Sophie Passmann und der Feminismus weißer Frauen

Sophie Passmann hat ein Interview gegeben und die intersektionale Szene reagiert sehr kritisch. Insbesondere die folgenden Passagen scheinen auf Kritik zu stoßen:

Das Schlimmste am Internet sei, dass wir die Repräsentation einer Sache mehr schätzen als die Sache selbst, sagt Jia Tolentino.
Das ist eigentlich schon zu offensichtlich richtig. Es ist eine Binsenwahrheit wie: Sprache schafft Wirklichkeit. Natürlich. Im Internet geht es darum, dass man dabei gesehen wird, wie man als Person eine Sache repräsentiert. Was nur dazu führt, dass die bestehenden Strukturen weiter zementiert statt dekonstruiert werden. Plakatives Beispiel: Wenn Redaktionen im Namen des Antirassismus eine Schwarze Frau zum vermeintlichen Sprachrohr von rassistischen Erfahrungen in Deutschland machen, führt das dazu, dass wieder nur ein Standard reproduziert wird: Wer spricht am lautesten, am funkiesten in ein Interview-Mikrofon hinein? Ohne dabei irgendetwas gegen Rassismus getan zu haben. Ich habe mich deswegen vor zwei Jahren aus dem Politik-Scheiss komplett rausgezogen. Es bringt einfach nichts, ausser dass ich ordentlich Bücher verkaufe. Und das ist selbst mir zu unehrlich.

Hier im Blog würden wir da wohl nicht so viel kritisches sehen, eher zustimmen. Es ist eine Folge der Standpunkttheorien, nach denen eben nur eine betroffene Person etwas über Diskriminierung sagen kann. Und es passt auch gut zu dem Artikel neulich, in dem es darum ging, dass an Problemlösungen gar kein Interesse besteht, sondern man alles auf den großen Umsturz setzt.

In den intersektionalen Theorien ist es aber natürlich Ketzerei. Eine Schwarze reden lassen bringt nicht? Wer soll denn sonst den Rassismus darstellen?  Will sie etwa schwarzen Frauen keinen Raum geben? Und was meinst sie mit „Vermeintlichen Sprachrohr“? Natürlich ist eine schwarze Frau, die intersektionale Theorien vertritt und nach diesen handelt, das einzige legitime Sprachrohr dieser Gruppem!!!1
Und es werden keine Probleme gelöst? Irgendwer muss die Weißen ja über ihre Fehler belehren und das Thema in die Öffentlichkeit bringen.

Aber warum bringt das nichts? Einen abstrakten Missstand in einem Interview aufzuführen, der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist?

„Der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist“ ist natürlich auch Ketzerei. Man könnte fast meinen sie zweifelt da entsprechende Aussagen an!

Die einzelne Aussage mag nicht viel bewegen, aber vielleicht die daraus entstehende Debatte. Durch #MeToo beispielsweise hat sich einiges verändert…
… aber #MeToo ist doch auf einer ganz anderen Landkarte. Die Repräsentanz, auf die Jia Tolentino abzielt, meint, dass eine Einzelperson als Angehörige einer identitätspolitischen Gruppe etwas darstellt, für das sie ungefragt die ganze Identitätsgruppe in Mithaft nimmt, weil sie sagt: So sind wir. Das sind unsere Erfahrungen. Da ist meiner Meinung nach der Erkenntniswert gleich null. Der Erfolg von diesen Interview-Reihen und Büchern hat damit zu tun, dass Journalist:innen an irgendeinem Punkt entschieden haben, dass Erfahrungen gleichwertig sind mit Fakten. Der Hashtag #MeToo aber war eine aktivistische Aktion, die etwas angeprangert hat. Menschen, denen etwas passiert ist, sprachen darüber, was ihnen passiert ist. Die repräsentierten niemanden.

Der Anspruch auf Repräsentanz der Opfergruppen durch intersektionale Aktivisten aus dieser Opfergruppe ist natürlich eine heilige Kuh, an die keiner ran darf. Und Fakten wollen, das ist eh eine Unverschämtheit! Gefühle sind Fakten und mehr braucht es nicht!

Noch ein Satz etwas später:

Und wenn man erkennt, dass man bestimmte Dinge nur tut, weil sie im patriarchalen System von einem erwartet werden, soll man nicht versuchen, dieses Verhalten zu ändern?
Tut mir leid, aber jetzt sind wir knietief in Heidegger. Willkommen im Drittsemester Philosophie in Freiburg! Kein Mensch kann doch wissen, warum er gewisse Dinge möchte! Das können Männer doch auch nicht. Und wenn ich mir jetzt – wie zu Beginn meiner Karriere – weiterhin verbiete, eitel zu sein, und du das dann einen Systemdurchbruch nennst, ist das schlicht ein Kategoriefehler. Du setzt System und Systemumfeld gleich. Ich kann das System nicht durchbrechen, aber mein Umfeld, das kann ich verändern. Es ist doch albern, zu verleugnen, wer man ist. Dass man im Jetzt lebt, sowohl mit gewissen ästhetischen als auch popkulturellen Prägungen sowie einer Gender-Prägung. Ich bin der Mensch, der ich bin, mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, mit dem Alter und dem Elternhaus, das ich habe. Wenn ich vorlebe, dass ich bin, wie ich bin, und auf genau dieser Grundlage versuche, ein bisschen besser zu sein als die, die zeitlich vor mir waren, dann ist das die einzige Form von Empowerment, die wirklich funktionieren kann. Und genau das kann man sich bei mir abschauen und nachmachen.

Da leugnet sie ja quasi die Wirksamkeit des Patriarchats, scheint Männer zu entschuldigen und sieht so etwas wie …pfui… Eigenverantwortung des Einzelnen und ein Einstehen dafür, dass man ist, wer man ist, ohne die Verantwortung dafür an die Gesellschaft abzugeben.

Ich zitiere mal etwas von Twitter:

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Wie man merkt, dass man Teil eines Hasskultes ist

Ein Tweet, der, da von einer Feministin, etwas unreflektiert in Hinblick auf ihre eigene Bewegung ist, aber dessen Definition ich gar nicht so schlecht finde:

Und noch mal als Text:

Du merkst, dass du Teil eines Hasskultes bist, wenn: Du deine Meinung nicht einfach ändern und die Gruppe verlassen kannst, ohne dass die Ingroup dir das als Hochverrat auslegt und dich zu zerstören versucht. #TERFs

Passt sie?

Wird Netflix weniger woke?

Netflix hat eine Passage zu der „Unternehmenskultur“ geändert:

Entertaining the world is an amazing opportunity and also a challenge because viewers have very different tastes and points of view. So we offer a wide variety of TV shows and movies, some of which can be provocative. To help members make informed choices about what to watch, we offer ratings, content warnings and easy to use parental controls.

Not everyone will like—or agree with—everything on our service. While every title is different, we approach them based on the same set of principles: we support the artistic expression of the creators we choose to work with; we program for a diversity of audiences and tastes; and we let viewers decide what’s appropriate for them, versus having Netflix censor specific artists or voices.

As employees we support the principle that Netflix offers a diversity of stories, even if we find some titles counter to our own personal values. Depending on your role, you may need to work on titles you perceive to be harmful. If you’d find it hard to support our content breadth, Netflix may not be the best place for you.

Und auf Deutsch:

Die Welt zu unterhalten ist eine großartige Chance und gleichzeitig eine Herausforderung, denn die Zuschauer haben sehr unterschiedliche Geschmäcker und Sichtweisen. Deshalb bieten wir eine große Auswahl an Fernsehsendungen und Filmen, von denen einige provokativ sein können. Um unseren Mitgliedern die Entscheidung zu erleichtern, was sie sich ansehen möchten, bieten wir Bewertungen, Inhaltswarnungen und eine einfach zu bedienende Kindersicherung.

Nicht jeder wird alles, was wir anbieten, mögen oder damit einverstanden sein. Obwohl jeder Titel anders ist, gehen wir nach denselben Grundsätzen vor: Wir unterstützen den künstlerischen Ausdruck der Autoren, mit denen wir zusammenarbeiten; wir programmieren für eine Vielzahl von Zielgruppen und Geschmäckern; und wir lassen die Zuschauer entscheiden, was für sie geeignet ist, anstatt bestimmte Künstler oder Stimmen von Netflix zensieren zu lassen.

Als Mitarbeiter unterstützen wir den Grundsatz, dass Netflix eine Vielfalt an Geschichten anbietet, auch wenn wir einige Titel als konträr zu unseren eigenen persönlichen Werten empfinden. Je nach Ihrer Rolle müssen Sie vielleicht an Titeln arbeiten, die Sie als schädlich empfinden. Wenn es Ihnen schwerfällt, unsere inhaltliche Breite zu unterstützen, ist Netflix vielleicht nicht der richtige Ort für Sie

Natürlich ist das recht allgemein gefasst, aber gerade wenn man etwas Demonstrationen von Mitarbeitern wie diese hier betrachtet ist das schon eine Aussage in eine interessante Richtung und wird auch wohl so verstanden. Gleichzeitig soll Netflix auch ca. 2% seiner Mitarbeiter entlassen haben und evtl darunter viele „Diversity hires“

Hier einige Aussagen von Twitter:

Aber auch Stimmen, die das gerade nur als Taktik sehen:

Die Aussage, dass man andere Inhalte hinnehmen muss ist in woken intersektionalen Kreisen ja im Prinzip eine Kriegserklärung. Denn es gilt der alte Grundsatz, dass jede Duldung des Falschen ein Angriff auf das Richtige ist und man entweder Freund oder Feind ist und es dazwischen nichts geben kann.

 

Leszeks Idee bezüglich einer Critical Race Theory für den Maskulismus

Ich hatte die Kommentar- Diskussion zu Leszeks Vorschlag einer Critical Race Theory für den Maskulismus gelesen aber es eher skeptisch gesehen. Die Reaktionen hierauf und insbesondere eine Vielzahl interessierter Besucher nach einem Link von Arne, der lediglich schrieb:

5. Der linke Männerrechtler „Leszek“ denkt eine Critical Race Theory für den Maskulismus an.

lässt mich aber zu dem Ergebnis kommen, dass es für einen Artikel interessant ist.

Leszeks Kommentar:

Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie man die Critical Race Theory für den Maskulismus nutzbar machen kann. Dazu ist m.E. ein neuer theoretischer Ansatz nötig, der eine Synthese zwischen Critical Race Theory und Maskulismus darstellt – ich nenne ihn

Critical Race Masculism

Der Critical Race Masculism, wie ich ihn verstehe, befasst sich mit Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen bzgl. Jungen und Männern, die ethnischen und kulturellen Minderheitengruppen angehören.

Dazu sichtet er u.a. das bislang gesammelte Material hierzu aus den verschiedenen Unterströmungen der Critical Race Theory und wertet es aus einer männerspezifischen Perspektive aus.

Die Critical Race Theory besitzt ja bekanntlich Unterströmungen zu allen größeren ethnischen und kulturellen Minderheitengruppen in den USA. Dbzgl. wären die einzelnen Unterströmungen der Critical Race Theory also daraufhin zu untersuchen, ob und inwieweit sie implizit oder explizit fundierte Informationen enthalten, die sich direkt oder indirekt mit männlichen Diskriminierungen befassen.

Der Critical Race Masculism stellt in diesem Sinne eine maskulistische Ergänzung zum bereits bestehenden Critical Race Feminism dar:

https://nyupress.org/9780814793947/critical-race-feminism-second-edition/

Daneben sollte es m.E. außerdem noch einen maskulistischen Ansatz geben, der das Framework der Critical Race Theory allgemein auf Diskriminierungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, anwendet. Ich nenne ihn:

Critical Race Theory Informed Masculism

Der Critical Race Theory Informed Masculism befasst sich damit, den rechtstheoretischen Ansatz, der von den Theoretikern der Critical Race Theory für die Analyse von Diskriminierungen, von denen ethnische und kulturelle Minderheitengruppen in den USA betroffen sind, entwickelt wurde, allgemein auf Diskriminierungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, anzuwenden. (Hierbei sollen dann natürlich auch weiße Männer einbezogen werden.)

Das bietet sich an, denn die Critical Race Theory befasst sich ja wesentlich einerseits mit rechtlichen Diskriminierungen, andererseits mit dem Fortwirken von Diskriminierungen trotz bestehender formaler Rechtsgleichheit – bzw. mit struktureller Diskriminierung – und das lässt sich m.E. gut auch auf viele männliche Diskriminierungen anwenden.

Und aus dem Link zu der feministischen Critical Race Theory:

Now in its second edition, the acclaimed anthology Critical Race Feminism presents over 40 readings on the legal status of women of color by leading authors and scholars such as Anita Hill, Lani Guinier, Kathleen Neal Cleaver, and Angela Harris. The collection gives voice to Black, Latina, Asian, Native American, and Arab women, and explores both straight and queer perspectives. Both a forceful statement and a platform for change, the anthology addresses an ambitious range of subjects, from life in the workplace and motherhood to sexual harassment, domestic violence, and other criminal justice issues. Extending beyond national borders, the volume tackles global issues such as the rights of Muslim women, immigration, multiculturalism, and global capitalism.

Revealing how the historical experiences and contemporary realities of women of color are profoundly influenced by a legacy of racism and sexism that is neither linear nor logical, Critical Race Feminism serves up a panoramic perspective, illustrating how women of color can find strength in the face of oppression.

Letztendlich dürfte es ja in die Richtung gehen, dass verschiedene Benachteiligungen sich gegenseitig verstärken und beinflussen können.

Ein Aufbau innerhalb der Critical Theories macht allerdings aus meiner Sicht erst einmal keinen Sinn, weil diese eben bereits ein vollkommen wackeliges Fundament bieten, dass zu viele Fehlannahmen und zu viel Gruppendenken hat um darauf etwas vernünftiges aufzubauen.

Allenfalls könnte man versuchen sich da einen Platz innerhalb dieser Theorien bauen um dort Unfrieden und Verwirrung zu stiften.

Ich hatte auch schon mal über den Ansatz nachgedach, wie Diskriminierungen von Männern da eingebaut werden könnten und es ist theoretisch sehr einfach: Man muss nur noch intersektionaler werden und innerhalb der Kategorie „Geschlecht“ Unterkategorien bilden für bestimmte Bereiche. Also beispielsweise „es mag ja sein, dass Frauen im Bereich Karriere diskriminiert sind, aber Männer eben im Bereich Familie“ und dann anführen, dass es da Vorurteile gegen Männer gibt und Frauen aufgrund gesellschaftlicher Regeln dort Macht haben etc. Dann könnte man das natürlich dazu aufbauen, dass schwarze Männer noch andere Probleme haben etc aber ich weiß ehrlich nicht, was das für einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bringen soll.

 

Kampf um die intersektionalen Theorien in den USA: „Don’t say Gay“ und andere Landesgesetze

In den USA tobt der Ideologien Krieg zwischen den Republikanern und den Demokraten/den Intersektionalen. Die Republikaner haben die „Critial Theories“ (gemeint in Bezug auf die modernen Theorien, nicht zu verwechseln mit den „kritischen Theorien“), sei es im Bereich Rasse oder Geschlecht als Gefahr erkannt und versuchen ihre Verbreitung mit Verboten zu verhindern.

Das hatte bereits unter Trump angefangen:

Der Spiegel berichtet über weitere Maßnahmen, diesmal in den Bundesstaaten, insbesondere das sog „Don’t say gay“-Gesetz:

Was sollen Kinder in den Schulen über Rassismus und Sklaverei, über die Unterdrückung von Minderheiten, über lesbische, schwule, bisexuelle, Transgender- und queere Menschen lernen – und was nicht?

In den USA gibt es über solche Fragen einen erbitterten Kampf. Er wird angeführt von den Republikanern, die bereits in mehreren Bundesstaaten Gesetze erlassen haben, um Einfluss auf bestimmte Unterrichtsinhalte zu nehmen oder einige Debatten in Klassenzimmern zu unterbinden.

In Florida ist nun ein weiteres Gesetz dieser Art in Kraft getreten, das von seinen Kritikern »Don’t Say Gay« genannt wird. Auf Deutsch: »Sag nicht schwul«.

Das Gesetz wurde vor gut drei Wochen vom Parlament des konservativ regierten Bundesstaats verabschiedet. Es betrifft Kinder vom Kindergarten bis zur dritten Klasse.

Nach der Formulierung hier klingt es ganz vernünftig: Warum sollte man bei dem Lehrstoff für  Kindern im Kindergarten oder bis zur dritten Klasse (also in Deutschland 9-10 Jahre alt) die sexuelle Orientierung und Geschlechteridentität auf eine Weise unterrichten, die nicht alters- oder entwicklungsgemäß für Schüler ist?

Es wäre natürlich interessant, wie „nicht alters- oder entwicklungsgemäß für Schüler“ definiert ist. Aber ich sehe auch keinen großen Sinn darin, dass in dem Alter großartig zu thematisieren. Sollte bei einem Kind ein besonderer Bedarf bestehen sind ja anscheinend weiterhin Gespräche möglich.

Das ist eben der Nachteil, wenn man in dem Bereich ideologische Sichtweisen durchdrücken will. Die Gegenseite reagiert dann, weil sie weiß, dass die Ideologen nicht neutral sein können, damit, dass man es gar nicht in den Lehrplan aufnehmen darf.
Ich würde allerdings auch wenig begeistert sein, wenn intersektionale Theorien bei Fräulein Schmidt oder Schmidt Junior Thema im Kindergarten oder in der Schule wären. Ich glaube da würde ich deutlich protestieren.

In der Tat scheint das ja ein Thema zu sein, was viele in den USA bewegt. Die Anhänger intersektionaler Theorien führen wohl an, dass beispielsweise CRT (Critical Race Theorie) nicht an den Schulen gelehrt werde, die Gegner führen an, dass dies sehr wohl der Fall sei, auch wenn man es etwas verschleiere, indem man nicht ausdrücklich die Theorie als solche behandele, aber Beispiele und Lösungen aus diesem Bereich übernehme. Auch bezüglich verschiedenster Themen in Bezug auf Geschlecht und Geschlechteridentität gab es wohl entsprechende Diskussionen.

Sie werden also nicht vom Schulsport ausgeschlossen, sondern machen diesen dann mit den Jungen zusammen. Gibt es da in den USA Geschlechtertrennung beim Sport? Oder gelten nur die Leistungen für Jungen, also die strengeren Werte?

Interessant, dass es immer wieder zu Demonstrationen für woke Themen von „Angestellten von Disney“ oder „Angestellten von Netflix“ kommt. Das wäre ja so in Deutschland etwas völlig neues. Wobei die woken Themen hier (hoffentlich) auch noch nicht so angekommen ist. Oder es spielt der Grundsatz „Schnaps ist Schnaps und Dienst ist Dienst“ mit hinein und man würde hier nicht als „Angestellter der Firma X“ demonstrieren.

Man wird abwarten müssen, ob das die Bürger auch so sehen oder damit ganz gut leben können.

In der Stadt Genf sollen sie in städtischen Einrichtungen – etwa im Schwimmbad oder im Theater – bald zwanzig Prozent weniger bezahlen als ihre männlichen Mitbürger.

Ein Bericht über eine Idee in Genf:

Preisnachlass für die Frauen: In der Stadt Genf sollen sie in städtischen Einrichtungen – etwa im Schwimmbad oder im Theater – bald zwanzig Prozent weniger bezahlen als ihre männlichen Mitbürger. Das Genfer Stadtparlament hat in der Nacht auf Donnerstag nach hitzigen Debatten eine entsprechende Motion verabschiedet.

Die links-grüne Mehrheit der Gemeinderätinnen und Gemeinderäte will damit auf die noch immer bestehende Lohnschere zwischen den Geschlechtern hinweisen. Mit noch mehr Diskriminierung? Die Forderung spaltet die Gemüter.

Zu den zentralen Köpfen hinter dem Vorstoss zählt Brigitte Studer (74). Sie sitzt für die Linksaussen-Partei Ensemble à Gauche im Genfer Stadtparlament. Gegenüber «SRF News» sagt sie: «Die Idee entstand am Frauenstreik 2019. So machen wir die Lohnungleichheit sichtbar.» Dabei handle es sich um eine rein symbolische Massnahme. Die Motion lasse der Stadtregierung den nötigen Spielraum zur Umsetzung.

Dem widerspricht Staats- und Verfassungsrechtler Bernhard Waldmann (53) vehement. Er sagt: «Eine solche Regelung ist klar verfassungswidrig.» Auch die Stadt Genf müsse die Grundrechte der Bundesverfassung befolgen. Differenzierungen nach Geschlecht dürften nur vorgenommen werden, wenn triftige Gründe vorliegen würden.

Gemeinederätin Studer kontert, dass die Lohngleichheit, die auch in der Verfassung stehe, seit Jahrzehnten ebenfalls nicht eingehalten werde.

Dass man im Feminismus den Unterschied zwischen Ergebnisgleichheit und Chancengleichheit nicht versteht ist klar.

Ich habe auch wenig Zweifel daran, dass man damit rechtlich nicht durchkommt.

Aber es ist typisch für die Denkweise von Feministinnen: Nur in Gruppen, irgendwie Symbole setzen, eine Bevorzugung von Frauen kann nicht falsch sein, weil diese ja sonst schon überall benachteiligt sind.

 

„Übertreibe ich, wenn ich sage, ich hasse Männer? Nein. Date ich sie trotzdem weiterhin, obwohl sie mich nerven? Ja.“

Das Missy Magazin lässt eine Autorin, die das Pech hat, heterosexuell zu sein,  mal wieder ihre Männerfeindlichkeit ausleben

Es ist Sonntag und ich habe einen Kater. Die einzig logische Konsequenz, die jetzt daraus folgt: Ich packe mein Handy aus und swipe um mein Leben. Manchmal swipe ich so schnell, dass ich nicht mal die Gesichter der Menschen erkenne. Während ich so vor mich hinswipe, stelle ich mir vor, ich wäre ein fiktiver Charakter in einer linken Telenovela, in der ich jetzt von irgendeiner Grit verurteilt werden würde, weil ich mit meinem bösen iPhone Menschen zur Ware mache und die Grundprinzipien des linken Aktivismus verrate. Ich muss grunzen. Ein bisschen schlecht fühle mich aber auch, weil ich es andersrum genauso kacke finde, objektiviert zu werden.

Die Autorin, Huyen Trang Nguyen Le, ist also auf Tinder unterwegs und wischt sich so durch. Und natürlich muss sie erst einmal darstellen, dass es ja alles irgendwie schlecht ist, unmenschlich, und irgendwie ein zum Objekt machen.
Dabei ist es letztendlich insbesondere unserer Gabe geschuldet uns von einem Bild bereits einen guten ersten Eindruck von einer Person zu machen, der meist schon recht präzise dafür ist, ob uns derjenige als Partner interessant vorkommt.

Zu ihrer Person:

Huyen Trang Nguyen Le
*1990, Redaktion Online & Social Media
studierte Linguistik  und vereint in Netzwerk- und Bildungsarbeit postmigrantische und generationsübergreifende Perspektiven.  In den letzten Jahren war sie in unterschiedlichen Projekten mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit und Eventmanagement involviert. Als Mitgründerin der Grassroots-Organisation Justice is Global Europe ist sie neben ihrer Arbeit beim Missy Magazine weiterhin politisch aktiv.

Auf der Justice is Global Seite findet sich auch ein Foto:

Trang Nguyen

Trang Nguyen

Als intersektionale Feministin dürfte sie sich als doppelte Minderheit sehen, einmal als Asiatin und dann als Frau. Das Dating für sie in einem überwiegend weißen Land dann schwierig sein muss, weil die Leute zum einen nicht ihren besonderen intersektionalen Status hinreichend beachten werden und zum anderen weil sie sich sowohl mit Männern als auch noch mit weißen Männern auseinandersetzen muss, was ja ohnehin schon eine Zumutung ist.

Ich nutze Dating-Apps jetzt schon seit einer Weile, obwohl ich sie ätzend finde. Außerdem denke ich, dass der Algorithmus mir mit Absicht das Leben zur Hölle machen will, weil ich ständig weiße Typen mit Dreadlocks, irgendwelche schlimmen Social Entrepreneurs oder FDP-Wähler vorgeschlagen bekomme und mich frage, was die Scheiße eigentlich soll.

Weiße Typen mit Dreadlocks sind natürlich Rassisten, Entrepeneurs und FDP-Wähler sind Kapitalisten und damit auch nichts, mit dem man etwas anfängt. Ein „intersektionaler Feminist“ Algorithmus für eine eigene Flirtseite wäre eigentlich interessant. Vielleicht müsste man beidseitig alle möglichen Fragen beantworten oder eine Privilegsberechnung anstellen, wäre aber interessant, wie man dann die jeweiligen „Matchen“ kann. Weiße mit „PoCs“ nur, wenn sie besonders viel Privileg zugeben?

Neulich schrieb mich z.B. ein bekannter Ökonom und Professor an, der mich in seiner Nachricht dazu aufforderte, ihn zu googlen (okay?), bevor er mich dann fragte, ob er mich denn mal „ans Meer entführen dürfte“. Wie nett von dir, dass du da noch schnell Konsens abfragst. Ich möchte nur noch schreien.

„Sogar ein bekannter Typ will mich aber ich lehne ihn natürlich ab“ ist auch so ein klassisches Element. Ich habe gerade den Namen dafür vergessen. Es klingt etwas arrogant darauf hinzuweisen, dass sie ihn googlen kann, aber anderseits kann es ja in der Tat der einfachste Weg sein, wenn man viel über ihn im Internet findet.

Sich über die Formulierung „ans Meer entführen“ aufzuregen finde ich etwas merkwürdig, denn es ist ja nicht als etwas gegen den Willen durchgeführtes gemeint. Es geht darum etwas spontanes zu machen und das einfach so aus dem Alltag heraus. Aber gut, Sprache drückt ja im intersektionalen auch schon Macht aus und da geht so etwas natürlich gar nicht.

Ab und an passiert dann noch das: Ich denke, dass ich einen Typen gut finde, und treffe mich dann mit ihm. Dass Infos wie „Berghain = Kirche“, „ich gehe gerne bouldern“ oder Bilder beim Bierpongspielen mir schon davor zu denken hätten geben müssen, blende ich erst mal aus, denn schließlich hat er einen süßen Schnauzer und hört auch gern Hunx and his Punx.

Als Nichtberliner musste ich das erst einmal googlen, anscheinend geht es beim Berghain um einen sehr angesagten Club, der für Elektromusik bekannt ist und dessen Fans ihn religiös verehren.

Was nun an Bouldern schlecht sei soll weiß ich nicht, es ist als Klettersport  etwas, was zum einen einen guten Körper machen kann und zwar eher ein Einzelsport ist, bei dem man aber auch häufig jemanden braucht, der einen sichert etc. Bierbongspielen würde dann wohl für Alkohol und Party spielen.

Schon merkwürdig, dass sie solche Punkte ausblendet, wenn sie ihr anscheinend nicht passen.

Ich tu also das, was jeder Mensch, der zu viele Romcoms in seinem Leben geguckt hat, tun würde: Ich ignoriere die Red Flags und rede mir ein, dass ich meine Datingfaulheit und Bindungsangst überwinden kann, wenn ich nur ihn date. I got news for you: Hätte ich von Anfang an auf die Red Flags gehört und meine Bedürfnisse an erste Stelle gestellt und Grenzen gezogen, dann hätte ich mir Zeit und Energie und viele Vaginalpilze ersparen können. Dabei verstärken solche Erfahrungen in Wahrheit meine Datingfaulheit und Bindungsangst sogar noch. Wenn ich daran denke, wie der Großteil der Männer sich ihrer Verantwortung entzieht, indem sie Konflikten mit Sätzen wie „Es tut mir leid, dass du dich so fühlst“ oder „Wenn es dir damit nicht gut geht, dann sollten wir es lassen“ aus dem Weg gehen, bekomme ich direkt Puls.

Da ist sie ja endlich das Opfer. Faszinierend: Sie blendet alles mögliche aus, was ihr anscheinend an ihm stören wird und dann wirft sie ihm vor, dass die Männer (die diese Vorbehalte ja gar nicht haben, jedenfalls ist das nicht aus dem Text ersichtlich) sich der Verantwortung entziehen. Was sollen die denn sagen? „Oh ich klettere gerne, aber das könnte dich ja irgendwie stören, da lassen wir es doch lieber?“.

Sie hat eine Datingfaulheit und Bindungsangst und sucht sich trotzdem die falschen Männer aus und das verstärkt dann wieder ihre Datingfaulheit und Bindungsangst und das das ist dann die Schuld der Männer.
Zudem Scheidenpilze? Was will sie denn damit sagen? Können da die Männer was für?

Ich zitiere noch mal von oben:

Wenn ich daran denke, wie der Großteil der Männer sich ihrer Verantwortung entzieht, indem sie Konflikten mit Sätzen wie „Es tut mir leid, dass du dich so fühlst“ oder „Wenn es dir damit nicht gut geht, dann sollten wir es lassen“ aus dem Weg gehen, bekomme ich direkt Puls.

Ich kann mir ja vorstellen, dass sie den Männern alles mögliche an Fehlern, die sie begangen haben sollen, vorgehalten hat, weil ein (weißer) Mann bei einer intersektionalen Feministin eh nichts richtig machen kann.  Da finde ich dann die Aussage „Es tut mir leid, wenn du dich so fühlst“ oder „wenn es dir damit nicht gut geht, dann sollten wir es lassen“ sehr nachvollziehbar. Wahrscheinlich hatte sie gedacht, dass sie ihnen erklärt, dass sie sich fürchterlich unterdrückt, benachteiligt und ausgebeutet fühlt und das die Männer irgendetwas fürchterlich falsch gemacht hatten und die hatten keine Ahnung, was sie eigentlich falsch gemacht haben und die sie dann schlicht zu kompliziert fanden um da noch viel zu investieren.

Sie hatte vermutlich erwartet, dass sie ihre Fehler einsehen und hart an sich arbeiten um ihre Privilegien oder ihren Rassismus abzubauen. Aber anscheinend hatten die Mistkerle keine Lust dazu.

Ganz ehrlich? Ich glaube, alle elf Minuten radikalisiert sich eine single hetero Frau über Dating-Apps. Zu keiner anderen plausiblen Schlussfolgerung komme ich, wenn ich über Onlinedating nachdenke.

Ich befürchte, dass jeder, der für Missy schreibt, eh schon radikalisiert ist. Und klar: Ist man schon radikalisiert hat man sich eigentlich sein Datingleben schon so kaputt gemacht, dass man sich wahrscheinlich immer weiter reinsteigert. Alles ist, gerade bei einer PoC, dann ja irgendwie ein Angriff auf sie, um so mehr, wenn man sich ausserhalb der intersektionalen Szene bewegt.

Wenn ich nur auf meine letzten Liaisons zurückblicke, frage ich mich, wie es meine Freund*innen überhaupt mit mir aushalten konnten. Seit Monaten agitieren sie mich zum selben Thema und predigen mir: Hör auf, in Menschen zu investieren, die nicht auch in dich investieren. Da war z. B. Lukas (so heißen doch alle Almanboys, richtig?), der meinen Namen nicht richtig aussprechen wollte, weil er ein ignoranter Hund war, oder Lukas, der mich als Vorspiel ungewollt an einer zweistündigen Cry-Session über seine Scheidung teilhaben ließ.

Schwierig jemanden zu finden, der auch in sie investiert, wenn sie ein so merkwürdiges Verhältnis zu Männern hat. Wenn die sich alles mögliche an intersektionalen Blödsinn vorhalten lassen müssen, dann lohnt sich eben für sie die Investition nicht. Und es wäre auch interessant, was sie als Investition betrachtet: Ihnen beizubringen, dass sie Sexisten und Rassisten sind? Oder schlicht mit ihnen zu schlafen und zu hoffen, dass sie sich bessern?

Das man den Namen Huyen Trang Nguyen Le  nicht gut aussprechen kann finde ich sehr nachvollziehbar, ich bin noch nicht einmal sicher, was hier eigentlich ihr Rufname ist. Es spricht auch etwas dagegen, dass sie so viel in die Leute investiert hat, wenn sie eine „Cry-Session“ so abwerten.

Übertreibe ich, wenn ich sage, ich hasse Männer? Nein.
Date ich sie trotzdem weiterhin, obwohl sie mich nerven? Ja.

Warum nur findet sie keine Beziehung?? Ihr Männerhass ist doch vollkommen berechtigt, dass müssen die die Männer doch einsehen und gerade in sie investieren.
Und die Arme bringt hier ein solches Opfer, das sollten die Männer doch bitte anerkennen.

Dass ich mich dabei komplett ambivalent zu meinen Wertvorstellungen von einer freien und gleichgestellten Welt verhalte, muss ich an dieser Stelle hoffentlich nicht mehr betonen. Und wofür das alles? Für Aufmerksamkeit? Einen netten Plausch? Anerkennung? Oder suche ich etwa insgeheim doch nach der großen (Disney-)Liebe?

Was ist jetzt das ambivalente? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich selbst kritisiert und merkt, dass ihre Einstellung zu Männern nicht mit einer freien und gleichgestellten Welt in Einklang zu bringen ist.

Also vermute ich mal, dass sie es als weiteres Opfer ansieht, dass sie, obwohl die Männer ihr Bild der freien und gleichgestellten Welt nicht stützen und sich nicht entsprechend verhalten, diese weiter mit der Gnade bedenkt, sie dennoch, obwohl sie sie hasst, weiter zu daten.

Aber leider kommt ja nichts dabei raus.

Ich halte inne, verziehe meine Augenbraue und lege das Handy beiseite. Ich glaube, unterschwellig bin ich permanent auf der Suche nach einer Person, einem Gefühl oder einem (sexuellen) Erlebnis, das mich vom gesellschaftlichen Druck befreit.

Nur das das eben nicht möglich ist. Denn den Druck innerhalb der intersektionalen Theorien ist ja nun einmal nicht abzubauen. Im Gegenteil: Für sie muss es immer wieder zu mehr Druck führen, weil sich aus ihrer falschen Ideologie heraus alle anderen falsch verhalten und auf den richtigen Weg gebracht werden.

Alexandra Kollontai hat 1911 geschrieben: „Wir sind Menschen, die in einer Welt der Eigentumsverhältnisse leben, einer Welt der scharfen Klassengegensätze und zugleich der individualistischen Moral. Wir leben immer noch unter dem schweren Zwang einer unvermeidlichen Einsamkeit der Seele.“ Ich lese diese Zeilen und kriege Bauchschmerzen, weil ich realisiere, dass ihre Worte immer noch Gültigkeit haben. Und Widersprüche auszuhalten, heißt nicht nur, diese zu tolerieren, sondern auch, dass ich auf Dinge verzichten und toxische Beziehungen kappen muss und im „schlimmsten“ Fall „allein“ bleiben werde.

Das zeigt schön, wie schädlich die intersektionalen Theorien sind. Eben weil sie Probleme zwischen Gruppen und für das Miteinander aufwerfen, die eigentlich gar nicht bestehen. Sie vergrault alle Männer, die evtl an ihr interessiert sein könnten, weil sie alle möglichen Probleme sieht, die eigentlich gar nicht bestehen und wahrscheinlich auch keine Vorstellung davon hat, wie sie als Asiaten sich überhaupt mit einem weißen Mann vernünftig einlassen kann, ohne das sie ihm dauernd etwas vorwirft und ihn umerzieht.

Stattdessen aber habe ich im Laufe meines Lebens eine tolle Strategie entwickelt, die ich vor allem im Dating konsequent auslebe und die bestimmt der einen oder anderen von euch auch bekannt sein dürfte: Ich spreche von der guten, alten Selbstsabotage. Oft rede ich mir vor einem Date ein, dass ich mit den Männern kein Wort reden und sie dann nur ficken werde, aber wen veräppele ich hier eigentlich? Das Machtverhältnis bleibt asymmetrisch und ich werde nicht freier – ob ich sie für meine sexuellen Bedürfnisse benutze oder nicht. Auch die Gespräche mit meinen Freundinnen zeigen mir immer wieder: Hetero Liebesbeziehungen sind für den Arsch, weil Gleichstellung in dem System, in dem wir leben, nicht existiert.

Sehr schön. Sie hat eine gewisse Einsicht, dass sie da was falsch macht, sie versteht nur nicht, dass es nicht ominöse Machtverhältnisse sind, sondern die intersektionalen Theorien, die ihr schädliche Machtverhältnisse vorgaukeln, die sie sabotieren.

Sie ist anscheinend nicht der Typ Frau, der einfach so mit Männern schlafen kann und sich dann nicht schlecht fühlt. Sie findet aber auch keinen Weg mehr, wie sie vernünftig mit dem von ihr gehassten Geschlecht umgehen kann.

Dafür wirft sie mit vagen Begriffen um sich wie „Machtverhältnis“ ohne wirklich zu sagen, was die Männer überhaupt für eine Macht ihr gegenüber ausüben. Sie kann nur noch ungesunde Beziehungsmuster leben, weil sie sich nicht auf Männer einlassen kann, sie eine zu ungesunde Einstellung diesen gegenüber hat, und die auch keine Lust darauf haben, das mitzumachen. Man könnte dem Foto nach sagen, dass sie nicht hübsch genug für ihre Verrücktheit ist bzw vielleicht bei den Männern nicht bereit ist sich auf Männer einzulassen, die sich auf ihre Verrücktheit einlassen.

hot crazy scale

Aber weiter im Text:

Zugegeben: Die Zuckerbrot-und-Peitsche-Erziehung meiner Migra-Eltern hat nicht dazu beigetragen, dass ich ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt habe. Und auch die patriarchale Kackgesellschaft und die rassistische deutsche Leitkultur geben mir nicht gerade das Gefühl, ein wertvoller Mensch zu sein.

Puh, da kommt ja einiges zusammen. Ich kann mir vorstellen, dass ihr geringes Selbstvertrauen auch etwas war, was die intersektionalen Theorien für sie besonders interessant gemacht hat. Endlich hat sie ihren Platz in der Welt gefunden und dazu noch einen Sündenbock, der an allem, was schief geht schuld ist.

Aber das ist eben keine gesunde Einstellung. Und daraus entsteht eben auch kein wirklich besseres Selbstbewußtsein, weil man ja immer wieder merkt, wie man bei anderen ankommt und dann immer mehr gegen eine Mauer läuft. Ich hatte das schon einmal bei dem Artikel einer Pro-Fat-Aktivistin, die sich immer wieder aufpusht und sich einredet, dass sie schön ist, dann aber immer wieder merkt, dass sie nicht so wahrgenommen wird, ausgeführt. Auch da führte der Versuch sich immer wieder ein Parallelwelt aufzubauen, in der sie besser ist, eher dazu, dass sich ihr Zustand verschlechtert. Ich finde aber gerade den Artikel nicht.

Und ja, ich setze mich mit meinen Traumata auseinander. Aber muss ich das jetzt wirklich auch noch machen, wenn ich Lukas daten will? Kann mein Leben bitte nicht immer nur Kampf sein?

Das ist auch das Problem, wenn man in Gruppen denkt. Männer schulden ihr nichts. Wenn sie als Person diverse Nachteile hatte dann muss sich deswegen dennoch kein Mitglied der Gruppe man auf sie einlassen. Da kommt immer ein gewisses Entitlement hoch, welches bei Männern wahrscheinlich besser erkannt würde. Und wenn sie nicht mit sich selbst im Reinen ist, dann werden eben viele Männer besserer Qualität sich lieber andere Männer suchen.

Es ist gar nicht mal so leicht, Männer nicht zu hassen, wenn man von Mehrfachdiskriminierung betroffen ist und verstanden hat, wie Unterdrückung und Ausbeutung funktionieren. Und es ist fast noch schwieriger, das eurozentrische Schönheitsbild zu verlernen, patriarchale Verhaltensweisen zu benennen, gegen Gaslighting gegenzuhalten und tagtäglich die Grundpfeiler einer gesunden Beziehung neu zu verhandeln, wenn die Grundbasis für mein Datingleben wie folgt aussieht: (weißer) linker fragiler cishet Dude aus Akademiker*innenfamilie, der Theorie nicht in Praxis umsetzen kann.

Der Absatz fasst ganz gut zusammen, warum ihr Beziehungsleben schlecht läuft. Sie hasst Männer, sie macht sie für alle möglichen Diskriminierungen verantwortlich, für die die einzelnen Männer gar nicht können, sie sieht überall Ausbeutung. Dazu haben diese sie gefälligst für hübsch zu halten (wobei sie dem Foto nach auch in einem asiatischen Bereich, wo die meisten Leute noch eher schlank sind, wahrscheinlich Probleme hätte). Dann sehen die Männer noch nicht mal ein, dass sie ihr dankbar sein sollten, dass sie sie auf ihre patriarchalen Verhaltensweisen hinweist. Statt dessen versuchen die sie zu Gaslighten, indem sie anführen, dass da gar kein Patriarchat ist. Dabei ist das doch ganz klar da!!!1

Und dann noch diese Cishet Dudes, die eigentlich links sind, aber dennoch nicht verstehen, wie sie die linke Theorie umsetzen müssen!

Schlimm. Da sollten die Männer doch wirklich einsehen, dass sie sich mehr anstrengen müssen!

Ich frage mich oft: Ist der Preis für den Kampf um Freiheit Einsamkeit? Und ist Einsamkeit „nur“ ein Gefühl, das ich überwinden kann? Kann ich das vielleicht, indem ich mein Selbstwertgefühl stärke und mich von dem Gefühl der Knappheit befreie? Verliere ich dann die Angst, in dieser Gesellschaft „nicht genug“ zu sein? Und was bleibt mir als Singlefrau in dieser anomisch-patriarchalen Welt, wenn ich mich vom linken Dogmatismus löse? Ich stelle mir wieder das Szenario in einer linken Telenovela vor und frage mich, wie das Staffelfinale ausfallen würde: Bleiben die Charaktere konsequent und gehen keine hetero Liebesbeziehungen mehr ein? Und wie sieht es mit Sex aus?

Sie hat ernste Probleme. In der Tat sollte sie ihr Selbstwertgefühl stärken und sich von dem linken Dogmatismus lösen. Aber dazu ist sie wahrscheinlich schon zu weit drin und empfindet deswegen die Gesellschaft als entfremdet. In einer spanischen Telenovela wäre eine verrückte Feministin allerdings nicht die Hauptfigur, sondern allenfalls deren Hindernis. Aber das ist eine andere Sache.

Ich trete meine Decke weg und stehe auf. Genug geswipet für heute, denk ich mir. Denn Gott sei Dank ist mein Wohlbefinden nicht nur davon bestimmt, wie „gut“ es mit Männern läuft. Meine mentale Gesundheit und mein Glück kann ich durch bedeutungsvolle Beziehungen zu meinen Freund*innen steuern, durch heilende Momente mit meiner Familie und befriedigende Stunden mit meinem Vibrator. Und zu wissen, dass es okay ist, Sex zu haben und die Hoffnung behalten zu dürfen, vielleicht eines Tages einem Mann zu begegnen, den ich nicht komplett hassen werde, aber gleichzeitig auch das Patriarchat stürzen zu wollen, gibt mir zumindest temporär Frieden – bis es wieder heißt: Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung.

Ich denke, da macht sie sich etwas vor. Sie will eine Beziehung und sie wird immer wieder in die Versuchung kommen zu swipen oder es wird immer mal wieder jemand mit ihr flirten. Aber es wird eben nicht gut gehen, solange sie Männer hasst und ihre Einstellung nicht ändert.

Die Hoffnung „Dass sie vielleicht eines Tages einen Mann begegnet, den sie nicht komplett hasst“ kann sie natürlich haben. Das Problem ist aber, dass die meisten Männer nichts mit einer Frau anfangen wollen, die sie „nicht komplett hasst“.

Aber mal sehen, wer einen Artikel von ihr sieht, der da neue Erkenntnisse bringt, der möge es dann mitteilen.

Wenn man die Argumentationsstruktur zum „alten weißen Mannes“ auch in anderen Bereichen verwenden würde

In den intersektionalen Theorien liebt man die Bezeichnung „alter weißer Mann“ weil sie ein schönes Feindbild abgibt. Mann und weiß deckt große Gruppen innerhalb der Privilegierung ab und bleibt noch einigermaßen kurz, auch wenn es andere gerne noch um heterosexuell oder Cis ergänzen, aber das kostet dann wieder zu viel Zeit. „Alt“ hat den Vorteil, dass es die Verantwortung aus der Gruppe junger Aktivisten etwas verlagert und es betont, dass sie „von gestern“ sind und man selbst die Zukunft. 

Dazu führt die Begrenzung auf weiße Männer dazu, dass man nicht versehentlich rassistisch gegenüber schwarzen Männern ist, die ja für die Gesellschaft weit weniger können, was man einem weißen intersektionalen Feministen vorwerfen könnte. 

Der Nachteil ist aber, dass man Hautfarbe und Geschlecht als negative Abgrenzung verwendet, was klassischer Rassismus und Sexismus ist. Um diesen Vorwurf zu vermeiden erfand man die Entschuldigung, dass es natürlich nicht wirklich um Hautfarbe und Geschlecht geht, sondern das nur eine sprachliche Figur ist, die nach dem „Hauptvertreter“ eines bestimmten Verhaltens benannt ist. Es sei nicht der tatsächlich weiße Mann gemeint, ein „alter weißer Mann“ könnte demnach auch eine Frau sein, ein junger Mensch oder gar ein Schwarzer. 

Dennoch wird im praktischen natürlich alles am Geschlecht und der Hautfarbe fest gemacht, ein Aktivist kann auf ein Foto schauen und anführen, dass da wieder nur alte weiße Männer sind, ganz typische, ohne das man einwenden kann, dass sie das nicht sind, jedenfalls nicht in der Verwendung, weil sie sich vollkommen anders verhalten.

Das es eine Ausflucht ist wird auch daran deutlich, dass man den Begriff beibehält, obwohl es immer wieder zu entsprechenden Bezügen zur Hautfarbe und Geschlecht kommt und es fehlverstanden wird. 

Um die Absurdität zu zeigen biete sich an diese Figur auf andere Situationen oder Gruppen zu übertragen und zu schauen, ob die Leute es dann immer noch akzeptieren würden:

1. Der junge schwarze Mann

A: die Frau wurde von einem schwarzen jungen Mann vergewaltigt.

B: Nein, der Täter war weiß.

A: Aber ich bitte Sie, ich meine doch nicht tatsächlich einen schwarzen jungen Mann, das ist nur metaphorisch, weil solche Taten typischerweise von jungen schwarzen Männern verübt werden. Es steht für die Geisteshaltung, die dahinter steht. Der Täter könnte auch weiß sein. 

2. Der Muslim

A: Hinter dem Attentat stehen Muslime.

B: Es ist noch vollkommen unbekannt, wer die Tat verübt hat.

A: Aber ich bitte Sie, es geht hier doch nicht um konkrete Muslime, es geht um die Geisteshaltung die dahinter steht und die ist nun einmal bei Muslimen am häufigsten vor zu finden und diese verüben auch die meisten Attentate

3. Der Jude

A: Dieser Darlehensvertrag sollten Sie nicht unterschreiben, er stammt von einer jüdischen Bank.

B: Die Sparkasse-Köln ist jüdisch?

A: Aber ich bitte Sie, das steht doch nur für eine Bank, die ganz ungünstige Bedingungen gibt, und dafür sind Juden ja nun einmal bekannt, deswegen stehen sie stellvertretend für alle, die solche schlechten Kredite geben. Eine Bank kann eh nicht jüdisch sein. 

4. Die junge überforderte Quotenfrau

A: Das Unternehmen wurde durch eine junge überforderte Quotenfrau zugrunde gerichtet.

B: war da nicht ein Mann an der Spitze?

A: Aber ich bitte Sie, junge überforderte Quotenfrau steht hier nur für die typische überforderte Person an der Spitze eines Unternehmens, die nicht aufgrund ihrer Leistung an die Spitze gekommen ist . Mit dem tatsächlichen Geschlecht hat das doch gar nicht zu tun und wie sie tatsächlich nach oben gekommen ist spielt auch keine Rolle. Sie steht eben nur für eine Gruppe , bei der das besonders häufig auftritt.

5. Die Feministin

A: Man musste sie entlassen, weil sie eine Feministin war.

B: Wie können Sie so etwas sagen? Sich für frauenrechte einzusetzen ist doch etwas Gutes?

A: Wie kommen Sie darauf, dass ich mich gegen Frauenrechte ausspreche? Feministin wird hier nur stellvertretend für eine Gruppe benutzt, die unfähig ist auf Kritik einzugehen und ihren fehlerhaften Ansichten durch schlechte Verschleierung tarnt, die kein Mensch glauben kann. Es ist natürlich nicht in der tatsächliche Feministin gemein, das kann auch ein konservativer Mann gewesen sein, aber bei Feministin zu dieses Verhalten eben am häufigsten auf.

6. der positive alte weiße Mann

A: Wir brauchen mehr alte weiße Männer in unserem Betrieb!

B: Wir können Sie so etwas sagen, sie sollten eher auf Diversität achten! Und sexistisch ist das auch

A: Aber aber, mit alten weißen Männern sind doch nicht tatsächlich alte weiße Männer gemeint, sollen lediglich hochqualifizierte Mitarbeiter mit viel Erfahrung, die sich besonders ins Zeug legen. Das ist eben stellvertretend für eine bestimmte Gruppe, das hat mit der Hautfarbe oder dem Geschlecht gar nichts zu tun.

vgl auch:

Was ist Intersektionaler Feminismus?

UN Women:

Ein intersektionaler Ansatz zeigt, wie sich soziale Identitäten von Menschen überlappen. Dabei sammeln sich diskriminierenden Erfahrungen an und verstärken sich.

„Wir neigen dazu, über Ungleichheit aufgrund von Rassifizierung zu sprechen, als sei sie getrennt von Ungleichheit aufgrund von Geschlecht, Gesellschaftsschicht, Sexualität oder Einwanderungsgeschichte. Was dabei fehlt ist das Verständnis, dass manche Menschen all diesen Ungleichheiten ausgesetzt sind. Die Erfahrung dieser Menschen ist nicht einfach die Summe ihrer Teile”, sagt Crenshaw.

Ein intersektionaler Feminismus konzentriert sich auf die Stimmen derjenigen, die überlappende, gleichzeitige Formen der Unterdrückung erleben, um die Tiefen der Ungleichheiten und die Beziehungen zwischen ihnen in jedem Kontext zu begreifen.

(…)

Die berühmte brasilianische Frauenrechtlerin Valdecir Nascimento sagt: „Der Dialog über die Stärkung der Rechte von Schwarzen Frauen sollte sie ins Zentrum rücken.“ Seit 40 Jahren kämpft Nascimento für Gleichberechtigung. „Schwarze Frauen aus Brasilien haben nie aufgehört zu kämpfen“, sagt sie und weist darauf hin, dass Schwarze Frauen Teil waren der feministischen Bewegung, der Schwarzen Bewegung und anderer progressiver Bewegungen. „Wir wollen nicht, dass andere Menschen für Schwarze Feministinnen reden, weder weiße Feministinnen noch Schwarze Männer. Es ist unerlässlich, dass junge Schwarze Frauen diesen Kampf übernehmen“, sagt sie. „Wir sind die Lösung in Brasilien, nicht das Problem.“

Eine intersektionale Herangehensweise bedeutet auch, die historischen Kontexte, in die Probleme eingebettet sind, zu erkennen. Lange Vorgeschichten von Gewalt und systematischer Diskriminierung haben tiefe Ungerechtigkeiten geschaffen, die einige Menschen von vornherein benachteiligen. Diese Ungleichheiten überschneiden sich gegenseitig, wie zum Beispiel Armut, Kastensysteme, Rassismus und Sexismus, und sie verweigern Menschen ihre Rechte und Chancengleichheit. Die Auswirkungen erstrecken sich über Generationen hinweg.

(…)

Wenn wir durch eine intersektionale feministische Linse blicken, sehen wir, wie verschiedene Gemeinschaften unterschiedliche, miteinander verbundene Probleme gleichzeitig bekämpfen. In Solidarität miteinander zu stehen, Machtstrukturen in Frage zu stellen und sich gegen die Ursachen von Ungleichheiten auszusprechen, sind entscheidende Maßnahmen, um eine Zukunft zu erschaffen, die niemanden im Stich lässt.

„Wenn du Ungleichheit als ein Problem von „denen“ oder den „bedauerlichen Anderen“ ansiehst, dann ist das ein Problem“, sagt Crenshaw. „Wir müssen offen dafür sein, all die Arten und Weisen zu betrachten, wie unsere Systeme diese Ungleichheiten reproduzieren, und das schließt sowohl die Privilegien ein als auch das Leid.“

CFD

Was ist Intersektionalität?

Keine der verschiedenen gesellschaftlichen Strukturkategorien wie Geschlecht, Rassifizierung, Klasse, Nationalität, sexuelle Orientierung, Alter etc. steht für sich alleine. Diese Kategorien wirken sowohl für sich, als auch im Zusammenspiel an der Gestaltung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit. Sie müssen in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen betrachtet werden, wollen wir ihre Dynamik verstehen und Diskriminierungen und Ausschluss verhindern.

Intersektionalität geht auf das englische Wort intersection, also Strassenkreuzung, zurück. Die Schwarze US-amerikanische Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw benutzte diesen Begriff erstmals Ende der 1980er-Jahre, um mit dem Bild der Strassenkreuzung die Gleichzeitigkeit, das Zusammentreffen, Kreuzen und Überschneiden von Machtverhältnissen zu benennen. Und um damit die Verwobenheit sozialer Ungleichheiten sichtbar zu machen und diese Machtverhältnisse zu dekonstruieren.

Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener Kategorien, die Ungleichheiten verursachen. Der Begriff Intersektionalität ist in einem wissenschaftlichen Kontext relativ jung. Das Wissen und Verständnis von Intersektionalität sind sehr alt. Im Prinzip gibt es Intersektionalität seit es die Schwarze Frauenbewegung gibt. Es ist zentral, Intersektionalität in diesem Kontext und aus dieser Perspektive heraus zu verstehen. Im deutschsprachigen Raum wurde sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und fehlinterpretiert. (vgl. Natasha A. Kelly: „Intersektionalität ist die Grundidee des Schwarzen Feminismus“ (Interview auf editionf)

Die Frauenrechtlerin, Abolitionistin (Sklavereigegnerin) und ehemals versklavte Schwarze Frau Sojourner Truth wies bereits 1851 auf die Überschneidung von race und Geschlecht hin und wie sich diese mehrfache Diskriminierung auf sie auswirkte. An einem Frauenkongress in Ohio hielt sie ihre berühmte Rede «Ain’t I a Woman?» (Bin ich keine Frau?). Darin sagt sie, dass sie nicht als Frau anerkannt und ernstgenommen werde, weil sie Schwarz ist. Und prangert so gleichzeitig Rassismus und Sexismus an.

Das Konzept der Intersektionalität ermöglicht es, die verschiedenen und komplexen Positionen in Machtverhältnissen sichtbar zu machen. Es ermöglicht zu sehen, wie diese miteinander verwobenen Machtstrukturen wirken und wie jede* und jede*r sich in ihnen verorten kann. Dies bedeutet für weisse Menschen, eine selbstkritische Perspektive einzunehmen sowie die eigenen weissen Privilegien, und wie diese genutzt werden können, zu reflektieren.

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Intersektionalität beschreibt die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Eine intersektionale Diskriminierung tritt auf, wenn eine Person aufgrund bestimmter Persönlichkeitsmerkmale Opfer verschiedener Diskriminierungsformen wird – beispielsweise nicht nur von Sexismus, sondern auch von Rassismus oder Homophobie. Diese Diskriminierungsformen addieren sich nicht nur auf, sondern führen in Kombination zu komplett eigenständigen Diskriminierungserfahrungen. Soll heißen: Eine schwarze Frau erlebt einen anderen Sexismus als eine weiße Frau. Denn Sexismus und Rassismus werden in Kombi zu einer ganz neuen, noch giftigeren Mixtur. Ein intersektionaler Feminismus möchte in erster Linie eines: diese Tatsache anerkennen.

Seinen Ursprung hat der Begriff in der feministischen Bewegung der 1960er-Jahre in den USA, als schwarze Feministinnen ihre besondere Situation aufgrund rassistischer Diskriminierung betonten. Sie warfen der feministischen Bewegung vor, sie würde sich lediglich mit den Belangen weißer Mittelschichtsfrauen befassen. Denn während weiße Frauen immer öfter angehört wurden, wurden die Interessen von nicht-weißen Frauen unter den Teppich gekehrt – und das passiert bis heute. Es äußert sich nicht zuletzt in Lena Dunhams komplett weißem Cast in Girls, in feministischem Sweatshop-Merchandise bei H&M oder im Fehlen weißer Personen bei #BlackLivesMatter-Demonstrationen.

1991 benutzte die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zum ersten Mal den Begriff Intersectionality, der daraufhin Eingang in unterschiedliche Forschungsfelder und Politikbereiche fand – auch, wenn die Idee dahinter nicht neu war. Seit ungefähr 20 Jahren gehört er fest zum feministischen Diskurs in der ganzen Welt und sorgt nach wie vor für Uneinigkeit. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Begriff schwer zu definieren ist: Denn es ist quasi unmöglich, Diskriminierungsformen zu kategorisieren. Neben Geschlecht, Race und sozialer Schicht könnte man ohne Weiteres noch endlose weitere Kategorien aufzählen, die zu einer Benachteiligung führen: Gesundheit, Aussehen, Alter, Religion, Nationalität, usw. Judith Butler hat dazu mal gesagt, dass dieses Projekt der Klassifizierung zum Scheitern verurteilt ist: „Theorien feministischer Identität, die eine Reihe von Prädikaten wie Farbe, Sexualität, Ethnie, Klasse und Gesundheit ausarbeiten, setzen stets ein verlegenes ‚usw.‘ an das Ende ihrer Liste (…), doch gelingt es ihnen niemals, vollständig zu sein.“ Ihr merkt: Vor dem „verlegenen usw.“ bin auch ich nicht sicher.

Das macht den intersektionalen Ansatz allerdings nicht weniger wichtig, denn es geht um mehr als nur darum, Mehrfachdiskriminierung sichtbar zu machen und anzuerkennen, dass es neben Sexismus auch noch andere Themen gibt, die den Feminismus betreffen. Es geht auch um Konsequenz und Solidarität: Denn es wirkt widersprüchlich und paradox, an einer Stelle mehr Rechte einzufordern und die eigenen Privilegien an anderer Stelle selbst nicht an Benachteiligte abgeben zu wollen. Das ist der Vorwurf gegen den sogenannten White Feminism. Er scheint zu sagen: „Ja, wir wollen gleiche Rechte. Auch wenn das nur für weiße, mittelständische, heterosexuelle Frauen gilt. Der Rest ist nicht mein Problem!“

Der intersektionale Feminismus der Gegenwart hat verstanden, dass es ohne Solidarität nicht möglich ist, Ungerechtigkeit zu beenden. Denn Geschlecht ist nicht die einzige Kategorie, die in unserer Gesellschaft Machtdifferenzen generiert. Und all diese Arten von Herrschaftsverhältnissen bedingen sich gegenseitig: Sie bilden ein komplexes Ganzes, das nicht zum Einsturz gebracht werden kann, wenn man bloß einzelne Bausteine herausnimmt. Will man soziale Ungerechtigkeit für alle beenden, dann muss man am Fundament rütteln.

Die US-amerikanische Soziologin Kathy Davis hat das mal folgendermaßen zusammengefasst:

„Intersektionalität thematisiert das zentrale (…) Problem in der feministischen Wissenschaft – die Anerkennung von Differenzen zwischen Frauen. Es berührt das drängendste Problem, dem sich der Feminismus aktuell gegenübersieht – die lange und schmerzliche Geschichte seiner Exklusionsprozesse.“

Kurz könnte man auch sagen: Intersektionaler Feminismus meint einen Feminismus für alle. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen. Das ist eine riesige Chance: Wenn man bereit ist, eigene Privilegien anzuerkennen und sie für jene einzusetzen, die weniger Ressourcen haben, dann rüttelt das tatsächlich ein bisschen am Fundament. Denn es ist nicht im System vorgesehen, dass man im Sinne der Gerechtigkeit bereit ist, für die Abschaffung der eigenen Vorteile zu kämpfen.

Auf das Wesentliche herunter gebrochen meint der intersektionale Feminismus einfach Solidarität. Und es gibt nichts Bestärkenderes als Solidarität. Leider gibt es kein Handbuch dafür, wie man diese „richtig“ übt. Aber es ist die halbe Miete, anzuerkennen, dass andere Menschen oftmals eine andere Diskriminierungserfahrung haben, die wir selbst niemals nachvollziehen werden können. Ich werde niemals wissen, wie es sich anfühlt, in Deutschland schwarz zu sein. Ich weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, offen lesbisch zu sein. Ich wurde nie aufgrund meiner Herkunft diskriminiert. Deswegen sollte man nicht versuchen, für die zu sprechen, die es besser wissen. Sondern sollte lieber das Mikro abgeben, zuhören, lernen – und so am Fundament rütteln.

Hannah Wettig: „Von identitätspolitischen Strebern, die Professorinnen gefallen wollen“

Leser PG13 wies in den Kommentaren auf einen interessanten Artikel von Hannah Wettig, früher bei der Mädchenmannschaft aktiv, zu den intersektionalen Theorien hin

Es gibt viele Namen: „Identitätspolitik“, „intersektionaler Feminismus“, „Critical Whiteness“, „Woke“ – und abwertend „Cancel Culture“ oder „Islam-Linke“. Davon war viel in den vergangenen Wochen in den Medien zu lesen. Die Begriffe werden in den Medien mehr oder weniger synonym verwendet. Das sind sie zwar nicht, aber auch ich werde das erst einmal tun und später differenzieren.

Als Grüne sind wir schon etwas früher mit dem Phänomen konfrontiert worden, zumindest in einigen Landesverbänden. In Berlin stellten etwa ältere Semester bei der letzten Frauenvollversammlung erstaunt fest, dass sie sich dem intersektionalen Feminismus verschreiben sollten und fragten, was das denn überhaupt sei.

Dass eine neue Ideologie so wirkmächtig auftritt und unbedingtes Mitmachen einfordert, während die Masse der Bevölkerung und sogar ein Großteil der politisch Tätigen noch gar nichts davon gehört hat, gehört zu den Besonderheiten dieser Strömung. Das führt zu den meist diskutierten Problemen dieser Entwicklung: Immer wieder werden Menschen aufs Schärfste attackiert für etwas, was sie gesagt haben, haben aber nicht den blassesten Schimmer, was daran eigentlich schlimm war.

Das ist in der Tat sicherlich für viele ein plötzliches Problem, weil die Basis, gerade die Älteren, von den Theorien gar nichts mitbekommen haben, es gar nicht so einfach ist, dass plötzlich zu verstehen, um was es eigentlich geht, aber für Fehler plötzlich aufs schärfste angegriffen zu werden.

Ich war damit zum ersten Mal vor neun Jahren konfrontiert. Damals schrieb ich für den feministischen Blog Mädchenmannschaft. Zur Feier des fünfjährigen Jubiläums waren alle Berliner Mitstreiterinnen aufgefordert, Workshops anzubieten. Ich bot an, etwas über Frauen in der ägyptischen Revolution zu machen. Das wurde begrüßt. Als ich aber zu der Veranstaltung kam, spürte ich Abweisung: Andere Bloggerinnen schnitten mich. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und meinen Workshop durchgeführt. Keine der anderen Bloggerinnen nahm daran teil. Vier bis fünf Tage später nahm mich eine Bloggerin, die nicht in Berlin wohnte, also nicht auf der Veranstaltung gewesen war, in Kopie auf den internen Verteiler. Sie schrieb: Was ihr mit Hannah macht, ist Stalinismus. Ihr habt sie nicht einmal informiert, geschweige denn angehört zu den Vorwürfen. Deshalb leite ich das jetzt an sie weiter.

Ich las eine ellenlange hitzige Diskussion der letzten Tage. Daraus erfuhr ich, dass ich auf der Website in einem großen Artikel angeprangert wurde. Ich sollte mich öffentlich entschuldigen und meine weiße Position reflektieren. Mein Haupt-Vergehen: Ich hatte als weiß Positionierte über People of Color gesprochen. Sprich: ich hatte genau das getan, was ich angekündigt hatte und was sie begrüßt hatten: über Frauen in der ägyptischen Revolution berichtet.

Außerdem wurden mir noch ein paar andere Kleinigkeiten vorgeworfen, die auf Hören-Sagen beruhten – wie gesagt: Keine war bei dem Workshop gewesen. Meine Verteidigung, die Diskussion im Workshop sei ganz anders verlaufen, als sie es behaupteten, wurde beantwortet mit: „Du willst Dich also nicht kritisch mit Deinem Verhalten auseinandersetzen.“

In der Folge verließ die Hälfte der Bloggerinnen das Kollektiv, weil sie den Umgang mit mir einfach nur verrückt fanden. Die taz und die Jungle World berichteten darüber. Sie interpretierten das Ganze als Richtungsstreit. Ich hatte aber etwas anderes erlebt. Es ging nicht um unterschiedliche politische Positionen. Wir hatten gar keine politische Debatte geführt. Das Ganze war ein kafkaesker Prozess. Es ging um Macht, nicht um Inhalte.

Ich hatte diese Streitigkeiten in der Mädchenmannschaft schon mal aufgegriffen:

Die „Gegensicht“ der intersektionalen Feministinnen zwar nicht genau zu ihrem Vortrag aber zu Vorfällen aus dem Jubiläum findet sich hier und ich wollte sie eigentlich schon immer mal besprechen. Ich zitiere aber einfach mal aus dem Text:

Auf dem Podium saßen Julia Brilling für Hollaback!BLN, Dr. Daniele G. Daude für Bühnenwatch und Sandra Steinitz für Sl*twalk Berlin (im Folgenden benannt mit SW bzw. SW Berlin). Moderiert werden sollte das Podium von Anna-Sarah von der Mädchenmannschaft (MM).

Nach der Vorstellung der Initiativen durch die Podiumsteilnehmerinnen äußerten Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling mehrfach Kritik am Umgang der SW-Organisator_innen mit den aktuellen Blackface- und Niqab-Vorfällen auf dem SW Berlin 2012, bezogen sich dabei auch konkret auf die Debatte bei Facebook, die am Tag der MM-Veranstaltung ein besonderes Ausmaß an Zurschaustellung weißer Überlegenheitsgesten und Rassismusverharmlosung erreichte (eine entsprechende Contentwarnung gilt für den verlinkten Facebook-Thread). Kritik wurde von beiden auch am Umgang der SW-Orga mit den Kritiken aus dem vergangenen Jahr geäußert, es ging z.B. um die Problematik der Aneignung des Wortes ‚Sl*t‘ (‚Schl*mp*‘), weiterhin um produzierte Ausschlüsse und die Ignoranz diesen gegenüber.

Sandra Steinitz verstrickte sich in Rechtfertigungsversuche und derailte die von Dr. Daniele G. Daude und Julia Brilling geäußerte Kritik, Unmut von Teilnehmer_innen of Color und von wenigen weiß positionierten Teilnehmer_innen aus dem Publikum folgte, sowie weiterhin Kritik von Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude an konkreten Aussagen von Sandra Steinitz.

Im Publikum gaben sich vier bis fünf weiß Positionierte als Organisator_innen von SW Berlin zu erkennen und skandalisierten den Diskussionsverlauf, ebenfalls mit Rechtfertigungen, Abwehrhaltung und Derailing, zum Teil mit Umkehrungsrhetoriken. Julia Brilling und Dr. Daniele G. Daude reagierten, ebenso Teilnehmer_innen of Color und wenige weiß positionierte Teilnehmer_innen.

Anna-Sarah lenkte die Debatte auf ein neues Thema, doch die anwesenden SW-Organisator_innen kommentierten weiter das zuvor Gesagte und unterbrachen mehrfach. Sabine stand auf und wies eine der Organisator_innen zurecht.

Die Organisator_innen von SW Berlin äußerten sich wiederholt rassistisch und reproduzierten weiße Dominanz und Abwehr. Einige Teilnehmer_innen of Color verließen den Raum.

Nach einem Signal von und Verständigung mit Sabine stoppte Magda den Verlauf der Podiumsdiskussion mit dem Verweis, dass gerade Women of Color den Raum verlassen haben und ein Weitermachen keinen Sinn ergäbe. Ein_e Teilnehmer_in kritisierte, dass Betroffene den Raum verlassen müssen und nicht die Sl*twalk-Organisator_innen. Nach der Beendigung der Podiumsdiskussion verließ die SW-Orga den Raum besonders sicht- und hörbar, indem sie sich zudem gegenseitig Mitleid aussprachen für die „schlimme Situation“.

Hintergrund waren ua (spätere?) Femen-Aktivistinnen, unter anderem Zana Ramadami, die schwarz angemalt am Slutwalk teilgenommen hatten:

Die intersektionalen Feministinnen fanden das natürlich fürchterlich, die restlichen Feministinnen anscheinend nicht so bewegend, insbesondere wollten sie über ganz andere Sachen reden und haben gar nicht verstanden, warum sich darüber so aufgeregt wird. Sie wollten darüber reden, wie man das Patriarchat besiegt, die intersektionalen Feministinnen wollten ihnen vorhalten, warum ihr Aktivismus „Nicht gut genug“ ist und damit falsch. Die damaligen Feministinnen dachten wahrscheinlich „Warum greifen die uns so an, wir wollen doch die Welt besser machen und sollten alle zusammen halten“ oder etwas in der Art. Aber das intersektionale Programm hätte Demutsgesten erfordert, Einsicht falsch gehandelt zu haben, Distanzierung und die Mitteilung, dass man aus den Fehlern lehren wird und in Zukunft solche Sachen unterbinden wird und auf PoCs hören wird, wenn diese Kritik üben. Dann hätte man den PoCs die Bühne geben müssen, damit sie sagen was richtig ist.

Dazu dienten neue Sprach- und Verhaltensregeln des politisch Korrekten. Da wurden Wörter gebraucht, die ich überhaupt nicht kannte. Und das, obwohl ich immer politisch aktiv war und das genau in diesen Subkulturen. Immerhin war ich Teil dieses feministischen Kollektivs gewesen, hatte mich aber in den Monaten zuvor nicht an Diskussion beteiligt, weil ich in den arabischen Revolutionen unterwegs gewesen war. In nur wenigen Monaten hatte eine Clique das Kollektiv übernommen, die nun einforderte, dass wir uns an neue Regeln hielten und die bestimmten, wie Feminismus zu sein habe.

Das man sich dort so einfach hat vertreiben lassen finde ich immer noch faszinierend. Immerhin war die Mädchenmannschaft ja das „Kind“ der älteren Feministinnen und sie hätten auch klarstellen können, dass die intersektionalen Feministinnen zu gehen haben und ihre eigene Seite aufmachen können, wenn ihnen das nicht passt.
Aber meine Vermutung ist, dass die andere Seite einfach viel zu aggressiv aufgetreten ist und man dem wenig entgegen zu setzen hatte und die intersektionalen Feministinnen auch gar nicht eingesehen hätten, dass man sie rauswirft.
Letztendlich hat das gleichzeitig dem Blog Mädchenmannschaft nachhaltig geschadet, dort erscheinen quasi keine interessanten Artikel mehr und der Blog dürfte – vermutlich zu Gunsten des Missy Magazins – erheblich an Leserschaft verloren haben.

Ich begann mich im Freundeskreis umzuhören, ob jemand schon mal etwas von dieser neuen Strömung gehört hatte. Und hörte viele dramatische Geschichten. Damals handelte es sich aber eindeutig noch um eine Strömung in kleinen linken Subkulturen. Linke Subkulturen hatten in ihrer Geschichte häufig Sprachregeln, die man nicht unbedingt von außen nachvollziehen konnte. Sie hatten auch häufig einen rigiden Umgang mit Abweichlern. Trotzdem fiel mir schon damals auf, dass es ein paar bemerkenswerte Unterschiede zu vorherigen Praxen gab.

Die Umstellung damals war auch aus meiner Sicht deutlich, aber immerhin hat sie indirekt auch diesen Blog ins Leben gerufen, denn erst mit dem Auftreten der intersektionalen Theorien ging die Diskussionskultur bei der Mädchenmannschaft vollends den Bach runter. Vorher war da – wenn auch eingeschränkt – durchaus noch kritisches erlaubt, aber mit dem Erstarken der intersektionalen Theorien wurde immer mehr geblockt bis man quasi keine Möglichkeit zum diskutieren mehr hatte.

Es findet gar keine Debatte mehr statt

Auch wir Grünen kennen aus unserer Geschichte denunziatorische Attacken auf den politischen Gegner und auch auf die eigenen Mitstreiter. Die erste Bundestagsfraktion der Grünen soll sich geradezu zerfleischt haben in Richtungskämpfen. Junge Menschen, die die Welt verändern wollen, gehen zuweilen gnadenlos gegen die Altvorderen vor, die das nicht wollen. Wir können das falsch finden. Aber es ist nun mal so und es war schon immer so. Aber hier ist etwas anders. Darum will ich zunächst auf die Praxis eingehen – und dann erst auf die Probleme mit der Theorie.

Es findet gar keine Debatte mehr statt. Es wird mit größter Vehemenz angegriffen: Die Attacke wird oft gegen etwas Symbolisches geführt. Es geht um Wörter, aber auch um Kleidung, Haarstil, Essen, Karnevalskostüme, Dreadlocks, das Zubereiten von exotischen Speisen durch Weiße.

In der Tat ist es eines der Probleme der intersektionalen Theorien, dass nicht mehr diskutiert wird. Das ist gleichzeitig seine Stärke. Denn sein Auftreten als dogmatische und fanatische Religion, die alle Ketzer angreift erlaubt eben nur ein Dafür oder ein Dagegen sein, und wer dagegen ist, der fliegt raus.

Wer damit in solchen Gefilden überleben will, der muss sich anpassen – mit Gegenwehr kommt er nicht sehr weit, wenn erst einmal diese Theorien genug Fuß gefasst haben. Er wird als Rassist und Sexist beschimpft werden und jeder, der ihm zur Seite steht gleich mit. Die Angriffe sind dabei in der Tat oft an Kleinigkeiten aufgehangen, wenn man es nicht aus dogmatischer Sicht sieht, es gibt dort eben kein Leben und Leben lassen, wer das zulässt ist ebenfalls Feind.

Ich habe große Sympathien für rebellierende junge Menschen. Darum habe ich in den vergangenen Jahren, wenn mich solche jungen Menschen bei Vorträgen angriffen, immer das Gespräch mit ihnen gesucht – und sie gebeten, mir zu erklären, warum das Wort, was ich verwendet hatte oder meine Position problematisch beziehungsweise rassistisch seien. Es kamen Phrasen und Glaubenssätze, viele Gefühle oder behauptete Gefühle von irgendjemand anderem, aber keine Argumente, jedenfalls keine, die der logischen Struktur meiner Argumente ähnelten. Ich finde das sehr anstrengend. Ich muss sagen, ich diskutiere lieber mit einem Betonkopf-Marxisten-Leninisten, obwohl ich deren Positionen furchtbar finde, aber sie bringen wenigstens Argumente, die man kontern kann.

Das ist eine nette Zusammenfassung, an der sicherlich einiges Wahres ist, wobei es interessant wäre, was sie selbst als logische Struktur ansieht. Aber in der Tat können viele dort überhaupt nicht diskutieren, weil Glauben keine Diskussion erfordert, ja dadurch sogar erschwert wird. Es ist ein Costly Signal einfach zu glauben und zu akzeptieren und eine gewisse Unlogik macht dieses Signal der Gruppenzugehörigkeit sogar stärker.

Vor ein paar Jahren habe ich für die Emma junge Feministinnen interviewt, die sich gegen diese Art der Identitätspolitik wenden. Sie erzählten mir von ihren Erfahrungen in der Szene. Was ich besonders bemerkenswert fand: Sie erzählten, dass viele jungen Feministinnen vor allem Modemagazine lesen und politische Diskussionen langweilig finden. Darüber musste ich lange nachdenken: Dieselben Frauen, die Professoren wütend wegen angeblich rassistischer Äußerungen niederbrüllen, interessieren sich gar nicht für Politik in ihrer Freizeit? Wie kann das sein?

Das wäre ja durchaus eine interessante Sache: Intersektionale Theorien als Lifestyle, der eine wirkliche Auseinandersetzung gar nicht mehr erforderlich macht. Wer glaubt, der muss nicht diskutieren. Wenn Rassismus und Sexismus allmächtig sind und die Privilegierten die Verantwortung dafür tragen diese Mißstände zu beseitigen, dann kann man als Frau auch Modemagazine lesen. Wenn alles, jeder Bereich, auch politisch ist, dann ist auch die Mode politisch und Modemagazine, etwa mit Unisexartikeln oder woken Modeln sind auch Politik

Dazu müssen wir uns die Herkunft dieser Ideologie anschauen; nicht die originäre Herkunft, sondern den Weg, wie sie in unsere Gesellschaft gekommen ist. Es sind Theorien, die in der Universität gelehrt werden, insbesondere in den Gender Studies. Dort werden sie zuweilen als rigide Glaubenssätze gelehrt. So erzählte mir etwa eine junge Feministin, die an der Humboldt-Universität in Berlin studiert hat, dass sie in ihrem ersten Semester scharf von der Dozentin zurechtgewiesen wurde, als sie auf die Frage, ob man einen Text von Roland Barth lesen dürfe, in dem das Wort „Neger“ vorkam, mit „ja“ geantwortet und das auch begründet hatte. Die Art, wie sie heruntergeputzt wurde, hat auch den anderen im Seminar Eindruck gemacht. Sie erzählte mir: „Du musst Dir vorstellen, da kommen einige aus der deutschen Provinz. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die kuschen oder gehen in die innere Emigration.“ Es wird also eingebimst und auswendig gelernt, nicht diskutiert. Keineswegs sind die Glaubenssätze, die hier in Deutschland von Vertreterinnen dieser Theorien vorgebracht werden, Ergebnis eines zivilgesellschaftlichen Prozesses, wie behauptet wird. Sondern sie sind von oben oktroyiert. Darum vermisst man auch zuweilen einen Bezug zur Realität.

Es bleibt auch nichts anderes als auswendig zu lernen, eine Diskussion kann allenfalls über Feinheiten aufkommen, aber auch dort ist es schwierig, weil Diskussion gerade Zweifel und Unstimmigkeit bedeutet.

Das spielt auch eine Rolle für unsere Arbeit als Grüne. Ein Beispiel aus einem Kreisverband: Einige junge Mitglieder hatten für das Wahlprogramm ein ganzes Kapitel zu Postkolonialismus geschrieben, unter anderem forderten sie, dass umgehend alle Straßennamen mit kolonialem Bezug umbenannt werden müssten. An sich ist das ein absolut unterstützenswertes Anliegen, was wohl jede grüne Fraktion gern umsetzen würde. Die Fraktion ist also sämtliche Straßennamen des Ortes durchgegangen. Sie hat keinen einzigen mit kolonialem Bezug gefunden. Die Autor*innen des Kapitels kannten auch keinen.

Das ist eine nette Anekdote. Was muss das frustrierend gewesen sein, dass da tatsächlich kein Name vorhanden war, etwas was man einfach vorausgesetzt hatte. Dabei wäre es so ein schön vorzeigbarer Aktivismus gewesen, mit dem man super seine woke Einstellung hätte darlegen können.

Aus solchen Erfahrungen lässt sich der böse Schluss ziehen: Die jungen Leute, die hier so scharfe Attacken führen, sind überhaupt keine rebellierende Jugend, die wütend darüber ist, dass echte Probleme immer noch nicht behoben sind. Es sind vielmehr Streber, die die Lehrsätze ihrer Professorinnen nachplappern. Deshalb wohl kommt es zu teilweise völlig absurd anmutenden Angriffen. Wenn etwa Menschen mit Dreadlocks attackiert werden oder eine grüne Spitzenkandidatin dafür, dass sie als Kind Indianerhäuptling werden wollte, dann liegt das nicht daran, dass die politische Linke in Deutschland keine Themen mehr hat, wie das konservative Feuilleton behauptet. Sondern es liegt mitunter daran, dass eifrige Schüler eine 1 bekommen wollen.

Das ist eine schöne Darstellung der „Call Out Culture“. Ich hatte ja hier schon einmal anhand einer Fußballmetapher dargestellt, dass sich im intersektionalen Feminismus die Spielregeln geändert haben: Wo es vorher auf das Torschiessen angekommen ist gibt es jetzt eben Punkte dafür, dass man darauf hinweist, dass der eigene Mitspieler zu wenig zu schwarzen Mitspielern abspielt, und das unabhängig davon, ob damit eher ein Tor erzielt wird oder nicht.

Es gibt eben Virtue Signalling Punkte für solche Aktionen, und gerade dafür, dass man auf Fehler anderer hinweist.

Hintergründe der Identitätspolitik: Zugrundeliegende Theorien

Aber es gibt auch die, die darüber Macht ausüben. Dafür sind solche Glaubenssätze, vor allem wenn ihre Auslegung willkürlich ist, besonders gut geeignet. Professorinnen können so andere Professorinnen wegbeißen, Politikerinnen andere Politikerinnen usw.

Macht ist über die intersektionalen Theorien in der Tat recht einfach auszuüben. Es gibt bestimmten Personen eben das Recht herablassend von oben die Wahrheit zu verkünden und das mit einer gewissen Unangreifbarkeit. Es ist kein Wunder, dass einige das ausnutzen.

Die Theorien, auf denen das ganze fußt, sind hingegen teilweise gar nicht so dumm. Und es gibt auch viele junge Menschen, die sich ernsthaft damit auseinandersetzen, Bücher lesen und darüber nachdenken. Die sollten wir nicht in einen Topf schmeißen. Solche kenne ich auch. Die sind allerdings in der Lage zu argumentieren und meist finden wir, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen wie bei anderen Begrifflichkeiten.

Die Identitätspolitik geht zurück auf TheoretikerInnen der 1980er und 90er Jahre. Dem Philosophen Michel Foucault ging es um die Anerkennung sexueller Identitäten. Er selbst war schwul. Viele postkoloniale AutorInnen zeigten sehr richtig die Marginalisierung anderer Kulturen und Wissensproduktion auf. Dabei gingen sie davon aus, dass Identitäten konstruiert sind – durch Fremd- und Eigenzuschreibungen. Einiges davon kann essentialistisch interpretiert werden, als sei Identität statisch, wie es heute geschieht. Aber nur, wenn man Sätze aus dem Kontext greift, also das Buch nicht gelesen hat.

Die Philosophin Judith Butler wiederum behauptete, dass die Binarität der Geschlechter konstruiert sei, die Unterscheidung von Männern und Frauen durch ständige Performance, also das erlernte Verhalten, aufrechterhalten wird. Als ich das als Studentin gelesen habe, habe ich das nicht so verstanden, dass es keine Geschlechtsunterschiede gibt, sondern dass die Bedeutung, die wir ihnen zumessen, in Frage steht. Inzwischen muss man allerdings sagen, dass Judith Butler ihre eigene Theorie ad absurdum führt, wenn sie die Burka verteidigt.

Das sind die Anfänge, die allerdings im Laufe der Zeit immer unwichtiger wurden und von denen allenfalls noch Grundkonzepte übernommen worden sind. Es ist eine „ideologische Reduzierung“ eingetreten, die den Unterbau weitestgehend uninteressant in der täglichen Praxis macht, weil die Reduzierung weitaus simplerer Regeln bereit stellt, auf die man sich berufen kann.

Zum gleichen Zeitpunkt, aber in Deutschland damals relativ unbeachtet, entwickelte die Juraprofessorin Kimberly Crenshaw den Ansatz der „Critical Race Theory“ und des Intersektionalismus. Die Idee dafür beruht auf einem realen Fall: Bei General Motors klagten schwarze Frauen dagegen, dass sie bei Einstellungen diskriminiert würden. Das Gericht wies die Klage ab. Es argumentierte, dass bei General Motors viele Frauen arbeiten und daher offensichtlich Frauen nicht diskriminiert würden. Auch arbeiteten dort viele Schwarze, also würden auch Schwarze nicht diskriminiert. Tatsächlich waren aber alle Frauen, die dort arbeiteten, weiße, zum Beispiel Sekretärinnen. Die Schwarzen waren alle Männer, die in der Fabrik arbeiteten.

Kimberly Crenshaw befand, dass sich Diskriminierungen also nicht einfach addierten. Von der einfachen Addition von Diskriminierungen geht etwa der Triple-Oppression-Ansatz aus, der damals in der Linken en vogue war. Crenshaw zeigte, dass schwarze Frauen nicht einerseits als Schwarze und andererseits als Frauen diskriminiert würden, sondern dass sie spezifisch als schwarze Frauen diskriminiert wurden.

Der ursprüngliche intersektionale Ansatz wurde ebenfalls stark reduziert. Ging es ursprünglich noch darum, dass man hinterfragen musste, wie bestimmte mögliche Diskriminierungen zusammen spielen gibt es jetzt ein relativ einfaches Schema, in dem in jeder Kategorie bestimmte Gegensatzpaare von Unterdrückt und Privilegiert gebildet werden und verlangt wird, dass in allen Kategorien alle „Diskriminierungen“ unterlassen werden. Das Zusammenspiel dieser ist inzwischen keine große Sache mehr.

Das ist zweifellos eine wichtige Erkenntnis. Und auch die Methode, die daraus hervorging, nämlich in jeder Situation zu schauen, wie sich Mehrfach-Diskriminierungen auswirken, ist in den Sozialwissenschaften absolut sinnvoll. Aber es ist eben nur eine Methode für die Sozialwissenschaften, die Sozialpädagogik oder was auch immer. Es ist keine politische Theorie, keine Gesellschaftsanalyse. Es eignet sich anders als beispielsweise der Marxismus nicht, um daraus politische Gesamtkonzepte abzuleiten. Es wird aber heute so eingesetzt, und das führt zu den vielen Absurditäten, die wir erleben.

Ich habe etwas den Eindruck als hat sie die intersektionalen Theorien noch nicht ganz verstanden. Vermutlich hat sie versucht Grundlagentexte zu lesen, aber die ideologische Reduzierung dieser eben außen vor gelassen.

Die soziale Frage spielt eine untergeordnete Rolle

Warum es keine Gesellschaftsanalyse ist und wenn es als solche eingesetzt wird, in keinster Weise progressiv ist, lässt sich am Beispiel der sozialen Frage am deutlichsten zeigen. Es gilt aber für andere Bereiche genauso. Die soziale Frage spielt in der Identitätspolitik und im Intersektionalismus eine untergeordnete Rolle. Das ist auch nicht verwunderlich, denn dafür sind sie nicht entwickelt worden. Viele Poststrukturalisten, zu denen etwa auch Foucault gehörte, sahen sich als Marxisten oder Post-Marxisten. Aber politische Ökonomie war nicht ihr Untersuchungsgegenstand. Für den Intersektionalismus und die Critical-Whiteness-Theorie gilt, dass sie in den USA entwickelt wurden. Und in den USA tut man sich generell schwer mit der sozialen Frage.

Das ist ja in der Tat auch ein häufiger Vorwurf: Die Klassenfrage spielt in der Tat keine Rolle mehr. Dies eben, weil Klasse etwas wäre, was die anderen Bereiche durchbrechen würde und die ideologische Reduzierung erschweren würde.

Es geht gerade darum, dass man eine einfache Einteilung nach Gruppen hat: Wer Schwarz, weiblich, Homosexuell etc ist, der ist unterdrückt. Deswegen geht es ihm schlechter. Die weiße Unterschicht aufgrund von Klasse aus dieser klaren Welt herausnehmen zu müssen würde vieles erschweren. Das Bild würde an Klarheit verlieren, ohne das man davon einen ideologischen Vorteil hätte. Dazu ist Klasse auch zu wenig greifbar, das weiße Arbeiterkind zu wenig eindeutig einzuordnen. Klasse stört schlicht die so schön aufgebauten Feindbilder.

Das verweist übrigens auf ein weiteres Problem, das ich kurz ansprechen möchte: Viele der Glaubenssätze, die nun kursieren, kommen aus den USA und sind, da es eben keine Debatten gibt, eins zu eins übernommen worden. Sie passen aber gar nicht für unsere Gesellschaft. Ein Beispiel ist etwa der Indianerhäuptling. Es gibt wohl kaum eine Kultur, die natürlich wie die meisten Kulturen absolut konstruiert ist, die in Deutschland so positiv gesehen wird wie die Indianer-Kultur. Ob daher die Verwendung des Wortes in gleicher Weise zu verurteilen ist wie in den USA, darüber müsste erst einmal diskutiert werden.

Auch das ist in der Tat richtig und auch hier schon diskutiert worden. Es wurden amerikanische Probleme übernommen, die hier nur schwer zu übertragen sind. In Deutschland beispielsweise gibt es eine Tradition polnischer und rumänischer Niedriglohnarbeiter, die aber weiß sind. Zudem gibt es auch bereits vieles, was man in Amerika erst fordert, beispielsweise ein funktionierendes Sozialsystem, Krankenkassen, freien Zugang zu Universitäten, weit weniger private Schulen (wenn auch „Problemschulen“) etc.

Manches macht Sinn vor dem Hintergrund der amerikanischen Geschichte, wie der Begriff der Cultural Appropriation, der kulturellen Aneignung, wenn man sich etwa die Geschichte des amerikanischen Blues anschaut. In Deutschland aber hat niemand den Schwarzen den Blues geklaut und damit viel Geld gemacht. Im Gegenteil. Das Spielen von sogenannter „Negermusik“ war Widerstand gegen die Nazis und später auch in der DDR subversiv. Das sollte wohl anders bewertet werden.

In der Tat gab es in Deutschland zwar eine gewisse Kolonialgeschichte, aber eben keine Sklaverei in dem Sinne, wie es sie in Amerika gab. Es gab weitaus eher freiwillige Zuwanderung, etwa aus Italien, Griechenland und der Türkei. Die Rassenkonflikte verlaufen gänzlich anders als in den USA.

Da nun aber diese Theorien wie Gesellschaftsanalysen gehandelt werden, gab es immer wieder Kritik daran, dass die soziale Frage nicht auftaucht. Die Vertreterinnen dieser Theorien führen nun die Kategorie des Klassismus auf. Also es gibt Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus und viele andere Diskriminierungen.

Klassismus beschreibt die Diskriminierung von Menschen unterer Schichten. Diese Diskriminierung soll aufgehoben werden wie die anderen Diskriminierungen auch. In der Konsequenz heißt das, dass das Arbeiterkind dieselben Chancen haben soll Millionär zu werden wie das Millionärskind. Aber dass es Arbeiter gibt und Millionäre, wird in diesem Ansatz nicht kritisiert und auch gar nicht analysiert.

Identitätspolitik und Intersektionalismus können Diskriminierungen nur beschreiben. Damit können sie zu ihrem Abbau beitragen. Aber gesellschaftliche Strukturen, dahinterliegende materielle Verhältnisse, fassen sie nicht an. Darum sind sie politisch nur bedingt brauchbar.

Da werden die intersektionalen Feministen widersprechen, sie sehen ihre ideologische Reduzierung eben als ein alles erklärendes Modell an, welches keine weitere Aufklärung benötigt. Es ist in sich geschlossen und die Ermittlung weiterer Gründe als „Die sind Priviligiert und die nicht, also müssen die nur ihre Privilegien abgeben“ braucht man nicht um die Strukturen zu ändern. Im Gegenteil: In der Aufklärung weiterer Faktoren steckt dann ein Angriff auf die eigentlichen Thesen und vielleicht sogar eine Schuldzuweisung an die Unterdrückten.

Brauchbar ist die Methode zur Überprüfung der eigenen Position. Wir sollten uns als politische Menschen immer fragen, ob wir etwas überhaupt beurteilen können und was die Basis unserer Erkenntnis ist. Ich weiß nicht, wie Eltern ohne Hochschulabschluss jetzt mit dem Digitalunterricht klarkommen. Ich kann es mir vorstellen, kann Studien darüber lesen, aber es bleibt immer ein Rest, die Ängste, die Ohnmacht, die damit einhergehen, den ich nicht erfassen kann.

Dass der Diskriminierte seine Situation besser erfassen kann, beschreibt schon Hegel in seiner Dialektik von Herr und Knecht. Es ist daher richtig, dass die Änderung der Verhältnisse damit beginnen muss, die Betroffenen zu hören und ernst zu nehmen. Es ist aber eine Verballhornung dieser Erkenntnis, wenn man nun meint, Weiße dürften gar nichts mehr dazu sagen. In der Konsequenz würde es übrigens dazu führen, dass die Chancen, Rassismus und Ungerechtigkeiten abzubauen, deutlich sinken dürften.

Das ist in der Tat wenig durchdacht, was hier auch schon Gegenstand von Artikeln war

Ich glaube übrigens, dass es einigen Protagonistinnen genau darum geht: Sie wollen Rassismus nicht bekämpfen, sondern präservieren. Wozu sollten sie denn sonst forschen? Aber das ist ein anderes Thema.

Hehe. Netter Seitenhieb und durchaus richtig.

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