Die Bloggenden und die Arbeitenden: Zum Rücktritt von Tristan Rosenkranz

Über Genderama bin ich auf diese Mitteilung von Tristan Rosenkranz gestoßen, der sich aus der aktiven Arbeit zurückziehen will.

Tristan scheint ausgebrannt zu sein, sieht insgesamt zu wenig Unterstützung und zuviel Rangeleien. Das ist schade und ich hoffe er erholt sich schnell wieder.

Als Gründe dafür führt er unter anderem an:

  • Männer, die in Foren und Blogs endlose und unglaublich schlaue Debatten führen, aber nirgends da draußen für jene in Erscheinung treten, über die debattiert wird

Die Diskussion hatten wir ja hier auch schon, auch ich mit Tristan. Wir haben da verschiedene Positionen, den ich bin zumindest der Auffassung, dass ihm mein Bloggen nicht schadet und im Zweifelsfall eher Leute für das Thema interessiert, die dann was machen wollen.

Auch Arne gibt seine Erfahrungen wieder und zu einigen Punkten davon ein paar Anmerkungen:

– Du musst damit klar kommen, dass sich 95 Prozent der Männerbewegung auf den sogenannten slacktivism beschränken, also Foren und Kommentarspalten vollbloggen, um sich hinterher mit großen Augen darüber zu wundern, dass trotz „all dieser jahrelangen Arbeit nichts passiert“. Politische Aktionen wie in anderen Ländern wird es hierzulande und in dieser Generation der Männerbewegung nicht geben, und sie wird dadurch viel weniger effektiv sein. Damit muss man sich abfinden.

Aus meiner Sicht ist einiges passiert, seit ich mit dem bloggen angefangen habe. Als ich angefangen habe, waren die Schweizer IGAF, Sons of Perseus und das Gelbe Forum die vorherrschenden und Arne hat noch auf seinem Schreibtisch-Blog gepostet, aber mit mehr Lücken dazwischen als heute. Es gab abseits des Radikalen kaum eine Gelegenheit über Maskulismus zu diskutieren. Ich bin froh, dass inzwischen eine ganz andere Szene vorhanden ist und das radikale insgesamt eine geringere Bedeutung steht (Disclaimer: Ich sage nicht, dass es an mir liegt, ich sage lediglich, dass seit dem eine Szene entstanden ist, die weit aus liberaler ist.

– Du musst damit klar kommen, dass etliche Menschen auf unterschiedlichste Weise deine Zeit fressen möchten, und du musst diese Leute abblocken können. Dazu gehören beispielsweise die von Tristan Rosenkranz angesprochen „Man-müsste-mal“-Arschlöcher (etwa: „man müsste mal eine Petition an den WDR schreiben“), was im Klartext IMMER bedeutet: „Macht ihr mal, ich habe mit dieser Arbeitsanweisung nun wirklich genug geleistet“. Dazu gehören Leute, die endlos über irgendwas diskutieren wollen und vollkommend taub reagieren, wenn man ihnen erklärt, gerade wirklich im Stress zu sein und keine Zeit zu haben. (Ich hatte gerade diesen Sonntagvormittag das Vergnügen mit einem Vogel auf Facebook, der unbedingt mit mir über Syrien diskutieren wollte, dem ich viermal erklärte, dass ich gerade zwei Stunden an Genderama-Beiträgen gearbeitet hatte und noch einiges beruflich tun müsste, und der darauf immer pampiger wurde, bis er sich irgendwann zu „du hast ’nen Knall“ gesteigert hatte.) Solche Leute haben neben Rechtsradikalen die höchste Chance von allen, von mir zügig blockiert zu werden. Generell gesprochen scheint Facebook Missionare, Verschwörungstheoretiker und Menschen mit einem narzisstischen Sozialverhalten anzuziehen. In den meisten Fällen muss man solche Leute aber nicht entfreunden; es genügt, wenn man von „abonnieren“ auf „nicht mehr abonnieren“ wechselt.

Ich glaube gerne, dass viele Bereiche anstrengend sind. Sowohl weil Leute sich einbringen als auch weil Leute sich nicht einbringen, aber meinen, dass man selbst das für sie machen müsste (interessant wäre, ob der Vorwurf an Blogger, sie seien nicht aktiv, nicht auch durchaus etwas in die Richtung ist). Nicht, dass ich nicht gerne Artikelvorschläge bekommen würde, im Gegenteil, dafür bin ich sehr dankbar, aber natürlich gibt es auch immer mal wieder Leute, die meinen, dass man sonstwas jetzt und auf eine bestimmte Weise schreiben müsste oder man gefälligst mehr Arbeit in dies oder das stecken müsste.

– Du musst akzeptieren lernen, dass du manche Verleumdungen ignorieren musst und nicht alles ausdiskutieren kannst. Eine Radikalfeministin, die nicht nur jeden deiner Beiträge, sondern auch jedes Blogpost, das du verlinkst, und jedes Buch, das du nennst, nach „bedenklichen“ Stellen durchforstet, um dich der „Frauenfeindlichkeit“ bezichtigen zu können, wirst du im Gespräch mit Sicherheit nicht überzeugen können, dass sie falsch liegt. Spar dir die Zeit, und versuche es gar nicht erst.

Gut, da ist Arne als Buchautor und als jemand, der unter Klarnamen schreibt natürlich wesentlich betroffener. Ich für meinen Teil wäre ja noch froh, wenn eine radikale Feministin auf meinen Blog verlinken würde.

Dasselbe gilt für aus der fundamentalistischen Männerszene gezielt gestreute Phantasien wie etwa, dass du dich nur deshalb gegen Rechtsradikale positionierst, weil dir dafür irgendein hochbezahlter Job in der Politik winke.

Das hatte ich auch schon und finde ich auch immer wieder lustig.

All dieser Dreck versendet sich; er ist es nicht wert, dass du deshalb zeitliche Abstriche bei wichtigen Dingen machst. Wenn du mit jedem Fanatiker im Web eine eigene Debatte führen würdest, hättest du viel zu tun. Auch wenn du von einem Blogger, der Schwule hasst, die ersten drei Blogbeiträge zu diesem Thema gelesen hast, brauchst du das bei den nächsten 17 nicht ebenfalls zu tun. Es steht höchstwahrscheinlich nichts Neues drin, du kannst allenfalls bei einer Zwangsneurose zuschauen.

Man kann nicht auf alles antworten und alles ausdiskutieren. Das würde ich auch so sehen. Wobei ich vielleicht eher das Glück habe, dass ich zu vielem schon einen Artikel habe, der was dazu sagt. Man baut sich ja langsam einen gewissen Bestand auf.

– Du musst damit leben lernen, dass die Unterstützung deiner Arbeit durch die Männerszene trotz einiger unermüdlicher Einzelkämpfer insgesamt sehr … ausbaufähig ist. Beispielsweise unterstützt nur ein Prozent der regelmäßigen Leser von Genderama dieses Blog auch durch Spenden. Nur ein Bruchteil der Leute, denen ich Gratisexemplare meines Buches „Not am Mann“ zuschickte, veröffentlichten dafür auch den im Gegenzug versprochenen Beitrag.

Auch das kann ich nachvollziehen, wobei ich dazu aus eigener Erfahrung wenig sagen kann, da ich ja bisher weder ein Buch geschrieben noch um Spenden gebeten habe.

Und als die männerfreundliche Feministin Robin Urban in der Kommentarspalte des Blogs Alles Evolution einmal vorschlug, dass man statt Bücher von Frauen wie „Tussikratie“ auch mal eines meiner neu erschienenen Bücher näher vorstellen könnte, war die Antwort vorhersehbar: Gruppenkeile gegen Robin natürlich. Wenn du mit solchen Dingen nicht klar kommst: Geh nicht an die Front der Männerbewegung.

Das finde ich schade, dass Arne das so sieht. Man kann es hier in den Kommentaren nachlesen. Robin wurde dort patzig, aus meiner Sicht, weil sie eben Kritik am Feminismus nicht mag und ein „lasst meinen Feminismus in Ruhe und kümmert euch lieber um euren Scheiß“ anführen wollte. Die „Gruppenkeile“ bestand darin, dass man sie darauf hinwies, dass ich es noch nicht gelesen hatte und das sie es natürlich gerne selbst besprechen könnte, statt hier rum zu meckern, wenn sie das schon hat. Denn wie Neuer Peter zutreffend sagte: „Er hatte halt noch keine Zeit und außerdem noch ein Leben, Alter. Christian ist nicht dein persönlicher Mietmaskulist.“  Natürlich schreibt sich eine Reaktion auf ein Interview und dort genannte Positionen auch schneller als eine Buchbesprechung. Es liegen einige viertelfertige Buch- und Filmbesprechungen in meinem Entwürfeordner, zu denen mir die Zeit fehlt.

Aus meiner Sicht fehlt durchaus die Verankerung zwischen einem theoretischen Teil wie dem Bloggen als auch einem praktischen Teil. Es fehlt auch die Bereitschaft aus der „aktiven Welt“ die Bloglandschaft als tatsächliche Chance zu nutzen.

Ich hätte kein Problem beispielsweise ein- oder zweimal im Monat (oder auch gerne häufiger) Gastbeiträge aus dem aktiven Leben zu veröffentlichen, etwa Hinweise auf eine konkrete Aktion, bei der man Unterstützung braucht oder auch nur der Vorstellung eines Textes, bei dem man um Verbesserungen oder Feedback bittet. Es hat auch meines Wissens noch keiner der aktiven mal auf die (Sammel-)Blogs verwiesen oder andere Verbindungen hergestellt.

Vielleicht bräuchte man einen „Blogbeauftragten“ dort, der Termine sammelt und weitergibt. Das wäre aus meiner Sicht eine interessante Position um Leute zu rekrutieren. Einen, der beispielsweise einfach mal Themen und Meinungen aus den Vereinen in die Blogs trägt und so Interesse bei Lesern weckt.

Was mich selbst wiederum abschreckt in entsprechenden Vereinen aktiv zu werden ist, dass da glaube ich noch ein für mich nicht übersehbarer Teil von betroffenen Leute vorhanden sind, deren Meinung ich nicht teile und mit für Diskussionen mit denen ich zusätzlich noch zu wenig Zeit habe. Solche, denen bestimmte Positionen aufgrund eigener Betroffenheit sehr sehr nahe gehen und die es als Angriff empfinden, wenn man dies so nicht teilt.

Ich habe über meine örtliche Gruppe da von allerdings Außenstehenden und aus Sichtung ihrer Materialien nicht soviel Gutes gehört und sie sind mir da eher mit Aktionen aufgefallen, die ich so nicht teile und bei denen bestimmte Amtsträger (Richter, Jugendamt) aus meiner Sicht unsachlich angegangen worden sind. Von anderen Gruppen habe ich anderes gehört und einige scheinen mir sehr professionell zu sein. Aber auch das kann ich  nur sehr eingeschränkt überblicken