden oder dass alle Formen des Feminismus schlecht wären). Der vorherrschende Feminismus (Radikal-,Gender- und Staatsfeminismus) gerät zwangsläufig und berechtigt in die Kritik – umso wichtiger ist es, dass diese Kritik nicht vorrangig von reaktionären Kräften getragen und instrumentalisiert wird.
      Daher wird der linke Maskulismus von mir ja auch explizit unterstützt. Man darf reale soziale Probleme nicht den regressiven Kräften überlassen.

      „Was mich persönlich sehr nachdenklich stimmt ist, dass die Linke es in den letzten 20 Jahren nicht geschafft hat, die Katastrophen ihrer Vergangenheit wirklich überzeugend aufzuarbeiten.“

      Ich bin hier anderer Meinung. In denjenigen sozialistischen Strömungen, die ich als positiv beurteile – also die freiheitlich-basisdemokratischen Strömungen – wurden diese Katastrophen aufgearbeitet, und zwar von Anfang an. Was haben libertäre Sozialisten, Syndikalisten oder Rätekommunisten mit Lenin, Trotzki, Stalin und Mao zu schaffen? Historisch betrachtet waren diese beiden Richtungen (freiheitlicher und autoritärer Sozialismus) Todfeinde. Auch viele zeitgenössische neo-marxistische Strömungen haben gegenüber dem Marxismus-Leninismus eine ausschließlich feindliche Haltung und haben sich in ihren Gesellschaftsmodellen basisdemokratische Entwürfe zu eigen gemacht.

      Ich halte das humanitäre Scheitern des real existierenden Sozialismus/Staatskapitalismus bzw. seine Regression in die Barbarei für ein relativ banales Phänomen, dass keiner besonders komplexen Erklärungen bedarf:

      Eine Parteidiktatur zieht zwangsläufig Machtmissbrauch nach sich. Bei zusätzlicher Verstaatlichung der Produktionsmittel vergrößert sich das Potential zum Machtmissbrauch. Gelangt außerdem noch eine sadistische oder psychopathische Führungspersönlichkeit an die Macht und wird dann auf Grundlage der genannten Faktoren die Modernisierung einer prämodernen Gesellschaft durchgepeitscht, dann werden sich die Leichenberge nur so häufen.

      Was ist daran besonders erklärungsbedürftig? Was ist daran spezifisch sozialistisch?
      Bei Vorhandensein einer Diktatur auf religiöser Grundlage, wäre es beim Gleichbleiben aller genannten Faktoren wahrscheinlich nicht anders gelaufen. Es sind m.E. banale soziologische und psychologische Mechanismen, die dahinter stehen, nichts besonders Komplexes oder schwer Begreifliches, schon gar nichts Ideologisches. Das Böse ist banal – und in der Regel einfach zu verstehen.

      Schon gar nicht ist der real existierende Sozialismus/Staatskapitalismus irgendein Argument gegen die Idee signifikanter Auswirkungen soziologischer Einflüsse auf den Menschen.
      Das Sein bestimmt das Bewusstsein – dieser Satz wurde durch die Katastrophen des sogenannten real existierenden Sozialismus (in Wahrheit Staatskapitalismus) voll und ganz bestätigt. Jede Diktatur bringt zwangsläufig durch ihre soziologische Struktur eine Spaltung in Herrschende und Beherrschte mit entsprechenden Mentalitäten hervor – und daraus ergibt sich der ganze Rest. Der Realsozialismus/ Staatskapitalismus ist alles andere als ein gescheitertes Erziehungsexperiment (nicht dass ich von Erziehung irgendetwas halten würde, ich verabscheue jede Erziehung) sondern zeigt nur in prägnanter Weise, welche Auswirkungen spezifische soziologische Strukturen auf Mentalitäten und Verhaltensweisen haben.
      Woraus man lernen sollte solche Strukturen unbedingt zu vermeiden. Das aber war von Anfang klar, zumindest in den freiheitlichen Strömungen des Sozialismus. Vor einer Parteidiktatur im Namen des Sozialismus und deren katastrophaler potentieller Folgen ist doch schon in der 1. Internationale noch und nöcher gewarnt worden.

      • Tja, schade, ich hatte auch eine interessante Antwort geschrieben, leider ist mein Browser abgestürzt und die Antwort ist weg 😀

        Daher nochmal etwas kürzer: Ich bin etwas skeptischer, dass man das so einfach trennen kann. Immerhin sagen die Trotzkisten ja auch immer: Wir sind die Todfeinde der Stalinisten! In gewisser Weise sind sie das, in gewisser Weise aber auch nicht. Was mich fasziniert ist, wie Emanzipationsversuche an sich selbst scheitern und entweder kollabieren oder sich in neue Herrschaft transformieren. Gerade versuche ich ein wenig zur Entstehung der Ming-Dynastie in China um 1350 und ihren Hintergründen in der Rebellion der roten Turbane und der Sekte des weißen Lotus in Erfahrung zu bringen. Der weiße Lotus ist um etwa 1150 entstanden und hat offenbar ideologische Formen hervorgebracht, die den christlichen Bewegungen in Europa zur selben Zeit recht ähnlich sind (z.B. der Prophezeiung des nahenden Zeitalters des heiligen Geistes bei Joachim von Fiore).

        Foucault hat ja mal den Marxismus, m.E. sehr treffend, als ein Spiel der Macht zwischen einer bestimmten Machtkonstellation und einem prophetischen Wissen beschrieben, was diese Machtkonstellation verschleiert. Das findet sich in der Menschheitsgeschichte immer und immer wieder, wobei der Inhalt des prophetischen Wissens geradezu beliebig ist (eigentlich jede Religion kann dafür gekapert werden) und die Form sich tendenziell bis in 20. Jahrhundert säkularisiert. Ich denke auch, wenn man Stalin aufmerksam liest, wird man so etwas wie eine offene, wenn gleich materialistische Resakralisierung des Marxismus finden können, die aber vorher schon angelegt war. Das alles lässt sich schwer erklären, wenn man von Staatskapitalismus und bürokratischer Herrschaft als primärem Phänomen ausgeht. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund einer rein bürokratisch-ökonomischen Betrachtung sind der große Terror und die Kulturrevolution seltsam irrational.

        Interessant ist übrigens auch die Polemik von Marx und Engels gegen Bakunin und Netschajew, die nämlich zeigt, dass auch der Anarchismus sich solch prophetischen Wissens bedient und das genau die Konfrontation damit für Marx und Engels offenbar eine Art intellektueller Schock war, die ein etwas irrationales und aggressives Verhalten bei den beiden hervorgerufen hat. Wenn man sich die Ordnung der Gesellschaft ansieht, die sich Netschajew ausgedacht hat und die Marx und Engels dann als „Kasernenkommunismus“ bezeichnet haben, dann ähnelt das sehr einer monastischen Ordnung. Wenn man sich darüber hinaus ansieht, dass eine Geheimgesellschaft gegründet werden soll, eine Art Orden der Revolutionäre, die als Präfiguration der kommenden egalitären Gesellschaft funktioniert, dann erinnert das sehr an den weißen Lotus und Joachim von Fiore. Einzig die Propaganda der Tat ist neu, weil man im Mittelalter noch auf die Intervention des heiligen Geistes bzw. die Wiedergeburt des erleuchteten Buddhas setzte. Ich denke daher, dass zwar Bakunin gegen Marx Recht behalten hat, dass aber auch die Kritik an den autoritären Formen des Anarchismus durch Marx und Engels sehr wichtig bleibt. Selbstverständlich weiß ich, dass es auch ganz andere Formen von Anarchismus gibt, aber es gab auch im Mittelalter schon ganz anderen Formen von Laienbewegungen, die gerade nicht auf solche Formen von Prophetie einer zukünftigen Gesellschaft zurückgegriffen haben.

        Folglich glaube ich nun auch, dass es da einiges aufzuklären gäbe, was bisher nicht in hinreichendem Maße aufgearbeitet worden ist. Für mich stellt sich insbesondere diese Frage: Ist es möglich, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem diese Form von prophetischer Emanzipation an ihr absolutes historisches Ende gelangt ist bzw. gelangt? Immerhin hatte sie ja auch einen historischen Anfang, und mir wäre nicht bekannt, dass in der Frühgeschichte so etwas bereits existiert hätte. Wenn man das aber bejaht, dann stelle ich fest, dass große Teile der Linken nach wie vor ihre Zeit mit überflüssigen Versuchen verschwenden die Vergangenheit wiederzubeleben.

      • @ Itsme

        „Tja, schade, ich hatte auch eine interessante Antwort geschrieben, leider ist mein Browser abgestürzt und die Antwort ist weg.“

        Das finde ich auch schade.

        „Daher nochmal etwas kürzer: Ich bin etwas skeptischer, dass man das so einfach trennen kann. Immerhin sagen die Trotzkisten ja auch immer: Wir sind die Todfeinde der Stalinisten! In gewisser Weise sind sie das, in gewisser Weise aber auch nicht.“

        Eben. Wichtig ist aber die spezifische Dimension, in der sie es sind und in der nicht. Sie sind es NICHT in Bezug auf autoritäre, hierarchische, zentralistische Organisationsstrukturen. Da besteht zwischen Trotzkisten und Stalinisten beste Gemeinsamkeit. Sie sind Todfeinde in zweitrangigen ideologischen Fragen und im Hinblick auf historische Konflikte.

        „Ich denke auch, wenn man Stalin aufmerksam liest, wird man so etwas wie eine offene, wenn gleich materialistische Resakralisierung des Marxismus finden können, die aber vorher schon angelegt war. Das alles lässt sich schwer erklären, wenn man von Staatskapitalismus und bürokratischer Herrschaft als primärem Phänomen ausgeht. Im Gegenteil, vor dem Hintergrund einer rein bürokratisch-ökonomischen Betrachtung sind der große Terror und die Kulturrevolution seltsam irrational.“

        Ich wollte terroristische Phänomene, die von diesen Regimen ausgingen, auch nicht auf rein-bürokratisch-ökonomische Ursachen reduzieren. Es kommt eine psychologische Dimension hinzu: der Umstand, dass Diktaturen einerseits die Entstehung von Größenwahn bei den Herrschenden begünstigen, andererseits dass größenwahnsinnige Personen nicht selten eine starke Neigung besitzen hohe Machpositionen anzustreben. Die „irrationalen“ Aspekte der Verbrechen solcher Regime sind nicht selten das Resultat der persönlichen Pathologien der Machthaber. Aber auch hier gilt: Ohne das Vorhandensein autoritärer Organisationsstrukturen und demokratisch unkontrollierter Machtkonzentrationen könnten solche Personen erst gar nicht in hohe Machtpositionen gelangen. Die psychologische Dimension ist nicht unwichtig, aber gegenüber der soziologischen sekundär.

        „Interessant ist übrigens auch die Polemik von Marx und Engels gegen Bakunin und Netschajew, die nämlich zeigt, dass auch der Anarchismus sich solch prophetischen Wissens bedient und das genau die Konfrontation damit für Marx und Engels offenbar eine Art intellektueller Schock war, die ein etwas irrationales und aggressives Verhalten bei den beiden hervorgerufen hat.“

        Nein, sie haben sich gefreut Bakunin etwas Negatives anhängen zu können. Irrational aggressiv gegen ihre anarchistischen Konkurrenten waren sie immer. Marx war auf privater Ebene, gelinde gesagt, ein schwieriger Mensch.

        „Wenn man sich die Ordnung der Gesellschaft ansieht, die sich Netschajew ausgedacht hat und die Marx und Engels dann als “Kasernenkommunismus” bezeichnet haben, dann ähnelt das sehr einer monastischen Ordnung. Wenn man sich darüber hinaus ansieht, dass eine Geheimgesellschaft gegründet werden soll, eine Art Orden der Revolutionäre, die als Präfiguration der kommenden egalitären Gesellschaft funktioniert, dann erinnert das sehr an den weißen Lotus und Joachim von Fiore. Einzig die Propaganda der Tat ist neu, weil man im Mittelalter noch auf die Intervention des heiligen Geistes bzw. die Wiedergeburt des erleuchteten Buddhas setzte.“

        Netschajew war kein Anarchist. Er kann berechtigt als Prä-Leninist charakterisiert werden. Seine autoritäre, faschistoide, amoralische Ideologie ist mit dem Anarchismus völlig inkompatibel. Dass Bakunin eine kurze Zeit auf diesen jungen hochmanipulativen Fanatiker hereingefallen ist, dessen menschenverachtende Auswürfe großzügig übersah und ihn förderte, weil er in ihm den Prototyp eines dem Volke ergebenen leidenschaftlichen Revolutionärs erblicken WOLLTE, das kann nur als schweres intellektuelles und moralisches Versagen Bakunins gewertet werden. Man kann die Netschajew-Affäre aber auch günstiger (im Sinne Bakunins) als letztendlich erfolgreichen Lernprozess über revolutionäre Moral interpretieren.

        Netschajews Ideologie stand von Anfang in gravierendem Gegensatz zu den Prinzipien, die Bakunin sein Leben lang verfochten hat. Lediglich das Faible für revolutionäre Geheimgesellschaften hatten sie gemeinsam. Es gelang Netschajew kurzfristig durchaus eine dunkle Seite in Bakunin anzusprechen und erfolgreich zu aktivieren. Da gibt es nichts zu entschuldigen, Bakunin hätte den gravierenden Widerspruch zwischen Netschajews revolutionärem Antihumanismus und seinen eigenen anarchistischen Prinzipien deutlich erkennen und ernst nehmen müssen. Ich könnte die psychologischen und ideologischen Hintergründe dieser Sache jetzt lang und breit erklären, aber aus Zeitgründe versuche ich mich kurz zu fassen, ich möchte hier ja keine Bakunin-Psychoanalyse verfassen.

        Eine entscheidende Sache erwähnst Du nicht, aber die ist wichtig für die Beurteilung: Nachdem Bakunin Netschajew endlich durchschaut und sich von ihm losgesagt hatte, hatte Bakunin ein weitaus stärker ausgeprägtes Bewusstsein über die Wichtigkeit der humanistischen Grundlagen des libertären Sozialismus als zuvor und wendete sich fortan konsequent gegen die „jesuitische Moral“, (wie Bakunin es nannte), die von Netschajew propagiert wurde. Da Bakunin im Zuge der Netschajew-Affäre mit seinen eigenen Schattenseiten konfrontiert wurde, vermochte er im folgenden auch bewusster mit diesen umzugehen und verfiel der Versuchung der Macht und Amoral kein zweites Mal.

        Bakunin ging als reiferer Mensch aus dieser Affäre hervor, die Amoral des rein zweckrational agierenden Revolutionärs war für ihn fortan konterrevolutionär, der Anarchismus wurde nun umso stärker als unvereinbarer Gegensatz zu den „prä-leninistischen“ Lehren Netschajews aufgefasst. In den folgenden Generationen von Anarchisten galt die Bezeichnung „Netschajewismus“ daher auch als schwerer Tadel.

        „Ich denke daher, dass zwar Bakunin gegen Marx Recht behalten hat, dass aber auch die Kritik an den autoritären Formen des Anarchismus durch Marx und Engels sehr wichtig bleibt.“

        Nein, denn die Netschajew-Affäre repräsentiert einen wichtigen Lernprozess über revolutionäre Moral innerhalb des Anarchismus selbst, der erfolgreich bewältigt wurde. Marx und Engels haben keinen vergleichbaren Lernprozess durchgemacht. Lenin erst recht nicht. Leider.

        „Folglich glaube ich nun auch, dass es da einiges aufzuklären gäbe, was bisher nicht in hinreichendem Maße aufgearbeitet worden ist. Für mich stellt sich insbesondere diese Frage: Ist es möglich, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem diese Form von prophetischer Emanzipation an ihr absolutes historisches Ende gelangt ist bzw. gelangt? Immerhin hatte sie ja auch einen historischen Anfang, und mir wäre nicht bekannt, dass in der Frühgeschichte so etwas bereits existiert hätte. Wenn man das aber bejaht, dann stelle ich fest, dass große Teile der Linken nach wie vor ihre Zeit mit überflüssigen Versuchen verschwenden die Vergangenheit wiederzubeleben.“

        Ich denke, Du müsstest den von Dir postulierten prophetischen Aspekt mal etwas konkreter beschreiben und definieren. Was ist damit genau gemeint? Warum steht dieser prophetische Aspekt im Zusammenhang mit dem Scheitern emanzipatorischer Projekte und begünstigt Terror? Warum ist es wichtig, diesen prophetischen Aspekt in die Analyse der Ursachen des humanitären Versagens des Realsozialismus einzubeziehen? Wie kann man diesen prophetischen Aspekt erkennen und gegebenenfalls aus einer emanzipatorischen Bewegung eliminieren?

      • Einige Bemerkungen:

        1) Das mit dem prophetischen Charakter finde ich hat Foucault in aller Kürze sehr schön in einem Satz auf den Punkt gebracht, in seinem Interview „Commet se débarrasser du marxisme“ (Wie entledigt man sich des Marxismus):

        Son discours est une science prophétique qui diffuse une force coercitive sur une certaine vérité, non seulement en direction du passé, mais vers l’avenir de l’humanité. En d’autres termes, ce qui est important, c’est que l’historicité et le caractère prophétique fonctionnent comme des forces coercitives concernant la vérité.

        Übersetzung: Sein Diskurs ist eine prophetische Wissenschaft, die eine bestimmte Zwangsgewalt über eine bestimmte Wahrheit verteilt, nicht allein in Richtung auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft der Menschheit. Anders gesagt, das was wichtig ist, ist, dass die Geschichtlichkeit und der prophetische Charakter als eine Zwangsgewalt in Bezug auf die Wahrheit funktionieren.

        Quelle: http://1libertaire.free.fr/MFoucault332.html

        Wichtig ist eben: In Richtung der Zukunft. Emanzipation im Sinne des Marxismus ist eine Art Schließung der Zukunft. Insofern wird verständlich, warum sich bei Lenin eine Vorstellung von Spontaneität als Ausdruck einer historischen Notwendigkeit, die durch eine Avantgarde bewusst organisiert werden muss, und schließlich bei Stalin die Partei als Hüter des Wissens über die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte entwickeln konnten. In der Prophetie ist die Zukunft ja schon vorgezeichnet, und sie bekommt sogar noch einen Namen: Kommunismus. Man muss sie lediglich zur Ankunft zwingen. Foucault sagt deswegen auch, dass der Marxismus „existe comme la cause de l’appauvrissement, le dessèchement de l’imagination politique“ – also als Ursache der Verarmung und Austrocknung des politischen Vorstellungsvermögens. Man kann sich das vielleicht so klar machen: Marxisten/Kommunisten in diesem Sinn können zwar sagen: Eine andere Welt ist möglich. Nämlich anders als „der Kapitalismus“, „das Bestehende“ etc.. Sie haben allerdings Schwierigkeiten sich vorzustellen, dass auch dann noch eine andere Welt möglich ist, wenn wir schon im Kommunismus wären. Komisch eigentlich, denn dann wäre ja der Kommunismus „das Bestehende“. Man sollte meinen, dass man sich immer vorstellen kann, das etwas anderes als „das Bestehende“ möglich ist. Aber im Kommunismus sind natürlich alle so glücklich, dass sie der Phantasie offenbar nicht mehr bedürfen. Interessant bei Foucault ist auch noch (das ganze Interview lohnt sich sehr), dass er nun sehr wohl zwischen Marx und dem Marxismus trennt; er meint nur – und das teile ich – dass es notwendig ist eine Art völlige Freiheit im Umgang mit Marx zu entwickeln. Und die hat man nicht, so lange man eine Prophetie der eigenen Befreiung in Marx zu finden glaubt.

        2) Du hast bislang folgende Analyseebenen des Stalinismus vorgeschlagen, scheint mir: (Individual-)Psychologisch, soziologisch, ökonomisch. Wenn Du so magst besteht der Unterscheid zu mir darin, dass mich die theologische Dimension interessiert. Um das in einer chinesischen Metapher zu sagen: Mich interessiert, wie die Kommunisten das Mandat des Himmels errungen haben. Wenn gleich das natürlich wirklich nur noch eine Metapher ist, insofern der Himmel, selbst atheistisch geworden, Teil der weltlichen Geschichte geworden ist. Genauer gesagt, ihrer Zukunft. Ich bin dabei sicher nicht der erste, der sich dafür interessiert; neben Foucault, der in dem Interview oben den Vergleich zu einem monastischen Ordnen zieht, das m.W. aber nie systematisch in seine Analysen der Pastoralmacht und diesen ganzen Komplex eingefügt hat, gibt es schon recht früh die Stalinbiographie von Boris Souvarine, der auf den theologischen Charakter von Stalins Reden aufmerksam geworden war. Weiter könnte man noch Raymond Aron (Das Opium der Intellektuellen), Erich Voegelin (Die politischen Religionen, Die neue Wissenschaft der Politik) und den konservativen französischen Historiker Alain Besançon (Les Origines intellectuelles du léninisme) nennen. Insgesamt ist es hier sehr bedauerlich, aber leider auch verständlich, dass es von linker Seite meines Wissens keine derart ernsthaften Versuche der Selbsterkenntnis über die Grenzen der eigenen Vorstellung von „Emanzipation“ gibt – also muss man sich durch die „Konservativen“ durchlesen, um zu erkennen, wie tief das Problem eigentlich liegt, ohne sich dabei zum Konservativismus bekehren zu lassen. Von linker Seite findet man eigentlich nur etwas, was man mit den retrospektiven fiktiven Ahnentafeln mancher Kaiser vergleichen könnte: Eine retrospektive Erhebung in den Adelsstand der eigenen „Vorgänger“. Ernst Bloch z.B. hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Avicenna und die aristotelische Linke“. Das Buch ist sehr interessant und sehr lesenswert, aber die der Titel ist natürlich totaler Unsinn. Dabei wird nämlich vergessen, dass die Trias Links-Liberal-Konservativ selbst ein Effekt des historischen Bewusstseins ist, das durch die französische Revolution erst entstanden ist.

        3) Wie kann man solche Formen von politischem Bewusstsein vermeiden? Nun, es gibt interessanterweise unter den ganzen Laienbewegungen des Mittelalters ein paar, die sich nicht darauf spezialisiert haben, das Reich Gottes zur Ankunft zu bringen. Weil sie nämlich der Auffassung waren, dass sie selbst und ihre Gemeinschaft in Gott lebten. Zum Beispiel die sog. „Brüder und Schwestern des freien Geistes“. Diese hatten auch einen gewissen Einfluss auf intellektuelle Kreise im Dominikanerordner; Meister Eckhart und sein Schüler Heinrich Seuse standen bspw. im Verdacht ihnen intellektuell nahe zu stehen. Was dann zu entsprechenden Abgrenzungen geführt hat, weil sie natürlich Verfolgung von Seiten der Kirche fürchten mussten.

        http://en.wikipedia.org/wiki/Brethren_of_the_Free_Spirit

        Ich denke es gibt einen guten Indikator dafür, wie frei eine bestimmte Bewegung ist: Ist es möglich intern (die Aussendarstellung ist natürlich etwas wesentlich anderes, da sich jede Bewegung hier mit einer bestimmten Vorsicht versehen muss) das eigene Selbstverständnis grundsätzlich in Frage zu stellen. Im Fall des Marxismus: Lässt sich beispielsweise die Frage intern offen diskutieren, ob die marxsche Werttheorie und mit ihr die These, dass der Kapitalismus auf Ausbeutung beruht wahr oder falsch ist? Ein gutes Indiz dagegen dafür, dass es sich um eine Bewegung handelt, der man nur mit großer innerer Skepsis angehören sollte, ist wenn sie ständig Sätze produziert wie: „Wir wissen, dass der Kapitalismus auf Ausbeutung beruht, und daher…“. Oder wie Lenin mal gesagt hat: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“ Damit hat der Prozess der Kanonisierung bereits begonnen.

        4) Das mit Netschajew und Bakunin habe ich nicht erwähnt, weil ich es bisher nicht wusste. Ich wusste zwar, dass Bakunin sich mit Netschajew überworfen hatte, allerdings nicht, was für Konsequenzen er für sich selbst daraus gezogen hat. Allerdings muss ich natürlich zu der sog. jesuitischen Moral noch etwas sagen. Die Auffassung, dass der Zweck die Mittel heiligt ist keineswegs beschränkt auf irgendwelche Jesuiten. Sie findet sich bei Hegel, der sie für eine triviale Einsicht hält, allerdings darauf hinweist, dass es eben darauf ankommt zu fragen, welcher Zweck heilig ist. Und interessanterweise auch bei Kant, quasi als eine logische Konsequenz der kantischen Handlungstheorie: Dass man nämlich, wenn man einen Zweck will, auch notwendigerweise die für den Zweck passenden Mittel wollen muss. Kant würde sagen: Es handelt sich dabei um ein analytisches Urteil a priori. Daher stellt sich für mich eher die Frage: Waren sich Bakunin und Netschajew eigentlich im Zweck einig? Hat sich bei Bakunin im Nachhinein eine Revision des Zweckes ergeben aus dem Fehler, den er gemacht hatte? Denn wenn man mal Netschajews Zweck als gegeben unterstellt: Die bestehenden Gesellschaft zu zerstören, um danach irgendwas unspezifisches Neues aufzubauen, dann stellt sich ja die Frage, wie man das Zerstören am effektivsten bewerkstelligen kann. Zugegebenermaßen war Netschajew über die direkte persönliche Ebene hinaus sehr ineffizient darin seine Pläne umzusetzen – wenn man sich schon in Kleingruppen gegenseitig umbringt, ist das sicherlich keine große revolutionäre Tat. Aber aus dem Scheitern kann man ja auch andere Konsequenzen ziehen als die „jesuitische Moral“ abzulehnen: Beispielsweise die konspirative Professionalisierung. Die Frage, welche Konsequenzen man zieht scheint mir daher von zwei Faktoren abzuhängen: Der eigenen inneren Konsequenz seine Handlungen mit den effektiven Mittel zu verbinden und der Wahl der Zwecke. War Bakunin also nur inkonsequent, als er die jesuitische Moral abgelehnt hat, oder war er mit Netschajew grundsätzlich im Ziel uneins?

        Diese Frage ist wichtig. Mir scheint nämlich, dass es bei den Anarchisten auch zwei Idealtypen gibt, die man vielleicht so beschreiben könnte: 1) Wir müssen die alte Gesellschaft abräumen, bevor wir eine neue bauen können; 2) Wir organisieren uns selbst nach den Prinzipien der gegenseitigen Hilfe und tun einfach so, als gebe es nur uns selbst. Und von daher gibt es auch immer eine gewisse Ambivalenz in Hinblick auf solche Phänomene wie den Individualterrorismus.

      • @ Itsme

        Verdammte Scheisse. Ich würde Dir jetzt gerne ausführlich auf Deinen lesenswerten Beitrag antworten. Es gäbe einiges dazu zu sagen. Aber ich bin gerade in zu starkem Stress im Zusammenhang mit Studium und Arbeit.

        Ich habe erst in der zweiten Juni-Woche ausreichend Zeit auf Deinen Beitrag einzugehen. Ich hoffe, das ist o.k. für Dich. Und dann folgt auch noch die ebenfalls noch ausstehende Antwort zu Deiner Frage nach der „Rationalen Hegemonie“, das hängt thematisch ohnehin zusammen.

        Ein Buchtipp: Der christliche Existenzphilosoph und Mystiker Nicolai Berdjajew behandelt das Thema der „theologischen“ Aspekte des Marxismus in seiner Schrift „Wahrheit und Lüge des Kommunismus“.

        Das, was Du „prophetischen Charakter“ nennst, ist vermutlich das gleiche, was ich in der Regel mit dem Begriff „mythologische Bewusstseinsstufe“ bezeichne, zumindest geht es in eine ähnliche Richtung.

        In drei Wochen mehr dazu.

        Bin übrigens gerade auf Cuncti von einem Anhänger der Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie beschimpft worden. 🙂

      • Bin übrigens gerade auf Cuncti von einem Anhänger der Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie beschimpft worden. 🙂

        Jau, na das ist aber mal eine „Kritik“.

        Ich will diesen dämlichen Schwachsinn keineswegs entschuldigen, aber ich sehe das als zwangsläufige Folge davon, dass sich „DieLinkeAvantgarde“ enttäuscht und beleidigt von ihrem Subjekt abgewandt hat, weil es nicht bereit war und ist, nach ihren Vorstellungen die WeltRevolution anzuzetteln.

        Sich lieber in Phrasen wie „wer die menschliche Gesellschaft will, muss die Männliche abschaffen“ ergeht als die Probleme gerade diejenigen Männer wahrzunehmen, für die das Leben ein ständiges haarscharfes Lavieren am Abgrund zum Prekariat ist.

        Die „Kritik“ am „Kulturmarxismus“ entbehrt nicht eines gewissen Kernes, wenn „die Linke“ vorherrschend z.B. „DieFrauen“ und „DieHomosexuellen“ (Marcuse) als „hoffnungsvolleres“ revolutionäres Subjekt ausguckt.

        Und damit nahtlos an uraltes („Bildungs-„)bürgerliches Ressentiment gegen die „ungehobelte Proll-Männlichkeit“ anschließt.

        Du bist da natürlich genau die falsche Adresse, schon klar.

      • @Leszek

        Ja, es gibt sicher eine Verbindung von Mythos und Prophetie. Aber nicht notwendigerweise. Wenn man Mythos so definiert wie Georges Sorel, nämlich als imaginäre Vorstellung seiner eigenen Situation und einer Projektion auf die Zukunft, dann gibt es sicher eine sehr deutliche Beziehung. Allerdings ist das natürlich nicht der einzige Begriff von Mythos, den man haben kann.

        Ansonsten, ja, 3 Wochen warten kann ich wohl.

        @Nick

        Die Kritik am Kulturmarxismus ist nur eben eine klassische Verschwörungstheorie, die mal wieder die dunklen Mächte hinter allem Bösen ausgemacht haben will. Eine klassische Überschätzung der Fähigkeit von Intellektuellen. Kein Intellektueller konstruiert eine langfristige soziale Bewegung. Auch länger angelegte Projekte wie etwa die Mont Pelerin Gesellschaft funktionieren eher so, dass sie eine Art strategische Handlungsfähigkeit vorbereiten, die in einer bestimmten Situation fähig ist diese Situation kurzfristig oder auch langfristig zu gestalten. Aber die Situation muss sich aus ihrer geschichtlichen Eigendynamik heraus ergeben: Machiavelli hätte gesagt, virtù und occasione müssen zueinander kommen. Verschwörungstheoretiker verstehen aber genau diesen Zusammenhang nicht.

        Aber ansonsten ist an Deiner Bemerkung durchaus was sehr wichtiges dran. Die Anfälligkeit gerade für diese Form von Verschwörungstheorie wächst natürlich auf dem Boden, den die politische Linke hinterlässt. Und das ist ein Problem, das, wie ich oben schon einmal geschrieben habe, auch durchaus von einigen linken Denkern erkannt worden ist.

      • Ja, der konservative Kulturmarxismus-Diskurs ist eine triviale Verschwörungstheorie. Weder kann eine Gruppe von Intellektuellen soziale Bewegungen initiieren, noch haben die linken Theoretiker, die hier ohne nähere Kenntnis ihres Werkes angegriffen werden, sich die „Politische Korrektheit“ ausgedacht, (sie hätten über einen solchen regressiven Schwachsinn wie Politische Korrektheit vermutlich nur verärgert den Kopf geschüttelt), noch existieren irgendwelche neo-marxistischen Grüppchen, die darüber nachsinnen, wie sie die westliche Zivilisation zerstören könnten.

        Dass die Linke sich auch anderen Themen widmet als NUR dem Klassenkampf halte ich für richtig. Dass ein größerer Teil der Linken den Klassenkampf verworfen hat, war hingegen ein gravierender Fehler – diese Kritik an Teilen der Linken wird von mir geteilt.

        Es ist leicht zu erkennen, wie sehr die „Politische Korrektheit“ der Linken geschadet hat, zu ihrer Regression beigetragen hat und sie für die herrschende Klasse immer ungefährlicher gemacht hat.

        Irgendwelche pseudo-intellektuellen Schwachköpfe, die nichts besseres mit ihrer Zeit anzufangen wissen, als dem Rest der Bevölkerung mit bescheuerten Sprachumerziehungsexperimenten auf die Nerven zu fallen, das ist die Sorte „kritischer“ Intellektueller mit der die herrschende Kapitalistenklasse gut leben kann.

        Ich spare mir den Spruch: Wenn es die Politische Korrektheit nicht geben würde, müsste die herrschenden Kapitalistenklasse sie erfinden.
        Würde der Political Correctness-Diskurs nicht eine höchst sinnvolle Funktion für die herrschende Kapitalistenklasse erfüllen, dann wäre er nicht so stark gefördert worden.

        Politische Korrektheit ist konterrevolutionär und hat mit echter radikal-humanistischer Ethik nichts zu tun.

        Trotzdem sollten heutige Linke sich m.E. auch bemühen die konservative Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie diskursiv zurückzuschlagen. Erstens, weil die Kulturmarxismus-Ideologie falsch ist, zweitens weil sie nur schädliche Auswirkungen haben kann.

        Auch die notwendige Kritik an der Politischen Korrektheit sollte nicht den regressiven gesellschaftlichen Kräften überlassen werden.
        Allein der Begriff „Kulturmarxismus“ ist ja schon eine Frechheit.

        Ich verwende die Bezeichnung „Kulturmarxist“ daher als Geusenwort zur Lächerlichmachung und diskursiven Zurückdrängung der entsprechenden konservativen Verschwörungstheorie.
        Personen, die tatsächlich von der Politischen Korrektheit verseucht sind, würden sich ohnehin nie „Kulturmarxisten“ nennen.

  1. „Die Gegentheorie wäre wohl,…“

    Das ist nicht die Gegentheorie.
    Die Frage ist doch vielmehr: nach welchen Mustern orientieren sich die Betroffenen, wenn sie sich entscheiden, männlich oder weiblich weiter zu leben. Diese Muster gibt ja nicht die Biologie vor, sondern entstehen in der Gesellschaft. Sie sind also meist künstlich und veränderbar.
    Man müßte also genauer aufschlüsseln, was unter dem Satz „70 bis 80 Prozent der Betroffenen leben nach der vollendeten Pubertät als Mann weiter. Die Wenigsten entsprechen in dem anerzogenen weiblichen Gesellschaftsbild“ exakt und anhand von Beispielen zu verstehen ist.

    • @Wolfgang Wenger

      „Das ist nicht die Gegentheorie.“

      Es ist zumindest eine der Gegentheorien. Butler und Cordelia Fine verwenden genau diesen Erklärungsansatz, wenn ich es richtig verstehe

      „Die Frage ist doch vielmehr: nach welchen Mustern orientieren sich die Betroffenen, wenn sie sich entscheiden, männlich oder weiblich weiter zu leben.“

      Man könnte bereits früher ansetzen: Orientieren sie sich an einem Muster oder ändert sich ein bestehendes Muster hin zu etwas ganz anderem?
      Bevor man von einer Orientierung (im Sinne einer zumindest unterbewusst aktiven Entscheidung) kommt, muss man erst noch über die Schwelle, ob die hormonelle Umstellung auch eine Umstellung des Verhaltens bewirkt.

      Es wäre jedenfalls schwer mit Theorien vereinbar, in denen wir einfach nur gelernte Regeln in der Kindheit für uns selbst als Verhalten verinnerlichen. Denn dann würde der Umschwung nicht mehr eintreten.
      Welche Erklärungen kommen denn noch in Betracht und was haben sie für Konsequenzen?

      Eine bewusste Entscheidung würde zunächst erst einmal bedeuten, dass wir wesentlich freier in unserer Wahl der Rollen wären.
      Eine Entscheidung auf den Druck der Gesellschaft hin würde erfordern, dass die körperliche Umstellung so stark sein müsste, dass neue gesellschaftliche Regeln gelten, was meiner Meinung nach aber nicht der Fall ist.
      Eine Hormonelle Umstellung würde bedeuten, dass auch postnatale Hormone noch erhebliche Auswirkungen haben und wäre aus der Sicht interessant.

      ich finde es sind interessante Fälle um (natürlich im Zusammenspiel mit anderen Konstellationen) bestimmte Erklärungen zu hinterfragen.

  2. „Man könnte bereits früher ansetzen: Orientieren sie sich an einem Muster oder ändert sich ein bestehendes Muster hin zu etwas ganz anderem?“

    Natürlich orientieren sie sich sowohl vor als auch nach der Pubertät an einem gesellschaftlichen Muster. Sonst könnte man ja nicht von einem männlichen oder weiblichen Verhalten sprechen. Sie sehen sich später eben in einer anderen Geschlechterrolle und verhalten sich entsprechend. Hier wird nichts ausgesagt, ob ein bestimmtes Verhalten hormonell bedingt ist.

    „Es wäre jedenfalls schwer mit Theorien vereinbar, in denen wir einfach nur gelernte Regeln in der Kindheit für uns selbst als Verhalten verinnerlichen. Denn dann würde der Umschwung nicht mehr eintreten.“

    Natürlich. Die Kinder verhalten sich immer entsprechend dem Geschlecht, mit dem sie sich indentifizieren. Erst weiblich, dann männlich. Sie haben das Verhaltensmuster der Gesellschaft übernommen.

    „Eine bewusste Entscheidung würde zunächst erst einmal bedeuten, dass wir wesentlich freier in unserer Wahl der Rollen wären.“

    Sind wir nicht. Wir orientieren uns (meist!) an den gesellschaftlichen Normen

    „Eine Entscheidung auf den Druck der Gesellschaft hin würde erfordern, dass die körperliche Umstellung so stark sein müsste, dass neue gesellschaftliche Regeln gelten, was meiner Meinung nach aber nicht der Fall ist.“

    Natürlich nicht. Es gibt keinen Druck der Gesellschaft (in DIESEM Fall). Die Kinder haben sich als Männer identifiziert und verhalten sich entsprechend. Freiwillig. Mit Alternativen (die 20-30 Prozent auch gewählt haben)

  3. @Leszek

    Zum Vorwurf, Böhnisch würde den Mann als Defizitwesen behandeln: Diesbezüglich schreibt er:

    „Diese bewältigungszentrierte Perspektive wird nicht nur die unterschiedlich sozialisatorisch wirksamen Schichten aufeinander beziehen und bündeln können; sie enthebt und auch in gewissem Masse des moralischen Dilemmas, in das der Jungen – und Männerdiskurs im Banne des feministischen Täterverdikts in die Lage von Defizitwesen rutschen lasse und nicht die Stärken heraushebe, die doch zweifellos auch hinter den skandalisierten emotionalen Schwächen und antisozialen Haltungen lägen. „Was Jungen verwehrt ist“ und was in ihnen an sozialer und emotionaler Produktivität steckt, sollte doch stärker in den Vordergrund gerückt werden. Reinhard Winter und Gunter Neubauer haben erst unlängst (2002) diese Thematik wieder aufgegriffen und in diesem Sinne ein „Balancemodell“ des Jungeseins – in der angewandten Perspektive der pädagogischen Jungenarbeit – vorgeschlagen (s.u.). Pädagogische Aufgabe sei es, Gelegenheiten zu schaffen, in denen Jungen auch zeigen können, dass sie anders sind als diskursläufig vorgegeben. Denn hinter dem gängigen männlichen Dominanzgebaren steckten auch alternative Verhaltenspotenziale, die eben meist nicht zum Zuge kämen. Dies enthebt uns aber keineswegs der sozialisatorischen Frage nach den Bedingungen des männlichen Aufwachsens, auf die eine solche Pädagogik stösst. Insofern trifft sich dieses pädagogische Modell mit dem Anliegen dieses Buches, die Ambivalenzen des Aufwachsens und der biografischen Entwicklung von Jungen und Männern im Lebenslauf aufzuschliessen und damit letztlich auch das pädagogische Verstehen ihrer Befindlichkeiten und Betroffenheiten zu befördern. Methodologisch bin ich deshalb konsequenterweise einer Perspektive kritischer Männerforschung verpflichtet, die das Widersprüchliche und darin eben auch das Dialektische in der gesellschaftlichen Situation von Jungen und Männern aufzuspüren vermag: Die Gleichzeitigkeit von Bedürftigkeit und Gewalt, von Täter- und Opfersein, von Dominanz und Verfügbarkeit – alles Themen, die diese „Männliche Sozialisation“ durchziehen. Diese kritische Perspektive sieht die Zukunft des Mannseins – vor allem wenn es um das Verhältnis zu den Frauen geht – nicht in den Bildern von Gewinnern und Verlierern, von neuen oder traditionellen Männern. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage, wie sich Männlichkeit und Maskulinität als psychosoziale Bewältigungskategorien und Mannsein als menschliches Wesensmoment in einer zunehmend sozial entbetteten und in dieser Abstraktion enthumanisierten Welt entsprechen human behaupten und entwickeln kann.“ (Böhnisch, Lothar 2004: Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Weinheim und München, S. 9 f).

    Ich würde also sagen: Für eine „l i n k e“ Männerrechtsbewegung ist Böhnisch ganz sicherlich eine glaubwürdige Option. Selbstverständlich muss man nicht alles gutheissen und gewisse Befunde (empirische) und Konzepte können kritisiert werden, aber die Grundprinzipien finde ich richtig.

    Habe nachfolgend noch ein paar Auszüge von Böhnisch: Ich denke, hier zeigt es sich sehr gut, was ja eigentlich eine „linke Männerrechtsbewegung“ auch möchte: Dort wo der Mann Opfer ist, dies auch thematisieren und nicht einfach weiterhin tabuisieren. Dort wo er Täter ist, wird geschaut, welche Mechanismen zu dem führen: Und hier haben wir eben nicht einfach das trivial gestrickte feministische Erklärungsmuster: Der Mann will Macht und Unterdrückung etc., sondern es ist eben mit ganz anderen Ursachen zu erklären.

    „Denn in ihrem Innersten spüren sich viele Männer als Opfer, nehmen aber gleichzeitig wahr, dass dieses Opfersein überhaupt keine gesellschaftliche Resonanz findet, verdeckt und damit verkannt bleibt. In einer grenzenlosen Wachstumsgesellschaft sind Männer zur Inkorporation grenzenloser Verfügbarkeit geworden. Diese Betroffenheit bricht immer wieder an der sozialen Oberfläche auf, so z.B., wenn Männer in Scheidungsverfahren um ihre Kinder unterliegen und sich in einem vorher nicht gekannten Spiegel der Ohnmacht und Bedürftigkeit erblicken. Bran van Stolk und Cas Wouters haben in einer der wenigen Untersuchungen, die sich mit dem Geschlechterverhältnis in sozialen Unterschichten, die sich mit dem Geschlecht befassen (1987) über von ihren Frauen verlassene Männer berichtet, wie sie sich als Opfer fühlen, aber keine psychischen und sozialen Anknüpfungspunkte für diese ihnen neue Befindlichkeit bei sich und in ihrer sozialen Umgebung finden können. (S. 141)

    Aus solchen Befunden wird deutlich, wie eine spezifische männliche Bedürftigkeit – als Ausdruck von nicht zugelassener Hilflosigkeit – entsteht und unter dem Druck steht, abgespalten werden zu müssen, da sie nicht öffentlich ist. So hat sich auch um die alarmierende Verstrickungsdynamik des sexuellen Missbrauchs und familialer Gewalt ein für Männer verhängnisvoller Verdeckungszusammenhang gebildet, der nur durch eine öffentliche Thematisierung aufgebrochen werden könnte. Eine solche wiederum aber würde – abgesehen von dem immer noch sakrosankten Täterverdikt, das die feministische Zunft erlassen hat – die Aufmerksamkeit auf die ökonomischen Fallen lenken, in der Männer immer wieder geraten. Die Männerfeindlichkeit und damit die Menschenfeindlichkeit eines hoch externalisierten Industriekapitalismus ist eben kein sozialkonstruktivistisch handhabbares Emanzipationsthema. (S. 141 f.)

    Männer als Opfer

    Die Liste ist deprimierend: Gewalttäter, die n ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben, die Gefängnisse voll mit Männern, missbrauchte Jungen, finales männliches Scheitern in unterschiedlichsten Lebenslagen, Selbstzerstörung von Jungen und Männern durch Männer, seelische Verletzungen, die „anders gepolten“ Jungen auch von Mädchen zugefügt werden.
    Dennoch bleiben Männer Täter, potentiell und aktuell. Der Täterstatus überformt das Opfersein. Man könnte auch formulieren: Männern ist es in unserer Gesellschaft verwehrt, darauf zu insistieren, dass sie Opfer sind. Tat und Täter gehören in der männlichen Definition so eng zusammen, sind in einem Zuschreibungsblock so miteinander verschmolzen, dass sie Männlichkeit – bis in den Alltag hinein – geradezu konstituieren. Nur so ist es zu erklären, dass feministische Etikettierungen wie „jeder Mann ist ein potentieller Täter“ höchstens die kritische Männerforschung beunruhigt haben. Sonst hat es niemanden ins Mark getroffen; Männer – so die landläufige Meinung – müssen ja zu allem fähig sein.
    An dieser Stelle wir deutlich, dass es in einer patriarchalischen Gesellschaft strukturell widersinnig scheint, von Männern als Opfern zu reden. Im Krieg sprach und spricht man von „Verlusten“, wenn von gefallenen Männern die Rede ist, die „Opfer“ sucht man bei den Frauen, Kindern und Alten in der Zivilbevölkerung.

    Die sozialen und kulturellen Schwierigkeiten, Jungen und Männer als Opfer zu sehen, zeigen sich geradezu exemplarisch am sexuellen Missbrauch von Jungen. Nicht nur, dass sich hier – im Kontrast zum sexuellen Missbrauch an Mädchen – kein öffentlicher Diskurs entwickelt hat und damit ein prekäres Dunkelfeld (die Schätzung schwanken zwischen 5 und 15 Prozent) entstanden ist; die betroffenen Jungen selbst scheuen sich noch stärker als die Mädchen, sich als Opfer sexuellen Missbrauchs zu outen; sie bagatellisieren ihn eher, spalten die Hilflosigkeit in der Gewalterfahrung ab und sind nicht selten den Tätern gegenüber loyal. Missbrauchte Jungen sind also doppelte Opfer: Zum einen Opfer des Missbrauchs selbst, zum anderen Opfer gesellschaftlicher Tabuisierung dieses Vergehens. Gestützt wird diese Tabuisierung durch bestimmte Mythen, die sich bis heute hartnäckig – auch in therapeutischen Kreisen – halten: Danach „schade“ den Jungen der sexuelle Missbrauch weniger als den Mädchen, da sie doch ganz unemotional damit umgehen könnten und – eher als die Mädchen – über die Gleichaltrigenclique davon loskämen. Dies zeige ja auch das rationale Verhalten vieler Strichjungen, kommt man da immer wieder zu hören. Und schliesslich seien es ja doch homosexuelle Männer, die sich an Jungen vergingen und deshalb sei der Täterkreis – das Problem – eingrenzbar. Dass heterosexuelle Männer Jungen in den Familien missbrauchen, wird auf diese Weise einfach plausible verdrängt (vgl. dazu Bange 2000).

    So ist es auch nicht verwunderlich, dass Therapeuten und Psychologen dieser gesellschaftlichen Tabuisierung aufsitzen oder sich scheuen daran zu rühren. Deshalb werden vergleichsweise wenig Hilfen für missbauchte Jungen angeboten. Das Objekt der Männerberatung ist der Täter und nicht das männliche Opfer. Das Tätertrauma, das der radikale Feminismus den Männerforschern und –therapeuten eingeimpft hat, schlägt so auf die männlichen Opfer zurück. Auch ist man wohl in der Männertherapie und –beratung daran gewöhnt, es mit Jungen und Männern zu tun zu haben, welche die männliche „Täterrolle“ verinnerlicht haben. Das heisst, auch Therapeuten haben ihr Männermodell, von dem sie ausgehen. In dieses Modell passt das Opfersein der missbrauchten Jungen nicht hinein. So kann es zu der paradoxen Konstellation kommen, dass selbst die Therapeuten den Jungen den Opferstatus absprechen, ähnlich wie in der Frauenberatung, wo Mädchen und Frauen nicht selten das Recht zur Aggressivität abgesprochen wird.

    Nichtsexuelle körperliche Gewalt von Männern gegen Männer kann dagegen ohne Weiteres auf das Dominanz- und Konkurrenzparadigma der Männergesellschaft zurückgeführt und so auch öffentlich thematisiert werden. Gerade aber diese Selbstverständlichkeit macht das Problem paradox. Wird beim sexuellen Missbrauch das Opfersein der betroffenen Jungen per Tabuisierung übergangen, so geschieht dies bei der Gewalt unter Jungen und Männern per öffentlichem, gesellschaftlichem Einvernehmen: Das Opferproblem wird einfach per Selbstverständlichkeit eskamotiert. Männer gehen untereinander „zur Sache“ (so pflegen die Fussballreporter auch die hässlichsten Fouls zu kommentieren). Dass vor allem auch junge unbeteiligte Männer Opfer von Gewalttaten sind, bleibt damit völlig aussen vor. Natürlich gibt es das Sonderproblem der rassistischen Gewalt. Aber dass die Opfer ausländischer Herkunft auch meistens Männer sind, scheint kaum jemandem aufzufallen.

    Unsere Gesellschaft bringt also Jungen und Männer nicht nur in verschärfte Konkurrenzbezüge, sie lässt sich auch unterbittlich die einen auf die anderen los. Die männliche Hilflosigkeit, so sie abgespalten und auf Schwächere projiziert werden kann, sucht sich immer mehr – öffentlich – Männer mit schwachen Attributen als Träger dieser Hilflosigkeit, die es – in sich – zu vernichten gilt.

    All dies zeigt, dass das Opferschicksal von Männern privat oder gar sozial geächtet bleibt. Männer als Opfer sind ihrem Schicksal überlassen, ihnen wird die Opferidentität gesellschaftlich doppelt verweigert: Zum einen ist ein sozial anerkannter männlicher Opferstatus nicht in die Dominanzkultur der linearen, externalisierten Wachstumsgesellschaft integrierbar – hier gibt es nur Gewinner und Verlierer, aber keine Opfer – zum anderen „braucht“ die feministische Bewegung das männliche Täterparadigma so lange, bis die Emanzipation der Frau gelungen ist, das heisst die männliche Dominanzkultur aufgelöst und Geschlechterhierarchien umgekehrt sind. Männer, wollen sie in dieser historisch hartnäckigen Zuschreibungsfalle handlungsfähig bleiben, müssen ihr Täter-Face aufsetzen, die Zuschreibung übernehmen, auch wenn das für sie selbstzerstörerisch wirken kann. Nur so ist es zu verstehen, dass bei Jungen und Männern Bedürftigkeit und Gewalt eng beieinander liegen.
    Da bleibt kein Platz für aufschliessende Begrifflichkeiten. Wer würde es in der Männerforschung unbedacht wagen, den Begriff der „Verfügbarkeit“, als den strategischen Begriff der Frauenforschung oder gar den der „Vereinbarkeit“ für die Aufklärung von Männerbefindlichkeiten und –schicksalen reklamieren zu wollen? Wenn Männerforscher mit solchen Begriffen operieren, dann tun sie es mit selbstverleugnerischen Vorbehalten, immer der Redaktion der Frauenforschung gewärtig, die ein infames Komplott argwöhnt: Die realen Männer nehmen den Frauen die Selbstständigkeit, die Männer der Männerforschung stehlen dem Frauendiskurs auch noch seine Schlüsselkategorien. (S. 144)

    Exkurs: Männerverspottung – der weiblich-kulturhegemoniale Blick auf den Mann

    Auf Grund dieser kulturellen Hegemonie der Frau, so kann man Keyserling weiter interpretieren, gib es auch in den USA ein Phänomen, das damals in Europa nicht bekannt war und das erst mit dem neueren europäischen Feminismus im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts Verbreitung gefunden hat: Die Definition und Klassifikation des Mannes durch die Frau. (S. 150)

    Gewalt und Bedürftigkeit – die dunkle Seite des Geschlechterverhältnisses

    Das Entwicklungsprinzip der industriekapitalistischen Gesellschaft, die Externalisierung als Überwindung der Abhängigkeit von Natur und Abstraktion von naturgegebener Hilflosigkeit kommt dem Mann, in den das Externalisierungsprinzip inkorporiert ist, entgegen. Männliche Gewalt als Bekämpfung der eigenen Hilflosigkeit gedeiht also in einer gesellschaftlichen Kultur der Unterdrückung von Hilflosigkeit, ihrer Abwertung und Überformung im Namen des externalisierten Fortschritts. Vielen Männern wird von ihrer Kindheit an – oft von den Eltern gar nicht so realisiert – die Angst eingeflösst, dass sie sich Gefühlen wie Hilflosigkeit und Schwäche nicht hingegen dürften, dass sie sie abspalten müssen. Das Konkurrenzsystem der industriekapitalistischen Arbeitsgesellschaft bietet ihnen die legalen Wege an, Hilflosigkeit von sich abzutrennen. Der illegale Weg der offenen Gewalt wird dann um so mehr gesellschaftlich angeprangert, je stärker bei den Menschen der Verdacht aufkeimt, dass das System selbst Gewalt – wenn auch strukturell verdeckt und nicht offen ausagiert – produziert. Die, die ausgeschlossen werden durch dieses System, die Ausgegrenzten und Überflüssigen, aber auch die, die den Alltagsdruck nicht mehr aushalten und zur Gewalt greifen, zeihen so die Ängste und Unsicherheiten der Durchschnittsbevölkerung auf sich, entlasten dadurch das System, indem sie von seiner gewalttätigen Struktur ablenken und den Massen das Gefühl geben, nicht nur besser als diese, sondern auch in der Normalität aufgehoben zu sein.
    So ist männliche Gewalt in ihren offenen Formen immer ein Kampf gegen die eigene Hilflosigkeit, ein Kampf gegen sich selbst. Das ändert nichts am Schicksal der Opfer dieser Gewalt und soll sie nicht aus dem Blick geraten lassen. Hier aber kommt es uns darauf an, zu zeigen, in welche ausweglose Lage gerade jene Männer geraten können, die biografisch keine Chance haben und hatten, mit der eigenen Hilflosigkeit selbstbezogen umzugehen, sie aussprechen und mitteilen zu können, ohne Angst haben zu müssen, zu verlieren oder gar unterzugehen. Vor allem aber muss immer wieder daran erinnert werden, dass die Gesellschaft die Ideologien für jene Abstraktionen liefert, die den Umschlag von Hilflosigkeit in offene Gewalt begünstigen. Dem Übel männlicher Gewalt kann deshalb erst dann an die Wurzel gegangen werden, wenn eine gesellschaftliche Kultur der Anerkennung von Hilflosigkeit um sich greifen kann. Dann erst ist die gesellschaftliche Voraussetzung dafür geschaffen, dass das Gegenüber konkret bleibt, dass gespürt werden kann, dass die Erkennung der eigenen Hilflosigkeit in Empathie und Verantwortung für andere münden kann.
    Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr abwegig, im Falle von männlicher Gewalt gleichzeitig von männlicher Bedürftigkeit zu spreche. Unter Bedürftigkeit verstehe ich einen leibseelischen Zwangszustand, in dem man sich nach etwas sehnt, das gleichzeitig verwehrt ist und – da dieser Zustand schwer aushaltbar ist – nach Entladung drängt. (S. 158)

    Dass männliche Gewalt sich auch und verbreitet an Männern auslässt und dass es damit auch männliche Opfer gibt, hat dem feministischen Diskurs schon immer zu schaffen gemacht. Erklärungen liefen dann vor allem in die Richtung, dass sich das gesellschaftlich gestützte Gewaltverhältnis der Geschlechterhierarchie über faktische Männergewalt gegen Frauen immer wieder neu konstituierte und symbolisiere, während sich die Gewalt selbst unter Männern reproduzieren müsse. Somit bliebe die männliche Gewalt gegen Frauen das primäre Problem, währen die Gewalt unter Männern – gleichsam als Grundstruktur ihrer gegenseitigen Verkehrsformen – eine Sache sei, die die Männer unter sich auszumachen hätten. Weder das Problem der Bedürftigkeit noch der nicht zugelassenen und nicht anerkannten „Opferseite“ des Mannseins (vgl. dazu Lenz 2000) – sei es in der Zurichtung durch externalisierenden Arbeitsdruck oder empathieverwehrende Konkurrenz – konnten so thematisiert werden. (S. 172) (Aus: Böhnisch Lothar 2003: Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang, Opladen)

    • @ Chomsky

      Ja, hört sich interessant an.

      Ich habe mir das in der Amazon-Leser-Rezension kritisierte Buch von Böhnisch kurzerhand mal besorgt. Wie ich Itsme gerade sagte, habe ich erst in drei Wochen wieder etwas mehr Zeit. Dann schaue ich mal rein.

    • @Chomsky

      Interessanter Text. Die Probleme, die er aufzeigt sind sicher real. Allerdings sehe ich eine Art Metaproblem: Das Wort „Opfer“. Für mich gibt es eigentlich keinen positiven Anknüpfungspunkt an eine Opfer- und Bedürftigkeitsideologie. Ein bisschen Historie verrät nämlich, dass solche Gedanken oft nur dazu dienen um eine bestimmte Machtkonstellation zu stabilisieren und vor allem Herrschaft zu legitimieren. Ich finde es daher sehr viel progressiver, dass „Opfer“ bei bestimmten Jugendlichen heute ein Schimpfwort geworden ist, als sich den Pädagogen anzuschließen, die allen ihr Opferdasein erklären wollen. Irgendjemand muss nämlich die Ökonomie von Opfer-Täter Beziehungen verwalten. Wer ist das wohl? Hinzukommt, dass die Rolle des „Opfers“ in unserer heutigen Gesellschaft selbst eine verschleierte Machtposition geworden ist. Wenn aber nun alle „Opfer“ sind (Männer und Frauen, und der Rest auch) , wer ist dann „Täter“? Offenbar auch alle. Mich erinnert das ganze Gerede von Opfer-Täter-Bedürftigkeit immer sehr an die christliche Theologie der Erbsünde.

      • Ja klar, die 99%, die in dieser Gesellschaft Opfer sind, üben Herrschaft über das Kapital aus. Die armen Kapitalisten werden von der Mehrheit terrorisiert. Deine ideolgischen Verdrehungen reden dem Klassenkampf von oben das Wort. Bei Kommentaren wie diesen, habe ich den starken Eindruck, dass du einen veritablen Knall hast, bzw. für die soziale Realität und für die Gewaltstrukturen, die von Tätern zu Opfern durchgeherrscht werden, total blind bist.

        Mit dem Gebrauch von „Opfer“ als Schimpfwort wird von den Jugendlichen nur korrekterweise der herrschende Rassismus nachvollzogen, der Menschen für ihre miserable Lage selbst verantwortlich macht. So ein Rassismus ist für die Konformität der Untertanen absolut notwendig. Sonst könnten die nämlich anfangen, das System infragezustellen und die Gewalttäter zu benennen, die das Elend an ihnen produzieren. Wie schön, dass von dir garantiert keine systemdestabilisierende Gefahr ausgeht. Das wissenschaftliche Denken hast du längst an der Garderobe des preußischen Staatsschreiberlings Hegel abgelegt, du Staatsschreiberling 2.0.

      • @Itsme

        Nun, einfach den Opferbegriff ganz fallenzulassen, da müsste man lange darüber nachdenken, also ich sehe die Problematik schon, die Du anspricht und den Paternalismus und die Herrschaftsstabilisierung etc., aber so etwas müsste gut überdacht werden. (Dazu gibt es ja auch ein gutes Buch: Straflust und Repression: Zur Kritik der populistischen Kriminologie)
        http://www.amazon.de/Straflust-Repression-Kritik-populistischen-Kriminologie/dp/3896914316

        Nun: Böhnisch braucht den Opferbegriff ja nun vor allem im Konzext der Geschlechterthematik: Wenn nun quasi der Feminismus für sich die Frau als Opfer reklamiert und den Mann vor allem als Täter etikettiert etc., dann wird es natürlich schwierig, aus dieser Logik auszubrechen. Du kannst höchstens noch ein bisschen dialektischer und differenzierter argumentieren (Opfer-Täter/Täter-Opfer), also Mann wäre dann nicht nur Täter, sondern eben Täter-Opfer, was Böhnisch ja bei der Gewalt, die vom Mann ausgeht, auch macht. Aber eben: In der Populistischen Kriminologie und gewissen Feminismen wird nun mal in diesen Kategorien gedacht, und da ist es schwierig, nun quasi eine andere Diskurstaktik aufzugleisen.
        Ich denke, Böhnischs Anliegen ist ja gerade, den Mann aus diesem Täterverdikt und Defizitwesen herauszunehmen und vor allem eine eigene Emanzipationsperspektive anzubieten.

      • Ich glaube, Itsme wollte mit dieser Kritik am Opferbegriff auf die gleiche Problematik hinaus, die Du, Zhen, und Peter kürzlich in unserer Diskussion zur Intersektionalitätsanalyse angesprochen habt.

        Wir können zwar einerseits auf Begriffe, die sich auf Formen sozialer Ungerechtigkeit beziehen, nicht verzichten, andererseits besteht das Risiko, dass solche Begriffe wie „Diskriminierung“, „Benachteiligung“, „Opfer“ etc. dazu tendieren, zu monolithisch und undifferenziert zu werden, ihr kontextueller Gehalt verlorengeht oder nicht mehr ausreichend in die Analyse einbezogen wird.

        Die Opferrolle einzunehmen kann diskursstrategisch ja gerade eine starke Position sein – und jeder Diskriminierungsdiskurs tendiert – auch wenn er grundsätzlich berechtigt ist – dazu sich zu verselbständigen und Einseitigkeiten und Übertreibungen hervorzubringen.

        Es müssten also Begriffe und Kategorien gefunden werden, die gleichzeitig ausreichend Präzision und ausreichend Flexibilität besitzen, um real vorhandene Formen sozialer Ungerechtigkeit einerseits realistisch zu erfassen und sie andererseits in ihrer zeitlichen und räumlichen kontextspezifischen Bedingtheit zu analysieren, so dass Verselbständigungsprozessen entgegengewirkt werden kann.

        Vielleicht sollte ich bei meinem Versuch männerrechtliche Anliegen zu denen anderer sozialer Bewegungen und Interessengruppen in Beziehung zu setzen, besser von einem Modell der Überschneidung von Problemlagen und Interessen sprechen als von einem Intersektionalitätsmodell.

        Ich werde bei Gelegenheit, wenn ich mehr Zeit habe, mal darüber nachdenken.

        Anregungen von Euch zu dem ganzen Themenkomplex sind mir wie immer natürlich willkommen.

      • @Zhen

        Ja klar, die 99%, die in dieser Gesellschaft Opfer sind, üben Herrschaft über das Kapital aus.

        Du hast mich nicht verstanden. Die 99% in Madrid inszenieren sich übrigens nicht als Opfer soweit ich das mitbekommen habe. Ganz im Gegenteil, sie wollen positiv handeln.

        Wie schön, dass von dir garantiert keine systemdestabilisierende Gefahr ausgeht.

        Eigentlich wäre mir das ziemlich gleich, muss ich sagen. Also, solche Garantien werde ich Dir mir Sicherheit nicht geben. Ich glaube auch, dass niemand das Recht von irgendwem solche Garantien zu verlangen.

        @Chomsky

        Ja, ich denke Du hast Recht, dass man das etwas länger überdenken müsste. Aber der Opferbegriff hat eben eine Eigendynamik gewonnen, die mir nicht gefällt. Ich glaube auch, dass man von Verletzung sprechen kann, ohne dabei die Kategorie „Opfer“ zu gebrauchen.

        @Leszek

        Lass es mich mal sehr klar sagen. Mein Eindruck ist, dass es sehr dienlich ist, sich als Opfer zu inszenieren, wenn man andere beschädigen will. Wobei die eigentlichen „Opfer“ ja seltsamerweise gar nicht mal immer diejenigen sind, die sich selbst als Opfer inszenieren wollen – dafür gibt es einen merkwürdigen Opfer-„Solidaritäts“komplex, der gewissermaßen die Opferwerdung übernimmt. Bei Feministinnen denke ich kann man das sehr schön sehen. Dasselbe gilt übrigens auch für „Benachtteiligung“. Da schweigt für mich immer ein Stück Neid mit. Und darin sehe ich ein Problem. Zizek hat in einem Buch „Violence. Six Sideways Reflections“ übrigens eine ganz ordentliche Kritik des Problem gegeben, das jede egalitäre Ethik hat: Nämlich in eine negative Neidspirale zu fallen. Ich denke am Fall von Netschajews Vorstellung einer zukünftigen Gesellschaft kann man das sehr schön sehen. Das ist eigentlich eine Gesellschaft der universalisierten Missgunst. Interessant ist nämlich im Gegenteil, dass es gerade nicht dienlich ist sich als „Opfer“ zu inszenieren, wenn man unabhängig von der Täterstellung des Anderen seine eigene Handlungsfähigkeit erweitern will, die möglicherweise in bestimmten Situationen von Anderen beschränkt wird. Denn als „Opfer“ ist man von der Handlungsfähigkeit des Anderen wesentlich abhängig. „Opfer“ ist nämlich eine Beziehung die nur verhältnismäßig auf die Handlungsfähigkeit von anderen besteht. Deswegen bedarf das „Opfer“ ja auch einer Inszenierung. Denn der „Täter“ kann nur indirekt getroffen werden. Übrigens lässt das noch auf eine andere Beziehung des Opferbegriffs schließen, nämlich zu der heute etwas archaisch anmutenden Rache.

      • @Leszek

        „Denn man darf eins nicht vergessen: Der Feminismus ist kein Rezept zum Glücklichwerden, er ist ein Mittel, um grösserem Unglück vorzubeugen.“

        Das ist ein Satz, der Badinter wohl sehr drastisch von vielen anderen Feministinnen unterscheidet. Es ist nämlich eine Absage an jede Form von Utopie. Sehr interessant. Allerdings hat man das nicht vergessen, offenbar ist das aber von Anfang an nie klar gewesen.

      • Wir haben es also mit einem interessanten Paradox zu tun: Der Benachteiligtenstatus kann ein Privileg sein (wie es Peter kürzlich formulierte) und die Opferrolle kann eine Machtposition bedeuten.

        Und dies muss machttheoretisch mitreflektiert werden, wenn es darum geht ungerechte Formen sozialer Ungleichheit zu analysieren und zu kritisieren.

      • @Leszek

        Eigentlich löst sich das Paradox zunächst einmal auf, wenn man die Prozesse der Erkenntnis und das Sein an sich unterscheidet. Als benachteiligt anerkannt zu werden ist nicht notwendigerweise dasselbe wie benachteiligt zu sein. Es kann zusammenfallen, muss es aber nicht. Ich kann u.U. von einer Gewalttat betroffen sein, ohne in der Lage zu sein, eine Opferrolle einnehmen zu können. Klassischer Fall: Die Bestrafung durch das Recht. Der Freiheitsentzug als Strafe ist offenbar selbst eine Gewalttat. Komischerweise finden wir daran aber nichts anstößiges sondern sehen es als normal an, wenn Leute in ein Haus eingesperrt werden, nur weil andere Leute vorher darüber befunden haben, dass das so richtig sei. Ebenso kann ich aber u.U. eine Opferrolle einnehmen, ohne, dass es je eine Gewalttat gab.

        Und dasselbe auch bei Benachteiligungen, wobei hier noch hinzukommt, dass Benachteiligungen ja heute meistens „strukturell“ sind. Das macht es noch schwieriger zu beantworten wer eigentlich wirklich benachteiligt ist und wer nicht. Wenn zum Beispiel Frauen und Männer im Durchschnitt exakt gleich viel verdienen würden, wäre das für die Frage nach der Lohndiskriminierung im Betrieb XYZ eine völlig irrelevante Information. Es gibt ja viele „kritische“ Leute, die sich dafür rühmen, die gesellschaftlichen Strukturen „durchschaut“ zu haben. Einziges Problem: Wenn ich was ändern will, muss ich Strukturen wieder individualisieren. Wo wir dann bei der „individualisierenden Macht“ (Pastoralmacht) von Foucault wären. Diese Form Strukturen, die man meinte erkannt zu haben, zu individualisieren und in dieser Individualisierung die Handlungsfähigkeit der betreffenden Individuum zu modifizieren, ist zum einen der modernen Staatlichkeit inhärent, wenn sie sich um alle möglichen Formen von Fördern und Fordern (wie das heute heißt) bemüht, um unsere „Wettbewerbsfähigkeit“ zu gewährleisten. Sie ist aber auch „emanzipatorischen“ Bewegungen eines bestimmten Typs inhärent. Was diese natürlich nie von sich selbst zugeben würden. Und das ist einerseits faszinierend, andererseits aber auch ein Problem. Die Frage was ich ändere und wie ich ändere wenn ich bestimmte Strukturen ausgemacht zu haben glaube, ist daher von höchster Bedeutung.

        Falls Dich dieser Zusammenhang auch historisch interessiert und Du einen Universitätszugang zu jstor hast; es gibt einen interessanten Aufsatz von der Historikerin Shelia Fitzpatrick mit dem Titel „Ascribing Class“ über die Verwendung des Begriffs „Klasse“ und die Zuschreibung von Klassenzugehörigkeit in der frühen Sowjetunion:

        http://www.jstor.org/discover/10.2307/2124540?uid=3737864&uid=2129&uid=2&uid=70&uid=4&sid=47699002530987

        Darüber hinaus gibt es auch das Problem, dass das Faktum „von einer Gewalttat betroffen sein“ (oder „benachteiligt sein“) ebenfalls gar nicht so ganz objektiv zu bestimmen ist. Das hängt glaube ich damit zusammen, dass beide Phänomene, im Gegensatz zu einem rein physikalischen Prozess, wesentlich meine subjektive Dimension berühren. Ich kann nämlich auch meinen von einer Gewalttat betroffen zu sein, ohne, dass andere meinen meine subjektiven Kategorisierungen anerkennen zu müssen. Und natürlich auch andersherum. Es kann sein, dass andere Leute Kategorisierungen entwerfen, die ich meinen Erfahrungen zuvor gar nicht zugeschrieben hätte. Ich würde sogar vermuten, das passiert manches Mal bei solchen Dingen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch. Wobei man das sicherlich mal genauer wissenschaftlich untersuchen sollte, bevor man weitreichende Schlüsse zieht. Was diese Überlegung aber zeigt ist folgendes: Man muss auch die Frage nach dem objektiven Charakter des Phänomens selbst im Zusammenhang sehen mit der Frage, was ich ändere und wie ich ändere wenn ich bestimmte Strukturen ausgemacht zu haben glaube.

        Das ist übrigens auch der Grund, warum mich diese ganzen Glaubwürdigkeitsgutachten beim Prozess gegen den Herrn Kachelmann so fasziniert haben. Unser Rechtssystem meint offenbar, dass es für die Wahrheitsfindung hilfreich sei, zu wissen, wie hoch die subjektive Glaubwürdigkeit einer Aussage ist. Ich halte das für einen etwas problematischen Schluss. Denn Glaubwürdigkeit ist nicht Wahrheit. Im Gerichtsverfahren, jedenfalls nach der idealen Theorie, soll aber wahrheitsgemäß festgestellt werden, ob ein Tatbestand vorliegt oder nicht. Man kann sich fragen, ob die Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit von Zeugen überhaupt dafür ausreichen kann.

        wenn es darum geht ungerechte Formen sozialer Ungleichheit zu analysieren und zu kritisieren.

        Eine interessante, sich daran anschließende Frage wäre: Was sind denn gerechte Formen sozialer Ungleichheit?

  4. @ Itsme

    „Eine interessante, sich daran anschließende Frage wäre: Was sind denn gerechte Formen sozialer Ungleichheit?“

    Bei dieser Formulierung hatte ich wohl im Hinterkopf, dass die menschliche Wahlfreiheit zu Ungleichheiten führen kann, die aber keine Diskriminierung darstellen.

    • Was eine seltsame Position ist für jemanden, der zugleich den Kapitalismus kritisiert, oder nicht? Immerhin beruhen Märkte ja auf Wahlfreiheit. Das ist übrigens auch das klassische Argument der österreichischen Schule der Nationalökonomie gewesen, warum die freie kapitalistische Marktwirtschaft die beste aller möglichen Wirtschaftsweisen ist. Sie beruht auf Wahlfreiheit, so bekommt jeder was er haben will unter der Bedingung, dass er niemanden dazu zwingt etwas anderes zu wählen als er will. Da jeder aber rational gar nichts anderes wollen kann als das was für ihn am nützlichsten ist, bekommen auf dem vollkommenen Markt immer alle genau das was sie wollen. So bekommt jeder individuell und alle kollektiv das bestmögliche Ergebnis. Deswegen müssen Monopole und Gewerkschaften zerschlagen werden, weil sie ja die Wahlfreiheit der Konsumenten bzw. Unternehmer einschränken und den perfekten Markt stören. Komischerweise können aber in einem solchen Arrangement dennoch eine ganze Menge Leute verhungern. Die menschliche Wahlfreiheit kann also dazu führen, dass die einen ihr Kapital vermehren, während die anderen nicht von der Stelle kommen oder sogar ärmer werden.

      Außerdem beruht ja eine bestimmte Art von Diskriminierung generell auf Wahlfreiheit. Nämlich jede implizite strukturelle Diskriminierung. Denn wenn ich was gegen Frauen oder Schwarze habe und deswegen nicht mit denen zusammenarbeiten will, was ist das dann? Ich würde sagen, das ist offenbar Wahlfreiheit. Deswegen neigt die Antidiskriminierungspolitik heute ja auch zu vormodernen Formen, die aber zugleich in ein modernes Gewand gekleidet werden. Antidiskriminierung bedeutet bestimmte Überzeugungen und Präferenzen zu kritisieren oder gar zu kriminalisieren. Trotzdem soll aber alles so erscheinen als wäre es nur Wahlfreiheit – man darf ja wählen, nur bestimmte Vorstellungen haben, das darf man eigentlich nicht. Also muss solches „Wählen“ ausgeschlossen werden, das diese Vorstellungen zum Ausdruck bringt. Das erinnert mich ein bisschen an ein Gesetz aus dem frühen Mittelalter, das nicht nur die Verfolgung von Hexerei objektiv verbat, sondern eine Verbindung zwischen der verblendeten, heidnischen Überzeugung, dass Hexerei wirksam sei, und der Handlung Hexen zu verbrennen herstellte. Offenbar ein Gesetz von Karl dem Großen:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenverfolgung#Mittelalter

      „Wer vom Teufel verblendet nach Weise der Heiden glaubt, es sei jemand eine Hexe und fresse Menschen, und diese Person deshalb verbrennt oder ihr Fleisch durch andere essen lässt, der soll mit dem Tode bestraft werden.“

      Sehr interessant, oder? Klingt ein bisschen wie ein primitives Antidiskriminierungsgesetz. Denn wozu braucht man sonst ein Sondergesetz nur für die Tötung auf Grund der Überzeugung jemand sei eine Hexe. Mord an sich zu regeln wäre ja ausreichend. Ich frage mich, ob es wohl für das Töten ansonsten eine mildere Strafe gegeben hätte. Dann wäre nämlich das Töten von Hexen nach modernem Verständnis ein Fall von hate crime.

      Übrigens noch was; vor dem Hintergrund „Opfer als Machtposition“ sollte man sich mal die aktuelle Antidiskriminierungsgesetzgebung in Deutschland anschauen. Sehr interessant ist dieser Abschnitt zum Thema Beweislast bei Nachweis von Diskriminierung vor Gericht:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeines_Gleichbehandlungsgesetz#Beweislast

      • @Chomsky

        Ich glaube es gibt folgendes Problem:

        1. Wahlfreiheit und Diskriminierung sind keine Gegensätze. Im Gegenteil. Wahlfreiheit reproduziert oft Diskriminierung und verstärkt sie.

        2. Antidiskriminierung und rechtliche Gleichheit stehen in einem auf fundamentaler Ebene unauflösbaren Konflikt. Selbst Karl Marx (Kritik des Gothaer Programms) wusste noch: Alles gleiche Recht ist ein Recht auf Ungleichheit. Bezogen war das sogar nicht einmal auf den Kapitalismus, sondern auf die erste Phase einer sozialistischen Gesellschaft, wie er sie sich in einer kurzen Skizze ausgemalt hat. Heute hingegen wird eine Gleichheit tendenziell einfach vorausgesetzt und das Recht als eine Art Sozialtechnologie verwendet, um diese im Ergebnis auch herzustellen.

        3. Zugleich wird aber versucht die Auffassung, dass wir alle Individuen sind und unseres eigenen Glückes Schmied sind, weiter aufrecht zu erhalten. Damit entstehen aber seltsame Konflikte. Nämlich zwischen einer Wahlfreiheit, die zwar extern noch besteht, aus der aber immer mehr Präferenzen als sozial illegitim ausgeschlossen werden. Nämlich potenziell jede Präferenz, die eine als diskriminierend geltende Ungleichheit erzeugt. Hier sollte man sich an Max Webers Diktum erinnern, dass Macht ein amorpher Begriff ist und jedes Verhältnis realer Differenz daher im sozialen Zusammenhang ein Machtverhältnis werden kann. Insofern verwundert es nicht, dass wir nach der Einführung des Begriffs „Rassismus“ eine bemerkenswerte Vervielfältigung ähnlicher Begrifflichkeiten erlebt haben. Ebenso entsteht auch ein Konflikt zwischen einer rechtlichen Gleichheit, die zwar extern noch besteht, zugleich aber durch ein System von Maßnahmen sozusagen unterspült wird. Damit steht aber, wenn man sich die Fluchtlinien dieser Dynamik anschaut auch der Grundbegriff unseres Rechtsverständnisses in Frage. Nämlich der des allgemeinen und gleichen Rechtssubjekts.

        4. Was mich bei Leszek gewundert hat ist, dass er Diskriminierung als Problem der Gerechtigkeit ansieht und von ungerechtfertigter Ungleichheit spricht. Das wirft natürlich die Frage auf, was gerechte Ungleichheit ist. Wenn gerechte Ungleichheit alle Ungleichheit ist, die auf Wahlfreiheit ist, dann ist womöglich jede Form von Diskriminierung die auf einer strukturellen Machtungleichheit und dabei nicht auch einer explizit juristischen Ausgrenzung beruht aber gerecht. Unser allgemeines Gleichstellungsgesetz wäre dann ziemlich ungerecht.

        5. Insbesondere sieht man auch noch, dass die Frage nach der kapitalistischen Wirtschaftsordnung schlecht in den Kategorien der Gerechtigkeit beantwortet werden kann. Jedenfalls dann nicht, wenn man in die Gerechtigkeit diejenige Ungleichheit, die aus Wahlfreiheit resultiert, mit einbezieht. Das ist nämlich genau das was Marx als die doppelte Freiheit des Arbeiters bezeichnet hat. Insofern fand ich das sozusagen doppelt seltsam, dass gerade Leszek das so formuliert hat.

        Klarer geworden?

    • @Itsme

      Der Staat (Rechtsstaat/Sozialstaat) hat eben quasi eine vermittelnde Instanz eingenommen, damit sich die antagonistischen Gruppen nicht mehr direkt gegenüberstehen und quasi der „Klassenkampf“ oder „Geschlechterkampf“ unvermittelt durch die antagonistischen Gruppen ausgetragen werden: Das führt offenbar dazu, dass eben strukturelle Ungleichheit mittels Gleistellungsgesetz vermindert werden soll, was wiederum die Wahlfreiheit einschränkt. Das heisst: strukturelle Ungleichheit und Wahlfreiheit stehen in einem Spannungsverhältnis und je nach Präferenzen wird jeder Mensch sich ein bisschen eher auf die eine oder andere Seite bewegen. M.E. lässt sich dieses Spannungsverhältnis nicht auflösen, sodass beide Seiten vollumfänglich befriedigt wären.

      • @Chomsky

        M.E. lässt sich dieses Spannungsverhältnis nicht auflösen, sodass beide Seiten vollumfänglich befriedigt wären.

        Richtig, das würde ich auch so sehen. Ein Grund mehr für mich allerdings Begriffe wie das „Täter-Opfer Schema“, „Diskriminierung“, das Verhältnis von Ungleichheit und Gerechtigkeit mal auf ihre Funktion zu befragen. Ich denke nämlich, dass man in der Menschheitsgeschichte immer wieder sieht, dass solche fundamental konflikthaltigen Entwicklungen eine Zeit lang gut gehen, bis sie intern an eine innere Grenze kommen. Die Tendenz alle Diskriminierungen über einen Form von staatlichen Maßnahmenkataloge hinfortzuregulieren führt nämlich auch zu widersprüchlichen Ergebnissen. Sie produziert selbst neue Diskriminierung und Zurücksetzung, die aber ideologisch sich nicht als solche äußern darf. Jeder Frau, die als Frau eingestellt wird, entspricht ja ein Mann der als Mann nicht eingestellt wird. Das geht eine Zeit lang gut, aber nur eine Zeit lang. Und leider gibt es eine Tendenz einmal eingeführte Quotenregelungen nie wieder abzuschaffen, aus Angst, dass die Quotierten dann wieder ins Hintertreffen gerieten. Wenn nun diese Grenze erreicht ist, dann werden diese sozialen Verhältnisse durch etwas neues in relativ kurzer Zeit ersetzt. Man mag sich fragen, durch was.

        Weiter ist ja interessant, dass der Rechtsstaat/Sozialstaat klassischerweise diese Funktion gar nicht hatte. Absicherung im Krankheitsfall bedeutet nicht, dass man ein System der Verbesserung der Gesundheit installiert. Genauso wenig bedeutet Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, dass man positiv die „Employability“ der Bevölkerung zu steigern versucht.

        Ich sehe das mit “Klassenkampf” oder “Geschlechterkampf” auch etwas anders. Klassenkampf hat nämlich eine doppelte Bedeutung. Zum einen die sich immer wiederholende Konfliktsituation zwischen Arbeit und Kapital um die Höhe des Lohnes, die Länge des Arbeitstages, die Arbeitsverhältnisse, die sonstigen Vergütungen etc., die dem Kapitalismus als systemischem Zusammenhang immanent ist. Dann aber im Marxismus auch die Ideologie des Proletariats, die eine politische Organisation möglich macht, um den Kapitalismus zu zerschlagen. Das sind zwei verschiedene Sachen, wie man an Lenin sehr gut sehen kann. Lenin versteht Klassenkampf als bewusste Herbeiführung eines Bürgerkriegs. Entsprechendes gilt nun auch für den Geschlechterkampf. Einerseits sind die Verhältnisse von Männern und Frauen nie konfliktfrei. Andererseits hat sich der Feminismus aber eine dem Leninismus recht ähnliche Ideologie zugelegt, die auf einen utopischen Endzustand aus ist. Es gibt dabei sehr viele Formen, wie sich diese Ideologie äußert, ob indirekt-dekonstruktivistisch oder eher direkt. Aber es gibt wenige Feministinnen, die nicht mit so einer Hoffnung spielen; und diejenigen, die diese Hoffnung nicht haben, werden sehr skeptisch oder gleich als „reaktionäre“ betrachtet. Ich persönlich halte von solchen Utopien nicht sehr viel; weiter oben haben Leszek und ich das ja schon ein bisschen diskutiert. Das Problem ist nun, dass sich die Funktionsmechanismen dieser Ideologie im Zuge ihrer realpolitischen Anpassungen aber in viele Bereiche der Sozialstaatlichkeit vorgedrungen sind und sich mit der zum selben Zeitpunkt entstanden „Diskriminierung“ verbunden haben und nun auf die Verwirklichung der Utopie einer Gesellschaft völliger Chancengleichheit aus sind. Das darf man sich aber natürlich nicht als Verschwörung oder sowas vorstellen, sondern mehr als einen sich selbst herausbildenden weitestgehend allgemeinen gesellschaftlichen Konsens, der für eine bestimmte Zeit wirksam ist. Das wird aber nicht auf Dauer funktionieren. Aus ähnlichen Gründen wie auch im Kapitalismus eine Verbesserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung nur soweit möglich ist, wie der Reproduktionsmechanismus der Kapitals dabei nicht fundamental ins Stocken gerät. Mehr noch: Ab einem bestimmten Zeitpunkt, und das kann man auch vom Leninismus lernen, kippen diese Formen von Antidiskriminierung um in neue Formen von Macht und Herrschaft um, die ihre eigene Legitimationsideologie gleich mitbringen. Damit produziert der Kampf gegen Diskriminierung aber selbst tendenziell Diskriminierung bis zu einem bestimmten Punkt, wo diese Form neue Diskriminierung in so einem Umfang produziert, dass die utopische Ideologie ganz offenkundig mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein hat. Stellt sich die Frage: Was kommt dann? Oder: Muss man es überhaupt dazu kommen lassen? Ich denke nämlich nicht zwingend.

        In gewisser Weise bin ich der Ansicht, dass man den Feminismus hätte 1995 oder so gänzlich einstellen müssen. Leider funktioniert menschliche Geschichte so aber nicht. Vielleicht kann man der Geschichte aber ein wenig nachhelfen. Insbesondere da wir, und insofern ist das etwas positives, immer noch in einer Zeit leben die gegenüber Vorstellungen von kollektiven Subjekten eher abgeneigt und sehr individualistisch ist.

  5. Hi Leute,
    aus Zeitmangel nur kurz:

    Itsmes Vermutung, ich könne zum Neoliberalismus übergelaufen sein, weil ich mich positiv auf den Begriff der „Wahlfreiheit“ bezog, ist natürlich nicht zutreffend.

    Vielmehr handelt es sich hier einfach um die Banalität, dass Begriffe in verschiedenen ideengeschichtlichen Traditionen einfach z.T. unterschiedliche Bedeutungen haben und unterschiedlich konzeptualisiert werden..

    In neoliberaler Weltsicht ist alles auf Individualrechten aufgebaut, der Radikal-Liberalismus ist quasi hyperindividualistisch.

    Der libertäre Sozialismus versteht sich hingegen als Synthese der besten Elemente aus Sozialismus und Liberalismus. I
    Im libertären Sozialismus gibt es daher Bereiche, in denen Wahlfreiheit im kollektiven Rahmen als sinnvoll erachtet wird (Basisdemokratie) und andere Bereiche, in denen Wahlfreiheit im individualistischen Sinne verwirklicht sein sollte.

    Im allgemeinen wird im libertären Sozialismus davon ausgegangen, dass das politische und ökonomische Teilsystem der Gesellschaft basisdemokratisch vergesellschaftet sein sollte, weil alles andere zu unkontrollierten Machtkonzentrationen mit für die Gesamtgesellschaft negativen Effekten führt. Die individualistisch verstandene Form von Wahlfreiheit wie im Neoliberalismus wird für diese Bereiche strikt abgelehnt, weil sie in ihren praktischen Auswirkungen zur Unfreiheit für die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder führt. Für diese Bereiche gilt im libertären Sozialismus der Grundsatz: Alle Betroffenen sollen die Möglichkeit haben mitzuentscheiden, ansonsten sind sie den Entscheidungen von Machteliten unterworfen.

    Davon abgesehen ist der libertäre Sozialismus, was die persönliche Lebensgestaltung angeht, in seinem Wertesystem allerdings ebenfalls sehr individualistisch. Über die persönliche Lebensweise soll jedes Individuum die Möglichkeit haben selbst zu bestimmen. Hier stellt die individuelle Wahlfreiheit also einen zentralen Wert dar. (Ich erspare mir jetzt aus Zeitgründen alle möglichen Erläuterungen zu rationalen Einschränkungen individueller Freiheit im Zusammenhang mit der Bewahrung der Freiheit anderer, Selbstgefährdung etc., es ist klar, dass kein Prinzip absolut gesetzt werden kann.)

    Diese Wahlfreiheitskonzeption hinsichtlich der persönlichen Lebensgestaltung hat Auswirkungen z.B. auf das Verständnis von Gleichberechtigung in der frauenrechtlichen Tradition des libertären Sozialismus. Während für viele konventionelle Feministinnen Gleichberechtigung der Frau z.B. notwendigerweise impliziert, dass möglichst viele Frauen erwerbstätig sein sollten, wird Gleichberechtigung im libertären Sozialismus einfach als Erweiterung der Wahlmöglichkeiten der Frau verstanden. Ob eine Frau arbeiten gehen will oder Hausfrau und Mutter sein will oder was auch immer, das ist ihre individuelle Entscheidung. Es soll keinen Druck in die eine oder andere Richtung geben, sondern die Möglichkeit zu wählen, was immer das Individuum für sich selbst als richtig ansieht. (Dies wird im Individualfeminismus und im Equity-Feminismus ebenso gesehen.)

    Aus diesem Grund werden unterschiedliche Verteilungen der Anzahl von Frauen und Männern in gesellschaftlichen Teilbereichen nicht zwangsläufig als Diskriminierung angesehen. Dies trifft sich natürlich mit der männerrechtlichen Unterscheidung von Gleichberechtigung und Gleichstellung, die z.B. der männerrechtlichen Kritik an Quoten zugrunde liegt – und diese Dinge hatte ich bei den Formulierungen, die Itsme offenbar als seltsam empfand, natürlich im Hinterkopf.

    Ich hoffe, das Mißverständnis ist damit geklärt.

    • Teilweise ja. Wobei wir das auch in drei Wochen noch einmal diskutieren sollten. Denn der Hase im Pfeffer liegt sozusagen hier:

      „dass das politische und ökonomische Teilsystem der Gesellschaft basisdemokratisch vergesellschaftet sein sollte“

      Eigentlich bist Du demokratisch-sozialistisch für Wirtschaft und Politik. Und libertär-liberal für den Rest. An dem Punkte angekommen muss ich fast mal eine Lanze für den Feminismus der 2. Frauenbewegung brechen. Ich glaube es gibt gute Hinweise (z.B. aus der Ethnologie), die nahelegen, dass eine relativ egalitäre Wirtschaftsordnung nicht notwendigerweise zu einer relativ egalitären Geschlechterordnung führt. Und deswegen, denke ich, sollte man das bei Gelegenheit nochmal diskutieren.

      • @ Itsme

        Alles klar, kommen wir in drei Wochen noch mal darauf zurück.

        Wie würdest Du Dich denn selbst im Augenblick in politischer Hinsicht einschätzen, wenn ich fragen darf?

      • Gute Frage. Wobei ich auch nicht denke, dass ich in drei Wochen wesentlich mehr dazu sagen kann. Ich glaube alle politischen Grundoptionen, die sich Effekt der französischen Revolution erst herausgebildet haben – von der radikalen Linken, über den Liberalismus bis zur radikalen Rechten – scheinen als ideologische Formationen langsam vor sich hin zu verwittern. Deswegen gibt es so eine Tendenz zum ad hoc Pragmatismus oder zu „technokratischen“ Lösungen im Angesicht der Krise.

        Die Konsequenz für mich aus dieser Situation ist, sich für politische Philosophie aus der Zeit vor der französischen Revolution zu interessieren. Und dann merkt man schnell, dass dort einiges anders läuft als danach. Nehmen wir Leibniz zum Beispiel. Er sagt: Gerechtigkeit ist die gefestigte innere Haltung eines guten Menschen. Der gute Mensch aber derjenige, der alle liebt. Lieben heißt aber, sich am Glücklichsein eines anderen erfreuen. Glück ist Lust ohne Schmerz. Im Glücklichsein aber ist ein Fortschreiten ins Unendliche von einem Begehren und haben eines Gutes zu einem anderen. Universelle Gerechtigkeit wäre dann die allgemeine Liebe aller, in der Beförderung der fremden Vollkommenheit die Beförderung der Vollkommenheit aller zu erstreben, einschließlich meiner selbst. Für Leibniz ist das die Grundlage des Naturrechts. Das Problem, was er dabei zu lösen versucht ist, „inwiefern das Wohl des anderen nicht bloß zu unserem eigenen werden kann, sondern auch um seiner selbst willen erwünscht ist“. Und dies sei der Fall, sobald es uns Freude macht, dass es anderen gut geht.

        Klingt relativ kommunistisch/anarchistisch, nicht? Eigentlich klingt es fast wie Marx den Kommunismus in seiner Kritik des Gothaer Programms beschreibt. Allerdings gibt es keinerlei Bezug zu materiellen Ungleichheit und nur einen indirekten Bezug zur distributiven Gerechtigkeit bei Leibniz (jedenfalls in den Schriften, die ich kenne), nämlich insofern jedem das zugeteilt werden soll, was dem öffentlichen Nutzen zuträglich ist, also der Vermehrung des wechselseitigen Glücks. Das unterscheidet sich grundlegend von dem, wie wie wir heute darüber diskutieren. Vielmehr als eine Beziehung auf Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft gibt es einen Bezug zur „inneren Haltung“. Die Konsequenz ist, dass Gerechtigkeit nur unter gerechten Menschen möglich ist, weil Gerechtigkeit gar kein Zustand der Gesellschaft ist sondern das Verhältnis gerechter Menschen. Wer würde nun aber jemandem, dessen innere Haltung ungerecht ist, etwas zuteilen wollen? Weder der Zuteilende noch der Begünstigte wäre dabei gerecht, weil er ja den allgemeinen Nutzen nicht erhöhen sondern vermindern würde.

        Wenn man sowas liest, muss man nicht denken, dass alle modernen politischen Ideologien in sich ungerecht sind? Mir scheint ja. Daraus folgt aber, solange wir in Leibnizens Denken verweilen, etwas sehr interessantes: Alle diese politischen Ideologien sind endlich. Und zwar gerade nicht in dem Sinn, wie sie selbst unterstellen, nämlich sich in einem bestimmten Zustand zu erschöpfen, der erst oder wieder hergestellt wird. Sondern vielmehr in den Effekten, die sie für das Glück der Menschen haben. Denn das Ungerechte ist endlich gerade weil es keinen unendlichen Fortschritt der Vollkommenheit ermöglicht. Und es wäre daher aus der Perspektive von Leibniz kein Zufall, dass bei der Analyse, die wir weiter oben schon einmal gemacht habe, sich immer ergeben hat, dass bestimmte Ideologien in bestimmten Situationen befreiende Effekte haben, in anderen Situationen aber Unfreiheit vermehren. Und zwar unabhängig davon, für wie emanzipatorisch sie sich halten. Insbesondere das Verhältnis von Emanzipation und Prophetie (zu der es natürlich auch konservative Entsprechungen gibt) interessiert mich ja deswegen. Denn dieses Verhältnis ist ja eine Art kollektive „innere Haltung“, in dem Sinn, wie Leibniz davon spricht.

        Leibniz hat entsprechend all dem auch einen sehr interessanten Begriff von Politik, den man zumindest mal aussprechen sollte: Politik ist die Kunst der Erhöhung der Macht und Weisheit des Menschengeschlechts als Vervollkommnung des Universums gemäß dem Wohlgefallen Gottes. Das ist ein ziemlich beachtlicher Begriff von Politik würde ich doch sagen.

        Nun, verlassen wir Leibniz wieder. Denn nichts aus der Vergangenheit lässt sich heute einfach so wiederholen. Die Wiederholung ist nämlich nicht dasselbe, wie das, was sie wiederholen möchte. Ich bin dennoch überzeugt, dass die politische Philosophie vor dem Jahr 1800 und auch die Philosophie der Vormoderne einiges aufzubieten hat, das man neu gewinnen müsste.

        Und um Deine Frage direkt zu beantworten: Aus diesem Grund halte ich es für wichtig heute ideologisch heimatlos zu sein.

      • @Itsme

        Böhnisch würde diesen Komplex (Politische Philosophie?) wohl wie folgt beantworten:

        „Dies verweist uns auf eine epochale Übergangssituation, in der das – ökonomisch entgrenzte – Politische sich im Spannungsfeld von bürgergesellschaftlichem Insistieren auf den Rechten des Menschen, kulturellem Empowerment und Verteidigung des sozialpolitischen Prinzips neu zu formieren versucht. Marx konnte zu seiner Zeit noch auf die Philosophie und auf die Religionsgebundenheit, aus der der Kapitalismus kam, bauen. Adam Smith, der Theoretiker des frühen Kapitalismus, wie auch viele seiner Zeitgenossen, versuchten, den Kapitalismus wohlfahrtsethisch zu legitimieren, gingen zumindest von der Würde des Menschen aus. Auf diese damalige Selbstverständlichkeit der gesellschaftlichen Anerkennung der Würde des Menschen konnte auch Marx zurückgreifen und dadurch nicht nur die Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen als entfremdet definieren, sondern die Entfremdung des Menschen überhaupt zum Mittelpunkt seiner Soziallehre machen. Heute sind wir in der Situation, dass der digitale Kapitalismus den Menschen selbst aufgesogen hat, ihn mitnimmt, bis hinein in die Psychodynamik und ihn in seiner herkömmlichen arbeitsweltlichen Existenz destruiert. Deshalb braucht es wieder eine Vision vom autonomen Menschsein, vom Recht des Menschen aus sich selbst heraus, wie sie in der bürgergesellschaftlichen Perspektive angelegt ist. Freilich kann sich diese nur in der Spannung zum Ökonomischen entfalten. Deshalb wird das sozialpolitische Prinzip weiterhin ein zentrales Prinzip der Politik vom Menschen her sein, auch wenn es sich in einer neuen Dialektik ausbilden muss.“ (Böhnisch, Lothar 2006: Politische Soziologie. Eine problemorientierte Einführung, Opladen, S. 241)

      • Was mich da nun wieder skeptisch macht ist, dass „ein zentrales Prinzip der Politik vom Menschen her“ nicht hinreichend ist, ohne, dass man weiß, was „der Mensch“ ist. Und das ist keine ganz einfache Frage.

      • @ Itsme

        „Aus diesem Grund halte ich es für wichtig heute ideologisch heimatlos zu sein.“

        Na, ob das mal keine ideologische Position darstellt. 🙂

        Ich vertrete die Ansicht, dass es wichtig ist, bei allen Hauptströmungen Politischer Philosophie zu schauen, wo ihre Teilwahrheiten und Errungenschaften liegen und was für die heutige Situation brauchbar ist.

        An den Gedanken bedeutender Philosophen kommt man m.E. einfach nicht vorbei, egal welche politische Weltsicht sie hatten.

        Das Amüsante an der konservativen „Kulturmarxismus“- Ideologie ist ja u.a., dass ihre Verfechter die Bewahrung der Errungenschaften der westlichen Zivilisation predigen und gleichzeitig einige bedeutende westliche Denker übel verleumden und vollständig aus dem Diskurs auszuschließen versuchen, ohne tiefere Kenntnis ihres Werkes und ohne zu versuchen die Teilwahrheiten und Errungenschaften ihres Werkes herauszuarbeiten und zu würdigen.
        Und solche Leute, mit einem derartigen Mangel an Respekt vor den geistigen Leistungen einiger herausragender Vertreter der Tradition westlichen Denkens sehen sich ernsthaft als Bewahrer westlicher Kultur.

        Es würde mir nicht einfallen mit bedeutenden konservativen Denkern so umzugehen, wie diese Kulturbanausen es mit mehreren wichtigen linken Denkern tun.

        Alle bedeutenden geistigen Traditionen der Menschheit besitzen meiner Ansicht nach ihre Teilwahrheiten und Errungenschaften und keine kann daher vollständig verworfen werden (ich zähle den Faschismus nicht zu den bedeutenden geistigen Traditionen).

        Von daher scheint mir Deine geschilderte Position zur Politischen Philosophie auch etwas zu einseitig. Nicht, dass ich an der Idee, die politischen Philosophien vor der französischen Revolution unter die Lupe zu nehmen und sie daraufhin zu befragen, inwieweit sie relevante Erkenntnisse für unsere heutige Zeit bereit stellen, irgendetwas auszusetzen hätte. Im Gegenteil, das ist eine interessante und kreative Idee, aber ist angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Situation auf einmal alles, was die politischen Denker während und nach der französischen Revolution gesagt haben, komplett falsch? Das glaube ich nicht.

        Was die gefestigte moralische Haltung bei Leibnitz angeht, so stellt sich schnell die Frage, wie es denn dazu kommen soll, dass möglichst viele Menschen diese erwerben, wenn man nicht die soziokulturellen Bedingungen erforscht, die derartiges ermöglichen und fördern oder eben erschweren. Kann es z.B. unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft, mit ihrer unvermeidbaren Tendenz Gemeinschafts- und Werteverfall zu produzieren, als realistisch angenommen werden, dass sehr viele Menschen eine gefestigte moralische Haltung im Sinne von Leibnitz entwickeln? Das erscheint schwer vorstellbar.

        Völlig abstrahiert von allen politischen und soziologischen Erwägungen erscheint die Bezogenheit auf die „innere Haltung“ für die heutige Zeit einfach eine Variante des Rückzugs auf die eigene Innerlichkeit, wie er z.B. in der Psycho-Szene verbreitet ist.
        (Um nicht missverstanden zu werden, ich habe grundsätzlich nichts dagegen, dass Leute, die sich dafür interessieren, irgendwelche Selbsterfahrungstherapien machen oder bestimmte Haltungen zu kultivieren versuchen, die sie begründet für richtig halten, nur als Basis für die Politischen Philosophie erscheint mir das zu dünn.)

        Und besteht nicht die Gefahr, dass eine solche Bezogenheit auf die „innere Haltung“ u.U. in eine weitere Form der Politischen Korrektheit ausartet? Es gibt ja nicht nur die pseudolinke Political Correctness, es gibt faktisch auch die konservative Political Correctness, die ganz genauso operiert wie die pseudolinke Variante und es sich nur selbst nicht eingesteht.
        Und mit Bezug auf Leibnitz könnten wir jetzt eine weitere Variante Politischer Korrektheit ins Leben rufen, um die richtige „innere Haltung“ zu fördern.

        „nämlich insofern jedem das zugeteilt werden soll, was dem öffentlichen Nutzen zuträglich ist, also der Vermehrung des wechselseitigen Glücks.“

        „Wer würde nun aber jemandem, dessen innere Haltung ungerecht ist, etwas zuteilen wollen? Weder der Zuteilende noch der Begünstigte wäre dabei gerecht, weil er ja den allgemeinen Nutzen nicht erhöhen sondern vermindern würde.“

        Personen, die nicht die richtige „innere Haltung“ besitzen, können demnach sogar zugunsten des öffentlichen Wohls mehr oder weniger stark von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden. Heißt also im Klartext: Die Möglichkeiten umfassender Partizipation an dieser Gesellschaftsordnung sind an den Besitz der richtigen „inneren Haltung“ gebunden. Wer diese nicht besitzt oder nicht versteht vorzugeben sie zu besitzen, kann allein deswegen weil er sie nicht besitzt, Sanktionen und sozialer Exklusion ausgesetzt werden.

        Schlecht auch eventuell für denjenigen, der die richtige „innere Haltung“ tatsächlich besitzt, aber auf Grund von Verleumdung in den Ruf gerät, sie nicht zu besitzen. Es dürfte klar sein, auf welcher Grundlage sich die Machtkämpfe in dieser Gesellschaft wohl vollziehen werden.

        „weil Gerechtigkeit gar kein Zustand der Gesellschaft ist sondern das Verhältnis gerechter Menschen.“

        Weil diese menschlichen Individuen gerecht sind, deshalb sind also auch ihre Beziehungen zueinander gerecht. Gerechtigkeit wird also hergestellt durch das Eingehen von Beziehungen zwischen gerechten Menschen.
        Da stellt sich ein bißchen die Frage, ob es sich hierbei nicht eher um eine Anleitung für die Auswahl angemessener Bezugspersonen in den privaten Beziehungen handelt anstatt um eine Idee mit aktueller Relevanz für die Politische Philosophie.

        Streng genommen hieße das ja: Völlig abstrahiert von der Sozialisations- und Prägewirkung bestehender soziologischer Strukturen, von Rechtsprinzipien und -zuständen und von gesellschaftlichen Einfluss-, Macht- und Vermögensverteilungen, bemisst sich Gerechtigkeit allein am Vorhandensein einer spezifischen psychologisch-geistigen Verfassung von Individuen und der Verhältnisse, die diese Individuen untereinander eingehen.

        „Politik ist die Kunst der Erhöhung der Macht und Weisheit des Menschengeschlechts als Vervollkommnung des Universums gemäß dem Wohlgefallen Gottes. Das ist ein ziemlich beachtlicher Begriff von Politik würde ich doch sagen.“

        Grundsätzlich nichts dagegen (wiewohl ein Gottesbezug leicht ideologisch instrumentalisiert werden kann), aber diese Definition bräuchte schon eine Konkretisierung. Ansonsten kann man jede mögliche Ideologie damit legitimieren.

        „nämlich insofern jedem das zugeteilt werden soll, was dem öffentlichen Nutzen zuträglich ist, also der Vermehrung des wechselseitigen Glücks“

        Was die Vermehrung menschlichen Glück angeht, da haben wird doch gerade heutzutage die Möglichkeit die Forschungsbefunde aus Glücksforschung, Sozialmedizin und medizinischer Soziologie zu Rate zu ziehen, um zu versuchen eine Orientierung zu gewinnen, welche sozialen Bedingungen der Lebenszufriedenheit und körperlichen und seelischen Gesundheit der Menschen zuträglicher sind als andere.

        http://www.amazon.de/Die-Gl%C3%BCcksformel-guten-Gef%C3%BChle-entstehen/dp/3499615134/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1337255495&sr=1-1

        http://www.gluecksforschung.de/bestellung.htm

        „ Ich bin dennoch überzeugt, dass die politische Philosophie vor dem Jahr 1800 und auch die Philosophie der Vormoderne einiges aufzubieten hat, das man neu gewinnen müsste.“

        Da will ich nicht widersprechen. Für weitere Reflektionen von Dir zu diesem Thema bin ich jederzeit offen.

      • Es würde mir nicht einfallen mit bedeutenden konservativen Denkern so umzugehen, wie diese Kulturbanausen es mit mehreren wichtigen linken Denkern tun.

        Welche bedeutenden konservativen Denker spielen denn heute noch eine Rolle? Es sind doch samt und sonders Libertaristen, Dummdödel, die keinen Unterschied zwischen Wert und Preis kennen und deren Allerheiligstes das Eigentum ist. Diese Friedmans, Mises und Hayeks und ihr armseliger Materialismus können mir gestohlen bleiben.

      • @ Peter

        Die hatte ich dabei auch weniger im Sinn, zumal ich sie eher als als Vertreter einer Subvariante des Liberalismus einordnen würde als des Konservatismus.

        Es gibt allerdings auch bei Vetretern radikal-liberaler Philosophien, wenn man von ihren ökonomischen Positionen einmal absieht, z.T. interessante Reflektionen z.B. zur Begründung individueller Freheitsrechte.

        Ein passendes Zitat von Noam Chomsky zum Thema:

        http://flag.blackened.net/liberty/chomsky-on-ac.txt

      • @Lezsek

        Na, ob das mal keine ideologische Position darstellt. 🙂

        Du solltest erwarten können, das mich die Reflexivität einer Position immer auch interessiert, oder? 😀 Dieser Einwand hier ist ja der geradezu klassische Einwand von Seiten mancher Marxisten gegen die „Postmoderne“: Das Ende der Metaerzählungen sei selbst eine Metaerzählung. Dabei wird aber übersehen, dass das „Ende der Metaerzählungen“ wenn überhaupt dann nur eine Metaerzählung ganz anderen Typs ist. Eigentlich kündigt das Ende der Metaerzählungen ja nur an, dass Metaerzählungen eines bestimmten Typs nicht mehr funktionieren. Womit wir dann wieder bei dem Problem von Prophetie wären und Foucaults Diagnose, dass der Marxismus zum 19. Jahrhundert gehört.

        Ich vertrete die Ansicht, dass es wichtig ist, bei allen Hauptströmungen Politischer Philosophie zu schauen, wo ihre Teilwahrheiten und Errungenschaften liegen und was für die heutige Situation brauchbar ist.

        Was ist Dein Kriterium für Brauchbarkeit?

        Und solche Leute, mit einem derartigen Mangel an Respekt vor den geistigen Leistungen einiger herausragender Vertreter der Tradition westlichen Denkens sehen sich ernsthaft als Bewahrer westlicher Kultur.

        Naja das ist ja nur ein Indiz für das, was ich oben Verwitterung der Ideologien genannt habe. Die beständige Wiederholung bzw. der Versuch der Wiederherstellung des eigenen ideologischen Bewusstseins führt zu einer fortschreitenden Verarmung. Das kann man allerdings eben auch im Marxismus mit seinem Gegensatz gegen die sog. „bürgerliche“ Philosophie sehr gut sehen. Wenngleich vielleicht nicht ganz so verzweifelt bisher. Wenn man sich marxistische Philosophiegeschichtsschreibung ansieht, wird man leicht den intellektuellen Zwang erkennen, alles vorhergehende als Vorbereitung zu einem bestimmten Punkt der höchsten Intensität zu verstehen: Marx und Engels erscheinen auf Erden. Und die eigene Position wird dann als „schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus unter den Bedingungen von xyz“ gedeutet. Dabei kommt es aber zu dem selben Phänomen wie bei den Konservativen: Differenz, Wiederholung, Verarmung. Jede Weiterentwicklung hält sich ja selbst für Unhintergehbar und alle andern für „Revisionisten“, „Abweichler“ oder „Häretiker“. Und übrigens gibt es das auch jenseits des direkt politischen Feldes bei eigentlich jeder Ausbildung von Denkschulen.

        aber ist angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Situation auf einmal alles, was die politischen Denker während und nach der französischen Revolution gesagt haben, komplett falsch? Das glaube ich nicht.

        Nun, ich würde ja nicht Marx lesen, wenn ich der Überzeugung wäre, alles was er sagt sei falsch. Das ist aber auch nicht der Punkt. Ich hatte ja oben im Kontext von Foucault schon einmal über die Unterscheidung von Marx und Marxismus gesprochen. Das ist der eigentliche Punkt. Ich bin nämlich der Ansicht, „der Marxismus“ ist falsch, nicht aber, dass alles was Marx geschrieben hat falsch ist. Übrigens auch nicht, dass alles was Marxisten geschrieben haben falsch ist, falls sich das jetzt als nächste Frage aufdrängt. Für mich gibt es nur eine grundlegend andere Einstellung, weil ich mich nicht durch diese „Tradition“ gebunden fühle.

        Was die gefestigte moralische Haltung bei Leibnitz angeht, so stellt sich schnell die Frage, wie es denn dazu kommen soll, dass möglichst viele Menschen diese erwerben, wenn man nicht die soziokulturellen Bedingungen erforscht, die derartiges ermöglichen und fördern oder eben erschweren. Kann es z.B. unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft, mit ihrer unvermeidbaren Tendenz Gemeinschafts- und Werteverfall zu produzieren, als realistisch angenommen werden, dass sehr viele Menschen eine gefestigte moralische Haltung im Sinne von Leibnitz entwickeln? Das erscheint schwer vorstellbar.

        Das stimmt wahrscheinlich. Es gibt in diesem Zusammenhang ein sehr lustiges Zitat von Leibniz: „Man muß die Menschen immer von ihrer besten Seite betrachten, es sei denn, man wäre gezwungen, sich mit ihnen auf ein Geschäft einzulassen, denn dann ist es vernünftig, Sicherungsvorkehrungen zu treffen.“ Leibniz schreibt das im Irrealis. Das weist darauf hin, dass er die gesellschaftliche Verhältnisse nicht als eine Universalisierung der Warenform sieht. Das ist natürlich ein Problem im Kapitalismus. 😀

        Allerdings ist da eben auch noch die umgekehrte Frage: Kann die Überwindung des Kapitalismus erwartet werden von Menschen, die keine gefestigte innere Haltung genau in diesem Sinne haben? Irgendwie schient ja Marx Hoffnung oder Erwartung gewesen zu sein, dass der Kapitalismus ab einem bestimmten Punkt auch die Menschen produzieren würde, die ihn dann überwinden könnten. Bislang hat das nicht funktioniert. Ich würde übrigens sofort zustimmen, dass man die Bedingungen erforschen sollte, die das erleichtern. Allerdings bleibt zu vermuten, – sollte man Leibniz überhaupt insgesamt in seiner Auffassung von Naturrecht folgen wollen – dass dann nur die Menschen in der Lage sind, diese Bedingungen auch herzustellen, die die innere Haltung schon besitzen.

        Und besteht nicht die Gefahr, dass eine solche Bezogenheit auf die „innere Haltung“ u.U. in eine weitere Form der Politischen Korrektheit ausartet? Es gibt ja nicht nur die pseudolinke Political Correctness, es gibt faktisch auch die konservative Political Correctness, die ganz genauso operiert wie die pseudolinke Variante und es sich nur selbst nicht eingesteht. Und mit Bezug auf Leibnitz könnten wir jetzt eine weitere Variante Politischer Korrektheit ins Leben rufen, um die richtige „innere Haltung“ zu fördern.

        Sicher gibt es political correctness von Rechts. Worte wie „Unamerikanisch“ sind ja genau sowas. Und natürlich auch aus der Mitte. Es gibt political correctness schon seit Ewigkeiten, lange bevor das Wort dafür überhaupt erfunden wurde. Ich denke, dass political correctness eng mit dem Problem des Gewissens verbunden ist. Das Gewissen ist eine Art stabilisierender Mechanismus in bestimmten menschlichen Sozialbeziehungen (es hat ja auch eine Geschichte), der dazu dient bestimmten sozialen Normen Legitimität zu verschaffen. Political correctness setzt voraus, dass wir alle wissen, was gerecht ist und dass dann diejenigen, die das Falsche glauben, wünschen etc. sich innerlich untersuchen, ihre Schuld bekennen, bereuen und Besserung geloben. Dieser ganze Mechanismus funktioniert nur, wenn es jemanden gibt, der das Gewissen als Instanz einsetzt und seinen Inhalt beherrscht. Deswegen toben darum solche Kämpfe. Das interessante bei Leibniz ist nun allerdings, dass er dem Gewissen nicht nur keinen systematischen Ort unter den Prinzipien des Naturrechts zuweist, sondern die Reue sogar für ungerecht hält. Weil sie nämlich demjenigen, der Reue zeigt, Schmerzen zufügt und ihn daher schädigt. Sich selbst zu schädigen ist aber nie gerecht.

        Schlecht auch eventuell für denjenigen, der die richtige „innere Haltung“ tatsächlich besitzt, aber auf Grund von Verleumdung in den Ruf gerät, sie nicht zu besitzen. Es dürfte klar sein, auf welcher Grundlage sich die Machtkämpfe in dieser Gesellschaft wohl vollziehen werden.

        Du machst meiner Meinung nach den Fehler anzunehmen, dass jemand, der die entsprechende innere Haltung hat, jemanden öffentlich verleumden könnte. Ich vermute – Leibniz selbst sagt zu diesem Problem meines Wissens nichts – darauf könnte man antworten: Die Absicht den Ruf eines anderen öffentlich zu verschlechtern ist nicht mit der Gerechtigkeit vereinbar. Wenn jemand ein Übel verursacht, dann ist es gerecht ihn dafür zu bestrafen. Wenn er ungerecht ist, dann ist es gerecht ihm zu helfen gerecht zu werden. Ich sehe aber nicht wie es in Leibnizens Naturrecht gerecht sein sollte, jemanden dafür zu verleumden, dass er eine ungerechte innere Haltung hat. Das einzige was nicht gerecht wäre, ist ihm freiwillig die Mittel zu geben, ungerecht handeln zu können. Aber es wäre natürlich gerecht ihm die Mittel zu geben, gerecht werden zu können.

        Die Möglichkeiten umfassender Partizipation an dieser Gesellschaftsordnung sind an den Besitz der richtigen „inneren Haltung“ gebunden.

        Würdest Du jemandem, der Dir die Absicht anzeigt, dich zu exekutieren, eine Waffe geben? Wenn nein, dann schließt Du Menschen aus Gründen der Klugheit von der Partizipation an bestimmter Macht aus. Gerechtigkeit für Leibniz ist nicht anderes als die universelle Klugheit der Menschen mit entsprechender gerechter innerer Haltung. Die gerechte Gesellschaftsordnung besteht aber natürlich auch nur im Verhältnis solcher Menschen zueinander.

        Grundsätzlich nichts dagegen (wiewohl ein Gottesbezug leicht ideologisch instrumentalisiert werden kann), aber diese Definition bräuchte schon eine Konkretisierung. Ansonsten kann man jede mögliche Ideologie damit legitimieren.

        Also ich weiß noch nicht so ganz, ob ich wirklich gar nichts dagegen habe. Sicherlich könnte man versuchen das zu konkretisieren, wobei ich das hier jetzt nicht machen werde. Es sollte bei Leibniz aber erkennbar sein, dass die Gebote Gottes nur insofern Gebote sind, als sie mit der universellen Klugheit des Einzelnen verträglich sind. Denn Gerechtigkeit ohne eigenen Vorteil hält er für Dummheit. Insgesamt ist Leibniz ohnehin ziemlich klug was die Unterwanderung der christlichen Moral angeht. Am Ende harmoniert immer alles mit allem: Klugheit mit Gerechtigkeit, die natürlichen Anlagen mit der göttlichen Gnade, die göttliche Gebote mit dem individuellen Nutzen etc. und er erklärt das dann alles mit dem weisen Ratschluss Gottes, der die beste aller möglichen Welten gewählt hat, die von einer gerechten Universalharmonie regiert wird. Entsprechend hat Leibniz auch eine sehr merkwürdige Auffassung von Erbsünde: Eigentlich ist jede Sünde irgendwie Erbsünde, weil alles Böse nur auf der mangelnden Einsicht in den eigenen Nutzen beruht, weil man die göttliche Universalharmonie noch nicht richtig verstanden hat. Damit ist natürlich von der christlichen Erbsündenlehre in ihrer Substanz eigentlich nichts mehr übrig. Streng genommen muss man also sagen, dass Leibniz das Christentum eher sehr souverän uminterpretiert als. Was auch immer der Gottesbegriff dann noch für eine Funktion hat; er hat jedenfalls nicht dieselbe, die er für einen „normalen“ gläubigen Christen hat.

        Weil diese menschlichen Individuen gerecht sind, deshalb sind also auch ihre Beziehungen zueinander gerecht. Gerechtigkeit wird also hergestellt durch das Eingehen von Beziehungen zwischen gerechten Menschen.
        Da stellt sich ein bißchen die Frage, ob es sich hierbei nicht eher um eine Anleitung für die Auswahl angemessener Bezugspersonen in den privaten Beziehungen handelt anstatt um eine Idee mit aktueller Relevanz für die Politische Philosophie.

        Fairerweise muss ich sagen: Das was ich hier skizzenhaft dargestellt habe, nennt Leibniz die Wissenschaft des Naturrechts, oder die Wissenschaft des Gerechten. Die politische Wissenschaft der Gesetzgebung ist davon unterschieden. Was er dazu geschrieben hat, weiß ich bisher nicht.

        Allerdings: welche Menschen braucht man denn, um eine Gesellschaft nach dem anarchistischen Prinzip der gegenseitigen Hilfe aufzubauen? Ich vermute auch, dass Leibniz zumindest einer derjenigen sein wird, mit dem ich mich noch sehr viel näher beschäftigen muss als ich das bisher getan habe, wenn ich denn irgendwann einmal herausfinden will, was die Bedingungen dessen sind, was Foucault „Praxis der Freiheit“ nennt.

  6. @ Itsme

    „Du solltest erwarten können, das mich die Reflexivität einer Position immer auch interessiert, oder?“

    Ich habe den Eindruck, dass das radikale Sich-Nicht-Festlegen, die totale Ablehnung jedes „Ismus“ durchaus eine herrschaftsstabilisierende Funktion erfüllen kann. Ist es nicht genau diese Mentalität, die der neoliberale Kapitalismus für sein optimales Funktionieren benötigt? In diesem Fall kann die Ablehnung jedes „Ismus“ eben gerade zu einer die Herrschaft des neoliberalen Kapitalismus absichernden ideologischen Position führen, eine ideologische Position, die gerade in ihrem vorgeblichen Gehalt alles Ideologische abzulehnen, behindert, dass den bestehenden Herrschaftsverhältnissen eine adäquate kritische Theorie entgegengestellt wird, und die dadurch zur Legitimierung der herrschenden Ideologien (verstanden als Ideologien der Herrschenden) beiträgt.

    „Was ist Dein Kriterium für Brauchbarkeit?“

    Das Vorhandensein von Reflektionen entweder mit zeit- und kulturübergreifender Gültigkeit oder aber von Reflektionen, die kontextsspezifisch auf heutige gesellschaftliche Fragen und Probleme anwendbar sind.

    „Das kann man allerdings eben auch im Marxismus mit seinem Gegensatz gegen die sog. “bürgerliche” Philosophie sehr gut sehen.“

    Das stimmt leider zum Teil.
    Georg Lucaks Generalangriff auf die „bürgerliche Philosophie“ in „Die Zerstörung der Vernunft“ verabscheue ich genauso wie ich die konservativen „Kulturbanausen“ verabscheue. Adorno hatte m.E. Recht damit, dieses Werk von Lukacs als die Zerstörung der Vernunft von Lukacs selbst zu bezeichnen.

    “Man muß die Menschen immer von ihrer besten Seite betrachten, es sei denn, man wäre gezwungen, sich mit ihnen auf ein Geschäft einzulassen, denn dann ist es vernünftig, Sicherungsvorkehrungen zu treffen.”

    Dieses Zitat ist tatsächlich gelungen.

    „Du machst meiner Meinung nach den Fehler anzunehmen, dass jemand, der die entsprechende innere Haltung hat, jemanden öffentlich verleumden könnte.“

    Nein, aber jemand, der diese Haltung nicht hat, könnte vorgeben sie zu haben und jemanden öffentlich verleumden – mit den besten verantwortungsethischen Begründungen natürlich.

    „Würdest Du jemandem, der Dir die Absicht anzeigt, dich zu exekutieren, eine Waffe geben? Wenn nein, dann schließt Du Menschen aus Gründen der Klugheit von der Partizipation an bestimmter Macht aus.“

    Bei diesem Beispiel besteht aber bereits mehr als eine reine Gesinnung, nämlich ein Zusammenhang von Gesinnung und Handlungsabsicht.
    Der Unterschied zwischen reiner Gesinnung einerseits und Handlungsabsicht und Handlung andererseits ist aber sehr wichtig. Unser Strafrecht ist z.B. ein Tatstrafrecht, kein Gesinnungsstrafrecht. Bei Leibnitz hörte es sich bisher so an, als wolle er Gesinnungen unabhängig von geplanten oder begangenen Taten sanktionieren. Das würde dann auf eine Gesinnungsdiktatur hinauslaufen.

    „Allerdings: welche Menschen braucht man denn, um eine Gesellschaft nach dem anarchistischen Prinzip der gegenseitigen Hilfe aufzubauen?“

    Die evolutionspsychologische Disposition zur Kooperation ist ja schon im Menschen angelegt, ebenso wie die zur Selbstbehauptung.
    Es würde bei dieser Frage also darum gehen, die gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse und das kulturelle Wertesystem so zu verändern, dass die für Kooperation zuständigen evolutionären Mechanismen häufiger anspringen als die für Konkurrenz zuständigen und stärker als diese zur Geltung kommen – zumindest in den gesellschaftlichen Bereichen, in denen nach libertär-sozialistischer Auffassung eher Kooperation als Konkurrenz gewünscht ist.
    Die Gefahr der Verselbständigung der mit hohen Statuspositionen verbundenen Macht würde darüber hinaus, durch die basisdemokratische Kontrolle dauerhaft eingeschränkt.

    Könntest Du die Bücher von Leibnitz mal kurz nennen, auf die Du Dich bisher bezogen hast?

    • Ich habe den Eindruck, dass das radikale Sich-Nicht-Festlegen, die totale Ablehnung jedes “Ismus” durchaus eine herrschaftsstabilisierende Funktion erfüllen kann. Ist es nicht genau diese Mentalität, die der neoliberale Kapitalismus für sein optimales Funktionieren benötigt?

      Ah, doch noch ein bisschen alter Leninismus :D. Es stimmt meiner Meinung nach keineswegs, dass in der einer Klassengesellschaft alle eine Klassenideologie haben. Darüber hinaus: Ich habe ja eine Festlegung. Meine Auffassung ist in etwa, dass ich diejenige Politik unterstützte, die meine Freiheit und die Freiheit einer möglichst großen Zahl anderer Menschen – verstanden als Fähigkeit zur Selbstbestimmung der eigenen Lebensverhältnisse – vermehrt und ich keine Politik unterstützte, die meine Freiheit verringert oder gar aufheben möchte. Das ist ähnlich dem, was Leibniz so schreibt, allerdings nicht ganz dasselbe denke ich. Ich habe allerdings ernste Zweifel, dass die Ismen, die verfügbar sind, das leisten können.

      Außerdem sehe ich das auch nicht ganz so, was den Neoliberalismus angeht. Immerhin gibt es ja sehr wohl ideologische Festlegungen dort. Beispielsweise lässt sich schlecht mit Neoliberalen über Planwirtschaft sprechen. Dass Märkte besser sind als Staaten, dass Staaten deswegen nur die Funktion zukommen, bestimmte juristische Rahmenbedingungen zu setzen etc. sind alles ideologische Voraussetzungen. Und abgesehen davon enthält der Neoliberalismus sogar Elemente einer prophetischen Heilslehre, weil seine überzeugten Anhänger ja wirklich meinen das optimale Wohlfahrtsergebnis im Blick zu haben. Aber die Lage hat sich natürlich gerade etwas geändert. Die mathematischen Modelle, die das plausibilisieren sollten, haben allesamt in der Krise versagt. Was jetzt also noch vom Neoliberalismus übrig ist, hat gewissermaßen auch seinen Offenbarungseid leisten müssen – es hält sich aber bislang hartnäckig mangels artikulationsfähiger Alternativen.

      Für mich ist dabei eher folgendes entscheidend: Wenn der Kapitalismus gut läuft, dann wird ohnehin kaum jemand revolutionär. Wenn der Kapitalismus aber aus seiner eigenen Funktionsweise heraus seine eigene Funktion behindert, was er periodisch immer wieder tut, dann muss jemand kommen, der irgendwie mit dem Widerspruch umgeht. Also z.B. heute. Man braucht also ein guten allgemeinen Begriff davon, sich in einer Situation orientieren zu können, in der die Orientierung an der Vergangenheit nicht mehr richtig funktioniert. Nenne mir doch mal eine ideologische Bewegung, die heute die entsprechende Handlungsfähigkeit aufzuweisen hätte, um sich so einem Problem zu stellen? Ich sehe sie nicht.

      Das Vorhandensein von Reflektionen entweder mit zeit- und kulturübergreifender Gültigkeit oder aber von Reflektionen, die kontextsspezifisch auf heutige gesellschaftliche Fragen und Probleme anwendbar sind.

      Ok, gut. Was ist Dein Kriterium für Anwendbarkeit und Gültigkeit? Also worauf ich hinaus will ist das: Wenn Du z.B. sagst die Auffassung XYZ, die wir bei Rousseau finden, ist sehr brauchbar heute, dann würde ich fragen: Bruachbar für wen und wozu? Was ich vermuten würde ist, dass Leibnizens „innere Haltung“ sich darin bemerkbar machen wird, was als brauchbar ausgewählt wird und was nicht. Der Grund ist folgender: Das Nützliche (was ich hier als Synonym des brauchbaren unterstelle) ist Ausdruck einer bestimmten Ordnung von Präferenzen. Diese mag zwar inkonsistent und daher über die Zeit hinweg instabil sein, aber sie ist dennoch nicht arbiträr. Und nun mag man sich fragen, nach welchen Prinzipien reorganisieren sich die eigenen Präferenzen über die Zeit hinweg, wenn sich bestimmte Inkonsistenzen im praktischen Handeln manifestieren? Ich glaube, dass diese Prinzipien das sind, was Leibniz als Begriff von „Gerechtigkeit“ bezeichnen würde, und dass das System der aus diesen Prinzipien auf Basis von Erfahrung gezogenen praktischen Schlüsse eine Form von politischem Handeln ergibt. Das heißt aber, dass jede Form von Reorganisation der eigenen Präferenzen und auch der Revision der eigenen Überzeugungen, ob bewusst oder unbewusst, einen solchen Begriff der „Gerechtigkeit“ voraussetzt. Und nun kann man sich fragen welcher Begriff hier vorliegt. An dem Punkt angelangt sieht man auch, warum die klassische politische Philosophie sich so viel mit dem tugendhaften Menschen beschäftigt. Die Bestimmung des tugendhaften Menschen ist wesentlich für die Bestimmung der besten politischen Ordnung, weil die politische Ordnung und die Ordnung der Seele in einer Beziehung der Symmetrie zu einander stehen. In diesem Fall verhält sich die politische Philosophie zur politischen Ideologie der letzten 200 Jahre (vorher gab es ja keine „Ideologie“ sondern eine theologia civilis oder politische Theologie) wie die Psychoanalyse zur verdrängten Ursache der Begierde eines sich anzeigenden Symptoms.

      Slavoj Zizek hat nun über die Postmoderne, in Bezug auf die individuelle Neigung zur Melancholie gesagt, sie sei nicht lediglich der Verlust des Symptoms sondern der Verlust der Ursache der Begierde selbst. Was dann zu einem Zynismus führt, der sich nur aufrecht erhalten lässt, indem er sich selbst einen Fetisch konstruiert, der die Distanz der entideologisierten Wirklichkeit aufrechtzuerhalten erst möglich macht. Die Melancholie ist die genießende Beziehung, die sich zu diesem Fetisch ergibt, die nicht im Konsum des Fetisches sondern in seiner distanzierenden Andersheit besteht. Aus dieser Bemerkung heraus wäre angebracht zu fragen, ob nicht das bewusste Bekenntnis zu einer Ideologie (z.B. Marxismus, Konservativismus) in einer zynischen Welt auch eine Form von Zynismus ist. Der Fetisch scheinen dann nämlich die „Werte“ zu sein – Werte, die ja übrigens, wie ich immer wieder gern in Erinnerung rufen möchte, eine Erfindung der Deutschen Universitätsphilosophie des 19. Jahrhunderts sind, und zwar eine Erfindung, die den neuen deutsch-preußischen Staat gegenüber den Forderungen der aufkommenden Arbeiterbewegung legitimieren sollte. Ich glaube nun eben nicht, und das wäre dann quasi meine polemische Replik auf Deinen kleinen Rückfall in den Keine-Ideologie-ist-auch-eine-Ideologie-Leninismus, dass eine grundlegende Veränderung der Dynamik der Begierde in einer Gesellschaft irgendjemanden unbeeinflusst lassen würde. In gewisser Weise gilt als das umgekehrte: Eine Ideologie ist auch keine Ideologie. Die einzige Möglichkeit besteht dann darin, seine Dynamik der Begierde selbst zum Gegenstand zu machen; woraus wir einsehen können, warum die klassische politische Philosophie meinte, die Vernunft müsse die Leidenschaften in ein bestimmtes Verhältnis zueinander bringe. Interessant ist auch, dass sich das, in gewisser Weise, auch bei Leibniz wiederfindet, der nämlich der Auffassung ist, dass „es keine sogenannte moralische Tugend gibt außer einer einzigen, nämlich, um mich so auszudrücken, Herr zu sein über seine Lebensgeister und sein Blut: sich glühend ereifern, sich erheben und wieder abkühlen zu können, sich freuen und leiden zu können, sooft, solange und so heftig man will.“ Foucault hat also sehr richtig gesehen, dass der Zusammenhang zwischen der Regierung des Selbst und der Regierung der Anderen grundlegend ist.

      Unser Strafrecht ist z.B. ein Tatstrafrecht, kein Gesinnungsstrafrecht. Bei Leibnitz hörte es sich bisher so an, als wolle er Gesinnungen unabhängig von geplanten oder begangenen Taten sanktionieren. Das würde dann auf eine Gesinnungsdiktatur hinauslaufen.

      Nun sehe ich nicht, dass Leibniz Gesinnungen bestrafen will. Im Gegenteil, er diskutiert Strafe im Zusammenhang mit vorsätzlicher Verursachung von Schaden. Ich habe allerdings auch Zweifel, dass das, was er mit Geisteshaltung meint, eine Gesinnung im modernen Sinn von Gesinnungsethik ist. Das interessante an Leibniz ist ja die Behauptung einer Harmonie von Gesinnungs- und Verantwortungsethik in seinem Naturrecht.

      Diese Konstruktion der inneren Haltung desjenigen, der alle liebt, dient eher dazu den Begriff des Gerechten zu bestimmten und zu entwickeln. Daraus ergibt sich ein System von Pflichten mit einer Art Modallogik, die dann in ihren Folgerungen eine Wissenschaft der Gerechtigkeit darstellt. Modallogik deswegen, weil Leibniz die Handlungen ethisch danach bewertet, ob sie dem Menschen mit gerechter Haltung notwendig, möglich oder zufällig sind, woraus er dann seinen Begriff der naturrechtlichen Verpflichtung gewinnt – der sich allerdings auch auf Handlungen bezieht, nicht auf die Einstellung selbst. Interessant ist dabei, dass der so entwickelte Begriff des Gerechten kein rein äußerliches soziales Verhältnis bezeichnet, sondern eine Art Habitus ist, der ein soziales Verhältnis erzeugt. Heute würde man sagen: Gerechtigkeit als soziales Verhältnis ist bei Leibniz eine emergente Eigenschaft der Interaktion von Menschen mit gerechtem Habitus. Deswegen würde ich vermuten, dass seine politische Wissenschaft der Gesetzgebung dann darauf zielt zu bestimmen, wie man Gesetze erlässt und durchsetzt, so dass sich Verhältnisse ergeben, die dem Begriff des Gerechten, den das wissenschaftliche Naturrecht ausführt, am ehesten entsprechen. Aber wie gesagt, seine Überlegungen dazu kenne ich nicht.

      Es würde bei dieser Frage also darum gehen, die gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnisse und das kulturelle Wertesystem so zu verändern, dass die für Kooperation zuständigen evolutionären Mechanismen häufiger anspringen als die für Konkurrenz zuständigen und stärker als diese zur Geltung kommen – zumindest in den gesellschaftlichen Bereichen, in denen nach libertär-sozialistischer Auffassung eher Kooperation als Konkurrenz gewünscht ist.

      Und das klingt dann in der Tat ziemlich nach leibnizscher „Nomothetik“, also wissenschaftlicher Gesetzgebung. Allerdings würde ich aus o.g. historischen Gründen den Begriff „Wert“ vermeiden. Was allerdings voraussetzt, dass man Menschen zusammenbringt, die mit sowas anfangen wollen, und, dass man eine Wissenschaft darüber hat, welche Organisation der Kooperation langfristig die beste ist. Und da krankt interessanterweise die Linke sehr deutlich heute; es gibt zwar immer wiederkehrende Diskussionen zur „Organisationsfrage“, aber man meint quasi, diese Frage a priori lösen zu können. Dementsprechend streitet man sich auch vor allem a priori. Das scheint mir allerdings totaler Unsinn zu sein. Wesentlich wäre es, sich klar zu machen, wie die Verhältnisse der Menschen untereinander innerhalb der eigenen politischen Organisation sein sollen und dann Formen von Organisation experimentell auszuprobieren und beständig gegeneinander abzuwägen, ob sie diesem Begriff des idealen Verhältnisses in einer gegebenen Situation entsprechen. Da sie das wahrscheinlich selten tun werden, ergeben sich bestimmte Formen der Selbstregulation von solchen Organisationen (in Leibnizens modallogischer Terminologie: Was dem guten Menschen notwendig ist, dass ist allen obligatorisch). Man bräuchte also sowas wie eine bewusste evolutionäre Organisationsplanung nach bestimmten Selektionskriterien. Der Zweck der Organisation wäre dabei nichts weiter als die in ihr organisierten Menschen selbst. Das ist natürlich etwas ganz anderes als eine leninistische Partei, oder eine „antikapitalistische“ Linke oder sowas – denn hier liegt der Zweck der Organisation in einer externen Beziehung. Aber es ist auch etwas anderes, als der von Lenin ja nicht ganz zu Unrecht kritisierte Ökonomismus.

      Könntest Du die Bücher von Leibnitz mal kurz nennen, auf die Du Dich bisher bezogen hast?

      Ja sicher. Insbesondere:

      Frühe Schriften zum Naturrecht, Hrsg. von Hubertus Busche, Hamburg: Felix Meiner. 2003.

      Ansonsten auch noch:

      Politische Schriften I und II, Hrsg. von Hanz Heinz Holz, Frankfurt: Europäische Verlagsanstalt. 1966/1967.

      Um mal einen Überblick zu bekommen, was Leibniz sonst noch so alles gemacht hat, hier der Editionsplan, der nach wie vor nicht fertiggestellten Gesamtausgabe seiner Schriften und Briefe:

      http://www.leibniz-edition.de/Baende/Druckausgaben/index.html

    • Was mir beim Lesen meines eigenen Textes noch aufgefallen ist, und worüber ich selbst nochmal reflektieren muss ist, dass für Leibniz offenbar nicht nur Gesinnungen nicht Gegenstand von Strafe sind, sondern auch nicht Gegenstand von Obligationen. Es ist nie verpflichtend ein guter Mensch zu sein, sondern nur so zu handeln, es wäre man einer. Da der gute Mensch ja über den Habitus definiert ist, gut zu handeln, erkennt man auch, wieso das gewissermaßen „in der Unendlichkeit“ zusammenfallen muss.

      Und das ist ein interessanter Unterschied zu Kant, der die subjektiven Maximen zum Gegenstand der ethischen Pflicht gemacht hat. Woraus sich erklärt, dass Kant das Gewissen in der Ethik für zentral hält, Leibniz es aber für irrelevant oder sogar schädlich erklärt.

      • @ Itsme

        Dieser Unterschied zwischen Leibnitz und Kant ist in der Tat sehr interessant.
        O.k., dann lässt sich mit Leibnitz also keine neue Variante der Political Correctness entwerfen. Und Leibnitz hat also sogar eine der wohl frühesten Kritiken an bestimmten Gewissensfunktionen (in psychoanalytischer Terminologie Über-Ich-Funktionen) entwickelt.

        Leibnitz gehört zu den Philosophen, mit denen ich mich leider (von einigen kurzen Ausflügen in seine Theorien zur Theodizee abgesehen) noch kaum beschäftigt habe. Das Interesse ist jetzt aber geweckt.

        Zu dem Rest dann, wenn ich endlich mehr Zeit habe.

        Nur auf das Prinzip des freiheitlich-sozialistischen
        Anti-Dogmatismus, erstmalig formuliert in einem Brief von Proudhon an Marx und dann unermüdlich von Theoretikern des libertären Sozialismus wiederholt, möchte ich noch kurz verweisen, indem ich die entsprechende Passage von Proudhon zitiere. Die Unterschiede zum Leninismus dürften erkennbar sein:

        „“Lassen Sie uns gemeinsam, wenn Sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft ergründen, die Art und Weise, wie diese Gesetze sich durchsetzen, die Methode, mit der wir sie entdecken können; aber nachdem wir alle Dogmen zertrümmert haben, lassen Sie uns um Gottes Willen nicht dazu verleiten, die Menschen unsererseits zu indoktrinieren; lassen Sie uns nicht den gleichen Fehler begehen, wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die katholische Theologie stürzte, an deren Stelle eine protestantische Theologie mit Exkommunikation und Bannfluch setzte. Die letzten drei Jahrhunderte war Deutschland hauptsächlich damit beschäftigt, Luthers Pfuscherei rückgängig zu machen; lassen Sie uns nicht die Menschheit mit einer ähnlichen Sauerei zurücklassen. Ich appelliere an Sie aus vollem Herzen, alle Ihre Ansichten auszusprechen; lassen Sie uns kollegial streiten und der Welt ein Beispiel unserer erlernten und weitsichtigen Toleranz geben. Lassen Sie uns nicht, weil wir an der Spitze einer Bewegung sind, zu den Führern eitler neuer Intoleranz machen und nicht als Apostel einer neuen Religion auftreten, selbst wenn diese Religion die Religion der Logik, die Religion der Vernunft wäre. Lassen Sie uns alle Einwände annehmen und ermutigen, und jede Ausschließlichkeit, jedes religiöse Dogma entmutigen. Lassen Sie uns niemals eine Frage als veraltet betrachten, und wenn uns die Argumente ausgehen, lassen Sie uns nötigenfalls von vorne beginnen – mit Eloquenz und Ironie. Unter dieser Bedingung werde ich gerne ihrem Verein beitreten. Ansonsten – nein!“

      • Leibniz wird oft mit einem naiven Optimismus verbunden. Das mit der „besten aller möglichen Welten“ wird meistens in dieser Art verstanden. Aber es gibt ja auch genug Leute, die sehen in Hegel den Preußischen Staatsphilosophen, der sich selbst für das Ende der Geschichte gehalten habe. Das sind alles Mythen, die selbst eine bestimmte Geschichte haben und leider immer wieder reproduziert werden, meist schlicht aus Faulheit.

        Political Correctness lässt sich leider mit allem betreiben, weil man jeden Inhalt zur Ideologie transformieren kann. Das liegt daran, dass Ideologie keinen Inhalt hat, sondern eine Form ist, sich auf Inhalte überhaupt zu beziehen. Ich würde sagen, sie ist eine Form von Subjektivität.

        Hast Du zu dem Brief von Proudhon eine Quelle?

  7. @ Itsme

    Also, die französische Originalquelle des Proudhon-Zitats ist:

    Brief an Karl Marx vom 17. Mai 1846, Correspondance de P.J. Proudhon, editee par J.A. Langlois, Paris, Librairie internationale, A. Lacroix, Verboeckhoven et Cie, 1874 – 1875, 14 vol. in –8, II – 202

    Deutsche Übersetzungen des Zitats (in mehreren Varianten) finden sich in zahlreichen Büchern (oder auf Internetseiten), z.B.:

    Arthur Mülberger – P.J. Proudhon, Leben und Werke, Mackay-Gesellschaft, 1979, Freiburg, S. 54 f.

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