Anatomie des männlichen und des weiblichen Beckens

Selbermach Samstag 253 (02.09.2017)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, der ist dazu herzlich eingeladen.

„Schatz, such dir bitte endlich einen Job“

Ein interessanter Artikel in der Cosmopolitan, in der ein Mann will, dass seine Frau sich endlich einen Job sucht:

Die Zukunft lag verheißungsvoll vor uns – zwei frischgebackene Anwälte mit hilfsbereiten Eltern im Rücken und dem Traum, eines Tages eine Familie zu gründen.

Meine Karriere ging los, und mit ihr die mörderischen Arbeitszeiten und der brutale Stress, den viele junge Anwälte aushalten müssen. Darauf war ich vorbereitet. Was mich überraschte, war etwas anderes: deine Haltung zum Thema Karriere. Plötzlich wirktest du nämlich gar nicht mehr so überzeugt von der Idee, einen guten Job zu finden – oder überhaupt einen Job.

Es brauchte viel sanften Druck von mir (und etwas unsanfteren Druck von der Bank, bei der du deinen Studienkredit abbezahlen musstest), bis du irgendwann anfingst, Bewerbungen zu schreiben. Für Stellen, die nichts mit Jura zu tun hatten, die auch jemand mit einem halb so guten Lebenslauf bekommen hätte. Und die ein entsprechend bescheidenes Gehalt abwarfen.

Da sagt er ja einmal genau das, was auch in der Gender Pay Gap Diskussion immer vollkommen unter den Tisch fällt: Ein Mehrverdienst kann auch schlicht aus Stress und Überstunden bestehen, schlechter bezahlte Jobs können dafür dann auch weniger stressvoll sein oder weniger Konkurrenz- und Erfolgsbezogen: Wo der Rechtsanwalt in den USA (wo der Text vermutlich herstammt) „billable Hours“ schaffen muss und nach seinen Umsätzen bewertet wird haben es Leute in Rechtsabteilungen oder auf einer Richterposition durchaus einfacher. (zum Gender Performance Gap bei Rechtsanwälten)

Dann wurdest du schwanger. Wir beide hatten uns ein Kind gewünscht. Damit hattest du nun einen Job, sogar den wichtigsten der Welt. Und weil wir Glück hatten, bekamen wir nach ein paar Jahren noch ein Kind. Du hast nie wieder gearbeitet. Obwohl beide Kinder jahrelang auf Ganztagsschulen gingen. Demnächst fängt unser Ältester mit dem Studium an.

Die „Flucht in die Kinderbetreuung“ ist glaube ich gar nicht mal so selten. Gerade wenn der Job sehr aufwändig wäre kann das, wenn der andere Partner genug verdient. Und „sehr stressiger und umfangreicher Job führt nach Geburt des Kindes dazu, dass sie in einen weniger stressigen wechselt, der dann auch schlechter bezahlt wird“ auch. Kinder sind in der Hinsicht auch eine gute Entschuldigung dafür, dass man da kürzer tritt „Das Kind geht vor“, gefolgt von „wenn man ein Kind hat, dann verschieben sich eben die Prioritäten“. Und das kann auch alles stimmen und muss eben noch nicht einmal vorgeschoben sein.

Ich bin die Karriereleiter einigermaßen gut hochgekommen. Wir sind die typische, erfolgreiche Mittelschicht-Familie: hübsches Haus in einer sicheren, ruhigen Gegend. Glückliche, gesunde Kinder. Genügend Rücklagen für ihr Studium. Aber all das hat mich enorm viel gekostet – vor allem Kraft und Gesundheit. Ich stehe seit Jahrzehnten konstant unter Druck. Wenn ich Leute treffe, die mich länger nicht gesehen haben, merke ich, wie sie kurz zusammenzucken. Manchmal höre ich sie hinter meinem Rücken flüstern, wie alt ich doch aussehe.

Um es ganz klar zu sagen: Noch mal 25 Jahre schaffe ich das nicht. Ich träume schon länger heimlich davon, meine Firma zu verlassen und mir woanders eine entspanntere Stelle zu suchen. Und, dass du diesen Schritt finanziell ausgleichst, indem du auch wieder arbeiten gehst. Seit Jahren bitte ich dich darum, dir eine Stelle zu suchen, ein paarmal habe ich dich regelrecht angefleht.

Eine Karriere die Stress ist, die einen fertig macht und die einen vorschnell altern lässt. Nicht einfach nur mehr Geld und Ruhm. Es wäre schön, wenn das mal in der Debatte ankommen würde. Natürlich gibt es auch Leute, die den Stress und die Bestätigung in ihrem Leben brauchen. Aber es muss keineswegs so sein, dass der Mann etwas dagegen hat und bremst, wenn es darum geht, dass sie mehr verdienen könnte.

Fast meine komplette Freizeit geht dafür drauf, im Haushalt zu helfen oder die Kinder zu versorgen. Mir ist klar, dass traditionelle Geschlechterrollen fürchterlich beklemmend sein können – aber das gilt auch umgekehrt. Ich käme mir jedenfalls weniger ausgenutzt und allein gelassen vor, wenn du finanziell mithelfen würdest. Wenigstens ein bisschen.

Daraus wird leider nichts. Mir ist klar geworden, dass es für dich völlig in Ordnung ist, wenn ich mich zu Tode arbeite in einem stressigen Beruf, den ich immer mehr hasse.Hauptsache, du musst nicht zurück ins Arbeitsleben, oder?

Überhaupt interessant, dass er meint sich so dafür rechtfertigen zu müssen, dass er will, dass sie etwas macht, wenn die Kinder schon fast aus dem Haus sind. Man könnte das auch als Selbstverständlichkeit ansehen.

Es ist auch nicht so, als würdest du dich langweilen. Du bist sogar ziemlich gut beschäftigt, mit ein paar Ehrenämtern, Sport und angenehmen Hobbys. Oder du triffst dich mit deinen Freundinnen, denen es ähnlich gut geht wie dir. Und die ebenfalls für sich entschieden haben, dass es sich außerhalb des Arbeitsmarktes einfach bequemer lebt. Da sitzt ihr dann und beschwert euch immer wieder über kleinere finanzielle Engpässe.

Und auch das kann in der Tat sehr angenehm sein: Man ist mit Tätigkeiten beschäftigt, bei denen man freiwillig tätig ist, bei denen Leute weniger verlangen können und bei denen man weniger Druck hat, bei denen man aber darlegen kann, dass man etwas tut. Er verdient das Geld und sie lebt gut.

Aber den Druck auf eure Finanzen und eure ausgebrannten Männer zu verringern, indem ihr mal eigenes Geld verdient – das kommt euch nie in den Sinn (zumindest sprecht ihr nicht offen darüber).

Unsere Familie ist dankbar für all die schönen Dinge, die wir genießen dürfen. Und für das Privileg, unser Geld deutlich weniger hart erarbeiten zu müssen als Millionen anderer Menschen. Mir ist auch durchaus bewusst, dass Arbeit keinen Spaß machen muss. Aber ich will ja auch nicht, dass du arbeitest, damit ich mir endlich einen Porsche oder ein Ferienhaus leisten kann – sondern damit ich beruflich kürzertreten kann, ohne dass wir unseren Lebensstandard einschränken müssen.

Ich will, dass du arbeitest, damit ich nicht mehr nachts wachliege mit der Panik im Bauch, dass nur meine Karriere zwischen uns und dem finanziellen Ruin steht. Ich will, dass du arbeitest, damit sich unsere Ehe wie eine echte Partnerschaft anfühlt. Und ich mich weniger fühle wie dein Geldesel.

Es sind ja durchaus berechtigte Kritikpunkte. Ich könnte mir heute auch keine Hausfrauenehe mehr vorstellen.

Ich will, dass unsere Tochter dich arbeiten sieht, denn ich will, dass auch sie sich später einen Beruf sucht, damit sie nie so abhängig von einem Mann sein muss, wie du es von mir bist. Und zwar egal wie sehr er sie liebt (denn das wird er auf jeden Fall). Aber der allerwichtigste Grund, warum ich will, dass du arbeitest, ist folgender: Ich will mich geliebt fühlen.

In Deutschland wäre ja das interessante: Wenn er von ihr verlangt, dass sie jetzt arbeitet, sie macht es nicht, und er trennt sich von ihr, dann könnte sie noch ein volles Jahr Unterhalt kassieren, ohne dass er sie darauf verweisen könnte, dass sie ja auch arbeiten kann. Sie trifft im Trennungsjahr keine Erwerbsobliegenheit.

„Wofür Frauen sich rechtfertigen müssen“

 

Nachteile von Intersektionalität: Mit zu vielen Opfergruppen sinkt die Empathie

Eine interessante Studie behandelt den „Wettbewerb der Opfer“, also eine typische Folge der Art, wie gegenwärtig Intersektionalität vertreten wird:

Groups that perceive themselves as victims can engage in “competitive victimhood.” We propose that, in some societal circumstances, this competition bears on the recognition of past sufferings—rather than on their relative severity—fostering negative intergroup attitudes. Three studies are presented. Study 1, a survey among Sub-Saharan African immigrants in Belgium (N = 127), showed that a sense of collective victimhood was associated with more secondary anti-Semitism. This effect was mediated by a sense of lack of victimhood recognition, then by the belief that this lack of recognition was due to that of Jews‘ victimhood, but not by competition over the severity of the sufferings. Study 2 replicated this mediation model among Muslim immigrants (N = 125). Study 3 experimentally demonstrated the negative effect of the unequal recognition of groups‘ victimhood on intergroup attitudes in a fictional situation involving psychology students (N = 183). Overall, these studies provide evidence that struggle for victimhood recognition can foster intergroup conflict.

Quelle: Competition over collective victimhood recognition: When perceived lack of recognition for past victimization is associated with negative attitudes towards another victimized group (Volltext via scihub)

Aus der Studie:

Studies 1 and 2 investigated these processes among members of two minority groups (Sub-Saharan African immigrants and Muslims) focusing on their attitudes towards another minority group (Jews). In these two studies, the expected association between sense of collective victimhood and negative attitudes—secondary anti-Semitism in both studies and primary anti-Semitism only in Study 2—towards an out-group that was not involved in the historical victimization of the in-group was obtained. Further, these studies showed that this association was explained through a path involving a sense of lack of societal recognition for in-group victimhood, associated with the attribution of this lack of in-group recognition to out-group recognition. Competitive victimhood (over the severity of groups‘ sufferings) was positively associated with all the variables of interest in both studies and with both primary and secondary anti-Semitism. However, in Study 1, and in Study 2 when secondary anti-Semitism was measured, it did not contribute to mediate this link over and above these two variables bearing on recognition. Yet, in Study 2, when primary anti-Semitism was measured among Muslim participants, competitive victimhood proved to be a better mediator than the “recognition” causal path. However, this latter path, as well as other paths involving recognition variables, still significantly and independently mediated the effect. This suggests that the competition bore on the societal recognition of in-group victimhood rather than on the severity of the suffering itself. Moreover, these effects were obtained while controlling for the effect of in-group identification, and only for the out-group perceived as benefitting from more victimhood recognition.

Um so sehr man also um eine Opferstellung in Konkurrenz tritt um so weniger nimmt man Nachteile für andere Gruppen wahr.
Es wäre interessant diese Studie noch einmal in Bezug auf den Feminismus zu wiederholen, da gerade im intersektionalen Feminismus ja sehr viele verschiedene Opfergruppen zu beachten sind und gegenseitig um Aufmerksamkeit kämpfen. Und ein Anlass für Streitigkeiten scheint auch immer wieder zu sein, dass die eine Gruppe meint, dass ihr eigener „Struggle“ nicht hinreichend von den anderen Vertretern gewürdigt wird. Etwas abgefangen wird das vielleicht durch eine Form der „internen Hierarchie“, bei der mir Rassismus ganz oben zu stehen scheint, andere Beeinträchtigungen dann wieder tiefer.

Jedenfalls scheint es nachvollziehbar, dass in einem solchen Übermaß an konkurrierenden Opferstellungen keine zusätzlichen geduldet werden.

Aus einem anderen Text über die Studie:

The underpinnings of much the modern-day Oppression Olympics comes in the form of intersectionality, which argues that various forms of oppression against minority groups are interconnected. The intention was to create coalitions of people to understand where other people come from and how their experiences and their identity could help defeat The System. This creates various ghost-like figures, such as „The Patriarchy“ or „the Zionists,“ who are responsible for the oppression of others. However, intersectionality has forced people of different backgrounds to compete as to who has been oppressed more and for others to get in line if their identity could possibly result in someone else’s poor fortune.

Not only is this idea categorically stupid, but it has been clinically proven to create less empathetic individuals. Ask any conservative on a college campus if this makes sense and they would have a two-word answer: No s**t.

Insofern durchaus eine interessante Studie. Statt dafür zu sorgen, dass alle Diskriminierungen und ihre Auswirkungen aufeinander beachtet werden führt es eher zu einem Wettkampf und zu fehlender Empathie für alle, die man nicht als eigene oder wichtig ansieht.