Appelle an das Wohl der Gruppe und Appelle an das Wohl des Einzelnen

Ich hatte bereits in einem Artikel etwas zu den Versuchen der SPD gesagt, sich über Gender Pay Gap etc zu profilieren:

Und selbst Bilder, die Frauen in technischen Bereichen zeigten und Lohngerechtigkeit herstellen wollten, also zeigten, dass die SPD da ganz modern denkt, halfen nicht:

SPD Frauen im technischen Bereich halfen auch nicht

SPD Frauen im technischen Bereich halfen auch nicht

Ich finde das Motiv eh interessant: Es ist in gewisser Weise ein Bekenntnis dazu, dass man Frauen natürlich auch technische Berufe zutraut. Nur arbeiten eben die wenigsten Frauen im Blaumann an Großmaschinen. Theoretisch schwächt es damit die Botschaft eher bei der typischen Wählerin ab: Sie arbeitet gerade nicht in einem technischen Bereich, sie arbeitet mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit in einem Büro mit sehr vielen weiblichen Kolleginnen, und das häufig eher Halbzeit. Sie ist sich wahrscheinlich sehr bewußt, dass männliche Kollegen auf einer 100% Stelle eben auch eher befördert werden als Frauen auf einer 50% Stelle. Sie nehmen für sich selbst auch keine Lohnungerechtigkeit in ihrem konkreten Job wahr, allenfalls für Frauen allgemein, aber das bringt ihnen selbst ja wenig. Es ist ein Wahlversprechen, welches der einzelnen Frau in ihrer konkreten Situation nichts bringt.

Man könnte das auch so formulieren:

  • Botschaften, die auf abstrakte Verbesserungen für die Gruppe ausgerichtet sind, können für viele Frauen, die von diesen Verbesserungen nicht profitieren, ein sehr geringes Gewicht haben
  • Botschaften, die nicht an die Gruppe gerichtet sind, aber dringende Probleme für viele lösen, können weitaus relevanter sein auch für die Angehörigen dieser Gruppe.

Das ist eigentlich banal. Aber es ist weniger banal, wenn man die Probleme falsch einordnet.

Wenn Leute tatsächlich glauben, dass alle Frauen 21% weniger verdienen, dann wäre es ein Problem für eine große Gruppe mit großer Bedeutung für das einzelne Mitglied.

Wenn aber tätsächlich die Gehaltsunterschiede in den gleichen Jobs marginal sind, dann verbessert ein weiteres Vorgehen quasi nichts für die jeweilige einzelne Frau. Die Sozialarbeiterin wird nicht plötzlich Ingenieur und verdient mehr. Sie erhält nach wie vor das gleiche wie der männliche Sozialarbeiter. Ein Anreiz die entsprechende Partei zu wählen besteht nicht.

Hingegen kann ein allgemeines Gefühl, dass die Flüchtlingskrise so nicht weitergehen kann und gelöst werden muss, weitaus mehr Leute bewegen oder auch abhalten, bestimmte Parteien zu wählen.

Solange man keine tatsächlichen Probleme hat, die ein Thema besonders brisant machen, kann man seine Wahl leicht an größeren Themen für die Gruppe ausrichten.

Nimmt man jedoch dringendere Probleme im eigenen Leben war, dann bringt ein Appell für allgemeine Ziele wenig.

Das gilt auch, wenn man sich persönlich für ein Modell entschieden hat, dass etwa mit den (vermeintlichen) Zielen für eine Verbesserung der Gruppe im Konflikt liegt:

Eine Frau, die sich bewußt für Teilzeit entschieden hat, weil sie Kinder betreut, hat kein Interesse daran, dass ihr Mann mit geringerer Wahrscheinlichkeit befördert wird. Denn ihr Lebensstandard leitet sich von ihrem Mann her und nur mit einem guten Verdienst von diesem kann sie ihre Planung umsetzen.

Die SPD betreibt insofern Virtue Signalling, dass sicherlich bei einigen verfängt. Es kann aber durchaus auch schlicht mit Interessen vieler Mitglieder der Gruppe, an die sie zu appellieren glaubt und die sie eigentlich umwirbt in Konflikt liegen, so dass diese lieber eine konservative Partei wählt, die keine Quoten will und immerhin Sicherheit etc ehe auf dem Programm hat.

Bei Arbeitsteilung wird es eben uninteressant das andere Geschlecht als Gegner zu sehen. Die Interessen mischen sich, eine Zuordnung ist wesentlich schwieriger. Sie verläuft nicht mehr bei den Geschlechtern, die in einem Nullsummenspiel um Macht kämpfen, sondern die Frage ist, wie die Einheit am ehesten profitiert und die eigene Position in dieser Arbeitsteilung abgesichert werden kann.

8 Gedanken zu “Appelle an das Wohl der Gruppe und Appelle an das Wohl des Einzelnen

  1. Gute Analyse, lieber Christian, wieder einmal.
    Sie wird aber der SPD nichts nützen, deren Problem ist (wie bei den „Grünen“ und „Linken“) fundamentaler.

    Ich stehe politisch eher links. Weil, kurz gesagt: Ich halte den bestehenden Kapitalismus für grundlegend ungerecht; er verursacht über die unsichtbaren Zinszahlungen in Steuern und Produkten eine permanente, verborgene Umverteilung von den produktiv Arbeitenden zu den großen Besitzern von Kapital. Glaube außerdem, daß Dinge wie Gesundheit, Schulen, Infrastruktur, Pensionen, etc. nicht nur gerechter, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt besser vom Staat organisiert werden als von Privatwirtschaft. Das sind linke Positionen. Bin also links.

    Feminismus aber ist nicht links. Gleichberechtigung, Gleichstellung vor dem Gesetz, auch gleiche Chancen zur politischen Teilhabe, Chancengleichheit überhaupt, auch gleiche bzw. angeglichene Wertschätzung beider Geschlechter, etc. – all das ist (in unserer Gesellschaft) längst erledigt, früher Feminismus („first wave“) hat dazu beigetragen, viele Männer, auch mächtige, haben das mitgetragen und durchgesetzt. Da gibt es im Grunde nichts mehr zu tun, auch nicht kulturell, selbst in konservativen Schichten ist das mittlerweile weitgehend selbstverständliche Denkungsart. Es ist Mainstream.

    Feminismus heute ist kein Humanismus, sondern eine sexistische Ideologie. Er geht in seinem URSPRUNG von einem Machtkampf zwischen und von fundamentalen Interessensunterschieden von Männern und Frauen aus. Alle Feministinnen glauben das, auch die netten. Dieser Glaube ist hanebüchener und gefährlicher Unsinn – gleichzeitig aber das grundlegende Narrativ. Darum kann man letztlich mit Feministinnen, falls sie tatsächlich welche sind, nicht sinnvoll diskutieren. Eine Ideologie ist nicht fähig und nicht bereit ihre GRUNDLAGE in Frage zu stellen.

    Man kann den heutigen Feminismus nicht überzeugen, menschlicher machen, abschwächen, man kann mit ihm keinen Diskurs führen. Er ist diskursunfähig. (Auch die Netten.) Man kann ihn nur politisch bekämpfen. Das ist ganz demokratisch gemeint, natürlich gewaltlos und vor allem: entspannt und selbstbewußt.

    Linke Parteien, die Gesellschaft überhaupt, sind von diesem Feminismus parasitär besetzt. Sie haben es zugelassen, daß diese sexistische Meme sie unterwandert und teilweise beherrscht. Sie waren unachtsam, ungenau. Nun ist sie implentiert und nicht so leicht zu entfernen.

    Dieser Feminismus kann keine Zukunft haben, weil er zum Fortschritt der Gesellschaft nichts mehr beizutragen hat. Er hat derzeit zwar sehr viel Macht, wird sie wohl auch noch ausbauen, hat aber keine tragfähige Grundlage. Er wird noch eine Weile ruinieren, verschlechtern, Gesellschaft destruktiv verändern – aber er wird letztlich scheitern. Weil sein zugrundeliegendes Denken falsch ist und dumm.

    Eine SPD wird vielleicht aus Deiner Analyse lernen, wie man TAKTISCH besser agiert. Sie wird aber nicht ihr grundlegendes Problem erkennen. Kann es nicht. Hat sich von einer destruktiven und reaktionären Denkungsart – Sexismus – unterwandern lassen. Wird, wie linke Parteien überhaupt, an gesellschaftlicher Wirkungsmacht verlieren. Das ist, ich sage das als „Linker“, leider auch gut so.

      • Ich denke, wo Männer sich durch Berge von Statistiken arbeiten, nehmen Frauen lieber Komplimente entgegeg wie „nicht genug von der Gesellschaft wertgeschätzt“. Ich glaube aber, dass es wie mit der ersten Frauenbewegung, die erste Männerbewegung allmählich fertig gebracht hat, auf die Probleme von Jungs und Männern hinzuweisen. Das ach so geschmähte Machotum wird nur noch von ein paar Unverbesserlichen ausgeübt, und die Gsellschaft hat sich grundsätzlich gewandelt.

        M.E. gibt es 2 mögliche Entwicklungen, entweder Richtung Trump, Putin, Erdogan und Co oder Richtung Herrenrasse, wo der Mann wieder Mann sein kann, will und darf. Ich tippe auf Richtung Trump. 🙂 (obschon allein der Gedanke bei mir jetzt schon Allergien auslöst)

  2. „Eine Frau, die sich bewußt für Teilzeit entschieden hat, weil sie Kinder betreut, hat kein Interesse daran, dass ihr Mann mit geringerer Wahrscheinlichkeit befördert wird. Denn ihr Lebensstandard leitet sich von ihrem Mann her und nur mit einem guten Verdienst von diesem kann sie ihre Planung umsetzen.“

    Denn die (Lebens-)Planungen einer Mehrzahl von Frauen sieht vor, dass sie von einem Mann ernährt werden wollen.
    Da kann das Ziel der SPD, mehr Frauen ins Erwerbsleben zu bringen, von eben dieser Zielgruppe eher als den eigenen Zielen zuwiderlaufend wahrgenommen werden.
    Da ändert auch eine bessere Bezahlung nichts dran. Schon gar nicht, wenn diese Frauen sehr wohl persönlich keinen Vorteil zu erwarten haben, weil im direkten Vergleich der berüchtigte GPG nicht existiert.

  3. Zitat: „Ich stehe politisch eher links.“

    Das reicht heutzutage nicht mehr zum klassifizieren.

    Die alte, einfache politische Achse links-rechts gibt’s nicht mehr, die ist zur Fläche geworden. Mit einer links-rechts-Achse und einer liberal-autoritären Achse (könnte man auch libertär-autoritär oder antiautoritär-autoritär nennen, das muss sich noch herauskristallisieren).

    Tendenziell kann man wohl sagen dass Alt-Linke jetzt links-liberal und die Neo-Linke links-autoritär sind (also die rot-grünen Verräter und die Genderologen).
    Erst dadurch bekommt Klarheit in das jetzige Gewirr und man kann sich wieder sinnvoll einordnen.

    • Stimmt schon, links-rechts ist mittlerweile eine ungenaue Zuschreibung.
      Ich wollte mich nur im obigen Kontext – Gesellschaft und Feminismus – politisch grob verorten, damit ich für Leser einfach „einzuordnen“ bin. Es macht ja einen Unterschied, ob man als, sagen wir, AfD-Wähler den Feminismus für ein politisches Problem hält, oder eben als „Linker“.

      Das 4-Achsen-Prinzip zur politischen Einordnung kenne ich.
      Hier etwa ein „Test“ dazu:
      https://www.politicalcompass.org/
      Ich steh ungefähr bei Gandhi, sagt der Test, also „Alt-Links“, wie Du es nennst.

      Habe aber das Gefühl, daß diese Zuschreibung (und dieser Test) auch zu ungenau sind.
      Nicht wirklich aussagekräftig. Politisches Handeln (und Denken) scheint mir eher fließend und je nach Frage und Problem zu finden und zu modulieren.
      Bin skeptisch gegenüber jeglichem politischen Denken, daß sich allzu automatisch aus (unbewußter) Ideologie ableitet.

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