Frauenquoten für die Parteien

Nach dem durch die Stärkung konservativer Parteien der Anteil der Frauen im Bundestag gesunken ist wurde in einem Beitrag in dem SPD-Blatt „Vorwärts“ durch Frau Elke Ferners die Idee ins Gespräch gebracht, dass man eine Frauenquote für die Parteien benötigen würde:

Wir sehen, dass der Frauenanteil in den Parteien mit parteiinternen Quotenregelungen deutlich besser ist. Der Frauenanteil bei Grünen und Linken liegt bei über 50 Prozent, bei der SPD bei 42 Prozent. Für uns ist es nach 2013 die zweite Wahlperiode mit über 40 Prozent in der SPD-Bundestagsfraktion. Deutlich wird aber auch, dass mit dem geltenden Wahlrecht eine paritätische und damit repräsentative Vertretung von Frauen und Männern im Bundestag kaum zu erreichen ist.

Was ist zu tun?

Wenn in dieser Wahlperiode das Wahlrecht geändert wird, plädiere ich dafür, auch das Thema paritätische Besetzung der Parlamente anzugehen. Vorbild können Frankreich und andere europäische Länder sein, in denen eine paritätische Besetzung bereits im Wahlrecht verankert ist. Diese Debatte muss jetzt geführt werden.

Dann ist der geringe Frauenanteil im neuen Bundestag als Signal zu verstehen?

Die Parlamente sollen ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Frauen zählen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung und sollten auch die Hälfte der Mandate im Bundestag haben. Wenn das über die Parteien nicht möglich ist, müssen wir das über unser Wahlrecht absichern.

Das war auch bereits Thema anderer Beiträge auf anderen Blogs zB:

Die Kritik wären aus meiner Sicht:

  • Es besteht kein Anspruch auf repräsentative Vertretung: Sie existiert auch für keine andere Gruppe. Wenn Leute mehr Frauen im Parlament wollen, dann müssen sie eben Parteien wählen, die mehr Frauen aufstellen. Wenn ihnen diese nicht gefallen, dann müssen sie Prioritäten setzen, wie bei jeder sonstigen Frage auch
  • Wenn man mit Quoten bei Frauen anfängt, warum dann nicht auch für Männer (zB bei den Grünen), oder nach Alter, Hautfarbe, Beruf oder anderen Kriterien, die nicht vertreten sind?
  • Es ist mit unserem Wahlrecht schwer zu vereinbaren, weil Direktmandate vorhanden sind nach der 1. Stimme. Hier würde selbst eine Vorschrift, die vorschreibt, dass auch diese zu 50% besetzt werden wenig helfen, weil in bestimmten Kreisen eine höhere Aussicht auf ein Direktmandat besteht. Es wäre auch schwer zu entscheiden, welcher Wahlkreis jetzt quotendienlich besetzt wird und welcher nicht. Ein „Nachrücken“ des mit weniger Abgeordneten bedienten Geschlechts könnte zwar Abhilfe schaffen, würde aber auch nicht helfen, wie die CDU zeigt, bei der über die Liste niemand einzieht, sondern nur Direktmandate.
  • Es ist eine unzulässige Einmischung in die internen Angelegenheiten einer Partei und auch auf deren Besetzung und damit auf das Wahlrecht:
    Wenn eine feministische Partei allein Frauen aufstellen will um das Patriarchat zu bekämpfen, dann muss ihr das möglich sein.
    Wenn eine „Väterpartei“ nur Väter aufstellen möchte, dann muss ihr auch das möglich sein.
    Aber auch abseits solcher Spezialthemen muss eine Partei entscheiden können, wer ihre Interessen und ihre Überzeugungen am Besten vertritt und diese Person aufstellen können. Und das eben auch, wenn es eher Männer als Frauen oder eher Frauen als Männer sind.
    Es kann nicht sein, dass eine Partei eine andere Person vorziehen muss, die weniger hinter ihrer Idee steht oder diese aus ihrer subjektiven Sicht schlechter oder weniger engagiert vertritt oder auch nur mit geringeren finanziellen eigenen Aufwand weil sie einer Quote folgt. Gerade das Argument der „Repräsentation“ spricht dafür, dass man sich davon andere Inhalte verspricht, darauf darf in einer freien Wahl aber kein Einfluss genommen werden.
  • Es spricht den Frauen die Fähigkeit ab, nach ihren eigenen Interessen zu wählen: Wer meint, dass Frauen bei freien geheimen Wahlen keine Entscheidung treffen können, die für sie vorteilhaft ist und damit als mündige Bürger wählen, der sieht sie nicht als mündige Bürger an.

Aranxo verweist zu recht auch auf die Rechtsprechung, die darauf abstellt, dass der Staat keinen Einfluss auf die Wahl nehmen darf, auch nicht um die Gleichstellung der Frau durchzusetzen.

Die interessanten Vorschriften aus dem Grundgesetz sind aus meiner Sicht diese:

Art. 21

(1) 1Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. 2Ihre Gründung ist frei.3Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. 4Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.

(2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig.

(3) 1Parteien, die nach ihren Zielen oder dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind von staatlicher Finanzierung ausgeschlossen. 2Wird der Ausschluss festgestellt, so entfällt auch eine steuerliche Begünstigung dieser Parteien und von Zuwendungen an diese Parteien.

(4) Über die Frage der Verfassungswidrigkeit nach Absatz 2 sowie über den Ausschluss von staatlicher Finanzierung nach Absatz 3 entscheidet das Bundesverfassungsgericht.

(5) Das Nähere regeln Bundesgesetze.

Damit gibt das Grundgesetz vor, dass die innere Ordnung lediglich demokratischen Grundsätzen entsprechen muss, wozu Gleichberechtigung oder gar Gleichstellung erst einmal nicht gehört. Wer weniger Frauen ins Parlament bringt will auch nicht die FDG beseitigen oder beeinträchtigen.

Des weiteren heißt es dort:

Art. 38

(1) 1Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. 2Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

(2) Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, mit dem die Volljährigkeit eintritt.

(3) Das Nähere bestimmt ein Bundesgesetz.

Dort wird bereits angeführt, dass die Abgeordneten Vertreter des ganzen Volkes sind und nicht etwa Männer nur Vertreter der Männer. Eine repräsentative Vertretung, wonach nicht Vertreter eines Volkes, sondern einzelner Gruppen einziehen, ist damit schwer zu vereinbaren.

Frau Ferner führt an;

Nun werden Kritiker einwerfen, dass es Gleichstellung bereits gibt und Frauen alle Möglichkeiten haben. Was sagen Sie denen?

Das ist wieder das Motto „die Frauen sind selbst schuld“. Frauen haben aber die gläsernen Decken nicht erfunden. Das sind Schutzwälle der Männer. Schauen wir beispielsweise auf die FDP. Die behauptet immer, wer qualifiziert ist, wird auch gewählt. Wenn es aber bei der FDP nur ein Fünftel qualifizierte Frauen und bei der Union noch weniger gibt, die sichere Plätze haben und in den Bundestag einziehen, dann tun mir die Frauen in diesen Parteien einfach nur leid. Leider wirkt sich das dann auch auf die Gleichstellungspolitik aus. Frauen und Männer, die sich eine tatsächliche Gleichstellung wünschen und in einer modernen vielfältigen Gesellschaft mit gleichen Chancen für alle leben wollen, haben keine Lobby in diesen Fraktionen. Diese Wahlperiode wird eine des gleichstellungspolitischen Stillstandes werden.

Nur das die CDU mit deutlich weniger Frauenanteil eben wesentlich mehr Frauen überzeugt hat als die SPD. Man könnte dem Gedanken folgend anführen, dass einem die SPD leid tun kann, die anscheinend  mit doppelt so vielen Frauen nur die Hälfte der Wählerinnen überzeugen konnte. Werden die Frauen dann in der SPD vierfach so stark unterdrückt, weil sie anscheinend ihre Ideen zur Frauenvertretung nicht umsetzen konnten, denn sonst hätten sie nach der Logik ja mehr Frauen gewählt?

Anscheinend haben Frauen, die sich eine Gleichstellung wünschen schlicht keine Lobby bei den Wählerinnen.

Nun mehr diesen Wählerinnenwillen zu umgehen indem man zwangsweise Frauen in die Parteien setzt ist geradezu absurd und undemokratisch. Zum einen erklärt sie, dass Gleichstellung nur über Frauen geht. Zum anderen spricht sie den Wählerinnen ab, dass sie Parteien wählen, die ihre Interessen vertreten.

Tatsächlich ist es auch keine gläserne Decke, gegen die Frauen stoßen, sondern schlicht ihre schlechte Beteiligung an den Parteien. Alle Parteien haben prozentual zumindest die gleiche Anzahl  weiblicher Abgeordnete in den Bundestag geschickt die auch dem Verhältnis weiblicher Mitglieder entspricht.

Weiter im Interview

Frau Ferner, die SPD hat mit Andrea Nahles eine Frau an die Spitze der Bundestagsfraktion gewählt. Freut Sie das?

Ja, es freut mich wirklich sehr. Am Mittwoch hat die SPD-Bundestagsfraktion Geschichte geschrieben. Etwas spät, wie ich finde. Aber besser spät als nie. Nun ist zu hoffen, dass auch die anderen Funktionen, nämlich in der Fraktion und in der Partei paritätisch besetzt werden.

Auch interessant:

Ihre Partei „schreibt Geschichte“ mit einer ersten weiblichen Fraktionsvorsitzenden und Null  (0) weiblichen Kanzlerkandidatinnen, die Partei, der sie Stillstand der Gleichstellung vorwirft, 2002 ihre erste Fraktionsvorsitzende hatte (Merkel)  und seit 2005 eine Bundeskanzlerin stellt (ebenfalls Merkel). Auch die FDP hatte bereits 2009 eine Fraktionsvorsitzende (Birgit Homburger). Und die AFD hat von Anfang an mit Weidel eine Fraktionsvorsitzende (zusammen mit Gauland).  Tatsächlich ist die SPD die letzte der im Bundestag vertretenen Parteien, die eine weibliche Fraktionsvorsitzende hatte. 

Vielleicht geht es eher den Frauen in der SPD schlechter als in anderen Parteien.

Interessant aus dem ersten Abschnitt fand ich im übrigen noch ihren Hinweis auf Frankreich und die EU.

Zu Frankreich habe ich das hier gefunden:

Seit Beginn des Jahrhunderts wurde die Gesetzgebung zum Thema Gleichstellung zwischen Mann und Frau mehrfach geändert. 1999 wurde im Rahmen einer Verfassungsänderung Artikel 3 der Verfassung der Fünften Republik wie folgt ergänzt: „Das Gesetz fordert den gleichen Zugang von Frauen und Männern zu den Wahlmandaten und auf einer Wahl beruhenden Ämtern“. Diese Ergänzung wurde 2008 in Artikel 1 aufgenommen. Erst diese neue verfassungsrechtliche Bestimmung machte die Verabschiedung weiterer Gesetze zur Förderung des Zugangs von Frauen zu Wahlmandaten möglich.

2000 wird die öffentliche Finanzierung politischer Parteien per Gesetz so geändert, dass ein Teil der staatlichen Förderung nur dann ausgezahlt wird, wenn die Kriterien für eine gleichberechtigte Aufstellung von Kandidaten bei regionalen und nationalen Wahlen erfüllt sind.

Also eine indirekte Frauenquote über die Parteienfinanzierung. Ich würde davon ausgehen, dass auch ein solcher Ansatz als Umgehung gegen die oben angeführten Wahlgrundsätze verstoßen würde. In Frankreich wird allerdings auch jeder Wahlkreis nach dem Mehrheitsprinzip vergeben (also der mit den meisten Stimmen im zweiten Wahlgang erhält den Platz). Zur EU habe ich nichts zu Quoten gefunden.

Dann noch ein paar taktische Erwägungen:

Ist es tatsächlich schlau für die SPD (oder linke Parteien) eine Frauenquote für alle Parteien einzuführen?

Ich würde sagen: Es kommt darauf an

  • Wenn es so wäre, dass die anderen Parteien damit keine Fraueninteressen vertreten und damit Frauen mehr Gleichberechtigung oder gar mehr Gleichstellung einfordern wollen, dann rauben sich die linken Parteien ein Alleinstellungsmerkmal bei einer großen Wählerschicht.
    Ihr Argument „Hier werdet ihr von Frauen vertreten, wählt daher uns“ würde dann wegfallen und die CDU, die FDP etc könnten anführen, dass sie genauso mit Frauen aufwarten können, wie die anderen Parteien auch.
  • Gehen sie davon aus, dass mehr Frauen im Bundestag dazu führen, dass die CDU feministischer wird, dann würden sie auch eher Wähler verlieren und könnten sich weniger abgrenzen
  • Wenn sie davon ausgehen, dass die Frauenquote eine Last ist und die CDU einen Vorteil davon hat, dass sie diese nicht hat, dann wäre es taktisch schlau, dass sie eine solche einführen wollen
  • Wenn sie davon ausgehen, dass eine solche eh nicht umgesetzt werden kann, sie aber mit Virtue Signalling Punkte machen, dann wäre es ebenfalls taktisch schlau, dies in die Diskussion zu werfen, die Umsetzung wäre dann aber nicht Priorität-

Natürlich kann aus Sicht feministischer Parteimitglieder der Anteil der Frauen am Parlament ein Gewinn an sich sein, bei dem taktische Gedanken keine Rolle spielen.

 

Tag der deutschen Einheit

Der Tag der deutschen Einheit ist immer ein Tag, bei dem es auch darum geht, ob Deutschland zusammengewachsen ist.

Interessant sind da die Ergebnisse der Bundestagswahl:

Bundestagswahl 2017 Ost west

Bundestagswahl 2017 Ost west

Natürlich haben Menschen, die arm sind, auch an sich eher AFD und die Linke gewählt und der Osten ist ärmer als der Westen.

Meine Theorie ist ja, dass der Osten die stärkere Akzeptanz der AFD auch dem Sozialismus zu verdanken hat: Sozialismus ist eine Ideologie, die die Gemeinschaft an erste Stelle stellt und das Individuum dahinter zurücktreten lässt. Jede Ideologie, die darauf abstellt, hat ein Trittbrettfahrerproblem und muss ein entsprechendes Denken, dass jeder seinen Teil beitragen muss, besonders predigen und doch vorhandene Trittbrettfahrer bestrafen.

In der DDR hieß es folglich in § 249 STGB DDR:

§ 249. Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten.

(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer der Prostitution nachgeht oder in sonstiger Weise die öffentliche Ordnung und Sicherheit durch eine asoziale Lebensweise beeinträchtigt.

(3) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.

(4) Ist der Täter nach Absatz 1 oder 2 oder wegen eines Verbrechens bereits bestraft, kann auf Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren erkannt werden.

(5) Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.

Es würde mich wenig verwundern, wenn man als in einem solchen System erzogenen gegenüber Asylanten bzw Leuten, die sich als solche ausgeben, um staatliche Leistungen zu erhalten, wesentlich kritischer eingestellt ist.

„Persönlichkeitsmerkmale haben größeren Einfluss auf Gehaltsunterschiede als Geschlecht“

Appelle an das Wohl der Gruppe und Appelle an das Wohl des Einzelnen

Ich hatte bereits in einem Artikel etwas zu den Versuchen der SPD gesagt, sich über Gender Pay Gap etc zu profilieren:

Und selbst Bilder, die Frauen in technischen Bereichen zeigten und Lohngerechtigkeit herstellen wollten, also zeigten, dass die SPD da ganz modern denkt, halfen nicht:

SPD Frauen im technischen Bereich halfen auch nicht

SPD Frauen im technischen Bereich halfen auch nicht

Ich finde das Motiv eh interessant: Es ist in gewisser Weise ein Bekenntnis dazu, dass man Frauen natürlich auch technische Berufe zutraut. Nur arbeiten eben die wenigsten Frauen im Blaumann an Großmaschinen. Theoretisch schwächt es damit die Botschaft eher bei der typischen Wählerin ab: Sie arbeitet gerade nicht in einem technischen Bereich, sie arbeitet mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit in einem Büro mit sehr vielen weiblichen Kolleginnen, und das häufig eher Halbzeit. Sie ist sich wahrscheinlich sehr bewußt, dass männliche Kollegen auf einer 100% Stelle eben auch eher befördert werden als Frauen auf einer 50% Stelle. Sie nehmen für sich selbst auch keine Lohnungerechtigkeit in ihrem konkreten Job wahr, allenfalls für Frauen allgemein, aber das bringt ihnen selbst ja wenig. Es ist ein Wahlversprechen, welches der einzelnen Frau in ihrer konkreten Situation nichts bringt.

Man könnte das auch so formulieren:

  • Botschaften, die auf abstrakte Verbesserungen für die Gruppe ausgerichtet sind, können für viele Frauen, die von diesen Verbesserungen nicht profitieren, ein sehr geringes Gewicht haben
  • Botschaften, die nicht an die Gruppe gerichtet sind, aber dringende Probleme für viele lösen, können weitaus relevanter sein auch für die Angehörigen dieser Gruppe.

Das ist eigentlich banal. Aber es ist weniger banal, wenn man die Probleme falsch einordnet.

Wenn Leute tatsächlich glauben, dass alle Frauen 21% weniger verdienen, dann wäre es ein Problem für eine große Gruppe mit großer Bedeutung für das einzelne Mitglied.

Wenn aber tätsächlich die Gehaltsunterschiede in den gleichen Jobs marginal sind, dann verbessert ein weiteres Vorgehen quasi nichts für die jeweilige einzelne Frau. Die Sozialarbeiterin wird nicht plötzlich Ingenieur und verdient mehr. Sie erhält nach wie vor das gleiche wie der männliche Sozialarbeiter. Ein Anreiz die entsprechende Partei zu wählen besteht nicht.

Hingegen kann ein allgemeines Gefühl, dass die Flüchtlingskrise so nicht weitergehen kann und gelöst werden muss, weitaus mehr Leute bewegen oder auch abhalten, bestimmte Parteien zu wählen.

Solange man keine tatsächlichen Probleme hat, die ein Thema besonders brisant machen, kann man seine Wahl leicht an größeren Themen für die Gruppe ausrichten.

Nimmt man jedoch dringendere Probleme im eigenen Leben war, dann bringt ein Appell für allgemeine Ziele wenig.

Das gilt auch, wenn man sich persönlich für ein Modell entschieden hat, dass etwa mit den (vermeintlichen) Zielen für eine Verbesserung der Gruppe im Konflikt liegt:

Eine Frau, die sich bewußt für Teilzeit entschieden hat, weil sie Kinder betreut, hat kein Interesse daran, dass ihr Mann mit geringerer Wahrscheinlichkeit befördert wird. Denn ihr Lebensstandard leitet sich von ihrem Mann her und nur mit einem guten Verdienst von diesem kann sie ihre Planung umsetzen.

Die SPD betreibt insofern Virtue Signalling, dass sicherlich bei einigen verfängt. Es kann aber durchaus auch schlicht mit Interessen vieler Mitglieder der Gruppe, an die sie zu appellieren glaubt und die sie eigentlich umwirbt in Konflikt liegen, so dass diese lieber eine konservative Partei wählt, die keine Quoten will und immerhin Sicherheit etc ehe auf dem Programm hat.

Bei Arbeitsteilung wird es eben uninteressant das andere Geschlecht als Gegner zu sehen. Die Interessen mischen sich, eine Zuordnung ist wesentlich schwieriger. Sie verläuft nicht mehr bei den Geschlechtern, die in einem Nullsummenspiel um Macht kämpfen, sondern die Frage ist, wie die Einheit am ehesten profitiert und die eigene Position in dieser Arbeitsteilung abgesichert werden kann.

Katalonien und die Unabhängigkeit

In Katalonien gibt es bereits seit langem Unabhängigkeirsbemühungen und heute scheint es zu Ausschreitungen gekommen zu sein.

Was meint ihr, wie sich das entwickelt?

 

„In einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen Gesellschaft zu leben und keine Cis-Typen zu begehren ist ein Akt des Widerstandes“

Die gute Lantzschi, älteren Mitlesern vielleicht noch ein Begriff, hat mal wieder einen tollen Artikel bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

 

Ja, die Welt überhaupt wäre natürlich viel schöner, wenn da nicht diese Typen wären. Männermenschen sind bekanntlich die schlimmsten.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

Eigentlich ja nur der alte Ansatz von „Das private ist politisch“, im Feminismus auch gern in der Form von Theorien wie „politisches Lesbentum“

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

Durchaus verständlich: Wer mit dem Feind schläft war noch nie wirklich beliebt. Und für radikale Feministinnen ist eben – allen Versuchen des Gaslightnings zum Trotz – der Mann der Feind

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

Ein geiler Absatz, der schön „competitive victimhood“ zeigt. Nadine als Lesbe möchte eben gern Männer uneingeschränkt als den Feind sehen können, der umfassend ausgegrenzt gehört, also auch im Bett. Andere sehen sich dabei aber in ihrer Identität als etwa Bisexuell oder Transsexuell gestört, so dass sie innerhalb der Ideologie gleich einen Wettkampf austragen können, wer in diesem Fall das wichtigere Opfer ist – die Frau als Opfer des Mannes und seiner Macht oder die Frau, die auch gerne mit Männern schläft.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

Die Entpolitisierung von Begehren ist daneben, weil man damit ja nur meinen kann, dass es Homosexuelle machen, damit sie die anderen auch ins Bett bekommen. Netter Strohmann aus meiner Sicht: Tatsächlich macht sie es ja schlicht weil sie Männer hasst, die sie für unterdrückende Schweine hält und die Leute sind dagegen, weil sie nun einmal entweder (Trans-) Männer sind oder gerne aufgrund ihrer sexuellen Orientierung mit ihnen schlafen und das nicht ändern wollen.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte

Also mal kurz Begehren umdefinieren und so weit fassen, dass es nichts mehr mit Sex zu tun hat sondern eher mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. W

dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern?

Weil sie biologisch ist. 

Aber gut, dass Argument zieht im Genderfeminismus eben nicht. Da darf es eben nicht ziehen, denn alles ist ja sozial konstruiert.

klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.+

Nein, Feminismus hat nichts gegen Männer. Aber wenn man mit einem schläft oder – Gott bewahre – sogar eine Beziehung mit ihm hat, dann verliert man halt das Recht sich über Mansplainer, Mörder und Vergewaltiger aufzuregen – den das sind ja auch Männer und alle Männer sind da gleich.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt.

Und das sogar nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Heterosexualität, wir könnte man nur überhaupt auf die Idee kommen, dass das Begehren des Geschlechts mit dem man seine Gene in die nächste Generation bringen kann, biologisch sein könnte? Darwin ist eben auch nur ein alter weißer heterosexueller Mann.

wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen.

Zur Zwangsheterosexualität als feministische Theorie hatte ich auch hier etwas geschrieben

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands.

Also nicht, dass ich euch absprechen möchte mit Männern zu schlafen, aber echte Widerstandskämpfer machen das nicht. Ich bin also besser als ihr und ihr solltet auch so handeln. Verbündet euch nicht mit dem Feind. Wer mit einem Mann schläft stützt das Patriarchat.

in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

Schlaft lieber mit Minderheiten, etwa Lesben, diese Minderheiten sind die einzig Guten. Habe ich schon gesagt, dass ich eine solche bin?

Wenn man aber nur mit Männern schläft, dann ist man ein falscher Aktivist, der nur vorgibt an der Revolution mitzuarbeiten, in Wahrheit aber nur ein weniger an Unterdrückung feiert.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.

Ihr müsst das nicht so sehen, aber ihr solltet dann wenigstens die Fresse halten, Männer widern mich an, haltet sie aus meinem Leben raus, wenn ihr sie schon nicht aus eurem raushalten könnt.

Ab heute dürfen Homosexuelle heiraten

Ab heute treten die Änderungen in Kraft und Schwule und Lesben können ihre Partner heiraten