Lucas Schoppe zu einer Politik der Ressentiments

Lucas Schoppe bespricht ebenfalls das Dossier des BMFSFJ und geht dabei insbesondere auf die Haltung dort gegen Männer ein:

Selbst die Thematisierung männlicher Gewalterfahrungen ist so noch von abwertenden Klischees geprägt. Männern wird durchaus zugestanden, selbst Opfer toxischer Männlichkeiten zu sein – aber die Fantasien selbst, die Männlichkeit mit Gift und Toxizität in Verbindung bringen, werden nicht in Frage gestellt.

An keiner Stelle wird beispielsweise deutlich, dass die sehr viel größere Beteiligung von Männern an der Erwerbsarbeit keineswegs toxisch ist, sondern überhaupt erst die Ressourcen produziert, mit denen andere – auch Ministerien – agieren können. Als Opfer können Männer in diesem Dossier gerade noch vorkommen, solange sie dadurch nicht um die institutionellen Leistungen für Frauen konkurrieren. Aber in keiner Passage des Textes wird Männlichkeit positiv konnotiert: Sie erscheint grundsätzlich als problematisch und veränderungsbedürftig.

Das ist in der Tat richtig: Es gibt keinen positiven Blick auf Männlichkeit in einem Dossier, welches vorgibt auf Männerpolitik ausgerichtet zu sein. Männlichkeit ist das Übel, die Ursache für schlechte Zustände, etwas, was sich verändern muss. Getarnt ist das als „Hilfe für Männer“.

Das ist eine Politik des Ressentiments, die immer wieder ähnliche Muster entfaltet – ob sie nun auf ethnische und rassistische Ressentiments oder auf Geschlechterressentiments zurückgreift. Der Begriff „toxische Männlichkeit“, der im Dossier ganz selbstverständlich verwendet wird (LF, 9), ist ein idealtypisches Beispiel für eine Ressentimentklammer, die von scheinzivilen Positionen bis hin zu offener Menschenfeindlichkeit reicht: Er kann harmlos für Männlichkeitskonzepte stehen, an denen auch Männer leiden würden, aber ebenso für Männer selbst benutzt werden, die dann insgesamt als Gift im Körper der Gesellschaft erscheinen.

Hier scheint mir Lucas Schoppe mit den fettgedruckten Worten Theorien aufzugreifen, unter den Schlagworten konnte ich aber bei einer Suche nicht viel dazu finden. Vielleicht kann mich da jemand aufklären.

In der Wikipedia findet sich etwas dazu, was auf Nitzsche verweist:

Friedrich Nietzsche gewinnt seinen Ressentiment-Begriff in der Auseinandersetzung mit Eugen Dühring, der den Begriff in die deutschsprachige philosophische Debatte einführt und zugleich dessen radikale, wertpolemische Verwendung vorgibt.[9] Dühring hatte – in einer Art Neuauflage der Kallikleischen Argumentation – alle Rechtsbegriffe, insbesondere den grundlegenden der Gerechtigkeit überhaupt, die dem Naturrecht des Stärkeren entgegentreten, aus dem Ressentiment erklärt (Der Werth des Lebens, 1865). In Gegensatz dazu tritt nun Nietzsche, der zwar ebenso keine „höheren“, den realen Machtverhältnissen übergeordneten Werte anerkennt, jedoch eine immanente Gerechtigkeit zwischen Ebenbürtigen bzw. Gleichstarken annimmt.

Nietzsche beschreibt die „Psychologie des Ressentiments“ als Selbstvergiftung durch gehemmte Rache: „Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Mut ihn auszuführen, heißt […] eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“[10]

In der Genealogie der Moral (1887) wendet Nietzsche diesen Gedanken auf die „Historie der Moral“ an. Die Vergiftung durch das Ressentiment korrumpiert die allgemeinen Wertschätzungen: „Während der vornehme Mensch vor sich selbst mit Vertrauen und Offenheit lebt (gennaios ‚edelbürtig‘ unterstreicht die nuance ‚aufrichtig‘ und auch wohl ‚naiv‘), so ist der Mensch des Ressentiment weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.“[11]

Das Ressentiment findet seinen wert- und weltgeschichtlichen Niederschlag in der jüdischen und christlichen Moral, die als Sklavenmoral von reaktivem, verneinenden Charakter der vornehmen, bejahenden, Herrenmoral der Römer gegenübergestellt wird. An die Stelle der ursprünglichen, „vornehmen“ Schätzwerte „gut“ vs „schlecht“ tritt nun die Moral von „gut“ und „böse“. Durch die Zurückdrängung des ursprünglichen Racheimpulses (durch Delegation der Rache an Gott bzw. Delegation der Strafe an den Staat) wird eine Verinnerlichung des Menschen erzwungen, die zur Ausbildung der moralischen Begriffe (Sünde, Schuld, Gewissen) im modernen Sinn führt. Diese jedoch verleugnen, so Nietzsche, ihre Herkunft aus dem Ressentiment und beanspruchen Absolutheit, was eine „Kritik der moralischen Werte“ als Frage nach dem „Wert der Werte“ notwendig macht. Dieser Kritik unterliegen insbesondere die modernen europäischen Demokratien, deren grundlegenden Wert Nietzsche als „Wille zur Gleichheit historisch aus der Ressentiment-Moral herleitet. Sie mündet in der moralischen Utopie des Übermenschen als Befreiung vom „Geist der Rache“ überhaupt.[12]

Das passt durchaus zum Feminismus, der meint, dass er sich an Männern rächen muss, der einen Racheimpuls hat und in der Tat in Gut und Böse einteilt. Viele Feministinnen erscheinen in der Tat verbittert und voll der „Selbstvergiftung durch gehemmte Rache“.

Interessante Konzepte. Vielleicht hat sich ja hier schon jemand damit beschäftigt.

6 Gedanken zu “Lucas Schoppe zu einer Politik der Ressentiments

  1. Nietzsche aus psychologischer Perspektive heutzutage doch völlig uninteressant. Er geht von einem tiefenpsychologisches Modell aus, das heutzutage völlig überholt ist und ist dahingehend eher philosophisch relevant.

    Er bezieht sich in seinen Äußerungen übrigens auf den Übergang von einer römischen Moralbegriff, das sehr viel Wert auf (militärische, gesellschaftlich projezierte) Stärke legt, zu einem christlichen Moralbegriff, der sich an Nächstenliebe und Unterstützung der Schwachen orientiert.

    • Sehe ich ähnlich. Durch das Aufkommen der Kognitions- und Neurowissenschaften sind diese ganzen alten Psychologen – vor allem natürlich Freud – jedenfalls für psychologische Befunde und Analysen im engeren Sinne überholt.

      Nietzsche ist nur noch in literarischer Hinsicht lesenswert, auch in den Beobachtungen, die er macht – aber sind die auf heute übertragbar? – und natürlich in den Fragen, die er aufwirft.

  2. „Sie [die Angehörigen der vornehmen Rassen] genießen da die Freiheit von allem sozialen Zwang, sie halten sich in der Wildnis schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschließung und Einfriedigung in den Frieden der Gemeinschaft gibt, sie treten in die Unschuld des Raubtier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben.“ (Nietzsche, zur Genealogie der Moral).

    Man kann es in jede Richtung übertreiben.

  3. Den Begriff Ressentimentklammer finde ich auch nur bei Schoppe.
    Ich denke er meint, dass Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ eine ganze Palette an Bedeutungen beinhalten, die durchweg das gesamte Paket an Ressentiment transportieren.
    „Wir meinen doch nicht Männer als Person, sondern „nur“ bestimmte, weitverbreitete Muster von Männlichkeit!“ -> Und schon hat man Sozialschädlichkeit bzw. Giftigkeit als wesenhaft männlich geframt.
    „Ich habe doch gar nix gegen Polen, aber sie sind es, die immer die Autos klauen! Natürlich klauen nicht alle Polen Autos, aber Autos klauen ist ein toxisches Verhaltensmuster von Polnizität!!“

    Es ist ein typisches Motte and Bailey.

    Ziel dieses Framings ist nicht die Ratio, sondern die Amygdala. Man könnte es auch einen Appell an niedere Instinke nennen. Ressentiment frz. „heimlicher Groll“

  4. Lieber Christian, danke, dass Du hier aus meinem Text zitiert hast. Gestern musste ich den Tag über arbeiten, aber jetzt hab ich Ferien (!!) und komme dazu, etwas zu den Textstellen zu schreiben.

    Ich hatte „Ressentiment“ und „Ressentimentklammer“ gar nicht als Fachbegriffe nutzen wollen. Mir ging es zuerst darum, dem Begriff „Hass“ zu vermeiden, der in meinen Augen viel zu leichtfertig verwendet wird. Außerdem hat er kaum einen vernünftigen sachlichen Inhalt, sondern unterstellt einfach nur anderen bestimmte Gefühle, in der Regel mit der Absicht, sie in ein schlechtes Licht zu rücken.

    „Ressentiment“ eignet sich hingegen, wie ich finde, als ein Gegenbegriff zu „Zivilität“. Zivil ist es, wenn wir grundsätzlich erst einmal akzeptieren, dass die anderen überhaupt existieren – und wenn wir zudem bis auf Weiteres bei Erwachsenen akzeptieren, dass sie erwachsen sind und wir weder die Verantwortung noch das Recht haben, sie zu erziehen.

    Insofern wäre natürlich ein mörderischer Rassismus nicht zivil, aber auch nicht der herablassende Rassismus, der (wie in Kiplings „White Man’s Burden“) davon ausgeht, dass Weiße die Schwarzen erst einmal zivilisieren müssten. Dasselbe gilt dann auch für Homoheiler. Die Art und Weise, wie einige Wessis über Ostdeutsche reden, finde ich in diesem Sinn auch nicht weit vom Ressentiment entfernt.

    „Ressentiment“ bedeutet für mich also, dass wir uns schon an der bloßen EXISTENZ anderer stören. Wir wollen dann, dass sie entweder verschwinden, oder dass sie grundsätzlich ändern. Zudem ist das Ressentiment, zumindest im Bereich des Politischen, in der Regel auf Gruppen bezogen, denen die Individuen dann einfach untergeordnet werden.

    Das Ressentiment kehrt damit das zivile Muster um: Andere werden nicht grundsätzlich und bis auf weiteres akzeptiert – sondern sie werden grundsätzlich eben NICHT akzeptiert, und sie müssen erst einmal nachweisen, dass ihr bloßes Dasein überhaupt okay ist.

    Ein bekannter und aggressiver Spruch der „Jungenarbeit“ des Vereins „Dissens“ ist dafür ein Beispiel: Ziel der „Jungenarbeit“ sei nicht der „andere Junge“, sondern „gar kein Junge“. Ein Nachhall des Spruchs amerikanischer Rassisten, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer wäre – allerdings haben das die Dissensler vermutlich nie gemerkt. https://www.zeit.de/2007/27/PS-Jungen-M-dchen/seite-2

    Die in meinem Beitrag verlinkte Professorin Faulstich-Wieland wiederum will Männer gar nicht allgemein als Lehrer aus den Schulen draußen halten – sie findet nur, es käme nicht auf die Frage an, OB Männer da arbeiten, sondern auf die Frage, WELCHE Männer es sind. Natürlich müssen es dann Männer sein, die sich von „traditionellen Männlichkeitskonzepten“ etc. unterscheiden.

    Für das Ressentiment ist es typisch, dass nicht etwa die – gruppenbezogene – Ablehnung begründet werden muss, sondern dass es als begründungsbedürftig erscheint, wenn diese Menschen mal NICHT abgelehnt werden.

    Mit „Ressentimentklammer“ meinte ich dann, dass solche Positionen auch dann, wenn sie vordergründig in ziviler Sprache formuliert sind, nicht zivil sind – die radikale Ablehnung der Existenz, so wie sie sind, ist darin immer enthalten. Damit ist es nur naheliegend, dass diese Ablehnung eher früher als später auch radikal und unverblümt äußert. In Fantasien von Vergasung und Erschießen bei der AfD, in Slogans wie „KillAllMen“ oder „MeAreTrash“ im Pop- und Betonfeminismus.

    Das ist dann beides nicht dasselbe, aber es bilden sich vergleichbare Muster aus: eine Klammer zwischen scheinzivilen Positionen und offener (gruppenbezogener) Menschenfeindlichkeit.

    • „die radikale Ablehnung der Existenz, so wie sie sind, ist darin immer enthalten. Damit ist es nur naheliegend, dass diese Ablehnung eher früher als später auch radikal und unverblümt äußert. In Fantasien von Vergasung und Erschießen bei der AfD“

      — Du hast ja einen Knall. Wäre dem so, meinst du dann würden die ganzen AfD-Mitglieder „mit Migrationshintergrund“ noch weiter in der Partei bleiben? Der AfD-BT-Fraktions-Mitarbeiter wurde noch am selben Tag, an dem es bekannt wurde, fristlos entlassen, ganz einfach weil seine Geisteshaltung völlig unvereinbar mit den Positionen der AfD und er „charakterlich ungeeignet“ ist.
      Erschießungsfantasien werden in der Linken hingegen geduldet; Parteichef Riexinger plädiert jovial nur eher dafür das reichste 1 % „einer sinnvollen Tätigkeit zuzuführen“ anstatt es zu erschießen. Und das ist kein Einzelfall. Und die Presse schweigt sich weitgehend dazu aus oder hilft, es zu relativieren/verharmlosen/kontextuell verschleiern/vertuschen; Konsequenzen irgendeiner Art in der Partei sind jedenfalls nicht bekannt geworden.

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