Vernunft, Friedfertigkeit (und etwas Feminismus)

 

In „The better angels of our nature“ stellt Pinker als befriedenden Faktor dar, dass der zivilisatorische Prozess immer mehr dazu führt, dass als Kriterium für ein Handeln Logik im Gegensatz zu Unrationalen Verhalten, etwa aufgrund von Gefühlen wie Stolz, Rache etc herangezogen wird.

Dies soll zu einer Verminderung der Gewalt führen, weil jemand, der sich auf Rationalität beruft diese auch gegen sich selbst gelten lassen muss.

Wer logisch argumentiert, der muss sich auf einen abstrakten Standpunkt begeben, losgelöst von seiner eigenen Perspektive, weil ein Argument aus der Ich-Perspektive kaum einen logischen Wahrheitsanspruch haben kann. Um so abstrakter und universeller eine Idee formuliert ist, um so logischer kann ihr Inhalt betrachtet werden.

Wer also sagt, „Es ist gerecht, wenn wir die Nachbarn angreifen“, der stellt kein logisches System auf. Eine logische Regel wäre es, wenn man sagt „in dieser oder jener Situation darf man den Nachbarn angreifen“. Eine solche Regel erlaubt die Abstraktheit von der eigenen Position, weil sie bei gleicher Lage dann ebenfalls dem Nachbarn das Recht geben würde, einen anzugreifen. Wer damit Regeln aufstellt, innerhalb derer er Krieg führen kann muss dabei stets im Auge behalten, dass diese auch ihm gegenüber gelten. Da die wenigsten Menschen rationale Gründe zulassen wollen, die nicht mit einem eigenen Fehlverhalten in Verbindung steht, werden abgesehen von dem Recht auf Selbstverteidigung wenig tatsächliche Eroberungskriege mehr geführt. Kriege werden vielmehr unter Oberbegriffen wie „Humanitöär erforderlich um andere zu schützen“ betrachtet. Sicher: Inoffizielle Gründe wie „er hatte halt Öl“ mögen dann eine Rolle spielen, aber auch insoweit muss zunächst ein darüber hinaus bestehender Grund gefunden werden, aus dem man ein allgemeines Handeln rechtfertigen konnte.

Pinker meint, dass durch die immer stärkere Einbeziehung solch logischer Betrachtungen in den modernen Zivilisationen ein zivilisatorischer Prozess eingetreten ist, der die Hemmschwelle für eine kriegerische Auseinandersetzung immer höher werden lässt.

Bei dem Lesen dieser Stelle bei Pinker kam mir der Gedanke, dass es vielleicht genau dieser Grund ist, aus dem heraus im Feminismus subjektive Positionen, die Standpunkttheorie und die Definitionsmacht so beliebt sind.

Subjektive Regeln für die Gruppe zu erstellen ist wesentlich einfacher als rationale Betrachtungen, gerade wenn man eigentlich das Ziel schon genau kennt.

Auch hier wäre der richtige Satz nicht „Frauen sind unterdrückt, wenn“, sondern „Eine Gruppe von Menschen ist unterdrückt, wenn“. In einer rein rationalen Betrachtung wäre es wesentlich schwieriger eine Benachteiligung einer Gruppe einmal Diskriminierung zu nennen und bei einer anderen Gruppe darauf abzustellen, dass sie nicht diskriminiert sind, sondern viel mehr die ihr gegenüber bevorzugte Gruppe wohlwollenden Seximus erleiden muss  (auf maskulistischer Seite wird es ähnliches geben)

Eine einseitige Betrachtung wird erschwert, wenn man die Ergebnisse möglichst rational und objektiv heranziehen muss und sie insbesondere nicht einfach nur aus der Sicht der eigenen Gruppe sehen kann.

15 Gedanken zu “Vernunft, Friedfertigkeit (und etwas Feminismus)

  1. Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn jemand aufgrund eigener Interessen friedfertig wäre, als wenn diese Person wegen einer friedfertgen Disposition friedfertig wäre. Ersteres wäre deutlich robuster als letzteres.
    Denn bei Kenntnis der Vorteile die den anderen friedfertig machen, kann ich diese entsprechende beeinflussen, andernfalls muss ich es ertragen.

  2. Schon wieder so frauenfeindliche Gedanken hier.

    Wir haben doch eine Politik und den ÖR.
    Die erschaffen schon ausreichende Illusionen rationaler Gründe für subjektive Positionen von Feministinnen und Frauen.

  3. Hier kann ich Pinkers Fortschrittsoptimismus überhaupt nicht teilen.

    Die „Vernunft“ ist viel zu sehr eine Funktion des menschlichen Egoismus, als dass auf sie Verlass wäre. Sie dient allzuoft nur dazu, die eigene Habgier, Herrschsucht etc. zu RATIONALISIEREN und leistet dabei Erstaunliches, wie auch und gerade feministisches „Denken“ belegt.

    Befriedung durch Zivilisation erfolgt nicht durch ein Stärker-Werden der Vernunft, sondern durch mehr Sattheit/Saturierheit, mit anderen Worten: durch mehr Wohlstand, der ruhig stellt, der träge macht, schläfrig, friedlich.

    Der Produktivitätsfortschritt, das Anwachsen des Per-Capita-Wohlstandes, das befriedet.

    Fällt das weg, dann wird aus dem friedlich auf der Couch schlummernden Kätzchen, das sich satt streicheln lässt, sehr rasch wieder das um sein Überleben kämpfende Raubtier, das faucht und einem die Krallen durch’s Gesicht zieht.

    • @Roslin

      „Hier kann ich Pinkers Fortschrittsoptimismus überhaupt nicht teilen.“

      Hatte ich dir eigentlich schon Matt Ridley, The Rational Optimist empfohlen? Wenn das dich nicht von deinem Pessimismus heilt, dann wird es schwierig 😉

      „Der Produktivitätsfortschritt, das Anwachsen des Per-Capita-Wohlstandes, das befriedet.“

      Das führt Pinker natürlich auch an. Gerade durch das Erstarken von Kaufleuten und der Ermöglichung von Handelsbeziehungen sind Nachbarn keine Gegner, sondern Märkte. Sie kriegerisch zu erobern kostet nur Geld und erschwert den Handel.

      • Ich kenne das empfohlene Buch nicht und teile Roslins pessimismus.

        Das generelle Problem mit der Theorie, dass, wenn nur alle Rational wären, alle
        Friedlich sind, liegt imho in einem fehlverständnis von „Rational“, vergleichbar
        mit dem, was viele von „evolution“ sagen, wenn sie behaupten, es gäbe ein „recht des Stärkeren“.

        Rationales handeln gibt keine Ziele vor, sondern die Mittel, um Ziele zu erreichen, daher gibt es nicht „das Rationale handeln“ sondern „das Rationale handeln, um zu..“.

        Wenn mein Ziel ist möglichst viele Juden zu vernichten, sind KZ ein total rationaler Plan. Wenn mein Ziel ist, möglichst viele Menschen glücklich zu machen, sind Menschenrechte ein rationaler Plan.

        Jetzt kann man natürlich die Frage stellen: „warum willst du denn dieses oder jenes Ziel erreichen“, aber meiner Erfahrung landet man da schnell bei Präferenzen, und die sind, wie du oft so schön darstellst, meist nicht einfach wegdenkbar.

        Dein Beispiel mit dem Nachbarn angreifen hat daher in meinen Augen, und da stimme ich roslin zu, nichts per se mit rational
        zu tun, sondern mit rationalisierung.

        „Mein Nachbar hat Öl. Ich brauche Öl. Ich habe überlegenes Militär, er nicht. Ich kann also gefahrlos sein Öl nehmen“ ist ein absolut rationaler Schluss.

        Dass man was von „Humanitären Einsatz“ erzählt, ist auch wieder rational:

        „Ich habe Kosten, wenn ich demonstriere, dass man mit mir nicht in Frieden leben kann. Diese Kosten kann ich senken, indem ich die anderen betrüge, und sie in dem Glauben lasse, mein Verhalten würde von einer anderen Motivation als dem Eigennutz gesteuert. Ich sollte also einen akzeptierten Grund vorschieben.“

        Die „Logik“, dass man nicht von sich aus Argumentieren darf, sondern erstmal ein übergeordnetes Regelwerk braucht, was man ohne Relevanz der eigenen Position darin verteidigen darf, ist keine Logik (umgangssprachlich sagt man ja „nach der logik von…“, meint damit aber formal eher „mit den axiomen von…“), sondern ist eine Ausprägung der Moralphilosophie des „Schleier des Unwissens“. http://en.wikipedia.org/wiki/Veil_of_ignorance

        Und die ist letztlich eine Präferenz, und so sehr ich sie Teilen mag, ist sie auf der ebene erstmal auch nix anderes als die Präferenz, dass gefälligst die Arischen Übermenschen die Welt beherrschen sollen.

        Wie löst das von dir genannte Buch diese Probleme?

  4. selbsttäuschung pur.

    vernunft ist keine grundlage auf der wir eintscheidungen treffen. (zumindest kommt mir das oft so vor)
    beispiele: fukushima — akw abschalten, energiewende — derzeit brauchen wir zusätzlich zu wind und solar normale kraftwerke weil ersteres nicht immer verfügbar ist, ohne ausreichend speicherrung ist das konzept unlogisch, klimawandel logic hätte keine ursachenverengung auf co2 zugelassen und auch keine eingrenzung des handelns auf vermeidung, sondern (unterstellt das klima immer wärmer wird was nicht der fall ist) eine option wie deiche höher bauen oder in new york die möglichkeit die u-bahn tunnel gegen wassereinbruch zu sichern.—
    logik und vernunft sind bei themen die üblicherweise grün sind sehr selten.
    bsp malaria erreger hätte mit einsatz von ddt damals und heute bekämpft werden können aber danke des mutigen einsatzes grüner aktivisten wurde das verhindert, als ergebnis sterben millionen menschen jedes jahr an malaria.(in den usa wurd mittels ddt malaria ausgerottet bevor es verboten wurde, das verbot basiert auf falschen ‚fakten‘)
    oder z.b. lebensmittel die gentechnisch verändert wurden lösen da oft panik aus. für asien könnte der ‚goldene reis‘ wieder tausende leben retten und für viele gesundheit bedeuten. aber danke der ökos sterben wieder menschen die zu arm sind.
    ernergieversorgung: thema fracking in den usa ist der gaspreis um 75% gesunken weit über 30.000 mal wurde fracking angewandt, es ist offensichtlich problemlos und bei uns wird über potentielle gefahren diskutiert?? strompreis steigt gerade explosionsartig.

    andere bereiche. kritik an christen und christentum, störung von gottesdiensten (pussy riot) wird als ‚kunst‘ verteidigt und gefördert. kritik am islam wird umgehend mit gesellschaftlichen sanktionen belegt.(werden fast umgehend als rassisten oder geisteskrank/islamophobie) auch bei sachlicher auseinandersetzung.
    wir hatten schon mehrfach beschädigungen unserer kirche + friedhof + webseite gehackt aber das interessiert keinen. wenn eine moschee oder synagoge mit farbe beschmiert wird umgehend eine sonderkomission eingerichtet.

    aus aktuellem anlass israel.
    israel wird seid 12 jahren jedes jahr mit ca 1000 raketen angegriffen aber wann immer was passiert immer ist israel schuld.
    oder folgendes video ( http://www.haolam.de/index.php?site=artikeldetail&id=11029 ) ‚ ein zehnjähriges arabisches Mädchen … provoziert soldaten und kameras warten nur darauf ….‘

    diese welt hat mit vernunft und logik nur begrenzt etwas zu tun…

  5. Ich teile allerdings Pinkers Fortschrittsoptimismus und seinen Glauben an die Befriedung durch Vernunft. Befriedung durch Zivilisation erfolgt ganz wesentlich durch den Übergang vom Mythos zur Vernunft, welcher sowohl zu mehr Wohlstand führt als auch die absolut notwendige Basis für ein Wertesystem basierend auf Menschenrechten und Demokratie darstellt.
    ALLE prämodernen Gesellschaften mit mythologischen, religiös begründeten Wertesystemen sind mit Menschenrechten und Demokratie unvereinbar und das ist kein Zufall.

    Gefährlich sind daher alle Versuche die Errungenschaften der Aufklärung zu zerstören und auf mythologischen Vorstellungen beruhende Gesellschaften auch im Westen zu re-etablieren, seien es nun religiöse Mythen oder säkulare Mythen wie „Volk“ und „Nation“. Niemals wieder darf Religion, Volk, Nation etc. zum LEITBILD für moderne Gesellschaften werden, sonst ist es mit Menschenrechten und Demokratie schnell vorbei.

    Ich bin allerdings nicht prinzipiell anti-religiös eingestellt. Ich bin Agnostiker, ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine spirituelle Dimension geben könnte und bin ohnehin entschiedener Verfechter der Meinungfreiheit. Daher muss Religion Privatsache sein, das private Recht zur Religion geschützt sein – auch das ist eine zu bewahrende Errungenschaft der Aufklärung. Nur zum allgemeinen Leitbild der Kultur, dass die Aufklärung ersetzt und zersetzt darf Religion niemals wieder werden.

    Der gesellschaftliche Übergang vom Mythos zur Vernunft – der Zerfall des Einflusses prämodener mythologischer Glaubens- und Wertesysteme als allgemeines kulturelles Leitbild ist wesentlich abhängig vom Grad der Alphabetisierung in einer Gesellschaft. Zunehmende Alphabetisierung ist der Motor der Modernisierung.

    Das von Christian erwähnte Buch von Steven Pinker “The better angels of our nature” ist übrigens ebenfalls gerade (genau wie Ian Morris „Wer regiert die Welt) in deutscher Übersetzung sehr preiswert bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen – für 7 €

    Steven Pinker – Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit

    http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/75630/gewalt

    • Nachtrag: Sehe gerade, dass ich mich an einer Stelle etwas unklar ausgedrückt habe. Ich bezog mich hier auf „Demokratie“ in einem modernen Verständnis beruhend auf einem Bewusstsein allgemeiner Gleichwertigkeit aller Menschen.

      In prämodernen Gesellschaften kann es natürlich z.B. „Stammesdemokratien“ geben und gibt sie auch tatsächlich oft, aber die Gleicheit der Menschen reicht nicht über den eigenen Stamm hinaus, Stammeskriege sind nicht selten.
      Noch die klassische athenische Demokratie (eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften ihrer Zeit) schloss Frauen und Sklaven von der Mitbestimmung aus).

    • @ Leszek

      *Der gesellschaftliche Übergang vom Mythos zur Vernunft – der Zerfall des Einflusses prämodener mythologischer Glaubens- und Wertesysteme als allgemeines kulturelles Leitbild ist wesentlich abhängig vom Grad der Alphabetisierung in einer Gesellschaft. Zunehmende Alphabetisierung ist der Motor der Modernisierung.*

      Weshalb das deutsche Volk als eines der gebildetsten und am durchgreifendsten alphabetisierten seiner Zeit so besonders prädestiniert war, Hitler nicht zu folgen…

      Dein Fortschrittsoptimismus, Leszek, ist Wunschdenken, das regelmäßig von einer grausameren Realität eingeholt wird.

      Ein Wunschdenken, das selbst wieder von Mythen lebt („Bildung bessert den Menschen, klärt ihn auf, macht ihn rationaler usw.“).

      Auch die Demokratie ist ein Mythos, lebt von dem Mythos, dass sich Mehrheiten zusammenfänden, um die vernünftigste allgemein verträglichste Entscheidung auszuwählen nach offener, rationaler Diskussion der zur Entscheidung anstehenden Fragen.

      Keine Angst, ich bin trotzdem Demokrat, denn alle Alternativen erlauben es Gruppen-und Einzelegoismen noch schrankenloser, sich durchzusetzen und die Schwächeren, Dümmeren, Untüchtigeren auszubeuten, zu betrügen, als Kanonenfutter zu missbrauchen.

      Nicht, dass die Schwächeren, Dümmeren, Untüchtigeren die edleren Menschen wären, nein, sie sind einfach nur schwächer, dümmer, untüchtiger bei der Durchsetzung ihres Egoismus.

      Und weil sie Menschen sind, genau wie die Klügeren, Stärkeren, Tüchtigeren, die ja in Wirklichkeit auch nicht edler sind, nur geschickter bei der Kommunikation und Rationalisierung ihres Egoismus und seiner Durchsetzung, muss man sie schützen und da sind sie in einer Demokratie immer noch am besten aufgehoben.

      • @ Roslin

        „Weshalb das deutsche Volk als eines der gebildetsten und am durchgreifendsten alphabetisierten seiner Zeit so besonders prädestiniert war, Hitler nicht zu folgen…“

        Ich habe nie behauptet, dass es nicht zu Stagnationen und Regressionen in der soziokulturellen Evolution kommen kann, vielmehr habe ich häufiger betont, dass kulturelle Evolution sich nicht geradlinig entfaltet, Regressionen, Stagnationen und Zickzackbewegungen auftreten können. Manche Regressionen können massiv sein.

        Eine relativ gebildete Bevölkerung, die in ihrer Mentalität trotzdem noch z.T. zu stark mythologisch geprägt ist, in der autoritäre Erziehung verbreitet ist und in der mythologische Konzepte wie Volk und Nation anerkannt sind, kann in Zeiten ökonomischer und sozialer Krisen z.T. massiv regredieren. Dennoch ist es für eine alphabetisierte Bevölkerung relativ leichter sich langfristig wieder darüber hinaus zu entwickeln.

        Eine wenig alphabetisierte Bevölkerung hat gar keine andere Möglichkeit als die traditionellen Mythen und Werte zu akzeptieren und ihr Leben unkritisch nach diesen auszurichten, seien sie auch noch so undemokratisch, soziozentrisch und rational nicht begründbar. Eine wenig alphabetisierte Bevölkerung kennt nichts anderes und kann aufgrund des Mangels an Bildung nicht darüber hinausdenken.

        Eine alphabetisierte Bevölkerung kann dagegen potentiell über Bestehendes hinausdenken, Kritik üben und somit die soziokulturelle Evolution vorantreiben. Eine nicht-alphabetisierte Bevölkerung kann dies eben nicht in gleichem Maße.

        Dass Alphabetisierung den wesentlichen Motor der soziokulturellen Evolution darstellt und den Übergang vom Mythos zur Vernunft nach sich zieht, bedeutet eben nicht, dass dies über Nacht passiert – und auch nicht, dass es keine Zwischenformen, Stagnationen, Regressionen und Rückfälle geben kann. Soziokulturelle Evolution verläuft zwar wesentlich schneller als biologische Evolution, aber braucht eben auch ihre Zeit.

        Hier noch einmal ein Hinweis auf das Standardwerk zum Thema des Zusammenhangs von Alphabetisierung und Modernisierung, dass ich ja schon mehrfach empfohlen habe:

        Emmanuel Todd & Youssef Courbage – Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern:

        http://www.amazon.de/gp/product/3492051316/ref=s9_simh_bw_p14_d0_i1?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-2&pf_rd_r=0G5F07AMS5J2JX30SF0C&pf_rd_t=101&pf_rd_p=307845587&pf_rd_i=186606

        Der Autor Emmanuel Todd hat sich in einem anderen Buch aber auch zu den Ursachen des Nationalsozialismus im Rahmen seiner Theorie geäußert, nämlich in:

        Das Schicksal der Immigranten. Deutschland, USA, Frankreich, Großbritannien

        http://www.amazon.de/Schicksal-Immigranten-Deutschland-Frankreich-Gro%C3%9Fbritannien/dp/3546001354/ref=sr_1_5?s=books&ie=UTF8&qid=1352993122&sr=1-5

        „Keine Angst, ich bin trotzdem Demokrat (…)“

        Das freut mich natürlich.

  6. @Christian

    Das Definitionsmachtkonzept hat m.E. nicht viel mit einer Standpunkttheorie zu tun, ausser ev. das, dass dem Faktor Subjektivität in der Erkenntnis in Verbindung mit einer mehr oder weniger erweiterten Sozialstrukturanalyse eine gewichtige Rolle zugeschrieben wird.

    Aber ganz grundsätzlich ist die Standpunkttheorie nicht gegen Logik oder Empirie, obwohl es hier sicherlich unterschiedliche Konzepte gibt. Und Standpunkttheorien wollen ja grundsätzlich die Reflexivität erhöhen, indem sie eben auch das Subjekt der Forschung objektivieren wollen. Leider verwickeln sie sich hier m.E. in Widersprüche, sodass dann gewisse Spielarten sehr widersprüchlich und irrational daherkommen.

    Aber gerade Sandra Harding, die m.E. zu Unrecht einer Standpunkttheorie zugerechnet wird, unterscheidet ja zwischen einer schwachen und einer starken Objektivität und dies ist m.E. richtig. Nicht nur der Begründungszusammenhang soll das Gütekriterium Objektivität beanspruchen, sondern auch den Entdeckungszusammenhang oder Verwertungssusammenhang im Prozess der wissenschaftlichen Forschung soll objektiviert oder zumindest einer Reflexion unterzogen werden. Das ist m.E. eine sinnvolle Erweiterung wissenschaftlicher Praxis.

  7. „Da die wenigsten Menschen rationale Gründe zulassen wollen, die nicht mit einem eigenen Fehlverhalten in Verbindung steht, werden abgesehen von dem Recht auf Selbstverteidigung wenig tatsächliche Eroberungskriege mehr geführt. Kriege werden vielmehr unter Oberbegriffen wie “Humanitöär erforderlich um andere zu schützen” betrachtet. Sicher: Inoffizielle Gründe wie “er hatte halt Öl” mögen dann eine Rolle spielen, aber auch insoweit muss zunächst ein darüber hinaus bestehender Grund gefunden werden, aus dem man ein allgemeines Handeln rechtfertigen konnte.
    Pinker meint, dass durch die immer stärkere Einbeziehung solch logischer Betrachtungen in den modernen Zivilisationen ein zivilisatorischer Prozess eingetreten ist, der die Hemmschwelle für eine kriegerische Auseinandersetzung immer höher werden lässt.“

    ——————————————————————-

    http://www.myvideo.de/watch/282795/Spax_Kriegstagebuch

    http://www.gunsnroses.us/chinesedemocracy/chinesedemocracy.htm

  8. Interessante These:

    SPIEGEL: Warum finden Menschen überhaupt, dass Rache süß ist?

    Diamond: Vermutlich, weil Vergeltung den Status hebt. Wer sich nicht rächt, signalisiert Schwäche. Andere könnten vermuten, dass man sich nicht wehren kann und dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, einem den Garaus zu machen.

    SPIEGEL: Wurden die ersten Staaten gegründet, um diesen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen?

    Diamond: Es mag nicht die Motivation der ersten Könige gewesen sein, aber es war eine Dienstleistung, derentwegen die Menschen es tolerierten, regiert zu werden.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58485936.html

  9. Zivilisation

    „Die Schaffung von Reichtum ist durchaus nichts Verachtenswertes, aber auf lange Sicht gibt es für den Menschen nur zwei lohnende Beschäftigungen: die Suche nach Wissen und die Schaffung von Schönheit. Das steht außer Diskussion – streiten kann man sich höchstens darüber, was von beidem wichtiger ist.“

    Arthur C. Clarke (Profile der Zukunft)

    Ein Affe muss nur wissen, wo er Futter findet, und um die Schaffung von Schönheit braucht er sich nicht zu kümmern, denn er weiß noch gar nicht, was das ist. Erst der Mensch kann die Schönheit der Natur bewundern, sich von ihr inspirieren lassen, sie studieren und erforschen und dann eigene Kunstwerke erschaffen. Auch die Wirtschaftsordnung ist ein Kunstwerk, das wiederum Rückwirkungen auf den Menschen und seine emotionale und geistige Entwicklung ausübt.

    Die ersten Wirtschaftsordnungen waren zentralistische Planwirtschaften noch ohne liquides Geld und sie entstanden aus der Religion (Vielgottglaube). Die zweite Kulturstufe, in der wir uns noch heute befinden, basiert auf der kapitalistischen Marktwirtschaft, die ebenfalls aus der Religion (Eingottglaube) entstand. Das war sozusagen die Kinderstube des Menschen, in der er sich durch Arbeitsteilung über den Tierzustand erhob:

    „Die Entwicklung vom Herdenmenschen, vom Teilmenschen zum selbständigen Vollmenschen, zum Individuum und Akraten, also zum Menschen, der jede Beherrschung durch andere ablehnt, setzt mit den ersten Anfängen der Arbeitsteilung ein. Sie wäre längst vollendete Tatsache, wenn diese Entwicklung nicht durch Mängel in unserem Bodenrecht und Geldwesen unterbrochen worden wäre – Mängel, die den Kapitalismus schufen, der zu seiner eigenen Verteidigung wieder den Staat ausbaute, wie er heute ist und ein Zwitterding darstellt zwischen Kommunismus und Freiwirtschaft. In diesem Entwicklungsstadium können wir nicht stecken bleiben; die Widersprüche, die den Zwitter zeugten, würden mit der Zeit auch unseren Untergang herbeiführen, wie sie bereits den Untergang der Staaten des Altertums herbeigeführt haben.“

    Silvio Gesell (4. Vorwort zur NWO)

    Die dritte und vorläufig letzte Kulturstufe ist die Natürliche Wirtschaftsordnung, die aus der Vernunft entsteht – eine Vernunft, die eingesehen hat, dass die Schaffung von Reichtum dann etwas Verachtenswertes ist, wenn sie auf Kosten der Mehrarbeit anderer erfolgt, sodass sie am Ende statt Wissen und Schönheit nur noch Dummheit und Hässlichkeit erzeugt.
    Dieser eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion, den Erkenntnisprozess der Auferstehung, voraus: Jüngstes Gericht

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