Berichte aus den Gender Studies: Anna Schneider

Anna Schneider berichtet von ihrem einen Semester Gender Studies, dass sie absolviert hat um sich dort ein eigenes Bild zu machen, ob die Kritik berechtigt ist (Autorin ist auch auf Twitter) . (siehe auch bereits Arne)

Zwei der von mir besuchten Lehrveranstaltungen waren Vorlesungen, die eine zum Thema Theorien und Methoden, die andere zum Thema Einführung in die Gender Studies. Es schien, als ob die meisten Kolleginnen (die zwei bis drei Kollegen äußerten sich erst gegen Ende des Semesters regelmäßiger) schon mit ­einem gewissen vorgefertigten Weltbild in den Lehrsaal gekommen wären. Das bestätigte sich in der ersten Lehrveranstaltungseinheit der Theorievorlesung, als nicht bloß eine auf die Frage der Lehrveranstaltungsleiterin, was wir denn unter dem Begriff Geschlecht verstünden, wie aus der Pistole geschossen mit: Herrschaftsstruktur! antwortete. So weit, so eigenartig, entließ uns die Lehrveranstaltungsleitende vorerst mit den Worten: „Wir haben weder eine gemeinsame Lösung noch ein gemeinsames Ziel, nichts ist falsch. Es ist schön, dass sich so viele Menschen Gedanken machen“ in unser erstes Semester.

„Nichts ist falsch“ (solange es im groben in unsere Theorien passt) würde ich vermuten. Auf die Idee berechtigter Kritik kommt man dort ja meist nicht.

Aber ich möchte diesen Vorlesungen nicht unrecht tun. Im Laufe des Semesters präsentierten uns die Lehrveranstaltungsleiterinnen Theorien von Positivismus bis Postmoderne, auch die Prüfung am Ende des Semesters war entsprechend anspruchsvoll. Allerdings: Einmal wagte ich zu widersprechen. Es ging zunächst um die Theorie Marx’ und die feministische Kritik daran, er würde sich nur auf die Klassenfrage fokussieren und dabei die Reproduktionsarbeit übersehen; daran anschließend diskutierten wir über das heute dominierende System des Kapitalismus, der nach der Meinung einiger Diskussionsteilnehmerinnen dafür sorge, dass Nichterfolg im Leben ein persönliches Problem sei. Außerdem sei er schuld daran, „dass immer gearbeitet werde“.

Sofort befanden wir uns mitten in einer Debatte über das Frauenvolksbegehren, das, nicht nur meiner Meinung nach, ein ausgesprochen linksgerichtetes Unterfangen ist, beispielsweise mit seiner Forderung nach einer 30-Stunden-Woche für alle. Genau diese Meinung äußerte ich und traf offenbar einen Nerv: Nicht die Lehrveranstaltungsleiterin (die allerdings auch an anderer Stelle meinte, sie sei jedenfalls Arbeitssozialistin), aber einige meiner Kolleginnen sahen mich an, als wäre ich Herbert Kickl höchstpersönlich – wie, was daran links sei? Und überhaupt, wie könne Kapitalismus jemals gut für Frauen sein? Und überhaupt außerdem, wieso heißt es eigentlich Frauenvolks­begehren und nicht nur Volksbegehren? Nun, weil Letzteres implizieren würde, jeder lebte gerne in einer eher an den Sozialismus angelehnten Gesellschaftsordnung, aber diesen Kommentar behielt ich dann doch lieber für mich. Es war ja erst Woche zwei.

Interessant hier die Verknüpfung der Kaptialismuskritik mit den Gender Studies. Theoretisch wäre diese ja auch ohne Kapitalismuskritik möglich. Aber Kapitalismus ist dann auch wieder Patriarchat.
Das man gleichzeitig beim Gender Pay Gap eine Ungleichbehandlung sehr kapitalistisch nur am Lohn festmacht ist hingegen den meisten dann wieder gar nicht aufgefallen.

Die Behauptung, Feminismus müsse links sein, sonst sei er kein Feminismus, zog sich, mit wenigen Ausnahmen (tatsächlich habe ich nur eine Kollegin kennengelernt, die ihre politische Ausrichtung, die eben nicht links war, offen artikuliert hat – sie hat das Studium nach dem ersten Semester abgebrochen), tatsächlich durch das ganze Semester. Das überraschte mich nicht, auffällig war nur die Selbstverständlichkeit, mit der das Thema ab und zu gestreift wurde.
Das war hier ja auch schon mehrfach diskutiert worden, wobei das dann dazu führt, dass beispielsweise Alice Schwarzer, für viele der Inbegriff des deutschen Feminismus, dann wegen ihrer Einstellung zu Flüchtlingen keine Feministin mehr sein kann.

(…)

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, dieses Studium aus Recherchezwecken als stille Teilnehmerin zu absolvieren, bestand ich bei meinem Teil des Referats auf dem Buch „Beißreflexe“. Weil: Wer Queer und Kritik daran sagt, muss auch Patsy L’Amour ­laLove sagen. (Für die, die nicht so sehr in die aktuelle feministische Literaturkritik eingelesen sind: L’Amour laLove, selbsternannte Polit-Tunte, und andere üben in diesem Sammelband harsche Kritik an der autoritären Blockwartmentalität, die die Queere Theorie ihrer Meinung nach angenommen hat.) Jedenfalls hatte ich schon meine Probleme, das Buch innerhalb meiner Referatsgruppe zu verteidigen („Aber das können wir doch nicht machen! Das ist ja furchtbar böse Kritik!“), was zum Kompromiss führte, zunächst äußerst positive Abhandlungen zum Thema und dann das von mir gewählte Buch „aber ausdrücklich als Kritik und nicht als unsere Meinung!“ auszuwählen.
Mir war zu diesem Zeitpunkt schon beinahe der Kragen geplatzt, weshalb ich auch kein Problem damit gehabt hätte, dazuzusagen, dass ich das gesamte Buch in seiner Kritik als äußerst schlüssig empfinde – aber trotzdem gut, dass ich es nicht tat. Es stellte sich nämlich im Lauf des Referats heraus, dass die Lehrveranstaltungsleitende das Buch als ganz furchtbares Nestbeschmutzen empfand (einer der Autoren, Vojin Saša Vukadinović, war – oh Schreck – selbst zuvor Student der Gender Studies gewesen). Gelesen hatte sie es ­allerdings nicht, wie sie mir verriet. Spannend.

Interessant, kennt jemand die Kritik aus dieser Richtung und möchte sie vielleicht in einem Gastartikel darstellen?

Aber interessant, dass man da sehr deutlich die Hemmungen sieht die eigenen Theorien mal zu hinterfragen oder Gegenargumente zur Kritik zu finden. Statt dessen eher ein Ausblenden und auf jeden Fall eine Distanzierung.

(…)

Studenten als Schneeflocken – volatil und schutzbedürftig. Triggerwarnungen vor Texten, die Traumata auslösen oder an solche erinnern könnten, sind ein Beispiel, das dieser Trend zeitigt; dazu kommt, wie oben ausgeführt, die Bewahrung vor anderen Meinungen. Das verhindert allerdings die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Fachgebiet. Eine Universität ist kein safe space und Unwohlsein keine Gefahr, aber das sieht man innerhalb der Gender Studies anders. Auch in Wien.

Nichts an sich heranlassen, keine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, deutlich machen, dass einen alles andere erschreckt, schockt und entsetzt um zu zeigen, dass man ganz auf der richtigen Seite ist.

 

Diese weitere Pflichtlehrveranstaltung nannte sich „Guided Reading“. Eine Übung, die je nach Lehrveranstaltungsleiter den thematischen Schwerpunkt wechselt, dieser war in meinem Semester, nachzulesen auf der universitätsinternen Lernplattform Moodle, wie folgt: „Die Lehrveranstaltung soll dazu beitragen, den Blick auf die grundlegende Verwobenheit von u. a. rassisierenden, vergeschlechtlichten, heteronormativen und klassistischen Normen, sowie jene der able-­bodiedness freizulegen und Wege zu neuen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten zu eröffnen.“
Ich bekam also quasi die Lehre der Opferhierachien zugeschanzt: intersektionale Feminismen. Klingt bösartig, ist es auch, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei kurz erläutert: Kimberlé Crenshaw, die Mutter der Intersektionalität, hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Diskriminierungen oft nicht ein-, sondern mehrdimensional sind, wenn eine Person mehrere Merkmale, aufgrund derer sie Diskriminierungen erleidet, in sich trägt. Das ist alles richtig, doch: Es gibt keinen obersten Richter in diesem Nullsummenspiel der Opferolympiade, weil die Kategorien und Variationen der jeweiligen Unterdrückung subjektiv und damit endlos sind. Es mutet so an, als ob es eher darum geht, dass jeder leiden darf, weil er irgendwie Opfer von irgendwem oder ­irgendetwas ist. 

Weil es keinen offiziellen Richter gibt, kann eben jeder Richter sein. Er muss sich allerdings in den passenden Theorien den „Betroffenen“ beugen, aber nur, wenn diese die Grundtheorien ebenfalls anerkennen und nach diesen eine Deutungshoheit anerkennen, nicht etwa, wenn sie diese ablehnen.

 

Dass wir in der ersten Einheit das Angebot erhielten, unseren Namen oder unser Pronomen je nach Befindlichkeit ändern zu können, irritierte mich mäßig. Ich überlegte mir kurz, auch diesen Selbstversuch zu wagen, verwarf ihn aber wieder. Die Person, die diese Lehrveranstaltung leitete, bestand jedenfalls darauf, nicht mit „Liebe/Lieber“ angeschrieben zu werden, sondern geschlechtsneutral, etwa mit „Hallo“. Jeder, wie er möchte, dachte ich mir, doch dann wurde es wirklich unangenehm. Die folgenden drei Stunden waren, sagen wir: interessant. Weil die Person, die unsere Lehrveranstaltung leitete, sich selbst dabei unwohl fühlte, frontal mit uns zu sprechen (Hierarchiephobie), wie das im universitären Betrieb normalerweise üblich ist, bildeten wir einen Sesselkreis, um uns in dieser ersten Einheit zwei Stunden darüber zu unterhalten, wie wir uns fühlen, wie wir miteinander umgehen wollen, welche Worte wir verwenden wollen und welche eher nicht.

Das Schöne ist ja, dass solche Vorlesungen dann wieder alle Vorurteile bestätigen. Eine Hierarchiephobie und man bildet einen Stuhlkreis. Es geht um Gefühle statt Fakten.

Es ist wirklich ein Fach, welches klischeehafter nicht auf Frauen ausgerichtet sein könnte, wenn man alle bösen Vorurteile zusammen sucht.

 

Aus Gründen kann ich dieses Studium nicht fortführen. Ich habe hier berichtet, was mir im Laufe eines Semesters widerfahren ist, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bewusstsein, dass das nur eines von vier Semestern des gesamten Studiums ist. Es hat sich einiges bestätigt, was nicht nur mir, sondern dem Wissenschaftsbetrieb per se Sorgen machen sollte; vor allem scheint mir, dass den Studenten, die teilweise unbedarft in diesen Lehrveranstaltungen sitzen, ein ziemlich einseitiges Bild der Welt präsentiert wird (ein kleines Beispiel: In einem Großteil der Texte, die ich für all diese Lehrveranstaltungen zu lesen hatte, war es entweder der Kapitalismus, oder sein kleiner böser Bruder, der Neoliberalismus, der all die vielfältigen Opfer produziert). Dazu kommt der schon beschriebene Fokus auf das Selbst, das Ich, das alleine die Erfahrungen gemacht hat, die es eben gemacht hat, und die demnach nicht hinterfragbar sind in ihrer vermeintlich absoluten Wahrheit.

Auch hier wieder ganz klassisches Bild.

Etwas hat mich in der letzten Einheit meiner Übung dann aber doch beruhigt. Während wir wieder einmal zur Diskussion in Gruppen eingeteilt wurden, um über mannigfaltige Unterdrückungen zu sprechen, drehte sich ein Kollege zu mir um und sagte zu mir, was ich die ganze Zeit dachte: „Anna, das ist so ein Opferstudium.“

In der Tat, Opfer sein ist das wichtigste in dem Bereich.