Biologie des Denkens und Verstehens

Es überrascht mit immer wieder mit welcher Selbstverständlichkeit „Denken“ „Lernen“ und „Sozialisierung“ zugestanden werden und diese als Gegenpart zur Biologie des Menschen ausgebaut werden.

Mit einer Selbstverständlichkeit wird davon ausgegangen, dass diese klar abzugrenzen sind. Das eine ist sozial und damit beliebig komplex, dass andere ist biologisch und muss damit simple sein.

Dabei dürfte den meisten, sofern sie nicht davon ausgehen, dass diese Prozesse von einer „Seele“ übernommen werden, durchaus einleuchten, dass diese Vorgänge eine Art von „Hardware“ und eine Programmierung brauchen, die dies ermöglichen müsste.

Dabei sind „Lernen“ und „Sozialisierung“ sehr komplexe Vorgänge, die unser Gehirn in vielen Bereichen stark beanspruchen können. Ein gutes Beispiel ist der Spracherwerb.

Kleinkindern müssen dabei aus Schallwellen, die auf ihr Ohr treffen ohne weitere Informationen abseits derer, die sie genetisch erhalten haben, einen Code entwickeln, der diese zu einer Information macht, die man sinnvoll verwenden kann. Das ist eine erhebliche Leistung, die einem Erwachsenen nicht möglich ist. Die meisten Leute brauchen aktives Sprachtraining mit der Darlegung eines Schemas um eine Sprache zu erlernen, weil wir für das Erlernen einer Sprache nur eine gewisses Zeitfenster haben, in denen das entsprechende Programm aktiv ist.

Das soll aber nur ein Beispiel sein, es gibt viele andere Punkte bei denen Muster erkannt werden müssen, ob sie aufgrund von Lichtimpulsen, die auf Sehzellen oder aufgrund von Schallwellen bei uns eingehen.

Naive Vorstellungen gehen anscheinend davon aus, dass das Gehirn da schlicht ein reines „Logikprogramm“ fährt, welches ganz ohne Programmierung einfach so, quasi magisch, Regeln erkennen kann. Wie das gehen soll bleibt davon vollkommen offen. Dass eine Programmierung, die allgemein und vollkommen abstrakt Regeln aus sozialen Verhalten herleitet, durchaus ein beachtliches Wunderwerk wäre, wird schlicht damit abgetan, dass man eben denkt.

Es kommt noch ein weiterer Schritt dazu: Wenn ein Denkvorgang eine Regel erkannt hat, dann muss sie in irgendeiner Form in unserem Gedächtnis oder in unser Vorhaltung von Regeln gespeichert werden, damit sie später abgerufen werden kann, wenn man nicht schlicht auf „Magie“ abstellen möchte. Unser Gehirn muss also in der Lage sein, eine erkannte Regeln in eine Form von speicherbarer Information umzusetzen und diese im Gehirn zu hinterlegen, also in Form einer vom Gehirn abrufbaren Datenspeicherung festzulegen.

Das allein ist schon unglaublich faszinierend: Alles was wir Wissen und alles, was wir an Wissen über die Welt haben muss in in eine biologische Form von „Einsen und Nullen“ übersetzt worden sein. Wir müssen eine Einheit haben, die es schafft, alltägliche Informationen und Regeln in Daten zu übersetzen und als solche abzulegen. Wir dürfen dabei davon ausgehen, das diese nicht als Worte abgelegt werden, sondern in einem gänzlich anderen Datenformat, vielleicht sogar eher bilderähnlich.

Wir müssen des weiteren eine „Suchfunktion“ haben, die uns erlaubt Daten, die wir empfangen mit den in unserem Kopf abgespeicherten Regeln zu vergleichen und die dafür geltenden Verhaltensweisen zu aktivieren. Auch dies wird abstrakt mit „Lernen“ und „Verstehen“ bezeichnet und nicht weiter hinterfragt, was dafür überhaupt erforderlich wäre. Es wird vielmehr ein eigenständiger Raum geschaffen, in dem „Lernen“ und „verstehen“ stattfindet, und der die dafür erforderlichen Prozesse ausblendet.

Das bringt mich zu folgenden Thesen:

  • jedes Lernen erfordert das unterbewußte Übersetzen von Daten in einen abspeicherbaren Datensatz und deren biologische Hinterlegung im Gehirn und dessen biologische Einbindung in einen „Suchindex“ erfordert, um überhaupt funktionieren zu können
  • Damit muss es einen Mechanismus geben, mit dem passende Situationen erkannt, Regeln zugeordnet und diese als mögliche Handlungswege, die ggfs zu modifizieren sind, in eine Abwägung einstellt.

Desweiteren möchte ich die folgende These aufstellen:

  • Evolutionäre Vorgänge können über Mutation und Selektion unglaublich komplexe Konstrukte erzeugen (beispielsweise das Gehirn)
  • Verhaltensweisen, die biologische Ursprünge haben sind bei allen Tieren, von einfachen Reizen bis zu komplexeren Verhaltensweisen vorhanden und es wird davon ausgegangen, dass diese biologische Ursachen haben

Kombiniert man beides, dann ergibt sich:

  • Eine Regel, die biologisch abgespeichert ist, kann auch über evolutionäre Vorgänge entstehen, da durch Mutation und Selektion die entsprechenden Gehirnstrukturen enstehen könne, die auch beim Abspeichern der Daten vorliegen.
  • Es ist kein Grund ersichtlich, warum auf diese Weise entstandene Regeln nicht auch in den den „Suchindex“ aufgenommen sein sollten und insofern als „Handlungsvorschlag“ für bestimmte Situationen abgerufen werden. Damit kann Biologie unser Handeln in gleicher Weise bestimmen, wie erlernte Regeln.

Es ist sogar denkbar, dass entsprechende Regeln in „Vorrangregelungen“ eingebunden sind und zumindest dem Kern nach mit einem „Überschreibschutz“ verbunden sind oder anderweitig assoziativ auf eine bestimmte Weise eingebunden ist.

Das bedeutet in der Anwendung:

  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was hübsch ist und die dazu gehörenden Regeln aus seiner Umwelt aufnehmen kann, dann muss er diese abspeichern können, was wiederum bedeutet, dass diese auch evolutionär entstehen können
  • Wenn ein Mensch erlernen kann, was Gerecht (zB ich bekomme für eine Arbeit eine Kartoffel, ein anderer für die gleiche Arbeit zwei Kartoffeln, wir sollten beide das gleiche bekommen) ist, dann muss er die dazu gehörenden Regeln aufnehmen und abspeichern können, was bedeutet, dass sie auch evolutionär entstehen könnte
  • etc

Dieses Modell erlaubt auch die unterbewußte Verarbeitung von Daten: Diese würde nach genau der gleichen Methode erfolgen und dann einfach nur in ein bestimmtes Signal an unser Bewußtsein übersetzt werden, etwa Angst, Hunger, Lust. Die Regel würde damit nicht in ihrer vollen Länge in unserer Bewußtsein gelangen „Kohlenhydrate sind wenig, suche Quellen für mehr“, sondern lediglich mit dem Gefühl Hunger, welches dann wiederum mit Problemlösungen verknüpft sind, etwa „Dort gibt es Essen“ oder „Das kann man Essen“.

Richtig ist, dass wir noch nicht wissen, wie das genau geht. Aber es damit abzulehnen ist ein „Argument, welches an Nichtwissen appeliert„. Vor nicht all zu langer Zeit hätte niemand geglaubt, dass man nahezu alles in Nullen und Einzen übersetzen kann und das man „Denkmachinen“ aus Silikon etc bauen kann, die damit komplexe Problem lösen. Wir sind was das Gehirn und seine genaue Arbeitsweise angeht schlicht auf dieser Stufe. Das bedeutet aber nicht, dass dies nicht geht.

Was mir in Betrachtungen zu unserem Denken insoweit oft zu kurz kommt, ist das anscheinend mit einer sehr beschränkten Komplexität gearbeitet wird. Ein Gedanke muss nicht direkt mit einer bestimmten neurolen Verknüpfung übereinstimmen. Es können verschiedene Daten auf verschiedene Weise und gleichzeitig aufgerufen, unterbewußte Berechnungen angestellt, mit anderen abgespeicherten Erfahrungen verglichen, Gemeinsamkeiten oder Assoziationen dazu ermittelt werden und dabei verschiedene Veränderungen eingeleitet werden. In einer dunklen Macht mag unsere Mustererkennung aktiver nach Augen und Gesichtern, Geräuschen von potentiellen Feinden suchen und uns ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit und Vorsicht beschleichen, dass dazu führt, dass wir unseren Kopf einziehen, den Hals schützen, möglichst wenig Angriffsfläche bieten wollen und gleichzeitig mögen Gehirnvorgänge eingeleitet werden, die Überbewertung potentieller Gefahrenquellen bevorzugen und uns schreckhafter machen.

Das wären noch recht einfache Programmierungen, die nicht per se dazu führen, dass wir nicht gleichzeitig über die Lösung hochkomplexer Probleme, die unser Frontalhirn erfordern nachdenken, wobei wir vielleicht spezielle Mathematikroutinen aktivieren um enthaltene Probleme zu lösen. Diese Lösungen werden vielleicht bewußt „Die Tragkraft der Brücke beträgt X Tonnen, die Belastung Y Tonnen“ ausgegeben werden, vielleicht auch nur unterbewußt „Träger dieser Dicke sollten eigentlich reichen“.

Aus der Fülle verschiedenster Denkoperationen kann dann an anderer Stelle ein Bild entstehen, evtl in einer Einheit, die eben die Unterberechnungen analysiert und in „bewußte Logik“ übersetzt.

Das so etwas mit Rechnenoperationen zu simulieren ist, ist uns in Anfängen auch schon bewußt. Ein sehr einfaches Beispiel wären „intelligente Computergegner“, bei denen ebenfalls eine gewisse Unberechenbarkeit und eine Reaktion auf bestimmte Handlungen simuliert wird. Dies geschieht mit einem im Vergleich zu unserem Gehirn geradezu mickrigen Code und einer noch mickrigeren Rechenleistung. Aber es ist gut vorstellbar, dass wir irgendwann Tiere damit simulieren können und irgendwann auch eine künstliche Intelligenz.

Mich würde an dieser Stelle interessieren, ob etwas so einfaches wie ein Computerspielgegner in einem modernen Egoshooter mit den Begriffen der Philosophie erklärt werden kann, wenn man ihnen nur den Computer und Szenen aus dem Spiel zur Verfügung stellt. Wäre es ein Dualismus aus Software und Hardware oder ist nicht letztendlich die Software über die Abspeicherung auf einer Festplatte auch Hardware? Wäre es die Identitätstheorie? Würde man darauf Abstellen, dass die Zustände in dem Prozessor und der Zugriff auf Festplatte und Arbeitsspeicher eine Identität zu den Handlungen enthält? Stellt sich hier ein Problem des Reduktionismus? Oder ist die Erkenntnis, dass der Umstand, dass aus Speichern zwar Nullen und Einsen abgelesen werden, aber diese in sich tiefere komplexe Regeln haben können schon eine Form der Emergenz? Wäre diese dann letztendlich nichts anderes als die simple Erkenntnis, dass komplexe Regeln gespeichert und verarbeitet werden können? Das wäre ja ein vergleichsweise banale Erkenntnis.

 

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