Was macht die Radikalität des Feminismus aus?

LoMi kommentiert bei Erzählmirnix:

Mein Unbehagen am Feminismus bleibt, solange die Theorie selbst radikal ist. Was macht die Radikalität der Theorie aus? Es geht dabei nicht um das Auftreten von Protagonisten, sondern um den Anspruch, die Wahrheit zu kennen.
Die These des Patriarchats z.B. ist schon deswegen so hochproblematisch, weil sie behauptet, unsere ganze Gesellschaft sei bis in den letzten Winkel durchsystemisiert und alles, auch jedes kleinste Handeln und Fühlen, leite sich daraus ab. Das ist eine ungeheure Behauptung, die in der Regel in den Sozialwissenschaften so nie zu halten ist, weil man einfach niemals genug Beweise dafür findet, nie finden kann und weil es auch widersprechende Erkenntnisse gibt.

Das ist auch der Grund, warum diese Begriffe eher vorausgesetzt als hinterfragt werden und das in einer Ideologie, die sich gerade als kritisch hinterfragend ansieht. Es ist dabei auch relativ egal, welche Art von Feminismus man nimmt, es wird zwar verschiedentlich das Konzept leicht ausgetauscht, aber es bleibt letztendlich immer die große sexistische Struktur, die das ganze Leben beherrscht, sei es „das Patriarchat“ oder die „hegemoniale Männlichkeit“ oder welches anderes Konstrukt auch immer gerade verwendet wird. Die genauen Grundlagen davon bleiben im Nebel. Sie sind irgendwie da und irgendwie supermächtig und unbesiegbar, obwohl die meisten Leute oder zumindest alle Frauen nur Nachteile davon haben, aber das merkt irgendwie keiner weil alle einer Gehirnwäsche unterzogen sind und nicht mehr klar denken können, am wenigsten Frauen (da sie die Gruppe sind, die bei freien geheimen Wahlen bei der sie die Mehrheit der Wähler bilden in einer Hölle sitzen, in der jede Dritte vergewaltigt wird und sie weniger Geld für gleiche Arbeit bekommen und in der sie von allen Machtpositionen ausgeschlossen sind)

Zweitens wird die Vorannahme der sozialen Konstruktion überdehnt und zur Tatsache erklärt. Dabei ist die “Konstruktion” letztlich nur eine Forschungsperspektive. Sie ist selber nicht beweisbar. In der aktuellen Ausgabe von “Soziologie” kritisiert Thomas Luckmann (einer, der eigentlich als Urvater des sozialen Konstruktivismus gilt) diese Überdehnung der Konstruktionsannahme. Nicht alles sei beliebig konstruierbar.

Das die Vorannahme der absoluten sozialen Konstruktion falsch ist, dazu habe ich hier bereits sehr viel sowohl für Menschen allgemein als auch für die Geschlechter geschrieben. Poststrukturalismus geht da schlicht bereits von falschen Grundlagen aus, die dann auch zu falschen Ergebnissen führen müssen. Interessant wäre zu sehen, was Luckmann da für Argumente vorbringt, es handelt sich wohl um diesen Artikel: „Thomas Luckmann, Hans-Georg Soeffner und Georg Vobruba im Gespräch: »Nichts ist die Wirklichkeit selbst.«“ Kommt da jemand ran und kann was dazu sagen?

Drittens fehlt mir in der feministischen Theorie ganz grundsätzlich die Einsicht in die Begrenztheit jeder sozialwissenschaftlichen Theorie. Niemand besitzt allgemeingültige Erkenntnisse. Jeder kann sich irren. Aber das sehen Feministinnen selten so.

Das Absolut-Setzen der eigenen Theorie bei Fehlen jeglicher Belege für deren Grundlagen und deren erheblicher Lücken und das Abwerten aller, die diese Thesen nicht teilen ist ja ebenfalls hier bereits häufiger diskutiert worden. Es ist eben weniger eine sozialwissenschaftliche Theorie als ein nichthinterfragbares Dogma, über das nicht diskutiert werden kann und auf dessen Infragestellung mit Ausgrenzung und Abwertung reagiert werden muss. Der radikale Feminismus hält es nicht mehr nötig zu begründen, er erklärt allenfalls.

Viertens wird in der Gender-Theorie die Sprache ins Extreme vergegenständlicht und ihr wird eine realitätsprägende Macht zugeschrieben. Man glaubt tatsächlich, dass ich mit einem falschen Wort bereits Machtverhältnisse setze und durchsetze. Sprache ist aber nicht allmächtig, sie ist interpretierbar und Kommunikation ist ein mehrseitiger Prozess, der auch Interpretation beinhaltet. Worte haben keine absolute Bedeutung, sondern die Bedeutung, die wir ihnen geben. Gendertheorie verabsolutiert die Bedeutung von Worten und auf dieser Basis verurteilt sie gewisse Worte als inhärent “sexistisch” oder “rassistisch” oder “transphob” und zwar über die Köpfe der Sprecher und deren Interpretationen hinweg. In diesem Punkt ist die Theorie bereits bevormundend.

Das erscheint mir auch ein großer Fehler des Poststrukturalismus: Die übertriebene Kraft die Kleinigkeiten zugesprochen wird, die Vorstellung, dass alles besser wird, wenn Lehrer „Schülerinnen und Schüler“ sagen (und das dann doch nur mit SuS abkürzen), das Diskriminierung verschwindet, wenn es nicht mehr Studentenwerk, sondern Studierendenwerk heißt etc. Gut zu sehen, wie sehr sich die Bedeutung ändert ist dies auch bei der Kette von Bezeichnungen, die zB bei einer Volksgruppe erst neutral sind und dann zu einer Beleidigung werden und durch einen anderen Begriff ersetzt werden müssen, und so weiter. Worte erzeugen nicht einfach nur eine Realität bzw die Kultur, diese erzeugen vielmehr üblicherweise die Bedeutung der Worte.