Selbermach Samstag 258 (07.10.2017)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen.

#notHeidisGirl

Heidi Klum sammelt schon für die nächste Staffel von „Germanys Next Top Model“ und hat daher einen Aufruf bei Instagram veröffentlicht, bei dem potentielle Kandidatinnen sich quasi mittels eines Hashtags bewerben können.

Weil Germanys Next Top Model“ letztendlich intrasexuelle Konkurrenz ist formte sich Widerstand:

#ichbingntm2018 #iamnotgntm2018 #notheidisgirl #notmycompetition #feminism #grlpwr #girls #loveyourself #filsgirl 1. Mache ein Foto ein Foto von dir,auf dem du ganz du selbst bist. Auf dem Foto hältst du ein Blatt Papier in der Hand, auf dem steht „#notheidisgirl,weil…“ und kurz zusammengefasst, warum du nicht Heidis Mädchen sein willst und das Format Germanys next Topmodel ablehnst. 2. Poste das Foto auf Instagramm, Facebook und/Odette Twitter mit den Hashtags, die wir oben verwendet haben. Welche Hashtags du verwendest,bleibt dir überlassen. Wichtig ist, dass du das Bild auf jeden Fall unter dem Hashtag #ichbingntm2018 postest, damit es unter den üblichen Bildern zur Qualifikation „Heidis Mädchen“ zu werden auftaucht und ein Zeichen setzt. 3. Nominiere in deinem Post 5 weitere Personen (alle Geschlechter), die sich innerhalb einer Woche der Kampagne anschließen und wie du ein Bild posten. WICHTIG: Jeder Post,der darauf aufmerksam macht, dass es nicht ok ist,welche utopischen Schönheitsideale Germanys Nextel Topmodel vertritt und wie es Menschen jeglichen Geschlechts unter Druck setzt, setzt ein Zeichen und ist deshalb wertvoll! Je mehr wir sind, desto stärker die Botschaft.

Ein Beitrag geteilt von Inga Flowers 🌞 (@inga_flowers) am

Auf Twitter machte man auch gleich mit:

Oder eben auf Instagram:

https://www.instagram.com/p/BZ39E-4jeuC/?tagged=ichbingntm2018

https://www.instagram.com/p/BZ6P456HXoD/?tagged=ichbingntm2018

Da wird dann „gegen Magerwahn“ protestiert oder eben „weil der IQ wichtiger ist als die Hosengröße“.

Heidi dürfte es egal sein. Eher ist es Werbung für die neue Staffel und deren Zielgruppe sind ja nicht nur schöne Frauen, sondern auch Frauen und Männer, die über andere lästern wollen oder die Intrigen und Schlammschlachten sehen wollen.

 

Hochzeit und Kleiderordnungen unter Frauen

„In der feministischen Zukunft werden alle Minderheiten das Recht auf die Objektifizierung haben, die sie wollen“

Ein anderer passender Artikel zu dem Thema „feministisch richtiges Begehren“

Dort heißt es:

In a society that either desexualizes or hypersexualizes trans and gender nonconforming people, my whole existence is pretty much devoid of good sexual energy. While many of my cis women friends are trying to figure out how to drain out a swamp of unwanted male attention, I’m stuck in a desert trying to suck water from a cactus.

Jacob Tobia
Jacob Tobia

I can show literally my entire leg and get nothing. I can wear a skimpy dress to a club and people just look the other way. I can wear five inch heels and, while I might get lots of attention, it won’t be sexual attention. Instead of being a “madonna” or a “whore,” I’m simply considered a “diva” or a “freak” (and not the good kind). In the very best case scenario, when my sexual agency and desirability are recognized (about as often as a total solar eclipse, tbh), it’s almost always as “an experiment,” or as “something exotic,” a weak, token attempt to diversify someone else’s sexual portfolio.

I want to be sexually objectified and it never happens. I want people to appreciate the time and effort that I put into my body and my look. I want people to look at my perfectly applied lipstick and want me because of it. I want my long legs to give people feels. I want to dance on the bar and leave boys breathless, panting, and desperate to talk to me.

Natürlich ist es vollkommen okay, wenn man begehrt sein möchte. Wer möchte das nicht. Aber hier finde ich es ja doch erstaunlich. Es ist verständlich, dass die Leute nicht auf das Bein oder die Absatzschuhe reagieren, weil sie (er?)  schlicht eher wie ein Freak aussieht. Ich kann verstehen, dass weder Frauen noch Männer sich sonderlich angesprochen fühlen.

Das mag hart klingen, aber es gibt eben keinen Anspruch darauf, dass man als sexy wahrgenommen wird. Attraction is not not a choice

Das wird dort aber anders gesehen:

I think it begins with each of us shifting our internal monologue. It begins with learning to admit that it is okay to desire consensual objectification. If we want it, it is okay to enjoy being looked at. It is okay to enjoy being thought about and desired. It is human.

I want to be objectified in certain circumstances and in certain places. I want to be objectified at a gala when I’ve spent five hours on my makeup and weeks picking out the perfect dress. I want to be objectified when you’re looking at my picture on Tinder. I want to be objectified at a friend’s intimate cocktail party, when I’m lounging on the couch with my legs intentionally positioned just so. I want to be objectified in a nightclub when I’m dancing on the bar, and I want you to continue to objectify me when I’m back on the dancefloor. I’m even okay being objectified in the grocery store (but only when there’s comedic value, like when I’m shopping for bananas or cucumbers or vegan sausages or something).

And just because I want to be objectified in some places, that doesn’t mean that I want to be objectified in all places. I don’t want to be objectified in the office. I don’t want to be objectified in a meeting with a producer or an editor. I don’t want to be objectified by a director on set. I don’t want to be objectified on the street or on the subway or in the parking lot when I’m trying to get through my day. And if you see me in a coffee shop working on an article for Playboy, please don’t objectify me then either because odds are I’m in the zone and just need to get this shit done. (…)

In a feminist future, we stop saying that all objectification is categorically bad. In a feminist future, all trans people, people of size, people of color, and people with different abilities have the chance to get the types (if any) of objectification that we crave. In a feminist future, we each have the chance to own the types of objectification (if any) that we like and the types of objectification that we’d rather do without.

Dabei geht es darum, dass gefälligst Transsexuelle genauso ein Recht darauf haben, als begehrenswert angesehen zu werden wie andere. Wie man Begehren auf diese Weise steuern sollte bleibt unklar, es folgt schlicht daraus, dass die Welt gerecht ist.

Hardcore Transaktivisten sind, ich hatte es an anderer Stelle schon gesagt, mit die verrücktesten Feministen, die es gibt, weil sie jede Andersbehandlung als nach dem gewünschten Geschlecht als Transfeindlichkeit ansehen. Wer also die oben dargestelle Person nicht schön findet, der ist damit transfeindlich. Eine nichttransfeindliche Person würde schlicht eine (wunderschöne) Frau sehen und sie als solche akzeptieren.

 

Warum intersektionale Theorien für größere Parteien Gift sind

„Wir brauchen mehr Feminismus“ las ich jetzt verschiedene Male nachdem die Frauenquote im Bundestag gesunken ist. Allerdings ist der moderne Feminismus in seiner intersektionalen Ausprägung für Parteien hoch gefährlich, zumindest wenn sie nicht auf eine kleine Nische setzen wollen.

Eine „Volkspartei“ muss insbesondere darauf achten, dass sie den Hauptteil ihrer Wähler anspricht und sich nicht als Vertreter einer Minderheit darstellt. Natürlich kann sie sich Minderheitenanliegen annehmen, aber sie sollte dennoch nicht in den Ruf geraten, dass sie einseitig zu deren Gunsten handelt und gegen die Mehrheit arbeitet.

Obama hat das beispielsweise verstanden und nicht damit kandidiert, dass er ein schwarzer Mann ist, der es den Weißen endlich einmal zeigt, sondern, dass er ein Politiker ist, der für alle eine bessere Welt schaffen will. Seine Botschaft war „Change“ und „Yes, we can“. Seine Ansätze betrafen nicht eine kleine Gruppe, sondern ein allgemeines gerechteres Steuerrecht und eine allgemeine Krankenversicherung. Im Gegensatz zu Clinton, die stark darauf abstellte, dass sie eine Frau ist, machte Obama seine Hautfarbe gerade nicht zu einem wesentlichen Kriterium, sondern bezog alle Wähler mit ein, versprach allen eine bessere Welt und wertete niemanden ab.

So etwas ist allerdings mit der intersektionalen Theorie kaum möglich. Denn diese unterteilt die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte, vom System Bevorteilte und vom System Benachteiligte, und verlangt Handlungen von den Unterdrückern / Bevorteilten. Es wird dort mit recht einseitigen Schuldzuweisungen gearbeitet, die aufgrund Merkmalen wie Hautfarbe (weiß) und Geschlecht (Mann) erfolgen.

Damit dürfte man, wenn man das Programm durchzieht, die Männer an sich, die weißen Männer, die weißen Frauen und die Frauen, die Männer als Partner sehen und nicht an eine Unterdrückung glauben, schon einmal nicht einbezogen haben und diese sogar als Gegner definiert haben.

Einer kleinen Partei wie etwa den Grünen mag dies einfacher fallen, da diese eher eine Nische besetzen können. Um so eher eine Partei aber plant einen größeren Teil der Bevölkerung zu überzeugen, also in Deutschland CDU und SDP um so weniger wird es sich für sie lohnen, sich intersektionalen Theorien anzuschließen, die automatisch gerade den größeren Teil der Bevölkerung aufgrund schlichter Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und noch nicht einmal tatsächlichen Handeln angreifen.

 

Das gläserne Kliff

Der Feminismus scheint eine gewisse Vorliebe für Glas zu haben: Den gläsernen Aufzug und die gläserne Decke kannte ich schon, denen gesellt sich jetzt noch das gläserne Kliff hinzu.

Gläsern sind sie eigentlich, weil man sie nicht sieht:

  • Die gläserne Decke ist eine unsichtbare Barriere nur für Frauen, die diese angeblich hindert in Führungspositionen zu kommen
  • Der gläserne Fahrstuhl bringt Männer schneller nach oben, ohne das man diese Hilfe bemerkt, sie steigen selbst in Organisationen mit hohem Frauenanteil eher an die Spitze.

Das „gläserne Kliff“ tanz da etwas aus der Reihe. Es geht darum, dass man Frauen eher „über die Klippe springen lässt“, indem man sie gerade dann befördert, wenn der Job besonders problematisch ist, also wenn man beispielsweise eine Vorstandsposition besetzen will, aber davon ausgeht, dass die Person, die diese Position besetzt, eh untergehen wird.

In der Wikipedia heißt es dazu:

The glass cliff is the phenomenon of women in leadership roles, such as executives in the corporate world and female political election candidates, being likelier than men to achieve leadership roles during periods of crisis or downturn, when the chance of failure is highest

In der Wikipedia wird zudem dieser Artikel in „Psychology of Women Quarterly“ als der dazu wesentliche zitiert:

Recent archival and experimental research has revealed that women are more likely than men to be appointed to leadership positions when an organization is in crisis. As a result, women often confront a “glass cliff” in which their position as leader is precarious. Our first archival study examined the 2005 UK general election and found that, in the Conservative party, women contested harder to win seats than did men. Our second study experimentally investigated the selection of a candidate by 80 undergraduates in a British political science class to contest a by-election in a seat that was either safe (held by own party with a large margin) or risky (held by an opposition party with a large margin). Results indicated that a male candidate was more likely than a woman to be selected to contest a safe seat, but there was a strong preference for a female rather than a male appointment when the seat was described as hard to win. Implications for women’s participation in politics are discussed.

Quelle: Politics and the Glass Cliff: Evidence that Women are Preferentially Selected to Contest Hard-to-Win Seats (Abstrakt/Full)

Zu den dort gefundenen Zahlen:

On average, women contested seats that were held by the opposition by a margin of 5.1% of the votes. In contrast, men contested seats that were held by the opposition by 2.6% of the vote.

However, these two main effects were qualified by a two-way interaction, F(1, 1,161) = 20.46, p < .001, η2 =.017. In line with Hypothesis 1, tests of simple effects to decompose this interaction revealed that gender differences in the winnability of seats occurred only for Conservative party candidates. Here, women ran for seats that were significantly less winnable in the sense that they were held by the opposition party by a much larger margin (M = 26.2%, SD = 21.9) than those contested by men (M = 12.4%, SD = 23.4), F(1, 1,161) = 27.42, p < .001, η2 = .023.

Ein Beispiel aus der deutschen Politik könnte Gesine Schwan sein, die von der SPD ohne tatsächliche Chance als Bundespräsidentin aufgestellt worden ist

Aus meiner Sicht wäre die wahrscheinlichste Erklärung, dass um Stellen, die man Gewinnen, die sich also lohnen, ein erbitterter Konkurrenzkampf geführt wird. Aus dem gehen meist Männer als Sieger hervor, weil diese eher bereit sind, eine entsprechende Stelle zu besetzen und sich der Konkurrenz zu stellen.

Ist die Stelle hingegen nicht zu gewinnen wird es uninteressant darum zu kämpfen (zumindest in einem System wie dem britischen, aus dem die Studie stammt, bei dem es nur darum geht die Mehrheit zu erhalten und nicht etwa bundesweite Stimmen). Dann muss lediglich noch geprüft werden wie man

  • das Gesicht wahrt
  • zumindest noch anderweitig einen gewissen Profit aus der Sache schlägt

Beides geht hervorragend mit Virtue Signalling. Man stelle eine Frau auf, die dann nicht gewählt wird, und schon kann man zeigen, dass man modern und weltoffen ist. Man hat nicht verloren, weil man die Leute nicht überzeugt, sondern weil die Zeit leider noch nicht reif für eine Frau ist. Es ist auch wesentlich leichter, eine passende Frau zu finden, wenn man ihr sagt, dass sie nur die Kandidatur machen muss, es gibt keinen Druck zu gewinnen. 

Es könnte also nicht ein Opfern der Frau sein, mit der man ihr Posten vorenthalt, sondern eher der Umstand, dass es keine Konkurrenz um den Posten gibt und auch keinen wirklichen Posten der Frauen dazu bringt, sich dort eher aufstellen zu lassen.

Ich komme auf das Thema, weil gerade zwei Artikel die These aufstellen, dass Frau Nahles nur deswegen Fraktionsvorsitzende geworden ist, weil der Job gerade stressig ist.

Am 27.09.2017 schrieb Christina Wächter in dem Jugendmagazin der Süddeutschen darüber:

Frauen bekommen erst dann Macht, wenn der Karren im Dreck steckt

Andrea Nahles ist seit Mittwoch Fraktionsvorsitzende und damit die erste Frau in der 150-jährigen Geschichte der SPD auf dem Posten. Damit hat Nahles die Spitze der Partei und ihr Ziel erreicht, auf das sie schon seit Jahrzehnten hingearbeitet hat.

Die Nachricht von der Berufung Nahles’ wurde allgemein wohlwollend aufgenommen. Endlich wird mal eine Frau rangelassen, auch im Jahr 2017 noch ein kleines Wunder, noch dazu bei der SPD, so der Tenor.

Doch bei genauerem Hinsehen bleibt ein schales Gefühl zurück, weil einem dieses  Postenbesetzungs-Manöver irgendwoher unheimlich bekannt vorkommt: Scheinbar bekommt immer dann eine Frau eine Chance, sich an der Spitze zu beweisen, wenn der Karren so richtig tief im Dreck steckt. Und  der SPD-Karren steckt, da sind sich alle einig, seit Sonntag so tief im Dreck, dass er kaum mehr manövrierfähig ist, nachdem die Partei das schlechteste Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren hat.

Immerhin wird das „Gläserne Kliff“ dann noch mit einer Vielzahl evtl Beispiele dargelegt und Erklärungen dafür angeboten:

Es gibt mehrere Theorien, warum das so ist: Ryan und Haslam glauben, dass Frauen besondere Kompetenz nachgesagt wird, Unternehmen mit unzufriedenen Mitarbeitern zu führen. Denn Frauen werden als besonders mütterlich, kreativ und intuitiv wahrgenommen – lauter Eigenschaften, mit denen man in schwierigen Situationen besonders gut voran kommt. Doch Ryan und Haslam glauben auch, dass Frauen sich einfach besonders gut als Sündenböcke eignen. Die Psychologie-Professorin der University of Houston Kristin Anderson hat dagegen die provokante These aufgestellt, Unternehmen würden vor allem deshalb Frauen in solchen Situationen an die Macht lassen, weil sie so viel einfacher ersetzbar und bessere Sündenböcke sind als Männer. Viele Firmen würden nach dem Schema vorgehen, weil sie sicher sein können: Sollte dieser Versuch schief gehen, hätten sie keine wertvollen Mitarbeiter verbrannt und könnten noch dazu die Schuld einer offensichtlich unfähigen Frau in die Schuhe schieben. Sollte die Frau wider Erwarten Erfolg haben, könnte sich das Unternehmen hingegen aufgrund seiner fortschrittlichen Unternehmenskultur und Diversity-Strategie öffentlich selbst gratulieren. Eine Frau den Karren aus dem Dreck ziehen zu lassen, erscheint aus dieser Perspektive als echte Win-Win-Strategie.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum Frauen überhaupt bereit sind, sich auf so eine Schleudersitzposition zu begeben. Das liegt laut Ryan und Haslam daran, dass Frauen oft nicht die nötigen Insider-Informationen zur Hand haben, mit denen sie wissen könnten, wie riskant die Position ist, die ihnen da angeboten wird. Und selbst wenn sie wissen, welches Risiko sie eingehen werden – und bei Andrea Nahles kann man damit rechnen, dass sie sehr genau weiß, worauf sie sich einlässt – den meisten Frauen ist klar, dass solche Trouble-Shooter-Jobs fast immer ihre einzige Chance sind, ihr Können zu beweisen.

Interessant finde ich, dass sie die Position der Fraktionsvorsitzenden als so bedrohlich ansehen. Eine Fraktionsvorsitzende hat keinen so dramatischen Job:

Die Fraktionsvorsitzenden haben nach § 69 Abs. 4 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vorbehaltlich gesetzlicher Beschränkungen beratende Stimme in allen Ausschüssen. Der Fraktionsvorsitzende verkündet Vorschläge und Beurteilungen der Fraktion im Bundestag. Zu seinen Aufgaben gehört darüber hinaus die Organisation der Fraktionsgeschäfte, die Vorbereitung von Fraktionssitzungen und die Pflege der Kommunikation zwischen dem Fraktionsvorstand in der übrigen Fraktion, insbesondere über Inhalte und Ergebnisse von Fraktionssitzungen. Aus Sicht der prozessorientierten Politikwissenschaft fungiert der Fraktionsvorsitzende innerhalb seiner Fraktion als Garant der Fraktionsdisziplin in der Bestrebung ein einheitliches und zuverlässiges Abstimmungsverhalten seiner Partei zu gewährleisten. In der heutigen parlamentarischen Praxis haben Parteien dem Fraktionsvorsitzenden mehrere Stellvertreter beigeordnet, die mit Zuständigkeit für bestimmte Politikfelder ausgestattet sind und den zugehörigen Arbeitsgruppen vorsitzen. Der Fraktionsvorsitzende und die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden bilden zusammen mit dem parlamentarischen Geschäftsführer den geschäftsführenden Fraktionsvorstand (GfV).

Die meisten Menschen werden die vorherigen Fraktionsvorsitzenden der Parteien noch nicht einmal nennen können. Bei der SPD war es bisher Thomas Oppermann. Und ein Fraktionsvorsitzender ist eben auch in der Opposition wichtig, Nahles ist ja nicht für eine hoffnungslose Wahl aufgestellt worden, sondern hat tatsächlich ein Amt bekommen, welches sie auch ausübt. Sie ist dann sogar eigentlich relativ frei, denn in einer Opposition ist es auch nicht so schwierig, Fraktionsdisziplin zu erzeugen. Aber vielleicht unterschätze ich auch die Schwierigkeiten eines Fraktionsvorsitzenden.

Man könnte im übrigen anführen, dass Martin Schulz auch ein Kliff vor sich hatte. Bei den Zahlen zu dem Zeitpunkt als er das Amt übernommen hat, war abzusehen, dass er scheitert. Aber bei einem Mann zählt es wahrscheinlich nicht.

Margarete Stokowski haut in eine ähnliche Kerbe:

Seitdem ist zwar viel passiert, und wir sehen eine Frau als Kanzlerin, eine Frau als Oppositionsführerin, aber die nackte Freude darüber kommt nicht so richtig auf. Unter welchen Umständen ist Andrea Nahles jetzt SPD-Fraktionschefin geworden? Exakt zu dem Zeitpunkt, als alle verfügbaren und irgendwie relevanten Männer den Wagen einmal vollständig vor die Wand gefahren haben. In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Nico Fried dazu: „Merkel wie Nahles wurden in ihren strukturkonservativen Parteien erst vorgelassen, als auch der letzte Mann an der Wiederaufrichtung des jeweiligen Ladens gescheitert war. Nahles ist somit wie Merkel eine politische Trümmerfrau.“

Tatsächlich steht zwar dieser Satz in dem Artikel, in dem Rest des Artikels in der Süddeutschen geht es aber eher darum, dass Nahles ein Machtmensch ist

Vielleicht von der Kanzlerin abgeguckt hat sich Nahles ihren ausgeprägten Pragmatismus. 2009 betrieb sie mit dem Argument, es müsse endlich eine Frau Bundespräsidentin werden, vehement die erneute Kandidatur Gesine Schwans gegen Horst Köhler. Genützt hat diese Kampagne nur Nahles. Und acht Jahre später reichte ihr dann auch Frank-Walter Steinmeier. In den Verhandlungen zur letzten großen Koalition wiederum setzte Nahles 2013 die Rente mit 63 durch und beschimpfte deren Kritiker. Mit steigendem Ansehen in der Wirtschaft und neuen Karriereplänen ließ sie die Legende streuen, sie sei eigentlich gegen die Rente mit 63 gewesen. Auch Nahles hat längst der süße Lockruf der politischen Mitte ereilt.

Die neue SPD-Fraktionschefin ist längst das, was man ein politisches Viech nennen darf – willensstark, erfahren, abgebrüht. Und bei Kritik schon fast so empfindlich, wie sie es ihren Altvorderen immer vorgeworfen hat. Nahles wird Parteichef Martin Schulz als Moderator des Übergangs dulden, aber nicht als Mann mit Zukunft sehen. SPD-Chefs sollen potenzielle Kanzlerkandidaten sein. Das hat Schulz hinter sich. Aber seine Schwäche ist einstweilen ihre Stärke.

Nahles‘ Chance liegt im absehbaren Ende der Ära Merkel. Nach dieser Kanzlerin wird die Union nach rechts ziehen. Für die SPD gibt es wieder den Platz in der Mitte, wo man Wahlen gewinnt. Eigentlich wäre dieser Raum bis 2021 als Regierungspartei in einer großen Koalition leichter zu besetzen als aus der Opposition. Aber die Debatte ist vorerst entschieden. Dass Nahles selbst 2021 kandidiert, erscheint noch schwer vorstellbar. Aber das war bei Merkel vier Jahre vorher auch nicht anders.

Eigentlich erstaunlich: In feministischen Artikeln geht es darum, dass Nahles geopfert wird, in dem Artikel des Mannes geht es darum, dass sie sich nach oben arbeitet und Kanzlerin werden will.  Dort wird beschrieben, wie sie voran kommt und was ihre Pläne sein können, sie ist eine aktive Politikerin mit Ambitionen auf das höchste Amt. In den anderen ist sie passiver Spielball der Männer, ein Objekt, ein Platzhalter.

Im Feminismus darf eben eine Frau nur Opfer sein. Das sie eine Chance nutzt ist unvorstellbar.

 

 

Luise Pusch: Das Deutsche als Männersprache

Selbermach Mittwoch 132 (04.0.2017)

Eine kurze Woche Dafür lange Kommentare

Raumflug zum Mars: Männer oder Frauen als Astronauten

Ich wurde gefragt. was ich zu dieser Meldung meine:

Nasa secretly considered all-female missions to Mars in a report examining sexual dynamics among astronauts, it has been claimed.

The paper showed the space agency had considered enforcing a strict gender divide on potential long-haul missions, according to astronaut Helen Sharman.

Britain’s first person in space told a conference that the rumoured document, filed “some years ago”, was designed to address the “impure thoughts” mixed spacefaring crews might suffer, Mail Online reported.

The document’s age could explain its apparent lack of consideration of same-sex attraction.

Ms Sharman told the New Scientist Live conference: “I did hear some years ago that there was a report. Nasa has never released it, but it was done to see exactly the kind of crew makeup was necessary for the reason we have already alluded to.

“It found that the crew should be the same gender – all men or all women.”

All-female crews would have been better than all-male, the report is said to have concluded, due to women’s superior cooperation skills.

Danisch hatte das Thema auch schon besprochen und im wesentlichen dem Ansatz nur ein Geschlecht auf die Mission zu schicken, zugestimmt und dann angeführt, dass man sich dann aus politischen Gründen auch ruhig für ein Frauenteam entscheiden könnte.

Meine Meinung ist da gar nicht so weit weg, ich würde die Antwort teilen:

1. Sollte man ein gemischtgeschlechtliches Team schicken?

Vorteile:

  • Wirkt modern, ist aber wahrscheinlich einfacher als ein reines Frauenteam zusammenzustellen
  • Eine Kolonisierung des Marses erfordert ein gemischtgeschlechtliches Team (ist aber glaube ich nicht geplant)
  • Wenn alle professionell genug sind sollte es keine Probleme geben
  • Wenn etwas schief geht dann liegt es nicht an dem Geschlecht der Astronauten und fällt auf ein Geschlecht zurück

Nachteile:

  • Eine Mission benötigt meine ich mindestens 2 Jahre. Da werden Dynamiken entstehen, bei denen es einfacher sein kann, dass sexuelle und darauf aufbauende evtl Gefühlschaos zwischen Eifersucht und evtl Trennung rauszuhalten. Ganz zu schweigen von Schwangerschaften, die eine Mission gefährden könnten. Ich würde also auch dazu raten heterosexuelle eines Geschlechts mitzunehmen, damit man diesen Faktor an potentiellen Streit rausnehmen kann.

 

2. Welches Geschlecht sollte man auswählen, wenn man nur eins nimm?

Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass man von beiden Geschlechtern ein gutes Team zusammenstellen kann. Man müsste eben auf die Qualifikation der einzelnen Personen und ihrer Eigenschaften achten.

Alle wissen, dass ihr Überleben davon abhängt, dass sie es zusammen aushalten und alle Welt sie beobachtet. Das sollte theoretisch Motivation genug sein.

Ich glaube ein männliches Team zusammenzustellen wird einfacher. Männer dürften abenteuerlustiger sein und es dürfte auch mehr Spezialisten aus allen Bereichen vorhanden sein, aus denen man aussuchen kann. Wann immer es Arbeiten in entlegenen Teilen der Welt unter schweren Bedingungen zu machen gilt dürfte der Männeranteil sehr sehr hoch sein. Von Bohrinseln über Antarktisforschung oder früheren Expeditionen hin zu Bergsteigern oder anderen exotischen Tätigkeiten in extremen Bedingungen.

Ob Körperkraft ein großer Vorteil im All ist? Theoretisch wäre ja alles schwerelos und auf dem Mars ist die Schwerkraft auch geringer. Andere Arbeiten mögen trotzdem mehr Kraft erfordern.

Ich würde auch nicht annehmen, dass Frauen per se kooperativer sind. Immerhin sind männliche Freundschaften genau darauf ausgelegt, dass man Sachen nicht lange übel nimmt und es weiter funktioniert. Weibliche Freundschaften sind eher auf Zweierteams ausgelegt und prosoziale Dominanz kann auch reichlich Konfliktpotential bieten.

Ein interessantes Randproblem könnte Menstruation in Schwerelosigkeit sein. Bisher haben Astronautinnen bei längeren Aufenthalten wohl schlicht ihre Menstruation hormonell unterdrückt, auch das könnte bei einem so langen Ausflug aber schwierig werden:

The paper highlights the now-common use of the combined oral contraceptive pill among female astronauts. „[These] have been used for a number of years,“ Jain said.
But with a mission to Mars likely to take years, the question of payload could come back into play due to the weight of the many pills required for the journey: an estimated 1,100 pills, according to the paper.
Instead, Jain is drawing attention to the now widespread use and availability of more longer-lasting options, known as long-acting reversible contraceptives, which are thought to be a safe and reliable alternative, in terms of both health and waste. „[There is] no packaging to dispose, and they dispel concerns regarding stability during storage,“ the authors write.

Da müsste man also eine Langzeitpille haben, schlicht, weil man damit Gewicht spart.

Ansonsten gibt es noch folgende Unterschiede, die ganz interessant sein könnten:

The Sex & Gender work groups released five recommendations: 

  • Select more female astronauts for spaceflight missions.
  • Encourage and facilitate the participation of more female and male subjects in both ground and flight research studies.
  • Focus on the responses of individual astronauts to spaceflight and return to Earth.
  • Include sex and gender factors in the design of the experiments.
  • Incorporate sex and gender and other individual risk factors into NASA-funded research programs

A summary of the Sex & Gender work groups‘ major findings is listed below:

  • Orthostatic Intolerance, or the inability to stand without fainting for protracted periods, is more prevalent upon landing in female astronauts than in their male counterparts. One possible reason for this observed difference in orthostatic intolerance between the sexes is reduced leg vascular compliance, which was demonstrated in bed-rest studies – which is a ground analog for spaceflight.
  • Women have greater loss of blood plasma volume than men during spaceflight, and women’s stress response characteristically includes a heart rate increase while men respond with an increase in vascular resistance. Still, these Earth observations require further study in space.
  • The VIIP syndrome (visual impairment / intracranial pressure) manifests with anatomical ocular changes, ranging from mild to clinically significant, with a range of corresponding changes in visual function. Currently 82% of male astronauts vs. 62% of women astronauts (who have flown in space) are affected. However, all clinically significant cases so far have occurred in male astronauts.
  • Changes in function and concentration of key constituents of the immune system related to spaceflight have been reported. However, differences between male and female immune responses have not been observed in space.  On the ground, women mount a more potent immune response than men, which makes them more resistant to viral and bacterial infections; once infected, women mount an even more potent response. This response, however, makes women more susceptible to autoimmune diseases. It is not clear if these changes on the ground will occur during longer space missions, or missions that involve planetary exploration (exposure to gravity).
  • Radiation presents a major hazard for space travel. It has been reported that female subjects are more susceptible to radiation-induced cancer than their male counterparts; hence radiation permissible exposure levels are lower for women than men astronauts.
  • Upon transition to microgravity after arriving at the International Space Station (ISS), female astronauts reported a slightly higher incidence of space motion sickness (SMS) compared with men. Conversely, more men experience motion-sickness symptoms upon return to Earth. These data were however not statistically significant, due both to the relatively small sample sizes and small differences in the incidence of SMS reported by the men and women astronauts.
  • Hearing sensitivity, when measured at several frequencies, declines with age much more rapidly in male astronauts than it does in female astronauts. No evidence suggests that the sex-based hearing differences in the astronaut population are related to microgravity exposure.
  • The human musculoskeletal response to gravity unloading is highly variable among individuals and a sex-based difference was not observed.
  • Urinary tract infections in space are more common in women and have been successfully treated with antibiotics.
  • There is no evidence of sex differences in terms of behavioral or psychological responses to spaceflight. Analysis of ISS astronauts’ neurobehavioral performance and sleep measures showed no sex or gender differences using the Psychomotor Vigilance Test (PVT) of alertness and Visual Analog Scales of workload, stress, and sleep quality. Since all all astronaut candidates undergo a robust process of psychological screening and selection,  the likelihood of an adverse behavioral health condition or psychiatric disorder is greatly diminished.

Meine Vermutung wäre, dass es doch ein gemischtes Team wird, wenn man es macht. Meine weitere Vermutung wäre, dass eine Frau die erste sein wird, die den Mars betritt. Ich hoffe sie entwickeln auch einen passenden Spruch, auch wenn ich nicht glaube, dass er so radikal in die Geschichte eingehen wird, wie „Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen… ein… riesiger Sprung für die Menschheit.“

In jedem Fall würde ich es mit großem Interesse verfolgen. Ich hoffe es kommt noch dazu, egal wie das Team zusammen gesetzt wird.

 

Körpersprache und die Kontrolle von Gesprächen (erläutert anhand von Game of Thrones)