Über diesen Artikel bei Apokolokynthose bin ich auf diesen Artikel über performative Männer gestoßen.
Die waren schon hier im Blog behandelt worden:
In dem Artikel in der TAZ berichtet über ein Theaterstück:
„Stimmt es, dass Männer Feministen sein wollen, um von Frauen gemocht zu werden?“, fragt eine weibliche Stimme aus dem Off. Der Mann auf der Bühne bejaht kleinlaut. „Fühlt sich Feminismus an wie ein Fluch?“, bohrt sie weiter. „Schreibt Feminismus Männern vor, dass sie ihre Männlichkeit aufgeben sollen? Ist das Patriarchat ein Daddy-Issue?“ Er antwortet kleinlaut: „Vielleicht …“
Der verunsicherte Mann spielt am Sonntag den ersten Teil der Theaterperformance „Men in Feminism“, die am vergangenen Wochenende in den Sophiensälen lief. Die Trilogie untersucht die Rolle privilegierter Männer im Feminismus aus indischer, ruandischer und deutscher Perspektive. Im Zentrum steht die Frage: Welche Rollen spielen Männer im Feminismus und was erwarten Feministinnen von ihnen?
Der indischstämmige Mann spielt einen Schauspieler, der an einem Casting teilnimmt, das nach dem „idealen feministischen Mann“ sucht. „Wir alle spielen eine Rolle. Mit Engagement kann ich jeder werden: auch ein feministischer Mann“, sagt er überzeugt. Die unsichtbare Stimme – teils Regie, teils Gewissen, teils gesellschaftlicher Spiegel – testet ihn: Ist Feminismus Schauspielerei? „Äh, ja!“, meint der. „Es ist eine Performance. Und ich bin Schauspieler.“
Es folgt eine Tanzsequenz: Er trägt Sonnenbrille und pinkfarbene Bomberjacke, in der Hand bell hooks’ Buch „Alles über Liebe“. Aus dem Off kommentieren weibliche Stimmen: „Was für ein Typ: Er hört tatsächlich zu! Er liest, er geht zur Therapie, er ist sanft, er kocht und putzt!“
„Performative Males“-Debatte
Es soll eine Anspielung auf „performative Males“ sein. Auf Tiktok werden so cis-Männer bezeichnet, die sich nur zu Selbstvermarktungszwecken feministisch inszenieren. Das Problem an dem Trend: Er trifft die falschen. Nicht diese Männer sind die Hauptgegner von Feministinnen. Es sind die Männer, die geschlechtsspezifische Gewalt legitimieren oder reproduzieren, die feministische Errungenschaften angreifen und patriarchale Machtverhältnisse verteidigen.
Da verkennt Lilly Schröder, dass gerade der performative Mann ein besonderer Verrat ist: Er will dem Feindbild Mann entfliehen und auf die gute Seite gelangen, aber in Wahrheit ist er auch nur ein Mann, also böse.
Schon immer hat man Überläufer und Doppelagenten besonders kritisch gesehen, weil sie eben eine besondere Gefährlichkeit haben. Man gibt ihnen Vertrauen und sie hintergehen einen. Das ist unehrlicher als erkennbar ein schlechter patriachaler Mann zu sein.
Insoweit ein klassisches Denkmodell, welches gerade davon lebt, einen solchen Feind, der sich als Freund ausgibt zu enttarnen.
Das Stück karikiert Männer, die behaupten, Feministen zu sein. Eine solche Überspitzung kann unterhaltsam sein, doch solange es kaum Theaterarbeiten von Männern gibt, die sich ernsthaft, selbstkritisch und tiefgehend mit der eigenen Verstrickung in patriarchale Strukturen auseinandersetzen, reproduziert diese Form ein altbekanntes Muster: Feminismus wird zum Gegenstand des Spotts statt zum Anlass echter Auseinandersetzung.
Wenn „Echter Feminist“ ein Titel ist, den man sich verdienen muss und bei dem man davon ausgeht, dass die meisten Männer ihn natürlich nicht verdient haben, gar nicht verdienen können, weil sie ja privilegiert sind, macht das Sinn.
Das Stück lässt wenig Raum für Ambivalenzen, buchstabiert Pointen aus, statt Räume für Reflexion zu öffnen, und reproduziert stereotype Geschlechterbilder (ironisch!). So heißt es etwa im zweiten Teil des Stücks „Kalinga“, das Geschlechtergerechtigkeit im heutigen Ruanda hinterfragt: „Ich bin ein perfekter feministischer Mann: Ich räume auf, spüle, wasche, fege und koche. Ich bin jederzeit bereit für Sex, wenn sie es möchte.“ Ihm wird ein toxischer Mann gegenübergestellt, der alle Klischees bedient.
Auch bei Apokolokynthose stellt man sich die Frage, was der perfekte feministische Mann ist.
Er schreibt:
das liegt auch daran, dass IHR keine Ahnung hat, wie diese Rolle aussehen soll. Ihr könnt noch nicht einmal sagen, dass Männer ihre bisherige Rolle ersatzlos ablegen sollen und machen können, was sie wollen.
Bzw., Ihr habt Angst, dass Männer genau das täten…
Zu bedauern ist die Unterkomplexität des Stücks vor allem, weil der Ansatz, Feminismus aus einer nicht-eurozentrischen Perspektive zu betrachten, großes Potenzial hat. So erfährt man etwa, dass der Begriff Feminismus in der Sprache Kinyarwanda nicht existiert, obwohl Gleichberechtigung in Ruanda auf allen politischen Ebenen propagiert wird und Frauen 74 Prozent der Erwerbstätigen stellen.
Doch die Frage, welche Rolle Männer im Feminismus spielen sollten, bleibt unbeantwortet. Allenfalls wird sie ironisch und in Negativform verhandelt: So sollten feministische Männer nicht sein.
Und das reicht auch im intersektionalen Feminismus. Mann sein ist ja nicht etwas, was verbessert werden soll, es ist etwas auf das man Herabschauen können soll. Kein Mann kann jemals nicht privilegiert sein. Er kann nicht aufsteigen zu einem guten Mann oder gar (wie unvorstellbar) zu einem perfekten Mann. Er ist ja nicht eine Person, sondern er ist Teil eines Systems.
Man kann ihn also praktischerweise immer zurückstoßen, ihn immer vorhalten, dass er noch nicht gut genug ist. Das er daran schuld ist, wenn es auch nur zB einen Femizid, eine Vergewaltigung, eine Microaggression gibt. Weil er für alle Männer haftet.
Der perfekte Mann? Ist im System als Mann gar nicht vorgesehen. Vielleicht als TransMann, vielleicht noch als Schwarzer oder schwuler, aber auch dann nur in diesem Bezug. Als Mann kann er nicht perfekt sein.
Gefällt mir Wird geladen …