vgl auch:
- Boris von Heesen: „Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats“
- Boris von Heesen: Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats (Gastbeitrag)
- Reaktion auf „Was Männer kosten“: Was Männer an Geld einbringen
Arne hat den Bericht eines F->M Transsexuellen übersetzt und ich klaue mir (leider ja schon in alter Tradition, danke Arne) seine Übersetzung, allerdings lediglich auf den Teil bezogen, in dem er nicht seine Transition behandelt, sondern direkt auf die Nachteile/Veränderungen eingeht:
Das erste, was mir auffiel, war, dass das Hinterherrufen aus den Autos aufhörten, als ich die Straße entlangging. Dass ich mich nicht mehr sexuell bedroht fühlte, war eine große Erleichterung, führte mich aber auch zu einer anderen, sehr interessanten Beobachtung. Ich fragte mich, ob ich einen hässlichen Jungen abgab, da mir nicht mehr täglich versichert wurde, dass ich sexuell begehrenswert sei. Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt hatte, nicht als das körperlich attraktive Geschlecht angesehen zu werden. Mein Gewinn wurde zu einem unerwarteten Verlust, und ich begann zu begreifen, dass es auf der anderen Seite des Zauns Dinge gibt, die man nicht sehen kann, bis man hinübergeht und dort steht.
Setz natürlich ein gewisses Passing voraus, aber ich kann mir vorstellen, dass es eine große Umstellung ist.
Wenn man dort steht, wie ich es jetzt tue, hat man einen ganz anderen Blick auf das Leben und auf die Männer, als ich ihn je hatte. Bis ich hierher kam, war mir vieles nicht bewusst, wie zum Beispiel die bis dahin unbemerkte Objektivierung meines Körpers als Apparat.
Ich brauchte eine Weile, um das zu begreifen. Ich war angenehm überrascht, als eine Freundin mich bat, ihr beim Möbelrücken zu helfen, kurz nachdem ich mit der Hormontherapie begonnen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich meine Muskeln als Reaktion auf das Testosteron etwas entwickelt, aber ich lag immer noch im weiblichen Kraftbereich. Trotzdem war ich in der Lage, die Möbel zu bewegen (obwohl sie das sicher auch selbst hätte tun können). Ich fühlte mich sehr männlich und stark. War es nicht wundervoll, dass die Leute jetzt davon ausgingen, dass ich stark und fähig war und nicht mehr schwach und schutzbedürftig?
Ich war glücklich und feierte die Tatsache, dass ich nicht mehr nur als ein Stück Fleisch angesehen wurde – obwohl mir später klar wurde, dass die Gesellschaft mich jetzt entweder benutzt oder ignoriert, weil ich nicht attraktiv genug bin, um ein Stück Fleisch zu sein. Stattdessen bin ich nur ein hässliches, haariges Biest mit einer Brieftasche und einem Paar muskulöser Arme. Oder, so könnte ich mit einer gewissen Ironie sagen, ein Stück Fleisch, das nicht einmal Hinterher-Pfeifen verdient.
Auch etwas übertrieben, was vielleicht auf den Gegensatz zurückzuführen ist. So häufig ist es ja auch nicht, dass man etwas tragen muss bzw dafür „mißbraucht“ wird. Und natürlich hat man einen Wert darüber hinaus, die meisten Leute in einem normalen Umfeld behandeln einen eben als typischen Menschen. Wobei das vielleicht so erscheint, wenn man vorher eine attraktive Frau war.
Ich habe mich auch nur sehr schwer daran gewöhnen können, immer handeln und Entscheidungen treffen zu müssen. Von Männern wird erwartet, oder besser gesagt, sie werden dazu gezwungen, die aktiven Akteure der Gesellschaft zu sein. Wenn es ein Problem gibt, wird von Männern erwartet, dass sie die Initiative ergreifen, um es zu lösen, anstatt Hilfe oder Rat zu suchen oder soziale Dienste in Anspruch zu nehmen.
Ich kann mir schon vorstellen, dass Frauen in vielen Bereichen passiver sein können, wobei das vielleicht auch gerade das Flirten etc betrifft.
In heterosexuellen Beziehungen wird vom Mann erwartet, dass er sich der Frau nähert, ein Gespräch beginnt und die Beziehung in die von ihm gewünschte Richtung lenkt, während er gleichzeitig äußerst vorsichtig auf ihre unausgesprochenen Signale achtet, um sicherzustellen, dass er nicht übergriffig oder furchteinflößend wirkt (und wenn er diese Signale nicht richtig deutet, riskiert er, ins Gefängnis zu kommen und selbst vergewaltigt zu werden).
Selbst in schwulen Männerbeziehungen übernimmt kein Partner die „weibliche“ Rolle: Von beiden wird erwartet, dass sie sich einander nähern, die Initiative ergreifen, die Verantwortung übernehmen und mindestens die Hälfte der Zeit Entscheidungen treffen.
Rund um die Uhr aktiv zu sein, ist kein Privileg, sondern eine sehr mühsame und stressige Verantwortung. Dass mir das plötzlich aufgezwungen wurde, ohne dass ich von Geburt an dafür ausgebildet war, war seelisch und körperlich anstrengend.
Männer sind ja gerade auch nicht von Natur dazu ausgebildet. Viele haben keine Ahnung wie es läuft und es ist natürlich auch bei unterschiedlichen Frauen eine ganz unterschiedliche Sache. Der Unterschied zwischen nicht „weit genug gehen“ und „zu weit gehen“ kann bei verschiedenen Frauen weit auseinander liegen.
(…)
Aufgrund von College-Stress und Mobbing (das seltsamerweise nur aus der LGBT/feministischen Gemeinschaft auf dem Campus kam) musste ich letzten Sommer für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik. Ich war an einem Tiefpunkt angelangt und begann während der Aufnahmeuntersuchung zu wimmern, woraufhin der Arzt zu mir sagte: „Sie sind ein Mann, richtig? Dieses Weinen ist erbärmlich. Stehen Sie Ihren Mann!“
Das hat tatsächlich noch niemand zu mir gesagt, vielleicht war es auch dem Transsein geschuldet? Aber vielleicht weint man mit einer weiblichen Sozialisation auch eher.
Steh deinen Mann. Plötzlich wurde mir klar, dass die meisten Männer diesen Satz im Verlauf ihrer Kindheit wahrscheinlich Hunderte von Malen zu hören bekommen. Früher hätte ich alles dafür gegeben, dass man mich ermutigt, so hart zu werden wie Xena. Jetzt wurde mir klar, dass sich Männer, genau wie Frauen, manchmal einfach nicht stark fühlen und die gleiche Liebe und Fürsorge brauchen wie Frauen, wenn sie verletzt sind. Warum ist das für die Gesellschaft so schwer zu akzeptieren? Sowohl Männer als auch Frauen können die meiste Zeit über stark sein, aber jeder hat Phasen in seinem Leben, in denen er die Fürsorge anderer braucht.
Welcher Mensch braucht keine Fürsorge. Wobei das aus meiner Sicht unabhängig davon ist, dass man sich nicht stark fühlt. Dass sich ein Partner oder ein Freund oder wer auch immer um einen kümmert und sich sorgt ist ja nicht verkehrt.
Trotzdem hörte ich sofort auf zu weinen (was durch das Testosteron körperlich leichter fällt), nachdem ich daran erinnert worden war, dass es heute gesellschaftlich inakzeptabel ist, seine Gefühle zu zeigen, selbst wenn man in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Das hat mich nicht sonderlich gestört. Schließlich ist es die Aufgabe eines Mannes, immer stark und leistungsfähig zu sein, nicht wahr? Ich war ein Mann, verdammt noch mal, und ich schämte mich zu Recht dafür, dass ich mich nicht wie ein Mann verhalten hatte.
Na, da scheint der Hinweis ja sogar geholfen zu haben.
Aber es scheinen mir die typischen Punkte zu sein, die auch in anderen Berichten auftauchen.