Wie reagieren? Sexuelle Belästigung bzw Absprachen zur Kinderbetreuung

Heute einfach mal zwei Situationen, die ich als so stattgefunden zu unterstellen bitte, verbunden mit der Frage, was aus eurer Sicht die beste Verhaltensweise wäre:

  1. Die unangebrachte Sexualisierung

 

2. Die nicht eingehaltene Absprache zur Betreuung der Kinder:

Aus einem Forum:

Ich bin im 8. Monat schwanger. Mit meinem Mann habe ich vereinbart, dass ich drei Monate zu Hause bleibe und wir uns dann 50/50 die Betreuung teilen, weil wir beide beruflich weiter arbeiten wollen.

Nun hat er mir gestern gesagt, dass er meint, dass dies ihm einen Karriereknick bereiten würde und er zieht sein Angebot zurück.

Ich bin nicht nur sauer, ich bin enttäuscht.

Habt ihr Tipps für mich?

Was würdet ihr jeweils raten?

 

 

„Deutsche Männer sind vorsichtig, schüchtern und asexuell“

Ein Beitrag in der Taz stellt die Sicht von Frauen aus anderen Ländern über deutsche Männer da:

Zuerst berichtet eine Polin:

Deutsche Männer haben den polnischen Männern eines voraus: Sie sind keine Muttersöhnchen. Als ich zum Studium nach Deutschland kam, zog ich mit zwei polnischen Jungs zusammen. Einmal kam ich von der Universität nach Hause, schloss die Wohnungstür auf und dachte, ich sei auf der falschen Etage gelandet. Da schrubbte eine wildfremde Frau den Fußboden. Aber ich war nicht falsch, es war einfach die Mutter des einen. Der hatte am Telefon geklagt, dass er mit dem Putzdienst dran sei. Da kam prompt seine Mutter angefahren. Und die beiden Jungs saßen im anderen Zimmer am Computer.

So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist. Viele deutsche Männer sind total vorsichtig, wenn es um Geschlechterrollen geht. Da zeigen Frauenbewegung und Feminismus ihre Wirkung. Die meisten deutschen Männer haben begriffen, dass sie bei Frauen und auch sonst nur weiterkommen, wenn sie partnerschaftlich sind.

Das ist etwas, was man durchaus häufiger von Frauen aus südlicheren Ländern hört: Deutsche Männer sind üblicherweise relativ emanzipiert, was auch verschiedenste Haushaltstätigkeiten angeht. Sie haben weit weniger Probleme damit zu putzen und zu kochen, während Männer aus patriarchischeren Kulturen das häufig als etwas ansehen, was unter ihrer Würde ist, weswegen man auch lieber nicht zu weit von der Mutter wegzieht, damit man beispielsweise mittags zu ihr zum Essen gehen kann. Das passt nicht ganz zur Schrecklichkeit des westlichen Patriarchats, wie es der (deutsche und amerikanische) Feminismus gerne an die Wand malt.

Das hat aber leider auch zur Folge, dass sie häufig nicht mehr merken, wenn eine Frau mal ihre Hilfe braucht.

Einmal versuchte ich im Zug, meinen schweren Rucksack ins Gepäckregal zu hieven. Gleich drei deutsche Männer standen neben mir und sahen zu, wie ich mich abmühte. Angepackt hat keiner. Ein polnischer Mann hätte mir den Rucksack aus den Händen gerissen und gefragt, was er noch für mich tun könne. Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen.

Ein polnischer Mann würde sich übrigens schon als Gentleman empfinden, wenn er das Handtäschchen seiner Frau trägt. Und das ist erst mal peinlich!

Im Feminismus würde man die Annahme, dass eine Frau dort Hilfe braucht vielleicht als „benevolenter Sexismus“ oder „wohlwollender Sexismus“ ansehen. Natürlich könnte man anführen, dass es eben nicht sexistisch wäre, jemanden zu helfen, der sich anscheinend abmüht. Aber wenn Männer in der Hinsicht negative Erfahrungen gemacht haben, dann ist es eben die Mühe nicht wert. Und wahrscheinlich ist jeder Mann schon mal irgendwie dumm angemacht worden, weil er einer Frau die Tür aufgehalten hat und hat einfach weit weniger Lust, derjenige zu sein, der da handelt, gerade wenn andere vorhanden sind, die es auch machen können. Es ist eben unter dieser veränderten Einstellung nicht mehr Sache des Einzelnen, hier tätig zu werden.

Eine Griechin schreibt dann:

Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.

Dass ihr das gerade als Griechin so vorkommt ist aus meiner Sicht verständlich, in Griechenland sind die Geschlechterrollen eben noch wesentlich konservativer.

Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.

Also doch noch Defizite, wenn auch immerhin guter Wille: Er möchte fortschrittlich sein, bei bestimmten Punkten hapert es noch. Meiner Meinung nach ist es

Ich habe seit vier Jahren einen deutschen Freund. Mit griechischen Männern kann ich nichts anfangen. Die sind aufbrausend und laut und wollen immer recht haben. In Diskussionen mit ihnen schreit man sich eigentlich nur an.

Ein griechischer Mann würde nie einen Kinderwagen schieben. In Deutschland sieht man jeden Tag überall Väter mit ihren Töchtern und Söhnen. Deutsche Männer sind in den Augen von Griechen Weicheier.

In der Hinsicht ist die ausländische Perspektive aus meiner Sicht immer wieder erfrischend. Schade, dass man dennoch Männern in vielen Bereichen nicht die gleichen Rechte geben will.

Aber wann ist ein Mann eigentlich richtig männlich? Ein Grieche würde sagen: Wenn ich mir nichts sagen lasse, vor allem nichts von einer Frau. Dabei leben viele griechische Männer, bis sie heiraten, im Hotel Mama. Für mich ist ein Mann dann männlich, wenn er Visionen hat und sein Leben in die eigenen Hände nimmt. Mir scheint, der deutsche Mann unterdrückt starke Gefühle, zum Beispiel Wut. Aber nicht, weil er sie selbst unangenehm findet, sondern weil andere das stört. Viele deutsche Männer sind ständig damit beschäftigt zu überlegen, was andere Menschen über sie denken. Vielleicht täte dem deutschen Mann ein bisschen mehr Übermut ganz gut.

Auch insoweit kann ich mir vorstellen, dass man die Unterschiede aus einer anderen Kultur kommend, anders wahrnimmt. Viele Griechen gerade in Griechenland selbst haben eben durchaus eine andere Einstellung zu „Männlichkeit“ und sind eher noch Machos. Auch wenn es natürlich auch dort schüchterne Menschen gibt. Aber dort sind eben viele Handlungen innerhalb der klassischen Geschlechterrollen selbstverständlicher und ein Nachdenken darüber, was andere über einen Denken, würde eher erforderlich sein, wenn man sich nicht nach ihnen verhält (und dann als „Weichei“ gelten würde). Teilweise sind es also vielleicht einfach andere Bereiche in denen ein jeweiliges Nachdenken erforderlich ist.

Eine andere Einsicht in deutsche Männer kommt in einem Artikel bei Bento aus Großbritanien:

Wenn es Tinder nicht gäbe, hätte ich keine Ahnung, wie sich Menschen in Deutschland kennenlernen. Ernsthaft: Sie lernen sich entweder schon in der Schule kennen und bleiben dann für immer zusammen – oder aber Freunde helfen beim Verkuppeln. Was es in Deutschland nicht gibt, sind Männer, die einfach mal flirten.

Ich komme aus London, lebe aber schon seit sieben Jahren in Berlin. In Großbritannien sind Kerle sehr offensiv. Deutsche hingegen würden es sich nie erlauben, dich in einer Bar oder einem Club anzusprechen, oder – Gott bewahre – gar auf der Straße. Es gibt nur diese eine kleine Sache, die deutsche Männer machen. Sie ist so dezent, dass ich sie viele Jahre gar nicht bemerkt habe.

Achtung: Deutsche Männer schauen dich an.

Das ist schon alles. Sie schauen. Aus den Blicken muss frau dann erraten, ob sich ein Flirt entwickeln kann.

Auch hier wieder ein interessanter Einblick: Von Anne Wizorek, Deutschland junger Vorzeigefeministin, wird die Lage in Deutschland so beschrieben:

Viele Frauen wehren sich schon allein dadurch, dass sie jeden Tag trotzdem noch auf die Straße gehen anstatt sich zuhause zu verbuddeln. Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm einfach schon auf die Straße zu gehen.

Man darf sich gar nicht vorstellen als welche Hölle sie dann Großbritanien erleben würde.

 

 

„Männer was macht ihr wenn ihr eine Frau seht, die belästigt wird“

Mitunter finden sich in den Suchbegriffen interessante Themen. Beispielsweise diese Frage hier:

„Männer was macht ihr wenn ihr eine Frau seht, die belästigt wird“

Natürlich ist die Frage in dieser Form kaum zu beantworten, da es ja auf das Szenario ankommt.

Ist es eine Frau, die ich kenne? Welche Form der Belästigung? Wie ist die Situation sonst?

Natürlich wird man üblicherweise helfen wollen, wenn man meint, dass jemand Hilfe braucht. Natürlich ist „Belästigung“ auch etwas sehr subjektives. Natürlich will man sich auch nicht selbst über Gebühr in Gefahr bringen. Auch eine Rolle wird sicher spielen, ob die Belästigung bereits vorbei ist oder andauert.

Ich erweitere die Frage natürlich auch an weibliche Leserinnen: Was würdet ihr machen, wenn ihr eine Frau seht, die belästigt wird?

Grobeinteilung und etwas Brainstorming:

  • Solange es an der Grenze zwischen Flirt und Belästigung ist und ich mir nicht sicher bin, was es ist, müsste sie schon deutlich machen, dass sie Hilfe will.
  • Wenn die Belästigung bereits vorbei ist (er hat sie zB angeprabscht) sehe ich auch keinen Anlass den Weißen Ritter zu spielen, es ist dann ihre Sache, ob sie es als „keine große Sache, aber ärgerlich, ich will nicht mehr Zeit damit verschwenden“ oder „ich zeig den Kerl an oder lass ihn rausschmeißen“ behandeln will
  • Mich auf Gewalt einlassen für eine fremde Frau würde ich eher nicht. Bei einer Freundin wäre es etwas anderes. Bei meiner Freundin natürlich etwas ganz anderes. Auch nicht für einen fremden Mann. Aber ich vermute mal Lärm machen und es ansprechen wird in den meisten Fällen reichen, wenn man meint, dass sie Hilfe braucht.
  • Sicher nicht würde ich danach „meine Privilegien hinterfragen und versuchen Männer zu erziehen, damit sie endlich aufhören zu belästigen“
  • Würde natürlich ein Mann aus meinem Bekanntenkreis oder gar Freundeskreis so etwas machen, dann würde ich das schön ansprechen und es könnte auch durchaus Anlass sein mich nicht mehr mit ihm zu treffen, je nach dem, was er macht.

„Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar“

Bei <3, also „Kleiner Drei“, dem Blog von Wizorek, ist ein Beitrag zu Gina Lisa erschienen, aus dem ich einige Absätze ganz interessant fand:

Aber auch ein schärferes Sexualstrafrecht wird das viel tiefer verankerte Problem in unserer Gesellschaft nicht beheben: Vor allem als Frauen gelesenen Menschen wird zu oft in dieser Gesellschaft das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, nicht zugestanden. Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar. Es gilt im Mainstream als selbstverständlich, als Frauen gelesene Menschen für sexuelle Handlungen nicht nach Zustimmung zu fragen.

Das ist eine klassisch feministische Argumentation, die mich dennoch immer wieder überrascht. Die Aussage „Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar“ ist auch meiner Sicht vollkommen falsch, nichts gilt als schwerer verfügbar als weibliche Sexualität, bei gleicher Begehrtheit. Männer wissen, dass weibliche Sexualität etwas ist, für das man oft hart arbeiten muss oder bei dem man das Glück haben muss, dass sie einen interessant findet. Weibliche Sexualität ist nicht etwas, was man automatisch als gegeben voraussetzt, es ist ein rares Gut.

Und natürlich gilt es im Mainstream als etwas, was man nur mit Zustimmung bekommt, weswegen viele Männer beim Flirten oder beim Sprechen mit Frauen nervös sind, bei dem sie Angst haben, durch die Zurückweisung verletzt zu werden, bei dem sie Interesse daran haben, zu erfahren, wie man diese Zustimmung bekommt.

Es folgt aus dem Umstand, dass viele keine Ahnung haben, wie sie an dieses rare Gut kommen, dass sie auf Masse setzen oder übergriffig werden, weil sie wissen, dass eine Verfügbarkeit ansonsten nicht besteht. Aber die, die das machen, dass sind immer noch wenige, die meisten Männer bekommen allenfalls in einer Flirtsituation den Übergang nicht hin und fassen zu früh ans das Bein des Objekts der Begierde oder versuchen beim Tanzen körperlicher zu werden, weil man ja irgendwie diesen verdammten Übergang hinbekommen muss, wenn man auch meint, dass sie einen mag.

Die Unterstellung, dass weibliche Sexualität als ständig verfügbar gilt ist insofern weit an der Realität vorbei.

Eher gilt männliche Sexualität als ständig verfügbar. Denn Frauen wissen, dass sie immer einen finden können, der mit ihnen schlafen würde, wenn sie es ihm anbieten. Würden Frauen Cold Approachs auf Sex machen, also Männer auf der Straße einfach auf Sex ansprechen und sich dabei zumindest nicht mehr als einen Punkt von ihrem eigenen Schönheitswert auf einer Skala von 1-10 bewegen, dann wäre ihnen der Erfolg gewiss, wenn sie ein paar Männer ansprechen. Einer Frau würde der Satz „von 5 Singlefreunden aus deinem Freundeskreis würde keiner mit dir schlafen wollen, wenn du ihn anrufst und fragst, ob sie etwas „Netflix mit dir schauen wollen““ wohl eher mit einem amüsierten Lachen quitieren. Und wenn eine Frau mit der klaren Ansage Sex zu wollen sich auf einer passenden Internetseite anmeldet wird das Postfach schnell voll sein. Das Ablehnen von Sex, eine Zurückweisung von Sex einfach so, werden Frauen eher als Beleidigung werten, zumindest wenn er Single ist und bei hinreichender Schönheit auch sonst.

Nur beschweren wir uns eben nicht darüber.

Ihr weiteres Fazit ist:

Diese patriarchale Gesellschaft und dieses patriarchale Recht haben diese Übergriffe ins Private und zu oft in die betroffene Person selbst verdrängt. Und so haben wir in einer Gesellschaft, in der weibliche Verfügbarkeit Normalität ist und das Gesetz eine_n nicht schützt, nie gelernt, darüber zu reden. Stattdessen plagen eine_n Selbstvorwürfe. Vielleicht war es dieses Mal ja auch gar nicht so schlimm? Vielleicht hätte ich ja auch (früher) was sagen müssen? Vielleicht hätte ich mich unauffälliger verhalten sollen? Vielleicht meinten sie das gar nicht so?

Das hat aus meiner Sicht wenig mit der patriarchalen Gesellschaft zu tun, sondern schlicht mit der Frage, ob es sich lohnt dagegen vorzugehen, wenn etwas bereits geschehen ist. Und auch damit, dass es eben häufig ein Dialog ist, in dem man gewisse Zeichen setzt, einlädt, dann vielleicht doch Zweifel hat, aber dennoch mitmacht und es später evtl bereut. Und natürlich ist es auch dem Umstand geschuldet, dass eben einige Männer auf eine Massentaktik setzen, die Belästigungen mit sich bringen kann und die damit durchaus eine hohe Zahl von Frauen erreichen. Das Frauen, die an sich gerne Signale senden oder unsicher sind, da eher Opfer werden kann ich mir durchaus vorstellen.

Tatsächlich finden es aber auch viele Frauen nach meiner Erfahrung gar nicht so schlimm, wenn ein Typ etwas versucht, eine gewisse Sympathie vorausgesetzt. Sie sehen privates nicht als politisch an, sondern genießen vielleicht das Gefühl begehrt zu sein, auch stürmisch begehrt zu sein oder sind in einem Zwiespalt von „Sex ist gut und macht Spass“ und „Ist es zu gefährlich oder bin ich dann eine Schlampe“. Es kann da viele Gründe geben. Natürlich kommen noch Enthemmer wie Alkohol etc auf beiden Seiten dazu.

Diese Selbstvorwürfe und diese Sprachlosigkeit machen krank. Es braucht endlich ein Recht, welches wirklich auf der Seite der Opfer, statt der Täter steht. Eine Reformation des Sexualstrafrechts ist deswegen längst überfällig.Ich hoffe, es wird dann auch möglich, das Schweigen zu brechen, all diese Fälle öffentlich zu machen und zu bestrafen. Ich hoffe, dann wird es möglich, endlich in einer Gesellschaft zu leben, in der wir allen Personen mit Respekt begegnen und ein konsensuales Miteinander Selbstverständlichkeit ist.

Das ist ein netter Traum, aber es werden nach wie vor die meisten Fälle nicht angezeigt werden schlicht weil der Aufwand dafür in keinem Verhältnis zu dem Nutzen für die Anzeigende steht.

Männer sollten auf die Ängste der Frauen Rücksicht nehmen und die Straßenseite wechseln

Bekanntlich hatte Margarete Stokowski einen Artikel zur toxischen Männlichkeit geschrieben, der dann mit folgender Forderung aufhörte:

„Selbst Männer, die sich für komplett harmlos halten, können etwas dafür tun, dieses Klima der Angst zu ändern. Wenn Sie zum Beispiel abends auf der Straße allein hinter einer Frau laufen und diese Ihre Schritte hört, oder wenn Sie ihr entgegenkommen, wechseln Sie doch die Straßenseite. Sie ahnen nicht, wie erleichternd das sein kann.“

Was mich an diesem Vorschlag stört ist schlicht, dass er aus einer bestimmten Position herauskommt, die allen Männern eine Kollektivschuld für das Handeln einzelner zuweist. Weil Menschen aus der Gruppe Männer Frauen Angst machen, so Stokowoski, müssen es auch die Männer und nicht die Frauen sein, und zwar auch die Männer die gar nichts gemacht haben, die Mühen auf sich nehmen um diese Angst zu milden.

Tatsächlich geht es denke ich vielen Männern so, dass sie mitunter entsprechende Ängste wahrnehmen und nicht richtig wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Sie merken, dass die Frau sich unwohl fühlt und wollen nicht bedrohlich sein. Das kann zu einem Dilemma führen, welches Maddes8cht hier in einem Kommentar gut dargestellt hat:

Ich empfinde es gelegentlich als wirklich unangenehme Situation, allein auf offener Straße einer Frau zu begegnen.

Situation z.B, die immer mal wider vorkommt.: Mit der Straßenbahn nach Hause fahren.
An der Zielhaltestelle steigt eine (junge?) Frau mit aus, aber weiter vorn (bei nem Doppelwagen können das schon mal 20, 30 Meter sein), so dass ich hinter ihr herlaufe. Sie hat blöderweise die gleiche Richtung wie ich.

Nach so spätestens 50 bis 150 Metern, wenn die Bahn weitegefahren und die Geräusche verebbt sind, muss sie eigentlich bemerken, dass ich hinter ihr her laufe.
Nu hab ich einen flotten Schritt, und viele Frauen laufen eher langsamer, also hole ich schnell auf. Ich will, wenn ich aus der StraBa komme, normalerweise schlicht und einfach bloß nach Hause.

Also ist im Grund das einfachste, einfach flott weiter zu laufen, und die Frau zu überholen, wenn man soweit ist.
Was macht die Frau aber, je näher ich ihr komme?
Sie läuft schneller !

Normalerweise sollte es einfach möglich sein, einfach in seinem eigenen Tempo und ohne all zu große Gedanken an andere die paar hundert Meter nach Hause zu gehen.

Ist es aber nicht. Ich Spüre geradezu das Kopfkino bei der Frau vor mir.
Soll ich nun langsamer laufen, bloß wegen der Frau? Noch schneller laufen, um zu überholen? Das mutet dann schon wie eine Verfolgung an.
Gar umständlich die Straßenseite wechseln, obwohl ich in 300 Metern wieder auf diese Seite muss, weil ich dort in die Seitenstraße einbiege?
Man stelle sich vor:
Ich geh auf der anderen Straßenseite flott an ihr vorbei. Die Chance, das gerade geschafft zu haben, bis ich auf Höhe meiner Seitenstraße bin, sind ziemlich gut. Dann würde ich GENAU VOR DER FRAU wieder zu ihr rüberlaufen – direkt auf sie zu. DAS ist dann RICHTIG Creepy.

Durch die Lage meiner Wohnung relativ zur Haltestelle ist das eine Situation, die mir tatsächlich immer wieder begegnet. Allein die dahinter liegende Unterstellung mir gegenüber als Mann empfinde ich als belastend.
Eine Stokowski wird mir natürlich empfehlen, bitteschön mit Rücksicht auf die Frau einfach kurz an der Haltestelle zu warten oder eben sdeutlich langsamer hinter der Frau herzulaufen, so dass der Abstand sich nicht verkleinert, sondern vergößert.

Es ist aber nunmal so, dass es durchaus vorkommt, dass solche unverfolgt aleine laufenden Fauen durchaus ziemlich langsam werden können. Weiß man vorher nicht, aber kann sein.
Und wenn ich Hunger oder Durst hab oder, noch schlimmer, aufs Klo muss, hab ich dazu besonders keine Lust.

Ich schrieb an anderer Stelle unter dem Stichwort „Welche Klischees stören dich“:

Das Klischee des gefährlichen Mannes. Neulich brachte ich den Müll raus, über eine Straße hin zu einem Sammelplatz. Vor mir ging eine Frau entlang und ich ging ungefähr im gleichen Tempo hinter ihr her. Es war zu sehen, dass sie sich unwohl fühlte mit mir im Rücken, weswegen ich meinen Schritt etwas verlangsamte um den Abstand zu vergrößern. Es ist wahrscheinlich bei ihr ein unterbewußtes Gefühl, aber ich empfinde es dennoch als unangenehm.

Dabei möchte ich anführen, dass es noch recht hell war und durchaus noch einige Leute auf der Straße. Es ist natürlich durchaus so, dass ich niemanden Angst machen möchte, ich sehe es aber, ähnlich wie maddes8cht auch nicht ein, dass ich große Mühen auf mich nehmen muss, weil ich ein Mann bin und mir daher als Klischee eine Gefährlichkeit unterstellt wird.

Ich habe verschiedene Diskussionen dazu geführt und dabei kamen einige Argumente immer wieder:

1. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, also sollte man es tun, weil man anderen keine Angst zumuten sollte, selbst wenn diese irrational ist

 

Das wäre so etwas der Gentlemangedanke, der auch schnell etwas ins beschützende abgleitet: „Wenn die armen Frauen so ängstlich sind, dann wechsele doch als Mann einfach mal die Straßenseite, oder willst du Frauen Angst machen?“ Die Irrationalität der Angst (unsere Gesellschaft ist so sicher wie nie, Übergriffe von Fremden relativ selten) spielt in dieser Betrachtung keine Rolle, weil die Angst eben da ist und ein guter Mann eine Frau keine Angst haben lässt, gerade wenn er selbst die Quelle ist.

Da schwingt aus meiner Sicht auch eine gewisse Verantwortung mit, eine Akzeptanz der Gefährlichkeit.

Denn das klassische Gegenargument wird meist nicht beantwortet:

Hier wird kaum einer bereit sein, von Schwarzen oder Moslems einen Wechsel der Straßenseite zu verlangen, obwohl es sicherlich viele Frauen gibt, die in diesem Moment ebenso Angst haben. Es wäre aber ein moralisch schwieriger zu rechtfertigende Angst, die eben Fremdenfeindlichkeit und nicht Männerfeindlichkeit enthält, so dass in dieser Betrachtung die Forderung unmoralisch erscheinen würde. Deswegen kommt in diesem Moment meist gar keine Antwort.

2. Ob es irrational ist, ist deswegen egal, weil man Frauen nicht vorschreiben darf, wann sie Angst haben dürfen, man muss akzeptieren, dass sie Angst haben und entsprechend handeln

Ein weiterer Ansatz ist der, den Frauen eine gewisse Definitionsmacht zuzuweisen, etwa wie folgt:

Ich hatte vorher angeführt, dass es aus meiner Sicht wahrscheinlich mehr Angst macht, wenn Männer in großer Zahl die Straßenseite wechseln, weil das Motiv damit eben ganz deutlich wird: Was wenn er nicht die Straßenseite wechselt, dann wird er mich vergewaltigen wollen.

Hier gilt dann, dass man als Mann in die Entscheidung, was rational Angst macht, nicht reinreden darf. Diese muss man akzeptieren. Was natürlich auch durchaus richtig ist: Niemand kann kontrollieren, wovor er Angst hat. Aber Angst berechtigt dennoch nicht dazu, ein bestimmtes Handeln über das normale hinaus zu verlangen, schon gar nicht von einer ganzen Gruppe.

Der zweite Fehler dabei ist, dass es ja gar nicht alle Frauen verlangt haben, sondern eben nur Margarete Stokowski. Viele Frauen haben sicherlich ein mulmiges Gefühl – wie auch durchaus Männer bei zwielichtigeren Gestalten in einer dunklen Nacht – aber sie wissen, dass diese irrational ist und erwarten nicht, dass Männer deswegen große Umwege machen.

Andere Frauen führen es sogar deutlicher aus, dass sie es als ungerechtfertigte Panikmache sehen:

Auschfrei:

[Sie] zeichnet damit ein weltfremdes Bild überängstlicher Frauen, und ihrer permanenten eingebildeten Bedrohung durch Männer.

Für mich soll bitte kein Mann die Straßenseite wechseln. Das empfände ich als respektlose, ausgrenzende Geste, als wolle er mir zu verstehen geben, dass er mich für eine hysterisch-ängstliche Tussi hält, die nicht in der Lage ist, die Situation realistisch einzuschätzen.

Oder Miria:

Warum hält die das für eine Selbstverständlichkeit? Wer schürt denn dieses Klima der Angst? Sind das nicht eigentlich genau solche Artikel wie der hier besprochene, die mit einer Aufzählung von Verbrechen beginnen, um zu zeigen wie böse die männliche Hälfte der Menschheit ist?

Ich halte es hingegen für eine Selbstverständlichkeit, dass ich als Frau jederzeit überall hingehen, joggen oder sonstwas tun kann. Ich sehe es überhaupt nicht ein, mich von solchen Möchtegern-Feministinnen verängstigen zu lassen! Feminismus sollte bedeuten, Frauen zu empowern statt zu verängstigen!

Sollte ich mal Margarete Stokowski begegnen, werde ich ganz bestimmt die Straßenseite wechseln, solchen Personen möchte ich nicht zu nahe kommen!

Und auch auf Twitter habe ich entsprechendes gefunden:

Was auch deutlich macht, dass die Auffassung, dass Feministinnen automatisch für Frauen sprechen, so eben keineswegs stimmt. Tatsächlich sehen sich auch die meisten Frauen nicht als Feministinnen, weil ihnen diese zu extrem sind.

3. Weiteres

Ich finde die Angst der Frauen durchaus verständlich, weil Angst eben auch ihre evolutionären Gründe hat und Übergriffe auf Frauen einen sehr hohen Preis haben können, so dass auch eine übertriebene Angst evolutionär sehr sinnvoll gewesen sein kann. Hier muss man bedenken, dass wir heute in wesentlich sichereren Zeiten leben, so dass damals die Anwesenheit eines Fremden sicherlich noch mehr Grund zur Angst war.

Deswegen halte ich aber die Panikmache im Feminismus dennoch für schädlich, weil sie diese Furcht zusätzlich bedient und Appelle, dass man nun an jedenfalls die Straßenseite wechseln solle sogar für kontraproduktiv und zudem schlicht unrealistisch. Wie man an jedem Trampelpfad in einem Park, der einen schönen Rasen zerstört, aber den Weg etwas abkürzt, sieht, ist der Mensch zu faul dazu, solche Mühen auf sich zu nehmen – und das auch durchaus zurecht. Denn die, die bereit sind auszuweichen, würden eh der Frau nicht gefährlich werden und haben abseits des Virtue Signalling kein Interesse daran. Das dieses Signalling zudem nur bei einer Fremden sinnvoll ist – vor einem bekannten Mann werden die wenigsten Frauen Angst haben, macht es noch unattraktiver.

Bei mir würde noch eine Trotzreaktion dazu kommen. Um so mehr es als Pflicht dargestellt wird, die aus meiner Erbschuld als Mann kommt und nicht nur eine starke Höflichkeit ist, die ich freiwillig ausführe, um so mehr sinkt auch meine Bereitschaft dazu. Denn dann empfinde ich es als Anmaßung mir gegenüber, die ich zurückweisen möchte.