Ein interessanter Beitrag zu der Frage, ob unsere Steinzeitvorfahren monogam waren:
Einer der Fundplätze, die bereits am besten mit der neuen Technik untersucht wurden, ist Gurgy »les Noisats« im heutigen Frankreich, etwa 150 Kilometer südöstlich von Paris. 2004 begannen Archäologen dort einen Friedhof aus dem Neolithikum auszugraben, 128 Bestattungen wurden entdeckt.Normalerweise sind von solchen Nekropolen allenfalls einzelne Gräber übrig. Der Rest ist entweder zerstört, oder die Archäologen kommen nicht an die Funde heran, etwa weil inzwischen ein Haus auf ihnen steht, das man nicht einfach so abreißen kann. Häufig fehlt auch schlicht das Geld für umfassende Ausgrabungen. Nicht so in Gurgy.»In Gurgy konnten wir das gesamte Gräberfeld ausgraben, das macht den Fundplatz so besonders«, sagt Wolfgang Haak, der ebenfalls am Max-Planck-Institut arbeitet. Gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam hat Haak die DNA aus den Knochen von Gurgy analysiert, 2023 veröffentlichten sie die Ergebnisse im renommierten Fachblatt »Nature« .
Hier einmal der Abstrakt der Studie:
Social anthropology and ethnographic studies have described kinship systems and networks of contact and exchange in extant populations1,2,3,4. However, for prehistoric societies, these systems can be studied only indirectly from biological and cultural remains. Stable isotope data, sex and age at death can provide insights into the demographic structure of a burial community and identify local versus non-local childhood signatures, archaeogenetic data can reconstruct the biological relationships between individuals, which enables the reconstruction of pedigrees, and combined evidence informs on kinship practices and residence patterns in prehistoric societies. Here we report ancient DNA, strontium isotope and contextual data from more than 100 individuals from the site Gurgy ‘les Noisats’ (France), dated to the western European Neolithic around 4850–4500 bc. We find that this burial community was genetically connected by two main pedigrees, spanning seven generations, that were patrilocal and patrilineal, with evidence for female exogamy and exchange with genetically close neighbouring groups. The microdemographic structure of individuals linked and unlinked to the pedigrees reveals additional information about the social structure, living conditions and site occupation. The absence of half-siblings and the high number of adult full siblings suggest that there were stable health conditions and a supportive social network, facilitating high fertility and low mortality5. Age-structure differences and strontium isotope results by generation indicate that the site was used for just a few decades, providing new insights into shifting sedentary farming practices during the European Neolithic.
Quelle: Extensive pedigrees reveal the social organization of a Neolithic community
Wochenlange Knobelei»Die Arbeit war kniffelig«, erzählt Haak. Das Forschungsteam konnte anhand des Erbguts zwar erkennen, wie eng die einzelnen Menschen miteinander verwandt waren, aber auf welchen Platz sie im Stammbaum genau gehören, darüber sagten die Analysen nichts.»Immer wieder haben wir verschiedene Anordnungen ausprobiert und dabei das Alter berücksichtigt, das Geschlecht sowie die mütterliche und väterliche Vererbungslinie. Bis schließlich alles zusammenpasste – ähnlich wie bei einem Sudoku«, so Haak. Wochenlang habe die Knobelei gedauert.Von ihm sind nur einige Knochen der Arme und Beine übrig, die, zu einem Bündel verschnürt, im Grab einer Frau lagen. Wahrscheinlich hatten seine Hinterbliebenen den Mann exhumiert, um sie in das Grab der Frau zu legen. »Vielleicht«, vermutet Haak, »haben seine Nachfahren die Knochen mitgenommen, als sie umzogen und einen neuen Friedhof gründeten.«
Auffällig viele Brüder bestattet
Warum die Überreste des Mannes im Grab ausgerechnet dieser Frau landeten, ist unklar. »Leider konnten wir ausgerechnet ihre DNA nicht entschlüsseln«, sagt Haak. »Wir hoffen aber, dass es uns mit neuen Methoden doch noch gelingen wird.«Die Analyse der beiden Stammbäume offenbart mehrere Besonderheiten: Die Generationen sind meist ausschließlich über die Männer verknüpft – zu erkennen ist das an jeweils identischen Linien im Y-Chromosom, die nur über den Vater vererbt werden. Die Erblinien in den Mitochondrien wechselten dagegen von Generation zu Generation. Mitochondrien kommen in fast allen Zellen des Körpers vor, wie Kraftwerke versorgen sie diese mit Energie. Auch die Mitochondrien enthalten DNA, die allerdings im Gegensatz zum Erbgut im Zellkern nur über die Mutter weitergegeben wird.Diese Kombination aus beständiger, männlicher DNA und neu hinzukommender weiblicher DNA spricht laut den Forschenden dafür, dass die Männer in Gurgy blieben, während die Frauen von außerhalb in die Gemeinschaft kamen. Das Phänomen wird Patrilokalität genannt.
Dazu passt auch, dass auf dem Gräberfeld auffällig viele Brüder bestattet sind, Schwestern im gebärfähigen Alter sind hingegen deutlich unterrepräsentiert – vermutlich haben sie Gurgy verlassen, um anderswo eine Familie zu gründen. »Möglicherweise gab es einen Austausch mit umliegenden Dörfern«, sagt Haak. So sind einige Frauen, die neu nach Gurgy kamen, entfernt miteinander verwandt.War eine Frau erst in Gurgy angekommen, blieb ihre Partnerschaft den Analysen nach erstaunlich stabil – häufig bekam sie fünf, sechs, sieben Kinder mit ein und demselben Mann. Hinweise auf Halbgeschwister fanden die Forschenden dagegen nicht – ein Indiz dafür, dass die Menschen in Gurgy schon während der Steinzeit in monogamen Partnerschaften zusammenlebten.
Ein Mann, vier Frauen
Manche Forschende halten es für plausibel, dass solche engen Zweierbündnisse eine weitere Neuerung des Neolithikums neben Ackerbau und Viehzucht waren. Schließlich häuften die ersten Bauern wohl deutlich mehr Besitz an als Jäger und Sammler. Sie verfügten über Äcker, Weiden, Vieh, Häuser. Womöglich sollten die engen Partnerschaften sicherstellen, dass die Erbberechtigten eindeutig festzustellen waren und alles in der Familie blieb.Sicher nachweisen lässt sich das jedoch nicht. Gurgy ist einer der wenigen Fundplätze des Neolithikums, der so gut untersucht werden konnte. Ob die ersten Bauern anderswo in Europa ebenso feste Beziehungen eingingen, ist unklar.DNA-Analysen von Knochenfunden am neolithischen Grabhügel Hazleton North in England ergaben etwa, dass ein Mann wohl mit vier Frauen Kinder gezeugt hat. Ob er zeitgleich mit ihnen eine polyamore Beziehung einging oder in einer seriellen Monogamie lebte – sich also erst mit einer neuen Partnerin einließ, wenn ihre Vorgängerin gestorben war –, zeigen die Daten nicht. Aber angesichts solcher Funde ist es fraglich, ob die Beziehungen in der Steinzeit tatsächlich immer exklusiv waren.
Ist die Monogamie also doch eine Erfindung der Neuzeit? »Ja und Nein«, sagt der Evolutionspsychologe Lars Penke von der Georg-August-Universität in Göttingen. Das Ideal, bis zum Lebensende mit ein und derselben Person exklusiv zusammenzuleben, gehe zu einem großen Teil auf gesellschaftliche Konventionen zurück. »Aber die Fähigkeit oder gar der Drang, feste Partnerschaften einzugehen, liegt in der Natur des Menschen«, so Penke.
Er erklärt das evolutionsbiologisch: Die Vormenschen wechselten vor mehr als drei Millionen Jahren in den aufrechten Gang. Das brachte viele Vorteile. Die Hände konnten besser eingesetzt werden, geistige Fähigkeiten entwickelten sich, das Gehirn wuchs, doch auch ein Nachteil zeigte sich: Ein großer Kopf in Kombination mit dem aufrechten Gang passt nicht durch den Geburtskanal, denn durch das aufrechte Gehen ist das Becken von Frauen vergleichsweise schmal.Im Laufe der Evolution löste sich das Problem, indem menschliche Babys besonders unfertig zur Welt kommen – zu einem Zeitpunkt, an dem ihr Kopf gerade so durch den Geburtskanal passt. Nach der Geburt benötigen menschliche Neugeborene deshalb besonders viel Fürsorge. Es vergehen Monate, bis die Babys beginnen zu krabbeln, geschweige denn zu laufen und feste Nahrung zu sich nehmen.Wochen auf der Brut
Bringt eine Art so hilfsbedürftigen Nachwuchs hervor, hat sich in der Natur mehrfach und unabhängig voneinander eine Strategie durchgesetzt: die Paarbindung. »90 Prozent der Vögel leben zum Beispiel in Paaren zusammen, teilweise ihr ganzes Leben lang«, erklärt Penke. Auch ihre Nachkommen benötigen besonders viel Pflege.
Bevor sie überhaupt Eier legen können, müssen die meisten Vogeleltern aufwendig Zweige, Blätter, Moos heranschaffen, um ein Nest zu bauen. Dann müssen sie abwechselnd über Tage oder gar Wochen auf der Brut hocken und sie wärmen. Später müssen sie den anfangs nackten und blinden Küken konstant Futter in die Schnäbel stopfen, bis diese endlich flügge werden und davonfliegen. Im Jahr darauf beginnt alles von vorn. Eine solche aufwendige Aufzucht kann nur bewältigen, wer sich zusammentut, kein Elternteil kann das allein bewerkstelligen. Ähnlich ist es vermutlich bei Menschen. »Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei nahezu allen Spezies mit Paarbindung die gleichen Gene hochreguliert werden«, sagt Penke. »Auch wenn sie in der Abstammungslinie weit voneinander entfernt liegen wie Menschen und Vögel.« Zudem spielen Hormone eine wichtige Rolle, etwa das als »Kuschelhormon« bekannte Oxytocin oder das »Treuehormon« Vasopressin, das laut Untersuchungen bei manchen Wühlmäusen mit dazu beiträgt, dass sich Männchen fest binden.
»Nur etwa drei Prozent der Säugetiere gehen wie Menschen feste Partnerschaften ein«, sagt Penke. »Selbst unter Primaten kommt das Phänomen fast nie vor.« Im Vergleich zu Menschen sind die Kinder von Affen jedoch bereits bei der Geburt weit entwickelt. Die Babys unserer nächsten Verwandten, den Schimpansen, halten sich schon direkt nach der Geburt recht eigenständig am Fell der Mutter fest und laufen deutlich früher.»Für die Ewigkeit und zwingend exklusiv sind Paarbindungen bei Menschen von Natur aus allerdings nicht«, sagt Penke. Einige Menschen bräuchten den Kick, sich ständig neu zu verlieben. Andere schätzten es, ihren Partner exklusiv für sich zu haben und seien heilfroh, nicht ständig neu auf die Suche gehen zu müssen.
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