Was ist Intersektionaler Feminismus?

UN Women:

Ein intersektionaler Ansatz zeigt, wie sich soziale Identitäten von Menschen überlappen. Dabei sammeln sich diskriminierenden Erfahrungen an und verstärken sich.

„Wir neigen dazu, über Ungleichheit aufgrund von Rassifizierung zu sprechen, als sei sie getrennt von Ungleichheit aufgrund von Geschlecht, Gesellschaftsschicht, Sexualität oder Einwanderungsgeschichte. Was dabei fehlt ist das Verständnis, dass manche Menschen all diesen Ungleichheiten ausgesetzt sind. Die Erfahrung dieser Menschen ist nicht einfach die Summe ihrer Teile”, sagt Crenshaw.

Ein intersektionaler Feminismus konzentriert sich auf die Stimmen derjenigen, die überlappende, gleichzeitige Formen der Unterdrückung erleben, um die Tiefen der Ungleichheiten und die Beziehungen zwischen ihnen in jedem Kontext zu begreifen.

(…)

Die berühmte brasilianische Frauenrechtlerin Valdecir Nascimento sagt: „Der Dialog über die Stärkung der Rechte von Schwarzen Frauen sollte sie ins Zentrum rücken.“ Seit 40 Jahren kämpft Nascimento für Gleichberechtigung. „Schwarze Frauen aus Brasilien haben nie aufgehört zu kämpfen“, sagt sie und weist darauf hin, dass Schwarze Frauen Teil waren der feministischen Bewegung, der Schwarzen Bewegung und anderer progressiver Bewegungen. „Wir wollen nicht, dass andere Menschen für Schwarze Feministinnen reden, weder weiße Feministinnen noch Schwarze Männer. Es ist unerlässlich, dass junge Schwarze Frauen diesen Kampf übernehmen“, sagt sie. „Wir sind die Lösung in Brasilien, nicht das Problem.“

Eine intersektionale Herangehensweise bedeutet auch, die historischen Kontexte, in die Probleme eingebettet sind, zu erkennen. Lange Vorgeschichten von Gewalt und systematischer Diskriminierung haben tiefe Ungerechtigkeiten geschaffen, die einige Menschen von vornherein benachteiligen. Diese Ungleichheiten überschneiden sich gegenseitig, wie zum Beispiel Armut, Kastensysteme, Rassismus und Sexismus, und sie verweigern Menschen ihre Rechte und Chancengleichheit. Die Auswirkungen erstrecken sich über Generationen hinweg.

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Wenn wir durch eine intersektionale feministische Linse blicken, sehen wir, wie verschiedene Gemeinschaften unterschiedliche, miteinander verbundene Probleme gleichzeitig bekämpfen. In Solidarität miteinander zu stehen, Machtstrukturen in Frage zu stellen und sich gegen die Ursachen von Ungleichheiten auszusprechen, sind entscheidende Maßnahmen, um eine Zukunft zu erschaffen, die niemanden im Stich lässt.

„Wenn du Ungleichheit als ein Problem von „denen“ oder den „bedauerlichen Anderen“ ansiehst, dann ist das ein Problem“, sagt Crenshaw. „Wir müssen offen dafür sein, all die Arten und Weisen zu betrachten, wie unsere Systeme diese Ungleichheiten reproduzieren, und das schließt sowohl die Privilegien ein als auch das Leid.“

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Was ist Intersektionalität?

Keine der verschiedenen gesellschaftlichen Strukturkategorien wie Geschlecht, Rassifizierung, Klasse, Nationalität, sexuelle Orientierung, Alter etc. steht für sich alleine. Diese Kategorien wirken sowohl für sich, als auch im Zusammenspiel an der Gestaltung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit. Sie müssen in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen betrachtet werden, wollen wir ihre Dynamik verstehen und Diskriminierungen und Ausschluss verhindern.

Intersektionalität geht auf das englische Wort intersection, also Strassenkreuzung, zurück. Die Schwarze US-amerikanische Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw benutzte diesen Begriff erstmals Ende der 1980er-Jahre, um mit dem Bild der Strassenkreuzung die Gleichzeitigkeit, das Zusammentreffen, Kreuzen und Überschneiden von Machtverhältnissen zu benennen. Und um damit die Verwobenheit sozialer Ungleichheiten sichtbar zu machen und diese Machtverhältnisse zu dekonstruieren.

Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener Kategorien, die Ungleichheiten verursachen. Der Begriff Intersektionalität ist in einem wissenschaftlichen Kontext relativ jung. Das Wissen und Verständnis von Intersektionalität sind sehr alt. Im Prinzip gibt es Intersektionalität seit es die Schwarze Frauenbewegung gibt. Es ist zentral, Intersektionalität in diesem Kontext und aus dieser Perspektive heraus zu verstehen. Im deutschsprachigen Raum wurde sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und fehlinterpretiert. (vgl. Natasha A. Kelly: „Intersektionalität ist die Grundidee des Schwarzen Feminismus“ (Interview auf editionf)

Die Frauenrechtlerin, Abolitionistin (Sklavereigegnerin) und ehemals versklavte Schwarze Frau Sojourner Truth wies bereits 1851 auf die Überschneidung von race und Geschlecht hin und wie sich diese mehrfache Diskriminierung auf sie auswirkte. An einem Frauenkongress in Ohio hielt sie ihre berühmte Rede «Ain’t I a Woman?» (Bin ich keine Frau?). Darin sagt sie, dass sie nicht als Frau anerkannt und ernstgenommen werde, weil sie Schwarz ist. Und prangert so gleichzeitig Rassismus und Sexismus an.

Das Konzept der Intersektionalität ermöglicht es, die verschiedenen und komplexen Positionen in Machtverhältnissen sichtbar zu machen. Es ermöglicht zu sehen, wie diese miteinander verwobenen Machtstrukturen wirken und wie jede* und jede*r sich in ihnen verorten kann. Dies bedeutet für weisse Menschen, eine selbstkritische Perspektive einzunehmen sowie die eigenen weissen Privilegien, und wie diese genutzt werden können, zu reflektieren.

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Intersektionalität beschreibt die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Eine intersektionale Diskriminierung tritt auf, wenn eine Person aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale Opfer verschiedener Diskriminierungsformen wird – beispielsweise nicht nur von Sexismus, sondern auch von Rassismus oder Homophobie. Diese Diskriminierungsformen addieren sich nicht nur auf, sondern führen in Kombination zu komplett eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. Soll heißen: Eine schwarze Frau erlebt einen anderen Sexismus als eine weiße Frau. Denn Sexismus und Rassismus werden in Kombi zu einer ganz neuen, noch giftigeren Mixtur. Ein intersektionaler Feminismus möchte in erster Linie eines: diese Tatsache anerkennen.

Seinen Ursprung hat der Begriff in der feministischen Bewegung der 1960er-Jahre in den USA, als schwarze Feministinnen ihre besondere Situation aufgrund rassistischer Diskriminierung betonten. Sie warfen der feministischen Bewegung vor, sie würde sich lediglich mit den Belangen weißer Mittelschichtsfrauen befassen. Denn während weiße Frauen immer öfter angehört wurden, wurden die Interessen von nicht-weißen Frauen unter den Teppich gekehrt – und das passiert bis heute. Es äußert sich nicht zuletzt in Lena Dunhams komplett weißem Cast in Girls, in feministischem Sweatshop-Merchandise bei H&M oder im Fehlen weißer Personen bei #BlackLivesMatter-Demonstrationen.

1991 benutzte die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal den Begriff Intersectionality, der daraufhin Eingang in unterschiedliche Forschungsfelder und Politikbereiche fand – auch, wenn die Idee dahinter nicht neu war. Seit ungefähr 20 Jahren gehört er fest zum feministischen Diskurs in der ganzen Welt und sorgt nach wie vor für Uneinigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Begriff schwer zu definieren ist: Denn es ist quasi unmöglich, Diskriminierungsformen zu kategorisieren. Neben Geschlecht, Race und sozialer Schicht könnte man ohne Weiteres noch endlose weitere Kategorien aufzählen, die zu einer Benachteiligung führen: Gesundheit, Aussehen, Alter, Religion, Nationalität, usw. Judith Butler hat dazu mal gesagt, dass dieses Projekt der Klassifizierung zum Scheitern verurteilt ist: „Theorien feministischer Identität, die eine Reihe von Prädikaten wie Farbe, Sexualität, Ethnie, Klasse und Gesundheit ausarbeiten, setzen stets ein verlegenes ‚usw.‘ an das Ende ihrer Liste (…), doch gelingt es ihnen niemals, vollständig zu sein.“ Ihr merkt: Vor dem „verlegenen usw.“ bin auch ich nicht sicher.

Das macht den intersektionalen Ansatz allerdings nicht weniger wichtig, denn es geht um mehr als nur darum, Mehrfachdiskriminierung sichtbar zu machen und anzuerkennen, dass es neben Sexismus auch noch andere Themen gibt, die den Feminismus betreffen. Es geht auch um Konsequenz und Solidarität: Denn es wirkt widersprüchlich und paradox, an einer Stelle mehr Rechte einzufordern und die eigenen Privilegien an anderer Stelle selbst nicht an Benachteiligte abgeben zu wollen. Das ist der Vorwurf gegen den sogenannten White Feminism. Er scheint zu sagen: „Ja, wir wollen gleiche Rechte. Auch wenn das nur für weiße, mittelständische, heterosexuelle Frauen gilt. Der Rest ist nicht mein Problem!“

Der intersektionale Feminismus der Gegenwart hat verstanden, dass es ohne Solidarität nicht möglich ist, Ungerechtigkeit zu beenden. Denn Geschlecht ist nicht die einzige Kategorie, die in unserer Gesellschaft Machtdifferenzen generiert. Und all diese Arten von Herrschaftsverhältnissen bedingen sich gegenseitig: Sie bilden ein komplexes Ganzes, das nicht zum Einsturz gebracht werden kann, wenn man bloß einzelne Bausteine herausnimmt. Will man soziale Ungerechtigkeit für alle beenden, dann muss man am Fundament rütteln.

Die US-amerikanische Soziologin Kathy Davis hat das mal folgendermaßen zusammengefasst:

„Intersektionalität thematisiert das zentrale (…) Problem in der feministischen Wissenschaft – die Anerkennung von Differenzen zwischen Frauen. Es berührt das drängendste Problem, dem sich der Feminismus aktuell gegenübersieht – die lange und schmerzliche Geschichte seiner Exklusionsprozesse.“

Kurz könnte man auch sagen: Intersektionaler Feminismus meint einen Feminismus für alle. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen. Das ist eine riesige Chance: Wenn man bereit ist, eigene Privilegien anzuerkennen und sie für jene einzusetzen, die weniger Ressourcen haben, dann rüttelt das tatsächlich ein bisschen am Fundament. Denn es ist nicht im System vorgesehen, dass man im Sinne der Gerechtigkeit bereit ist, für die Abschaffung der eigenen Vorteile zu kämpfen.

Auf das Wesentliche herunter gebrochen meint der intersektionale Feminismus einfach Solidarität. Und es gibt nichts Bestärkenderes als Solidarität. Leider gibt es kein Handbuch dafür, wie man diese „richtig“ übt. Aber es ist die halbe Miete, anzuerkennen, dass andere Menschen oftmals eine andere Diskriminierungserfahrung haben, die wir selbst niemals nachvollziehen werden können. Ich werde niemals wissen, wie es sich anfühlt, in Deutschland schwarz zu sein. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, offen lesbisch zu sein. Ich wurde nie aufgrund meiner Herkunft diskriminiert. Deswegen sollte man nicht versuchen, für die zu sprechen, die es besser wissen. Sondern sollte lieber das Mikro abgeben, zuhören, lernen – und so am Fundament rütteln.

Hannah Wettig: „Von identitätspolitischen Strebern, die Professorinnen gefallen wollen“

Leser PG13 wies in den Kommentaren auf einen interessanten Artikel von Hannah Wettig, früher bei der Mädchenmannschaft aktiv, zu den intersektionalen Theorien hin

Es gibt viele Namen: „Identitätspolitik“, „intersektionaler Feminismus“, „Critical Whiteness“, „Woke“ – und abwertend „Cancel Culture“ oder „Islam-Linke“. Davon war viel in den vergangenen Wochen in den Medien zu lesen. Die Begriffe werden in den Medien mehr oder weniger synonym verwendet. Das sind sie zwar nicht, aber auch ich werde das erst einmal tun und später differenzieren.

Als Grüne sind wir schon etwas früher mit dem Phänomen konfrontiert worden, zumindest in einigen Landesverbänden. In Berlin stellten etwa ältere Semester bei der letzten Frauenvollversammlung erstaunt fest, dass sie sich dem intersektionalen Feminismus verschreiben sollten und fragten, was das denn überhaupt sei.

Dass eine neue Ideologie so wirkmächtig auftritt und unbedingtes Mitmachen einfordert, während die Masse der Bevölkerung und sogar ein Großteil der politisch Tätigen noch gar nichts davon gehört hat, gehört zu den Besonderheiten dieser Strömung. Das führt zu den meist diskutierten Problemen dieser Entwicklung: Immer wieder werden Menschen aufs Schärfste attackiert für etwas, was sie gesagt haben, haben aber nicht den blassesten Schimmer, was daran eigentlich schlimm war.

Das ist in der Tat sicherlich für viele ein plötzliches Problem, weil die Basis, gerade die Älteren, von den Theorien gar nichts mitbekommen haben, es gar nicht so einfach ist, dass plötzlich zu verstehen, um was es eigentlich geht, aber für Fehler plötzlich aufs schärfste angegriffen zu werden.

Ich war damit zum ersten Mal vor neun Jahren konfrontiert. Damals schrieb ich für den feministischen Blog Mädchenmannschaft. Zur Feier des fünfjährigen Jubiläums waren alle Berliner Mitstreiterinnen aufgefordert, Workshops anzubieten. Ich bot an, etwas über Frauen in der ägyptischen Revolution zu machen. Das wurde begrüßt. Als ich aber zu der Veranstaltung kam, spürte ich Abweisung: Andere Bloggerinnen schnitten mich. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und meinen Workshop durchgeführt. Keine der anderen Bloggerinnen nahm daran teil. Vier bis fünf Tage später nahm mich eine Bloggerin, die nicht in Berlin wohnte, also nicht auf der Veranstaltung gewesen war, in Kopie auf den internen Verteiler. Sie schrieb: Was ihr mit Hannah macht, ist Stalinismus. Ihr habt sie nicht einmal informiert, geschweige denn angehört zu den Vorwürfen. Deshalb leite ich das jetzt an sie weiter.

Ich las eine ellenlange hitzige Diskussion der letzten Tage. Daraus erfuhr ich, dass ich auf der Website in einem großen Artikel angeprangert wurde. Ich sollte mich öffentlich entschuldigen und meine weiße Position reflektieren. Mein Haupt-Vergehen: Ich hatte als weiß Positionierte über People of Color gesprochen. Sprich: ich hatte genau das getan, was ich angekündigt hatte und was sie begrüßt hatten: über Frauen in der ägyptischen Revolution berichtet.

Außerdem wurden mir noch ein paar andere Kleinigkeiten vorgeworfen, die auf Hören-Sagen beruhten – wie gesagt: Keine war bei dem Workshop gewesen. Meine Verteidigung, die Diskussion im Workshop sei ganz anders verlaufen, als sie es behaupteten, wurde beantwortet mit: „Du willst Dich also nicht kritisch mit Deinem Verhalten auseinandersetzen.“

In der Folge verließ die Hälfte der Bloggerinnen das Kollektiv, weil sie den Umgang mit mir einfach nur verrückt fanden. Die taz und die Jungle World berichteten darüber. Sie interpretierten das Ganze als Richtungsstreit. Ich hatte aber etwas anderes erlebt. Es ging nicht um unterschiedliche politische Positionen. Wir hatten gar keine politische Debatte geführt. Das Ganze war ein kafkaesker Prozess. Es ging um Macht, nicht um Inhalte.

Ich hatte diese Streitigkeiten in der Mädchenmannschaft schon mal aufgegriffen:

Die „Gegensicht“ der intersektionalen Feministinnen zwar nicht genau zu ihrem Vortrag aber zu Vorfällen aus dem Jubiläum findet sich hier und ich wollte sie eigentlich schon immer mal besprechen. Ich zitiere aber einfach mal aus dem Text:

Auf dem Podium saßen Julia Brilling für Hollaback!BLN, Dr. Daniele G. Daude für Bühnenwatch und Sandra Steinitz für Sl*twalk Berlin (im Folgenden benannt mit SW bzw. SW Berlin). Moderiert werden sollte das Podium von Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft (MM).

Nach der Vorstellung der Initiativen durch die Podiumsteilnehmerinnen äußerten Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling mehrfach Kritik am Umgang der SW-Organisator_innen mit den aktuellen Blackface- und Niqab-Vorfällen auf dem SW Berlin 2012, bezogen sich dabei auch konkret auf die Debatte bei Facebook, die am Tag der MM-Veranstaltung ein besonderes Ausmaß an Zurschaustellung weißer Überlegenheitsgesten und Rassismusverharmlosung erreichte (eine entsprechende Contentwarnung gilt für den verlinkten Facebook-Thread). Kritik wurde von beiden auch am Umgang der SW-Orga mit den Kritiken aus dem vergangenen Jahr geäußert, es ging z.B. um die Problematik der Aneignung des Wortes ‚Sl*t‘ (‚Schl*mp*‘), weiterhin um produzierte Ausschlüsse und die Ignoranz diesen gegenüber.

Sandra Steinitz verstrickte sich in Rechtfertigungsversuche und derailte die von Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling geäußerte Kritik, Unmut von Teilnehmer_innen of Color und von wenigen weiß positionierten Teilnehmer_innen aus dem Publikum folgte, sowie weiterhin Kritik von Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude an konkreten Aussagen von Sandra Steinitz.

Im Publikum gaben sich vier bis fünf weiß Positionierte als Organisator_innen von SW Berlin zu erkennen und skandalisierten den Diskussionsverlauf, ebenfalls mit Rechtfertigungen, Abwehrhaltung und Derailing, zum Teil mit Umkehrungsrhetoriken. Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude reagierten, ebenso Teilnehmer_innen of Color und wenige weiß positionierte Teilnehmer_innen.

Anna-Sarah lenkte die Debatte auf ein neues Thema, doch die anwesenden SW-Organisator_innen kommentierten weiter das zuvor Gesagte und unterbrachen mehrfach. Sabine stand auf und wies eine der Organisator_innen zurecht.

Die Organisator_innen von SW Berlin äußerten sich wiederholt rassistisch und reproduzierten weiße Dominanz und Abwehr. Einige Teilnehmer_innen of Color verließen den Raum.

Nach einem Signal von und Verständigung mit Sabine stoppte Magda den Verlauf der Podiumsdiskussion mit dem Verweis, dass gerade Women of Color den Raum verlassen haben und ein Weitermachen keinen Sinn ergäbe. Ein_e Teilnehmer_in kritisierte, dass Betroffene den Raum verlassen müssen und nicht die Sl*twalk-Organisator_innen. Nach der Beendigung der Podiumsdiskussion verließ die SW-Orga den Raum besonders sicht- und hörbar, indem sie sich zudem gegenseitig Mitleid aussprachen für die „schlimme Situation“.

Hintergrund waren ua (spätere?) Femen-Aktivistinnen, unter anderem Zana Ramadami, die schwarz angemalt am Slutwalk teilgenommen hatten:

Die intersektionalen Feministinnen fanden das natürlich fürchterlich, die restlichen Feministinnen anscheinend nicht so bewegend, insbesondere wollten sie über ganz andere Sachen reden und haben gar nicht verstanden, warum sich darüber so aufgeregt wird. Sie wollten darüber reden, wie man das Patriarchat besiegt, die intersektionalen Feministinnen wollten ihnen vorhalten, warum ihr Aktivismus „Nicht gut genug“ ist und damit falsch. Die damaligen Feministinnen dachten wahrscheinlich „Warum greifen die uns so an, wir wollen doch die Welt besser machen und sollten alle zusammen halten“ oder etwas in der Art. Aber das intersektionale Programm hätte Demutsgesten erfordert, Einsicht falsch gehandelt zu haben, Distanzierung und die Mitteilung, dass man aus den Fehlern lehren wird und in Zukunft solche Sachen unterbinden wird und auf PoCs hören wird, wenn diese Kritik üben. Dann hätte man den PoCs die Bühne geben müssen, damit sie sagen was richtig ist.

Dazu dienten neue Sprach- und Verhaltensregeln des politisch Korrekten. Da wurden Wörter gebraucht, die ich überhaupt nicht kannte. Und das, obwohl ich immer politisch aktiv war und das genau in diesen Subkulturen. Immerhin war ich Teil dieses feministischen Kollektivs gewesen, hatte mich aber in den Monaten zuvor nicht an Diskussion beteiligt, weil ich in den arabischen Revolutionen unterwegs gewesen war. In nur wenigen Monaten hatte eine Clique das Kollektiv übernommen, die nun einforderte, dass wir uns an neue Regeln hielten und die bestimmten, wie Feminismus zu sein habe.

Das man sich dort so einfach hat vertreiben lassen finde ich immer noch faszinierend. Immerhin war die Mädchenmannschaft ja das „Kind“ der älteren Feministinnen und sie hätten auch klarstellen können, dass die intersektionalen Feministinnen zu gehen haben und ihre eigene Seite aufmachen können, wenn ihnen das nicht passt.
Aber meine Vermutung ist, dass die andere Seite einfach viel zu aggressiv aufgetreten ist und man dem wenig entgegen zu setzen hatte und die intersektionalen Feministinnen auch gar nicht eingesehen hätten, dass man sie rauswirft.
Letztendlich hat das gleichzeitig dem Blog Mädchenmannschaft nachhaltig geschadet, dort erscheinen quasi keine interessanten Artikel mehr und der Blog dürfte – vermutlich zu Gunsten des Missy Magazins – erheblich an Leserschaft verloren haben.

Ich begann mich im Freundeskreis umzuhören, ob jemand schon mal etwas von dieser neuen Strömung gehört hatte. Und hörte viele dramatische Geschichten. Damals handelte es sich aber eindeutig noch um eine Strömung in kleinen linken Subkulturen. Linke Subkulturen hatten in ihrer Geschichte häufig Sprachregeln, die man nicht unbedingt von außen nachvollziehen konnte. Sie hatten auch häufig einen rigiden Umgang mit Abweichlern. Trotzdem fiel mir schon damals auf, dass es ein paar bemerkenswerte Unterschiede zu vorherigen Praxen gab.

Die Umstellung damals war auch aus meiner Sicht deutlich, aber immerhin hat sie indirekt auch diesen Blog ins Leben gerufen, denn erst mit dem Auftreten der intersektionalen Theorien ging die Diskussionskultur bei der Mädchenmannschaft vollends den Bach runter. Vorher war da – wenn auch eingeschränkt – durchaus noch kritisches erlaubt, aber mit dem Erstarken der intersektionalen Theorien wurde immer mehr geblockt bis man quasi keine Möglichkeit zum diskutieren mehr hatte.

Es findet gar keine Debatte mehr statt

Auch wir Grünen kennen aus unserer Geschichte denunziatorische Attacken auf den politischen Gegner und auch auf die eigenen Mitstreiter. Die erste Bundestagsfraktion der Grünen soll sich geradezu zerfleischt haben in Richtungskämpfen. Junge Menschen, die die Welt verändern wollen, gehen zuweilen gnadenlos gegen die Altvorderen vor, die das nicht wollen. Wir können das falsch finden. Aber es ist nun mal so und es war schon immer so. Aber hier ist etwas anders. Darum will ich zunächst auf die Praxis eingehen – und dann erst auf die Probleme mit der Theorie.

Es findet gar keine Debatte mehr statt. Es wird mit größter Vehemenz angegriffen: Die Attacke wird oft gegen etwas Symbolisches geführt. Es geht um Wörter, aber auch um Kleidung, Haarstil, Essen, Karnevalskostüme, Dreadlocks, das Zubereiten von exotischen Speisen durch Weiße.

In der Tat ist es eines der Probleme der intersektionalen Theorien, dass nicht mehr diskutiert wird. Das ist gleichzeitig seine Stärke. Denn sein Auftreten als dogmatische und fanatische Religion, die alle Ketzer angreift erlaubt eben nur ein Dafür oder ein Dagegen sein, und wer dagegen ist, der fliegt raus.

Wer damit in solchen Gefilden überleben will, der muss sich anpassen – mit Gegenwehr kommt er nicht sehr weit, wenn erst einmal diese Theorien genug Fuß gefasst haben. Er wird als Rassist und Sexist beschimpft werden und jeder, der ihm zur Seite steht gleich mit. Die Angriffe sind dabei in der Tat oft an Kleinigkeiten aufgehangen, wenn man es nicht aus dogmatischer Sicht sieht, es gibt dort eben kein Leben und Leben lassen, wer das zulässt ist ebenfalls Feind.

Ich habe große Sympathien für rebellierende junge Menschen. Darum habe ich in den vergangenen Jahren, wenn mich solche jungen Menschen bei Vorträgen angriffen, immer das Gespräch mit ihnen gesucht – und sie gebeten, mir zu erklären, warum das Wort, was ich verwendet hatte oder meine Position problematisch beziehungsweise rassistisch seien. Es kamen Phrasen und Glaubenssätze, viele Gefühle oder behauptete Gefühle von irgendjemand anderem, aber keine Argumente, jedenfalls keine, die der logischen Struktur meiner Argumente ähnelten. Ich finde das sehr anstrengend. Ich muss sagen, ich diskutiere lieber mit einem Betonkopf-Marxisten-Leninisten, obwohl ich deren Positionen furchtbar finde, aber sie bringen wenigstens Argumente, die man kontern kann.

Das ist eine nette Zusammenfassung, an der sicherlich einiges Wahres ist, wobei es interessant wäre, was sie selbst als logische Struktur ansieht. Aber in der Tat können viele dort überhaupt nicht diskutieren, weil Glauben keine Diskussion erfordert, ja dadurch sogar erschwert wird. Es ist ein Costly Signal einfach zu glauben und zu akzeptieren und eine gewisse Unlogik macht dieses Signal der Gruppenzugehörigkeit sogar stärker.

Vor ein paar Jahren habe ich für die Emma junge Feministinnen interviewt, die sich gegen diese Art der Identitätspolitik wenden. Sie erzählten mir von ihren Erfahrungen in der Szene. Was ich besonders bemerkenswert fand: Sie erzählten, dass viele jungen Feministinnen vor allem Modemagazine lesen und politische Diskussionen langweilig finden. Darüber musste ich lange nachdenken: Dieselben Frauen, die Professoren wütend wegen angeblich rassistischer Äußerungen niederbrüllen, interessieren sich gar nicht für Politik in ihrer Freizeit? Wie kann das sein?

Das wäre ja durchaus eine interessante Sache: Intersektionale Theorien als Lifestyle, der eine wirkliche Auseinandersetzung gar nicht mehr erforderlich macht. Wer glaubt, der muss nicht diskutieren. Wenn Rassismus und Sexismus allmächtig sind und die Privilegierten die Verantwortung dafür tragen diese Mißstände zu beseitigen, dann kann man als Frau auch Modemagazine lesen. Wenn alles, jeder Bereich, auch politisch ist, dann ist auch die Mode politisch und Modemagazine, etwa mit Unisexartikeln oder woken Modeln sind auch Politik

Dazu müssen wir uns die Herkunft dieser Ideologie anschauen; nicht die originäre Herkunft, sondern den Weg, wie sie in unsere Gesellschaft gekommen ist. Es sind Theorien, die in der Universität gelehrt werden, insbesondere in den Gender Studies. Dort werden sie zuweilen als rigide Glaubenssätze gelehrt. So erzählte mir etwa eine junge Feministin, die an der Humboldt-Universität in Berlin studiert hat, dass sie in ihrem ersten Semester scharf von der Dozentin zurechtgewiesen wurde, als sie auf die Frage, ob man einen Text von Roland Barth lesen dürfe, in dem das Wort „Neger“ vorkam, mit „ja“ geantwortet und das auch begründet hatte. Die Art, wie sie heruntergeputzt wurde, hat auch den anderen im Seminar Eindruck gemacht. Sie erzählte mir: „Du musst Dir vorstellen, da kommen einige aus der deutschen Provinz. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die kuschen oder gehen in die innere Emigration.“ Es wird also eingebimst und auswendig gelernt, nicht diskutiert. Keineswegs sind die Glaubenssätze, die hier in Deutschland von Vertreterinnen dieser Theorien vorgebracht werden, Ergebnis eines zivilgesellschaftlichen Prozesses, wie behauptet wird. Sondern sie sind von oben oktroyiert. Darum vermisst man auch zuweilen einen Bezug zur Realität.

Es bleibt auch nichts anderes als auswendig zu lernen, eine Diskussion kann allenfalls über Feinheiten aufkommen, aber auch dort ist es schwierig, weil Diskussion gerade Zweifel und Unstimmigkeit bedeutet.

Das spielt auch eine Rolle für unsere Arbeit als Grüne. Ein Beispiel aus einem Kreisverband: Einige junge Mitglieder hatten für das Wahlprogramm ein ganzes Kapitel zu Postkolonialismus geschrieben, unter anderem forderten sie, dass umgehend alle Straßennamen mit kolonialem Bezug umbenannt werden müssten. An sich ist das ein absolut unterstützenswertes Anliegen, was wohl jede grüne Fraktion gern umsetzen würde. Die Fraktion ist also sämtliche Straßennamen des Ortes durchgegangen. Sie hat keinen einzigen mit kolonialem Bezug gefunden. Die Autor*innen des Kapitels kannten auch keinen.

Das ist eine nette Anekdote. Was muss das frustrierend gewesen sein, dass da tatsächlich kein Name vorhanden war, etwas was man einfach vorausgesetzt hatte. Dabei wäre es so ein schön vorzeigbarer Aktivismus gewesen, mit dem man super seine woke Einstellung hätte darlegen können.

Aus solchen Erfahrungen lässt sich der böse Schluss ziehen: Die jungen Leute, die hier so scharfe Attacken führen, sind überhaupt keine rebellierende Jugend, die wütend darüber ist, dass echte Probleme immer noch nicht behoben sind. Es sind vielmehr Streber, die die Lehrsätze ihrer Professorinnen nachplappern. Deshalb wohl kommt es zu teilweise völlig absurd anmutenden Angriffen. Wenn etwa Menschen mit Dreadlocks attackiert werden oder eine grüne Spitzenkandidatin dafür, dass sie als Kind Indianerhäuptling werden wollte, dann liegt das nicht daran, dass die politische Linke in Deutschland keine Themen mehr hat, wie das konservative Feuilleton behauptet. Sondern es liegt mitunter daran, dass eifrige Schüler eine 1 bekommen wollen.

Das ist eine schöne Darstellung der „Call Out Culture“. Ich hatte ja hier schon einmal anhand einer Fußballmetapher dargestellt, dass sich im intersektionalen Feminismus die Spielregeln geändert haben: Wo es vorher auf das Torschiessen angekommen ist gibt es jetzt eben Punkte dafür, dass man darauf hinweist, dass der eigene Mitspieler zu wenig zu schwarzen Mitspielern abspielt, und das unabhängig davon, ob damit eher ein Tor erzielt wird oder nicht.

Es gibt eben Virtue Signalling Punkte für solche Aktionen, und gerade dafür, dass man auf Fehler anderer hinweist.

Hintergründe der Identitätspolitik: Zugrundeliegende Theorien

Aber es gibt auch die, die darüber Macht ausüben. Dafür sind solche Glaubenssätze, vor allem wenn ihre Auslegung willkürlich ist, besonders gut geeignet. Professorinnen können so andere Professorinnen wegbeißen, Politikerinnen andere Politikerinnen usw.

Macht ist über die intersektionalen Theorien in der Tat recht einfach auszuüben. Es gibt bestimmten Personen eben das Recht herablassend von oben die Wahrheit zu verkünden und das mit einer gewissen Unangreifbarkeit. Es ist kein Wunder, dass einige das ausnutzen.

Die Theorien, auf denen das ganze fußt, sind hingegen teilweise gar nicht so dumm. Und es gibt auch viele junge Menschen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, Bücher lesen und darüber nachdenken. Die sollten wir nicht in einen Topf schmeißen. Solche kenne ich auch. Die sind allerdings in der Lage zu argumentieren und meist finden wir, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen wie bei anderen Begrifflichkeiten.

Die Identitätspolitik geht zurück auf TheoretikerInnen der 1980er und 90er Jahre. Dem Philosophen Michel Foucault ging es um die Anerkennung sexueller Identitäten. Er selbst war schwul. Viele postkoloniale AutorInnen zeigten sehr richtig die Marginalisierung anderer Kulturen und Wissensproduktion auf. Dabei gingen sie davon aus, dass Identitäten konstruiert sind – durch Fremd- und Eigenzuschreibungen. Einiges davon kann essentialistisch interpretiert werden, als sei Identität statisch, wie es heute geschieht. Aber nur, wenn man Sätze aus dem Kontext greift, also das Buch nicht gelesen hat.

Die Philosophin Judith Butler wiederum behauptete, dass die Binarität der Geschlechter konstruiert sei, die Unterscheidung von Männern und Frauen durch ständige Performance, also das erlernte Verhalten, aufrechterhalten wird. Als ich das als Studentin gelesen habe, habe ich das nicht so verstanden, dass es keine Geschlechtsunterschiede gibt, sondern dass die Bedeutung, die wir ihnen zumessen, in Frage steht. Inzwischen muss man allerdings sagen, dass Judith Butler ihre eigene Theorie ad absurdum führt, wenn sie die Burka verteidigt.

Das sind die Anfänge, die allerdings im Laufe der Zeit immer unwichtiger wurden und von denen allenfalls noch Grundkonzepte übernommen worden sind. Es ist eine „ideologische Reduzierung“ eingetreten, die den Unterbau weitestgehend uninteressant in der täglichen Praxis macht, weil die Reduzierung weitaus simplerer Regeln bereit stellt, auf die man sich berufen kann.

Zum gleichen Zeitpunkt, aber in Deutschland damals relativ unbeachtet, entwickelte die Juraprofessorin Kimberly Crenshaw den Ansatz der „Critical Race Theory“ und des Intersektionalismus. Die Idee dafür beruht auf einem realen Fall: Bei General Motors klagten schwarze Frauen dagegen, dass sie bei Einstellungen diskriminiert würden. Das Gericht wies die Klage ab. Es argumentierte, dass bei General Motors viele Frauen arbeiten und daher offensichtlich Frauen nicht diskriminiert würden. Auch arbeiteten dort viele Schwarze, also würden auch Schwarze nicht diskriminiert. Tatsächlich waren aber alle Frauen, die dort arbeiteten, weiße, zum Beispiel Sekretärinnen. Die Schwarzen waren alle Männer, die in der Fabrik arbeiteten.

Kimberly Crenshaw befand, dass sich Diskriminierungen also nicht einfach addierten. Von der einfachen Addition von Diskriminierungen geht etwa der Triple-Oppression-Ansatz aus, der damals in der Linken en vogue war. Crenshaw zeigte, dass schwarze Frauen nicht einerseits als Schwarze und andererseits als Frauen diskriminiert würden, sondern dass sie spezifisch als schwarze Frauen diskriminiert wurden.

Der ursprüngliche intersektionale Ansatz wurde ebenfalls stark reduziert. Ging es ursprünglich noch darum, dass man hinterfragen musste, wie bestimmte mögliche Diskriminierungen zusammen spielen gibt es jetzt ein relativ einfaches Schema, in dem in jeder Kategorie bestimmte Gegensatzpaare von Unterdrückt und Privilegiert gebildet werden und verlangt wird, dass in allen Kategorien alle „Diskriminierungen“ unterlassen werden. Das Zusammenspiel dieser ist inzwischen keine große Sache mehr.

Das ist zweifellos eine wichtige Erkenntnis. Und auch die Methode, die daraus hervorging, nämlich in jeder Situation zu schauen, wie sich Mehrfach-Diskriminierungen auswirken, ist in den Sozialwissenschaften absolut sinnvoll. Aber es ist eben nur eine Methode für die Sozialwissenschaften, die Sozialpädagogik oder was auch immer. Es ist keine politische Theorie, keine Gesellschaftsanalyse. Es eignet sich anders als beispielsweise der Marxismus nicht, um daraus politische Gesamtkonzepte abzuleiten. Es wird aber heute so eingesetzt, und das führt zu den vielen Absurditäten, die wir erleben.

Ich habe etwas den Eindruck als hat sie die intersektionalen Theorien noch nicht ganz verstanden. Vermutlich hat sie versucht Grundlagentexte zu lesen, aber die ideologische Reduzierung dieser eben außen vor gelassen.

Die soziale Frage spielt eine untergeordnete Rolle

Warum es keine Gesellschaftsanalyse ist und wenn es als solche eingesetzt wird, in keinster Weise progressiv ist, lässt sich am Beispiel der sozialen Frage am deutlichsten zeigen. Es gilt aber für andere Bereiche genauso. Die soziale Frage spielt in der Identitätspolitik und im Intersektionalismus eine untergeordnete Rolle. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dafür sind sie nicht entwickelt worden. Viele Poststrukturalisten, zu denen etwa auch Foucault gehörte, sahen sich als Marxisten oder Post-Marxisten. Aber politische Ökonomie war nicht ihr Untersuchungsgegenstand. Für den Intersektionalismus und die Critical-Whiteness-Theorie gilt, dass sie in den USA entwickelt wurden. Und in den USA tut man sich generell schwer mit der sozialen Frage.

Das ist ja in der Tat auch ein häufiger Vorwurf: Die Klassenfrage spielt in der Tat keine Rolle mehr. Dies eben, weil Klasse etwas wäre, was die anderen Bereiche durchbrechen würde und die ideologische Reduzierung erschweren würde.

Es geht gerade darum, dass man eine einfache Einteilung nach Gruppen hat: Wer Schwarz, weiblich, Homosexuell etc ist, der ist unterdrückt. Deswegen geht es ihm schlechter. Die weiße Unterschicht aufgrund von Klasse aus dieser klaren Welt herausnehmen zu müssen würde vieles erschweren. Das Bild würde an Klarheit verlieren, ohne das man davon einen ideologischen Vorteil hätte. Dazu ist Klasse auch zu wenig greifbar, das weiße Arbeiterkind zu wenig eindeutig einzuordnen. Klasse stört schlicht die so schön aufgebauten Feindbilder.

Das verweist übrigens auf ein weiteres Problem, das ich kurz ansprechen möchte: Viele der Glaubenssätze, die nun kursieren, kommen aus den USA und sind, da es eben keine Debatten gibt, eins zu eins übernommen worden. Sie passen aber gar nicht für unsere Gesellschaft. Ein Beispiel ist etwa der Indianerhäuptling. Es gibt wohl kaum eine Kultur, die natürlich wie die meisten Kulturen absolut konstruiert ist, die in Deutschland so positiv gesehen wird wie die Indianer-Kultur. Ob daher die Verwendung des Wortes in gleicher Weise zu verurteilen ist wie in den USA, darüber müsste erst einmal diskutiert werden.

Auch das ist in der Tat richtig und auch hier schon diskutiert worden. Es wurden amerikanische Probleme übernommen, die hier nur schwer zu übertragen sind. In Deutschland beispielsweise gibt es eine Tradition polnischer und rumänischer Niedriglohnarbeiter, die aber weiß sind. Zudem gibt es auch bereits vieles, was man in Amerika erst fordert, beispielsweise ein funktionierendes Sozialsystem, Krankenkassen, freien Zugang zu Universitäten, weit weniger private Schulen (wenn auch „Problemschulen“) etc.

Manches macht Sinn vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte, wie der Begriff der Cultural Appropriation, der kulturellen Aneignung, wenn man sich etwa die Geschichte des amerikanischen Blues anschaut. In Deutschland aber hat niemand den Schwarzen den Blues geklaut und damit viel Geld gemacht. Im Gegenteil. Das Spielen von sogenannter „Negermusik“ war Widerstand gegen die Nazis und später auch in der DDR subversiv. Das sollte wohl anders bewertet werden.

In der Tat gab es in Deutschland zwar eine gewisse Kolonialgeschichte, aber eben keine Sklaverei in dem Sinne, wie es sie in Amerika gab. Es gab weitaus eher freiwillige Zuwanderung, etwa aus Italien, Griechenland und der Türkei. Die Rassenkonflikte verlaufen gänzlich anders als in den USA.

Da nun aber diese Theorien wie Gesellschaftsanalysen gehandelt werden, gab es immer wieder Kritik daran, dass die soziale Frage nicht auftaucht. Die Vertreterinnen dieser Theorien führen nun die Kategorie des Klassismus auf. Also es gibt Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus und viele andere Diskriminierungen.

Klassismus beschreibt die Diskriminierung von Menschen unterer Schichten. Diese Diskriminierung soll aufgehoben werden wie die anderen Diskriminierungen auch. In der Konsequenz heißt das, dass das Arbeiterkind dieselben Chancen haben soll Millionär zu werden wie das Millionärskind. Aber dass es Arbeiter gibt und Millionäre, wird in diesem Ansatz nicht kritisiert und auch gar nicht analysiert.

Identitätspolitik und Intersektionalismus können Diskriminierungen nur beschreiben. Damit können sie zu ihrem Abbau beitragen. Aber gesellschaftliche Strukturen, dahinterliegende materielle Verhältnisse, fassen sie nicht an. Darum sind sie politisch nur bedingt brauchbar.

Da werden die intersektionalen Feministen widersprechen, sie sehen ihre ideologische Reduzierung eben als ein alles erklärendes Modell an, welches keine weitere Aufklärung benötigt. Es ist in sich geschlossen und die Ermittlung weiterer Gründe als „Die sind Priviligiert und die nicht, also müssen die nur ihre Privilegien abgeben“ braucht man nicht um die Strukturen zu ändern. Im Gegenteil: In der Aufklärung weiterer Faktoren steckt dann ein Angriff auf die eigentlichen Thesen und vielleicht sogar eine Schuldzuweisung an die Unterdrückten.

Brauchbar ist die Methode zur Überprüfung der eigenen Position. Wir sollten uns als politische Menschen immer fragen, ob wir etwas überhaupt beurteilen können und was die Basis unserer Erkenntnis ist. Ich weiß nicht, wie Eltern ohne Hochschulabschluss jetzt mit dem Digitalunterricht klarkommen. Ich kann es mir vorstellen, kann Studien darüber lesen, aber es bleibt immer ein Rest, die Ängste, die Ohnmacht, die damit einhergehen, den ich nicht erfassen kann.

Dass der Diskriminierte seine Situation besser erfassen kann, beschreibt schon Hegel in seiner Dialektik von Herr und Knecht. Es ist daher richtig, dass die Änderung der Verhältnisse damit beginnen muss, die Betroffenen zu hören und ernst zu nehmen. Es ist aber eine Verballhornung dieser Erkenntnis, wenn man nun meint, Weiße dürften gar nichts mehr dazu sagen. In der Konsequenz würde es übrigens dazu führen, dass die Chancen, Rassismus und Ungerechtigkeiten abzubauen, deutlich sinken dürften.

Das ist in der Tat wenig durchdacht, was hier auch schon Gegenstand von Artikeln war

Ich glaube übrigens, dass es einigen Protagonistinnen genau darum geht: Sie wollen Rassismus nicht bekämpfen, sondern präservieren. Wozu sollten sie denn sonst forschen? Aber das ist ein anderes Thema.

Hehe. Netter Seitenhieb und durchaus richtig.

Versuche der Republikaner in den USA die intersektionalen Theorien in den jeweiligen Bundesstaaten zu verbieten

Die Republikaner unter Trump hatten mit der „Order 13950“ einige Regeln aufgestellt, die Bundeseinrichtungen verbieten Leute pauschal wegen ihrer Rasse oder ihres Geschlechts zu verurteilen oder ihnen deswegen Schuld zuzuweisen, was alles sehr vernünftig klingt, aber eben mit den „Critical Race Theories“ bzw den Gender Studies nicht kompatibel ist

Direkt nachdem die Demokraten wieder ins Weiße Haus gekommen sind haben sie deswegen diese Regeln wieder über Biden rückgängig gemacht. 

Jetzt scheinen sich die Republikaner auf die jeweiligen Bundesstaaten zu konzentrieren, in denen sie die Macht haben. Dort sollen anscheinend ähnliche Gesetze durchgesetzt werden.

Diesen Überblick fand ich dazu ganz interessant:

In September, President Donald Trump directed federal agencies to cease any trainings related to critical race theory, White privilege or other forms of what he called “propaganda.” A federal judge later blocked the directive on First Amendment grounds, and President Biden rescinded the ban after he took office.

The anti-critical race theory movement is now focused on classrooms, with Senate Republicans criticizing the Biden administration in April for pushing for federal funding for U.S. history programs that “reflect the diversity” of all students. Most efforts to stop the teaching of systemic racism have played out in state legislatures, at least a dozen of which have taken up the issue in recent months.

Republican-led legislatures in ArkansasIdahoTennesseeTexas and Oklahoma have passed bans, with some restricting the teaching of critical race theory in public colleges, in addition to lower-level classrooms. A teacher at Oklahoma City Community College said this week that the race theory class she has taught for six years was canceled because of her state’s new law. A spokesman for the college confirmed that the class has been paused while administrators evaluate the legislation’s ramifications.

Republican lawmakers, governors, prosecutors and political candidates are also pressing the issue in a range of other states, from Utah to New Hampshire. While some bills name critical race theory, others reference “divisive concepts” or race-related guilt.

“Let me be clear, there’s no room in our classrooms for things like critical race theory,” Florida Gov. Ron DeSantis (R) said in March at a news conference. “Teaching kids to hate their country and to hate each other is not worth one red cent of taxpayer money.”

In Utah, Democratic members of the state’s House walked off the floor to protest a resolution recommending the state review school curriculums that address how racism influences American politics, culture and law.

“What this is about is an attempt or first step in assuring that my history and the history of many people of color are not taught in our school system in the state of Utah,” Rep. Sandra Hollins, the only Black member of Utah’s legislature, told the Associated Press at the time.

The American Civil Liberties Union characterized the bans as an attempt to silence teachers and students and impose a version of American history “that erases the legacy of discrimination and lived experiences of Black and Brown people.”

“Our country needs to acknowledge its history of systemic racism and reckon with present day impacts of racial discrimination — this includes being able to teach and talk about these concepts in our schools,” the ACLU wrote.

These attempts to restrict the teaching of critical race theory and broader lessons about racism are likely to face legal challenges focused on the constitutional right to free speech, and it is unclear how courts will rule.

Das dort erwähnte Urteil ist ganz interessant zu lesen. Danach sieht das Gericht zum einen Probleme mit der Meinungsfreiheit insbesondere auch bei der Frage, wie man zB eigenes Personal schult und zum anderen sei die Vorschrift viel zu vage gefasst als das man sie vernünftig umsetzen könnte, weil sich eben aus ihr nicht hinreichend konkret ergibt, was man nun noch machen  darf und was nicht.

Grundsätzlich ist es schade, dass man so etwas über Gesetze etc austragen muss, aber immerhin könnte das juristisch spannend werden und es bringt die hinter den intersektionalen Theorien stehenden Probleme vielleicht etwas mehr ins Gespräch. Zudem gibt es Leuten auch die Möglichkeit sich in eine sichtbare Opposition zu diesen Theorien zu begeben, was eher einen „der Kaiser ist nackt“-Effekt begünstigt.

Für die Republikaner ist es aus meiner Sicht ein lohnenswerter Kampf. Denn jemand, der die intersektionalen Theorien gut findet, wird wohl kaum die Republikaner wählen und sie drohen hier die Jugend zu verlieren. Das wäre auch eine Einsicht, die nichtlinken Parteien hier in Deutschland wie etwa CDU und FDP noch nicht ganz gehabt haben.

 

Tim Scott und seine Rede für die Republikaner als Antwort auf Bidens Rede

Der schwarze Repubikaner und Senator Tim Scott hat in den USA eine Rede gehalten mit der er auf die 100 Tage im Amt Rede von Biden antwortete. Ich finde die Rede und seine Person und die eventuellen Absichten dahinter interessant:

Good evening. I’m Senator Tim Scott of South Carolina.

I just heard President Biden’s first speech to Parliament. Our president seems to be a good person. His speech was full of good words. But President Biden has promised you a certain kind of leadership. He promised to unite the country. To lower the temperature. Govern all Americans, no matter how we vote. That was the pitch. You heard it again.

But our country is hungry for more than empty courtesy. We need policies and progress to bring us closer. But three months later, the actions of the president and his party further separated us.

Tonight, don’t waste your time with pointing or Partisan Vickers. You can always get it on the TV you want. I want to have an honest conversation. About common sense and common sense. About this feeling that our country is slipping off a shared foundation, and how we move forward together.

Growing up, I never dreamed of standing here tonight. When I was a kid, my parents divorced. My mother, brother, and I moved with my grandparents. Three of us share one bedroom. I was disillusioned and angry and was about to graduate from school. But I was blessed.

 
 

First, pray to your mother. Next, along with the mentor, a Chick-Fil-A operator named John Moniz. Finally, there is a series of opportunities that are only possible here in the United States.

Last year I saw COVID attacking all stages of the ladder that helped me. So many families lost their parents and grandparents early. So many small businesses went bankrupt. Being a Christian changed my life, but for months too many churches were closed.

Best of all, it’s a shame that millions of children lost a year of learning because they couldn’t afford to lose a day. Keeping vulnerable children out of the classroom is keeping adults out of their future.

Our public school should have been reopened a few months ago. Other countries have done so. Private schools and religious schools did. Science has shown that schools are safe for months. But too often, powerful adults set aside science. And children like me were left behind. The clearest case of school choice in our lifetime.

Last year, under Republican leadership, it passed five bipartisan COVID packages. Congress supported our hospital, saved our economy, funded Operation Warp Speed, and provided vaccines in record time. All five bills received more than 90 votes in the Senate. Common sense has found a common rationale.

In February, Republicans told President Biden that he would like to continue working together to win the battle. But Democrats wanted to do it alone. They spent nearly $ 2 trillion on the White House’s boasting partisan bill. This was the most liberal bill in American history. Only 1% were vaccinated. You don’t have to restart school right away. COVID has gathered Congress five times. This administration has separated us.

Another issue that should unite us is infrastructure. Republicans support everything you think about when you think about “infrastructure.” Roads, bridges, ports, airports, waterways, high-speed broadband—we are all involved! But again, the Democratic Party wants a list of party wishes. They don’t even build a bridge … to build a bridge!

Less than 6% of the president’s plans go to roads and bridges. It’s a liberal wishlist of big government waste … plus the biggest murder tax hike of its generation. Experts say that when everything is said and done, it will lower American wages and shrink our economy.

Tonight, I also heard about the so-called “family plan.” From cradle to college, more taxes and more spending to put Washington further in the middle of your life. The beauty of the American dream is that the family can define it for themselves. We should expand our options and opportunities for all families — don’t throw money on specific issues as Democrats think they know best.

“Infrastructure” spending that shrinks our economy is not common sense. It is not compassionate to weaken our southern border and create a crisis.

The president has abandoned the principles he held for decades. Now he says your taxes should fund abortion. He lays the foundation for cramming the Supreme Court. This is not a general rationale.

Nowhere is more desperate than racial debate. I experienced the pain of discrimination. I know what it feels like to be pulled for no reason. Follow around the store while I’m shopping. I remember my grandfather holding a newspaper at the kitchen table every morning. Later I realized that he had never learned to read it. He just wanted to set the right example.

I also experienced another kind of intolerance. I’m called “Uncle Tom” and N-word — by “progressive”! By liberals! Just last week, a national newspaper suggested that poverty in my family was actually a privilege, as relatives owned the land before my time. Believe me, I know our healing is not over.

In 2015, after shooting Walter Scott, I drafted a bill to fund body cameras. After the deaths of Breona Taylor and George Floyd last year, I created an even bigger police reform plan. But my Democratic colleague stopped it. I stretched the olive branch. I suggested them a fix. However, the Democratic Party used filibuster to prevent the debate from taking place. A friend of mine across the aisle seemed to want a problem rather than a solution. But I’m still working. I still have hope.

When America got together, we made tremendous progress. But powerful forces are trying to pull us apart. 100 years ago, children in the classroom were taught that skin color was their most important feature — and they were inferior in a particular way. Today, children are again taught that skin color defines them — and if they look in a particular way, they are oppressors.

From colleges to businesses to our culture, people are making money and gaining power by pretending that we are not progressing. By doubling the department, we have worked hard to heal.

You know this is wrong. Please listen to me clearly. America is not a racist country. Fighting discrimination with different discrimination is the opposite. And it is wrong to take advantage of our painful past to illegally lock out the current debate.

I’m an African-American who has voted in the South for the rest of my life. I personally take voting rights. Republicans support making voting easier and making cheating difficult. And so are voters! The majority of Americans support early voting, and the majority, including African Americans and Hispanics, support voter IDs. Common sense creates a common ground.

But today, this conversation has collapsed. The state of Georgia has passed a law to expand early voting. Keep email-in votes without excuses. And, despite what the president insisted, he did not shorten the election day time. If you actually read this law, it’s mainstream. Early voting is easier in Georgia than in New York, which is run by the Democratic Party. But the left doesn’t want you to know it. They want to send people a virtue signal by shouting about laws they haven’t even read.

The fact checker has called on the White House for misrepresentation. The president absurdly argues that this is worse than Jim Crow. What’s happening here? I’ll tell you. Washington power grab.

This misguided anger is supposed to justify the Democratic Party’s radical bill to take over the elections in all 50 states. Send public funds to political movements that disagree. And the bipartisan Federal Election Commission … to be partisan! This is not about civil rights or our racial past. It’s about future fraudulent elections.

And no — the same filibuster that President Obama and Biden praised when they were senators was used by the Democratic Party last year and is suddenly racist just because the shoes are on the other side. It was not a racist relic.

Race is not a political weapon to solve all problems in the way one side wants. That’s too important.

This should be a fun spring for our country. This administration has already inherited a strange trend. Coronavirus is running! Thanks to Operation Warp Speed ​​and the Trump administration, our country is flooded with safe and effective vaccines. Jobs are recovering thanks to last year’s bipartisan work.

So why do we feel so divided and anxious? Countries with many reasons for hope should not feel that burden. The president who promised to unite us should not impose an agenda that tears us apart. American families are more suitable. And we know what the better looks like!

Just before COVID, we had the most comprehensive economy of my life. The lowest unemployment rate ever recorded for African Americans, Hispanics, and Asian Americans. Worst for women near 70 years. Wages grew faster in the bottom 25% than in the top 25%. It happened because Republicans focused on expanding opportunities for all Americans.

For the first time, we have passed the Opportunity Zone for Historically Black Colleges, Criminal Justice Reform, and Permanent Funding. We fought the drug epidemic, rebuilt the military, and reduced taxes on working families and single mothers like me.

Our best future does not come from Washington’s plans or socialist dreams. It will come from you — American. Blacks, Hispanics, whites, Asians. Republican Party and Democratic Party. A brave police officer and a black neighborhood. We are not enemies. We are a family! We are all together.

And we will live in the greatest country on earth. The country where my grandfather saw his family go to Congress from cotton in his lifetime for 94 years.

So I hope our best time hasn’t come yet — I’m confident. Original sin is not the end of the story. Not in our souls, not for our country. The real story is always redemption.

I’m standing here Because my mother prayed for me during a very difficult time. I think our country was just as successful. For generations of Americans have sought grace in their own way — and God has provided it.

So I conclude with a word from the worship song that helped me throughout the year. The music is new, but the words are taken from the Bible.

(May) The Lord blesses you and protects you,

Make his face shine on you

And be kind to you …

May his presence go before you

And behind you, and beside you …

In your crying and joy

May his grace be (in our country) for a thousand generations

And your family … and your children …

Good night, and God bless you.

Natürlich eine sehr amerikanische Rede mit dem Appell an Gott, Abtreibung und was noch nicht so alles typisch amerikanische Themen sind.

Aber ein interessantes Gegengewicht zu der stark von intersektionalen Theorien beeinflussten Haltung der Demokraten und als solche könnte sie durchaus funktionieren.

Denn wie hier schon mehrfach angesprochen spalten intersektionale Theorien fast zwangsläufig, weil sie binär innerhalb der jeweiligen Kategorien in Gut und Böse, Unterdrücker und unterdrückte, Privilegierter und Benachteiligter einteilen. Es wird Leuten eine Erbschuld zugewiesen, die diese so nicht akzeptieren und es werden in sich sehr heterogene Gruppen als Privilegiert oder benachteiligt eingeordnet, von dem schwarzen Spitzensportler-Multimillionar der sich dennoch benachteiligt fühlen darf bis zum weißen Trailerparkbewohner, der privilegiert ist. Dazu das Recht der nichtprivilegierten Gruppe der anderen Gruppe eine Pflicht aufzuerlegen, die Lage zu bessern, und zwar auch der Einzelperson, die das gar nicht leisten kann. Das alles führt zu negativen Gefühlen und spaltet.

Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Leute eigentlich gut miteinenander auskommen wollen und verstehen, dass man anderen nicht ihre Hautfarbe vorhalten kann, dann ist das ein guter Angriffspunkt. 

Ich war schon lange der Auffassung, dass die Republikaner ein gutes Gegenmittel gegen diese Theorien hätten, wenn sie einen scharzen Kandidaten aufstellen würden, der – ähnlich wie Obama – nicht Spaltung, sondern Einigkeit betont. Denn dieser ist wesentlich schwieriger aus den intersektionalen Theorien heraus anzugreifen und ihm kann auch weniger Rassismus vorgeworfen werden. 
Es bleibt im wesentlichen der in der Rede  schon angesprochene „Onkel Tom“ Vorwurf, der aber auch schnell wieder als Rassismus angesehen werden kann:

Der psychologische Fachbegriff Onkel-Tom-Syndrom bezeichnet ritualisiertes, angepasstes und unterwürfiges Verhalten von Afroamerikanern gegenüber Weißen. Der von diesem Syndrom Betroffene zeigt dabei eine so fügsame und sanftmütige Verhaltensweise, dass er vom weißen Gegenüber nicht als eine Bedrohung wahrgenommen wird.

Um dem vorzubeugen wurde der Vorwurf sicherlich auch gleich in die Rede mit aufgenommen und gleichzeitig aus Vorhaben zu Body Cams verwiesen, die von den Demokraten blockiert worden sein sollen. Damit weißt er darauf hin, dass er durchaus unbequem sein kann, nicht einfach nur alles abwiegelt, sondern Probleme des Rassismus sieht und bekämpfen will, aber gleichzeitig nicht alle dafür verantwortlich machen will. 

Man wird insofern gerade angesichts des aufgeheizten Klimas Tim Scott nicht ohne Hintergedanken ausgesucht haben, eine so wichtige Rede als Antwort auf den Präsidenten zu halten nehme ich an. 

Es wäre vielleicht auch ein interessanter Weg Trump loszuwerden, wenn sich die Leute einig sind, dass ein schwarzer Republikaner, der aber klassische Werte der Republikaner vertritt und nicht wie Trump stark verbrannt ist und eh nur noch für eine weitere Amtszeit antreten könnte, ein cleverer Zug wäre. 

Ob er das Charisma für so etwas hat? Keine Ahnung. Es passt jedenfalls, dass er sich als Trump Unterstützer darstellt und ausdrücklich Trumps Aktionen zur Impfung hervorhebt. Es bringt ihm ja nichts einen Kampf mit den Trumpanhängern anzufangen. Im Gegenteil, es wäre gut, wenn diese mehr Zeit haben ihn als eine Alternative wahrzunehmen, der ihre Bedenken teilt. 

Viele Stimmen sagen, dass er sich die Rede von Biden anscheinend nicht angehört hat. Ich gehe auch davon aus, dass es eine Rede war, die weit vorher geschrieben war und die eben einfach bestimmte Felder abdecken sollte und die Botschaft der Einigkeit darstellen sollte. Natürlich wird Biden das auch betonen, aber das ist eben schwer, wenn hinter vielen Punkten dann intersektionale Theorien stecken. 

Natürlich kann man dagegen anführen, dass Tim Scott gleichzeitig der einzige schwarze Senator der Republikaner ist und insofern dennoch die Demokraten weitaus eher deren Interessen vertreten. Ich bin dennoch gespannt, ob es jetzt einfach nur eine Rede war oder ob die Partei ihn damit ins Rennen schicken wollte. 

Das könnte interessant werden. 

„Männer können es auch einfach besser machen, warum sollten wir Opfer was unternehmen müssen“

Ich hatte verschiedene Diskussionen, in denen ich ein Handeln von Frauen vorgeschlagen hatte und mir daraufhin Victim Blaming vorgeworfen ist.

Es wurde jeweils darauf verwiesen, dass Männer sich ändern müssen, nicht die Frauen sich besonders anstrengen müssen, damit sich ihre Position verbessert oder ein von ihnen aus Sicht von Feministen bestehendes Ziel erreicht wird.

Mir ist nach wie vor schleierhaft, was daran logisch erscheint.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Leute den Gedanken „Gruppe 1 hat ein bestimmtes Problem also hat Gruppe 1 ein großes Interesse daran es aktiv zu lösen“ merkwürdig finden.

Warum sollte man auf jemanden anders warten, der es für einen löst und warum sollte man nicht selbst etwas tun um es zu beschleunigen? Um so bizarrer, wenn man auch noch wie in den intersektionalen Theorien vertritt, dass die Gruppe, die sich „bessern“ soll angeblich große Vorteile – Privilegien – durch den Zustand hat, aber diese irgendwie aus der Einsicht, dass ihr die nicht zustehen, aufgeben soll.

Was für ein absolut bescheuerter Plan. Wenn die Grundlagen stimmen, dann verlangsamt er definitiv jeden Erfolg. Es ist in gewisser Weise auf einen „Good Will“ der Gruppe ausgerichtet, die angeblich gegen einen arbeitet

Der einzige Vorteil ist, dass man selbst nicht tun muss, aber fordern kann.

Was bewirkt, dass es anderen Leuten logisch erscheint?

„Bist du dir sicher, dass der Mob nicht eines Tages auch deine Entlassung fordert?“

Ein Beitrag ruft dazu auf sich der „Cancel Culture“ in den Weg zu stellen:

A moral panic is sweeping the nation. How we react to the pitchfork hordes will determine the fate of our country for a generation or longer.

We call what the hordes do to our fellow citizens “cancel culture,” but the term is far too cute to capture the cruel, mindless and life-destroying process taking place all around us in the name of “fighting racism.”

The tendency has been with us for some time, but the current, ­extra-crazed moment has accelerated its malignant energies: Locked in for months due to COVID-19, we re-emerged into a society more enraged and at war with itself than ever before.

Then the killing of George Floyd in Minneapolis took the ideological madness to the next level. The great majority of Americans agreed that Floyd’s death was horrific and that the police officers responsible for it must be held to account. But that sane consensus wasn’t enough, as far as the cancel left was concerned: Enemies had to be found and eradicated.

And if there weren’t enough racist enemies, then more of them had to be invented.

Die Cancel Culture und die Identitätspolitik, nach der jeder aus der Gruppe erst einmal irgendwie Schuld ist, ergänzen sich, weil man in der Identitätsideologie eben Virtue Signalling Punkte bekommt, wenn man einen Schuldigen findet und diesen auf den Richterblock führt. Um so mehr er sich wehrt um so besser für die eigene Selbstdarstellung. Deswegen wird jeder erfahrene SJW, der eine Kategorie übersehen hat und etwa Transexuelle vergessen hat sofort seine Schuld eingstehen und um Vergebung und Belehrung bitten, weil er so keine Angriffsfläche bietet.

Prominent conservatives, as I have pointed out in these pages, can rarely be canceled. A Sen. Tom Cotton might express an opinion deemed utterly verboten, but the left can’t drum him out of public life or destroy him.

But all other Americans — including those with small or nonexistent public profiles — are vulnerable. It’s a chilling development: We can’t cancel a Cotton or a Ben Shapiro, so let’s cancel citizens who might dare to share similar opinions.

Das ist der andere Weg immun gegen die Kritik zu sein: Einfach gar keine Schuld akzeptieren und auf der „Gegenseite“ zu sein, so dass man auch keine Ausweichmöglichkeit hat. Denn dann ist die Reaktion eher „Na klar sagt er das, er ist ja Satan selbst“ und damit ist das Aufregerpotential wieder relativ gering. Eher erhält man dann Unterstützung durch die eigenen Anhänger, was jemanden, der einfach so in die Mühlen gerät, wesentlich schwieriger fällt, da sein Umfeld nicht entsprechend „sortiert“ ist.

That’s what was attempted with Oklahoma State football coach Mike Gundy. Gundy wore a T-shirt featuring the logo of a TV station called One America News. OAN has a variety of personalities presenting a variety of opinions, generally right of center.

When the swarm came after Gundy, he folded, saying he was sorry for the “pain and discomfort” he had caused.

No one pointed to any particular opinion promoted by an OAN host that was beyond the bounds of discourse. We can’t shut down OAN, so let’s go after its viewers.

Being an unknown private citizen won’t save you. In one of the strangest pieces in the history of journalism, the Washington Post outed a left-leaning woman, who isn’t a public figure, for attending a Halloween party two years ago in blackface. That she was making fun of Megyn Kelly (who had been accused of making light of minstrelsy) didn’t save this woman from ritual shaming in a major newspaper; her employer summarily fired her.

Ja, in der Tat geraten schnell vollkommen unbeteiligte in einen Shitstorm und das amerikanische Arbeitsrecht dürfte es noch leichter machen als das Deutsche dann einfach jemanden zu feuern um zu verhindern, dass der Shitstorm auch den Arbeitgeber umfasst.

The sheer viciousness of ruining a private citizen apparently escaped the Post’s writers and editors. In fact, there is a good chance they saw themselves rendering a public service.

Ja, immerhin haben diejenigen ja eine Sünde begangen und eine Hexe zu verbrennen ist eben etwas gutes.

You don’t even have to have committed the offense to be fired. LA Galaxy midfielder Aleksandar Katai was released from his contract over his wife’s social media posts. Somehow in America in 2020, if the actions of one spouse reflect poorly on the other, he can lose his job.

In Atlanta, the stepmother of one of the cops involved in the shooting of Rayshard Brooks was fired from her human resources job, by her account simply because of her family link to the officer. Communist regimes the world over similarly punish guilt by family association.

Auch hart, wenn es wirklich kein eigenes Fehlverhalten war, sondern nur ein Verwandter.

To fight this moral panic, ordinary people will have to be brave, and we all need to show solidarity: People will have to stand up for their friends when they’re in danger of being swarmed, companies will have to stand up for their employees and the rest of us will have to speak out for all of them.

It’s a tough ask in a still-shaky economy and with a deadly virus still menacing the elderly and infirm. It’s easier to bend the knee than to withstand the slings and arrows that inevitably attend refusing to do so. But it’s something we must do to return to sanity and be a cohesive country again. Courage is not just helping others — it’s helping yourself, too: Are you sure the mobs won’t come for you?

In der Tat wäre es Begrüßenswert, wenn die „schweigende Mehrheit“ den Wahnsinn, der da oft mit einhergeht, nicht hinnehmen würde, sondern ihn als solchen bezeichnen würde. Aber man gerät dann eben schnell selbst in die Suchscheinwerfer und das kann sehr gefährlich sein. Solange man als einzelner herausgegriffen werden kann lohnt es sich nicht sich dem Mob zu stellen. Erst wenn der Widerstand ein gewisses Volumen annimmt, so dass das Herausgreifen einzelner schwierig wird, kann man den Mob abfangen.

Christian Jakob in der Taz zu dem Konflikt zwischen „klassischen linken Positionen“ und „Intersektionalismus“

Christian Jakob wirft in der Taz einen Blick auf die Debatte zum „Müllartikel“ von Hengameh und führt dabei interessantes zum Intersektionalismus aus.

Er beschreibt, dass einige von dem Text entsetzt waren und einige andere entsetzt waren, dass man den Text kritisiert und das dies eben ein Konflikt zwischen den Intersektionalen und den „klassischeren Linken“ ist. Und damit teilweise auch eine Generationenkonflikt.

Die taz-Online- und Social-Media-Redakteurin Juliane Fiegler war entsetzt: Sie könne „echt nicht glauben, das macht mich fast sprachlos, dass diese Zeilen einfach durchgegangen sind und niemand ganz laut NEIN, STOPP! gerufen hat“, schrieb sie. Auch sie sei für Meinungsvielfalt. Aber hier gehe es um Rassismus-Erfahrungen. „Und sorry: Zum Thema Rassismus finde ich persönlich nur EINE Meinung ok.“

In diesen Sätzen steckt, wo die Differenzen liegen: In der Frage, was es genau bedeutet, wer spricht. Vor allem jüngere KollegInnen halten dies heute für entscheidend. Das zeigte auch der Tweet einer Kollegin vom Samstag: Sie hätte sich „gewünscht, dass all die White Privilege People“ nichts zu der „Müll“-Kolumne gesagt hätten. „Den Diskurs sollten diejenigen führen, die wirklich etwas zu struktureller Diskriminierung zu sagen haben.“

Das ist ja in der Tat der klassische Konflikt: Die einen schauen auf den Inhalt, die anderen nur darauf, wer etwas sagt und wer meint etwas dagegen sagen zu dürfen. Aus der Position der Schreibenden in der Opferhierarchie bezüglich des konkreten Themas  (hier PoCs leiden unter Polizeigewalt) ergibt sich dann die Berechtigung und allenfalls darf jemand aus einer anderen Opferhierarchie angeben, dass dessen Kategorie nicht mitbeachtet ist („Was ist mit Transsexuellen Polizisten?? Werden die nicht schon genug wie Müll behandelt?“) oder jemand aus der gleichen Opferkategorie kann anführen, dass sie noch zu mild ist.

Einige KollegInnen sahen ein „Redeverbot“ für Weiße anrollen. Ein Irrtum. Denn natürlich wird niemandem verboten zu reden. Erwartet wird vielmehr, sich der Auffassung anzuschließen, nichts zum Diskurs beizutragen zu haben, wenn man keine eigenen Erfahrungen hat – und deshalb freiwillig zu schweigen, anders also als Küppersbusch. So soll die gesellschaftliche Auseinandersetzung stärker von Benachteiligten bestimmt werden können und sich die Dinge deshalb zum Besseren verändern mögen.

Eine gar nicht so schlechte Darstellung. Es wird nicht verboten zu reden, es wird nur erwartet, dass man selbst merkt, dass man nicht reden sollte (und ein Verstoß dagegen natürlich dann wieder kritisiert).

Und deswegen „darf“ eine PoC-Autorin wie Hengameh Yaghoobifarah in den Augen intersektional Denkender auch „alles“, wie es hieß. Wer ihr das abspricht – und etwa an der Kolumne herummäkelt –, ist kein guter „ally“, Verbündeter der Diskriminierten, sondern verteidigt seine Privilegien. Und wer ihr das abspricht und selber PoC ist, ist in dieser Lesart ein „token“, also von Weißen manipuliert. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu einem privilegierten oder zu einem unterdrückten Kollektiv. Aus Letzterem soll Definitionsmacht erwachsen – das Recht also, zu bestimmen, was diskriminierend ist. Rassistisch etwa ist demnach, was von einer – im Zweifelsfall einzigen – PoC so empfunden wird. Für intersektional Denkende ist dies zwingend.

Es soll daraus Definitionsmacht erwachsen, aber nur sofern man sich an die zulässigen Definitionen hält – alles andere ist in der Tat dann ein Überlaufen zum Feind, denn es gibt nur eine Wahrheit. Und die steht ganz klar fest. Wer sie nicht teilt, der hat damit nichts verstanden oder will es aus politischen Gründen nicht verstehen.

(…) Ältere LeserInnen und RedakteurInnen der taz tun sich damit teils schwer. Einige sehen ihre blinde Flecken, im Weltbild und im eigenen Handeln. Andere sind verunsichert, fürchten Rassismusvorwürfe und fragen sich, wo und wie sie als Weiße mitreden sollen, wenn von ihnen eigentlich nur erwartet wird, „sich über den eigenen Rassismus zu bilden“. Und wieder andere finden, dass die Fixierung auf „Privilegenreflexion“ und Identität viele wichtige Fragen unter den Tisch fallen lässt. Oder sie stoßen sich daran, dass für die Vorstellung gemischter politischer Organisierung und Solidarität in der intersektionalen Vorstellung von Antirassismus wenig Platz ist.

In der Tat fallen dabei viele Fragen unter den Tisch. Beispielsweise spielt Klasse, früher eines der wichtigsten Kriterien innerhalb der Linken, quasi keine Rolle mehr, weil es auch zu Kategorien übergreifend ist. Und in der Tat führt Intersektionalismus schnell zu einer Trennung, zu einer Verstärkung der Unterschiede, zur Betonung von Sachen wie Geschlecht oder Rasse, statt zu einer Überwindung der Unterschiede.

Umgekehrt werfen jüngere KollegInnen den Älteren vor, Anstoß an der „Müll“-Kampagne zu nehmen, weil sie „ihre“ taz beschädige, nicht aber an rassistischen oder sexistischen Karikaturen, die nur andere verletzen. Für sie ist solch zweierlei Maß Ausdruck weißen Privilegs. Und das wollen sie nicht durchgehen lassen.

Natürlich nicht! Das darf man auch nicht durchgehen lassen. Wäre ja interessant wie da die Konflikte ausgetragen werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es da einiges an Verwerfungen gibt.

Was mit der politischen Fixierung auf Privilegien zu gewinnen ist, ist nicht ausgemacht. Diese zielt vor allem auf die Subjekte. Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten. In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“, sagt der Soziologieprofessor und Mitgründer der Gruppe „Kanak Attak“, Vassilis Tsianos, dazu. „Die Organisationsfrage wird nicht gestellt, die Eigentumsverhältnisse werden nicht angetastet.“

Das finde ich ja auch nach wie vor naiv, aber hier gut dargestellt:

Veränderung soll zum einen über moralische Anrufung und die daraus folgende Bereitschaft kommen, unrechtmäßige Vorteile abzutreten

Ein ziemlich bescheuerter Ansatz. Gerade dann wenn die moralische Anrufung sich auf eine Gruppenschuld bezieht und daraus eine persönliche Verantwortung macht.

In einer „neoprotestantischen Selbstdisziplinierung“ sollen Weiße ihre Besserstellung aufgeben und „Machtverhältnisse aktiv verlernen“

Da haben sie sich alle Macht geschnappt und verlernen sie dann wieder, einfach nur weil man es ihnen sagt.

Auch Kritik am Staat ist bestenfalls sekundär. Denn der andere Weg, über den intersektional Denkende Veränderungen herbeiführen wollen, ist von oben: Institutionell verankerte Diversity soll nominell Unterprivilegierten – bei denen es sich allerdings ausnahmslos um AkademikerInnen handelt – Zugänge zur Macht verschaffen. „Reformeliten ohne soziale Bewegungen“, sagt Tsiannos.

Das ist kein dummes Konzept, wenn man derjenige ist, der dafür bezahlt wird die Veränderung für die Gesellschaft zu erreichen. Man braucht sich nicht groß mit einer Graswurzelbewegung beschäftigen, sondern man muss nur an die Fördertopfe ran.

Eines der Felder dieser Auseinandersetzung sind die Medien. Neben der stärkeren Repräsentation von Minderheiten steht dabei dreierlei im Raum, was aus teils guten Gründen gefordert, bislang aber kaum offen verhandelt wird.

Erstens: Meinungen sollen unterschiedlich behandelt werden, je nachdem, wer sie äußert. Wer unterdrückt wird, hat erst mal recht. Dafür stehen Imperative, die etwa bei #MeTwo zu hören waren: Nicht relativieren, nicht infrage stellen, nicht anzweifeln. Am besten gar nichts sagen. Nur zuhören. Wie viele es sich auch bei der „Müll“-Kolumne wünschten. Zum „nicht kritisieren“ ist es da nicht weit. Für Journalismus, der ohne zu kritisieren nutzlos ist, ist das heikel, für den gesellschaftlichen Dialog auch.

Mit der Einschränkung, dass er unterdrückt wird bzw zu einer unterdrückten Kategorie gehört (es kann ihm dabei wunderbar gehen) und auch das richtige sagen muss

Zweitens: Expertise, die auf eigener Erfahrung gründet, hat Vorrang. Heute ist ausgemacht, dass eine Talkrunde über Rassismus ohne PoCs inakzeptabel ist. Das Schlagwort lautet: Erkenntnisbarrieren. Aber was heißt das für andere Felder?

Erfahrungen allerdings, die als akzeptiertes Mitglied einer unterdrückten Kategorie gewonnen worden sind.
In der Tat kann in der Sicht ein männlicher Forscher, der zB jahrelang mit vielen Veröffentlichungen zu den Ursachen des Gender Pay Gaps geforscht hat und diese eben nicht auf Sexismus zurückführt, nicht gegen eine Frau ankommen, die anführt, dass sie nur wegen Sexismus nicht mehr verdient.

Drittens: Diskriminierten soll Sicherheit vor Verletzungen garantiert werden. Für den Journalismus heißt dies, sprachliche Gewalt zu unterbinden. Das bekannteste Beispiel ist die Ächtung des verletzenden N-Worts. Die Implikationen gehen allerdings darüber hinaus: Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt. Auch ein Satz wie der eingangs geschilderte von Küppersbusch kann dann als rassistisch ausgelegt werden – und müsste folglich gestrichen werden. Extrem heikel.

Auch das ein interessanter Punkt. Ein Marginalisierter hat einen Anspruch darauf, dass er vor allen Anfeindungen geschützt wird und sicher ist. Ein Privilegierter hingegen sollte mal die Erfahrung machen wie es ist schlecht behandelt zu werden. Wird ihm nur gut tun. Der Satz hier dazu: „Wenn der Gewaltbegriff tendenziell der sozialen Aushandlung entzogen und der individuellen Definitionsmacht übertragen wird, ist er zwangsläufig entgrenzt“. Finde ich gut. Es wird eben Gewalt neu definiert in „berechtigtes sich wehren und nach oben treten“ und „Unberechtigte Angriffe und nach unten treten“. Berechtigtes nach oben treten kann es dann auch sein, wenn man in einer Zeitschrift mit hoher Auflage alles schreiben kann, was man will.

 

Nina Power zur digitalen Streitkultur und

Arne hatte auch schon über ein sehr interessantes Interview mit Frau Nina Power berichtet, welches ich auch sehr interessant finde:

Power: Weil ich glaube, dass es ein Fehler ist, Menschen auf der Grundlage dessen, was sie zu wissen glauben, zu verurteilen. Es ist viel nützlicher, mit Menschen über ihre Beweggründe und seine eigenen zu sprechen. Wir kommen dadurch verschiedenen Positionen viel näher, die wir verstehen können. Und ich denke, es ist möglich, die Meinung eines Menschen zu verändern. Es ist nicht sinnvoll, Menschen zu ächten und zu sagen, diese Person hat Ansichten, die so unerträglich sind, dass ich nicht mit ihr sprechen kann. So etwas treibt die Menschen noch weiter auseinander. Sie fühlen sich dadurch noch mehr entfremdet und isoliert von dem, was wir sozialen Austausch nennen.

Einen Dialog zu eröffnen ist auch aus meiner Sicht häufig sehr konstruktiv. Und das auch mit sehr extremen Personen.
Ein Beispiel, welches mir da einfällt, ist zB Daryl Davis, ein Schwarzer, der sich mit KKK-Mitgliedern angefreundet hat und nach seinen Angaben 200 davon überzeugt hat, dass sie ihre Roben an den Nagel hängen.

Das wäre aus meiner Sicht ein ganz extremes Beispiel, aber es zeigt, dass es sinnvoll sein kann miteinander zu reden, Argumente auszutauschen und den anderen merken zu lassen, dass da auf der anderen Seite ein Mensch ist.
Das war und ist ja durchaus einer der Vorteile dieses Blogs, dass hier teilweise Leute mit sehr unterschiedlichen Ansichten zusammen kommen, die dennoch diskutieren. Sicherlich sind inzwischen nicht mehr so viele Feministinnen hier, die die Diskussion suchen, wie zu den besten Zeiten, aber es treffen dennoch immer noch ganz unterschiedliche Positionen aufeinander.

Smarzoch: Es gibt auch diese seltsame Tendenz online, jeden innerhalb kürzester Zeit einen Nazi oder Faschisten zu nennen, der konservative oder rechtsgerichtete politische Ansichten vertritt. Und ich spreche jetzt nicht einmal von rechtsradikalen Positionen. Was ist problematisch an diesem – wie Sie es sagen – gedankenlosen Gebrauch von Worten?

Power: Wenn Sie jemanden fragt, was die schlimmste Bezeichnung für jemanden anderen ist, dann wird wahrscheinlich dieses Wort sein: Nazi. In den meisten Fällen wird es also eher losgelöst vom historischen Nazitum verwendet. Wenn sich die Leute gegenseitig Faschisten nennen, dann beziehen sie sich nicht wirklich auf die Doktrin Mussolinis oder auf die korporatistische Politik Nazi-Deutschlands. Verstehen Sie, was ich meine? Es gibt eigentlich überhaupt keinen historischen Bezug. Sie sagen einfach: ‚Ich mag dich nicht.‘ Das ist extrem gefährlich, weil es das Spezifische an autoritären und mörderischen Regimen untergräbt. Es ist eine zu beiläufige Verwendung dieses Begriffs. Vielleicht befinden wir uns jetzt tatsächlich in der Postmoderne, weil es eine Art Zusammenbruch von Bedeutungen gibt – Begriffe werden sehr frei verwendet. Aber es kommt wirklich auf die Definition bestimmter Wörter an. Das Internet ermöglicht es, Wörter von ihrer eigentlichen Bedeutung loszulösen. Online sehen sich die Menschen nicht. Sie haben nicht wirklich Zugriff auf eine materielle Realität und können daher alles über sich behaupten. Das hat eine gnostische, religiöse Dimension. Menschen trennen sich völlig von ihrem Körper, auch in Bezug auf Fragen der Identität. Wir leben wirklich in einem Regime von Identitäten, in dem das, was die Menschen sagen, wichtiger ist als das, wie sie sich verhalten.

In der Tat kann man im Internet alles sein und es kann leicht dazu kommen, den anderen nicht mehr als Mensch zu sehen, sondern nur als Buchstaben, als Position, weil eben die Emotionen in Text weniger übertragen werden als in einem direkten Gespräch. Das kann auch vorteile bringen, eben weil es Emotionen herausnehmen kann und man sich auf Inhalte konzentrieren kann. Aber es erleichtert eben auch jemanden nur als Vertreter eine Position, als Stellvertreter einer Gruppe zu sehen.

Smarzoch: Damit geht auch die Tendenz einher, online Grenzen zu überschreiten, indem man unverschämte und provozierende Dinge sagt. Ich muss da zum Beispiel an die Hashtag-Kampagne „Men Are Trash“ denken, Männer sind Müll. Wie nützlich ist so etwas für die Etablierung eines Dialogs zwischen Männern, die gern dazulernen möchten und Frauen, die daran interessiert sind, dass Männer sich verändern?

Finde ich sehr interessant, dass das hier endlich mal kritisch aufgegriffen und nachgefragt wird.

Power: Auf der einen Seite würde ich sagen, wenn man Redefreiheit oder freie Meinungsäußerung ernst nimmt, wird sie auch Dinge beinhalten, die unangenehm, beleidigend oder beunruhigend sind. Es gibt keine Gruppe, die man nicht kritisieren oder über die man nicht lachen darf. Wenn wir anfangen zu sagen, dass man über bestimmte Gruppen nicht lachen darf, befinden wir uns auf gefährlichem Gebiet, weil wir Hierarchien und Privilegien aufbauen. „Über diese Gruppe darf gelacht werden, aber nicht über die andere…“

Das ist auch eines der Probleme in den intersektionalen Theorien: Sie sind zu fanatisch, nehmen die Hierarchien zu wichtig, sehen jeden Witz als Mikroaggression, die die große Unterdrückung stabilisiert.

Auf der anderen Seite sind aber weiße Männer zu einer massiven Zielscheibe geworden. Das zeigt der Hashtag, den Sie erwähnt haben. Es gab auch noch einen anderen, der viel ernster war, nämlich „Kill All Men“, „töte alle Männer“. Das ist in gewisser Weise natürlich ein Witz, weil er nicht der tatsächlichen Gewalt in der realen Welt entspricht. Frauen neigen nicht sehr oft dazu, Männer zu töten – es ist vielmehr umgekehrt. Es ist schon seltsam: Man muss die Möglichkeit verteidigen, diese aggressiven und unangenehmen Statements äußern zu dürfen. Und doch braucht man Zeit, um eine vernünftige Diskussion über gute und schlechte Maskulinität zu führen. „Das Medium ist die Botschaft“, sagte Marshall McLuhan. Ein Medium wie Twitter ist aber sehr schnelllebig. Es ermöglicht nicht wirklich diese Art von tiefgehender Untersuchung eines komplizierten Themas zum Beispiel darüber, wie sich Männer verhalten sollten. Was bedeutet es, ein „guter Mann“ zu sein? Es gibt viele gute Männer. Wir haben also eine Art Problem mit der Zerstreuung. Diese großen Themen werden mit einer gewissen Schnelligkeit behandelt, dabei gehen sie viel tiefer.

Die Verkürzung von Diskussionen auf Schlagworte, die irgendwie ein Scherz und nicht ernst gemeint sind, gleichzeitig aber sehr aggressiv angeführt werden und damit wieder Ernsthaftigkeit und Abwertung transportieren, die eigentlich eine Diskussion unmöglich machen ist in der Tat ein Problem.

Wichtig wäre es aus meiner Sicht in der Tat das ganze zu Individualisieren und von der Gruppenschuld zu lösen. Statt „was müssen Männer machen, damit die Männlichkeit aller Männer nicht mehr toxisch ist“, was letztendlich eine nicht lösbare Aufgabe in der Form, wie es angefragt und vertreten  wird, ist müsste man dazu kommen, was der Einzelne machen kann, damit sein Verhalten an sich „Gut“ ist. Also eine Loslösung von der „Erbschuld“ des Mannseins. Erst dann kann ein fairer Dialog stattfinden.