Die Grundlagen der Evolutionären Biologie

Auf dem Blog „Why Evolution is true“ werden die Grundlagen der Evolutionären Biologie kurz zusammengefasst: (zu einer Zusammenfassung von mir)

1.Evolutionary biology is ruled by handful of logical principles, each of which has repeatedly withstood rigorous empirical and observational testing.
2. The rules of evolutionary biology apply to all levels of resolution, be it DNA or morphology.
3. New methods merely allow more rapid collection or better analysis of data; they do not affect the evolutionary principles.
4. The only mandatory attribute of the evolutionary processes is a change in allele frequencies.
5. All novelty in evolution starts as a single mutation arising in a single individual at a single time point.
6. Mutations create equivalence more often than improvement, and functionlessness more often than functionality.
7. The fate of mutations that do not affect fitness is determined by random genetic drift; that of mutations that do affect fitness by the combination of selection and random genetic drift.
8. Evolution occurs at the population level; individuals do not evolve. An individual can only make an evolutionary contribution by producing offspring or dying childless.
9. The efficacy of selection depends on the effective population size, an historical construct that is different from the census population size, which is a snapshot of the present.
10. Evolution cannot create something out of nothing; there is no true novelty in evolution.
11. Evolution does not give rise to “intelligently designed” perfection. From an engineering point of view, most products of evolution work in a manner that is suboptimal.
12. Homo sapiens does not occupy a privileged position in the grand evolutionary scheme.
Natürlich alles relativ generell. Dennoch wichtig für das Verständnis. Welche findet ihr unklar oder würdet ihr anders sehen?
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57 Gedanken zu “Die Grundlagen der Evolutionären Biologie

  1. Das Blog kommt aus Amerika und schon dessen Name verrät den neurotischen Unterton. In Amiland kämpft man eben noch einen Kampf Evolution gegen Religion, während man hier schon erkannt hat, daß beides kein Widerspruch ist.

    Auch die letzten Punkte zeigen, daß man hier gegen christliche Fundamentalisten kämpft.

    • Gerade der letzte Punkt hat hier im blog ja nun auch schon abseits christlicher Fundamentalisten zu einiger Diskussion geführt.
      Den bei vielen Diskussionen über den Einfluss der Biologie kommt es ja gerade dazu, dass der Mensch aus dem Tierreich herausgenommen werden soll und Biologie für ihn keine Bedeutung mehr hat

      • „Den bei vielen Diskussionen über den Einfluss der Biologie kommt es ja gerade dazu, dass der Mensch aus dem Tierreich herausgenommen werden soll und Biologie für ihn keine Bedeutung mehr hat“

        Ich behaupte mal, dass das kaum ein Mensch wirklich vertritt, abseits von radikalen Genderisten. Noch jeder geht zum Arzt und versteht spätestens im Falle von Schmerzen, dass er ein biologisches Wesen ist. Essen muss der Mensch auch. Die Biologie kann man mit gesundem Menschenverstand dann wohl kaum ignorieren.

        Die Frage ist dagegen immer, was genau man erklären will. Dann wird man auf Basis der Frage entscheiden, wie hoch der Erklärungsanteil der Biologie sein kann.

        Blank Slate ist offenkundiger Unsinn. Etwas anderes ist aber die zuweilen in Geistes- und Sozialwissenschaften aufgestellte These, der Mensch habe keine Instinktdispositionen mehr. Aber das gilt keinem wirklich umfassend, sondern mit der Einschränkungen: Für einen Großteil der Entscheidungen, die Menschen treffen müssen, stehen keine Instinkte zur Verfügung. Und das steht nicht in Widerspruch mit der Aussage, dass der Mensch ein Tier ist, also ein biologisches Wesen.

        • Das Problem ist der „Destruktivitätsbiologismus“ des Blogwarts und vieler anderer Menschen. Obwohl es an unzähligen Individuen belegt ist und es auch Studien über den Zusammenhang von Gewalt bzw. destruktivem Verhalten überhaupt mit Mißhandlungen in der Kindheit gibt, kommen diese Biologisten immer wieder mit dem Schuh, daß das ja alles von der Evolution kommt.

          Das ist genauso billig wie die Erklärung, daß alles Böse vom Teufel komme, nur diesmal in einem pseudowissenschaftlichen Gewande.

          Für diese Leute ist die Biologie ein Fetisch. Sie denken, wir kämpfen gegen die bösen christlichen Fundamentalisen, gegen die bösen Genderisten, unsere Biologie ist so geil, die erklärt wirklich alles.

          Für alle, die ein bißchen über den Tellerrand schauen wollen:

          http://alice-miller.com

          Dort gibt es überzeugende Belege gegen den Destruktivitätsbiologismus. Dafür muß man freilich dazu in der Lage sein, die eigenen Eltern zu hinterfragen und vom Sockel zu nehmen. Man muß sich mit den eigenen Deformierungen auseinandersetzen.

          Das ist bei vielen Menschen sehr angstbesetzt, daher geben sie sich immer wieder gerne absurden pauschalen und unverbindlichen Erklärungen der menschlichen Destruktivität hin. Hauptsache, das Thema Kindheit wird nicht berührt.

        • Das ist genauso billig wie die Erklärung, daß alles Böse vom Teufel komme, nur diesmal in einem pseudowissenschaftlichen Gewande.

          Oder von der Mutter, im esoterischen Gewand.

    • während man hier schon erkannt hat, daß beides kein Widerspruch ist

      Religion ist zu allem und nichts ein Widerspruch, da sie kein kohärentes logisches Gebilde ist, sondern letztlich nur eine Sammlung von Traditionen (im Falle des Christentums von Viehhirten aus der Bronzezeit und einer im römischen Reich populären Endzeitsekte), die sich zu weiten Teilen selbst widersprechen. Es gilt daher Ex Falso Quodlibet: sag eine Hypothese, und du findest sowohl Herleitung als auch Widerlegung.

      Auch die letzten Punkte zeigen, daß man hier gegen christliche Fundamentalisten kämpft.

      Der Vorletzte Punkt, der mit „Intelligent design“ sich explizit auf eine pseudowissenschaftliche These der christlichen fundamentalisten bezieht, ja.

      Der letzte Punkt imho nicht, der passt genau so gut auf die „Bei Menschen zählt nur Kultur, den Humans are Special“-Argumentationen der Blank Slater.

  2. “ Evolution cannot create something out of nothing; there is no true novelty in evolution.“

    Sozialkonstruktivismus kann. Bzw. meint, zu können.

        • oh, cool.

          Wenn man mal Sozialkonstruktivismus als „Tradition“ begreift, würde die Erklärung für die Entstehung von Religion aus „The God Delusion“ auch teilweise passen.

        • „Wenn man mal Sozialkonstruktivismus als “Tradition” begreift, würde die Erklärung für die Entstehung von Religion aus “The God Delusion” auch teilweise passen.“

          Was ist DER Sozialkonstruktivismus?

          Darunter kann man keine einheitliche Strömung verstehen. Deshalb muss man sich hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Von Konstruktion reden auch Leute, die niemals damit sagen, dass alles irgendwie formbar und veränderlich sei.

          Was man aber sagen kann: Eine Vorstellung, dass es möglich sei, alle seine Eigenschaften wegzutherapieren, ist metaphysisch und insofern der Religion doch wesensverwandt. Metaphysisch ist daran die Idee, dass das wahre Ich jenseits aller anerzogenen oder auch angeborenen Persönlichkeitsmerkmale liege.

  3. 9. The efficacy of selection depends on the effective population size, an historical construct that is different from the census population size, which is a snapshot of the present.

    Ist es nicht so, dass gerade in kleinen, isolierten Populationen die grössten Veränderungen stattfinden?

    • @yeph

      https://de.wikipedia.org/wiki/Effektive_Populationsgr%C3%B6%C3%9Fe

      Die effektive Populationsgröße (N_{e}) ist eine Einheit in der Biologie,[1] welche u. a. verwendet wird, um die kleinste überlebensfähige Population (MVP= minimum viable population) zu berechnen.
      Eigenschaften[Bearbeiten]
      Die effektive Populationsgröße beruht auf der Fortpflanzungsrate einer idealisierten Population mit zufälliger Allelverteilung.[2] Die Gesamtgröße einer Population kann irreführend sein, da nicht alle Mitglieder der Population sich fortpflanzen und ihre Allele nicht an die nachfolgende Generation weitergeben können. Um daher die kleinste lebensfähige Population sinnvoll abzuschätzen, wird die effektive Populationsgröße nach folgender Formel berechnet:
      N_e={4N_{f} N_{m} \over N_{f}+N_{m}}
      Hierbei stehen N_{f} für die Zahl der Weibchen in der Population und N_{m} für die Zahl der Männchen in der Population.
      Wenn sich beispielsweise in einer Population von 1000 Individuen 400 fortpflanzungsfähige Weibchen und 400 fortpflanzungsfähige Männchen befinden, errechnet sich
      N_{e} = (4 × 400 × 400) / (400 + 400) = 800 (bzw. 80 %).
      In tatsächlich untersuchten Populationen beläuft sich N_{e} stets nur auf einen Bruchteil der Gesamtpopulation, da zahlreiche Einflüsse auf die Individuen wirken und ihre Fortpflanzungsmöglichkeit einschränken.
      Das Ziel der Erhaltung einer N_{e}, die über der kleinsten überlebensfähigen Population (MVP) liegt, entstand aus der Sorge, ob Populationen genügend genetische Variabilität aufweisen, um sich durch Evolution anpassen zu können

      • Ok, vielen Dank!!! Das ist SEHR nett! 🙂

        Den Satz über Allelfrequenz habe ich auch gefunden bei Wikipedia und er ist gut erklärt, wenn man die Links verfolgt: https://de.wikipedia.org/wiki/Allelfrequenz

        Hast Du schon davon gehört/gelesen, dass überzüchtete Füchse ein gechecktes Fell bekommen und anfangen zu bellen? Weniger ist manchmal mehr? 😉

        • Ja, aber dass mit einer geringeren Population grössere Veränderungen auftreten widerpricht irgendwie der „effektiven Populationsgröße“ … oder?

        • @yeph

          Die effektive Populationsgröße ist ein Bewertung der evolutionär relevanten Größe.

          In einer Gruppe von 10.000 Menschen, von denen drei Frauen sind, wird sich eine Mutation auf dem Y-Chromoson eben kaum durchsetzen können, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in die nächste Generation kommt. Die Effektive Populationsgröße ist sehr gering

        • Sorry, dass ich erst so spät antworte!!! 😦

          Und vielen vielen Dank für die Antworten. Ich glaube ich muss mir ein moderneres und wissenschaftlicheres Buch reinziehen. Mein letztes Buch zum Thema ist schon mehr als 10 Jahre her ….

          Jetzt aber erst einmal Wikipedia die 2te 🙂

          Danke schön auch fürs wunderbare Blog!!!! 🙂

        • ok, bei Wikipedia steht nicht mehr als Du mir erklärt hast. Dieses Konzept ist mir auch geläufig. Ich erinnere mich daran, dass ich das immer absurd fand, wenn man an die Enstehung neuer Arten denkt, bzw. an die Entstehung des Lebens an sich. Mein Fuchsbeispiel ist dann gar nicht so falsch.

          Oder z.B die Neanderthaler, Inuit usw… Ist es nicht gerade die sehr kleine Zahl, die diese Veränderungen ermöglicht hat? Adam und Eva? Ich fand diese Idee sehr wenige keine Überlebenschancen haben könnten immer ein klein wenig absurd. Ich will niemandem zu nahe treten; das sind bloss so meine Gedanken, wenn ich Bücher lese. Das mag so rüberkommen als leide ich unter Grössenwahn; es sind aber nur Gedanken und schon oft waren sie berechtigt … oft aber auch nicht 🙂

          Schönen Tag noch 🙂

          Yeph

  4. Punkt 12 würde ich _so_ nicht zustimmen. Ich habe diverse Möglichkeiten, meine evolutionär entwickelten Triebe zu unterdrücken, auszutricksen oder auf eine Weise auszuleben, die ihren ursprünglichen Nutzen aushebeln.

    Nebenbei, wenn Menschen nicht irgendwie privilegiert werden, wäre es dann Mord, wenn ich eine Spitzmaus umbrächte?

      • Der Mensch IST Zielpunkt der Evolution. Mit Entstehung von menschlicher Intelligenz und Kultur hat sich der Mensch aus der natürlichen Evolution verabschiedet bzw. sie stark minimiert. Man kann also durchaus von einem sinnvollen Selektionsprozeß sprechen, der zwangsläufig mit der Entstehung von kirkscher Intelligenz zum Ende kommt. 🙂

        Und genau dieser Punkt kann reflektiertere Geister auch stark zu metaphysischen Spekulationen animieren. 🙂

        Man könnte sich z.B. fragen, warum mit der Entstehung von humanen Lebewesen die Evolution qua Kultur quasi ausgeschaltet, marginalisiert wird.

        Und dann kann man sich noch fragen, warum eigentlich noch keiner von diesen arschgefickten Außerirdischen hier gelandet ist, wenn es davon angeblich so viele gibt.

        Meine Antwort: Wir sind die einzige intelligente Spezies im gesamten Weltall – und das ist auch gut so!

        • Deine Definition von „Natürlich“ ist sehr eng.
          Tatsächlich ist die Evolution ein langsamer Prozess, und beim Menschen ist aufgrund der hohen effektiven Populationsgröße derzeit keine Abspaltung einer neuen Homo-Art nicht zu erwarten. Aber „die Natur“ arbeitet in großen Zeiträumen und hohen Generationenzahlen.
          Niemand weiss, was in 1 Million Jahren sein wird, und das ist erdgeschichtlich betrachtet keine besonders lange Zeit…

          LG
          Mike

        • @ Christian

          Ich spreche von einem passiven, inhärenten Ziel, quasi von einer Entelechie. Eine immer bessere Anpassung an die Umwelt führt irgendwann zwangsläufig zu intelligentem humanen Leben. Dieses Leben ist so intelligent, daß es sich durch Kultur von der Natur emanzipiert und damit den eigenen biologischen Evolutionsprozeß beendet.

          Wer sein Überleben in der Natur nicht mehr sichern muß, weil er in einem kulturellen Kokon lebt, bei dem endet logischerweise auch der durch die Natur bedingte Selektionsprozeß.

          Der Mensch ist also der Endpunkt der Evolution, das Ziel.

          Es verseht sich von selbst, daß niemand diesen Weg irgendwie aktiv plant. Aber seltsam ist doch, daß dieses Ziel von Anfang an strukturell, inhärent in diesem Prozeß angelegt ist.

          Der Mensch ist also tatsächlich etwas Besonderes in der Natur, entgegen Adrians Ausführugen. Die Besonderheit dürfte jetzt klar sein. 🙂

          So sinnlos scheint die Evolution also gar nicht zu sein. Dies animiert so manchen Zeitgenossen zu metaphysischen und religiösen Gedanken.

        • Das ist trotzdem Blödsinn. Das Ende der evolution gibt es zum einen nicht, zum anderen ist es kein Ziel, da der Prozess kein Ziel hat. Du kannst zudem sicher sein, das der Genpool der Menschen in 10.000 Jahren anders aussehen wird als heute

        • „Der Mensch ist also der Endpunkt der Evolution, das Ziel.“

          Endpunkt und Ziel sind nicht das Gleiche.

          Außerdem evolviert der Mensch auch weiterhin. Im Labor beobachtbar.

        • Ich schreibe nirgends, daß die Evolution ein Ende habe, sondern, daß intelligentes Leben der inhärente Zielpunkt der Evolution ist. Darüberhinaus läuft einfach nichts mehr.

          Evolutivität existiert weiter und Evolution bei niedrigeren Lebensformen. Nur was nützt die Evolutivität beim Menschen, wenn kein Selektionsdruck mehr vorhanden durch den kulturellen Kokon?

          Das ist trotzdem Blödsinn.

          Du kommst leider nicht ohne Schmähungen aus.

          Du solltest mal dein metaphorisches Sprachverständnis aufbessern. Ich habe mich eigentlich recht verständlich geäußert.

          Ich kann mir keine Umstände vorstellen, daß sich der Mensch in den nächsten 6 Millionen Jahren beispielsweise ähnlich stark verändern würde wie in den letzten 6 Millionen Jahren.

          Die Veränderungen werden marginal bis nichtig sein.

        • „Ich schreibe nirgends, daß die Evolution ein Ende habe, sondern, daß intelligentes Leben der inhärente Zielpunkt der Evolution ist. Darüberhinaus läuft einfach nichts mehr.“

          Beweise dafür?

          Du hast eine gewisse Idealvorstellung, blöderweise haben es Idealvorstellungen so an sich, an der harten Wand der Realität öfters mal zu zerschellen.

          Und, wie es so schön bei uns heisst: Vor der Hacke isses finster!
          Bislang hatten alle Versuche einer auch nur mittelfristigen Zukunftsprognose in was für einem Fachgebiet auch immer eher peinliche Resultate.

        • „Ich kann mir keine Umstände vorstellen, daß sich der Mensch in den nächsten 6 Millionen Jahren beispielsweise ähnlich stark verändern würde wie in den letzten 6 Millionen Jahren.“

        • „Evolutivität existiert weiter und Evolution bei niedrigeren Lebensformen. Nur was nützt die Evolutivität beim Menschen, wenn kein Selektionsdruck mehr vorhanden durch den kulturellen Kokon?“

          Der „kulturelle Kokon“ übt selbst einen Selektionsdruck aus (Gen-Kultur-Koevolution). Wenn man Cochran und Harpending („The 10,000 Year Explosion“) glauben darf, beschleunigten die Änderungen der menschlichen Lebensweise in den letzten 10000 Jahren die biologische Evolution sogar noch (z. B. die Entwicklung der Laktosetolerenz bei Erwachsenen in manchen Populationen). Heutzutage dürften Verhütungsmittel einen erheblichen Einfluss ausüben.

          „Ich kann mir keine Umstände vorstellen, daß sich der Mensch in den nächsten 6 Millionen Jahren beispielsweise ähnlich stark verändern würde wie in den letzten 6 Millionen Jahren.
          Die Veränderungen werden marginal bis nichtig sein.“

          Da wette ich dagegegen: Genetic Engineering und die zunehmenden Möglichkeiten, biologische Körperteile durch künstliche zu ersetzen, werden die Menschen (zumindest manche) in 100 Jahren ganz erheblich von den heutigen unterscheiden.

        • Wäre mir neu, daß Genetic Engineering Teil der biologischen Evolution ist.

          Ich wüßte keine nennenswerten Selektionsdrücke mehr in einer modernen, technisierten Gesellschaft. 🙂

          Man wird mir wohl zustimmen, daß die Evolutionsintensität durch solch eine moderne Zivilisation zumindest deutlich abnimmt.

          @Christian

          Wie hat sich denn der Dodo verändert und über welche Zeiträume? Sind da Selektionsdrücke auszuschließen?

          Wirst wohl ein Kreationist.

          Ich sage ja nicht, daß heute Schluß ist mit der Evolution des Menschen. Im Großen und Ganzen aber eben schon. Es ist einfach ein fundamentaler Wandel eingetreten mit dem Beginn der Moderne.

        • Wegfallender Druck in eine bestimmte Richtung erzeugt auch neue Möglichkeiten, dass sich gene anreichern.
          Es stimmt natürlich, das in der heutigen internationalen Welt eine Anreicherung einer Mutation in einer kleinen Gruppe schwieriger ist. Aber dennoch wird sich der Genpool anderen. Wie ist schwer zu sagen

    • @MyCroft: Aber auch da ist der Mensch nichts besonderes, bzw ist es eine falsche Gegenüberstellung.

      In jeder Maus, die nicht den käse, der vor der Katze liegt, frisst, hast du die unterdrückung eines evolutionären Triebes (Appetit/Hunger) durch andere geistige kapazitäten.

      Und die Ausprägung dieser Kapazitäten ist a) nichts prinzipielles, sondern etwas graduelles (siehe affen), und b) auch etwas, was durch die evolution kam.

      Beim Mensch, der nicht den Finger in die Mausefalle steckt, siegt nicht die Kultur über die Evolution, sondern es zeigt sich, dass wir in einer Nische Leben, in der eine Selektion zum Plandenken hin und eine Deselektion von Instant Gratification weg stattgefunden hat.

      • Keppla,

        vermutlich hast Du recht, wie Du es beschreibst. Ich denke mal, es stimmt auch die Aussage der graduellen Unterschiede in den Kapazitäten.

        Kultur wird aber dann interessant, wenn Handlungen eben sehr wesentlich auch der Kultur entspringen. Wir z.B. schreiben hier Texte, nutzen Sprache, nutzen das Internet dazu, diskutieren wissenschaftliche Erkenntnisse. Sprache und Schrift sind Kulturtechniken und Wissenschaft ist auch eine Form von Kulturleistung.

        Evolutionär gesehen heißt das vermutlich gar nichts. Für die Erklärung der Aktivitäten von Menschen heißt es eine Menge. Will sagen: unsere aus der Evolution hervorgegangenen Kapazitäten sind so kontingent, dass wir auf Basis biologischer Ausstattung keine verlässliche Handelns-Vorhersage mehr machen kann – bei Verhalten kann es wiederum eher möglich sein.

        • Ich stimme dir zu, dass du schnell Fragestellungen haben kannst, die man mit einem Blick auf die Kultur besser, bzw überhaupt erst beantworten kann als mit dem Blick auf die Evolution.

          Plakativ gesagt ist mein Tagesablauf, der daraus besteht, dass ich augenscheinlich vor einem paarungsbereiten Weibchen fliehe, das nest komplett unbewacht lasse, um ca. 8 Stunden lang von körperlich (und, ich möchte böse anmerken: oft auch geistig) unterlegenen Betamännchen Befehle entgegenzunehmen, schwer aus fundamentalen Biologischen Prinzipien ableitbar. Da helfen Kultur- und Sozialwissenschaftliche Konzepte wie „Beruf“ und „Geld“ deutlich besser.

          Aber auch hier ist das kein Gegensatz, das ist eher so wie Elektrizität und Computer: natürlich ist ein Blick in den Quellcode des Programms ein besserer Weg den Bildschirminhalt vorherzusagen als der Versuch, die Elektronenflüsse zu messen und vorherzusagen.
          Aber das heist nicht, dass die Elektronen egal sind: ich kann kein Programm schreiben, was Elektronisch nicht mögliche dinge tut, und wenn ich den Strom abschalte wird auch das tollste Programm nicht laufen.

          Evolution/Kultur ist imho weniger ein Gegensatzpaar sondern mehr ein Detaillevel wie Physik/Mechanik.

        • @keppla

          „Plakativ gesagt ist mein Tagesablauf, der daraus besteht, dass ich augenscheinlich vor einem paarungsbereiten Weibchen fliehe, das nest komplett unbewacht lasse, um ca. 8 Stunden lang von körperlich (und, ich möchte böse anmerken: oft auch geistig) unterlegenen Betamännchen Befehle entgegenzunehmen, schwer aus fundamentalen Biologischen Prinzipien ableitbar. Da helfen Kultur- und Sozialwissenschaftliche Konzepte wie „Beruf“ und „Geld“ deutlich besser.“

          Nur scheinbar. Denn gerade weil wir Hierarchietiere sind nimmst du in einer geklärten Hierarchie eben die Befehle entgehen. Hätte der Mensch sich aus Herdentieren wie einer Gnuh entwickelt, dann wären wir zu einem solchen Aufbau nicht in der Lage und würden eben allenfalls die Richtung wechseln, wenn es die Herde macht. Das du dein Weibchen alleine lässt ist eben eine Folge der Paarbindung, würden wir wie Bonobos sein, dann hättest du kein Heim mit Weibchen, dem du groß von deinen Ressourcen abgeben müsstest, sie würde eben für sich selbst sorgen und du fröhlich durch die Gegend ficken (ebenso wie sie).
          Nur aus unserer Biologie ist die Bereitschaft zur Paarbindung und gegenseitigen Versorgung und damit auch der Wunsch als Ressourcenstark darzustehen und solche aufzubauen überhaupt erklärbar. Er ist nur aus unserer Sicht logisch, die meisten Tiere würden es eben in keiner Weise einsehen, etwas so sinnloses zu machen, wenn man mit weniger Einsatz genug zu essen hätte.

        • Christian

          „Nur scheinbar. Denn gerade weil wir Hierarchietiere sind nimmst du in einer geklärten Hierarchie eben die Befehle entgehen.“

          Mit diesem Ansatz kannst Du nur erklären, DASS es Hierarchien gibt. Du kannst nicht ihre verschiedensten Ausformungen erklären. Wenn man die unterschiedlichen Wirtschafts- und Staatssysteme vergleicht, ist es augenfällig, dass die konkrete Gestaltung variabel ist.

          Das ist der entscheidende Punkt.

          Die konkreten Gründe, warum einer auf diese Weise seine Brutpflege delegiert, um sich in einer Hierarchie einzuordnen, unterscheidet sich sowohl historisch als auch geografisch. Und hier setzt man mit „Kultur“ oder „Gesellschaft“ an. Weil diese Unterschiede eben nicht aus der Biologie ableitbar sind.

          Wir können sprechen, das ist ein biologisch angelegtes Vermögen. Dass wir Deutsch sprechen und nicht Englisch, ist nicht biologisch disponiert.

          Insofern: Nein, kein Widerspruch, aber auch keine Auflösung der einen Disziplin in der anderen. Es sind einfach unterschiedliche Phänomenbereiche.

        • @lomi

          „Mit diesem Ansatz kannst Du nur erklären, DASS es Hierarchien gibt. Du kannst nicht ihre verschiedensten Ausformungen erklären. Wenn man die unterschiedlichen Wirtschafts- und Staatssysteme vergleicht, ist es augenfällig, dass die konkrete Gestaltung variabel ist.“

          Dennoch ist der Umstand, dass wir Hierachietiere sind vielleicht einer der wesentlichen im Verständnis des menschlichen Verhaltens.
          Wir sind natürlich keine absoluten Hierarchietiere, wir wollen gleichzeitig als gleiche angesehen werden und empfinden Gleichheit als erst einmal gerecht. Man könnte auch sagen: Wir sind nicht ohne weiteres bereit uns in eine unklare Hierarchie einzuordnen, in eine klare aber durchaus.

          Diese beiden „natürlichen Ansichten“ stehen in einem Konflikt, der viele Gesellschaftsausgestaltungen und viele Gesellschaftsausformungen bewirkt.
          Eine absolute Hierarchie kann deswegen nur mit Gewalt durchgesetzt werden in einer Diktatur, deswegen scheitern kommunistische Ideen weil sie zuviel künstliche Gleichheit wollen.

          „Die konkreten Gründe, warum einer auf diese Weise seine Brutpflege delegiert, um sich in einer Hierarchie einzuordnen, unterscheidet sich sowohl historisch als auch geografisch. Und hier setzt man mit “Kultur” oder “Gesellschaft” an. Weil diese Unterschiede eben nicht aus der Biologie ableitbar sind.“

          Das Modell „Mann ist eher Versorger, Frau kümmert sich eher um die Kinder“ ist eine menschliche Universale:
          https://allesevolution.wordpress.com/2013/06/08/gemeinsamkeiten-im-verhalten-aller-menschen-human-universals/

          biological mother and social mother normally the same person
          classification of sex
          division of labor by sex
          females do more direct childcare
          male and female and adult and child seen as having different natures
          males dominate public/political realm

          „Wir können sprechen, das ist ein biologisch angelegtes Vermögen. Dass wir Deutsch sprechen und nicht Englisch, ist nicht biologisch disponiert.“

          Natürlich nicht.

          „Insofern: Nein, kein Widerspruch, aber auch keine Auflösung der einen Disziplin in der anderen. Es sind einfach unterschiedliche Phänomenbereiche.“

          Es sind deutliche Überschneidungen vorhanden. Gerade wenn du geschlechterverhalten erklären willst.

          Aber stell doch mal deine Erklärung für das von dir genannte Verhalten dar.

        • @Keppla

          „Aber auch hier ist das kein Gegensatz“

          Genau. Da gibt es keinen Gegensatz. Der entsteht nur, wo eine Disziplin ihre Kompetenz überschreitet. Aber eigentlich stehen sie in gewisser Hinsicht orthogonal zueinander.

        • @Christian

          „Das Modell “Mann ist eher Versorger, Frau kümmert sich eher um die Kinder” ist eine menschliche Universale:“

          Ja, das mag so sein. Aber es sieht eben zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten auch unterschiedlich aus.

          Keppla z.B. schrieb, dass er Informatiker ist. Als ein solcher arbeitet er entweder in einer kleinen Softwarebude (kleines Unternehmen, marktförmig), oder in einem Großunternehmen (komplexe Organisation mit hohem Managementaufwand) oder im öffentlichen Dienst (Starke Orientierung an Gesetzen).

          Ein Bauer vor 300 Jahren verließ auch das Haus, um seiner Arbeit nachzugehen, war dabei aber weniger den Vorgaben einer Großorganisation unterworfen, war seinem Heim meist nahe, da sein Heim Teil seines Arbeitsplatzes war. Die Brutpflege ist zudem von Teilen der Großfamilie sowie vom Personal übernommen worden, wenn die Bäuerin auch auf den Acker musste. Oder früh starb, was häufiger vorkam.Kurz: Die Art wie die Arbeit organisiert wurde und die Art, wie die Familie organisiert war, unterscheidet sich von dem, wie wir heute diese Dinge organisieren.

          Knackig auf den Punkt: Kita statt Verwandtschaft. DAS ist etwas, was never ever durch Biologie erklärt oder vorhergesagt werden kann. Und genau diese Dinge, die veränderlichen und historischen Dinge, sind der Objektbereich der Sozialwissenschaft.

          Diese Dinge sind aber teilweise sehr bedeutsam, was evident wird, wenn man z.B. das Leben in der DDR mit dem Leben in der BRD vergleicht. Das Recht z.B. ist ein „soziales Konstrukt“, aber ein ungeheuer wirksames.

        • „Kita statt Verwandtschaft. DAS ist etwas, was never ever durch Biologie erklärt oder vorhergesagt werden kann.“

          Ich kann das. Sehr einfach: Wenn man ein hochkomplexes, hochintelligenten Organismus annimmt, der fähig ist, seine Umwelt zu gestalten, wird es Ausformungen in der Lebenweise verschiedener Populationen geben.
          In Ansätzen lässt sich „Kultur“ ja bereits bei anderen Tieren erkennen: Schimpansen, Schwertwale, Weiße Haie bspw.

    • Nebenbei, wenn Menschen nicht irgendwie privilegiert werden, wäre es dann Mord, wenn ich eine Spitzmaus umbrächte?

      Du redest hier von unterschiedlichen Formen der Priviligierung, nämlich einmal der Juristischen und einmal einer hypothetischen Biologischen.

  5. Pingback: Soziobiologie (Besprechung von Elmars Artikel, Teil 1) | Alles Evolution

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