Nina Power zur digitalen Streitkultur und

Arne hatte auch schon über ein sehr interessantes Interview mit Frau Nina Power berichtet, welches ich auch sehr interessant finde:

Power: Weil ich glaube, dass es ein Fehler ist, Menschen auf der Grundlage dessen, was sie zu wissen glauben, zu verurteilen. Es ist viel nützlicher, mit Menschen über ihre Beweggründe und seine eigenen zu sprechen. Wir kommen dadurch verschiedenen Positionen viel näher, die wir verstehen können. Und ich denke, es ist möglich, die Meinung eines Menschen zu verändern. Es ist nicht sinnvoll, Menschen zu ächten und zu sagen, diese Person hat Ansichten, die so unerträglich sind, dass ich nicht mit ihr sprechen kann. So etwas treibt die Menschen noch weiter auseinander. Sie fühlen sich dadurch noch mehr entfremdet und isoliert von dem, was wir sozialen Austausch nennen.

Einen Dialog zu eröffnen ist auch aus meiner Sicht häufig sehr konstruktiv. Und das auch mit sehr extremen Personen.
Ein Beispiel, welches mir da einfällt, ist zB Daryl Davis, ein Schwarzer, der sich mit KKK-Mitgliedern angefreundet hat und nach seinen Angaben 200 davon überzeugt hat, dass sie ihre Roben an den Nagel hängen.

Das wäre aus meiner Sicht ein ganz extremes Beispiel, aber es zeigt, dass es sinnvoll sein kann miteinander zu reden, Argumente auszutauschen und den anderen merken zu lassen, dass da auf der anderen Seite ein Mensch ist.
Das war und ist ja durchaus einer der Vorteile dieses Blogs, dass hier teilweise Leute mit sehr unterschiedlichen Ansichten zusammen kommen, die dennoch diskutieren. Sicherlich sind inzwischen nicht mehr so viele Feministinnen hier, die die Diskussion suchen, wie zu den besten Zeiten, aber es treffen dennoch immer noch ganz unterschiedliche Positionen aufeinander.

Smarzoch: Es gibt auch diese seltsame Tendenz online, jeden innerhalb kürzester Zeit einen Nazi oder Faschisten zu nennen, der konservative oder rechtsgerichtete politische Ansichten vertritt. Und ich spreche jetzt nicht einmal von rechtsradikalen Positionen. Was ist problematisch an diesem – wie Sie es sagen – gedankenlosen Gebrauch von Worten?

Power: Wenn Sie jemanden fragt, was die schlimmste Bezeichnung für jemanden anderen ist, dann wird wahrscheinlich dieses Wort sein: Nazi. In den meisten Fällen wird es also eher losgelöst vom historischen Nazitum verwendet. Wenn sich die Leute gegenseitig Faschisten nennen, dann beziehen sie sich nicht wirklich auf die Doktrin Mussolinis oder auf die korporatistische Politik Nazi-Deutschlands. Verstehen Sie, was ich meine? Es gibt eigentlich überhaupt keinen historischen Bezug. Sie sagen einfach: ‚Ich mag dich nicht.‘ Das ist extrem gefährlich, weil es das Spezifische an autoritären und mörderischen Regimen untergräbt. Es ist eine zu beiläufige Verwendung dieses Begriffs. Vielleicht befinden wir uns jetzt tatsächlich in der Postmoderne, weil es eine Art Zusammenbruch von Bedeutungen gibt – Begriffe werden sehr frei verwendet. Aber es kommt wirklich auf die Definition bestimmter Wörter an. Das Internet ermöglicht es, Wörter von ihrer eigentlichen Bedeutung loszulösen. Online sehen sich die Menschen nicht. Sie haben nicht wirklich Zugriff auf eine materielle Realität und können daher alles über sich behaupten. Das hat eine gnostische, religiöse Dimension. Menschen trennen sich völlig von ihrem Körper, auch in Bezug auf Fragen der Identität. Wir leben wirklich in einem Regime von Identitäten, in dem das, was die Menschen sagen, wichtiger ist als das, wie sie sich verhalten.

In der Tat kann man im Internet alles sein und es kann leicht dazu kommen, den anderen nicht mehr als Mensch zu sehen, sondern nur als Buchstaben, als Position, weil eben die Emotionen in Text weniger übertragen werden als in einem direkten Gespräch. Das kann auch vorteile bringen, eben weil es Emotionen herausnehmen kann und man sich auf Inhalte konzentrieren kann. Aber es erleichtert eben auch jemanden nur als Vertreter eine Position, als Stellvertreter einer Gruppe zu sehen.

Smarzoch: Damit geht auch die Tendenz einher, online Grenzen zu überschreiten, indem man unverschämte und provozierende Dinge sagt. Ich muss da zum Beispiel an die Hashtag-Kampagne „Men Are Trash“ denken, Männer sind Müll. Wie nützlich ist so etwas für die Etablierung eines Dialogs zwischen Männern, die gern dazulernen möchten und Frauen, die daran interessiert sind, dass Männer sich verändern?

Finde ich sehr interessant, dass das hier endlich mal kritisch aufgegriffen und nachgefragt wird.

Power: Auf der einen Seite würde ich sagen, wenn man Redefreiheit oder freie Meinungsäußerung ernst nimmt, wird sie auch Dinge beinhalten, die unangenehm, beleidigend oder beunruhigend sind. Es gibt keine Gruppe, die man nicht kritisieren oder über die man nicht lachen darf. Wenn wir anfangen zu sagen, dass man über bestimmte Gruppen nicht lachen darf, befinden wir uns auf gefährlichem Gebiet, weil wir Hierarchien und Privilegien aufbauen. „Über diese Gruppe darf gelacht werden, aber nicht über die andere…“

Das ist auch eines der Probleme in den intersektionalen Theorien: Sie sind zu fanatisch, nehmen die Hierarchien zu wichtig, sehen jeden Witz als Mikroaggression, die die große Unterdrückung stabilisiert.

Auf der anderen Seite sind aber weiße Männer zu einer massiven Zielscheibe geworden. Das zeigt der Hashtag, den Sie erwähnt haben. Es gab auch noch einen anderen, der viel ernster war, nämlich „Kill All Men“, „töte alle Männer“. Das ist in gewisser Weise natürlich ein Witz, weil er nicht der tatsächlichen Gewalt in der realen Welt entspricht. Frauen neigen nicht sehr oft dazu, Männer zu töten – es ist vielmehr umgekehrt. Es ist schon seltsam: Man muss die Möglichkeit verteidigen, diese aggressiven und unangenehmen Statements äußern zu dürfen. Und doch braucht man Zeit, um eine vernünftige Diskussion über gute und schlechte Maskulinität zu führen. „Das Medium ist die Botschaft“, sagte Marshall McLuhan. Ein Medium wie Twitter ist aber sehr schnelllebig. Es ermöglicht nicht wirklich diese Art von tiefgehender Untersuchung eines komplizierten Themas zum Beispiel darüber, wie sich Männer verhalten sollten. Was bedeutet es, ein „guter Mann“ zu sein? Es gibt viele gute Männer. Wir haben also eine Art Problem mit der Zerstreuung. Diese großen Themen werden mit einer gewissen Schnelligkeit behandelt, dabei gehen sie viel tiefer.

Die Verkürzung von Diskussionen auf Schlagworte, die irgendwie ein Scherz und nicht ernst gemeint sind, gleichzeitig aber sehr aggressiv angeführt werden und damit wieder Ernsthaftigkeit und Abwertung transportieren, die eigentlich eine Diskussion unmöglich machen ist in der Tat ein Problem.

Wichtig wäre es aus meiner Sicht in der Tat das ganze zu Individualisieren und von der Gruppenschuld zu lösen. Statt „was müssen Männer machen, damit die Männlichkeit aller Männer nicht mehr toxisch ist“, was letztendlich eine nicht lösbare Aufgabe in der Form, wie es angefragt und vertreten  wird, ist müsste man dazu kommen, was der Einzelne machen kann, damit sein Verhalten an sich „Gut“ ist. Also eine Loslösung von der „Erbschuld“ des Mannseins. Erst dann kann ein fairer Dialog stattfinden.

 

Callout Culture, der Penis und das Patriarchat

Margarete Stokowski wird Transfeindlichkeit vorgeworfen, weil sie folgendes twitterte:

Den ganzen Tweet habe ich leider nicht, weil er dann von Stokowski gelöscht worden ist.

Der Vorwurf ist klar:

Für Stokowski ist ein Penis anscheinend etwas männliches und kann daher mit dem Patriarchat in Verbindung gebracht werden: Quasi ein Sinnbild der Frau, die mit dem Patriarchat kuschelt.

Aber natürlich hat ein Penis nicht, aber auch gar nichts mit Männlichkeit zu tun, denn Transfrauen haben ja auch einen Penis, der demnach weiblich ist. Will Stokowski etwa Frauen vorwerfen das Patriarchat zu sein?

Dazu auch von einem der Aufregertweets:

warum penis=patriarchat keine gleichung ist,

: das eine ist ein körperteil, das andere ein machtverhältnis _ solche aussagen sind scheiße für leute, die so ähnliche körperteile haben, und krass von patriarchat betroffen sind 1/4

der ärger mag für euch cissen übertrieben klingen . für mich sind das die sachen die mein leben krass einschränken die zu verletzungen und gewalt führen an die ich ständig denken muss . also denkt vllt auch mal bischen mit . danke 2/4

transmysogynie ist die abwertung von trans weiblichkeiten : und seit wann ist die abwertung von weiblichkeit feministisch? 3/4

transmysogynie ist die abwertung von trans weiblichkeiten : und seit wann ist die abwertung von weiblichkeit feministisch? 3/4

Oder hier:

Das ist also das Patriarchat: Es gibt nicht genug Vulvakissen und Vulvalutscher.

Dann aber doch etwas Einsicht:

Interessanterweise hat sie diese Form der Entschuldigung vorher selbst angeprangert:

Aber vermutlich gilt das in dem Spiegelartikel nur für weiße, alte Männer.

Neusprech-Beispiele

Meines Wissens nach eine tatsächlich existierende ernstgemeinte Stiftung und von dieser eine ernst gemeinte Broschüre

Carolin Emcke: „Politisch korrekt“ als Morsezeichen der Denkfaulen

Carolin Emcke findet den Ausdruck „politisch korrekt“ nicht korrekt genug und kritisiert ihn daher:

Anfangs mag es mitunter Ausdruck eines nachvollziehbaren Unmuts darüber gewesen sein, dass jede noch so unbedachte Äußerung mit einer Hermeneutik des Verdachts belegt werde, dass jeder Irrtum, jedes Unwissen, jede Ungeschicklichkeit sofort als Beleg tiefster Verfehlungen und also als „politisch unkorrekt“, gegeißelt werde. Aber davon ist nichts mehr übrig. Kaum jemand weiß mehr, wann der Begriff entstanden ist, welche Bedeutungen ihm einmal innewohnten. „Politisch korrekt“ ist eine bloße Chiffre geworden, seiner eigenen wandelvollen Geschichte beraubt. Es ist gegenwärtig das wirkmächtigste Instrument der Diffamierung eines Gegenübers. Das Urteil, etwas oder jemand sei „politisch korrekt“, ist die Kurzformel, die signalisieren soll, mit den kritischen Einwänden einer anderen Person oder Position brauche man sich nicht auseinanderzusetzen, deren Zweifel, Hinweise, Gründe können missachtet werden, weil sie, nun, „politisch korrekt“ seien. „Politisch korrekt“ ist das Morsezeichen der Denkfaulen, mit dem sich reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte.

Das ist schon faszinierend:

Nimmt sie die „andere Seite“ gar nicht wahr?

Die, die Leute sogleich als Nazis beschimpft, sich als Mob auf jemanden stürzt, der meint, dass der Penis ein männliches Sexualorgan ist? Der nicht Leute mit beliebigen Pronomen anreden will oder meint, dass man Meinungen damit abtun kann, weil der andere das falsche Geschlecht (Mann) oder die falsche Hautfarbe (weiß) hat?

Nimmt sie gar nicht wahr, dass sie damit quasi das selbe macht, was sie anderen vorhält?

Wie kann man einen Absatz schreiben, in dem man Leuten vorhält, die bestimmte Wörter benutzen, dass sie zu Argumenten unfähig und unwillig sind und diese Worte dann gleichzeitig als solche ansehen, die nur von Denkfaulen kommen können, also deren weitere Ausführungen direkt abwerten ohne das sie eine inhaltliche Kontrolle übernimmt?

Natürlich kann „politisch korrekt“ sofort ein Argument folgen etwa:

„Es mag nicht politisch korrekt sein biologische Gründe für  Verhaltensunterschiede von Männern und Frauen zu sehen, aber diverse wissenschaftliche Studien zeigen, dass diese Position nicht haltbar ist“

Nichts einfacher als das. Leider folgt dann häufig der Hinweis, dass man als alter weißer Mann wegen seiner privilegierten Stellung die Klappe halten solle und man nur das Patriarchat stützen wolle.

Es ist ein geschickt arrangiertes Ensemble aus Worten und Motiven, die gemeinsam all jene diskreditieren wollen, die sich auf Menschen- und Bürgerrechte beziehen. Sie werden bespöttelt als „Moralisten“ – als müsse sich rechtfertigen, wer das Grundgesetz für ein schützenswertes Gut hält.

Hier spielt sie Burg und Festung (Motte-Bailey). Denn Menschen- und Bürgerrechte wäre auch nur ein Begriff, der der schnellen Entwertung von Kritik dient, aber keineswegs alles umfasst, was ansonsten als „politisch korrekt“ angesehen wird. Sie tut so als könne es kein „zuviel“ an „Moral“ geben.

Die Hexenverbrennungen zeigen als Extrembeispiel, dass das natürlich der Fall sein kann, wenn man davon ausgeht, dass zumindest einige Leute dort tatsächlich meinten, damit einem höheren Gut zu dienen. Und da wollte man eben auch nur Gottes Gesetze schützen.

Gerade das Grundgesetz hat allerdings auch nicht verdient, dass intersektionale Feministen sich darauf berufen, denn es ist gerade zum Schutz des Einzelnen, als Individualgrundrecht, aus dem Gesichtpunkt heraus geschaffen worden, dass man ein Individuum ist und nicht nur Teil einer Gruppe. Es schützt, wenn auch nicht unbeschränkt, die allgemeine Handlungsfreiheit und erlaubt einem damit auch „unkorrekt“ zu handeln, wenn man das für richtig hält.

Diejenigen, die unter Religionsfreiheit nicht nur Respekt vor katholischer und protestantischer, sondern auch vor jüdischer oder muslimischer Frömmigkeit verstehen, die Armut nicht nur für ein Problem der Umverteilung, sondern auch der Anerkennung halten, diejenigen, die Stigmatisierung von bestimmten Körpern oder bestimmten Familien kritisieren, werden als „Gutmenschen“ verhöhnt – als sei Zynismus neuerdings ein Ausweis der Kultiviertheit.

Auch das ist keine wirklich korrekte Zusammefassung der Positionen – denn auch hier wird ja wiederum von der anderen Seite verhöhnt. Eben weil sie meinen, dass sie die Guten sind, weil sie sich eine Theorie gebastelt haben, in der sie andere beleidigen können, weil diese die Bösen sind.

Dabei purzeln die Vorwürfe munter durcheinander: Mal wird bemängelt, die „politisch Korrekten“ seien „elitär“ und „weltfremd“, dann wiederum gelten sie als zu sehr in der Welt verhaftet und unfähig, in ästhetischen Kategorien zu denken, mal wird unterstellt, die „politisch Korrekten“ verstünden die Nöte der Menschen nicht, dann wiederum, wenn sie Nöte adressieren, wird das als „Identitätspolitik“ folklorisiert und als zimperlich infantilisiert.

Weil es ja auch nur ein Verhalten, einen Sachverhalt, gibt, bei dem etwas als politisch korrekt bezeichnet wird. Wobei der Vorwurf, dass sie zu sehr in ästhetischen Kategorien denken, mich etwas überrascht. Hat den schon mal jemand angetroffen?

Die widersprüchlichen Zuschreibungen, die mit dem Label „politisch korrekt“ verbunden sind, entblößen die klammheimliche Ideologie der Hierarchisierung von Menschen.

Die „widersprüchliche Zuschreibung“ die ich einfach mal so in den Raum stelle aber keineswegs näher begründe, mit Beispielen belege oder bezüglich einer Position beispielhaft nachweise.

Und eine „klammheimliche Ideologie der Hierarchisierung von Menschen“, dass ist fast amüsant, weil es sehr stark spiegelt, was von vielen, die einer „politischen Korrektheit“ anhängen, tatsächlich gemacht wird.
Sie hierarchisieren in Gut und schlecht, in Opfer und Täter, das alles nach pauschalen Gruppen nach Hautfarbe und Geschlecht. Sie verwenden Personengruppen als Strukturen, ganz ungeachtet deren Heterogenität.

Es sollen nur manche als „echte“ Deutsche zählen, nur manche Frauen als „richtige“ Frauen gelten, es sollen nur manche Personen ihre Ängste artikulieren, nur manche Gruppen ihre Rechte selbstbewusst wahrnehmen dürfen. Die anderen werden als „wütend“, „humorlos“ oder „kosmopolitisch“ diskreditiert. Der Vorwurf der „politischen Korrektheit“ ist nur noch ein menschenverachtender Code, der jene „ab ins Körbchen“ kommandieren will, die es wagen, die Würde tatsächlich aller Menschen für unantastbar und die Grundrechte wirklich aller für unveräußerlich zu halten.

Was für ein billiger Text. Ein ehrlicher Text käme aus meiner Sicht nicht daran vorbei zunächst erst einmal darzustellen, was man als Übertrieben, als zu korrekt empfindet und dann zu schauen, inwieweit das tatsächlich ein Über-das-Ziel-hinausschießen sein kann. Und das kann ja ganz einfach in beide Richtungen der Fall sein:

Die „politisch korrekten“ können übertreiben, wenn sie in der Aussage, dass ein Penis ein männliches Sexualorgan ist, einen unglaublichen Frevel sehen, der das Patriarchat etc stützt.

Diejenigen, die „politische Korrektheit“ vorhalten können übertreiben, wenn sie meinen, dass jeder, der in Transsexuellen nicht schlicht Geisteskranke sieht, politisch korrekt ist.

Um mal Extrempositionen zu benennen. Statt dessen kommt sie mit der Würde des Menschen.

Und das bei Leuten, die Männer, Weißen und Heterosexuellen absprechen, sich überhaupt zu Themen äußern zu können, weil sie Unterdrücker sind.

Es geht dann im gleichen Stile weiter: Die einen wollen doch nur die Menschenrechte, die anderen sind Schurken, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Durch die Verwendung einer Phrase.
Wenig durchdacht, schlecht argumentiert. Kaum Gehalt. Aber wenigsten politisch korrekt.

Crumar und Mark zu den Identitätstheorien im intersektionalen Feminismus

Ich fand diese Diskussion zwischen  Mark und Crumar in den Kommentaren interessant und möchte sie daher für einen Artikel verwenden:

Mark:

Vielleicht müsste man halt mal schon mal als Vorbedingung sagen: Rassismus ist das, was gewisse Menschen als Rassismus definieren. Nach der mutmasslichen Definition von Alice Hasters wird wohl jede Abweichung von Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen „Ethnien“ in Bezug auf gewisse Ressourcen, Positionen etc. als Rassismus deklariert werden. Das kann man machen, ich halte dies jedoch für eine falsche Definition von Rassismus, zumal die fehlende Ergebnisgleichheit überhaupt nicht durch Diskriminierung zustande kommen muss, sondern unterschiedliche Präferenzen oder unterschiedliche „Kulturen“ bzw. Sozialisationen erklärbar ist. Ausserdem ist nicht einzusehen, weshalb nicht auch nichtweisse Personen, die ja in eine rassistische Gesellschaftsstruktur verstrickt sind, selbst diese Strukturen reproduzieren. Und auf der Handlungsebene auch ganz rassistisch sein können. Das Problem scheint mir hier also zu sein, dass es wieder einmal in einem identiätspolitischen Duktus analysiert wird und sie nicht sieht, dass die verschiedenen Identitäten vollständig austauschbar sind.

Crumar:

Fangen wir noch einmal von vorne an: „Erstmal mag das nach einer progressiven Haltung klingen, wenn jemand behauptet: ,Hautfarben spielen für mich überhaupt keine Rolle‘ – in der Theorie mag das stimmen. Aber wir schauen hier auf eine Geschichte von 500 Jahren Versklavung, 250 Jahre Rassentheorien, Kolonialismus – alles Dinge, die nicht wirklich aufgearbeitet und auch nicht in unserem kollektiven Gedächtnis verankert sind. Sagen wir mal so: Ich hab noch Redebedarf (lacht).“
https://editionf.com/alice-hasters-rassismus-interview/

LACHT finde ich immer gut! 🙂

Es gab keine Sklaverei in Deutschland, die Geschichte des deutschen Kolonialismus dauerte ca. 30 Jahre und war in Afrika faktisch 1915 beendet, als die deutschen Truppen im Rahmen des 1 WW vernichtend geschlagen worden waren.
Von „500 Jahren“, nicht einmal „250 Jahren“ kann gar keine Rede sein.
Der Profit dieses deutschen Kolonialismus hat nie existiert; es war ein ganz mieses Geschäft.
Es gab nach 1918 – auch offiziell – keine deutschen Kolonien mehr, denn die wurden unter den Siegermächten verteilt.

Wenn in Deutschland jemand mit (post-) kolonialen Theorien betteln und hausieren geht, hab ich in der Tat ebenfalls „Redebedarf“.
Sie versucht eine angelsächsische Theorie copy&paste 1:1 auf Deutschland zu übertragen und muss damit scheitern. Sie sucht mit ihrer Mitleidslenkung an einer „progressiven Haltung“ anzusetzen, die sie moralisch erpressen, die hier aber mangels historischer Voraussetzungen schlicht nicht existieren kann.
Sie ist eine Kopistin, die ich nicht weiter ernst nehmen muss – wichtig ist nur ihr zu spiegeln, sie ist eine Kopistin ohne Verankerung in der historischen Realität.

Das ist ja ein altes Problem der intersektionalen Theorien bei der Anwendung in Deutschland: Letztendlich haben diese einen US-Amerikanischen Hierarchiekonflikt gelöst indem sie verschiedene Opferkategorien ausgemacht haben („Männer sind Privilegiert, Frauen benachteiligt“ und „Weiße sind privilegiert und Schwarze bzw PoCs benachteiligt“). Das ist ein Konflikt, der in den USA sehr bedeutsam ist, in Deutschland aber letztendlich eine wesentlich geringere Rolle spielt, schon weil der Anteil der PoCs weitaus geringer ist. In den USA besteht auch eine ganz andere Situation, da dort eben die Sklavenhaltung einen erheblichen Umfang hatte und zu erheblichen Spannungen führte, die so in Deutschland eben nie praktiziert worden ist. Natürlich hat Deutschland ebenfalls eine rassistische Vergangenheit, aber die richtet sich weit eher gegen andere Weiße, eben Juden, als speziell gegen Schwarze. Die größte Ausländergruppe, die Türken waren in der Hinsicht noch nicht einmal wirklich Gegner im zweiten Weltkrieg. Insofern ist die Situation aus den USA schwerer zu übertragen.

Mark:

@crumar
Das Problem ist m.E. wie folgt: Rassismus, Sexismus, Klassismus und viele andere Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen mit Abwertungen, Diskriminierungen, Kriegen, Genoziden, Völkermorde, Massaker etc. gibt es doch seit Beginn der Menschheit und zwar überall auf der Welt. Sicherlich gibt es Unterschiede, aber schlussendlich unterscheiden sich die Menschen nur sehr graduell. Soll heissen: Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann. Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.

In der Tat sind Ingroup und Outgroup Konflikte eine fast zwangsläufige Folge unser ansonsten kooperativen Natur, weil man sich zwangsläufig bei Leuten, mit denen man seltener zu tun hat, eher absichern muss und wir mit relativ kleinen Gruppen innerhalb unserer evolutionär wirksamen Vergangenheit zu tun hatten.

 

Ausserdem muss man gerade beim Rassismus zwischen Handlungs- und Strukturebene unterscheiden. Ein Individuum kann in einem Land leben, wo es strukturellen Rassismus gibt, aber das heisst noch lange nicht, dass dieses Individuum auf der Handlungsebene rassistisch wäre und für die rassistische Struktur kann es vielfach auch nichts, zumal es überhaupt nicht die Macht hat, alleine an der Struktur etwas zu ändern. Und wie ich schon vorher gesagt habe: Es ist nicht einzusehen, weshalb Schwarze in Deutschland, sollte es einen strukturellen Rassismus gegen Schwarze geben, diese Struktur nicht mitreproduzieren, wenn es ja angeblich auch alle Weisse tun. Wenn es alle Weisse tun, dann müssten es m.E. auch alle Schwarze tun. Also, m.E. ist die Argumentation von Alice Hasters nicht plausibel und widersprüchlich.

Finde ich eine wichtige Unterscheidung, die natürlich für das Gruppendenken der Identitätstheorien nicht praktikabel ist. Dort wird die Struktur ja immer von der Gruppe getragen und ein Individuum gibt es quasi nicht, man ist immer Zugehöriger verschiedener Gruppen – „alter weißer Mann“ ist eine berechtigte Schuldzuweisung und eine individuelle Betrachtung wird direkt als Versuch der unzulässigen Exculpierung angesehen -#Notallmen

 

Crumar:

Ich versuche kurz den historischen Rahmen zu verlassen und auf die linksidentäre Theorie und deinen Kommentar, speziell die Etablierten-Aussenseiter-Konstellation einzugehen:

„Für das allgemeine Verständnis von Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die ab und an damit einhergehenden Kriegen, Massenmorden, Genoziden etc. bringt es überhaupt nix, wenn man irgendwie eine Identität (hier beispielsweise die Hautfarbe) hervorhebt und so tut, wie ein Täterkollektiv nun speziell mit einer Hautfarbe assoziiert werden kann.“

So aber funktioniert ihre bizarre Denkweise und ich halte sie für ausgesprochen nützlich.
In der konkreten politischen Situation in D bspw. verdienen die Menschen in den 5 neuen Bundesländern objektiv weniger als in den alten Bundesländern und zwar stimmt hier ausnahmsweise der Befund: Für die gleiche Arbeit.

Als die Linksidentäre Ferda Ataman zum ersten Mal mit diesem Fakt konfrontiert wurde, reagierte sie in ihrer Spon-Kolumne ungläubig, das könne doch wohl nicht heißen, eine türkische Putzfrau im Westen verdiene weniger als eine im Osten.

Sie meinte implizit natürlich – in ihrer subjektiven, der identitären Logik – eine weißenicht „POC“. Während es sich eben objektiv genau so verhält.
D.h. die Linksidentären insistieren darauf, bevor man auch nur einen Blick auf die empirische Realität wirft, stehen „Opfer- und Täterkollektive“ – in ihrem Sinne – bereits fest.
Sagt die empirische Realität das Gegenteil, dann wird sie schlicht geleugnet.

Ihr Bemühen, das „allgemeine Verständnis“ identitär zu beeinflussen, läuft zwangsläufig darauf hinaus zu behaupten, die Menschen in den 5 neuen Bundesländern könnten gar nicht benachteiligt werden, weil sie weiß, Alemans, Kartoffeln usw. usf. sind (das wird man doch wohl noch sagen dürfen!)

Politisch läuft identitäre Logik zwangsläufig darauf hinaus festzustellen, bei den Menschen in den 5 neuen Bundesländern handelte es sich um den „Basket of deplorables“:
Mit der gleichen Volte, die auch für Männer gilt führt die Unterstellung von Privilegien dazu festzustellen, sie hätten aus ihren Privilegien eben nichts gemacht und seien daher selbst Schuld an ihrer miserablen Lage. In neoliberalem Mantra wird ihnen das Scheitern individuell übereignet, zugleich werden sie der Verachtung preisgegeben. Und Widerstand gegen diese miserable Lage zeigt in der bizarren Logik der Identitären immer nur den (natürlich nur unterstellten) Kampf um den Erhalt von Privilegien. Also wie und dass sie völlig im Recht sind.

In dieser Logik können gesellschaftliche Ausschlüsse für beliebige „Identitäten“ und „Täter-Kollektive“ konstruiert werden, man kann dabei ein gutes Gewissen haben und sich „progressiv“ fühlen, während objektiv eine neoliberale, reaktionäre, spalterische Politik verfolgt und eine Hetz- und „Hass“-Sprache etabliert wird.

„Zentral wäre doch mal anzuerkennen, dass Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen und die damit einhergehenden Abwertungen, Diskriminierungen, Massakern, Genozide etc. nix mit einer besonderen Identität zu tun haben, sondern jede Identität (ob Schwarze, Weisse, Männer, Frauen, Deutsche, Schweizer, Bayern, Schwule, Heterosexuelle etc.) kann zu Tätern und Opfern werden.“

Zentral wäre m.E. erstens vorab, dass uns die Identitären ihre Sicht auf uns aufdrücken wollen.
Ihr Narzissmus besteht zweitens daraus, sie unterstellen mir und uns, wir müssten eine „Identität“ gemäß eines biologistischen Determinismus entwickeln.

Die Denkweise und „Theorie“ ist drittens eine vormoderne und scheitert politisch spätestens, wenn ein als homogen halluziniertes Kollektiv „Männer“ sich nicht einmal auf ein einheitliches Wahlverhalten verabreden kann.
Eine entwickelte „Identität“ gemäß eines sozialen Milieus, in der Etablierten-Aussenseiter-Konstellationen nicht einheitlich sind und keiner binären Logik folgen stellt eine Überforderung dieser Theorie dar, sie wird – zwangsläufig – einer modernen Gesellschaft nicht gerecht.
Mit einer Jugend-Subkultur wie „Punk“ wird auch eine „Etablierten-Aussenseiter-Konstellation“ fragwürdig, denn die subkulturelle Logik besteht eben gerade darin, sichtbar Aussenseiter zu sein.

Das biologistische fundierte Stammes- und Clan-Denken unterstellt viertens jedem Individuum, Entwicklungsmöglichkeiten nur in den engen Grenzen eines Konzepts von „Identität“ zu haben, welches jedoch immer schon vorausgesetzt ist und dem es sich unterzuordnen hat.
Die Idee einer individuellen Wahlfreiheit in Sachen individueller Identität ist vor dem Hintergrund dieser Vorstellung absurd.
Umgekehrt ist jedoch das „Kollektiv“ der „People of Colour“ (s. Männer) eine Schimäre, denn eine gemeinsame kulturelle Identität haben bspw. Japaner und Nigerianer nicht.

Diese Theorie ist auch nicht „kollektivistisch“, denn ihre Konstruktion eines Kollektivs erfolgt nicht gemäß gemeinsamer Interessen oder einer gemeinsamen sozialen Lage, sondern unterstellt diese auf der Basis biologischer Merkmale. Das ist eine insgesamt von der empirischen Realität völlig entkoppelte Theorie.

Mein Verdacht ist, dass die US-Linke und Linksliberale diese unterkomplexe, vormoderne „Theorie“ angenommen haben, weil sie an den gesellschaftlichen/sozialen Differenzierungsprozessen in ihrer Heimat gescheitert sind.

Abschließend: Kriege, Massenmorde, Genozide sind historisch durchgängig bei allen Kulturen anzutreffen. Die identitäre Verkürzung der Weltgeschichte auf die Kolonialgeschichte muss „POC vs. POC“ Grausamkeiten jedoch leugnen/herunterspielen und erzeugt einen Kollateralschaden: Die wahre Geschichte der Menschheit begann erst mit dem Auftritt der Weißen! 😉