Neue Erwartungstheorie („Prospect Theory“): Wie Menschen Entscheidungen treffen

Eine aus meiner Sicht interessante Theorie, wie wir als Menschen Entscheidungen treffen.

Aus der Wikipedia:

Die Prospect Theory, im Deutschen auch Neue Erwartungstheorie genannt, wurde 1979 von Daniel Kahneman und Amos Tversky als eine psychologisch realistischere Alternative zu der Erwartungsnutzentheorie vorgestellt. Sie erlaubt die Beschreibung der Entscheidungsfindung in Situationen der Unsicherheit. Dies sind insbesondere Entscheidungen, bei denen unwägbare Risiken bzw. die Eintrittswahrscheinlichkeiten der künftigen Umweltzustände unbekannt sind (Ambiguität – Zwiespältigkeit). Anwendung findet die prospect theory (urspr. lottery theory) beispielsweise in der ökonomischen Entscheidungstheorie. Sie ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Verhaltensökonomik (engl. Behavioural Economics).

Zu dem wesentlichen Inhalt:

Seiit ca. 1940 gingen wirtschaftswissenschaftliche Theorien vorwiegend von einem rationalen Menschen aus, der seine Entscheidungen auf der Grundlage von Informationen so trifft, dass Kosten minimiert und der Nutzen für ihn maximiert wird (Homo oeconomicus). Der Economist verwendet die Metapher des „Mr Spock“ als absolut logisch denkenden Akteur. Statistische Untersuchungen belegen diese Betrachtung in einigen Bereichen, während andere sich der Erklärung entziehen.

Die Prospect Theory ersetzt dieses strikt rationale Modell durch ein Modell, in dem die Rationalität unter anderem durch Kognitive Verzerrungen (s.u.) modifiziert wird. Gegenüber anderen Modellen der Verhaltensökonomik hat es den Vorteil, dass man dieses Verhalten mathematisch modellieren kann.

Kognitive Verzerrungen finde ich schon deswegen interessant, weil sie aus meiner Sicht gut mit evolutionär entstandenen Denkvorgängen in Verbindung zu bringen sind.

Zu den Verzerrungen aus dem Artikel:

Sie deckten in ihren psychologischen Experimenten die folgenden Wahrnehmungsverzerrungen und Ursachen auf:

  • Vermessenheitsverzerrung (overconfidence/over-confidentiality bias) verursacht durchÜberschätzen der eigenen Fähigkeiten und des Mutes
  • Überschätzen des eigenen Einflusses auf die Zukunft: Sogar phantastische Vorstellungen über zukünftige Ereignisse werden für wirksam gehalten (beispielsweise das Tragen des Vereins-T-Shirts vor wichtigen Spielen, Aberglaube)
  • Fehleinschätzung der Fähigkeiten von Konkurrenten
  • Überschätzen der eigenen Kenntnisse und des Verständnisses
  • Die Ankerheuristik (anchoring effect)Eine einmal gemachte Aussage (Meinung) wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Dies gilt sogar dann, wenn eine Aussage von einer Quelle stammt, die nicht besser informiert ist als man selbst.
  • Sturheit Eine einmal eingenommene Position wird nicht gerne aufgegeben.
  • Nähe-Verzerrung Die Kenntnis einer bestimmten Problematik verzerrt die Wahrnehmung in Richtung des Bekannten; anderweitige Optionen werden ignoriert.
  • Status-quo-Verzerrung (status quo bias)Menschen gehen größere Risiken ein, um den Status quo zu erhalten, als um die Situation zu ändern.
  • Gewinn und Verlust: Menschen fürchten Verlust mehr, als sie Gewinn begrüßen (s.a. Dispositionseffekt). Das geht so weit, dass greifbare Vorteile nicht wahrgenommen werden, um die entferntere Chance des Versagens zu vermeiden.
  • Falsche Prioritäten Menschen wenden unverhältnismäßig viel Zeit für kleine und unverhältnismäßig wenig für große Entscheidungen auf.
  • Unangebrachtes Bedauern: Bedauern über einen Verlust bringt nichts ein, aber es wird viel Zeit darauf verwendet.
  • Täuschung: Falsche Entscheidungen werden gerne schöngeredet. (Sturheit, s.a. Dissonanzauflösung)
  • Manipulation: Entscheidung für eine Sache fällt – bei gleichem Ergebnis – leichter, wenn sie mit Verlustangst präsentiert wird, und fällt schwerer bei Hoffnung auf Gewinn. (Gewinn- und Verlustszenarien)
  • Priming (John A. Bargh): Entscheidungen werden durch vergangene, gespeicherte und meist unbewusste Erfahrungen und Erwartungen beeinflusst. (Semantisches Priming)
  • Vorahnungen: Entscheidungen werden durch die Fähigkeit, die Zukunft zu erahnen, beeinflusst. (Situationsbewusstsein)

Wenn wir einfach nur ein „Denkmodul“ hätten, dass unbeeinflusst logisch denkt, dann wäre das weitaus weniger zu erwarten als bei einem Gehirn, dessen Denkprozesse durch Evolution geformt sind.

Es ist beispielsweise denkbar, dass es wichtiger war vorhandes zu bewahren (immerhin hatte man bisher überlebt) als auf große Gewinne zu hoffen.

Es ist auch nicht wirklich verständlich, warum wir Verluste, die nicht mehr aufholbar sind, so bedauern statt sie abzuhaken und uns auf die Zukunft zu konzentrieren. Wenn jemand beispielsweise mit uns Schluß macht und die Sache nicht mehr heilbar ist, dann wäre Liebeskummer eigentlich verschwendete Mühe. Sie kann aber evolutionär durchaus Sinn machen, wenn die damit verbundenen Gefühle eine Trennung verhindern (weil wir sie eben nicht so schnell abschütteln können) und anderen zeigen, dass wir die Fähigkeit haben, feste Bindungen einzugehen (Signalling) etc.