Sollten wir nicht mehr Klatschen und statt dessen „Jazz hands“ machen?

Und noch ihre Klarstellung in Tweets:

Siehe auch:

Jazz Hands, Klatschen als Trigger und Schwule, die sich das Verhalten schwarzer Frauen aneignen

Anke Domscheit-Berg über die Arbeitsbelastung von Abgeordneten und warum es Frauen besonders schwer trifft

Im Spiegel gibt die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (Linke) ein Interview zur Arbeitsbelastung von Bundestagsabgeordneten.

Dem Vorangegangen war ein Zusammenbruch des CDU-Abgeordneten Matthias Hauer

Domscheit-Berg: Wir arbeiten unter menschenfeindlichen Bedingungen. Wir sitzen zum Beispiel stundenlang und häufig bis weit nach Mitternacht im Plenum, dürfen dort aber nicht einmal trinken. Als ich 2017 neu im Bundestag war, habe ich mir im Foyer an einem Spender einen Becher Wasser gezapft und wollte damit ins Plenum gehen. Ein Saaldiener hielt mich damals auf und sagte mir, das gehe gegen die Würde des Hauses, es sei hier ja keine Imbissbude. Das ist irrational, es geht ja nicht darum, Coladosen auf die Tische zu stellen. Auch essen ist verboten. Abgeordnete knabbern dann heimlich unter den Tischen Studentenfutter oder schieben Schokopralinen in sich rein, weil sie einfach oft Hunger haben, es keine Pausen gibt und man bei Debatten aus dem eigenen Fachgebiet schlecht rausgehen kann.

SPIEGEL: Haben Sie die strengen Regeln überrascht?

Domscheit-Berg: Absolut. Mir war auch nicht klar, dass die Debatten so oft bis in die Puppen gehen. Das ist in dieser Legislaturperiode aber auch besonders extrem.

SPIEGEL: Warum?

Domscheit-Berg: Zum einen haben wir jetzt sechs statt zuvor vier Fraktionen, die alle Arbeit produzieren, Gesetzesvorschläge und Anträge einbringen. Früher war es aber auch üblich, gegen Mitternacht geplante Reden einfach zu Protokoll zu geben. Das verweigert die AfD. Und da niemand den Rechten die Bühne überlassen will, reden dann eben auch alle anderen weiter.

SPIEGEL: Was stört Sie noch?

Domscheit-Berg: Ich hatte in meinem Leben schon sehr anstrengende Jobs, war beispielsweise Projektleiterin bei McKinsey. Aber das hier toppt alles. Besonders anstrengend ist, dass wir keine Pausen in unseren mit Terminen vollgestopften Tagen haben und dass man kaum Zeit hat, sich auf Dinge vorzubereiten. Das können spontane Presseanfragen sein aber auch Anträge, zu denen ich sprechen soll, die ich aber am Vortag zum ersten Mal sehe. Wichtige Briefings zu Ausschussanhörungen kann ich oft nur überfliegen, wenn es schon losgeht. Gleichzeitig muss ich den Experten zuhören und mir Fragen für sie ausdenken. Wir sind extrem tief in unseren jeweiligen Fachgebieten drin, das sind hochkomplexe Themen, bei denen Oberflächlichkeit sich verbietet. Aber ich habe das Gefühl, ich mache nur Multitasking von morgens bis abends.

SPIEGEL: Was macht das mit Ihnen?

Domscheit-Berg: Fast alle Bundestagskollegen leiden unter chronischem Schlafmangel. Wenn ich nachts nach Hause komme, kann ich auch nicht sofort ins Bett, ich brauche dann noch mindestens eine Stunde, um runterzukommen. Nach dem ersten Jahr war ich auch dem Burnout nahe. Ich hatte Herzrhythmusprobleme und Schlafstörungen.

Der Job im Bundestag ist also ein Vollzeit-Plus-Job, er scheint weit über die 40 Stunden Woche hinaus zu gehen. Dazu erfordert er, dass man gleichzeitig in Berlin ist und auch eine gewisse Zeit in dem Gebiet verbringt, in dem man gewählt werden will, wenn man nicht einfach nur über eine Liste in den Bundestag kommen sollte. Es erfordert also ein sehr viel an Arbeit unter Einschränkung des persönlichen Lebens und der Familie.

Das ist ein interessanter Aspekt, weil es bedeutet, dass der Einzelne, der hier das Amt übernimmt, zwar auch erhebliches Gehalt bekommt und einen gewissen Status und Einfluss hat, dafür aber auch einiges an Lasten tragen muss.

Was uns zur klassischen Almende bringt: Viele fordern, dass eine bestimmte Gruppe, sagen wir mal Frauen, häufiger in diesem Bereich vertreten sein soll damit sie für diese Gruppe Macht ausübt. Aber man braucht dann auch jemanden, der bereit ist die persönliche Last, die damit verbunden ist, zu übernehmen und die tatsächliche Arbeit zu machen, einschließlich der Investitionen, die für die potentielle Erlangung des Postens erforderlich sind, etwa die Aufbringung eigener Mittel für den Wahlkampf.

Ich habe irgendwie ja immer das Gefühl, dass viele bei der Forderung „Frauen die Hälfte der Macht“ gar nicht daran denken, dass diese Macht nicht einfach nur ein eingeräumtes Recht ist, sondern ganz erhebliche Arbeit bedeutet, ganz erhebliche Einschränkungen mit sich bringt, sei es bei einer Führungsposition in der Politik, wie einem Bundestagsmandat, oder einer solchen in der Wirtschaft, etwa in der Geschäftsführung eines großen Unternehmens.

Dazu auch noch mal diese zwei Grafiken aus der hier besprochenen Studie, die zeigen, dass die Bereitschaft bei Frauen dazu im Schnitt geringer ist:

Arbeitsstunden Bereitschaft idealer Job

Arbeitsstunden Bereitschaft idealer Job

Hier sieht man bereits, dass die Frauen in der Studie in kleinerer Anzahl bereit waren sehr viele Stunden auf den idealen Job zu verwenden, wobei ja noch dazu kommt, dass kein Job ideal ist.

Und auch diese Grafik zeigt ähnliches:

Interessen und Arbeitsbereiche

Interessen und Arbeitsbereiche

Die größten Unterschiede zeigen sich bei der Einschränkung „nicht mehr als 40 Stunden arbeiten“, was bedeutet, dass Männer weitaus eher keine solche Einschränkungen hatten, auch bei 50 Stunden und bei mehr als 60 Stunden gibt es erhebliche Unterschiede, wobei diese kleiner werden, da bei den hohen Stunden natürlich auch Männer diese Einschränkungen haben, der Unterschied ist aber immer noch sehr groß. In diesen Bereich fällt das Bundestagsmandat.

Auch Punkte wie „Ein kurzer Arbeitsweg“ „Flexibilität auch von zuhause zu arbeiten“ und „ein herausfordernder Job“ sowie „das Wochenende freihaben“ und viele andere Punkte der Liste oben schlagen jeweils eher zu Lasten der Frauen aus, macht diesen Job also für sie uninteressanter.

 

SPIEGEL: Wie gehen Sie damit um?

Domscheit-Berg: Mit meinem Team habe ich diverse Maßnahmen beschlossen, zum Beispiel Arbeitstreffen ins Abgeordnetenrestaurant im Bundestag zu verlegen. Demnächst treffe ich dort etwa einen Botschafter zum Austausch über Digitalisierung. Da bekomme ich wenigstens nebenbei etwas zu essen. Im Sommer habe ich mir zwei Wochen festen Urlaub verschrieben. Und für Wochenendarbeit versuche ich, mir einen Ausgleichstag frei zunehmen. Das klappt nicht immer, aber schon häufig. Übrigens ist es für Frauen oft besonders schwer, sich mit diesem Leben zu arrangieren.

SPIEGEL: Warum ist das so?

Domscheit-Berg: Frauen haben viel seltener Angehörige, die diese Belastungen mittragen. Meistens ist es doch noch die Frau, die dem Mann den Rücken freihält. Vielleicht ist das auch ein Grund für den niedrigen Frauenanteil in der Politik. Die Familie zahlt eben auch einen hohen Preis dafür, dass man kaum zu Hause und nur müde und ausgelaugt ist.

Natürlich ist die Belastung theoretisch abwälzbar: Bei ca. 10.000 € pro Monat steuerfrei kann man sich eine Kinderbetreuung und eine Putzfrau problemlos leisten. Aber natürlich ist das dann nicht das Gleiche.

In der Tat dürfte der Preis für das Bundestagsmandat vielen Frauen höher erscheinen als den Männern. Tatsächlich ist er gleich hoch.