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Schulische Benachteiligung von Jungs: Berechnungen von Crumar

Crumar hat in einem Kommentar die Gleichwertigkeit von Noten überprüft:

Ich hatte mir die Mühe gemacht, das Gutachten „Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem“ von 2009 auseinander zu nehmen, vorzugsweise die erzielten Kompetenzwerte bei der PISA-Studie im Vergleich mit den Schulnoten auf S. 102 und 103: „Bei PISA werden unter anderem die Schulnoten der Schüler in bestimmten Fächern von der Schule erfragt. Auf dieser Datenbasis kann zum Beispiel dargestellt werden, welche Kompetenzwerte die Jugendlichen im Mathematiktest erreichen, die in der Mathematik auf einer bestimmte Notenstufe stehen. Die Abbildung 45 stellt die Noten und Kompetenzwerte von Mädchen und Jungen für Mathematik, Deutsch, Physik und Biologie dar.“

Was hier festgestellt wird: „Das Befundmuster lässt vermuten, dass die Notengebung Kompetenzunterschiede zwischen den Geschlechtern ausgleicht, weil Jungen in Deutsch und Mädchen in der Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern gemessen an ihrer Kompetenz jeweils „milder“ benotet werden. Insgesamt erscheinen die Schulnoten von Mädchen und Jungen im Mittel als ausgeglichen – obwohl sich, zumindest auf der Basis der Testergebnisse aus PISA, dahinter doch zum Teil bemerkenswerte Kompetenzunterschiede verbergen. Auf jeden Fall findet sich keine Evidenz dafür, dass Mädchen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern durch eine differentielle, benachteiligende Zensurengebung entmutigt würden. Das Gleiche gilt für Jungen im Deutschunterricht.“
ist ganz simpel gelogen.

Aus den Daten geht klipp und klar hervor, dass selektiv Noten zugeteilt und Jungen in drei von vier Fächern benachteiligt werden.
Im Gegenzug wird ganz offensichtlich speziell in Mathematik das Niveau tiefer gehängt, damit es Mädchen einfacher fällt gute Noten zu schreiben.

Hier Note und Kompetenzpunkte für Mathe nach Geschlecht aufgeschlüsselt:
Mädchen Jungen
1 582 615
2 539 558
3 502 524
4 480 501
5/6 446 466

Kurz darauf hingewiesen, bei annähernd identischer Kompetenz entspricht die Note 4 der Jungen die 3 der Mädchen. Zwischen einer Jungen 1 und einer der Mädchen liegen satte 33 Kompetenzpunkte. Auch die Punktedifferenzen für die Notensprünge sind interessant.Von 2 auf 1 entspricht bei Mädchen einem Bonus von 43 Kompetenzpunkten, bei Jungen sind es 57. Von Note 3 auf eine 2 der Jungen wären es für Mädchen 56 Punkte, es sind jedoch nur 37, weil sie ein Mähähädchen ist.
Es wird ihnen nicht nur leichter gemacht „exzellente Noten“ zu schreiben, sie müssen für einen „Aufstieg“ auch noch weniger arbeiten.
Fun fact: In Physik von 2 auf 1 entspricht bei Mädchen einem Bonus von 35 Punkten, bei Jungen hingegen 68 – das sind knapp doppelt so viele Punkte.

Auch dass Biologie Mädchen besonders liegen würde, geht aus den Kompetenzpunkten nicht hervor:
Biologienote Mädchen Jungen
1 593 606
2 545 572
3 515 536
4 474 486
5/6 455 459

Für einen Jungen wäre der Aufstieg auf eine 2 der Mädchen mit 9 Punkten Zuwachs einfacher als auf eine 2 der Jungen mit einem Mehr von 36 Punkten. Zwischen den Noten 2 und 3 liegen liegen für Jungen 21 bzw, 27 Kompetenzpunkte Differenz – für die gleiche Note.
Sagen wir es freundlich, in Biologie werden die Noten „genderisiert“, unfreundlich ausgedrückt gibt es für Mädchen die 2 und die 3 geschenkt.

Ich würde die Differenz gerne in einer handlichen Note ausdrücken, das geht aber leider nicht.
Denn für Mädchen entspricht der Abstand zwischen 2 Noten 34,5 Punkte, für Jungen 36,8.
Dieses Muster zieht sich übrigens durch alle Fächer durch.
Bei mathematischer Kompetenz und naturwissenschaftlichen Kompetenzen (Biologie, Physik) liegt für Jungen der durchschnittliche Abstand zwischen 2 Noten bei 38,8 Punkten, für Mädchen bei 32,8 Punkten.

Das oft gehörte Märchen, es würde in die Benotung auch die „Motivation im Unterricht“ einfließen entpuppt sich als solches, weil 1. es im Schnitt keine einzige Note gibt, in der Jungen weniger Kompetenzpunkte hätten als Mädchen und 2. werden die Differenzen zwischen Jungen und Mädchen (zu Ungunsten der Jungen) um so größer, desto besser die Noten werden.
Man kann mir nicht erzählen, ausgerechnet Kandidaten für eine 1 oder 2 hätten „Motivationsprobleme“, die auf das Geschlecht zurückzuführen sind.

Kurz: Es wird nach Strich und Faden beschissen. Die 0,3 Noten Nachteil im Abitur für Jungen, die bereits eingeräumt worden sind, stellen m.E. die Spitze des Eisbergs dar.

Only me hat daraus eine Grafik gemacht:

Ich hab mal versucht, die Zahlen graphisch umzusetzen.
Unter der Annahme, dass die Kompetenzzahlen Mittelwerte für die entsprechende Zensur sind, habe mich für Verläufe statt für einfarbige Flächen entschieden…

Komu verlinkte noch die Quelle:

https://www.bildunginbayern.de/download/Aktionsrat_Bildung_Jahresgutachten_2009.pdf

Bei 6.2.3 Kompetenzen und Zensuren von Mädchen und Jungen S.97(pdf) o. 102(Papier)

Crumar legt noch mal nach:

1. Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem – Jahresgutachten 2009 von Hans-Peter Blossfeld, Wilfried Bos, Bettina Hannover, Dieter Lenzen, Detlef Müller-Böling, Manfred Prenzel, Ludger Wößmann
Vollständig: Geschlechterdifferenzen_im_Bildungssystem__Jahresgutachten_2009.pdf

Das ist die Quelle, aus der ich die Zahlen entnommen habe.

2. Ebenfalls interessant: Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der schule
Eine Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland. Prof. Dr. Kai Maaz, Prof. Dr. Franz Baeriswyl,
Prof. Dr. Ulrich Trautwein – dort speziell S. 76, 78, 79

@only me
Voll dem krass! 🙂

Und noch ein paar vielsagende Beiträge zu 1.:
Ranking Note nach Fach und durchschnittlichen (Jungen/Mädchen) Kompetenzpunkten

Note 1 Physik 617
Deutsch 616
Biologie 600
Mathematik 599

Note 2 Physik 565
Biologie 559
Deutsch 552
Mathematik 549

Note 3 Physik 535
Biologie 526
Mathematik 513
Deutsch 511

Note 4 Physik 503
Mathematik 491
Biologie 480
Deutsch 476

Note 5 Physik 472
Biologie 457
Mathematik 456
Deutsch 413

Schaut euch bitte die Verteilung an! In allen Noten steht Physik im Ranking am höchsten, auch die Aufteilung und die Notensprünge nach Kompetenzpunkten haben eine nachvollziehbaren Sinn.
Von 5 auf 4 31 Punkte, von 4 auf 3 32 Punkte, von 3 auf 2 30 Punkte, von 2 auf 1 allerdings 52 Punkte (bei Deutsch sind es 64 Punkte!).

Anm.: Was daran liegen könnte, die Kandidaten für eine 1 haben herausragende Kompetenzen.
Andererseits kann es auch sein, nur herausragende Kandidaten erhalten eine 1. Auffällig ist nämlich, in allen Fächern verhält es sich so, dass zwischen Note 1 und 2 mehr Kompetenzpunkte liegen als zwischen den anderen Noten (im Schnitt 52 Punkte).

Mathe an letzter Stelle für die Noten 1 und 2. Und bei Deutsch recht auffällig für die Noten 3,4,5.
Wie komme ich bloß zu meiner Aussage, „in Mathe werden die Ansprüche für gute Noten tiefer gehängt“? 😉
Während bei Deutsch primär die Aufgabe zu sein scheint, die absolute Katastrophe (nicht etwa „milder zu bewerten“) zuzudecken, die faktisch vorliegt, denn bei sehr guten Leistungen bewegt sich die Fachnote auf dem Kompetenzniveau von Physik.

Nachfolgend habe ich die Fächer Mathe, Biologie und Physik kombiniert und verglichen, welche durchschnittlichen Kompetenzpunkte bei Jungen und Mädchen für welche Schulnote stehen und die jeweiligen Differenzen in den Kompetenzpunkten ausgewiesen.

Nur Mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Kompetenzen
Note Mädchen Jungen Differenz
1 591 619 27,7
2 549 566 16,7
3 515 533 18,0
4 484 498 13,3
5/6 460 463 3,3

Es gibt wirklich keine einzige Note, in der die Jungen weniger Kompetenzpunkte aufweisen als die Mädchen. Sie sind selbst kompetenter „mangelhaft“. 😉
Der Durchschnitt der Differenz über alle Noten hinweg kann gering ausfallen, aber hier erkennt man doch sehr schön ein Muster.
Wäre „Motivation“ oder „Anstrengungsbereitschaft“ wirklich das Thema bei der Benotung, wieso nehmen die Differenzen dann zu, desto besser die Noten werden?!

Auch interessant die Notensprünge nach durchschnittlichen Kompetenzpunkten:
5 auf 3 für Jungen = 70 Punkte, für Mädchen = 55 Punkte,
3 auf 1 für Jungen = 86 Punkte, für Mädchen = 76 Punkte,
Jungen 3 auf Mädchen 1 für Jungen = 58 Punkte, für
Mädchen 3 auf Jungen 1 für Mädchen = 104 Punkte.
Preisfrage: Welchem Geschlecht wird es schwerer gemacht gute Leistungen zu erzielen? 😉

Objektive Richtwerte setzen: Wir setzen 500 Kompetenzpunkte als ausreichend = Note 4 und setzen die Notensprünge mit 31 Punkten von 5 bis 2 und 51 Punkten von 2 auf 1, dann wird ein weiteres Muster erkennbar:

Note Mädchen Jungen Richtwert
1 591 619 613
2 549 566 562
3 515 533 531
4 484 498 500
5/6 460 463 469

Deutlicher dargestellt:
Note Mädchen Jungen Diff. Richtwert
1 -22 +6 613
2 -13 +4 562
3 -16 +2 531
4 -16 -2 500
5/6 -9 -6 469

Es gibt keine Note für Mädchen, die sich aus dem so ermittelten Kompetenzniveau für diese Note herleiten ließe. Auffällig ist, Während Jungen die Richtwerte für die Noten 3 bis 1 übererfüllen, bleiben die Mädchen im Schnitt 0,4-0,5 Noten hinter dem Richtwert zurück.

Aus den Darstellungen lässt sich beweisen, dass Jungen systematisch in diesen Fächern benachteiligt werden. Sie erhalten trotz besserer Leistungen die gleichen Noten wie Mädchen und Mädchen erhalten gleiche Noten trotz schlechterer Leistungen.

Man muss anmerken, es handelt sich um einen Bericht aus dem Jahr 2009, es ist anzunehmen, die Zustände haben sich für Jungen in den letzten zehn Jahren verschlechtert oder sie stagnieren. Die Effekte für die Abi-Noten der letzten zehn Jahre kann man sich an zwei Fingern einer Hand ausrechnen…

Besonders dreist finde ich es angesichts dieser Benachteiligung – die man Diskriminierung nennen kann – Phrasen wie „Motivation“ zur Erklärung für diese Ungerechtigkeit heranzuziehen.
Wenn Schule es als Job versteht, das „Selbstbewusstsein“ und die „Motivation“ der Mädchen zu steigern, dann richtet sich das offensichtlich gegen „Selbstbewusstsein“ und „Motivation“ der Jungen.
Ich glaube nicht, dass sich die Institution Schule das Prädikat offen Jungen diskriminierend zu sein leisten kann, sie arbeiten aber sehr engagiert in diese Richtung.