Foucault, Macht und Feminismus

Mich würde eure Meinung dazu interessieren, wie Foucault Macht verstand und was davon, sei es verfälscht oder verändert, im (intersektionalen) Feminismus übernommen worden ist oder dortige Ideen beeinflusst hat.

Ich hatte zu Butler mal einen Text geschrieben, wie ich es damals verstanden habe:

2. Foucault

Den Grundgedanken, dass Geschlecht ein Ausdruck der Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft ist und die zur Erhaltung der Macht errichtenen Geschlechternormen die Geschlechter hervorrufen, hat sie von Foucault.
Dieser geht ebenfalls davon aus, dass unsere Gesellschaft über den Umgang mit Wissen und Macht hervorgerufen wird. Foucault geht davon aus, dass die Mächtigen innerhalb einer Gesellschaft diese so umgestalten, dass sie ihre Macht sichert. Dazu nutzen sie die Möglichkeit Wissensvorsprünge auszubauen und Diskurse zu lenken, indem sie das Wissen kontrollieren. Aus diesem Wissen heraus wird zudem das Gerüst der Gesellschaft aufgebaut. Indem bestimmte Regeln für die Gesellschaft aus der Vergangenheit heraus legitimiert werden, wird den Leuten ein richtiges Verhalten vorgegeben, dass dann von ihnen einzuhalten ist. Dabei stabilisieren sich die Regeln selbst, wenn es gelingt, einen Verstoß gegen die Regeln mit einem gesellschaftlichen Malus zu versehen, eine Befolgung der Regeln aber mit einem Bonus. Sobald das System hinreichend eingerichtet ist, versucht jeder innerhalb dieser Regeln möglichst gut darzustehen und einen Malus nach Möglichkeit zu vermeiden. Dadurch will letztendlich jeder innerhalb der Regeln leben, erkennt dabei aber nicht, dass diese eben reine Kultur sind, keine Basis haben, weil die Zuweisung, was richtig und was falsch ist, beliebig nach den Vorstellungen der Mächtigen gestaltet werden kann. Hier wird der Diskurs wichtig, der bestimmt, was überhaupt vertreten werden darf. Foucault sieht Wissenschaft insofern nicht als objektiv, sondern eben als Teil des Diskurses an: Die Gesellschaft bestimmt, was vertretbar ist und was nicht und was als Meinung präsentiert werden darf und was nicht.

2. Judith Butlers Übertragung

Butler überträgt diesen Gedanken, wie Foucault bereits vor ihr auf das Geschlechterverhältnis, wo nach ihrer Auffassung ebenfalls bestimmte Geschlechternormen errichtet worden sind, die die Errichtung der Geschlechter und deren Verhalten bewirken. Diese knüpfen an die unterschiedlichen Körper von Mann und Frau an, die aber insoweit lediglich das Unterscheidungsmerkmal bilden, dass dann über verschiedene kulturell geschaffene Regeln zur Errichtung der Geschlechterrollen führt. Körper materialisieren sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form, sind also immer an ihre kulturspezifische Wahrnehmung gebunden.
Diese kulturspezifischen Merkmale der Geschlechterrollen werden dann durch beständige Wiederholung gleichsam eingeübt.
Nach dieser Vorstellung gibt es ersteinmal keine Frau als Subjekt, sondern das was als Frau definiert wird ist beständig einer kulturellen Betrachtung und Veränderung unterworfen. Eine „Frau“ mit einem männlicheren Körper ist in dieser Hinsicht teilweise schon wieder den männlichen Regeln unterworfen, ist also nicht per se Frau, sondern irgendwo dazwischen. Ein Transsexueller wäre nach erfolgter Operation über seinen Körper neuen Geschlechternormen unterworfen, die aber wiederum im Fluss sind und wer welchen Normen unterworfen ist, ist ebenso im Fluss, was die Abgrenzung der Geschlechter schwierig macht. Allein der Diskurs kann nach diesen Vorstellungen festlegen, was eigentlich eine Frau und was ein Mann ist. Denn der Diskurs hätte nach diesen Theorien etwa die Macht, einem Mann mit einem zB geringen Bartwuchs die Männereigenschaft abzusprechen und ihn den Frauen zuzuordnen (wenn ich es richtig verstehe). Darauf, dass die Abgrenzung dennoch in den meisten Kulturen abgesehen von den geringen Zahlen der Intersexuellen und Transsexuellen unproblematisch ist, geht sie meines Wissens nach nicht ein.

Das wäre zu den Theorien nach Butler, aber der Machtbegriff von Foucault scheint mit auch in den intersektionalen Theorien zu einem gewissen Teil aufgenommen worden zu sein.

Diese Stelle aus der Wikipedia finde ich dazu ganz interessant:

In seiner Analyse der Macht wirft Foucault der politischen Philosophie mit ihrer Ausrichtung auf die Macht des Souveräns und dessen Legitimität ein Verharren in Kategorien der Monarchie vor. Die großen Machtinstitutionen, die sich aus dem Mittelalter heraus entwickelten – Monarchie und staatlicher Machtapparat –, entwickelten sich inmitten dichter, verschränkter, widersprüchlicher Machtbeziehungen, die zu einer Vielzahl von Objekten gebunden waren. Sie gewannen Akzeptanz dadurch, dass sie sich als außerhalb oder oberhalb dieser Konflikte präsentierten. Das Konzept der Souveränität folgt aus dieser Logik der Repräsentation, ebenso wie die Legitimität ein Konzept außerhalb der Konflikte präsentieren soll, das in der Lage ist, diese zu entscheiden.[12]

Foucault nun wiederum stellte fest, dass zwar viele Formen und Praktiken der Souveränität noch vorhanden sind, diese aber graduell durch Machtbeziehungen ersetzt worden seien, die nicht nach dem Souveränitätsgedanken funktionierten. Sie hingen von disziplinierender und regulierender Macht ab, während sie auch produzierten. Diese Machtbeziehungen würden durch extensive soziale Netzwerke verteilt und übten Macht nicht nur in eine Richtung aus. Gleichfalls seien sie instrumentell in der Produktion wichtiger Güter wie Wissen, Gesundheit, Reichtum oder sozialem Zusammenhalt. Traditionelle Konzeptionen von Souveränität und Legitimität seien nicht in der Lage, diese vielfältigen Machtbeziehungen zu erfassen, Konzeptionen wie Menschenrechte oder Gerechtigkeit seien inadäquate Mittel, um die moderne Macht/Wissens-Verknüpfung kritisieren zu können.[13]

Foucault setzt dafür einen dynamischen Machtbegriff ein. Macht ist nicht etwas, das ein Einzelner erwerben, besitzen, halten oder verlieren kann. Macht liegt verteilt in komplexen sozialen Netzwerken, wobei sie von überall kommt. In Disziplinierungsgesellschaften können Praktiken Macht nur enthalten, wenn eine gewisse Anzahl von Agenten ihre Handlungen auf ein Objekt ausrichten, wobei das notwendige Netzwerk oft auch Instrumente (Gebäude, Dokumente etc.) benötigt wie Praktiken und Rituale.[14] Langfristige Machtverhältnisse können ebenso wie großräumige Machtstrukturen bestehen, doch diese erfordern eine ständige Reproduktion durch kleinste Machtrelationen.[15] Widerstand gehört dabei fest zum System: Das Netzwerk weist zahlreiche Punkte des Widerstands auf, die innerhalb von Machtbeziehungen Gegenpart, Ziel, Unterstützung oder Instrument sein können. Diese Punkte sind genauso veränderlich und variabel wie die gesamten Machtrelationen.[16]

Daraus folgend ist aber auch kein negatives Verständnis der Macht möglich, wie es in vielen Wissenschaften vorherrscht. Macht ist produktiv und produziert Wirkliches: Sie produziert Wissen um das Individuum, Wahrheitsrituale und Gegenstandsbereiche.[17]

Foucault beschreibt Macht oft in Metaphern des Kriegs und in Umkehrung von Carl von Clausewitz als „Politik als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“. Dabei begreift er die Kriegsmetapher als Gegendbild zur ökonomischen Metapher, die Politik in Begriffen von Regeln und Gesetzen beschreibt. Wie Krieg auch hat die Gesamtheit der Macht keine Bedeutung und kann nur in taktischen Begriffen beschrieben werden; zudem gibt es keinerlei Regeln, die außerhalb der Machttotalität stehen und diese regulieren

Der obige Gedanke:

Macht ist nicht etwas, das ein Einzelner erwerben, besitzen, halten oder verlieren kann. Macht liegt verteilt in komplexen sozialen Netzwerken, wobei sie von überall kommt.

würde ja ganz gut zu einem Patriarchat passen, bei dem nicht der einzelne Mann Macht hat, sondern das Netzwerk der (alten, weißen) Männer das Netzwerk bildet, indem es auf die Macht des Einzelnen nicht ankommt.

Ich habe bisher nur über Foucault gelesen, nichts von Foucault. Er hat auch direkt über Sexualität und Macht geschrieben und er scheint mir da durchaus einen gewissen Einfluss zu haben, den ich gerne näher aufschlüsseln würde.

Aber auch für Hinweise, welche andere Quellen feministische Theorien speisen, wäre ich dankbar