Lucas Schoppe zu dem Fehler über „Strukturen“ zu reden, diese Strukturen aber über Eigenschaften von Menschen zu beschreiben

Lucas hat einen interessanten Kommentar geschrieben, der sich zu besprechen lohnt. Ausgangslage war der Artikel, in dem rassistische Beleidigungen von Indern gegenüber Schwarzen als Verkörperung von „Weißheit“ angesehen wurden:

Wenn „Weißsein“ / whiteness eine Struktur, nämlich eine Macht- und Gewaltstruktur bezeichnet, die durch Privilegien, Ansprüche („entitlement“) und Ignoranz gegenüber Nicht-Weißen gekennzeichnet ist – und wenn Gewalt gegen Nicht-Weiße insgesamt zu interpretieren ist als Ausdruck solcher Strukturen – dann ist es nur logisch, Menschen, die solche Gewalt ausüben, als irgendwie „weiß“ zu interpretieren. In einem strukturellen Sinne halt.

Das lässt sich, so wie viele andere blödsinnige Statements auch, in einer einfachen Deduktion darstellen.
1. Gewalt gegen People of Color ist weiß.
2. x übt Gewalt gegen People of Color aus.
Also: x ist weiß.

Der Fehler steckt natürlich schon in der ersten Prämisse. Gewalt kann alles mögliche sein, heimtückisch, brutal, vielleicht sogar hilflos, aber nicht weiß. Das ergibt ebenso wenig Sinn, wie wenn man behaupten würde, Gewalt wäre rosa mit grünen Herzchen drauf.

Der Blödsinn ergibt sich aus einem Kategorienfehler – nämlich angeblich über „Strukturen“ zu reden, diese Strukturen aber über Eigenschaften von Menschen zu beschreiben („männlich“, „weiß“, manchmal auch „alt“).

Ja, die Gleichsetzung von Gruppen mit gesellschaftlichen Strukturen ist einer der Grundfehler des Feminismus, weil dadurch so getan wird als gäbe es tatsächlich einen einheitlichen Block „Mann“ oder „Weiße“, die alle bestimmte Strukturen erzeugen und dafür verantwortlich sind und alle davon profitieren und um die Erhaltung dieses Zustandes mit anderen Gruppen kämpfen. Es ist eine stark vereinfachende Theorie, die ideal dafür ist einen Sündenbock zu finden oder eine Gruppe abzuwerten, aber keine durchdachte Theorie.

 

Das hat drei Konsequenzen, die jeweils so gravierend sind, dass man so etwas einfach nicht machen sollte.

Erstens lassen sich auf diese Weise soziale Strukturen niemals sauber analysieren. Man tut immer nur so, als ob man analysieren würde, haut aber lediglich Ressentiments raus.

Das ist in der Tat richtig. Es sind eben monokausale Ansätze, die einer komplexen Welt nicht gerecht werden können und damit tatsächliche Gründe verschleiern. Wer annimmt, dass die Männer den Frauen die Führungspositionen wegnehmen, der verkennt den vollkommen verschiedenen Einsatz, die Heterogenität der Gruppen, die unterschiedlichen Interessen und die Vorteile, die andere Lebensprioritäten bieten können.

Zweitens ist das prototypisch biologistisch. Denn im Unterscheid zu dem, was echte Biologen tun, werden hier biologische Kategorien mit politischen und moralischen Fantasien aufgeladen.

Was uns zu der Frage bringt, was biologistisch ist. Feministen würden da wahrscheinlich die Augen verdrehen und erwidern, dass es nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, aber mit den Geschlechterrollen und den Rollen, die jeweils den jeweiligen Menschen nach „Körperteilen“ zugewiesen werden. Dass nicht sie diese Aufladung betreiben, sondern sie ja gerade bekämpfen, aber dazu eben aufzeigen müssen. Die Gesellschaft gebe eben Frauen vor, dass diese die Kinder erziehen müssen, erzeuge das Bild, dass Frauen nicht für Führungspositionen geeignet sind etc. Und weil die Geschlechterrollen so strikt und so verschieden wären würden eben auch die deutlichen Unterschiede entstehen.

Drittens ist die gezielte Konfusion von biologischen und strukturalistischen bzw. politischen Kategorien eine Einladung, das alte „Feld-und-Festung“-Spiel (Motte and Bailey) zu spielen. (https://allesevolution.wordpress.com/2018/12/11/toxische-maennlichkeit-als-vergiftungsmetapher-und-feld-und-festung-strategie/ ) Jemand lanciert hochproblematische, entwürdigende, vielleicht auch hetzerische Angriffe gegen viele andere, agiert also auf einem weiten Feld – zieht sich aber, wenn es Kritik gibt, sofort in eine Festung zurück und erklärt, dass das alles doch ein Missverständnis wäre und SELBSTVERSTÄNDLICH gar nicht so gemeint gewesen sei.

„Feld und Festung“ ist eh einer zum Verständnis bzw zum Kritik am Feminismus ganz wesentliche Figur. Und in der Tat greift dies auch hier: Männer/Weiße/etc angreifen und sich dann darauf zurückziehen, dass ja nicht die Personen, sondern die Strukturen, das „Weißsein“ oder eben die „Toxische Männlichkeit“ gemeint ist ist dann eben eine gute Rückzugsmöglichkeit, mit der man Hass verbergen kann.

„Kill All Men!“
„Wie kannst Du nur so einen menschenfeindlichen Scheiß daherreden?“
„Oh, das ist mal wieder so ein typische Missverständnis. Kill All Men bezieht sich doch nicht auf Männer, sondern auf Strukturen. Informier dich erstmal, bevor du deinen Senf dazuhaust, der eh niemanden interessiert.“

Dieses Spiel, offensichtliche gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mit Unschuldsmiene als Struktur- und Gesellschaftskritik zu verkaufen, wird eben gerade durch die gezielte Konfusion biologischer und politischer Kategorien möglich.

Insoweit findet sicherlich eine Vermixung statt: Der Mann ist gleichzeitig Mann, aber auch Struktur. Je nach dem, was gerade besser passt oder wie vorsichtig man sein muss.

Einen ganz ähnlichen Text wie den oben zitierten habe ich schon vor vielen Jahren mal in der Emma gelesen, den ich allerdings gerade nicht wiederfinde. Das Argumentationsmuster ist aber jedenfalls schon lange gängig.

Dort ging es um Gewalt in lesbischen Beziehungen, und ich habe den Text gelesen, weil ich erleichtert war, dass endlich einmal eine Gewalt thematisiert wurde, an der ich nicht qua Mannsein mitschuldig war. Ich hatte mich natürlich geirrt:

Die Autorin erklärte Gewalt in lesbischen Beziehungen damit, dass die heterosexuellen Strukturen so machtvoll und umfassend wären, dass NICHT EINMAL lesbische Beziehungen davon frei sein könnten. Eine Frau, die eine andere Frau schlägt, würde also in diesem Moment die männliche Rolle übernehmen, die ihr von der Männergesellschaft aufgenötigt wurde.

„Gewalt ist männlich.“
„Aber da vorne schlägt doch eine Frau zu!“
„Nee, das ist ein Mann, denn dieser Mensch ist gewalttätig, und Gewalt ist männlich – also muss er ein Mann sein. Ist doch logisch.“

Der Feminismus muss halt irgendwie seine Theorien stimmig bekommen und mit der Umdeutung gelingt das irgendwie zumindest theoretisch.

Wenn nach der Theorie das Ergebnis 8 sein muss, aber die Aufgabe 5+4 lautet, dann muss eben die 5 eine andere 4 sein oder die 4 eigentlich eine drei. Man schafft des Kaisers neue Kleider.