Ein Lied von Oliver Anthony „Rich Men North of Richmond“ finde ich sowohl vom Text her als auch von der medialen Darstellung her interessant:
I’ve been sellin‘ my soul, workin‘ all day
Overtime hours for bullshit pay
So I can sit out here and waste my life away
Drag back home and drown my troubles awayIt’s a damn shame what the world’s gotten to
For people like me and people like you
Wish I could just wake up and it not be true
But it is, oh, it isLivin‘ in the new world
With an old soul
These rich men north of Richmond
Lord knows they all just wanna have total control
Wanna know what you think, wanna know what you do
And they don’t think you know, but I know that you do
‚Cause your dollar ain’t shit and it’s taxed to no end
‚Cause of rich men north of RichmondI wish politicians would look out for miners
And not just minors on an island somewhere
Lord, we got folks in the street, ain’t got nothin‘ to eat
And the obese milkin‘ welfareWell, God, if you’re 5-foot-3 and you’re 300 pounds
Taxes ought not to pay for your bags of fudge rounds
Young men are puttin‘ themselves six feet in the ground
‚Cause all this damn country does is keep on kickin‘ them downLord, it’s a damn shame what the world’s gotten to
For people like me and people like you
Wish I could just wake up and it not be true
But it is, oh, it isLivin‘ in the new world
With an old soul
These rich men north of Richmond
Lord knows they all just wanna have total control
Wanna know what you think, wanna know what you do
And they don’t think you know, but I know that you do
‚Cause your dollar ain’t shit and it’s taxed to no end
‚Cause of rich men north of RichmondI’ve been sellin‘ my soul, workin‘ all day
Overtime hours for bullshit pay
„Rich Men North of Richmond“: Ein Song für die White Supremacy stürmt die US-Chartsn der Tradition der amerikanischen Volksmusik stellen die Songs eine Art Diagnose der Gesellschaft”, findet Lüthe. Sicherlich behandle der Song von Anthony aktuelle sozio-ökonomische Problematiken des Landes, die einen Nerv treffen – insbesondere den Nerv einer eher konservativen Gruppe.
In einer digitalen Welt schaffe der Song auch „in Windeseile seine eigene Popularität durch das Teilen dieser Gruppe zu multiplizieren.“
Anders als in Deutschland sei in den USA typischer die Assoziation eines Genres zu einer bestimmten politischen Richtung. Obwohl das Genre Folk-Blues-Country zwar vielfältige Wurzeln, sowie Einflüsse von afroamerikanischen Idiomen habe, sei es mittlerweile in die in diesem Fall dargeboten Form durchaus ein typisches Genre für weiße Männer.
Einige politische Akteurinnen haben sich zu dem Song geäußert und sogar Bezeichnungen gegeben wie: „Der Song spricht aus der amerikanischen Volksseele“, so Lüthe. Daher sei davon auszugehen, dass einige von ihnen durchaus kalkulieren, dass „Popkultur Stimmungswandel hervorbringen kann.“
Auf der Seite findet sich noch ein Podcast von 15 Minuten, der mehr in die Tiefe gehen wird, den ich aber nicht gehört habe, aber man würde ja erwarten, dass der Text wesentliche Argumente wiedergibt.
Und die sind anscheinend: Ein weißer Mann singt etwas und die Musikrichtung ist typisch für weiße Menschen und außerdem finden konservative das Lied gut – also ist es anscheinend rechts.
Das ist ein wirklich gewagter Gedanke aus meiner Sicht, den man eigentlich nur teilen kann, wenn man den „Klassenkampf“ so nicht mehr als klares Ziel einer linken Politik sieht. Und das ist ja in der Tat ein ganz wesentliches Element der intersektionalen Theorien: Klasse spielt keine Rolle mehr, Hautfarbe und Geschlecht, Behinderungen oder Transsein sind wesentliche Gruppen – und die kommen eben in dem Lied nicht vor.
Wenn man etwas suchen wollte, was man in dem Text gegen (gegenwärtige) Linke Theorien anführen wollte, dann wäre es vielleicht, dass sie „totale Kontrolle“ haben wollen, was gut auf die Intersektionalen Theorien passt, aber ansonsten? Diese Zeile hier ist vielleicht noch etwas rechter:
Lord, we got folks in the street, ain’t got nothin‘ to eat
And the obese milkin‘ welfare
Well, God, if you’re 5-foot-3 and you’re 300 pounds
Taxes ought not to pay for your bags of fudge rounds
Kommunisten würden andererseits vielleicht unterschreiben:
Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! Und wer zu dick ist verbraucht über seinen Bedürfnissen.
Aber das könnte man natürlich als Kritik am Sozialstaat sehen, wobei er ja das Geld anscheinend für die verwenden will, die gar nichts zu essen haben.
Ein Song für abgehängte weiße Männer
Oliver Anthony ist mit dem Song „Rich Men North Of Richmond“ an der Spitze der US-Charts gelandet. Der Überraschungshit bedient lauter Ressentiments, wäre der perfekte Wahlkampfsong für Donald Trump – und ist nicht der erste Country-Titel dieser Art.
Das Musikvideo zu dem Country-Folk-Song, der in den USA offenbar einen Nerv getroffen hat, ist ein simpler Clip einer Live-Session: Ein weißer Mann mit rotem, zauseligen Vollbart steht mit seiner Akustikgitarre mitten im Wald. Er habe seine Seele verkauft, den ganzen Tag gearbeitet, Überstunden gemacht, sei mies bezahlt worden, singt er klagend. Wer ist schuld an seiner Misere? Die „Rich Men North Of Richmond“, so der Titel des Songs: Das lyrische Ich ist wütend auf die reichen Eliten, die Politiker in Washington D.C.. Die Hauptstadt der USA liegt nördlich von Richmond, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Virginia.Der bis vor Kurzem völlig unbekannte Musiker Oliver Anthony steht mit „Rich Men North Of Richmond“ auf Platz 1 der Billboard Charts. Erstmals gelang dies einem Interpreten, der zuvor noch nie in irgendeiner Billboard-Hitparade aufgetaucht war. Der Song wurde in weniger als einer Woche 17,5 Millionen Mal gestreamt, das einfach gehaltene Musik-Video ging viral. Auf Youtube zählt es knapp zwei Wochen nach Veröffentlichung 34 Millionen Aufrufe.
(…)
In den USA wird Oliver Anthonys Hit von Politikern der Republikaner und Medien wie Fox News gefeiert. Denn der Song, dessen Text zunächst wie eine linke Arbeiterhymne beginnt, ist tatsächlich ein Protestsong, der konservative bis erzreaktionäre Narrative aufgreift. „Wenn Donald Trump bei der nächsten Wahl für die amerikanische Präsidentschaft antritt, dann hat er auf jetzt schon den perfekten Wahlkampfsong“, sagt der Autor und Literaturwissenschaftler Florian Werner.Denn neben dem Hass auf die Eliten, der schon im Songtitel auftaucht, bediene der Song Verschwörungsmythen, Ressentiments und trete „ordentlich nach unten“, indem er die Figur der „Welfare Queen“ aufgreift: Oliver Anthony beschreibt Sozialhilfeempfängerinnen als sehr dicke Frauen, denen der Staat die Schokokekse bezahle. Die Trope der „Welfare Queen“ wird in den USA als alleinerziehende, zumeist schwarze Sozialhilfeempfängerin verstanden, ohne dass dies explizit gesagt werden muss. „Es ist ein rassistischer und auch sexistischer Song“, so Werner.
Davon angesprochen fühlten sich unterprivilegierte weiße Männer. Werner weist darauf hin, dass im Hintergrund des Musikvideos auch mal wie beiläufig ein Klappstuhl mit Bierdosenhalter und ein Jadgsitz mit Tarnnetz zu sehen seien. „Da schillert ein kulturelles Milieu durch, in dem man gerne mal ein großes Miller Lite aus der Bierdose trinkt und Schusswaffen schätzt.“
Das ist immerhin mal etwas konkreter. Wobei es auch genug dicke weiße Sozialhilfeempfänger gibt, ich hätte das jetzt nicht auf Schwarze bezogen, aber da fehlt mir vielleicht auch der kulturelle Hintergrund. Die Einordnung verkennt aber, dass er ja gleichzeitig nicht einfach den Sozialstaat kürzen möchte, sondern eine Verteilung an Bedürftigere (Leute die gar nichts zu essen haben) anregt. Wären die in den USA nicht auch eher schwarz?
Beobachter erkennen in dem Erfolg von „Rich Men North Of Richmond“ einen Trend: Die politische Rechte in den USA versuche immer stärker, Musik und Filme mit konservativen Inhalten gezielt zu fördern. Zur Zeit sind solche Songs in den amerikanischen Charts und Debatten auf jeden Fall sehr präsent: Vor Oliver Anthonys Lied schaffte es Anfang August bereits ein anderer, ebenfalls umstrittener Country-Song auf Platz Eins der Charts: „Try That In A Small Town“ von Jason Aldean.
Der Song, der alles Übel in der Großstadt verortet und das Kleinstadtleben idealisiert, geriet in die Diskussion, da das dazugehörige Musikvideo am Ort eines rassistischen Lynchmordes gedreht wurde. Im Zusammenspiel von Video und Songtext sahen Kritiker einen Aufruf zu rassistischer Selbstjustiz.Das Bild „der gefährlichen, außer Kontrolle geratenen Großstadt als Feind und Gefahr für die schöne, friedliche Kleinstadt“ sei tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt, sagt Charles Hughes, Historiker am Rhodes College in Memphis, Tennessee, und Autor des Buchs „Country Soul: Making Music And Making Race in the American South“. Diese anti-städtischen Ressentiments, die in Country-Songs immer wieder auftauchen, seien Teil einer rassistischen Tradition, die bis zum Bürgerkrieg zurückreiche: Als ehemals versklavte, schwarze Menschen in die Städte der USA zogen, machten sie diese angeblich zu gefährlichen, unwirtlichen Orten.
Das wirkt auf mich sehr weit hergeholt. Die Differenz Großstadt – Land gibt es ja auch in Deutschland ohne das man dort ehemalige Sklaven hatte, die in die Großstädte gezogen sind. Eher dürfte es da ja um eine andere Form des Zusammenhalts und weniger Anonymität gehen.
Dass Country-Musik von solchen Ressentiments geprägt ist, findet Hughes nicht überraschend, denn Country sei ein Produkt der USA und einer von Weißen dominierten Musikindustrie. „Deshalb sieht man dort oft die gleichen Rassismen wie in der Kultur, die das Genre hervorgebracht hat“, so der Historiker. „Das hat der Country aber nicht exklusiv – Rock’n’Roll und andere Musik-Genres haben ein ähnliches Problem.“
Bei seiner Analyse, warum „Try That In A Small Town“ so erfolgreich ist, kommt auch Hughes auf Donald Trump zu sprechen. Die Essenz des Songs sei dieselbe wie die des Slogans „Make America Great Again“. Er glaubt: „Es wird immer einen Markt geben für die Angst weißer Menschen vor gesellschaftlichen Veränderungen.“
