Selbermach Samstag 237 (06.05.2017)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

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Schwulenverfolgung in Tschetschenien

Aus Tschetschenien hört man für mich erschreckendes:

Mehr als 100 Männer sollen von Polizei und Sicherheitskräften festgenommen worden sein. Mindestens drei Männer seien dabei getötet worden, vermutlich sogar mehr, heißt es in dem Bericht der regierungskritischen Zeitung. Sie beruft sich auf Aussagen und Hinweise von Aktivisten sowie auf Quellen aus Behörden, dem Geheimdienst und dem Innenministerium in der Region. Die Männer sollen wegen ihrer „nicht traditionellen sexuellen Orientierung“ oder des Verdachts darauf verfolgt worden sein.

(…)

Offizielle Stellen dementierten die Festnahmen. Sie seien auch gar nicht nötig, sagte Alwi Karimow der Nachrichtenagentur Interfax. Der Sprecher des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow sprach von „Lügen“ und „Desinformation“. Und fügte hinzu: „Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt.“ Sollten solche Leute in Tschetschenien existieren, „müssten sich die Sicherheitsbehörden keine Sorgen um sie machen, denn ihre Verwandten würden sie schon an einen Ort geschickt haben, von dem sie nie wiederkehren könnten.“

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Nun sei aber in Tschetschenien der Befehl für eine „vorsorgliche Säuberungsaktion“ erteilt worden, die auch vor Mord nicht zurückschrecke, heißt es in dem Bericht weiter. Demnach sollen Sicherheitskräfte vor allem über soziale Medien wie etwa den Facebookklon VKontakte Schwule ausfindig gemacht haben. Sie sollen den Männern vorgetäuscht haben, auf der Suche nach Dates und Bekanntschaften zu sein. Meist geschieht dies aber in geschlossenen Chatgruppen. Homo- und bisexuelle Menschen in Tschetschenien würden niemals auf die Idee kommen, ihre sexuelle Orientierung öffentlich zu machen. „Das käme einem Todesurteil gleich“, schreibt die Journalistin Milaschina.

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Viele in der LGBTI-Community haben nun Angst. Sie löschen derzeit alle Beiträge in sozialen Netzwerken, die auch nur den leisesten Hinweis auf ihre sexuelle Orientierung geben könnten. Online verbreiteten sich auch die ersten Meldungen über die Festnahmen und Verfolgungen schwuler Männer. Die Nowaja Gaseta zitiert aus einem Post, den zuvor Nutzer von VKontakte geteilt haben und den die Journalistin Eva Steinlein fürsueddeustche.de übersetzt hat: „Sie haben nicht nur junge Leute getötet, sondern auch erwachsene Männer bis zu 50 Jahren. Unter ihnen sind auch berühmte Persönlichkeiten Tschetscheniens. (…) Der Jüngste ist 16 Jahre alt. Er kommt aus unserem Dorf. In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur ein Sack voller Knochen. Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten. Er soll noch immer nicht ganz bei sich sein.“

Das sind fürchterliche Zustände für die dortigen Schwulen, aber wahrscheinlich ebenso für Transexuelle und Lebsen. Es ist traurig, dass es ein solches Denken immer noch gibt und Menschen deswegen leiden müssen. Auch hier ist die Barbarei näher als man sich das in unserer relativ zivilisierten Welt so denkt.

Auch aus anderen Teilen Russlands hört man von sehr negativen Einstellungen gegenüber Homosexualität. Sicherlich kann man über evolutionäre Wurzeln der Homophobie diskutieren, aber das bedeutet ja nicht, dass man andere einschränken muss oder gar schädigen darf, nur weil sie aufgrund bestimmter pränataler Hormonstände andere Attraktivitätsmerkmale in ihrem Gehirn abgespeichert haben.

Mir scheint, dass dabei zwei starke kulturelle Faktoren eine Rolle spielen:

  • Die kommunistische oder sozialistische Zeit Russlands (oder deren Versuch) förderte ein Gleichheitsdenken und nicht Individualität, wie im Westen und behinderte damit auch einen Wandel zu Toleranz. Wenn eine Gesellschaft auf Gleichheit statt auf Individualität abstellt, dann haben es Subkulturen schwerer. Zudem hatten diese Kulturen damit auch ein starkes Bild der Familie und der „Kinder für den Staat“ was Homosexualität eher in die Nähe eines „Verrats“ stellt. Es wäre auch interessant, was das wesentlich striktere Rollenbild in Russland so gut erhalten hat.
  • die orthodoxe Kirche hat nie eine wirkliche Reformation erlebt und auch keine Konkurrenz mit liberaleren Ansichten gehabt, da sie meinst eine Form des Monopols hatte. Sie ist daher wesentlich konservativer geblieben als westliche christliche Kirchen.

Welche Faktoren spielen aus eurer Sicht da mit hinein?