„Toxische Männlichkeit“ als Vergiftungsmetapher und „Feld und Festung“-Strategie

Lucas Schoppe hat einen interessanten Artikel zur toxischen Männlichkeit geschrieben. Diese Passage fand ich besprechenswert:

Der Begriff „toxische Männlichkeit“ ist doppeldeutig: Er kann bedeuten, dass Männlichkeit an sich toxisch wäre, er kann sich aber auch auf diejenige Männlichkeit beziehen, die aus welchen Gründen auch immer „toxisch“ ist – im Unterschied zu anderen, nicht-toxischen Formen der Männlichkeit. Wer also nicht aussagen möchte, dass Männlichkeit irgendwie an sich schon vergiftend wäre, wird deutlich machen, auf welche Art der Männlichkeit er sich bezieht. Ulrich macht das nicht: Für ihn stehen Frauen einfach positiv besetzt für Weiblichkeit, Männer negativ besetzt für Männlichkeit.

In der Tat bietet sich „toxische Männlichkeit“ für das alte „Feld und Festung“ (Motte and Bailey“) Spiel an, bei dem man harte Vorwürfe bei Kritik auf leichte Vorwürfe reduzieren kann, um sich weniger angreifbar zu machen.

Und in der Tat steht „toxische Männlichkeit“ gerne für „Männlichkeit“ und diese wieder Männer und diese wieder für „das Böse“.

Der Begriff eignet sich also für ein unseriöses sprachliches Spiel, das so aus den Codierungen rechter Gruppen bekannt ist: Er verletzt wichtige zivile Grenzen, aber wenn dann diese Verletzung kritisiert wird, können sich seine Benutzer darauf berufen, es so doch gewiss nicht gemeint zu haben.

Es ist eben eine klassische Figur in Identitätstheorien, mit dem man schnell Kritik wegnehmen kann.

Man wolle ja nur die kriminellen Flüchtlinge raus haben, nicht die, die zu einer Integration fähig sind, wäre da vielleicht das Gegenbeispiel. Oder das man eben nichts gegen den hart arbeitenden Dönerbudenbesitzer habe, auch wenn er Moslem sei, aber die radikalen müssen raus.
Wobei das ja durchaus in beiden Fällen, also rechts oder links, etwas sein kann, was man denken kann.

Der Begriff „toxisch“ gehört, wenn er für Menschengruppen verwendet wird, politisch in den Rahmen von Reinheitsideologien. In seiner biologistisch-medizinischen Anlage impliziert er, dass ein eigentlich gesunder Volkskörper allein schon durch die Existenz von Menschen gefährdet wird, die in diesen Volkskörper von außen eindringen. Die Vermischung erscheint als Vergiftung, die Gefährdung der Reinheit als Gefährdung der Existenz. Der Hass auf Juden beispielsweise ist traditionell voller Vergiftungsphantasien und –metaphern.

Gegen „Volkskörper“ würden sich Linke wahrscheinlich wehren, aber das Krankheits- oder Vergiftungsmetaphern gerne verwendet werden um andere Gruppen abzuwehren und als schädlich darzustellen stimmt.

Und toxische Männlichkeit funktioniert in der Tat auf diese Weise: Es vergiftet nach dieser Auffassung die Gesellschaft, schadet sowohl Männern und Frauen, ist quasi ein Virus, der bekämpft werden muss.

Wer für eine demokratische Politik einsteht, wird daher misstrauisch gegenüber Vergiftungsmetaphern sein, sie als faschistoid wahrnehmen und sie gewiss nicht leichtfertig verwenden. Schließlich ist eben die Vermischung, die in Vergiftungsmetaphern als existenziell bedrohlich diskreditiert wird, ein wesentliches Element demokratischer Kultur: als Begegnung und gegenseitige Beeinflussung verschiedener Milieus, Stile, Perspektiven, Interessen, Argumente.

Zugespitzt formuliert: Der Begriff „toxische Männlichkeit“ ist, so wie Ulrich ihn benutzt, faschistoides Dahergerede.

Es ist jedenfalls ein klassisches „Out-grouping“, Männer wird eine toxische Männlichkeit angedichtet, die irgendwie auch alle Männer betrifft und alles sein kann.

Wo die rechten Gruppen meist die Entfernung wollen, wollen die Linken üblicherweise die Umerziehung. Um so totalitärerer Elemente beide enthalten, um so eher gleicht sich dies an oder geht in eine Vernichtung über.

 

13 Gedanken zu “„Toxische Männlichkeit“ als Vergiftungsmetapher und „Feld und Festung“-Strategie

  1. „Der Begriff eignet sich also für ein unseriöses sprachliches Spiel, das so aus den Codierungen rechter Gruppen bekannt ist: Er verletzt wichtige zivile Grenzen, aber wenn dann diese Verletzung kritisiert wird, können sich seine Benutzer darauf berufen, es so doch gewiss nicht gemeint zu haben.“

    Toxische Kümmeligkeit?

  2. Den Sprung von toxisch zu „quasi ein Virus“ kann ich nicht nachvollziehen.

    Gifte stellt man sich in der Regel kristallin vor oder als Pulver, als Flüssigkeit. Pilze sind oft giftig, einige Pflanzen, Spinnen- und Schlangenbisse. Etwas anders ist es beim Komodowaran, bei dem das Maul aber m.W. auch voller Bakterien, nicht Viren, ist, die einen vergiften und letztlich töten.

    Der ganze Komplex, dass es ansteckend ist, von einem auf den anderen übertragbar, ist bei Viren aber üblicherweise nicht bei Giften gegeben.

    Was bei Giften im Raum ist, ist die Frage der Dosierung. Als in Spuren vorhanden unbedenklich, in höherer Dosierung diese Männlichkeit den Betroffenen krankmachend und ab einer gewissen Stärke wird es tödlich.

    Da die Begriffsverwendung meist auf Affekte zielt, wird wohl selten eine nähere Erläuterung mitgeliefert, was unter Männlichkeit denn verstanden wird. Man darf also wohl eine Wald- und Wieseninterpretation unterstellen. Da kann praktisch jeder mit seiner eigenen Vorstellungswelt andocken. Je nachdem, was man als toxisch verurteilen möchte und was man noch als verträglich betrachtet zieht man eben die Vorstellungsgrenze weiter oder enger und kann sie nach Belieben verschieben, weil sie nie thematisiert und auf Konsistenz geprüft wird.

    Ja, man sollte wohl immer nachfragen, ob es so wie bei „kriminelle Ausländer“ gemeint ist: Eigentlich will man sagen die seien alle kriminell, aber bei Bedarf zieht man sich darauf zurück, dass nur verurteilte Straftäter gemeint sind, nur Mörder und Vergewaltiger.

    Man könnte auch spitz nachfragen, ob das ein Kampfbegriff der intriganten Weiblichkeit sei.

  3. „Es vergiftet nach dieser Auffassung die Gesellschaft, schadet sowohl Männern und Frauen, ist quasi ein Virus, der bekämpft werden muss.“

    (*Klugscheißmodus an*)
    DAS Virus.

    Der Begriff stammt aus einer Zeit, als man von Viren noch gar nichts wusste und sich einige Krankheiten nur durch eine Art Gift – lateinisch „Virus“ – erklären konnte.
    Toxine dagegen waren schon seit dem Altertum als Pflanzen- oder Tiergifte bekannt.
    Virus = lat. „Gift“
    Toxikon = griech. „Gift“

  4. Mit dem Begriff habe ich auch meine Magenschmerzen. Was er bezeichnet, ist nicht völlig von der Hand zu weisen, aber WIE er es macht, verhindert alles Gute, was er haben könnte.
    Denn dass Männer oft kulturell dazu erzogen sind, sich selbst zu schaden (etwa, die schweren Arbeiten zu verrichten, sich für den Schutz der Frau aufzuopfern und sich nicht zu beklagen), ist wahr. Aber der höchst unglückliche (bestimmt nicht zufällig so gewählte) Begriff „toxischer Männlichkeit“ hat immer einen unschönen Beigeschmack von victim blaming und wird benutzt, auch andere Sachen mit zu besetzen. Wie schon gesagt: Dass Männer sich nicht selbst schädigen sollen, ist die Festung, aber das Feld ist, dass Männer an sich giftig sind und entsprechende Zwänge gegen sie okay sind.

    Man könnte „toxische Weiblichkeit“ als alternative zur internalisierten Misogynie ähnlich verwenden, um etwa den Hang von Frauen zu gefährlichen Männern oder strategisch unkluge Berufsentscheidungen zu bezeichnen. Dann würde aber jeder sofort erkennen, was für ein ekliges Spiel hier gespielt wird.

  5. „Man könnte „toxische Weiblichkeit“ als alternative zur internalisierten Misogynie ähnlich verwenden, um etwa den Hang von Frauen zu gefährlichen Männern oder strategisch unkluge Berufsentscheidungen zu bezeichnen.“

    Toxische Weiblichkeit funzt nicht, weil es für die Etablierung dieses Attributs keine Distributoren gibt.
    Und „toxische Männlichkeit“ ist bestimmt nicht zufällig gewählt.
    Im trauten Kreis der feministischen Lesben umschreibt er die Schädlichkeit der Männer allgemein für Frauen und den Rest der Welt, während er bei Nachfrage von außen als Kritik an typisch männlichem Verhalten verstanden werden soll.

    • Natürlich bekommt man es nicht etabliert. – Soll ja auch gar nicht! Das Ziel kann ja nicht noch mehr Entmenschlichung und victim blaming sein.

      Mein Gedanke war, dass man mit so einer Formulierung versuchen könnte, aufzuzeigen, wie schief der schon etablierte Begriff ist. Dass die Chancen da gering sind, ist mir auch klar.

  6. „toxische Männlichkeit“ ist aus dem Wortfundus des Menschenhassertums …
    Es ist eine der Phrasen, die dehumanisieren und gezielt dazu eingesetzt werden.

    Aber die sollen nur zu dumm dazu sein, nicht zu bemerken, wie menschenfeindlich sie selbst sind?

    • @Alex
      „Aber die sollen nur zu dumm dazu sein, nicht zu bemerken, wie menschenfeindlich sie selbst sind?“

      Jein, aber in etwa trifft genau das zu.
      Menschenfeindlichkeit wird mit genau einem Beispiel gelehrt.
      Das wird zu 110% auf übersteigerte Männlichkeit gebügelt.
      Und lehren lässt man’s wiederum das selbstgerechte Geschlecht.

      Ich würde schon vermuten, die sind zur Hälfte nicht zur entsprechenden Abstraktion fähig, und zur anderen Hälfte ausreichend narzistisch, sich im geistigen Mangel sehr gut zu gefallen.

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