Erfahrungen einer Frau in einem technischen Beruf und mit Diskriminierung allgemein

Leserin Sophie schildert ihre Erfahrungen als Frau in einer eher männlich geprägten Branche wie folgt:

Ich geb mal als bekennende Verräterin (:D stolz drauf) in den Augen der Feministen meinen Senf dazu. Da ich selbst relativ junge, noch Kinderlose Ingenieurin bin (Werkstofftechnik, Schweißfachingenieur in einem klassischen Stahlbauunternehmen), kann ich da einen exemplarischen Einblick in die angebliche Diskriminierungshochburg geben:
Unter meinen Kollegen (eher der, „klassische“ Männertyp, gut ausgebildet, technisch, liebt Fußball und Männerabende) gibt es aus meimer Sicht keine offene Diskriminierung. Es ist also alles entspannt. Ich habe öfters mal den Eindruck, dass man mir Unwissenheit unterstellt und dann sich mit Erklärungen etwas wichtig tut (Feninisten würden es Mens-plaining nennen) . Das beziehe ich jedoch nicht auf mein Geschlecht, sondern eher auf meine Introversion (Schweigen wird ja oft als Schwäche interpretiert, oft von Extravertierten) und meinen Status als Neuling. Ich bin aber auch seit jeher mehrheitlich mit Männern und ausgewählten Frauen aus meinem technischen Bereich befreundet und daher gegen einige Witzchen abgehärtet (wobei andere darauf heftiger reagieren – ich kenne den Werkstattslang und mag des exquisiten Frauen-Geschmack, ausgedrückt durch die Erotikkalender in der Werkstatt – trotz Heterosexualität ;o) ). Wenn ich Sexismus erlebt habe, dann eher von wenigen Doktoren und Professoren an meiner Uni und das auch nur von denen, die generell machtgeil sind und nur bei Frauen die Sexismuskarte in ihrem Dominanzgerangel spielen, weil sie glauben, jede Frau springt drauf an). Nie und ausdrücklich nie erlebte ich Diskriminierung von Arbeitern in der Werkstatt. Die reagieren allesamt positiv auf mich als Ingenieurin, obwohl ich definitiv optisch eine Gewichtsklasse über dem „Ideal“. Nettigkeit aus Geilheit wird seitens der Feministen den Männern oft unterstellt. Kann ich ausdrücklich verneinen. Was tatsächlich stimmt: Frauen schieben Meinungsverschiedenheiten oft auf Geschlschterunterschiede, als auf eigen /beidseitig verursachte Kommunikationsprobleme. Gerade klischeehaft die Frauen aus der Buchhaltung und Sekretärinnen. Unser Chef ist genderneutral cholerisch – der brüllt alle an :D. In meiner Firma bin ich leider jetzt die einzige Frau im Technikbereich (die anderen eher in den Finanzen und Buchhaltung). Ich erlebe aber, bei meiner Vorgängerin war es auch so, dass bei uns die (5) Frauen in der Firma, mich eingeschlossen, vorwiegend Überstunden machen (40h pro Woche + nicht vergütete 10 ÜS sind bei mir die Arbeitszeit, keine Gleitzeit, Osten). Wobei die Männer eher darauf achten pünktlich zu gehen. Der Chef hat aber keine Führungsqualitäten. Wir Frauen kuschen eher aus falschem Autoritätsglauben und Pflichtbewusstsein, anstatt es richtig zu machen (ich nehm mich da nicht raus).
Das einzige, was ich erlebt habe, und auch von meinen Kolleginnen (2 gegangen, eine wie ich aus der Tätigkeit bewerbend) bestätig bekommen habe, dass man als junge, kinderlose Frau etwas länger sucht. Der AG hat halt die übliche Schwangerschaftangst. Nach der Uni hatte ich 4 Monate länger gesucht als mein Partner (gleicher Abschluss, gleiche Uni, gleiches Alter) und ich hatte mehr neben dem Studium gearbeitet plus mein SFI. Ich hatte eine höhere Absagenquote. Dasselbe erlebt meine Kollegin im Betrieb (Wirtschaftsingenieurin). Sie sucht auch gerade krampfhaft seit einem Jahr. Nun kann ich Bewerbungsfehler bei ihr nicht ausschließen, aber da ergbit sich eine kleine Differenz von Seiten der AG beim Bewerben. Gehaltstechnisch verdiene ich 4000 Euro mehr Brutto als mein Partner. Das kann aber Branchenabhängig sein und ich habe besser verhandelt :D. Also kein Gender Pay Gap von meiner Seite. Probleme auf Arbeit sind eher kommunikativer und persönlicher Natur. Frauen und Männer haben halt andere Sozialstrukturen und geschlechtertypische Eigenarten in der Kommunikation. Daher empfinde ich es als anstrengend inzwischen die einzige Frau im technischen Bereich zu sein, da ich naturgemäß aus dem üblichen Verbrüderungssaufen ausgeschlossen werde. Ich hätte gern mal eine 2. Ingenieurin/Technikerin mit der ich mal fachlich reden kann. Ich bin aber trotzdem gegen eine Quote (außer, wenn es auch eine Männerquote in Frauenberufen gibt). Ich würde mich diskriminiert fühlen durch eine Quote. Wenn ich mir ein Verhältnis wünschen könnte, dann Frau:Mann=10:90 bis 60:40 (zu viele Frauen sind mir persönlich zu anstrengend, die Sozialstruktur sollte nicht zu homogen sein. Also mein Verhältnis im technischen Bereich Frau:Mann=1:80, gesamt 6:83 ist einfach zu wenig. 20% kann man schon versuchen such als Wunschziel zu setzen und eben nicht jeder Frau im gebärfähigem Alter unterstellen, sie würde 3 Monate nach der Einstellung gleich Schwanger werden. Nicht jede Frau will ein Kind.
Ich denke Frauen müssen einfach Eier(stöcke) haben und sich in die Branchen trauen. Männer sind generell in der Mehrheit ziemlich angenehme Menschen (einzelne Personen mit Minderwertigkeitskomplexen ausgeschlossen). Tatsächlich werden Frauen, die offen sagen, dass sie keine Kinder wollen, von ihrem Umfeld (auch von Kollegen sehr stark dikriminiert).
Mein Fazit als „Betroffene“: hinter der Diskriminierungsdebatte steckt aus meiner Sicht mehr eine gefühlte Wahrheit und weniger Fakten. Die Frauen sollten weniger reden, sondern mehr den Männern Karrieretechnisch folgen.
Und zu der „wer bleibt zu Hause“-Debatte: einfach festlegen 3Monate +1Jahr Frau, dann 1 Jahr der Mann oder eine teure Nanny, dann Kindergarten. Aber keine Frau traut sich das Prinzip durchzusetzen: „Wir beide gleich lange Elternzeit, oder kein Kind.“. Da knickt dann die Frau ein. Ich verstehe nicht, warum Frau nicht temporär für einige Jahre bereit sind die Alleinversorgerin zu sein. Ich kenne einige Männer, die das cool finden würden (sagen sie).

29 Gedanken zu “Erfahrungen einer Frau in einem technischen Beruf und mit Diskriminierung allgemein

  1. Schöner Beitrag. Was ich nicht verstehe:

    „Tatsächlich werden Frauen, die offen sagen, dass sie keine Kinder wollen, von ihrem Umfeld (auch von Kollegen sehr stark dikriminiert).“

    In welcher Form und wo hat sie das erlebt?

    • Wer so sorglos mit Klammersetzung umgeht, hat vermutlich auch eine laissez faire Einstellung zur Semantik.
      Insofern vermute ich, dass „diskriminiert“ hier die Bedeutung hat: Menschen sprechen sie verwundert darauf an, dass sie keine Kinder haben will, wo doch die meisten Frauen das auf ihrer Wunschliste haben.

  2. Danke für den Bericht. Ich kann das, als Ing. im Bereich Entwicklung+Konstruktion im Automotive-Zulieferer-Bereich, durchaus bestätigen. Frauenanteil im Bereich der technischen Belegschaft: < 10%; eine Entwicklerin und 2 FMEA-Moderatorinnen. Sehr angenehme Personen, da naturwissenschaftlich fundiert gebildet und geerdet. Allerdings werden auch die vom "Verbrüderungssaufen" ausgeschlossen (wobei es nicht um "Saufrunden" und "Networking" geht, sondern um kleine Gruppenausflüge zum nächsten Steak-Haus oder Inder). Das hat nichts damit zu tun, ob diese Frauen angenehm oder unangenehm sind, das ist mMn eher was Grundsätzliches.

    Das mit der Kinderfrage trifft aber nicht nur auf Frauen zu, auch ich habe als Mann schon Bewerbungsgespräche durchlaufen, in denen ich unverblümt gefragt wurde (ausnahmslos von Frauen aus dem HR-Bereich), ob denn meine Familienplanung schon abgeschlossen ist (da ja die Möglichkeit bestünde, daß ich ein Jahr Elternzeit nehmen könnte oder ein Sabatical (??)). Aller Anfang ist schwer, gerade für frische Absolventen (und -innen….), die meisten Arbeitgeber wollen eben die 20-jährige eierlegende Wollmilchsau mit 30 Jahren internationaler Berufserfahrung und kleinen Gehaltswünschen. Da hat man es auch als Mann schwer. Nach ein paar Jahren mit Berufserfahrung sieht das schon anders aus.

    Weiterhin alles Gute und viel Spaß und Erfolg im Job!

    • „sondern um kleine Gruppenausflüge zum nächsten Steak-Haus oder Inder“

      Also bei uns war es immer eine Frau, die solche Ausflüge plante und sie ging natürlich mit. Unter männlichen Software-Nerds ist die „Frau Nerd“ halt dann doch immer noch die sozialste, die sich um sowas kümmert.

      • @anorak2

        @beweis hat da schon die richtigen Worte gefunden. Es geht nicht darum, daß niemand die Frauen leiden kann. Es geht darum, daß man nicht einschätzen kann, welche Tragweite Gesagtes haben kann. Schließlich soll es kein formelles Arbeitsessen sein, sondern ein entspannender „Absacker“ nach der Arbeit. Und da will ich einfach nicht fünfmal überlegen müssen, ob ich nun den einen oder anderen Witz erzählen darf, oder ob sich die junge Frau nun vom Begriff „Mädel“ beleidigt fühlt oder nicht. Nix da.
        Ich persönlich meide auch Betriebsfeiern (Sommerfest, Weihnachtsfeier o.ä.), weil mir die Kombination aus Alkohol, Gemütlichkeit, Vorgesetzem und Personalabteilung einfach zu heiß ist….

  3. Das mit dem „Verbrüderungssaufen“ überrascht mich jetzt aber doch. Ich dachte bisher immer, das wäre ein Klischee, da bei uns (wissenschaftlicher Bereich) die Damen immer gern mitgenommen werden zu sämtlichen Ausser-Büro-Events (sie gehen vllt. nicht genauso häufig mit, aber das ist ja nochmal was anderes). Ich würde mich ehrlich gesagt ein bisschen komisch fühlen, selbst zum Steakhaus oder zum Inder explizit nur die Männer zu fragen (und kann auch verstehen, wenn sich die ein oder andere Frau da ausgeschlossen fühlt, schliesslich werden ja schon auch Interna zur Sprache kommen, die sie dann eben nicht mitkriegt).

    • @OneTwoMany

      Dafür gibt es dann aber auch reine Frauengrüppchen, die sich untereinander zum Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder zum Essen+Schnacken verabreden.

    • @OneTwoMany
      Zusatz:

      Da kommen auch nicht alle Männer der Abteilung mit, es geht nur um kleine Grüppchen von 4-5 Personen. Bei einer Abteilungsgröße von ca. 35 Leuten ist es eh schwierig, mal einen zeitnahen Termin zu finden, an dem ALLE mal können und wollen und eine Einigung auf eine Lokalität glückt.

  4. Gefühlt jede Woche gibt es eine Studie, nach der Frauen fast immer und überall sexuell belästigt werden, meist verbal. Lob über das Kleid, unterirdischer Bondinenwitz, Sprüche mit sexualisiertem Hintergrund.

    Wenn man dann nach Feierabend einen Absacker trinken geht und nicht die ganze Zeit aufpassen will, ob das aus dem Mund Gepurzelte vielleicht als sexuell belästigend angesehen werden kann, lädt man die junge Mitarbeiterin nicht ein. Ist sonst zu riskant, zu angespannt. Das braucht man nicht nach Feierabend. Außerdem wird sie so ja auch geschützt vor dummen Sprüchen, Anmachen, Anzüglichem.

    Spätestens seit #Aufschrei und #Metoo wissen wir, dass männliches unbedarftes Plappern inzwischen hart an der Grenze zum Strafbaren steht, auf jeden Fall aber bei manchen Schneeflöckchen bleibende Schäden hervorruft.

    Der Gentleman von heute schützt also die Frauen, indem er sie nicht zum Absacker mitnimmt. Sie kann sich dann in geschützte Räume zurückziehen, wo garantiert kein verschrobener Männerspruch reinkommt.

    • @Beweis

      „Der Gentleman von heute schützt also die Frauen, indem er sie nicht zum Absacker mitnimmt. Sie kann sich dann in geschützte Räume zurückziehen, wo garantiert kein verschrobener Männerspruch reinkommt.“

      Jenau so isses……

  5. Ein paar Anmerkungen und Rückfragen von mir (Physik-Diplom, zwei Jahre angestellt als Berechnungsingenieurin bei einem Großkonzern, danach selbständig als freiberufliche Programmierschlampe Softwareingenieurin und IT-Beraterin für eine branchenspezifische Technologie, inzwischen technische Geschäftsführerin eines mittelständischen Hightech-Unternehmens):

    noch Kinderlose

    Noch?

    In meiner Firma bin ich leider jetzt die einzige Frau im Technikbereich

    Wieso leider?

    Gerade klischeehaft die Frauen aus der Buchhaltung und Sekretärinnen.

    Bei uns sind die Damen aus dem Markting die schlimmsten. Die Sekretärin und Bürokräfte sind in Ordnung, aber auch schon etwas älter.

    Der Chef hat aber keine Führungsqualitäten.

    Mit Verlaub – das kannst du, @Sophie, gar nicht beurteilen. Du schreibst oben selbst, du seiest noch Neuling. Dein Chef wäre nicht in seine Position gekommen, wenn seine Vorgesetzten oder Kunden ihm keine Führungsverantwortung zutrauen würden.
    Oder meinst du, du als Neuling könntest dies besser beurteilen als seine Vorgesetzten und Kunden?

    An dieser Stelle ein Hinweis auf die „Karriereberatung für Ingenieure“, die ich seit vielen Jahren mit großem Gewinn in den VDI-Nachrichten lese.

    da ich naturgemäß aus dem üblichen Verbrüderungssaufen ausgeschlossen werde

    In all meinen Jahren im MINT-Umfeld habe ich mich niemals aufgrund meines Geschlechts ausgeschlossen gefühlt. Bei Veranstaltungen oder „Verbrüderungssaufen“ war ich immer willkommen, habe jedoch von mir aus einige Male abgelehnt|verzichtet, wenn mir das geplante Ereignis nicht zusagte.

    20% kann man schon versuchen such als Wunschziel zu setzen

    Ich hatte es schon beim Originalkommentar gefragt, und wiederhole mich: Warum?
    Was hat der Arbeitgeber von einem Frauenanteil von 20%? Du persönlich magst dich dabei subjektiv wohler fühlen, ein überzeugender Grund ist dies nicht.

    Es gäbe noch viel mehr zu sagen, aber momentan habe ich nicht mehr Zeit.


    • Der Chef hat aber keine Führungsqualitäten.

      Mit Verlaub – das kannst du, @Sophie, gar nicht beurteilen. Du schreibst oben selbst, du seiest noch Neuling. Dein Chef wäre nicht in seine Position gekommen, wenn seine Vorgesetzten oder Kunden ihm keine Führungsverantwortung zutrauen würden.“

      Klar kann sie das. Führungsqualitäten kann man sowohl von oben, wie auch von unten, von innen und auch von außen bewerten und jedesmal wird die Bewertung eine andere sein.

      Ein Chef der von den Aktionären hochgelobt wird, kann bei seinen Untergebenen verhasst sein und umgedreht. Es ist durchaus möglich, dass seine Qualitäten nach innen mangelhaft sind, Herumbrüllen deutet doch ziemlich deutlich in diese Richtung. Cholerische Chefs können eine echte Zumutung sein und auch ziemlich viel Potential dadurch verschenken, dass die Mitarbeiter dann z.B. nur noch Dienst nach Vorschrift machen oder aus Angst Sachen verschweigen. Solange das wirtschaftliche Umfeld passt, mag das egal sein, aber wehe die Firma gerät mal (unverschuldet) in Schieflage, dann kann sowas das Zünglein an der Waage sein.

      Ich habe meinem ersten Chef u.a. deswegen gekündigt, obwohl ich die Firma interessant fand und der mir das duale Studium finanziert hatte. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Wenn die geschickte Mitarbeiterführung nicht zu Führungsqualitäten zählt, was dann?

      • Das einzige Kriterium für Führungsqualitäten ist (dauerhafter) geschäftlicher Erfolg.
        Wenn dieser Chef keine Führungsqualitäten hat, warum laufen dann seine Mitarbeiter nicht scharenweise weg? Warum ist das ganze Unternehmen nicht schon längst insolvent? Warum unterstützen ihn seine Vorgesetzten bzw. seine Kunden?

        Wir haben lediglich Sophie’s Aussage, ihr Chef sei „cholerisch“. Wir wissen nichts über das Ausmaß oder die Häufigkeit. Vielleicht ist sie auch besonders empfindlich – wer weiß.
        Selbst wenn seine Fähigkeiten, Mitarbeiter zu motivieren und zu binden, zu wünschen übrig lassen, so hat er möglicherweise andere Fähigkeiten (z.B. Aufträge zu akquirieren), die das mehr als ausgleichen.
        Völlig ohne Führungsqualitäten (das war Sophie’s Behauptung) kann er nicht sein. Sonst hätten ihn seine Vorgesetzten, die Gesellschafter oder Kunden schon längst fallen lassen.
        Insbesondere als Neuling hat sie kaum Einblick in interne Geschäftsprozesse oder Hintergründe. Sie kann nicht einschätzen, wie gut ihr Chef seine sonstigen Führungsaufgaben wahrnimmt.

        Ich verweise noch mal auf Heiko Mell, der diese Zusammenhänge viel besser erklären kann als ich:
        https://www.ingenieur.de/karriere/arbeitsleben/heiko-mell/notizen-praxis/333-warum-es-unfaehigen-vorgesetzten/

        • @Anne Nühm

          „Sie kann nicht einschätzen, wie gut ihr Chef seine sonstigen Führungsaufgaben wahrnimmt.“

          Man muss kein Huhn sein, um die Qualität eines Eis beurteilen zu können. Natürlich kann ein Mitarbeiter sich ein fundiertes Urteil darüber bilden, wie gut sein Chef im Bereich der Mitarbeiterführung ist. Vielleicht nicht auf seinen anderen Tätigkeitsfeldern, aber auf dem einen schon. Deine übrige Argumentation lautet zusammengefasst „Wer Chef ist, muss kompetent sein, sonst wär er keiner“. Das ist ein non sequitur.

          • „Wer Chef ist, muss kompetent sein, sonst wär er keiner“.

            Nicht ganz, eher: „Wer Chef bleibt, muss kompetent sein, sonst bliebe er keiner“.
            Temporäre Fehlbesetzungen können durchaus vorkommen. Aber wenn sich früher oder später seine komplette Inkompetenz (einzelne Schwächen hat jeder) herausstellt, werden seine Vorgesetzten im eigenen Interesse die Reißleine ziehen und ihn ersetzen, bzw. die Kunden und Aufträge werden ausbleiben. Ein wirklich inkompetenter Chef kann sich nicht auf Dauer halten. (Gilt für Privatwirtschaft. Im öffentlichen Dienst könnte das anders aussehen.)

            Frei nach Mell: „Ein guter Chef ist, wen sein Chef [bzw. Kunden] dafür hält.“

            non sequitur

            Gleichgewichtszustand.

            Da wir schon bei Umkehrschlüssen sind: Die Umkehrung von Sophie’s Aussage „Der Chef hat aber keine Führungsqualitäten“ wäre „Der Chef hat mindestens eine Führungsqualität“.

            BTW – noch ein weiterer Aspekt: Wer als Bewerber in einem Vorstellungsgespräch so negativ über seinen aktuellen|früheren Chef herzieht, disqualifiziert sich dadurch selbst.

        • Also gut, reden wir über unfähige Chefs.

          Anfangen möchte ich mit Angela Merkel. Absolut unfähig im Sinne von „zum Wohle des Volkes“ regieren.
          Kennt jemand einen fähigen Minister? Ich nicht. Die Ebene darunter kenne ich nicht, habe aber erhebliche Zweifel.
          Schauen wir auf die Deutsche Bank, seit Jahren nur Nieten nur der Spitze. Die Ebene darunter wird nicht minder schlecht sein.
          In meiner Vergangenheit durfte ich mal versteckter GF sein, da der Stelleninhaber ein Versager war. Er stand aber unter dem Schutz des Eigentümers, warum auch immer. Ich habe es nie rausgefunden. Jedenfalls bekam er mich heimlich vor die Nase gesetzt und war damit sogar glücklich. Ich steuerte den Laden, erstellte die Vorlagen und er zeichnete blind ab. Jeder in der Firma wusste es und jeder wusste auch, das es besser war so zu tun als ob.
          Es gibt schlechte Chefs und es gibt Geschäftsfelder, die das verkraften können. Ich habe genug Firmen erlebt, in denen die Indianer gegen die Häuptlinge gearbeitet haben, um die Firma letztlich doch am Leben zu halten.

          In logisch funktionierenden Firmen gibt es das aber nicht. Aber wenn es im Leben logisch zugehen würde…..das verkneife ich mir jetzt

          • „Es gibt schlechte Chefs und es gibt Geschäftsfelder, die das verkraften können. Ich habe genug Firmen erlebt, in denen die Indianer gegen die Häuptlinge gearbeitet haben, um die Firma letztlich doch am Leben zu halten.“

            So ist es.

            Mein Klitschenchef war unter anderem deshalb so unerträglich, weil er manchmal widersprüchliche Forderungen stellte oder Anweisungen vergessen hatte und dann darüber tobte, dass wir gemacht hatten, was er verlangt hatte. Bei sowas geht nicht mal mehr „Dienst nach Vorschrift“. Dummerweise war er auch noch Geschäftsführer. Auf den Versuch seine Anweisungen gegenzeichnen zu lassen, reagierte er ziemlich angesäuert 🙂

            Trotzdem war das Produkt damals (noch) gut und er verkaufte mehr, als wir herstellen konnten. Das konnte er, nützt halt nur nichts, wenn die Mitarbeiter dann unter der Hand wegbröseln. Aber die meisten waren aus der Umgegend und hielten ihm wohl trotzdem weiter die Treue.

            Bei unserer jetzigen Firma bin ich derjenige der bleibt, trotz zeitweisen Insolvenzverfahren. Das Produkt wird nurmehr von drei Leuten getragen, während die Chefs quasi dauernd wechseln. Keiner von denen hat nennenswerten Anteil daran und unsere Arbeit besteht darin, geschickt die Zumutungen von Controlling, Bürokratie und Chefetage usw. zu umgehen. Derjenige der am meisten verkauft und die Entwicklungsrichtung vorgibt, ist witzigerweise nur eine Art informeller Chef und schirmt uns weitgehend nach oben ab, damit wir ungestört arbeiten können.

          • Jo, ich durfte mal eine Niederlassung sanieren. War lustig. Die Vertriebsmannschaft sollte auf Anweisung des Vertriebsvorstandes umfangreiche Berichte erstellen. Die Jungs waren mehr im Büro, als beim Kunden. Der Laden lief natürlich nicht. Die Lösung war, das ich als ehemaliger ITler einen Bullshitgenerator entwickelt hatte und den Jungs die Arbeit im Büro ersparte. Die Vertriebsleute durften auf meine Anweisung nur Freitags im Büro erscheinen und ihre Aufträge abliefern. Wir haben den Vertriebsvorstand komplett verarscht und Aufträge ohne Ende geholt. Die Firma drehte von Verlust auf fetten Gewinn in weniger als einem Jahr. Ich habe dort absolut nix gearbeitet, hatte ja auch keine Ahnung von der Materie, aber die Leute dort konnten ihren Job. Der Deal war, die Jungs bringen Aufträge und haben ihre Ruhe und ich trinke Kaffee und surfe im Internet. War urgemütlich.
            Leider flog die Sache auf und ich war meinen bequemen Job los. Anweisungen vom Vorstand sabotiert, Millionen gemacht, aber letztlich ein Verräter. Aber der letzte Handschlag war war sehr sehr teuer 🙂

          • Anfangen möchte ich mit Angela Merkel. Absolut unfähig im Sinne von „zum Wohle des Volkes“ regieren.

            Solange es genügend Wähler gibt, die ihre Stimme entsprechend vergeben, ist sie demokratisch legitimiert.

            Davon abgesehen bezogen sich meine Ausführungen, auch wenn ich nicht ausdrücklich darauf hingewiesen habe, auf gewinnorientierte Unternehmen, insbesondere, aber nicht ausschließlich in technischen Branchen.

        • „Das einzige Kriterium für Führungsqualitäten ist (dauerhafter) geschäftlicher Erfolg.“

          Ich wüsste nicht, warum man das so eingeschränkt sehen sollte. Ein Geschäftsführer führt ja nicht nur das Geschäft, sondern eben auch seine Mitarbeiter. Und bei Letzterem kann er ein elendiger Versager sein, solange die Konkurrenz nicht allzu hart ist und er irgendwie Gewinne einfährt. In manchen Branchen ist die Fluktuation Teil des Konzeptes, man nutzt die Mitarbeiter aus, bis sie es nicht mehr aushalten, dann stellt man die nächsten ein. Geht natürlich in der Gebäudereinigung eher, als in der Softwarebranche. Aber ich würde mich weigern, so jemandem gute „Führungsqualitäten“ zu bescheinigen.

          „Wenn dieser Chef keine Führungsqualitäten hat, warum laufen dann seine Mitarbeiter nicht scharenweise weg?“

          Zwischen gut und unerträglich gibt es ein weites Spektrum. Jeder hockt normalerweise auf einem Job, der ein guter Kompromiß zwischen Erreichbarkeit, Gehalt usw. darstellt und von dem aus eine Verbesserung nicht so einfach möglich ist. Wer kann verschwindet aber offenbar, Zitat:

          „Das einzige, was ich erlebt habe, und auch von meinen Kolleginnen (2 gegangen, eine wie ich aus der Tätigkeit bewerbend“

          So war es bei mir auch, so lange man keinen neuen und akzeptablen Job hat, ist man normalerweise genötigt, es weiter auszuhalten. Manche meiner Kollegen sind immer noch dort beschäftigt, weil leidensfähiger und nicht bereit umzuziehen.

          „Warum ist das ganze Unternehmen nicht schon längst insolvent? Warum unterstützen ihn seine Vorgesetzten bzw. seine Kunden?“

          Die Kunden wollen was von ihm, die Vorgesetzten (falls es welche gibt) haben manchmal seltsame Vorlieben. Ich habe schon außerordentliche Versager als Chefs gehabt, seit ich in einer größeren Firma arbeite (vorher das war eine Klitsche). Oft sind die am Anfang recht erfolgreich und hintenraus verschwinden sie dann mit goldenem Handschlag, während die Firma an der Fehlplanung fast kaputt geht. Da hatten wir auch so einen Choleriker, der zwar fachlich sehr gut war, aber softwaremäßig katastrophale Entscheidungen getroffen hat und jeden niederbrüllte, der ihm widersprochen hat. Der sitzt jetzt mit verdoppeltem Gehalt bei den Saudis, während die Firma seit Jahren mit dem Mühlstein belastet ist.

          „https://www.ingenieur.de/karriere/arbeitsleben/heiko-mell/notizen-praxis/333-warum-es-unfaehigen-vorgesetzten/“

          Ich zitiere mal:
          „Oder so: Hinter jedem unfähigen Manager steht ein Chef, der ebenfalls unvollkommen sein muss. Und gegen so viel geballte Unfähigkeit ist von unten her nichts auszurichten. Dann geht man lieber.“

          Das ist die Sichtweise einer jungen mobilen Fachkraft, die leicht eine bessere Stellung finden kann. Ein unfähiger Chef kann übrigens auch ganz gut sein (wenn er nicht gerade cholerisch ist), er bemerkt nämlich nicht, wenn man selbst mal Schei**e baut.

          Fachlich taugen die meisten Chefs wenig, ihre Kunst ist meist das Jonglieren mit Zahlen. Gelingt das nicht (weil sie fachlich halt Versager sind und entsprechend aktionistische Fehlentscheidungen treffen), verabschieden sie sich schnellstmöglich.

          Ich als „Angestellter“ sehe meine Aufgabe sogar teilweise darin, den Blödsinn aus der Chefetage möglichst kreativ auszulegen oder zu boykottieren, um vernünftig weiterarbeiten zu können. Und fast immer ist so, dass man nur Geduld haben muss, in großen Firmen sind Umstrukturierungen und Fluktuationen offenbar ein lästiger Dauerzustand. Ein bisschen zuwarten und der eine unfähige Chef wird durch einen anderen ersetzt, der mit etwas Glück nicht ganz so eine Niete ist…

          • Ich habe bis zum Rentenalter nie einen guten Chef erlebt. Das Attribut „Führungsqualitäten“ ist ein Konstrukt der Personalabteilung und der jeweils höheren Hierarchieebene. Besonders das Middle Management besteht i.d.R. aus Pfeifen, die als Sachbearbeiter unbrauchbar sind, aber nicht am Stuhl ihres Vorgesetzten sägen können. Nur so kann die Hierarchie überleben. Führungsqualitäten sind ein Konzept aus der der Welt der Herdentiere, die vom aristokratischen Militär als natürliche Ordnung gesetzt wurden und von der Industrie übernommen wurden. Selbstbestimmte Menschen in produktiven Teams brauchen das eigentlich nicht.

          • Jochen,

            die Aufgabe des mittleren Managements ist lediglich die Pufferfunktion für das Senior Management gegen die Zumutung mit der Realität (und dem Plebs) in Kontakt zu kommen. Solange sie das schaffen, ist der Job sicher. Führungsqualität braucht es da so wenig wie fachliche Kenntnisse. 😉

          • Ein Geschäftsführer führt ja nicht nur das Geschäft, sondern eben auch seine Mitarbeiter.

            Letztendlich zählt doch, was unter dem Strich rauskommt. Die Mitarbeiter sind fraglos wichtig. Ohne entsprechend qualifizierte und engagierte Mitarbeiter, die die ihnen aufgetragenen Arbeiten erledigen, geht das Unternehmen den Bach runter.
            Dennoch sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Mitarbeiter nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit und Güte angestellt sind. Sie sind primär Mittel zum Zweck, die Arbeit zu erledigen. Für ordentliche Arbeit gibt es im Gegenzug eine anständige Bezahlung.

            In manchen Branchen

            Meine Erfahrungen beschränken sich auf technische Branchen (was den ursprünglichen Blogpost entspricht). Andere Branchen können abweichen.

            Es muss auch nicht der bestmögliche Chef sein. Es reicht, wenn seine Fähigkeiten genügen, um die von Geschäftsleitung oder Kunden vorgegebenen Vorgaben zu derer Zufriedenheit umzusetzen.

  6. Würd nicht jeder Mann schon bevor er in den Arbeitsmarkt eintritt fünf fälle von Versorgungsschwangerschaften und entsprechendem Unterrichtsausfall mitbekommen, dann wären die Vorbehalte vielleicht auch kleiner.

    Ist halt blöd, wenn von der Frauengruppe mit der schlimmsten Arbetismoral sozialisiert wird.

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