Wenn eine Feministin ausdrücken will, dass sie Männer mag

Stevie Schmidel von Pinkstinks will etwas Positives über Männer schreiben, mal sehen ob ihr meint, dass es positiv ist:

Letzte Woche gab ich einen Vortrag vor einer Gruppe von Gleichstellungsbeauftragten, in der immer wieder ein männerfeindlicher Kommentar oder Witz fiel. Das ist nicht selten. Vielen fällt gar nicht auf, wie diskriminierend Sätze sein können, die mit „Männer sind…“ beginnen. Ich ertappte mich, wie ich freundlich und gekünstelt mit kicherte, bis ich mich nicht mehr leiden konnte und mich traute, meine Gesichtszüge neutral zu lassen. Ich liebe Männer nämlich. Nein, nicht alle, und Männer als Gruppe sind eh schwer zu definieren. Es gibt aber Männer in meinem Leben, die ich sehr gern habe und für die es mir besonders weh tut, wenn auf Männer im Allgemeinen eingehauen wird.

Das finde ich schon interessant formuliert. Es tut ihr für einige Männer in ihrem Leben weh, wenn auf Männer im Allgemeinen eingehauen wird. Also für Männer im Allgemeinen nicht, da scheint sie es durchaus okay zu finden.

Dabei habe auch ich Gewalt von Männern erfahren, bin von Männern verletzt worden und habe große Wut auf ein patriarchales System, das über Jahrhunderte Männer privilegiert hat. Ich glaube nur, dass nicht jeder Mann diese Privilegien feiert.

Das ist erst einmal das feministische Glaubensbekenntnis : Es gibt ein patriarchales System, welches Männer privilegiert, und deswegen sind alle Männer privilegiert. Sie gesteht aber immerhin einigen Männern zu, dass diese auch das System nicht gut finden. Und ich bin durch Männer verletzt worden.

Ergänzt darum, dass nicht jeder Mann ein Schurke sein muss.

Ich kenne Männer, die unter den Ansprüchen an ihre heteronormative Männlichkeit (das ist der Coupon, mit dem man sich die Privilegien abholen darf) gescheitert sind. Alkoholismus, psychische Krankheit, Drogen, Spielsucht, Depressionen und versuchte Suizide sind die häufigsten Dinge, an denen markiert wird, ob ein Mann im System mitspielen durfte.

Alles schlechte ist eben die heteronormative Männlichkeit. Wie sollte es auch anders sein. All diese Erkrankungen treten zwar auch bei Frauen auf, aber bei den Männern sind eben die selbst schuld. Und bein den Frauen natürlich auch.

Das es schlicht eine Folge sowohl einer anderen Biologie als auch einer stärker auf Status ausgerichteten intrasexuellen Konkurrenz ist, die Frauen durchaus mitgestalten und aufrechterhalten kann in diesem Denken gar nicht vorkommen. Und das Frauen das „Privileg“ haben, sich aus diesen Bereichen weitaus eher herauszuhalten und auf die Familie zu konzentrieren oder ihre Arbeitszeiten zu reduzieren, das ist auch nicht vorstellbar.

Ebenso wenig anscheinend wie der Umstand, dass mit Konkurrenz und beruflichen Stress eben auch der Fortschritt und der höhere Lohn verbunden ist, der wieder als Privileg der Männer angesehen wird, der aber einander bedingt.

Ein Alkoholiker mag als Mann trotzdem täglich Privilegien genießen (z.B. fallen saufende Männer weniger auf als saufende Frauen), und die dürfen Feminist*innen auch wütend machen. Ich behaupte jedoch, dass ihn dieser Bonus nicht glücklich macht.

Auch das ist dort eben eine nötige Erklärung: Es gibt keinen Mann ohne Privilegien, saufende Männer fallen eben weniger auf als saufende Frauen. Und deswegen darf man auch auf den Alkoholiker wütend sein, der gar nicht auffällt, nur weil er ein Mann ist. Man könnte natürlich auch andersrum argumentieren: Männer müssen eher funktionieren und verbergen Schwäche anders und gegenüber Frauen greifen Schutzmaßnahmen eher. Aber das passt eben nicht so gut in das sehr einfache Schema.

Gestern, beim Joggen im Park, traf ich einen Bekannten aus Schulzeiten. Ich habe ihn damals immer als Alphatier gesehen, als einen der coolen Jungs, vor deren Clique ich enorme Angst hatte. Man kassierte von ihnen regelmäßig einen Spruch über das eigene Aussehen, der einen an einem Tag als Schlampe, am nächsten Tag als prüde Sau deklarierte. Diese Unberechenbarkeit von Bewertungen von etwas älteren, sehr gut aussehenden und lauten Jungs hielt einen gerne konstant eingeschüchtert. Am besten versuchte man ihnen nicht zu begegnen, wenn sie in der Gruppe beisammen standen.

Auch interessant wie sie die erst einmal alle in eine Gruppe steckt. Ich vermute mal, dass auch die Alphamädchen entsprechende Aussagen machen können, vielleicht auf eine andere Weise, aber die Problematiken von Queen Bees oder anderen Konstellationen der intrasexuellen Konkurrenz gibt es ja in jedem zweiten amerikanischen College- oder Highschoolfilm: Die coolen Mädchen, die andere Ausgrenzen oder sie sozial ächten.

(Ob Jungen das kennen? Eine Angst vor älteren Mädchen, die mit sexuell aufgeladenen Sprüchen und niederschmetternden Urteilen die gesamte Existenz bedrohen können?)

Natürlich kennen Jungs Angst vor Frauen und deren Wertungen. Etwa von Abwertungen als Uncool, Versager, Feigling oder vollkommen uninteressant. Ansprechangst ist auch immer Angst vor sozialer Bloßstellung, ebenso wie die Angst als Orbiter oder in der Friendzone zu landen, weil sie sich nicht für einen interessieren. Männer erfahren wahrscheinlich wesentlich mehr direkte Ablehnung als Frauen, weil sie häufiger den aktiveren Part übernehmen müssen. Und Bezeichnungen wie Nerd oder Creep sind nicht umsonst für Männer entstanden. Vom coolen Mädchen der Klasse als Nerd oder gar Creep abgestempelt zu werden kann ebenso unangenehm sein, wie für alle Frauen trotz aller Bemühungen Luft zu sein.

Dieses Mitglied der ehemaligen Bedrohung arbeitet heute als Erzieher, begrüßte mich herzlich und erzählte, dass er mit Begeisterung unseren Newsletter lese. Ich war verwirrt und wie so oft purzelten Vorurteile und Realitäten durcheinander. Ich sendete Nachfragen an meine grauen Zellen, ob ich von ihm persönlich je einen Spruch oder dumme Anmache kassiert hatte. Mein System hatte keine Antwort außer, dass er Teil von denen war, die mir Angst gemacht hatten. Ist er damit auch schuldig? Und wenn ja, für immer?

Sie weiß also noch nicht einmal, ob er ihr oder jemanden anderen etwas getan hat, aber irgendwie schuldig ist er trotzdem, denn er ist ja ein Mann.

Menschen, auch Männer, verändern sich. In ein Geschlecht, eine Gruppe oder eine Sozialisierung hinein geboren zu werden macht einen nicht primär schuldig und ich empfinde eine große Notwendigkeit von Kulanz darin, diesen Menschen zuzugestehen, dass sie ihre Privilegien nicht sofort als solche empfinden sondern Zeit brauchen, sie zu erkennen.

Wie nett von ihr! Sie ist dafür, dass man Männer etwas Zeit zugesteht, bis sie erkennen, dass sie sich bessern müssen. Und erst dann sollte man sie verurteilen, vorher sollte man sie nur darauf hinweisen, dass sie besser sind.

Alle Männer, die ich Freunde nenne, haben Privilegien als Mann, die mich wütend machen.

Alle Männer, selbst ihre engsten feministischen Freunde, machen sie wütend.

Nehmen wir meinen Pinkstinks-Kollegen Nils: Wie oft wird er von Leser*innen bejubelt, nur weil er – als Mann! – über Feminismus schreibt. Oder meinen Lebensgefährten: Seine Empathie-Leitung ist dank konservativer Erziehung zum „echten Jungen“ länger als meine, was ihn für viele Dinge weniger sensibel macht. Gerade in geteilter Care-Arbeit gibt es dadurch eine unfreiwillige Arbeitsteilung: Manchmal würde ich auch lieber die Wäsche machen als für jedes emotionale Problem Ansprechperson zu sein. Aber ebenso, wie Nils um sein Privileg weiß und immer wieder hinterfragt, ob er sich als Mann zu bestimmten Themen im Feminismus überhaupt zu Wort melden sollte, kann mein Mann seine Baustelle benennen, sie aber nicht über Nacht verändern. Sie sind verhaftet im „Privilegiert-sein“ und können es nicht „einfach wegmachen“.

Die armen Typen. Schon so werden Frauen oft grundlos sauer auf Männer, hier wird es noch einmal potenziert: Selbst Anerkennung und Erfolg dürfen sie nicht einfach so genießen, sie müssen darauf abstellen, dass sie diesen nur als Mann haben und damit Frauen benachteiligen.

Sie können sich aber dazu verhalten, welche Zuschreibungen sie gar nicht wollen und welche Nebenwirkungen mit dem patriarchalen System einhergehen. Wo genau mangelnde Sensibilität ersehnte Nähe behindert oder ungewollte Privilegien zur Ausgrenzung aus einer Gruppe führen, zu der man gerne gehören würde. Deshalb gibt es ab jetzt bei uns den Schwerpunkt „Männer im Feminismus – Feminismus für Männer“, in dem neben Nils Pickert auch das Feministen-Duo „Herr und Speer“ aus Berlin und andere regelmäßig bloggen werden. Über Fragen wie die, die mich täglich bewegen:

Was werden das wohl für Fragen sein:

Wie können Frauen mit ihrer Wut auf Männer umgehen? Was können Männer tun, damit diese Wut weniger wird? Wie kommen wir alle zusammen, zu den gleichen Rechten und Chancen? Und: Welche Männer wollen das überhaupt, und warum?

Sie liebt Männer wirklich, aber sie ist eben auch Wütend auf alle Männer, selbst ihre nächsten, die sich alle Mühe geben. Und da muss nicht etwa sie sich hinterfragen, nein, die müssen dafür sorgen, dass Frauen nicht mehr wütend sind.

Ich freue mich darauf, mehr Feminismus von Männern zu hören und Feminismus für Männer sichtbar zu machen.

Aber nur, wenn sie Frauen damit nichts wegnehmen und das eher unter sich machen, sich brav umerziehen. Denn Männer sind eben doch (Privilegien-)Schweine. Ich habe mit Schmiedel etwas auf der Seite diskutiert. Wer mag kann es sich ja mal anschauen.