Verfasst von: Christian - Alles Evolution | 5. Oktober 2015

Neue Erwartungstheorie („Prospect Theory“): Wie Menschen Entscheidungen treffen

Eine aus meiner Sicht interessante Theorie, wie wir als Menschen Entscheidungen treffen.

Aus der Wikipedia:

Die Prospect Theory, im Deutschen auch Neue Erwartungstheorie genannt, wurde 1979 von Daniel Kahneman und Amos Tversky als eine psychologisch realistischere Alternative zu der Erwartungsnutzentheorie vorgestellt. Sie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen der Unsicherheit. Dies sind insbesondere Entscheidungen, bei denen unwägbare Risiken bzw. die Eintrittswahrscheinlichkeiten der künftigen Umweltzustände unbekannt sind (Ambiguität – Zwiespältigkeit). Anwendung findet die prospect theory (urspr. lottery theory) beispielsweise in der ökonomischen Entscheidungstheorie. Sie ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Verhaltensökonomik (engl. Behavioural Economics).

Zu dem wesentlichen Inhalt:

Seiit ca. 1940 gingen wirtschaftswissenschaftliche Theorien vorwiegend von einem rationalen Menschen aus, der seine Entscheidungen auf der Grundlage von Informationen so trifft, dass Kosten minimiert und der Nutzen für ihn maximiert wird (Homo oeconomicus). Der Economist verwendet die Metapher des „Mr Spock“ als absolut logisch denkenden Akteur. Statistische Untersuchungen belegen diese Betrachtung in einigen Bereichen, während andere sich der Erklärung entziehen.

Die Prospect Theory ersetzt dieses strikt rationale Modell durch ein Modell, in dem die Rationalität unter anderem durch Kognitive Verzerrungen (s.u.) modifiziert wird. Gegenüber anderen Modellen der Verhaltensökonomik hat es den Vorteil, dass man dieses Verhalten mathematisch modellieren kann.

Kognitive Verzerrungen finde ich schon deswegen interessant, weil sie aus meiner Sicht gut mit evolutionär entstandenen Denkvorgängen in Verbindung zu bringen sind.

Zu den Verzerrungen aus dem Artikel:

Sie deckten in ihren psychologischen Experimenten die folgenden Wahrnehmungsverzerrungen und Ursachen auf:

  • Vermessenheitsverzerrung (overconfidence/over-confidentiality bias) verursacht durchÜberschätzen der eigenen Fähigkeiten und des Mutes
  • Überschätzen des eigenen Einflusses auf die Zukunft: Sogar phantastische Vorstellungen über zukünftige Ereignisse werden für wirksam gehalten (beispielsweise das Tragen des Vereins-T-Shirts vor wichtigen Spielen, Aberglaube)
  • Fehleinschätzung der Fähigkeiten von Konkurrenten
  • Überschätzen der eigenen Kenntnisse und des Verständnisses
  • Die Ankerheuristik (anchoring effect)Eine einmal gemachte Aussage (Meinung) wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Dies gilt sogar dann, wenn eine Aussage von einer Quelle stammt, die nicht besser informiert ist als man selbst.
  • Sturheit Eine einmal eingenommene Position wird nicht gerne aufgegeben.
  • Nähe-Verzerrung Die Kenntnis einer bestimmten Problematik verzerrt die Wahrnehmung in Richtung des Bekannten; anderweitige Optionen werden ignoriert.
  • Status-quo-Verzerrung (status quo bias)Menschen gehen größere Risiken ein, um den Status quo zu erhalten, als um die Situation zu ändern.
  • Gewinn und Verlust: Menschen fürchten Verlust mehr, als sie Gewinn begrüßen (s.a. Dispositionseffekt). Das geht so weit, dass greifbare Vorteile nicht wahrgenommen werden, um die entferntere Chance des Versagens zu vermeiden.
  • Falsche Prioritäten Menschen wenden unverhältnismäßig viel Zeit für kleine und unverhältnismäßig wenig für große Entscheidungen auf.
  • Unangebrachtes Bedauern: Bedauern über einen Verlust bringt nichts ein, aber es wird viel Zeit darauf verwendet.
  • Täuschung: Falsche Entscheidungen werden gerne schöngeredet. (Sturheit, s.a. Dissonanzauflösung)
  • Manipulation: Entscheidung für eine Sache fällt – bei gleichem Ergebnis – leichter, wenn sie mit Verlustangst präsentiert wird, und fällt schwerer bei Hoffnung auf Gewinn. (Gewinn- und Verlustszenarien)
  • Priming (John A. Bargh): Entscheidungen werden durch vergangene, gespeicherte und meist unbewusste Erfahrungen und Erwartungen beeinflusst. (Semantisches Priming)
  • Vorahnungen: Entscheidungen werden durch die Fähigkeit, die Zukunft zu erahnen, beeinflusst. (Situationsbewusstsein)

Wenn wir einfach nur ein „Denkmodul“ hätten, dass unbeeinflusst logisch denkt, dann wäre das weitaus weniger zu erwarten als bei einem Gehirn, dessen Denkprozesse durch Evolution geformt sind.

Es ist beispielsweise denkbar, dass es wichtiger war vorhandes zu bewahren (immerhin hatte man bisher überlebt) als auf große Gewinne zu hoffen.

Es ist auch nicht wirklich verständlich, warum wir Verluste, die nicht mehr aufholbar sind, so bedauern statt sie abzuhaken und uns auf die Zukunft zu konzentrieren. Wenn jemand beispielsweise mit uns Schluß macht und die Sache nicht mehr heilbar ist, dann wäre Liebeskummer eigentlich verschwendete Mühe. Sie kann aber evolutionär durchaus Sinn machen, wenn die damit verbundenen Gefühle eine Trennung verhindern (weil wir sie eben nicht so schnell abschütteln können) und anderen zeigen, dass wir die Fähigkeit haben, feste Bindungen einzugehen (Signalling) etc.


Responses

  1. Hallo,

    – Ich kann fast alle kognitiven Verzerrungen bei mir selbst bestätigen.

    Sie schreiben

    Es ist auch nicht wirklich verständlich, warum wir Verluste, die nicht mehr aufholbar sind, so bedauern statt sie abzuhaken und uns auf die Zukunft zu konzentrieren

    – Ich habe mir darüber schon oft Gedanken gemacht. M.E. ist das einerseits wichtig, weil wir so Fehler besser erinnern können und anderseits, im Zusammenhang z.B. mit der Beendigung einer Partnerschaft, weil die Bindung so stark biologisch verankert ist. Es geht um die Aufrechterhaltung, bzw. Erzwingung der Erhaltung der Bindung.

    So sind wahrscheinlich viele Fehlentscheidungen die auf dem Beharren des Status Quo basieren erklärbar. Dies ist auch wichtig um eine gesellschaftliche Kontinuität-Integrität oder einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewähren.

    – Was mich auch sehr interessiert ist die Theorie, dass depressive Menschen einige dieser kognitiven Verzerrungen (Überschätzung, Fehleinschätzung von Konkurrenten, Täuschung) nicht so häufig anwenden wie „normale“ Menschen und sie deshalb nicht eine verzerrtere, sondern eine eher nüchterne Sicht auf die Realität haben. Das gilt z.B. m.E. für mich.

    Andere Verzerrungen werden jedoch zu häufig angewendet, wie z.B. Satus-quo-verzerrung, unangebrachtes Bedauern usw…

    – Was mich auch sehr interessiert und m.E. einen evolutionsbiologischen Urprung hat ist die Sensationssucht; m.E. erklärbar durch das Verankern der Erinnerung von kulturell oder lebens-wichtigen Entscheidungen.

    MfG
    Yeph

    • Noch ein kleiner Punkt:

      Verhalten basiert m.E. meist auf Erfahrung und Erfahrung wird in die Erinnerung graviert wie eine Rille in eine Schallplatte. Je öfter wir eine Erfahrung machen, desto tiefer wird diese Rille. Ab einem gewissen Alter werden nur noch wenige neue Rillen gebildet.

      M.E. wird das Verhalten oft unbewusst dieser erinnerten Gewissheit angepasst. Es ist die angebliche Weisheit des Menschen, die einfach eine Erfahrungswelt ist, die sich tief in unsere Erinnerung und in unser Verhalten eingegraben hat.

      Ohne die Generalisierung von eigenen Erfahrungen wären wir wahrscheinlich nicht fähig Entscheidungen zu tätigen. Lebenswichtige Entscheidungen müssen blitzschnell ablaufen (z.B. der Löwe, oder der LKW.) Es erklärt auch die Trägheit des ganzen Systems. Mühsam erlerntes-erfahrenes kann nicht einfach aufgegeben werden und beeinflusst unser Denlken oft noch unbewusst jahrelang.

      (es erklärt auch zum Teil Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, Hass auf Taxifahrer und Busfahrer usw…, wobei Angst vor Fremdem wiederum überlebenswichtig ist und wohl evolutionsbiologisch vetrankert ist …. usw…)

  2. Den Begriff „neue Erwartungstheorie“ für Prospect theory habe ich noch nie gehört.
    Diese Heuristiken und kognitiven Verzerrungen, die da aufgelistet sind, würde ich nicht als Teil der prospect theory sehen.

    Viel wesentlicher ist da der Besitztums-Effekt, der nicht genannt wird.
    Eigener Besitz wird ungleich höher bewertet, wie einige interessante Experimente zeigen. Kann man vor allem auch Spielen wie Monopoly beobachten, in denen getauscht wird.
    Kahnemann hat da überwältigende Effekte gezeigt:
    http://www.uibk.ac.at/economics/bbl/lit_se/lit_se_ss06_papiere/kahneman_knetsch_and_thaler_%281990%29.pdf

    Von den evolutionären Spekulationen dazu hätte ich hier jetzt aber etwas mehr erwartet, da geht doch noch was 😉

    • @david

      „Den Begriff “neue Erwartungstheorie” für Prospect theory habe ich noch nie gehört.“

      Habe den aus dem Wikipediaartikel entnommen, Was wäre denn die deutsche Bezeichnung?

      „Diese Heuristiken und kognitiven Verzerrungen, die da aufgelistet sind, würde ich nicht als Teil der prospect theory sehen.“

      Warum nicht?

      „Viel wesentlicher ist da der Besitztums-Effekt, der nicht genannt wird. Eigener Besitz wird ungleich höher bewertet, wie einige interessante Experimente zeigen. Kann man vor allem auch Spielen wie Monopoly beobachten, in denen getauscht wird.“

      ist das nicht die Angst vor Verlust?:

      Gewinn und Verlust: Menschen fürchten Verlust mehr, als sie Gewinn begrüßen (s.a. Dispositionseffekt). Das geht so weit, dass greifbare Vorteile nicht wahrgenommen werden, um die entferntere Chance des Versagens zu vermeiden.

      • Habe den aus dem Wikipediaartikel entnommen, Was wäre denn die deutsche Bezeichnung?

        Die zweifel ich nicht an. In der Psychologie hab ich bloß noch nie eine deutsche Bezeichung dafür gelesen, die englische ist Standard.

        Warum nicht?

        Komische Frage 🙂 Sie sind es halt nicht und lassen sich auch nicht durch die Prospect Theory und ihre Annahmen modellieren.
        Keine Ahnung, warum im deutschen Wiki-Artikel alle möglichen psychologischen Effekte mit aufgezählt werden, die nur sehr indirekt damit zu tun haben.

        .”

        ist das nicht die Angst vor Verlust?:

        Gewinn und Verlust: Menschen fürchten Verlust mehr, als sie Gewinn begrüßen (s.a. Dispositionseffekt). Das geht so weit, dass greifbare Vorteile nicht wahrgenommen werden, um die entferntere Chance des Versagens zu vermeiden.

        Das ist natürlich auch verwandt, aber nochmal ein anderer Effekt, also nicht dasselbe:

        https://en.wikipedia.org/wiki/Endowment_effect

  3. Mir fehlt die unbewusste Komponente hier. Etwa wird das „unangebrachte Bedauern“ und so Dinge wie „Angst vor Fehlern“, besonders nach schlechten Erfahrungen, durch unbewusste Bedürfnisse beeinflusst, sich vor negativen Gefühlen zu schützen bzw. mit einem Verlustschmerz und ggf. auch mit Verletzung des Egos klar zu kommen.
    Die Aufgabe des Unterbewusstseins ist es, das Individuum zu schützen (psychisch und physisch) und es handelt immer egoistisch. Insbesondere gibt es keine altruistischen Entscheidungen.
    Das Problem ist, dass das Unterbewusstsein nicht immer reflektiert und insbesondere wenn die Konsequenzen einer Entscheidung komplex sind, die Reflektion schwieriger wird. Für die Reflektion brauchen wir unser Tages-Bewusstsein, welches wie eine Spiegelebene für im Unterbewusstsein entstandene Ideen wirkt. Reflektierte Ideen werden dann anhand des Aussehens der Reflektion verworfen, modifiziert oder als Entscheidung zu „Willen“.

  4. „Prospect Theory ersetzt dieses strikt rationale Modell“
    Nein, der Akteur handelt nach wie vor rational. Jedoch wird die zur Verfügung stehende Information des Akteurs verändert.

    Mathematisch ausgedrückt: Man ändert die Nebenbedingungen eines Optimierungsproblems.
    Das für eben auch zu einer Änderung des Optimums, dennoch bleibt es ein Optimum.

    • Da war noch was mit Mathematik:
      „Gegenüber anderen Modellen der Verhaltensökonomik hat es den Vorteil, dass man dieses Verhalten mathematisch modellieren kann.“

      Kann man aber viel schlechter als den „Mr Spock“. Denn alle möglichen Vorurteile und irrationalen Anteile des Denkens wird man wohl kaum in ein befriedigendes Modell einfüttern können.

      „Nein, der Akteur handelt nach wie vor rational.“

      Und zwar insoweit, als dass er *denkt*, er handelt rational.

      • @alex

        „“Nein, der Akteur handelt nach wie vor rational.“ Und zwar insoweit, als dass er *denkt*, er handelt rational.“

        Als Bild gedacht könnte man vielleicht sagen, dass dem eigentlich Denken ein Situationsbericht mit Bewertungen und Gewichtungen vorgelegt wird und danach entschieden wird. Das angreifen der zugehörigen Bewertungen und Gewichtungen ist schwierig, um so eher wir einfach entscheiden, ohne es näher aufzuschlüsslen um so weniger greifen wir diese an

        • @chris
          Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man konkret erfährt, warum sich Leute so und so verhalten. Je komischer die Entscheidung erscheint, desdo mehr meint man, die sich rechtfertigende Person wüsste gar nicht selbst, warum sie sich gerade so entschieden hat. Macht sich diese Person das selbst klar, geht die Antwort häufig in Richtung „Intuition“.

          Du kannst sicher annehmen, dass bei Entscheidungen eine Art „Gesamtwissen“ den Ausschlag gibt, leider dürfte das sehr schwer um umreissen sein.

          Irgendwie geht die prospect theory in Richtung „Massenpsychologie“, allerdings vom Individuum her betrachtet. Ist schon ein vielversprechender Ansatz.

      • „Rational“ im Weltbild des Akteurs. Das Weltbild eines Akteurs muß nicht mit dem eines Anderen übereinstimmen und sie kommen obwohl beide in sich rational handeln zu unterschiedlichen Ergebnissen.
        Was für eine Überraschung!

  5. Kann man tatsächlich eine objektiv rationale Entscheidung fällen und gleichzeitig die eigenen menschlichen Gefühle dabei ausklammern?

    Oder wird bis zu einem gewissen grad auch die objektiv rationale Entscheidung von Gefühlen mitbeeinflusst?

  6. Ich vermute, dass man bei nichttrivialen Dingen kein objektiv rational hinbekommt, weil schon allein die Bewertung, was wie gut ist hoch subjektiv ist. Selbst bei so einer Entscheidung wird es so sein, dass andere es wieder für irrational halten würden, was nach eigenen Kriterien objektiv den besten Payoff bietet.

    Etwas offtopic, aber sehr verwandt ist evidence-based policy making, wo wissenschaftliche Ergebnisse politische Entscheidungen bestimmen sollen. Aktuell ein Hype in der EU, der auch auf dem Denkfehler der Existenz des objektiv rational besten basiert. Die sinnvolle Variante ist, dass man vielleicht besser weiss, ob man das gewünschte C nun mit Entscheidung A oder B erreicht.

  7. […] Hier war bereits die These diskutiert worden, dass wir evolutionär geprägte Regeln in uns haben, die unser Denken beeinflussen. Diese werden insbesondere dann deutlich, wenn wir uns unlogisch verhalten, obwohl wir der Meinung sind rational zu handeln. […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: