„Ich habe eine Woche lang nur im generischen Femininum gesprochen“

Auf jetzt hat eine der Schreiberinnen eine Woche lang nur das „generische Femininum“ benutzt und schildert die Reaktionen:

Aber wie wäre es, wenn ich den Spieß eine Woche mal umdrehen und nur im generischen Femininum sprechen würde? Fühlen die Männer sich da auch mitgemeint?

Ich werde also ab sofort von Chefinnen, Interviewpartnerinnen oder Freundinnen sprechen, auch wenn überall Männer gemeint sind. Am ersten Tag probiere ich das direkt bei meiner Mutter aus. Ich erzähle von meiner Chefin, dem Patrick. Schon etwas konstruiert, die ganze Situation, denke ich. Man muss dazu wissen, dass meine Mutter selbst Chefin ist. Ehe ich fertig bin, merke ich, wie sie mich vollkommen verdattert anschaut. „Bitte was, deine Chefin?“, fragt sie leicht belustigt. Man denke sich eine Betonung auf dem in. Ich erkläre meine Mission und sie fängt an zu lachen. Es ist ein anerkennendes Lachen, so scheint es mir. Für die Sekunde zumindest. Dann sagt sie: „Aber das ist ja Quatsch. Ich glaube, man löst das Problem nicht, indem man das gegeneinander aufwiegt. Man muss die männliche und die weibliche Form gleichzeitig verwenden, auch wenn es umständlich und langatmig ist. Diese Zeit können wir uns ja nehmen.“

Ich finde es grundsätzlich ein interessantes Experiment. Es einfach mal ausprobieren und schauen, wie das Umfeld reagiert. Bei ihrer Mutter wäre natürlich interessant, wie die sonst zu dem Thema steht.  Die Gefahr ist außerdem, dass man sich zu sehr in seinem eigenen Umfeld bewegt, dass vielleicht ähnlich denkt.

Neuer Tag, neues Glück beim Gendern: Ich treffe mich mit einem Kumpel in einer Kneipe. Er, KFZ-Mechaniker, erzählt mir von seiner Sammelleidenschaft für alte Volvos, die inzwischen ganze vier Garagen bevölkern. Und ich irgendwann wieder von meiner männlichen Chefin. Er nippt an seinem Bier und scheint total unbeeindruckt. Damit habe ich nicht gerechnet und frage meinen Kumpel, ob ihm das generische Femininum nicht aufgefallen sei? Er druckst etwas herum und meint schließlich „Ich habe mir da nicht so viel Gedanken darum gemacht. Ich dachte, du hast dich versprochen oder…“ Ich hake nach: „Oder?“ „Oder dass er vielleicht schwul ist?“, sagt er und schaut mich unsicher an.

Es kommt vermutlich so unerwartet, dass man sich nicht unbedingt traut zu fragen, wenn sie es souverän rüberbringt. Das man mit einer weiblichen Form für einen Mann rüberbringen will, dass er schwul ist, ist nicht so fernliegend, das „generische Femininum“ ist ja so merkwürdig, dass man wohl kaum einfach einen Versuch einen neuen Sprachgebrauch zu schaffen vermuten würde.

Ich muss unwillkürlich anfangen zu lachen, löse mein Experiment auf und schlage ihm vor, er solle in seiner Werkstatt seine Kollegen mal Kolleginnen nennen. Selbst Mechanikerin genannt zu werden, würde ihm nichts ausmachen. Sagt er. Ein paar Tage später schreibt er mir, seine Kollegen hätten ähnlich reagiert wie er. Frauen gäbe es ohnehin kaum in der Ausbildung und in seiner Werkstatt gar keine, außer am Empfang. Meine Fragestellung spielt in seinem Umfeld einfach keine Rolle. Ist sie deshalb weniger wichtig? Nein, es bedeutet nur, dass zu wenige Frauen diesen Job machen. Spätestens dann würden nämlich auch seine Kollegen mit dem Problem konfrontiert werden.

Ich würde ja schon vermuten, dass ihn ein paar Leute dort einen Spinner nennen würden, aber das mag auch eine Frage der konkreten Werkstatt sein.

Beim nächsten Mal versuche ich es mit einer anderen Geschichte. Auf der Suche nach Protagonisten für einen Artikel frage ich meine Kontakte durch. Einem Kumpel von mir, Kunststudent, schlage ich vor, er könnte auch seine Freundinnen fragen, ob die jemand passenden kennen. „Meine Freunde auch?“, entgegnet er. „Hätte ich von Freunden gesprochen, hättest du nicht gefragt, ob Freundinnen mitgemeint sind, oder?“, gebe ich zurück. „Raffiniert“, denke ich. „Raffiniert“, sagt er.

Nicht sehr raffiniert. Sondern dem normalen Sprachgebrauch entsprechend.

Dann wirft er mir vor, ihm voreilig Sexismus unterstellt zu haben und mich daher selbst sexistisch geäußert zu haben. Mist, ich sitze in der Falle! Und er hört noch nicht auf: „Feminismus sollte den Egalitarismus anstreben. Wenn er das nicht tut, verkommt das Ganze zu einem stupiden Spiel um eigene Interessen. Die Schuldfrage lässt sich nicht so einfach auf mich abwälzen. Ich sehe es dennoch als Verantwortung, vorsichtig damit umzugehen, nur den Mund mache ich sicher nicht zu.“ Das ist natürlich total richtig so: Allein die weibliche Form zu benutzen, ist genauso sexistisch wie nur das generische Maskulinum. Trotzdem wurde dadurch jahrelang das männliche Geschlecht deutlich bevorzugt. Egal, worum es ging: Die Männer waren präsent und sind es immer noch, allein durch die Sprache. Haben wir Frauen nicht auch ein Recht auf einen Ausgleich? Immerhin: Mein Künstlerfreund hat meine Artikelanfrage doch noch an eine Freundin weitergeleitet. Und zwar tatsächlich an eine Frau.

Der Rachegedanke kommt ja ganz gerne im Feminismus vor. Man hat einen Ausgleich für jahrhunderte lange Unterdrückung verdient, auch wenn man selbst 20 ist und keine wirkliche Unterdrückung erlebt hat.

Was sie im folgenden verkennt ist, dass sich Sprache nicht so leicht ändern lässt. Und das es auch keine alltagstauglichen Vorschläge gibt.

ut, wenn ich ganz ehrlich bin, ab und zu denke ich immer noch im generischen Maskulinum, spreche es aber nicht aus. Und dann plötzlich bei einer Diskussion über die FridaysforFuture-Bewegung rutscht es mir raus: Schüler. Und das obwohl gerade diese Klimastreiks von einer jungen Frau initiiert wurden. Ich spüre, wie sämtliche Gender-Götter (oder soll ich sie geschlechtsneutral Gottys nennen wie der Moderator Hermes Phettberg?) ihre Hände über meinem Kopf zusammenschlagen, als könnten sie dieses teuflische „Schüler“ so vertreiben. Ich erkläre mein Experiment für gescheitert: Ich habe es nicht mal selbst geschafft, es durchzuhalten.

Ich hätte es interessant gefunden, wenn sie etwas mehr dazu geschildert hätte, wie schwer ihr die Umstellung bei einem normalen Gespräch viel. Klar, so macht es wahrscheinlich den besseren Abschluss des Artikels, aber das scheint mir doch einer der interessantesten Probleme zu sein. Auch ein Test bei jemanden, der sie gar nicht kennt wäre interessant gewesen.