Das harte Leben radikalfeministischer lesbischer Frauen in der heterosexuellen Arbeitswelt

Nadine Lantzsch hatte ich hier glaube ich lange nicht mehr, aber sie hat kürzlich einen Text bei der Mädchenmannschaft geschrieben, den ich interessant finde:

Ich hatte die Festanstellung zwischenzeitlich auch deshalb aufgegeben, weil ich mich der latenten bis aggressiven Homophobie und den heterosexistischen Strukturen in der Arbeitswelt nicht mehr aussetzen wollte. Ein paar Jahre und Erkenntnisse später wagte ich aus verschiedenen Gründen einen neuen Versuch. Und schon die ersten Wochen wühlten in der Gefühlswelt meiner inneren 16-Jährigen, die weiß, dass sie keine Hete ist und weit und breit keine Gleichgesinnten zur Seite hat. Das hat mich zugegebenermaßen überrascht, bin ich doch mittlerweile doppelt so alt und mindestens so reich an Le(s)benserfahrung. Ich kam von Arbeit nach Hause und weinte, badete mich im Selbsthass meiner Jugend und fragte mich: WHY IS THIS MY LIFE? Bin ich tatsächlich die einzige in einem Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeiter_innen? Gibt es einen geheimen Lesbenzirkel und wenn ja, wann finden die Meetings statt?

3.500 Arbeitsstunden später habe ich noch immer keine Lesbe gefunden und mittlerweile akzeptiert, dass ich 40h pro Woche von Menschen umgeben bin, deren Wahrnehmung, Interpretation und Erfahrung mit und in der Welt um sie herum sich wesentlich von meiner unterscheidet. Flexible Arbeitsmodelle und Präsenzzeiten gibt es nur für Heten und nur dann, wenn frau neben der Lohn- auch noch Sorgearbeit für andere tun muss, nicht aber zur Schaffung einer Möglichkeit ohne Diäten-Talk, Boyfriends/Ehemänner, „Frauen sind so…und Männer besser“ und Spitzen gegen Kolleginnen seine_ihre Arbeit tun zu können. Meistens sind Orte, an denen sich Heten ungestört ausbreiten können, nicht besonders feministische, so dass ich auch darüber wenig Verbindungspunkte zu anderen finde. Mein Interventions- und Widerstandsradius, den ich aus meinen politischen Kontexten gewohnt bin, minimiert sich in der Arbeitswelt häufig auf das Ausleveln meiner eigenen kognitiven Dissonanz: An einem Ort nicht wirklich anwesend sein zu können bei gleichzeitigem Druck sich der normalisierten Gedankens- und Verhaltenswelt der dominanten Mehrheit anzupassen, hat enorme Konsequenzen für den eigenen Energie- und Emotionshaushalt.

Deshalb meine Forderungen für den 1. Mai für lesbische Arbeitnehmer_innen:

  • Arbeitszeitverkürzung auf maximal 30h/Woche bei vollem Lohnausgleich
  • Sonderurlaub von bis zu zehn Arbeitstagen
  • Lesbenquoten in allen Hierarchiebenen und Verantwortungsbereichen
  • Steuer- und abzugsfreie Prämien in Höhe von zwei Monatsgehältern
  • Lesbenfreundliche Arbeitsplatzgestaltung in Form hetenfreier Büros oder Homo…ääh… Homeoffice
  • Lohnfortzahlung im heterosexistischen Krankheitsfall für 12 Wochen

Der Text selbst ist wenn man den radikalen Feminismus kennt relativ banal: Sie leidet darunter, dass alle um sie herum ihr Leben leben, was bei jemanden, der sich dereinst durch ein Baby oder ein Kleinkind getriggert sah, verständlich ist. Um sie herum darf sie sich darüber noch nicht einmal aufregen und dagegen protestieren, dass Leute einfach heterosexuell sind und nicht merken, dass sie sie damit unterdrücken.

Dann kommen blödsinnige Forderungen, die letztendlich lebsische Frauen uneinstellbar machen würden. Insofern würde man davon ausgehen, dass sie, weil vollkommen übertrieben, eine Überspitzung sind, die gerade Verwirrung und Unruhe stiften soll und vielleicht auch daraus folgen, dass sie sinnvolle Forderungen nicht erheben kann und daher mittels Übertreibungen vorgehen muss.

Andererseits wäre das ja schon wieder rational und das scheint mir Lantzschi nicht zu sein. Irgendwo hat man dann schon wieder das Gefühl, dass sie so etwas dann doch sogar ernst meinen könnte und als gerechte Kompensation ansehen könnte…