Feministische Standpunkttheorie

Wikipedia hat dazu das Folgende:

Eine Standpunkt-Theorie behauptet eine Abhängigkeit der Erkenntnisgewinnung von der Position innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Sie sagt aus, dass es bessere und schlechtere Standpunkte gebe, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden könne. Tendenziell sei der Blickwinkel einer dominierten Gruppe für eine objektive Wahrnehmung besser geeignet als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.

Der Begriff Standpunkttheorie wurde erst in der Postmoderne in der akademischen Diskussion geprägt. Besonders häufig kam der Terminus als Feministische Standpunkttheorie vor, wurde aber auch auf andere Ansätze erweitert. Vertreter verschiedener feministischer und marxistischer Theorien verwenden selbst den Begriff, während alle anderen Zuordnungen im Nachhinein vorgenommen werden; in den Systemen selbst kommt der Ausdruck nicht vor.

Und weiter:

Die feministischen Standpunkttheorien kritisieren androzentrische Weltanschauungen, in deren Zentrum Männer stehen, beziehungsweise Männlichkeiten als Maßstab und Norm verstanden werden. Darüber hinaus vertreten sie die Position, dass aufgrund des patriarchalen Herrschaftsverhältnisse Frauen einen objektiveren Zugang zur Welt hätten. Bekanntere feministische Theoretikerinnen der Standpunkttheorie sind Nancy Hartsock, Patricia Hill Collins, Sandra Harding und Dorothy Smith.

Sandra Harding unterscheidet die schwache Objektivität, welche lediglich vom Wissenschaftler und von der Wissenschaftlerin eine Objektivität verlangt, von der strengen Objektivität, welche sich dadurch auszeichne, dass Forscher und Forscherinnen den Standpunkt ihrer eigenen sozialen Gruppenzugehörigkeit in die wissenschaftliche Arbeit bewusst miteinbezögen. Die Forschung sollte bei den dominierten Gruppen beginnen. Harding fordert von Angehörigen dominanter Gruppen ein verräterisches Bewusstsein, womit die eigene Arroganz und Ignoranz gegenüber dominierten Gruppen beendet werden solle. Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass die Menschen gleichzeitig verschiedenen Gemeinschaften angehörten und somit oftmals gleichzeitig dominierten und dominanten Gruppen zugehörig seien.

Donna Haraway teilt mit der feministischen Standpunkt-Theorie die Kritik an der scheinbaren Objektivität der (patriarchalen) Wissenschaft, die nicht die soziale Situiertheit von Wissen mitbedenke. Sie spricht in diesem Zusammenhang vom Gottes-Trick, da der Wissenschaftler so täte, als nähme er eine Position außerhalb des Forschungsobjektes ein, als sei sein Standpunkt erhaben und gottähnlich.

43 Gedanken zu “Feministische Standpunkttheorie

  1. Im PRINZIP – diese Betonung scheint mir wichtig – ist ja gegen das Standpunktkonzept nichts einzuwenden. Wie ich Dinge sehe, hängt von meinem Standpunkt ab. Das ist ja ganz offensichtlich.

    Vom Standpunkt Erde aus betrachte, sieh ja jeder, jedes Kind sozusagen, dass die Sonne sich bewegt. Um die Erde herum. Eben war sie noch dort – jetzt steht sie hier. Was kann offensichtlicher sein?

    Um zu sehen, dass es andersherum ist und gleichzeitig völlig nachvollziehbar, warum es so erscheinen mag, als ob die Sonne sich um die Erde drehe, muss ich den Betrachtungsstandpunkt nach außerhalb des Systems verlegen. Ich muss also gedanklich unser Sonnensystem von außen betrachen.
    Das IST ein anderer – gedanklicher – Standpunkt, der zu anderen Einsichten führt.

    Wo aber alles falsch wird: Wenn ich im ideologischen Streit sage: Ich muss nicht, um etwas zu versteh, einen distanzierten, einen psychologisch dissoziierten Standpunkt einnehmen, sondern den einer Partei. (Nur eben den der anderen Partei.)

    Da wird alles falsch. Und mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Das ist pure Ideologie. Oder politischer Kampf. Aber nicht Erkenntnis.

    Wenn ich fordere, mit mit einer Partei zu identifizieren, statt mich distanzierend zu des-identifizieren, den Konflikt von „außen“ zu betrachten, als Nonkombattant sozusagen – dann mag ich alles mögliche sein. Nur eben kein Wissenschaftler.

    Das es in der real existierenden Wissenschaft wenig Wissenschaftler gibt, welche diese innere Haltung der Dissoziation von gewohnten Denkbezügen aufbringen, ist richtig. Spricht aber nicht gegen die wissenschaftliche Haltung, sondern nur gegen den aktuellen Zustand der Wissenschaft. (Der aber letztlich immer so war. Jeder gesellschaftliche Lebensbereich ist zu 90% von Opportunisten durchsetzt. So ist das nun mal. )

    Die feministische Standpunkttheorie sagt lt. zitiertem Text zwei Dinge:

    1. Die eigenen sozialen Bezüge mit zu reflektieren in der Erkenntnistätigkeit ist die höhere Form der Erkenntnis, also sich einfach stumpf und naiv für „objektiv“ zu halten.

    2. Es ist der Standpunkt der domierten Gruppe einzunehmen, statt der Standpunkt der dominierenden Gruppe.

    Dem ersten ist unbedingt zuzustimmen. Beim zweiten wird alles falsch. (Und ich lasse hier beim zweiten mal die Frage weg, wie man eigentlich entscheiden kann, wer dominiert ist und wer dominiert. Das wäre ein ganz eigenes Thema …)

    • @virtual-CD

      Natürlich muss man seinen eigenen sozialen Bezug reflektieren, dass ist klar. Was es aber genau bringen muss, den Standpunkt der domierten Gruppe einzunehmen erschließt sich mir nicht. Was genau soll das bringen? Der andere Weg, nämlich nach Möglichkeit so neutral wie möglich zu sein oder die Einflussnahme beider Gruppen kritisch zu hinterfragen scheint mir da der viel bessere Weg.

      Es kommt natürlich darauf an, was die Forschung eigentlich bringen soll. Wenn man versuchen will, die „Wahrheit“ herauszufinden, dann bringt es wenig, sich auf einen Standpunkt zu versteifen. Wenn man mit dem Poststrukturalismus annimmt, dass alles Diskurs ist, dann ist ein Einnehmen der Position des Dominierten vielleicht verständlicher, weil man dann eher die Machtstrukturen aufzeigt und behebt. Aber man baut ja damit nur ein zwangsläufiges neues Machtzentrum auf, verlagert die Position nur, bis man eine andere höchst subjektive Position hat (wobei der Poststrukturalist wahrscheinlich sagen würde: Was soll man anderes haben als eine subjektive Diskursposition?). Das lädt ja gerade zu zu Übersteigerung, Machtmißbrauch, Diskriminierungsolympiade und dem Ersetzen von Forschung durch Machtkämpfe ein.

      • @Christian

        Du schreibst:

        Natürlich muss man seinen eigenen sozialen Bezug reflektieren, dass ist klar.

        Kommentar:

        Nur ist mir eben nicht so ganz klar, was das bringen soll, wenn man den eigenen sozialen Bezug reflektiert, wenn es um die wissenschaftliche Forschung geht? Nehmen wir ein ganz einfaches Forschungsprojekt, wo der Frage nachgegangen wird:

        a) Wie viele Autos verkehren durchschnittlich pro Tag auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Köln?
        b) Gibt es diesbezüglich eine Varianz zwischen den Tageszeiten Morgen, Mittag, Abend, Nacht?
        c) Wie ist diese Varianz zu erklären? Also welche unabhängigen Variablen determinieren die abhängige Variable?

        So: Was nützt es mir nun, wenn ich meinen sozialen Standpunkt reflektiere? Z.B.: Geschlecht, Alter, Schicht/Klasse/Milieu, Körpernormierungen, sexuelle Präferenz, politische Einstellung, Lebensstil, ethisch/moralische Einstellung, Stadt/Land, Behinder/NIchtbehindert etc., usw. usf.

      • „Was nützt es mir nun, wenn ich meinen sozialen Standpunkt reflektiere?“

        Ganz einfach. Du kommst zu einer „höheren“ Art von Wissenschaft, die nicht mehr nur simpel nach der Anzahl der Autos fragt, sondern nach den Ursachen Ihrer Fahrt und den patriarchalen Herrschaftsverhältnissen, die es zulassen, dass Menschen überhaupt Autus fahren.

        Das Auto ist ja nun ein typisch männliches Objekt, die Autobahn dagegen eine symbolische Frau, die tägllich von Autos penetriert wird, wobei die männlichen Erfindungen Auto und Autobahn auch noch die ganzheitliche und damit weiblich-feministische Umwelt vergewaltigen.

        Fahrten auf der Autobahn sind also quasi ein symbolischer Ausdruck der Rape Culture unserer Gesellschaft.

      • @Adrian

        Du schreibst:

        Fahrten auf der Autobahn sind also quasi ein symbolischer Ausdruck der Rape Culture unserer Gesellschaft.

        Kommentar:

        Bezüglich Autobahn kommt mir gerade ein llüstiges Video von Mathias Richling in den Sinn:

        Mathias Richling – hat die NPD gewählt 😉

  2. „Sie sagt aus, dass es bessere und schlechtere Standpunkte gebe, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden könne. Tendenziell sei der Blickwinkel einer dominierten Gruppe für eine objektive Wahrnehmung besser geeignet als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.“

    Und der bessere Standpun kt ist imm er der jeweils eigene. Oder weren irgendwelche Kriterien für besser und schlechter angeführt?

    Ich finde es gut, dass in dieser Gesellschaft die Ansichten von Neonazis oder Salafisten von anderen Ansichten dominiert werden. Die Nazis selber sehen das natürlich so wie die feministische Standpunkttheorie, oder?

    • In einer vernünftigen Diskussion wird in der Regel auch der Standpunkt der z.B. Neonazis nicht völlig ignoriert: Z.B. deren Recht auf Meinungsfreiheit (solange nicht strafrechtlich relevant), Versammlungsfreiheit (in Abwägung mit anderen Rechtsgütern) etc.
      Auch den Salafisten gesteht man zu, zu glauben was sie wollen – auch dürfen sie das kundtun, solange nicht strafrechtlich relevant („bringt alle Ungläubigen um“ in einer Freitagspredigt dürfte nicht durchgehen).

      Auch den Feminist*innen (oder wie auch immer die gerne geschrieben werden wollen) billigt man eine Meinung zu. Dann läſst man die reden und bildet sich eine eigene Meinung über deren Zurechnungsfähigkeit. Bestens. Solange das ausreichend Menschen so machen, werden die wohl in einer dominierten Position bleiben *g*

  3. 1. Interessant ja auch die Frage, ob der Standpunkt-Theoretiker häufig nicht einfach auch alle anderen als Vertreter lediglich eines Standpunktes sieht. Also die Ansichten gar nicht mehr von dem angenommenen Standpunkt lösen kann.
    Man neigt ja schnell dazu, Menschen, die man einer bestimmten Richtung zuordnet, auch bestimmte weitere Meinungen zu unterstellen, was durch die Standpunkttheorie dann meines Erachtens nach eher noch verstärkt wird.

    Das ist dann der Gedanke: „Du bist ein Maskulist/Feminist/Biologist, alles was du sagst kann aufgrund des falschen Standpunktes nur falsch sein“. Die Standpunkt-Theorie scheint einem dazu noch den nötigen theoretischen Unterbau zu liefern, der diese unkritische Ablehnung erleichtert.

    2. Die biologischen Theorien scheinen mir aus einer Sicht das deutlichste Gegenteil der Standpunkt-Theorie, aus anderer (meiner Ansicht nach aber falscher) Sicht der Nachweis der Wichtigkeit dieser zu sein.

    Die Kenntnis über biologische Vorgänge, beispielsweise über pränatale Hormone, postnatale Horomen, Hormonrezeptoren, genetische Faktoren, die dabei hineinspielen nehmen aus der Sicht der Biologie gerade den Standpunkt heraus und erlauben eine abstrakte Sicht auf den Menschen (quasi als „Maschine“).
    Evolutionäre Betrachtungen können über Kosten/Nutzenrechnungen („Kosten des Sex“) und Spieltheoretische Erwägungen und über Vergleiche mit anderen Tieren und das Erkennen und Anwenden überall im Tierreich vorhandender evolutionärer Regeln wie der intersexuellen und intrasexuellen Selektion, eine Objektivität in eine solche Debatte bringen, die Unabhängig vom Standpunkt zu sein scheint (auch der Grund, warum es kaum feministische evolutionstheoretische Betrachtungen gibt: Wendet man die Regeln strikt an, kommt man meiner Meinung nach nicht zu dem gewünschten Ergebnis Gleichheit)

    Dagegen wird wie beispielsweise bei Fausto-Sperling, Voss oder Fine angeführt, dass es auch in der Biologie bestimmte Fixierungen aufgrund eines Standpunktes geben soll. Weil man patriarchisch-zweigeschlechtlich denkt kommt man zu aus deren Sicht falschen Ergebnissen. Es soll sich also auch hier der Standpunkt auswirken.Meines Erachtens werden dabei häufig die vielen Begründungen für die Vorannahmen übersehen, die diese Behauptungen, etwa der Zweigeschlechtlichkeit logisch stützen, wie etwa die Red Queen Theorie, die doppelten Kosten der geschlechtlichen Fortpflanzung, unsere Chromosomen mit dem Y Chomosom etc.
    Es wird hier eher versucht, ein Standpunkt zu konstruieren, etwa eben der, dass die Evolutionstheorien lediglich ein starres Wunschbild der 50er Jahre stützen sollen, das eben das Patriarchat am günstigsten umsetzt.
    Hier verhindert aber vielleicht gerade die Standpunkttheorie eine Diskussion in der Sache, weil man damit eben die Position einnehmen kann, dass die Position nicht mit dem eigenen Standpunkt/dem Standpunkt der dominierten Gruppe vereinbar und bereits deswegen falsch ist.

    und noch in der Sache:

    „Darüber hinaus vertreten sie die Position, dass aufgrund des patriarchalen Herrschaftsverhältnisse Frauen einen objektiveren Zugang zur Welt hätten.“

    Das ist das Problem, wenn man mit so unsauberen und verallgemeinernden Konstrukten wie „Patriarchat“ und „Privilegierung der Gruppe Mann“ arbeitet. Es erlaubt keine Betrachtung von Abschnitten und keine Differenzierung nach bestimmten Situationen, etwa Beruf, Familie etc.
    Frauen haben hier immer einen objektiveren Zugang zur Welt (was in der ersten und zweiten Welle des Feminismus meine ich noch als klarer Sexismus erkannt worden wäre).

    „Sandra Harding unterscheidet die schwache Objektivität, welche lediglich vom Wissenschaftler und von der Wissenschaftlerin eine Objektivität verlangt, von der strengen Objektivität, welche sich dadurch auszeichne, dass Forscher und Forscherinnen den Standpunkt ihrer eigenen sozialen Gruppenzugehörigkeit in die wissenschaftliche Arbeit bewusst miteinbezögen.“

    Das wäre dann das kritische Hinterfragen?

    „Die Forschung sollte bei den dominierten Gruppen beginnen.“

    Was bedeutet hier „beginnen“? Tatsächlich die Bezogenheit auf den Standpunkt der Gruppe oder ein Hinterfragen der eigenen Ansicht durch Berücksichtigung der Interessen der dominierten Gruppe? Also ein „wenn ich eine Frau wäre, würde ich dann auch die gleichen evolutionsbiologischen Gesichtspunkte vertreten?“ ? (Antwort: Ja, denn genug weibliche Evolutionsbiologen kommen zum gleichen Ergebnis) oder wäre die Frage „Berücksichtigt die Evolutionspsychologische Theorie die Interessen und Positionen von Frauen zu wenig?“ (Antwort: Nein, Evolution verläuft nicht gerecht, zudem siehe obem, weibliche Forscher kommen zu gleichen Ergebnis) oder wäre es „Geben meine evolutionären Theorien nur das wieder, was meiner Gruppe nützt?“ (Antwort: Es nützt Männern meiner Meinung nach nicht)

    Wie wäre also die Standpunkttheorie hier konkret anzuwenden?

    “ Harding fordert von Angehörigen dominanter Gruppen ein verräterisches Bewusstsein, womit die eigene Arroganz und Ignoranz gegenüber dominierten Gruppen beendet werden solle.“

    Hinterfragen finde ich gut. Anzunehmen, dass man Verrat üben muss und die andere Seite arrogant und ignorant ist erfordert aber aus meiner Sicht erst einmal Fakten dafür, dass dies so ist. Die Fehlen bisher aus meiner Sicht, wobei gerade der Feminismus sich sein Arroganz und Ignoranz aufgrund der Standpunkttheorie vorhalten lassen muss,

    „Allerdings müsse berücksichtigt werden, dass die Menschen gleichzeitig verschiedenen Gemeinschaften angehörten und somit oftmals gleichzeitig dominierten und dominanten Gruppen zugehörig seien.“

    Klar. Da sind wir bei Intersektionalität

    • @Christian

      Du schreibst:

      Dagegen wird wie beispielsweise bei Fausto-Sperling, Voss oder Fine angeführt, dass es auch in der Biologie bestimmte Fixierungen aufgrund eines Standpunktes geben soll. Weil man patriarchisch-zweigeschlechtlich denkt kommt man zu aus deren Sicht falschen Ergebnissen. Es soll sich also auch hier der Standpunkt auswirken.Meines Erachtens werden dabei häufig die vielen Begründungen für die Vorannahmen übersehen, die diese Behauptungen, etwa der Zweigeschlechtlichkeit logisch stützen, wie etwa die Red Queen Theorie, die doppelten Kosten der geschlechtlichen Fortpflanzung, unsere Chromosomen mit dem Y Chomosom etc.
      Es wird hier eher versucht, ein Standpunkt zu konstruieren, etwa eben der, dass die Evolutionstheorien lediglich ein starres Wunschbild der 50er Jahre stützen sollen, das eben das Patriarchat am günstigsten umsetzt.
      Hier verhindert aber vielleicht gerade die Standpunkttheorie eine Diskussion in der Sache, weil man damit eben die Position einnehmen kann, dass die Position nicht mit dem eigenen Standpunkt/dem Standpunkt der dominierten Gruppe vereinbar und bereits deswegen falsch ist.

      Kommentar:

      Die Standpunkttheorie ist ja eigentlich eine wissenssoziologische Debatte und dafür gibt es quasi als Vorzeige-Exempel das „strong programm“ (Sociology of Scientific Knowledge SSK – Edinburgh School), aber ich denke, das strong programm lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn es eben reflexiv auf sich angewendet wird, weil dann führt es in Selbstwidersprüche.
      Wenn man sich ein bisschen in diese Debatte vertiefen will, dann wäre folgender Artikel noch interessant:

      Jenseits von Realismus und Antirealismus. Eine Verteidigung des
      Sozialkonstruktivismus gegenüber seinen postkonstruktivistischen
      Kritikern

      http://zfs-online.ub.uni-bielefeld.de/index.php/zfs/article/viewFile/1291/828

      Ich selbst würde wohl momentan auch diese Position bevorzugen.

      • @Chomsky

        „Wenn man sich ein bisschen in diese Debatte vertiefen will, dann wäre folgender Artikel noch interessant:“

        Zusammenfassung: Seit einigen Jahren sieht sich der Sozialkonstruktivismus einer Reihe grundsätzlicher Vorbehalte und Einwände ausgesetzt. Aus Sicht der Kritiker erweist sich die Auffassung einer ‚gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion‘ als eine wenig attraktive Spielart des Antirealismus, die zwar sozialen Dingen ein Existenzrecht zugesteht, dies jedoch um den Preis, nicht-sozialen Entitäten eine eigenständige Realität abzusprechen. Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, diese Kritik zurückzuweisen. Am Beispiel der Soziologie wissenschaftlichen Wissens wird argumentiert, dass der Sozialkonstruktivismus ein empirisches Forschungsprogramm verfolgt, das der Frage nachgeht, welche Wirklichkeitsdeutungen soziale Verbindlichkeit erlangen. Derart ausbuchstabiert handelt es sich bei der sozialkonstruktivistischen Wissenschaftssoziologie, wie im Anschluss an Überlegungen des Neopragmatismus und der analytischen Sprachphilosophie gezeigt wird, um eine theoretische Position, die sowohl Distanz zu den Prämissen des Realismus als auch des Antirealismus wahrt (auch wenn viele ihrer Vertreter explizit für eine der beiden Seiten optiert haben).

        Welches Argument gegen den Vorwurf des „Antirealismus“ (auch ein schönes Wort) überzeugt dich denn aus dem Artikel?

      • @Christian

        Du schreibst:

        Welches Argument gegen den Vorwurf des “Antirealismus” (auch ein schönes Wort) überzeugt dich denn aus dem Artikel?

        Kommentar:

        Nun, ich werde dann heute mal noch ein bisschen darauf eingehen, aber jetzt nur ganz kurz:

        Die Frage wird im Text eher pragmatisch erläutert: Wer von einer antirealistische Auffassung ausgeht, der untersucht eigentlich nur noch Wissensordnungen: Wie konstituiert sich Wissen, historisch, sozial, aber er will ja keine Aussagen mehr über die Realität machen: Also der betreibt nur noch Diskursanalyse. Für eine wissenschaftliche Forschung, die von einer eigenständigen Realität ausgeht, erübrigt sich dann zumindest in der praktischen Forschung diese Grundsatzfrage, weil sie will ja nicht nur Diskursanalyse bebreiben. Aber: Wenn man eben nicht eine reine Abbildtheorie propagieren will wie der Realismus, kommt dann eben wieder der soziale Konstruktivismus ins Spiel.

        Deshalb heisst es ja im Artikel auch:

        „Doch geht es in
        diesen fachwissenschaftlichen Debatten nicht um die
        Frage, ob die Realität prinzipiell von theoretischen
        Beschreibungsvokabularen unabhängig ist. Diese
        Frage erweist sich aus Sicht der einzelwissenschaftlichen
        Disziplinen als sinnlos, besser noch als witzlos.
        Zur Klärung fachwissenschaftlicher Fragen (einschließlich
        Fragen bezüglich der Existenz bzw. Realität
        alltagsweltlicher oder theoretischer Entitäten)
        trägt die philosophische Realismusdebatte nichts bei.“

      • @Christian

        Die Kernthese ist eigentlich Folgende:

        „Während der Realismus
        von der Auffassung einer sprachfreien Wirklichkeit
        ausgeht, suggeriert der Antirealismus die
        irreführende Annahme einer wirklichkeitsfreien
        Sprache, also eines unabhängigen Ordnungssystems,
        das jeglicher Realität voraus liegt.“

        Also, beide Positionen einseitig verallgemeinert, würden in die Irre führen.

        • @Chomsky

          Mit kommt Sprache in der Geschlechterdebatte sehr überbewertet vor. Die Konstruktion über die Sprache unterschlägt viel zu viel Einfluss aus anderen Faktoren.

          Häufig kann man andere Strukturen hinter sozialen Vorgängen sehen als Sprache, die Ziele, die Menschen innerhalb dieser Strukturen erreichen wollen, wie Macht, Liebe, Sicherheit werden sicherlich teilweise über Sprache und Absprachen umgesetzt. Aber das bedeutet eben nicht, dass Sprache der alleinige motivierende Faktor ist. Unsere Triebe und Lüste und Wünsche entstehen häufig zumindest dem Grunde nach durch die Biologie. Wie wir sie umsetzen, dass ist sicherlich Kultur und damit auch Sprache.

          (Sind Sprache und Kultur aus der antirealistischen Sicht eigentlich das gleiche?)

      • @Christian

        Du schreibst:

        Mit kommt Sprache in der Geschlechterdebatte sehr überbewertet vor. Die Konstruktion über die Sprache unterschlägt viel zu viel Einfluss aus anderen Faktoren.

        Kommentar:

        Sozialwissenschaftliche Konzepte haben ihre Konjunkturen: Die dominante Richtung
        in der Geschlechterforschung wird momentan von Biografieorientierung sowie interaktionstheoretischen
        und konstruktivistischen Ansätzen bestimmt. Sozialisationskonzepte,
        welche Böhnisch präferiert, hatten in den 1980er und 1990er Jahren Hochkonjunktur.
        Dennoch bleiben sie für Böhnisch – und m.E. zurecht – in Bezug auf die
        Männerfrage und die Analyse des Mannseins hochaktuell:
        Diese neue Komplexität der Männerfrage, die brisante Gleichzeitigkeit und damit
        Ambivalenz von alltäglicher Geschlechtsnivellierung, tiefenpsychischen Verdeckungen
        und systematischer Externalisierung bringt das „alte“ Sozialisationskonzept
        heute zwangsläufig wieder neu ins Spiel. Denn kein anderes sozialwissenschaftliches
        Konzept kann diese Interdependenz von gesellschaftlicher, interaktiver,
        institutioneller und psychodynamischer Ebene so aufschliessen wie das Sozialisationskonzept;
        kein anderer disziplinärer Zugang zwingt zu einem so konsequenten
        interdisziplinären – also einer Zusammenschau von kulturanthropologischem,
        soziologischem, psychologischem, politökonomischem und pädagogischem
        – Denken, wie die sozialisationstheoretische Analyse. (ebd.: 14)

  4. „Weil man patriarchisch-zweigeschlechtlich denkt kommt man zu aus deren Sicht falschen Ergebnissen.“

    Falsche Ergebnisse führen in der praktischen Anwendung zu Fehlschlägen.
    Wenn die Physik falsch wäre, würden Flugzeuge nicht fliegen.

    Wie ist das mit der modernen biologie? Wie mit der „Genderwissenschaft“?

  5. Kehren wir doch die Standpunkttheorie ganz einfach maskulistisch um, ebenso Defma und den Anspruch auf’s epistemische Privileg und erklären, wie Zhen und Imion z.B. das tun:

    FRAUEN SIND DAS MÄNNER DOMINIERENDE UND AUSBEUTENDE GESCHLECHT!

    Beleg:

    Mehr männliche als weibliche Gewaltopfer, Kriegstote etc.

    Von fast allem Schlimmen sind Männer schlimmer betroffen als Frauen.
    Sie sterben auch deshalb im Schnitt rund 6 Jahre früher als Frauen.

    Männer schuften mehr als Frauen (Zeitverwendungsstudien).
    Sie erwirtschaften und bezahlen mehr für Umverteilungstöpfe des femizentrischen Frauencaterstaates, der von den Männern nimmt und hin zu den Frauen umverteilt.

    Was spielt es da für eine Rolle, welches Geschlecht die Spitze dominiert, wenn diese Spitze für Frauen und ihre Schutz – und Versorgungsinteressen agiert und dafür Männer in’s Feuer schickt?

    Mehr Männer als Frauen sin chronisch krank, töten sich selbst etc.

    Und obwohl Männer im Schnitt kränker sind als Frauen, geben wir mehr Geld für Frauengesundheit als für Männergesundheit aus, d.h. Männer tun das, denn sie finanzieren mit ihrer Arbeit den größten Teil der Sozialstaatskosten.

    Mehr Männer als Frauen im Gefängnis, obdachlos etc. – also Opfer struktureller Gewalt, denn als von Frauen manipulierte und ausgenutzte Wesen innerhalb einer auf Fraueninteressen ausgerichteten Gesellschaft sind sie Opfer, nicht selber schuld.

    Die schwersten, gefährlichsten, anstrengendsten, gesundheitsschädlichsten Berufe sind männlich dominiert, schlussendlich:

    Frauen manipulieren Männer dahingehend (mittels Sex und Erziehung der Jungen in diesem Sinne als Mütter), für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen, stellen sich als „unterdrückt“ dar, damit den manipulierten Männern das nicht auffällt, sie sich als mächtig und stark fühlen, damit sie die mächtig schweren und stark gefährlichen/unangenehmen Aufgaben schultern, die frau so nicht selbst schultern muss („Liebling, schlag die Spinne tot! Ich *schwache Frau* fürchte mich so, Du bist doch ein starker, mutiger Mann *den ich gerade darum so lieb habe, weil er für mich tut, was ich selbst nicht tun will*).

    Es wird Zeit, eine maskulistische Wissenschaft zu entwickeln, die den unterdrückten Männern dient.

    Wer will bestreiten, dass Maskulisten Recht haben?

    Feministinnen, die bestreiten, dass Maskulisten Recht haben, beweisen damit doch nur, dass sie ihr weibliches Privileg verteidigen – sie als Angehörige des privilegierten, weiblichen Geschlechtes können ihr Privileg gar nicht erkennen oder wollen es nicht erkennen.

    Den manipulierten Männern steht die Definitionsmacht zu, ihr Standpunkt als von Frauen manipulierte und ausgebeutete Gruppe (Geschlechterklasse) ist derjenige, der zu dominieren hat, ihnen kommt das epistemische Privileg zu.

    Etwaige Löcher/Inkonsistenzen/Inkohärenzen in diesem großartig gefügten und fest verfugten Gedankengebäude stopfen wir mit ein bißchen Intersektionalität.

    Jeder, der diesen Ansatz infrage stellt, abwehrt, abstreitet, will nur seine weibliche Dividende als Mitglied des beschützten, versorgten Geschlechtes behalten, das nicht kämpfen muss, sondern kämpfen lässt oder ist dem dominierenden, weiblichen Geschlecht in komplizenhafter Weiblichkeit verbunden.

    Objektiv ist dieses Konstrukt nicht zu bestreiten, denn Objektivität gibt es nicht.

    • Der Gedanke kam mir auch: wer in einer Gesellschaft die Dominierten und wer die Dominierenden sind, ist ja nicht von vornherein klar (außer vielleicht in genderwissenschaftlichen Seminaren).

    • @Roslin

      „Kehren wir doch die Standpunkttheorie ganz einfach maskulistisch um, ebenso Defma und den Anspruch auf’s epistemische Privileg und erklären, wie Zhen und Imion z.B. das tun“

      Mir scheint es in der Tat genau das zu sein, was Zhen und Immion machen. Sie setzen den männlichen Standpunkt absolut. Immion beispielsweise, indem er Partnewahlkriterien von Frauen als „Anforderungen an die Männer“ sieht und Partnerwahlkriterien von Männern als „Preishochtreiben von Frauen“.

      Insofern ist die Standpunkttheorie ja schon im Maskulismus angekommen und man sollte sie auch hier vehement ablehnen, wenn man sie antrifft. Vielleicht ist sie sogar eines der wesentlichen Elemente eines radikalen Maskulismus, der ja meist auch alle (legitimen) Interessen von Frauen ausblendet.

      Als Gedankenspiel für ihre Theorie ist es natürlich interessant: Ich vermute auch, dass eine Gegenargumentation nicht glücken kann, sie entweder auf „Wir sind aber benachteiligter und deswegen ist unser Standpunkt richtig“ oder eben willkürliches Zuweisen der Benachteiligtenrolle hinausläuft.

      • @ Christian

        *Ich vermute auch, dass eine Gegenargumentation nicht glücken kann, sie entweder auf “Wir sind aber benachteiligter und deswegen ist unser Standpunkt richtig” oder eben willkürliches Zuweisen der Benachteiligtenrolle hinausläuft.*

        Was heißt hier „Gegenargumentationen“?

        Opponierende werden mit Verweis auf die (Nicht-)Einhaltung der Netiqueette gesperrt.

        Opponierende sind alleine dadurch, dass sie opponieren, als ethisch minderwertig entlarvt, wollen sie doch an ihren ungerechten Privilegien festhalten, sonst würden sie ja (unsere) „Wahrheit“ erkennen und an ihrer Deprivilegierung gemeinsam mit uns arbeiten.

        Aber wir sind ja tolerant, schließen andere Meinungen nicht einfach aus, nur weil sie unsere Argumentation in Klump schießen.

        Nein.

        Wir schließen Menschen nur aus, wenn sie nicht nett sind.

        Uns die Dummbratzigkeit, die Einseitigkeit/Selbstgerechtigkeit/Selbstreferentialität unseres „Denkens“ zu demonstrieren, ist nicht nett.

        Eine nette, eine gute, eine moderne Frau tut das nicht!

        Nur eine vom alten, unreformierten Schlag.

      • „Gegenargumenttion“???

        Ich wüsste auch nicht, warum man auf einem _maskulistischen_ Blog auf derart primitive Derailingversuche eingehen sollte.

        Es ist die Pflicht der Privilegierten, sich mit ihren Privilegien auseinanderzusetzen, und nicht die Pflicht der Opfer von struktureller Gewalt, den Erklärbar zu spielen.

    • Sehr richtig alles. Was mir noch fehlt, ist die Tatsache, dass die ganzen Beulen am Kopf vom Nudelholz und die ganzen Kratzspuren (Rrrrraatsch…Jääääuuuuuul!) zu 99.9 % wir Männer erleiden. Ich kenne da so eine „Studie“, die das neulich herausgefunden hat. Ach ja, und „Studie“ dürfen wir in solchen Fällen in Zukunft nicht mehr in Anführungszeichen setzen und müssen jeden von uns, der das Ergebnis dieser Studie nicht als absolute Wahrheit anerkennt, outgroupen, anfeinden & bedrohen. Genau wie es die Feministinnen uns vorgemacht haben. So geht das…

      …so, ich muss jetzt aber wieder zu meinem Weibchenrudel. Ich sehe gerade, die stehen hilflos & schreiend auf dem Tisch, wegen einer Kreuzspinne, die aus dem Garten reingekommen ist und über den Boden krabbelt. Stimmt, ein Privileg, sich vom starken, todesverachtendem Alpha gegen so ein kleines Krabbeltier helfen zu lassen.

      Auf der anderen Seite – auch auf die Gefahr hin, als feministischer Kollaborateur hier outgegroupt zu werden – ist es, wenn man(n) ehrlich ist, irgendwo wirklich eine echte Benachteiligung, vor so einem kleinen Tierchen so eine große Angst. Dasselbe gilt fürs logische Denken…

      • Sorry für den kleinen Fehler. Muss heißen „…vor so einem kleinen Tierchen so eine große Angst ZU HABEN:“

        P.S.: Spinne ist nun nach kurzem, heftigen Kampf durch einen gezielten Schlag mit der Steinzeitkeule besiegt – requiem in pacem. Eine von den Tussen hat vorher ihren Anti-Beta-E-Shocker drangehalten und daraufhin einen Nervenzusammenbruch erlitten. Wie gut, dass ich ein Männchen bin.

    • *lol*

      „Es _gibt_ keine Diskriminierung von HetenCisFrauen!!!1! Wenn es Benachteiligungen von HetenCisFrauen gibt, dann sind sie der Abgrenzung des Weiblichen* vom Männlichen* geschuldet, gerne in Verbindung mit der Dämonisierung des Männlichen*, und mit der Zurichtung des Männlichen als Kampf- und Arbeitstier.

      Also, liebe Schmerzensweiber, reflektiert erstmal eure Privilegienmumu!!“

      Ich habe Esther Villar immer so verstanden: Als Übertragung aufs andere Geschlecht, und damit als ad absurdum führen der aufs eigene Geschlecht reduzierten feministischen Weltsicht.

      @Christian:
      Als Gedankenspiel für ihre Theorie ist es natürlich interessant: Ich vermute auch, dass eine Gegenargumentation nicht glücken kann, sie entweder auf “Wir sind aber benachteiligter und deswegen ist unser Standpunkt richtig” oder eben willkürliches Zuweisen der Benachteiligtenrolle hinausläuft.

      Ja, man müsste erstmal objektiv – intersubjektiv gültig – nachweisen, welches Geschlecht nun „über Alles“ DasDiskriminierte ist.

      Dazu müsste man ja sehr viele Äpfel-mit-Birnen-Vergleiche anstellen, also eben subjektive Wertungen vornehmen. And the gras is always greener on the other side..

  6. Na, will ich mal versuchen Euch meinen Standpunkt klar(er) zu machen, vielleicht klappts ja.

    Also:

    Ich bin eine kleine Frau.

    Kleiner als Madonna, kleiner als Shakira, kleiner als Kylie Minogue (aber nicht mehr viel).

    Ich gehöre zu dem halben Prozent der kleinsten Frauen der Republik, ohne dabei im medizinischen Sinne kleinwüchsig zu sein.

    Üblicherweise ist jedeR 8. Klässler größer als ich, neulich musste ich sogar feststellen, dass der Sohn meiner Cousine mich überholt hat, und der ist erst in der 3.

    Ich bin mir der besonderen Verletzlichkeit aller Menschen meiner Körpergröße bewusst – und ebenso den Beschützerimpulsen, die sie normalerweise auslöst.

    Es ist ein bißchen schwerer ernstgenommen zu werden von meiner Position aus, aber ich kann mir auch mehr erlauben.

    Niemand nimmt mich als Bedrohung wahr und das macht mich offen und mutig.

    Bisher hatte ich Glück selbst im Unglück (hoffentlich hält die Strähne an).

    Und?
    Waren das jetzt überflüssige oder im engeren Sinne notwendige Informationen?

    • Niemand nimmt mich als Bedrohung wahr und das macht mich offen und mutig.

      Dein Ressentiment gegen Männer nehme ich sehr wohl als bedrohlich wahr.

      Mutig finde ich das allerdings nicht, es ist sehr leicht und mit wenig persönlichem Risiko verbunden, sich einem weitverbreitetem Ressentiment anzuschließen.

      Was daran „offen“ ist, darüber könnte ich nur spekulieren.

  7. Die Standpunkttheorie hat durchaus einigen Praxisbezug. So ist sie auch bei der Fussball-EM eine wertvolle Hilfe, um das Spielgeschehen in einen weiterreichenden Kontext zu stellen und zu deuten.

    Immer wieder stellt sich die Frage: War der Ball nun vor oder hinter der Linie? Und was ist eigentlich ein Ball und was bedeutet es, wenn er (warum nicht „sie“?) hinter der Linie war? Ist der Ball vom Standpunkt des Stürmers hinter der Linie, so ist er vom Blickwinkel des Zuschauers hinter dem Tor eindeutig vor der Linie! Diese Einsicht und noch viel mehr verdanken wir der feministischen Standpunkttheorie.

    Es fällt zudem auf, dass Frauen vom Spiel ausgeschlossen und nur als passive Zuschauer geduldet werden. Der patriarchalisch-sexistische Charakter des Fussballspiels zeigt sich auf vielfältige Weise. Die symbolische Handlung ist eindeutig!

    Der Ball als Symbol des männlichen Spermiums wird gewaltsam ins Tor – das Symbol für das weibliche Geschlechtsorgan – getrieben. Ist dies gelungen, ergeht sich die erfolgreiche Mannschaft in orgiastischem Jubel, wurde doch die Jungfrau des gegenerischen Stammes defloriert und geschwängert!
    Der sexistisch-chauvinistische Charakter des Fussballspiels zeigt sich auch in der Sprache der Kommentatoren. Da wird die Vernachlässigung der Deckung oder die mangelnde Spritzigkeit (!) des Spielers kritisiert. Allein das Wort „Freistoss“ sagt doch schon alles!

    Nicht das weibliche Miteinander, sondern das männliche Gegeneinander wird zelebriert. Kann einer der Spieler nicht ganz so schnell laufen wie ein anderer, kriegt er den Ball fast nie. Vielfältige Diskriminierungen wo man hinsieht.

    Und warum wird das Endergebnis nicht ausgehandelt und ein fairer Kompromiss, eine win-win-Situation für beide Parteien angestrebt? Immer gibt es am Ende Sieger und Besiegte! Höchste Zeit, dass sich die feministische Standpunkttheorie diesen archaischen Stammeswettkämpfen kritisch widmet!

    • @Peter

      In der Tat: Endlich könnte auch mal das dominierte Lichtenstein Europameister sein, wenn es die Standpunkttheorie nutzt und den Schiedsrichter gegen einen ihrer Spieler eintauscht! Abseits, Tor, Elfmeter etc sind ja bekanntlich, wenn der Schiri, dann eben Lichtenstein, pfeift.

      Oder man stellt nicht auf die Fußballerische Dominanz, sondern auf die Länderdominanz ab. Dann bekommt Griechenland die Deutungshoheit als das am meisten von den anderen dominierte Land (das wäre auch eine interessante Perspektive für die Lösung der Finanzkrise: Griechenland bestimmt einfach als dominiertes Land den Standpunkt)

      „Und warum wird das Endergebnis nicht ausgehandelt und ein fairer Kompromiss, eine win-win-Situation für beide Parteien angestrebt?“

      Las ich auch gerade irgendwie so bei Twitter:
      „Wenn beide Teams ihre Differenzen überwinden und zusammenarbeiten, können beide viel mehr Tore schießen“

  8. Eine weitere ungeklärte Frage aus meiner Sicht:
    Wer ermittelt überhaupt den Standpunkt der Gruppe?

    Denn eigentlich lautet die feministische Standpunkttheorie ja der Praxis nach:

    Der Standpunkt der Gruppe Frau wird durch die Frauen bestimmt, die Feministinnen sind, auch wenn deren Standpunkt gar nicht von der Gruppe an sich geteilt wird: Der Standpunkt ist unter Berücksichtigung dessen zu ermitteln, was Frauen als Standpunkt hätten, wenn sie nicht durch das Patriarchat und die hegemonialen Geschlechternormen beeinflusst wären.

    Dabei rauskommen würde dann natürlich ein Standpunkt, der der feministischen Position entspricht.

    Dabei sieht es so aus, als wollten Frauen mehrheitlich nicht das, was dem feministischen Standpunkt entspricht. Sie wollen beispielsweise eher Familie als eine Karriere mit sehr hohen Zeiteinsatz. Sie wollen lieber in klassischen Frauenberufen arbeiten als in solchen die Karriere ermöglichen und viel Geld bringen. Sie wollen keine feministische Partei wählen. Und sie wollen auch nicht selten keine profeministischen Männer.

    Den Standpunkt der Gruppe Frau direkt von diesen dem Schnitt nach zu übernehmen könnte bitter für den Feminismus sein.

    • Es ist ähnlich wie mit dem Standpunkt des Proletariats im Marxismus. Dieser beruht auf der Einsicht in die Gesetze der Geschichte (die durch den Marxismus vermittelt wird). Die meisten wirklichen Proletarier teilen diesen Standpunkt nicht, was an ihrer mangelnden Schulung liegt. Die kommunistische Partei aber hat die höhere Einsicht und handelt daher immer im Sinne des Proletariats, z.B. wenn sie das Parlament auflöst und nichtmarxistische Parteien an der Arbeit hindert, auch wenn diese überwiegend von Proletariern gewählt werden

    • @Christian:
      Dabei sieht es so aus, als wollten Frauen mehrheitlich nicht das, was dem feministischen Standpunkt entspricht.

      Naja, da gibt es ja auch den Differenzfeminismus.

      Man einigt sich dann auf „Wahlfreiheit“, was zwangsläufig darauf hinausläuft dass sich keine Parität einstellen kann.

      Damit bleibt das epistemische Privileg auf Ewig erhalten, und Jede kriegt das Ihrige: Die Eine kriegt die Quote, die Andere die Versorgungspflicht.

      Es ist schließlich genug Patriarchat für alle da 😀

    • @Christian

      Ich würde bei der dreiteilung von

      – Entstehungs- Erklärungszusammenahng
      – Begründungszusammenhang
      – Verwertungszusammenhang

      bleiben.

      Problematisch ist wirklich nur der Begründungszusammenhang, wenn hier die Standpunkttheorie vertreten wird.
      Und hier kann es effektiv dann Probleme geben, wenn die objektivierenden Verfahren (Operationalisierung, Indikatoren, Datenerhebung, Datenauswertung) keine vollständige Objektivität der Forscher ermöglichen.

      Das kannst Du Dir in etwa so vorstellen:

      – Bei der Beobachtung: Wir können zwar z.B. mit einer Videokamera aufzeichnen, was beobachtet wurde. Aber: Auch auf einer Videoaufnahme muss das Geschehen gedeutet werden: Ist ein Mensch depressiv oder nicht? Wann ist er depressiv? Wenn also dann Verhalten einer Kategorie zugeordnet werden muss, dann kann es Verzerrungen geben.
      – Bei der Operationalisierung: Wie soll z.B. Armut operationalisiert werden? Welche Indikatoren werden dafür herangezogen? Auch hier kann es Unterschiede geben.
      – Bei einem Fragebogen: Welche Fragen werden gestellt? Wie werden sie gestellt? Eher geschlossener Fragebogen, eher Leitfadeninterview, eher narrative Interviews?
      – Datenauswertung: Auch hier gibt es verschiedene Verfahren. Insbesondere bei qualitativen Verfahren kann es schon zu erheblichen Unterschiede kommen, wer die Datenauswertung macht.
      – Und zum Schluss: Klar, dann müssen die Ergebnisse noch interpretiert werden. Da kann es natürlich auch ein bisschen zu Abweichungen kommen, wer die Ergebnisse interpretiert.

      Aber: Es gibt auch ganz klare objektive Verfahren der Datenerhebung und der Datenauswertung, es stellt sich hier dann nur die Frage, welche Verfahren ausgewählt werden sollen, aber bei solchen Verfahren ist dann eben die Objektivität und somit Standortunabhängigkeit garantiert.

      Und schlussendlich ist eine Reflexion der Standortgebundenheit nur dann nötig, wenn die objektivierenden Verfahren eben keine vollständige Objektivität garantieren können. Aber auch eine Reflexion oder eben Objektivierung des objektivierenden Subjekts (also die Objektivierung 2. Grades) hat mit den genau gleichen Problemen zu kämpfen wie eine Objektivierung 1. Grades, auch bei einer Objektivierung 2. Grades sind Verzerrungseffekte in Betracht zu ziehen, wenn die Objektivierungsverfahren keine vollständige Objektivität garantieren können.
      Und hier einfach zu sagen, dass die Minderprivilegierten eine Vorteil haben, ist einfach einmal eine subjektive Spekulation ohne irgendwelche empirische Basis. 🙂

      Aber irgendwie scheint Dich dieses Problem nicht loszulassen, wie ich gerade sehe! 🙂

  9. Wer sich übrigens in die Standpunkttheorie einarbeiten möchte, dem könnte ich folgendes Buch empfehlen:

    Singer Mona 2005: Geteilte Wahrheit. Feministische Epistemologie, Wissenssoziologie und Cultural Studies, Wien

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