„Strukturell“

Blue Jaw schrieb

Ich schlage einen Extra- Faden zum Begriff „strukturell“ vor.

Meiner Erfahrung nach wird er von regressiven Linken als Wieselbegriff mißbraucht, ganz nach Bedarf bedeutet „strukturell“ bei ihnen „staatlich“ oder „gesellschaftlich“. Meinem Verständnis nach das hier viel zitierte Motte & Bailey- Prinzip.

Angeblich kommt der Begriff der strukturellen Diskriminierung tatsächlich von einem der alten Recken der Frankfurter Schule.

Da ich da theoretisch nicht fit bin, bitte ich die Experten um Rat.

Gunar schrieb:

@Blue Jaw

Wie so oft lohnt ein Blick in mein „Schwarzbuch Feminismus“ 🙂
1971: „Der Norweger Johan Galtung formuliert das Konzept der »strukturellen Gewalt«, das von Feministinnen dankbar aufgenommen wird, um jede erlebte Frustration zur Unterdrückung zu erklären.“

Renton schreibt:

Nein, nein, die Strukturen sind (auch und vor allem) überlieferte Verhaltensregeln, umgangssprachlich „Traditionen“ genannt.

Das schöne an diesen Traditionen ist, sie werden immer als Nachteil für Frauen ausgelegt.
Klassisches Beispiel: Wer einer Frau in den Mantel hilft, ist ihr nicht be-hilflich, sondern erzieht sie zur Unmündigkeit.
Und wer von seiner Frau, mit der er ausgemacht hat, dass sie sich ums Kind kümmert, während er das Geld ranschaffen geht, erwartet, die mentale Last der Alltagsorganisation des Kindes zu tragen, erzieht sie nicht etwa zur Mündigkeit, sondern verweigert ihr die ihr zustehende Unterstützung.

Catch-22 eben.

El Mocho schreibt:

Hier heißt es:

„Von struktureller Diskriminierung wird gesprochen, wenn die Benachteiligung einzelner Gruppen in der Organisation der Gesellschaft begründet liegt. Die über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsene Art des Zusammenlebens (Arbeitsteilung, Verteilung der Entscheidbefugnisse etc.) geht in der Regel mit patriarchalen, postkolonialen, homophoben, religiösen oder wie auch immer gearteten und begründeten Konventionen, Gebräuchen und Traditionen einher, welche die Privilegierung einzelner Gruppen bzw. die Schlechterstellung anderer Gruppen als «normal» und vorgegeben erscheinen lassen. Diese allen Gesellschaften immanente Form der Diskriminierung ist ebenfalls nicht immer einfach zu erkennen, da bestehende und vertraute Strukturen häufig nicht hinterfragt und auch von den Betroffenen selber nicht als diskriminierend erkannt werden.“

Wirklich sehr unklar. Was heißt das, dass Diskriminierung „in der Organisation der Gesellschaft begründet liegt“? Die Diskriminierung muss doch nachweisbar sein, es muss einen konkreten Nachteil für jemanden geben, der auf einen Urheber zurückführbar ist, ansonsten kann man wohl nicht von Diskriminierung reden. Dass ich in Kolumbien mir schnell einen Sonnenbrand hole während meine Frau sich noch nicht mal einreiben muss, dass ich Milch und Käse essen kann und sie davon Magenbeschwerden bekommt (genetisch bedingte Laktose-Unverträglichkeit), das sind sicher Nachteile, aber man würde sie nie als Diskriminierung bezeichnen, weil niemand dafür verantwortlich ist.

„Organisation“ ist ein genauso unklarer Begriff wie Struktur, das erklärt wenig. Wer ist für die Organisation der Gesellschaft verantwortlich?

Und das die Betroffenen die angebliche Diskriminierung selber nicht erkennen, spricht auch eher gegen die Realität des Phänomens.

Ich halte das alles nur für Gerede, das vorgeschoben wird, um politische Forderungen zu begründen, für die man keine vernünftigen Argumente hat.

Und ich greife noch mal Gunar auf und zitiere dazu auch die Wikipedia:

Structural violence is a term commonly ascribed to Johan Galtung, which he introduced in the article „Violence, Peace, and Peace Research“ (1969).[1] It refers to a form of violence wherein some social structure or social institution may harm people by preventing them from meeting their basic needs. Institutionalized adultism, ageism, classism, elitism, ethnocentrism, nationalism, speciesism, racism, and sexism are some examples of structural violence as proposed by Galtung.[2][3] According to Galtung, rather than conveying a physical image, structural violence is an „avoidable impairment of fundamental human needs“.[4] As it is avoidable, structural violence is a high cause of premature death and unnecessary disability. Because structural violence affects people differently in various social structures, it is very closely linked to social injustice.[5] Structural violence and direct violence are said to be highly interdependent, including family violence, gender violence, hate crimes, racial violence, police violence, state violence, terrorism, and war.[6]

In his book Violence: Reflections on a National Epidemic, James Gilligan defines structural violence as „the increased rates of death and disability suffered by those who occupy the bottom rungs of society, as contrasted with the relatively lower death rates experienced by those who are above them“. Gilligan largely describes these „excess deaths“ as „non-natural“ and attributes them to the stress, shame, discrimination, and denigration that results from lower status. He draws on Sennett and Cobb, who examine the „contest for dignity“ in a context of dramatic inequality.[7]

Bandy X. Lee wrote in her textbook Violence: An Interdisciplinary Approach to Causes, Consequences, and Cures, „Structural violence refers to the avoidable limitations that society places on groups of people that constrain them from meeting their basic needs and achieving the quality of life that would otherwise be possible. These limitations, which can be political, economic, religious, cultural, or legal in nature, usually originate in institutions that exercise power over particular subjects.“[8] She goes on to say that it „is therefore an illustration of a power system wherein social structures or institutions cause harm to people in a way that results in maldevelopment and other deprivations.“[8] Rather than the term being called social injustice or oppression, there is an advocacy for it to be called violence because this phenomenon comes from, and can be corrected by human decisions, rather than just natural causes.[8]

BMFSFJ: „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschand“

Das BMFSFJ hat ein  Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschand“ herausgebracht.

Der Kurztext lautet:

Partnerschaftliche Gleichstellungspolitik nimmt Frauen und Männer gleichermaßen in den Fokus und unterstützt dort, wo Benachteiligungen vorhanden sind. Das Dossier „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer in Deutschland“ beschreibt wie Jungen und Männer als Adressaten und Nutznießer dieser Gleichstellungspolitik bereits heute erreicht und mobilisiert werden. Darüber hinaus gibt es einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand und Entwicklungen in dem Themenfeld. Darin werden auch gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen veranschaulicht sowie neue Perspektiven und Horizonte eröffnet – für eine moderne Gesellschaft, in der Partnerschaftlichkeit aktiv gelebt wird.

Der Langtext ist hier herunterzuladen. Er ist insgesamt interessant, ich greife ein paar Aussagen ohne Anspruch auf Vollständigkeit heraus:

Aus der Einleitung auf S. 6:

Gleichstellungspolitischer Fortschritt braucht das Engagement von Jungen und Männern. Deshalb verfolgt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (im Folgenden auch Bundesgleichstellungsministerium oder BMFSFJ) eine partnerschaftliche Gleichstellungspolitik, die Jungen und Männer mit einer eigenen Umsetzungsstrategie direkt einbezieht. Sie ist Inhalt des vorliegenden Dossiers, das Jungen und Männer dabei in einer dreifachen Rolle anspricht:

Eine dreifache Rolle, man darf gespannt sein, ob man Männern da zugesteht Forderungen zu haben oder ob es ganz klassisch feministisch zugeht:

1. Als Akteure des Wandels („agents of change“): Denn auch Jungen und Männer haben Gleichstellungsanliegen, wollen jenseits von Geschlechterklischees frei und gut leben, ihre Potenziale und Interessen verwirklichen, Beziehungen auf Augenhöhe führen.

Das wäre ja grundsätzlich immerhin die Mitteilung, das Männer „Gleichstellungsanliegen“ haben. Hat man das bei Frauen jemals so formuliert? Es klingt relativ zurückhaltend.

2. Als Unterstützer und Partner von Gleichstellung und Frauenemanzipation:
Denn auch wenn Jungen und Männer selbst unter Männlichkeitsnormen leiden, bleiben sie strukturell privilegiert. Gleichstellungspolitik muss der
Geschichte Rechnung tragen. Sie muss und darf von Jungen und Männern auch einfordern, dass sie sich mit ihren gewachsenen Privilegien auseinandersetzen und Gleichstellungsanliegen von Frauen solidarisch mit unterstützen.

„Strukturell diskriminiert“, also klassischer dritte Welle Feminismus, und Männer leiden eben nur unter Männlichkeitsnormen, also quasi toxische Männlichkeit etc. Ich denke in diesem Sinne darf man auch Punkt 1 verstehen: Männer haben das Anliegen, dass Männlichkeit besser wird und nicht etwa, dass anderweitige Benachteiligungen für sie abgebaut werden. Sie dürfen klassische „Allys“ sein.

Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, dass man generell für Gleichberechtigung eintritt, im Gegenteil, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass man für die Gleichberechtigung (nicht Gleichstellung im Sinne von „equality of outcome“) eintritt. Aber dennoch verstehe ich das klassisch feministisch, sie sollen Frauen unterstützen

3. Als Partner in einer Allianz für Vielfalt und soziale Gerechtigkeit:
Denn Gleichstellung ist nicht erreicht, wenn nur die privilegiertesten Männer und Frauen gleich viel haben und dürfen. Partnerschaftliche Gleichstellungspolitik bezieht Jungen und Männer ein in den Entwicklungsprozess hin zu sozialer Gerechtigkeit und einer equality for all gender.

Also eine klassische intersektionale Betrachtung: Männer sollen auch Unterstützer für Leute sein, die in anderen Kategorien der klassischen intersektionalen Theorien „nicht privilegiert“ sind.

Auf Seite 9 findet sich:

Der Aspekt der Persistenz (Beharrung, Stillstand) bezieht sich auf den Umstand, dass sich die tatsächlichen Lebensverhältnisse sehr viel langsamer wandeln. Einige Beispiele:

  • Die Erwerbsquote von Männern liegt mit 82,4 Prozent nach wie vor höher als die der Frauen (74 Prozent), auch wenn sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verringern. Teilzeitbeschäftigung kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern. Frauen sind überproportional im Dienstleistungsbereich, Männer häufiger in Industrie und Landwirtschaft beschäftigt.3
  • Männer verdienen im Mittel deutlich mehr als Frauen. Der Gender Pay Gap lag 2018 in Deutschland mit 21 Prozent Lohngefälle über dem EU-Schnitt von 16 Prozent.4
    In der Europäischen Union ist dieser Unterschied nur in
    Estland noch größer.
  • Erst rund 40 Prozent aller anspruchsberechtigten Väter gehen in Elternzeit. 80 Prozent von ihnen wählen die kürzestmögliche Bezugsdauer von zwei Monaten (während 92 Prozent der
    Frauen zehn bis zwölf Monate in Elternzeit gehen).5

Generell gilt: Männlichkeit wird – Stichwort: toxische Männlichkeit – zusehends problematisiert. Trotzdem wird „männliches“ Verhalten – zumindest mit Blick auf die Leistungs- und Erwerbsorientierung – weiterhin eingefordert.
Um Wahlfreiheit zu verwirklichen, dürfen sich Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nicht länger an traditionellen Modellen familiärer Aufgabenverteilung ausrichten. Es gilt anzuerkennen, dass die Förderung männlicher eine bisher unterschätzte und zu wenig genutzte Ressource für die Lösung einer Vielzahl drängender Herausforderungen in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt ist. Was das Grundgesetz (Art. 3 Abs. 2) und der Vertrag von Lissabon (Art. 3 Bst. 3 Abs. 2)7 fordern, lässt sich auch ganz einfach fassen: als Auftrag, alle Ressourcen und Belastungen, alle bezahlten und unbezahlten Arbeiten fair, also hälftig, zwischen den Geschlechtern zu verteilen.

Also das klassische Bild:

Männer arbeiten häufiger, Frauen verdienen im Mittel weniger, Väter nehmen weniger Elternzeit – das darf nicht sein, das müssen wir ändern!
Ich finde den aus dem Grundgesetz (fälschlicherweise) abgeleiteten  Auftrag eine hälftige Teilung der bezahlten und „unbezahlten“ Arbeiten herzustellen erstaunlich:
Das Grundgesetz sagt immerhin in Art. 2 GG zunächst erst einmal, dass jeder machen kann, was er will („Allgemeine Handlungsfreiheit“) und das der Gesetzgeber einem da nicht reinreden darf, wenn er nicht einen guten Grund hat.

Wie Leute ihr Leben einrichten ist erst einmal deren Sache und der Staat hat sich dort nicht einzumischen. Der Ansatz hat etwas sehr autoritäres/totalitäres.

Der zweite Abschnitt: „Männer, Männlichkeit und Männerpolitik“, als schnelle Einführung gedacht, beginnt auf S. 11 wie folgt:

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau (gemacht).“ Dieser berühmte Satz von Simone de Beauvoir gilt gleichermaßen für Jungen und Männer. Auch sie lernen im Lauf ihres Aufwachsens, wie „richtig“ Mann-Sein geht. Weil aus Jungen Männer gemacht werden, reicht es nicht, Jungen „einfach Jungen sein lassen“ zu wollen. Denn es gibt kein „reines“ Junge-Sein, das von Kultur und Gesellschaft unberührt wäre. Junge- und Mann-Sein entwickeln und vollziehen sich immer innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse.

Beauvoir als reine Sozialkonstruktivistin ist heute in der Wissenschaft eigentlich nicht mehr vertretbar: Transsexuelle etwa zeigen, dass man sehr wohl mit einer anderen Gehirnausrichtung geboren werden kann und CAH-Frauen zeigen, dass Sozialisierung nur in Abhängigkeit von pränatalen und postnatalen Hormonen gesehen werden kann und diese weitaus eher einen wesentlichen Teil der Geschlechterunterschiede bewirken.

Im deutschen Sprachraum waren Lothar Böhnisch und Reinhard Winter Pioniere in der Erforschung männlicher Sozialisation. Sie haben vorgeschlagen, den Prozess des Männlich-Werdens als Aneignung von sieben Prinzipien zu fassen:

  • Externalisierung (Männlich ist … sich nicht
    mit der eigenen Innenwelt zu beschäftigen);
  • Gewalt (Männlich ist … sich selbst und andere
    beherrschen zu wollen);
  • Stummheit (Männlich ist … nicht über
    Befinden/Empfindungen zu sprechen);
  • Alleinsein (Männlich ist … ohne Unterstützung
    auszukommen);
  • Körperferne (Männlich ist … den eigenen
    Körper zu vernachlässigen, Körpersignale
    auszublenden und den Körper als Werkzeug
    zu „gebrauchen“);
  • Rationalität (Männlich ist … Gefühle
    abzuwehren und abzuwerten);
  • Kontrolle (Männlich ist … alle und alles
    im Griff haben wollen).

Das ist aus meiner Sicht zum einen eben nicht nur eine Frage der Sozialisation, sondern eben auch der Biologie, aber im Ganzen auch sehr negativ fomuliert. Ich versuche es – ohne wirklich Wissen ob die Negativität hier von Böhnisch und Winter kommen oder aus dem Dossier mal mit einer positiven Umdeutung:

  • Externalisierung : Männlich ist es praktische Lösungen zu finden und etwas zu schaffen statt sich nur damit zu beschäftigen, was bestimmte Situationen für Gefühle auslösen.
  • Gewalt: Das ersetze ich mal durch „Männer treten gerne in Wettbewerb miteinander und errichten – auch um Konflikte abzufangen-  gerne Hierarchien. Sie arbeiten aber ebenso gerne zusammen, um kooperative Gewinne zu erzielen.  Status und Ressourcen aufzubauen bedeutet nicht, dass man andere beherrschen möchte.
  • Stummheit (Männlich ist … nicht über Befinden/Empfindungen zu sprechen): Ich würde sagen: Männer sind lieber aktiv, wenn sie es sein können und sehen weniger Nutzen darin sich über Empfindungen auszutauschen, die wenig an der Situation ändern.
  • Alleinsein (Männlich ist … ohne Unterstützung
    auszukommen); „Männer sind hochgradig teamfähig, versuchen aber auch an Herausforderungen zu wachsen und Probleme selbst zu lösen und so ihre Fähigkeiten zu erweitern“.
  •  Körperferne (Männlich ist … den eigenen Körper zu vernachlässigen, Körpersignale auszublenden und den Körper als Werkzeug
    zu „gebrauchen“);
    Was für eine absolute Aussage und was für eine Zuweisung an Männlichkeit an sich. Natürlich achten Männer auch auf ihren Körper, aber natürlich ist er auch ein Werkzeug und man kann Körpersignale auch einschätzen und meinen, dass es nicht so dramatisch ist und man dennoch bestimmte Sachen weiter machen kann. Das mag mitunter falsch sein, ist aber eben auch häufig richtig.
  • Rationalität (Männlich ist … Gefühle abzuwehren und abzuwerten);
    Auch hier: Wie kann man Rationalität, ein sehr hohes Gut, nur abwertend beschreiben? Rationalität ist etwas wunderbares und eben auch positiv als Gegenstück zur Hysterie oder zur übertriebenen Ängstlichkeit, Weinerlichkeit etc darstellbar.
  • Kontrolle (Männlich ist … alle und alles im Griff haben wollen).
    Auch hier: Kontrolle klingt da sehr negativ: Natürlich ist es etwas Gutes, wenn man sein Leben, seine Arbeit etc im Griff hat. Der Wunsch, dass man Kontrolle über wichtige Aspekte hat ist nichts schlechtes, es bedeutet auch die Übernahme von Verantwortung, das Bekenntnis dazu, dass es eben nicht nur äußerliche Faktoren sind, sondern man auch selbst etwas machen muss. Aber natürlich gibt es auch wahnsinnig kontrollierende Frauen. Etwa solche, bei denen der Partner sich für alles abmelden und um Erlaubnis fragen muss oder eben Feministinnen, die das Leben aller daraufhin kontrollieren wollen, dass sie es „woke“ genug einrichten

Und auf S. 11:

Die fachliche Auseinandersetzung ist seither vorangeschritten. Gefragt wurde, wie männliche Sozialisation entwicklungsfreundlicher und ressourcenreicher beschrieben werden kann. Gefragt wurde auch, wie es kommt, dass die allermeisten Männer doch eigentlich prima Kerle sind, obwohl sie sich in solch enge Männlichkeitskorsette zwängen. 

Die allermeisten sind eigentlich „prima Kerle“? Schwingt in dieser Beschreibung nicht selbst etwas Rollendruck mit, denn ein Kerl hat ja auch etwas von „hart“ und „stark“ und was nicht alles so zu  überkommendes Rollenbild ist.

Aus Seite 12:

Als gesichert darf gelten:

  • Männliche Sozialisation gibt es. Junge- und Mann-Sein wird erlernt. Die eingeforderten Lernschritte hängen dabei immer auch mit Machtstrukturen und Herrschaftsinteressen zusammen.
  • Männlichkeitsanforderungen gibt es. Wir alle, Männer wie Frauen, teilen gesellschaftliches Orientierungswissen, was „männlich“ ist. Diese gesellschaftlichen Überzeugungen fühlen sich naturgegebener an als sie sind.
  • Männlichkeitsanforderungen schaffen Normen und Hierarchien. „Ausgeprägtes Wettbewerbsverhalten“ ist unter Jungen typisch. Es nährt die eigentlich seltsame und doch äußerst wirkmächtige Annahme von Männern, dass es eine Art Männlichkeitsrangfolge gibt, in der es möglichst weit oben zu stehen und verächtlich auf die unten herabzublicken gilt. (Oder wenn das chancenlos ist: Bei der es sich mit denen weit oben möglichst gut zu stellen gilt.)
  • Männer wollen Männlichkeitsanforderungen genügen – und müssen letztlich daran scheitern. Denn die Anforderungen sind zu hoch  und zu widersprüchlich, um sie erfüllen zu können. Mann-Sein ist deshalb immer auch ein Umgang mit dem Gefühl, nicht ganz zu genügen.
  • Männliche Sozialisation uniformiert und begrenzt damit Entwicklung und Vielfalt. Denn die meisten Männer wollen das Risiko nicht eingehen, „unmännlich“ zu erscheinen. Lieber
    legen sie den Autopiloten ein und funktionieren, wie von ihnen erwartet wird. Viele verlieren die Verbindung zu sich selbst. Deshalb fällt es beispielsweise vielen Männern schwer, Gefühle zu benennen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Männliche Sozialisation „rechtfertigt“ gesellschaftliche Ungleichheiten und Geschlechterhierarchien, denn sie vermittelt Männern die Illusion, den Mittelpunkt der Welt darzustellen, Anspruch auf Privilegien zu haben, bestimmen
    zu dürfen. Das verursacht viel Leid und Wut – und führt bis heute zu unhaltbaren Ungerechtigkeiten.

Diese Feststellungen gelten insbesondere für jene
Männer, die der statistischen Norm des heterosexuellen, weißen Cis-Mannes (vergleiche Beschreibung im folgenden Kasten) entsprechen.

Das viele Männer das weitaus lockerer sehen und nicht jeder Mann an zu harten Männlichkeitsanforderungen scheitert, sondern die meisten Männer gerne Männer sind kommt darin nicht vor. Und der Gedanke, dass jede Hierarchie, auch Leistungshierarchie, schlecht ist, den finde ich auch erstaunlich, ebenso das gar nicht gesehen wird, dass man nicht zwangsläufig auf die „unten“ herabblicken muss, sondern, dass diese häufig andere Fähigkeiten in anderen Hierarchien haben, die ihnen einen bestimmten Platz sichern und auch Kooperation möglich machen. Der Sportler mag schneller laufen können, deswegen muss er den „Bücherwurm“ oder den „Computerspezialisten“ nicht ablehnen oder verächtlich auf ihn herabschauen.

Und wo vermittelt männliche Sozialisation noch den Gedanken, der Mittelpunkt der Welt zu sein?
Weit eher findet in vielen Fällen eine Überhöhung der Frauen statt.

S. 14:

„Männer sind im Aufbruch und in Bewegung“, stellt das BMFSFJ bereits 2007 fest. „Sie reagieren damit aber nicht nur auf Forderungen der Frauenbewegung, sondern fordern eine eigenständige und gleich starke Gleichstellungspolitik für Männer, damit die Belange, Bedarfe und auch Benachteiligungen von Männern in der Gesellschaft in den Blick geraten.“14 Dieser Befund bestätigt sich 2015: 60 Prozent der Männer stimmen der Aussage zu, Gleichstellungspolitik befasse sich „noch nicht ausreichend mit den Bedürfnissen und Anliegen von Männern“15, wobei jüngere Männer dieser Aussage überproportional zustimmen. 65 Prozent aller Männer befürworten die Aussage, „Gleichstellungspolitik ist nur ein anderer Name für Frauenförderung“

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Botschaft, die damit verbunden ist, bei dem Ministerium angekommen ist. Für sie ist es anscheinend der Ruf der Männer von ihrer Männlichkeit befreit zu werden. Ich bezweifele, dass das die meisten Männer meinten.

Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer sieht sich einer grundsätzlichen Herausforderung gegenüber: Mit Blick auf die Geschichte sind Männer das privilegierte Geschlecht, das sich einen unverhältnismäßig großen Anteil an Rechten, Macht und Ressourcen sicherte. Lassen wir aber die Geschichte in den Hintergrund rücken und konzentrieren wir uns auf eine Momentaufnahme heute, so sehen wir Männer als herausgefordertes Geschlecht, dessen frühere Vormachtstellung zunehmend (und zu Recht) hinterfragt wird. (…) Gleichstellungspolitik spricht Jungen und Männer in diesem Übergang differenziert an: Ja, Jungen und Männer sind bis heute immer noch privilegiert, weil sie von ungerechten Geschlechterverhältnissen profitieren – und beispielsweise mehr Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Sie sind gleichzeitig aber auch Betroffene, weil sie selbst unter Männlichkeitsnormen und ungerechten Geschlechterverhältnissen leiden – und beispielsweise infolge Lohnungleichheit „vernünftigerweise“ die Ernährerrolle übernehmen, selbst wenn sie diese gar nicht wollen.

Also ganz klassisch:

  • Männer sind privilegiert
  • Sie leiden unter Männlichkeitsnormen, die ihnen bestimmte Wege versperren, also muss Männlichkeit sich ändern

Und das Fazit auf S. 14 was nun daraus für Geschlechterpolitk folgt:

  • Jungen und Männer sind Akteure des Wandels („agents of change“) – weil auch Jungen und Männer Gleichstellungsanliegen haben, frei und gut leben, sich selbst verwirklichen, Beziehungen auf Augenhöhe führen, ihren Sehnsüchten folgen, lieben wollen. Deshalb bleibt Gleichstellungspolitik nicht beim Gerechtigkeitsappell stehen, sondern fragt Jungen und Männer nach ihren eigenen Horizonten in einer geschlechtergerechten Gesellschaft – und unterstützt sie auf ihrem Weg
  • Jungen und Männer sind Unterstützer von Gleichstellung und Frauenemanzipation – weil sie Verantwortung für ihre „patriarchale Dividende“ (keine Erbschuld!) tragen müssen.
    Deshalb erachtet es partnerschaftliche Gleichstellungspolitik als notwendig und zumutbar, dass Jungen und Männer Frauenemanzipation unterstützen, zurückstehen, Verzicht leisten, auch „einfach mal die Klappe halten“.

In einem Ministeriumsdossier wird erst eine „patriarchale Dividende“ dargestellt und man geht sogar auf Kritik ein, indem man dahinter schreibt, dass diese Erbschuld eben keine Erbschuld ist und damit muss es ja auch wirklich gut sein.

Dann wird Männern gesagt, dass sie doch einfach mal Verzicht leisten sollen und auch einfach mal die Klappe halten sollen.

Also eine Umfrage unter den Wählern ermittelt: Männeranliegen kommen zu kurz und alles ist eh nur noch Frauenförderung.

Und die Politik antwortet den Männern, dass sie gefälligst mal die Klappe halten sollen.

S. 16:

  • 79 Prozent aller Männer sagen, dass Gleichstellung wichtig sei für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei den unter 50-Jährigen ist die Zustimmung noch höher.
  • Nur 16 Prozent der Männer glauben, dass Gleichstellung in Deutschland realisiert sei., 84 Prozent sehen weitere Entwicklungsnotwendigkeiten.
  • Für 80 Prozent der Männer ist nicht mehr die Frage, ob es Gleichstellungspolitik braucht, sondern nur noch, wie diese gestaltet sein soll.
    Auch hier sind Männer progressiv: Eine Mehrheit fordert eine aktive und offensive Gleichstellungspolitik mit dem Ziel der sozialen, moralischen und ökonomischen Gerechtigkeit
    zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft.
  • Eine große Mehrheit der Männer in Deutschland sieht auch ganz persönlich einen Gewinn: weil Gleichstellung in einer Partnerschaft wirtschaftlich vernünftig sei (86 Prozent), der Partnerschaft guttue (82 Prozent), mehr Gerechtigkeit bringe (83 Prozent) und Vorteile für beide Geschlechter habe (81 Prozent). Nur eine kleine Minderheit von zehn Prozent der
    Männer in Deutschland findet, der Mann sollte Alleinernährer bleiben. 82 Prozent sagen demgegenüber, auch nach Familiengründung sollten Männer und Frauen beide erwerbstätig sein (elf Prozent mehr als noch 2007).

Die Zahlen sollen hier her kommen. ich hatte das dortige Dossier einmal zitiert, weil dort auch vorkommt, dass der harte Kern des Maskulismus aus 400.000 Männern und 40.000 Frauen besteht

Aber ich denke die obigen Zahlen werden hier falsch verstanden: Natürlich wollen die meisten Männer heute, dass die Frau auch Geld verdient und sie die Last nicht alleine tragen müssen. Das ist nur rational, bedeutet aber nicht Zustimmung dazu, dass man „Männlichkeit“ hinterfragen muss oder das sie sich in ihrer Männlichkeit eingesperrt fühlen. Sie können gerne Männer sein aber dennoch wollen, dass Frauen mehr arbeiten. In dem Dossier ist auch erwähnt, dass Kinder der große „Retraditionalisier“ ist. Und in der Tat dürfte es eben so sein, dass die meisten wollen, dass die Frau vor Kindern natürlich erwerbstätig ist, dann werden die meisten mit den Frauen übereinstimmen, dass diese wegen der Kinder kurzzeitig aussetzt und dann in Teilzeit arbeitet und statt ihre „Männlichkeit“ als Problem zu internalisieren werden sie eher Interesse an bezahlbarer und verfügbarer Kinderbetreuung haben, also wieder mal externe Problemösung angehen wollen.

Dann wird thematisiert inwieweit es Unterschiede in der Bildung gibt und tatsächlich wird dargestellt, dass Mädchen dort in jüngerer Zeit besser abschneiden. Es heißt dann:

Es stellt sich die unbequeme Frage, ob die statistische Momentaufnahme einen sich beschleunigenden Trend zu Ungunsten des Bildungserfolgs von Jungen verhüllt. Die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie 201837 könnten so gelesen werden. Sie bestätigen ein traditionelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Jungen können besser rechnen, Mädchen besser lesen. Der Abstand beim Rechnen ist aber kleiner und schrumpft schneller als beim Lesen.
Bei differenzierter Betrachtung unterstützen die Daten jedoch die Einschätzung aus Bildungsforschung und Praxis der Jungenarbeit, wonach Jungen keineswegs pauschal „Bildungsverlierer“ sind. Sehr wohl gibt es aber bestimmte Gruppen von Jungen, die gegenüber gleichaltrigen Mädchen geringere Bildungschancen und -erfolge vorweisen. Es handelt sich dabei um Jungen aus bildungsfernen und benachteiligten Schichten, in denen Jungen mit Migrationshintergrund und/ oder traditionellen Männlichkeitsvorstellungen überrepräsentiert sind.38
Manche Jungen, die über geringere Bildungsressourcen verfügen, erweisen sich als „bildungsresilient“ und kompensieren den Startnachteil zum Beispiel mit höherem Einsatz. Ein Teil von ihnen löst das Spannungsfeld auf, indem schulischer Fleiß und Erfolg als uncool und unmännlich umgedeutet werden. Das stabilisiert das Selbstwertgefühl, stärkt die Identität und teilweise auch das Ansehen in der Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen). Aus offensichtlichen Gründen handelt es sich dabei aber nur um eine kurzfristig „erfolgreiche“ Bewältigungsstrategie. Die von der Europäischen Kommission 2012 herausgegebene Untersuchung The Role of Men in Gender Equality verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es Jungen schwerfällt, Unterstützung zu suchen, wenn sie mit schulischen Leistungsanforderungen Mühe haben, da sie damit in Konflikt mit einem in der männlichen Peergroup vorherrschenden Bild von Männlichkeit geraten. „Vor allem Jungen
aus sozioökonomisch marginalisierten Milieus [orientieren sich] an Männlichkeitsmustern, die durch eine Ablehnung intellektuellen Engagements charakterisiert sind, was in weiterer Folge schulischen Erfolg verhindert.“39 Diesen Zusammenhängen zwischen Bildungserfolg und Männlichkeitskonzepten wird im System Schule noch viel zu wenig Rechnung getragen. Uli Boldt – er ist selbst Lehrer – ist in der grundsätzlichen Feststellung zuzustimmen: „Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Problemen, die Jungen machen und den Problemen, die Jungen haben, diskutiert.“40

Also wieder intersektional gerettet:
Es scheint als wären Jungen Bildungsverlierer, aber hier – nie aber bei „Frauendiskriminerung“ also Bereichen, in denen Frauen schlechter abschneiden, wie etwa dem Gender Pay Gap – schaut man differenzierter auf das Problem und erkennt, dass es kein Problem der Kategorie Mann ist, sondern ein Problem der Kategorie „Herkunft“ und das aber auch dort wieder Männlichkeit das Problem ist.

Intersektional noch sehr angreifbar („Sagen die etwa, dass PoCs selbst schuld sind an ihren Problemen in der Schule?“). Man müsste wohl noch darauf verweisen, dass diese Rollenbilder eigentlich Folge der Kolonialzeit sind und damit Weiße schuld sind oder etwas in der Art.

Aber der Satz: „„Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Problemen, die Jungen machen und den Problemen, die Jungen haben, diskutiert.“ ist erst mal ja nicht schlecht. Man kann ihn in vielen Zusammenhängen nutzen

„Allzu selten wird der Zusammenhang zwischen den Lohnunterschieden, die Frauen machen und den Lohnunterschieden, die Frauen haben, diskutiert.“

Ich vermute aber das ist wieder falsch.

Es wird auch noch darauf eingegangen, dass Lehrerinnen eher weiblich sind.

Das Ergebnis: S. 23:

Zusammenfassend ist festzuhalten: „Weder Jungen noch Mädchen sind eine einheitliche Gruppe, eine generelle Bildungsbenachteiligung von Jungen ist nicht gegeben. Die größten Unterschiede finden sich nicht zwischen Jungen und Mädchen, sondern zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund und aus unterschiedlichen sozialen Schichten.

Dann geht es um Berufs- und Studienwahl (S. 26):

Auch bei der Berufswahl beobachten wir diese Gleichzeitigkeit von gemeinsamen und unterschiedlichen Neigungen und Interessen. Abbildung 7 zeigt die Geschlechterverteilung bei Lehrberufen und Studienfächern. Sie veranschaulicht eindrücklich, wie geschlechtstypisch geprägt die Studien- und Berufswahl noch immer ist. Fachlich wird dieser Umstand unter dem Schlagwort der „horizontalen Geschlechtersegregation“ problematisiert.

Weshalb ist das überhaupt ein Problem? Wenn die Natur Männer und Frauen nicht ungleich mit Begabungen und Interessen gesegnet hat – daran lassen die Erkenntnisse der Geschlechterforschung eigentlich keinen Zweifel – ist jede Ungleichverteilung der Geschlechter in einem
Berufs- oder Studiengebiet eine Verschwendung des Talents derjenigen, die sich nur deswegen gegen ein Engagement in diesem Gebiet entscheiden, weil sie dafür das vermeintlich „falsche“ Geschlecht haben.

Die Erkenntnisse der Geschlechterforschung lassen also keinen Zweifel daran, dass die Natur Männer und Frauen nicht ungleich mit Begabungen und Interessen gesegnet hat.

Also vermutlich die Erkenntnisse der Gender-Geschlechterforschung. Denn die übrige Wissenschaft sieht das vollkommen anders:

Siehe etwa:

Differences in men and women’s interest/priorities:
Lippa (1998): http://bit.ly/2vr0PHF
Rong Su (2009): http://bit.ly/2wtlbzU
Lippa (2010): http://bit.ly/2wyfW23
See also Geary (2017) blog: http://bit.ly/2vXqCcF

Life paths of mathematically gifted females and males:
Lubinski (2014): http://bit.ly/2vSjSxb

Sex differences in academic achievement unrelated to political, economic, or social equality:
Stoet (2015): http://bit.ly/1EAfqOt

Big Five trait agreeableness and (lower) income (including for men):
Spurk (2010): http://bit.ly/2vu1x6E
Judge (2012): http://bit.ly/2uxhwQh

The general importance of exposure to sex-linked steroids on fetal and then lifetime development:
Hines (2015) http://bit.ly/2uufOiv

Exposure to prenatal testosterone and interest in things or people (even when the exposure is among females):
Berenbaum (1992): http://bit.ly/2uKxpSQ
Beltz (2011): http://bit.ly/2hPXC1c
Baron-Cohen (2014): http://bit.ly/2vn4KXq
Hines (2016): http://bit.ly/2hPYKSu

Primarily biological basis of personality sex differences:
Lippa (2008): http://bit.ly/2vmtSMs
Ngun (2010): http://bit.ly/2vJ6QSh

Aber gut.

Die Ökonomie nennt dies eine suboptimale Allokation von Bildungsressourcen. Wenn 73 Prozent der 14–17-jährigen Jungen sagen, „ich bin für die konsequente Gleichstellung von Frauen und Männern – beruflich und privat“, darf dies auch als Hinweis gelesen werden, dass es den Wünschen der Jungen selbst zuwiderläuft,

Darf es nicht. Denn die meisten Menschen werden dabei von einer Chancengleichheit („Equality of opportunity“) statt von Ergebnisgleichheit („Equality of Outcome“) ausgehen und die Auffassung vertreten, dass jeder studieren können soll, was er will, aber nicht zwanghaft eine Geschlechtergleichheit im Ergebnis gefordert wird.

Dann auf S. 34:

Die Lohnungleichheit zugunsten der Männer ist einer der Faktoren, der zu erklären vermag, warum Paare andere Arbeitsmodelle wählen als sie wünschen.68 Dabei wirken unterschiedliche Faktoren ungünstig zusammen, etwa die Reduktion des Erwerbspensums vieler Frauen infolge der Übernahme unbezahlter Care-Aufgaben (insbesondere nach der Familiengründung), die monetäre Minderbewertung von Berufen und
Branchen mit hohem Frauenanteil und die Untervertretung von Frauen in Führungspositionen. Der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland betrug 2018 21 Prozent. Er war – nach Estland – der zweitgrößte in der gesamten Europäischen Union und liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von 16 Prozent.69

Auch hier wird wenig differenziert. Richten Frauen vielleicht ihr Leben anders ein, etwa weil sie Kinder betreuen wollen und ihnen Vereinbarkeit damit wichtiger ist als Lohn? Werten sie allgemein Lohn geringer und wollen sie eine andere Work-Life Balance? Wollen sie einen Partner, der gleichviel oder mehr verdient? Und bestimmt vielleicht nicht der geringere Lohn die Arbeitsverteilung, sondern ist der geringere Lohn eher selbst das Produkt einer erwarteten Arbeitsverteilung?

Seite 40:

Erwerbslosigkeit trifft Männer in Deutschland insgesamt etwas öfter (3,9 Prozent) als Frauen (3,0 Prozent). Bei den gering qualifizierten Männern ist die Quote deutlich höher (zehn Prozent), wobei der relative Abstand zu den gering qualifizierten Frauen gleich bleibt (sieben Prozent). Beim mittleren Qualifikationsniveau betrug die Erwerbslosenquote 2018 bei Männern 3,2 Prozent (Frauen 2,4 Prozent), bei hochqualifizierten Männern 1,8 Prozent (Frauen 1,9 Prozent). Menschen mit Migrationsgeschichte sind etwa doppelt so stark von Arbeitslosigkeit betroffen wie Personen ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig werden Männer bei arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen stärker berücksichtigt als Frauen – stärker auch, als es ihre quantitativ höhere Betroffenheit durch Erwerbslosigkeit rechtfertigen würde.

Männer sind zwar häufiger arbeitslos, werden aber eh schon mehr gefördert als Frauen.

Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass es nicht nur mehr arbeitslose gibt, sondern auch mehr gering qualifizierte gibt und man die eben besser fördern kann als bereits qualifizierte (Klassisch wäre der Gabelstaplerführerschein für den Nichtqualifizierten oder etwas in der Art.)

Seite 42:

Bei den Bindungs- und Lebenssituationen zeigen sich deutliche Geschlechterdifferenzen. Erstaunlich ist, dass 55,5 Prozent aller 25–45-jährigen Männer, aber nur 42,4 Prozent aller 25–45-jährigen Frauen ledig sind. In der Gesamtbevölkerung sind von den Männern 34,9 Prozent ledig, aber nur 25,6 Prozent der Frauen. Dieser Unterschied lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Männer zum Zeitpunkt von Ehe und Familiengründung gut zwei Jahre älter sind als Frauen.

Zu untersuchen wäre, inwiefern der höhere Anteil an Ledigen bei Männern (34,9 Prozent gegenüber 25,6 Prozent bei Frauen) Folge einer bewussten
Entscheidung gegen eine Partnerschaft oder gegen die Institution Ehe ist beziehungsweise wie hoch unter ihnen der Anteil der „unfreiwilligen Singles“ ist, die im englischen Sprachraum als Incels (Abkürzung für involuntary celibates) bezeichnet werden. Geschlechterpolitisch ist diese Frage von Relevanz, weil es in dieser Gruppe Tendenzen gibt, den nicht (mehr) vorhandenen, unerfüllten und/oder unerfüllbaren Bindungswunsch als Folge der Emanzipation der Frauen zu problematisieren. Der Schritt zu antifeministischen Denkfiguren ist von hier aus nicht mehr weit. Auch die Vernetzung in einschlägigen Internetforen birgt nicht unerhebliches gesellschaftliches Problempotenzial. Hier besteht Forschungsbedarf.

Männer sind eher Single? Da müssen wir gleich mal eine Unterdrückung für Frauen draus machen, dass sind bestimmt diese gefährlichen „Incels“ und damit ist männliches Single sein nicht etwa etwas, bei dem man Männer mehr unterstützen muss, obwohl wir „Einsamkeit“ als ein Problem von Männern angesprochen haben, nein, es ist etwas, bei dem man Frauen besonders schützen muss, damit diese schrecklichen Singlemänner nicht ihre Frauenfeindlichkeit ausleben.

Ein wunderbares Männerdossier.

S. 44:

Die Zahl unverheirateter Eltern nimmt kontinuierlich zu während die Zahl Alleinerziehender97 und Geschiedener Schwankungen unterliegt, aber
nicht generell zunimmt.98 Während vor 20 Jahren doppelt so viele Frauen wie Männer ein Scheidungsverfahren beantragten, verschwindet dieser
Geschlechterunterschied zusehends: 2017 wurden 52 Prozent der Scheidungen von der Frau eingereicht, 42 Prozent vom Mann und sieben Prozent von beiden. 2018 waren rund 121.000 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.

Immer häufiger wollen sich nach der Trennung beide Elternteile weiter um das Kind kümmern und es gemeinsam versorgen. Das heißt, auch die
Väter wollen weiter die Erziehungsverantwortung tragen. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine aktive Beteiligung des Vaters an Pflege- und Erziehungstätigkeiten ebenso wie ein intensives Vater-Kind-Verhältnis positive Effekte auf die Entwicklung des Kindes hat. Die Politik hat die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen und strukturelle Hemmnisse abzubauen, um Betreuungs- und Beziehungskontinuität auch nach Trennung und Scheidung zu fördern. Jene Väter, die sich nach Trennung und Scheidung in Betroffenen-Organisationen (zum Beispiel http://www.vaeteraufbruch.de) engagieren, sehen diesen Anspruch als nicht
erfüllt an und kritisieren eine ungleiche Behandlung von Vätern durch Rechtsetzung und -sprechung. Sie fordern die alternierende Obhut als Regelfall nach Trennung und Scheidung (bekannt unter dem Begriff Wechselmodell).

Hier fehlt dann eine zustimmende Wertung dazu, dass sie das zu recht fordern oder ob dies nicht dringend geboten wäre um das Männerbild zu reformieren.

S. 47

95 Prozent aller Väter mit einem Kind im Kita-Alter sehen Kitas „als Ermöglichungsinstanz, die Familien brauchen, damit Frauen und Männer
gleichermaßen das Einkommen verdienen können“. Faktisch ermöglicht die zunehmende Inanspruchnahme familienexterner Kinderbetreuung zusätzliches Engagement der Mütter im Erwerbsbereich – und nicht eine geringere Erwerbsorientierung der Väter.

Was gut zu den obigen Aussagen passt, dass Männer mehr Beteiligung der Frauen wollen und nicht ihre Männlichkeit als Problem sehen.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schreibt dazu: „Die eigenen widersprüchlichen Erwartungen an Väter, einerseits weiterhin die Rolle des Familienernährers auszufüllen und andererseits gleichberechtigter und präsenter Erzieher der eigenen Kinder zu sein (…), führt bei jungen Männern zu inneren Konflikten und Unsicherheit, mitunter sogar zum Verzicht auf Kinder. Auch und gerade junge Väter leiden unter
dem Druck, diese ‚Quadratur des Kreises’ zu bewerkstelligen. Das Problem, Beruf und Familie zu vereinbaren, ist heute also keineswegs allein auf Mütter beschränkt, es weitet sich auf die Väter aus.“113 Dass sich sowohl Frauen/Mütter wie auch Männer/Väter widersprüchlichen Rollenerwartungen ausgesetzt sehen, ist zu unterstreichen.

Aber deswegen Weiblichkeit zu hinterfragen würde einer solchen Publikation nie einfallen.

S. 49:

Mit Blick auf die Hausarbeit ist dabei in Erinnerung zu halten, dass Frauen die männliche Beteiligung an der Hausarbeit ambivalenter wahrnehmen als das Engagement der Väter in der Kinderbetreuung. 52 Prozent der Frauen sagen explizit, dass für sie das Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt keine sympathische Eigenschaft von Männern sei. Umgekehrt betonen 48 Prozent der Frauen, dass sie sich dies von ihrem Partner wünschten. Die Beteiligung des Mannes am Haushalt ist also auch für viele Frauen etwas Zwiespältiges.
Ein Teil von ihnen fordert sie im Dienst von Gleichstellung und persönlicher Entlastung ein. Ein Teil von ihnen wehrt sie – wohl auch zur Sicherung der Definitionsmacht in dieser Domäne – eher ab. Mit Blick auf die Zurückhaltung der Männer im Haushaltsbereich ist die Feststellung relevant, dass die nach wie vor sehr deutliche Ungleichstellung Beziehungsgeschehen ist – und zumindest nicht allein auf Unlust der
Männer zurückzuführen ist

„52% der Frauen sagen, dass für sie das Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt keine sympathische Eigenschaft von Männern sei“

Dennoch fehlt in dem ganzen Dossier jede Ausführung dazu, wie Frauen die Geschlechterrollen anfordern, selbst leben wollen und Druck auf Männer ausüben.  Und auch die Verbindung dazu, dass Männer sich über einseitige Frauenforderung beschweren.

Immerhin hier geht es etwas in die Richtung:

Mit Blick auf das Engagement von Männern in der Familienarbeit spielt auch die Einstellung der Mutter eine zentrale Rolle: Sie kann das Anpacken ihres Partners fördern, indem sie

  • der Vater-Kind-Beziehung Raum gibt,
  • Betreuungszeit durch den Vater allein ermöglicht,
  • kritische Distanz zu ihren eigenen Ansprüchen
    und Maßstäben wahrt,
  • eigenständige Herangehensweisen durch den
    Vater akzeptiert,
  • Wertschätzung für väterliche Leistungen zum
    Ausdruck bringt, aber qualifizierende Urteile
    unterlässt und
  • die väterliche Kompetenzentwicklung mit
    ihrem eigenen Schritt halten lässt.

Oben bei den Männern: Die können einfach mal die Klappe halten und endlich Akzeptieren, dass man ihnen die Privilegien schon lange hätte wegnehmen sollen
Unten bei den Frauen: Sie kann das Anpacken ihres Partners fördern

Es folgt ein durchaus interessanter Abschnitt zur Gesundheit.

Auf Seite 48 zeigt sich eine interessante Grafik, die abbildet, dass die Lebenszufriedenheit der Geschlechter nicht viel voneinander abweicht. Interessanterweise sind Frauen von 40 -70 (die Grafik startet bei 40) zufriedener mit dem Leben, ab 70 sind die Männer etwas zufriedener. Ich vermute mal, dass die höhere Unzufriedenheit auch daher kommt, dass die Frauen eher einen Partner verloren haben als die Männer, weil der Mann in der Beziehung eher älter ist und damit früher stirbt.

Interessant auch eine Grafik dazu, dass sich Männer eher als Frauen freiwillig engagieren (S. 70) und auch die Aufschlüsselung nach Gebieten auf S. 75 ist interessant:

Männer eher im Bereich Sport und Bewegung (19, 6% zu 13,1) sowie Politik (5,0% zu 2,3%) oder berufliche Interessenvertretung (3,4% zu 1,6%) und Unfall- und Rettungsdienst und freiwillige Feuerwehr (4,8% zu 1,1%).

Frauen eher im Bereich Schule und Kindergarten (10,7% zu 7,4%) Religion (9,4% zu 5,8%) und sozialer Bereich (9,5% zu 7,4%).

Natürlich findet sich auch hier kritisches:

So löblich das Engagement von Männern im freiwilligen Bereich ist, so augenfällig ist aus gleichstellungspolitischer Perspektive der Umstand, dass sich auch bei der Betrachtung des freiwilligen Engagements Geschlechterhierarchien reproduzieren: Über alle Altersgruppen hinweg sind Männer in Leitungsfunktionen im freiwilligen Engagement deutlich stärker vertreten. Dabei sind die Geschlechterunterschiede bei den Jüngeren am niedrigsten und bei den Älteren am stärksten ausgeprägt.191 Spitz bringt der Fünfte Altenbericht diesen Zusammenhang auf den Punkt: „Je anerkannter, prestigeverbundener, einflussreicher und in diesem Sinne politischer ein Ehrenamt ist, desto häufiger finden sich dort Männer. Und  umgekehrt, je unauffälliger, verborgener, alltäglicher und in unmittelbare menschliche Alltagsbeziehungen eingebettet das Engagement ist,
desto eher wird es von Frauen (…) geleistet.“

Diese Schweine!

Zu Gewalt (S. 79):

Gewalt unter Männern kann als Ausdruck strukturell angelegten Ringens um die höhere Position in der Geschlechterhierarchie durchaus in diese
Sichtweise integriert werden. Gewalt von Frauen gegen Männer ist in diesem Zusammenhang jedoch weniger gut erklärbar – es sei denn, sie ist
ebenfalls Ausdruck von Machtverhältnissen. Die Istanbul-Konvention vermag diese Problematik nicht aufzulösen. Sie geht pragmatisch damit um, indem Männer einerseits implizit als Opfer struktureller Gewalt anerkannt werden (insofern Frauen und Mädchen „nur“ einer „größeren Gefahr von geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind als Männer“) und andererseits Männer als Opfer häuslicher Gewalt explizit genannt werden („in der Erkenntnis, dass häusliche Gewalt Frauen unverhältnismäßig stark betrifft und dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sein können“).
Dieses historisch gewachsene Spannungsfeld erschwert den unverstellten Blick auf männliche Verletzlichkeit und Gewaltwiderfahrnisse

Daraus ergeben sich dann folgende Fragen:

Die erste Frage lautet: Wie können die Sichtbarkeit und Anerkennung männlicher Verletzlichkeit befördert werden? Das ist eine gleichstellungspolitische Zielsetzung, die im Rahmen unserer Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer bearbeitet werden kann.

Die zweite Frage lautet: Müsste Gewalt, die Männer sich selbst und anderen Männern antun, nicht viel mehr als strukturelles Geschehen verstanden werden, da es durch Männlichkeitsnormen und männliche Sozialisationserfahrungen befördert, wenn nicht sogar provoziert wird? Diese Frage erfordert eine breitere Reflexion.

Auch hier ist natürlich Männlichkeit schuld.

Und zu Sexismus gegen Männer:

Sexismus: Männer ignorieren Männer als Opfer

In einer neuen Studie210 des DELTA-Instituts im Auftrag des BMFSFJ wurde erforscht, was Menschen in Deutschland als Sexismus wahrnehmen und wo respektive wie er ihnen im Alltag begegnet.
Um wirksame Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer zu verfolgen, braucht es solide Grundlagen:

Zahlen müssen aktuell erhoben und komplexe Zusammenhänge erforscht werden. Das BMFSFJ ermöglicht solche Grundlagenarbeit. Aktuellstes Beispiel: Im Auftrag des BMFSFJ hat Prof. Carsten Wippermann im Rahmen einer Pilotstudie Einstellungen zu Sexismus bei Männern und Frauen untersucht.

Was verstehen sie unter Sexismus? Wie und wo begegnet er ihnen? Wie reagieren sie darauf? Wie verbreitet ist Sexismus-Erleben im Alltag? Wie müsste vorgebeugt werden?
Ausgewählte Ergebnisse:

  • Fast alle Menschen in Deutschland haben eine Vorstellung, was Sexismus ist. Der Begriff löst etwas aus. Inhaltlich gehen die Vorstellungen auseinander. Allen gemein ist die Überzeugung, dass Sexismus etwas ist, das es zu vermeiden gilt.
  • Frauen sehen Sexismus eher als ein strukturelles Problem. Für Männer (vor allem ab mittlerem Alter sowie in traditionellen und bürgerlichen Milieus) ist Sexismus eher eine moralische Verfehlung einzelner Personen und Personengruppen, die sich in derb-verletzenden Worten, Gesten und Bildern zeigt.
  • Entsprechend ist die Sensibilität für Sexismus bei Frauen und Männern im Alltag verschieden. Die Hälfte aller Männer nimmt im eigenen Umfeld überhaupt keinen Sexismus wahr, aber nur ein Drittel der Frauen
  • Männer wie Frauen assoziieren mit Sexismus reflexhaft die sexorientierte Übergriffigkeit von Männern gegenüber Frauen und benennen dies als häufigste Beziehungskonstellation von Sexismus. Fast nur Frauen weisen aber darauf hin, dass es auch Übergriffigkeit von Frauen gegenüber Männern gibt. Männer ignorieren oder tabuisieren, dass Männer Opfer sexueller Übergriffigkeit von Frauen sein können.
  • Dass Männern Sexismus durch andere Männer widerfahren kann, wird nur im Kontext von Homosexualität reflektiert (sei es als sexuelle Belästigung von Männern durch Männer; sei es als Stigmatisierung von homosexuellen Männern durch andere Männer).
  • Wenn nicht nur körperliche Übergriffe als Sexismus bezeichnet werden, sondern auch subtilere Formen der Herabwürdigung, öffnet sich der Blick für Situationen, in denen Männer Opfer von Sexismus werden. Vor allem der Sport ist für Männer ein Bereich, in dem sie sich durch Bemerkungen, Gesten, Handlungen und Ähnliches in ihrer Männlichkeit sexistisch herabgewürdigt und verletzt erleben (meistens von anderen Männern).

Die Studie klingt interessant.

Es passt natürlich nicht ganz zur hohen Zahl von Männern, die angeben, dass sie sich mehr Männerförderung wünschen und die Gleichberechtigung zu einseitig auf Frauen ausgerichtet sind.
Ich vermute mal, dass man mit passenden Fragestellungen durchaus einiges an Sexismus gegen Männern zu Tage fördern könnte.

Es werden dann Umsetzungsziele für die Gleichstellungspolitik in vier Bereichen genannt:

Vielfalt:

• Umsetzungsziel 1.1: In der Bevölkerung wächst die Akzeptanz für mehr Vielfalt von Männlichkeit(en).
• Umsetzungsziel 1.2: Jungen und Männer werden in ihrer Verletzlichkeit ernst(er) genommen.
• Umsetzungsziel 1.3: Jungen und Männer werden stärker gefördert, um erlebte Benachteiligungen und Ausgrenzung abzubauen.
• Umsetzungsziel 1.4: Die Institutionen der psychosozialen Grundversorgung erhöhen ihre Kompetenz, um Jungen und Männer bedürfnisgerecht zu erreichen, zu beraten und zu begleiten.

Freiheit:

• Umsetzungsziel 2.1: Jungen und Männer lassen sich durch Geschlechterstereotype nicht (länger) in ihrer Berufswahl behindern.
• Umsetzungsziel 2.2: (Gesetzliche) Rahmenbedingungen schaffen reale Wahlfreiheit auch für Jungen und Männer; Fehlanreize für das traditionelle Ernährer-Modell sind beseitigt.
• Umsetzungsziel 2.3: Die Genderkompetenz im Bildungsbereich ist erhöht.
• Umsetzungsziel 2.4: Das Wissen über den Unterstützungsbedarf von Männern, die sich als Emanzipationsverlierer sehen, ist erhöht

Nachhaltigkeit:

• Umsetzungsziel 3.1: Geschlechterreflektierte Jungen- und Männerarbeit entwickelt sich fachlich weiter. Angebote der Jungen- und Männerarbeit werden verstetigt.
• Umsetzungsziel 3.2: Gesundheitsfachpersonen und -organisationen messen der Förderung von Männergesundheit und männlicher Selbstsorge in Forschung, Ausbildung und Praxis eine höhere Bedeutung zu.
• Umsetzungsziel 3.3: Männliche Beiträge in der Angehörigenpflege werden sichtbarer und zahlreicher.
• Umsetzungsziel 3.4: Digitalisierung und der Wandel der Arbeitswelt unterstützen Männer im Einschlagen flexiblerer Lebens und Erwerbsverläufe.

Gerechtigkeit:

• Umsetzungsziel 4.1: Männer setzen sich aktiv(er) und frühzeitig(er) mit Vaterschaft und Vereinbarkeit auseinander.
• Umsetzungsziel 4.2: Männer übernehmen einen wachsenden Anteil der Verantwortung für unbezahlte Arbeiten in Haus und Familie.
• Umsetzungsziel 4.3: Die Erarbeitung von Vereinbarkeitspolicies für Männer und Väter in Unternehmen wird angeregt. Der Anteil in Teilzeit arbeitender Männer ist erhöht.
• Umsetzungsziel 4.4: Rahmenbedingungen sichern das Recht der Kinder auf alltagsnahen Bezug zu beiden Elternteilen auch bei/nach Trennung/Scheidung

Ich finde es erstaunlich wie viel davon im Prinzip Forderungen sind und wie viel Framing dabei ist: Unter Freiheit etwa werden „Fehlanreize“ für das Ernährermodell“ beseitigt. Und unter Freiheit wird auch verstanden, dass Männer endlich verstehen, dass die „Auflösung von Geschlechterrollen“ (und die Darstellung der „Bösen Männlichkeit“) ihnen doch auch nur Vorteile bringt.

Andere Besprechungen:

Ruth Bader Ginsburg (+Amy Coney Barrett)

  1. Über Arne habe ich diese interessante Darstellung zu der kürzlich verstorbenen amerikanischen Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg gefunden:

(Übersetzung bei Arne)

Ruth Bader Ginsburg was a men’s rights advocate. I doubt that she ever called herself that. But when you fight for gender equality, that means you fight against discrimination against men, unless you’re a hypocrite. And though I don’t agree with Justice Ginsburg on much, I don’t think she was a hypocrite. If you don’t believe my characterization of her work, take a look at the five cases RBG won in arguments before the Supreme Court:

Fronterio- A female Air Force officer was denied dependent benefits for her husband, because only wives could automatically receive such benefits. Husbands could only be dependents if they relied on their wives for more than 1/2 of their support.

Weinberger v. Wiesenfeld– Stephen Wiesenfeld’s wife died in childbirth. He applied for Social Security benefits for himself and his newborn child. He was denied benefits for himself, because widowers were not entitled to the same survivor benefits that widows were.

Califano v. Goldfarb- Leon Goldfarb was another widower who applied for Social Security benefits and was denied. This time there was no child involved, yet the law still required widowers to prove something that widows did not.

Duren v. Missouri– Billy Duren appealed his criminal conviction because the jury pool did not fairly represent the community. Specifically, women in his county did not have to serve on juries unless they wanted to do so, men had to. So, the defendant was male, and the law, as is often the case, gave women choices, men responsibilities.

Edwards v. Healy– Another case that turned on the same law that allowed women the choice to serve on juries. In RBG’s arguments, she outline three classes of people who were discriminated against by that law, including men who were required to do something women were not.

Ein guter Verfassungsrichter sollte eine gewisse Neutralität an den Tag legen und seine Arbeit als Arbeit sehen und nicht als Ideologie. Was ich bisher von Ruth Bader Ginsburg gesehen habe scheint mir dazu zu passen. Sie hat sich beispielsweise auch nicht in den Streit um Kavanaugh hineinziehen lassen:

Supreme Court Justice Ruth Bader Ginsburg came to the defense of her more conservative colleagues on the bench, Justices Brett Kavanaugh and Neil Gorsuch.
„I can say that my two newest colleagues are very decent and very smart individuals,“ she said Wednesday at an event in Washington, D.C., hosted by Duke Law as she answered questions from Neil Siegel, a law professor and one of her former law clerks.

Now that the Supreme Court term has ended, Ginsburg, 86, has been pushing back against criticism of the court, saying in a recent interview with NPR that the nine justices work well together and rebutted the idea that the Supreme Court is a partisan institution, according to the news outlet.

Über solchen Streitigkeiten zu stehen und mit Leuten fair zusammenzuarbeiten ohne einen Keil zwischen sich treiben zu lassen ist aus meiner Sicht der richtige Ansatz.

Und natürlich müssen Richter eben auch Ungleichbehandlungen bei allen Geschlechtern angehen, der Ansatz, dass Männer nicht diskriminiert werden können, ist eben keiner, der sich in Verfassungen findet.

Now, it doesn’t matter one bit if RBG took on these cases as a way of fighting “sex role pigeon holing” of women, as she called it. The fact is she well understood that “almost every discrimination against males operates against females, as well…. I don’t know of any line that doesn’t work as a two-edged sword, doesn’t hurt both sexes.” I just want to remind everyone that once upon a time there were feminists that didn’t vilify those men and women who fought for equal rights for men as well as women.

Sex role pigeon holing’ is at the root of men’s issues such as the lack of services for male victims of domestic violence, the 20 times greater likelihood of dying on the job that men face, the bias against men in our criminal and family courts, and the remaining de jure discrimination against men in the law such as the all-male draft registration.

Trump hat angekündigt ihren Sitz mit einer Frau zu besetzen. Das ist aus meiner Sicht eine gute Entscheidung, man darf gespannt sein, ob es erneut eine Schlammschlacht gibt wie bei Kavanaugh um die Besetzung des freien Sitzes vor den Wahlen zu verhindern, denn dies würde eine Mehrheit der durch Republikaner ausgesuchten Richter bedeuten. Angeblich will man auf eine Aussprache sogar verzichten und direkt wählen lassen, ob das möglich ist und klappt wäre interessant. Wenn es zu einer Aussprache kommt, dann wäre es auch interessant, ob eine Frau so hart angegriffen werden kann wie Kavanaugh.

Nominiert ist  Amy Coney Barrett , eine Kandidatin, die wohl gegen Abtreibungen ist aber wohl auch an der Erstellung neuer Regeln beteiligt waren, die Männern bei Anschuldigungen wegen sexueller Vergehen an Universitäten wieder Verfahrensrechte bzw ein faires Verfahren geben.

Unter Konservativen ist gerade das Kippen der Abtreibungsrechtsprechung etwas, was dort als erheblicher Sieg angesehen würde, was ich persönlich relativ idiotisch finde. Ob sie dann ihre Amt auch neutral wahrnimmt und danach urteilt, was die Verfassung dazu hergibt (ich habe keine Ahnung, wie da die juristische Debatte in den USA aussieht) wird man sehen. Es bleibt zu hoffen, dass sie der Einstellung nach Ruth Bader Ginsburg nachfolgt.

 

Männerhass als Frauenrecht?

Eine junge Frau in Frankreich schreibt, wie auch Arne schon berichtete, ein Buch warum sie alle Männer zurecht hasst. Also in gewisser Weise klassischer radikaler dritte Welle Feminimus. Ein Mitarbeiter eines Ministeriums für Gleichstellung stört sich daran, dass es so etwas zu kaufen gibt und löst darüber einen Streisand Effekt aus. Das Buch wird massig gekauft. Zum Inhalt aus der NZZ:

Während sich die Verleger die Hände reiben, fasst sich die Leserin an den Kopf: Der Titel des Traktats ist tatsächlich ernst gemeint und soll ein feministisches Statement sein. Pauline Harmange, die 25-jährige Autorin, ist zwar mit einem Mann verheiratet, verficht aber auf 80 Seiten ihr Recht, Männer zu hassen – und zwar nicht bestimmte Männer, sondern alle Männer. Die Misandrie, die sie verteidigt, definiert sie als «negatives Gefühl» gegenüber sämtlichen Vertretern des männlichen Geschlechts, wobei die Ablehnung von simplem Misstrauen bis zu entschiedener Feindseligkeit reichen könne.

Wer das nun sexistisch findet, ist laut Harmange vollkommen fehlgeleitet. Man könne, so erklärt die Autorin, Misogynie und Misandrie unmöglich mit gleichen Ellen messen, da die männerhassenden Frauen erstens aus einer Position der Unterdrückung agierten und ihren Hass zweitens auf ganz andere Weise lebten als die Männer. Bei diesen äussere sich die Verachtung der Frauen regelmässig in Tötungsdelikten, und mildere Formen männlicher Gewalt, ist Harmange überzeugt, erfahre jede einzelne Frau. Wenn nun aber Frauen, auf dieses Übel reagierend, die Gesamtheit der Männer geringschätzten, tue das niemandem weh und im Gegenteil den Frauen wohl. Verschwistert, zusammengeschlossen in rein weiblichen Kreisen, könne jede ihre Stärke entdecken, die die Männer dauernd unterdrückten.

Also klassische Argumente dieser Denkweise:

  1. Wir treten ja nur nach oben und das ist nicht schlimm
  2. Wenn Männer hassen, dann töten sie Frauen, wenn Frauen hassen, dann beschweren sie sich nur über ihre Unterdrückung und macht den Männern zudem ihre Privilegien bewußt.

Diese Argumentation ist selbstverständlich nicht strafbar, und wer nur mit Frauen leben will, soll das tun. Wer aber meint, mit platten Pauschalisierungen den Feminismus voranzubringen, muss den Kontakt zur Realität verloren haben. Anstatt die Diskussion über berechtigte Anliegen zu stimulieren, kann das Buch bloss jene sterilen Debatten über das Wesen der Geschlechter befördern, die wir schon in der Vormoderne führten. Bestimmt werden wir auch im deutschsprachigen Raum wieder ausgiebig über die leidigen alten Themen reden, die Übersetzungsrechte für das Buch sind bereits an Rowohlt verkauft. Dem Beamteneifer sei Dank.

Da hat sich Claudia Mäder noch nicht so viel mit dem Feminismus beschäftigt, denn der lebt ja gerade von Pauschalierungen.

Aber gut, dass sie sich dagegen ausspricht.  Mal sehen, was noch über den Inhalt berichtet wird, wenn es in Deutschland erscheint. Wenn jemanden mit mehr Französischkenntnissen als ich mehr zum Inhalt sagen kann: Gerne in den Kommentaren.
Wobei regelmäßige Leser dieses Blocks den ungefähren Inhalt sicherlich gut vor Augen haben. Männerhass zu entschuldigen ist ja im Feminismus nichts neues.

Selbermach Samstag 310 (26.09.2020)

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

„Wie benutzt man they/them pronouns in deutsch?“

In einem Tweet wird eine interessante Frage gestellt:

They/them sind ja im englischen die „nonbinary“ pronomen und sollen irgendwie geschlechtsneutral sein. Man findet einige deutsche Feministen (m/w), die das auch so in ihren Bios zb bei Twitter stehen haben

Dilemma: Die direkt Übersetzung wäre „sie/sie“

Und „Sie“ ist alles andere als Geschlechtsneutral

Dabei will man so schön anerkannte Virtue Signalling Methoden damit aus dem englischen übernehmen, aber es klappt in der Übersetzung dann wieder nicht.

Ist Deutschland jetzt bereits feministischer/queerer/besser dank Siezen? Man darf bezweifeln, dass deutsche Feministen es so sehen würden.

Immerhin habe ich bisher auch noch keinen Text gelesen, in dem Them/They Pronomen in einer bizarren Queer-denglisch-Variante benutzt worden sind.

 

 

 

„Sex in Deutschland“

Der Spiegel bespricht eine Studie zu „Sex in Deutschland“. Aus den Ergebnissen: