Ideologien und Bewegungen, die das Gute wollten und das Böse geschaffen haben

Ein altes Argument von Seiten des Feminismus ist:

Feminismus will doch nur gleiche Rechte für alle und und Freiheit von dem Zwang zu Geschlechterrollen, wie kann man da dagegen sein?

Das sind Ziele, die man in der Tat gut vertreten kann, sie sind aber nur das Ausgangsziel des Feminismus und dieser hat sich inzwischen zu etwas entwickelt, in dem Schuldverlagerungen auf bestimmte Gruppen erfolgen, eine Einteilung in „Gute Gruppen, die unterdrückt werden“ und „schlechte Gruppen, die unterdrücken“. In diesem binär angelegten Schema ist kein Platz für Nuancen und es lädt zu Hass ein.

Das ist nicht selten bei Ideologien und Bewegungen, die eigentlich das Gute wollten. In dem Artikel „der Mythos des puren Bösen“ hatte ich dabei schon den folgenden Absatz zitiert:

The third root cause of evil is idealism. In some ways this is the most disturbing and tragic, because the perpetrators are motivated by the belief that they are doing something good. Idealists of both the left and the right have sometimes believed that their noble goals justify violent means. The worst body counts of the twentieth century were perpetrated by people who believed that they were doing what was necessary to create a utopian society, whether this reflected a left-wing vision (as in the communist slaughters in China and the Soviet Union) or a right-wing one (as in the horrors perpetrated by Nazi Germany). Earlier centuries witnessed slaughters perpetrated in the name of religion, as people killed to serve their gods. To be sure, sometimes the idealism was a cover for baser motives, including instrumental ones. Some people used religious wars or persecutions to enrich themselves. Yet it is not reasonable to dismiss the sincere idealism of many of the perpetrators. In a large expedition such as the Crusades, there were some along for adventure and others hoping to get rich. But many honestly believed that they were doing God’s work by fighting the infidels in order to reclaim sacred ground for what they thought was the true faith. (…)

Deswegen hier mal eine Sammlung von Organisationen und Ideologien, die das Gute wollten und über das Ziel hinaus geschossen sind und „Böse“ wurden.

  • Der Kommunismus:
    • Gutes Ziel: Er wollte auch nur Gleichheit und die Befreiung der Arbeiterklasse. Wie kann man dagegen sein?
    • Folge: Geendet ist es bei Stalin und Mao, bei Nordkorea und 100 Millionen von Toten, Entrechteten, Vernichtungs- und Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen
  • Die christliche Kirche:
    • Gutes Ziel: Nächstenliebe ist die erklärte Botschaft des Christentums
    • Folge: Die Inquisition verbrannte Leute, die nicht mit den Zielen der Kirche übereinstimmten und „vom Bösen besessen“ waren. Im Namen Gottes und der Bekehrung von Heiden wurden unsägliche Verbrechen begangen, gerade an „Eingeborenen“ neu entdeckter Länder
  • Die französische Revolution
    • Gutes Ziel: Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit )
    • Folge: Die Revolution frisst ihre Kinder, die Schreckensherrschaft nach der französischen Revolution

Ich würde es interessant finden, hier mal eine kleine Sammlung zusammenzutragen, die man dann bei Gelegenheit als Argument verwenden kann. Anregungen gerne in den Kommentaren!

 

Advertisements

68 Gedanken zu “Ideologien und Bewegungen, die das Gute wollten und das Böse geschaffen haben

  1. Um keine ideologisch bedingte Einseitigkeit bezüglich Menschenrechtsverletzungen aufkommen zu lassen, sollte m.E. nicht unerwähnt bleiben, dass bestimmte Varianten des Liberalismus nicht weniger Menschen auf dem Gewissen haben als der autoritäre Marxismus-Leninismus (der außerdem in politikwissenschaftlicher Hinsicht nicht mit Kommunismus gleichgesetzt werden kann).

    Zur Verbrechensgeschichte des Liberalismus an dieser Stelle ein paar Buchtipps, (die Reihenfolge gibt keine Wertung an):

    1. Domenico Losurdo – Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus

    http://www.bol.de/shop/home/suchartikel/freiheit_als_privileg/domenico_losurdo/EAN9783894384319/ID18884669.html?jumpId=9175341&suchId=e28017af-d674-40d5-a9f4-c78e8f3f02ca

    Hier eine kurze Rezension zu dem erstgenannten Buch beim Humanistischen Pressedienst:

    http://hpd.de/node/13383

    (Das Lesen der Rezension ersetzt das Lesen des Buches aber selbstverständlich nicht.)

    2. Robert Kurz – Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft

    Glücklicherweise kann dieses gute und wichtige Buch vollständig im Netz gelesen werden:

    http://www.exit-online.org/pdf/schwarzbuch.pdf

    3. Noam Chomsky – Wirtschaft und Gewalt. Vom Kolonialismus zur neuen Weltordnung

    http://www.bol.de/shop/home/suche/?sq=noam+chomsky+wirtschaft+&sswg=ANY&timestamp=1472407304704

    • „nicht unerwähnt bleiben, dass bestimmte Varianten des Liberalismus nicht weniger Menschen auf dem Gewissen haben als der autoritäre Marxismus-Leninismus “

      Was Du bestimmt ganz genau anhand von konkreten Zahlen nachweisen kannst?

      • @ ddbz

        „Was Du bestimmt ganz genau anhand von konkreten Zahlen nachweisen kannst?“

        Eine Gesamtauflistung aller Toten, die legitimiert durch Varianten liberaler Ideologie, z.B. durch schlechte Arbeitsbedingungen, Sklaverei, Ausbeutung, Hunger, Kolonialismus, imperialistische Kriege usw. ums Leben gekommen sind, kenne ich zwar nicht, aber hier ist z.B. ein Artikel von Noam Chomsky, in dem er anlässlich der Veröffentlichung der englischen Übersetzung des „Schwarzbuch des Kommunismus“, welches von ca. 100 Millionen Toten durch den Marxismus-Leninismus ausgeht, auf Forschungsergebnisse des indischen Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften Amartya Sen verweist, der von über 100 Millionen Toten durch den liberalen Kapitalismus von 1947 – 1979 allein in Indien ausgeht:

        http://www.spectrezine.org/global/chomsky.htm

        • „Sklaverei“

          Sklaverei als „Variante liberaler Ideologie“? Irgendwie komme ich mir an dieser Stelle verarscht vor… Aber das würde Leszek ja nie tun!

          „der von über 100 Millionen Toten durch den liberalen Kapitalismus von 1947 – 1979 allein in Indien ausgeht“

          Indien hatte während dieser Zeit ein Wirtschaftssystem nach dem Vorbild der Sowjetunion.

        • @ JC Denton

          „Sklaverei als „Variante liberaler Ideologie“? Irgendwie komme ich mir an dieser Stelle verarscht vor… Aber das würde Leszek ja nie tun!“

          Es hat mehrere Vertreter des klassischen Liberalismus gegeben, die die Sklaverei gerechtfertigt haben.
          Belege hierfür findest du in dem oben genannten Buch von Domenico Losurdo „Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus“.

          „Indien hatte während dieser Zeit ein Wirtschaftssystem nach dem Vorbild der Sowjetunion.“

          Nicht ganz, Indien hatte eine Mischwirtschaft, die planwirtschaftliche und marktwirtschaftliche Elemente beinhaltete. In dem Text von Amartya Sen geht es um einen Vergleich zwischen China und Indien bezüglich Hunger und Armut und Maßnahmen zu deren Bewältigung.

          China sei nicht dazu in der Lage gewesen der großen Hungersnot von 1958-1961 angemessen zu begegnen, weil das totalitäre politische System keinen ausreichenden Informationsfluss von unten nach oben zugelassen habe.
          China habe allerdings später eine relativ dauerhafte gleichmäßige Verteilung staatlicher Unterstützung hinsichtlich Ernährung und Gesundheitsversorgung aufgebaut, was in Indien in dem genannten Zeitraum nicht der Fall gewesen sei.

          Indien habe aufgrund des besseren Informationsflusses von unten nach oben zwar eine solch massive Hungersnot wie in China 1958-1961 verhindern können, habe aber davon abgesehen die Bevölkerung weitgehend, gemäß liberal-kapitalistischer Ideologie sich selbst überlassen, was zu einer konstant hohen Sterblichkeitsrate über den gesamten Zeitraum geführt habe.

        • „Es hat mehrere Vertreter des klassischen Liberalismus gegeben, die die Sklaverei gerechtfertigt haben.“

          Nenn doch mal ein paar Namen.

          „Nicht ganz, Indien hatte eine Mischwirtschaft, die planwirtschaftliche und marktwirtschaftliche Elemente beinhaltete.“

          Vor allem planwirtschaftliche. Also nicht ganz das, was man sich so unter „liberaler Kapitalismus“ vorstellt.

          „Indien habe aufgrund des besseren Informationsflusses von unten nach oben zwar eine solch massive Hungersnot wie in China 1958-1961 verhindern können, habe aber davon abgesehen die Bevölkerung weitgehend, gemäß liberal-kapitalistischer Ideologie sich selbst überlassen, was zu einer konstant hohen Sterblichkeitsrate über den gesamten Zeitraum geführt habe.“

          Die herrschende Ideologie zu dieser Zeit in Indien war der Sozialismus (Für Adrian: Indien ist ein Beispiel dafür, dass Sozialismus nicht automatisch totalitär sein muss). Dass man die Bevölkerung sich selbst überlassen hat, dürfte zum einen an der mangelnden Durchsetzungskraft des demokratischen Staates gegenüber traditionellen Strukturen und zum anderen an der Sorge der Planer wegen einer drohenden Überbevölkerung gelegen haben.

  2. Ich biete:
    + SPD
    + Grüne
    + FDGO, die heute zum total überwachenden Nanny-Staat verkommen ist.

    Feminismus zähle ich nicht zu den anfangs wohlmeinenden Ideologien, weil IMHO er von Anfang an eine Rosinenpickerideologie war. Ich behaupte, die Frauen waren noch nie so benachteiligt, wie der Feminismus immer behauptet hat. Frauen hatten kein Wahlrecht, aber die Männer lange Zeit auch nicht und die Frauen nicht die Wehrpflicht. Sie hatten kein Recht, Geschäfte abzuschließen, mussten aber auch nicht wie der Ehemann für die Geschäfte ihres Ehepartners haften. usw. usf.

    • Bodenloser Blödsinn, SPD, Grüne und die Demokratie in eine Reihe mit Sowjetkommunismus und Inquisition zu stellen. Wieviele Menschen hat Rot-Grün denn in den Gulag deportiert? Und wieviele wurden auf Marktplätzen verbrannt?

        • In welchem Universum lebst du? Die Grünen in meinem Universum haben sich von radikalen Anfängen hin zu einer bürgerlich-konservativen Wellnesspartei mit Öko-Touch gewandelt.

        • In meinem Universum haben die Grünen lediglich den Ökoradikalismus gegen einen (Gender)Gesinnungsradikalismus ausgetauscht.
          Dass sie bestimmte Menschen am liebsten verbieten würden, ist geblieben.

          Der Spruch „Menschenrechte statt rechte Menschen“ kam in der Form zwar von der SPD, widerspricht aber in nichts dem grünen Geist.

      • Auf Marktplätzen verbrannt hat Rot-Grün noch niemanden. Das lässt sich mit modernen Umweltschutzaspekten auch schlecht vereinbaren.
        Dafür lässt man Hartz-IV-Empfänger seit über einem Jahrzehnt in ihren Ghettos dahinvegetieren, gibt ihnen immerhin das Nötigste, damit sie in Resignation still halten, anstatt sich zu wehren. Natürlich nur, wenn sie vorher die Hosen herunter gelassen haben.
        Und sogar der Feminismus hilft nicht mehr weiter bei Hartz-IV, denn wie man kürzlich ja lesen konnte, ist es sogar für Frauen zumutbar, Auskunft über ihre sexuelle Vergangenheit und Gepflogenheiten zu geben, wenn ein möglicher, unterhaltspflichtiger Kindsvater ermittelt werden kann.

        • Danke für die Antwort.

          Heute hängt man bei ungeliebten Bürgern nicht mehr ein Kauft-nicht-bei-Juden-Schild auf, sondern lässt die ARGE/GEZtapo/Krankenkasse/Rentenversicherung/IHK/Finanzamt sie mit Schikanen überziehen. Oder verweigert ihnen Arbeitslosengeld, wenn sie einen unzumutbaren Arbeitsplatz von sich aus kündigen.

          Zahlreiche Menschen in diesem ach so wohlhabenden Land haben einen Vollzeitjob, der nicht zum Leben reicht, und bekommen zusätzlich H4. Sie werden natürlich schön aus der Arbeitslosenstatistik rausgerechnet.

          Nur zur Erinnerung: Es gab bereits Morde in Arbeitsämtern. Und H4-Empfänger sind schon verhungert, weil sie eben nicht aus Not angefangen haben zu klauen.

        • Eine Quelle zu der Geschichte von verhungerten H4-Empfängern hast du sicher auch, oder?

          Erklär mir doch mal, wieso der „Nanny-Staat“ böse ist, du aber ziemlich klar für mehr Kohle und mehr Fürsorge von Papa Staat plädierst.

      • Die Aufgabe des Admins war oben „eine Sammlung von Organisationen und Ideologien, die das Gute wollten und über das Ziel hinaus geschossen sind und „Böse“ wurden“ zu erstellen.

        Ich denke, dieser Aufgabe ist Rolf nachgekommen. Seine Beispiele sind prima facie plausibel.

        Natürlich heißt das *nicht*, daß man etwa die SPD in eine Reihe mit den Roten Khmer in Kambodscha stellen kann. Die SPD hat auch keinen GULAG errichtet. Aber die Aufgabe war ja *nicht*: Nenne Organisationen, die man in vollem Umfang mit den Roten Khmer vergleichen kann.

        Und ja – über Rolfs Kandidaten kann man durchaus streiten; aber hier von „bodenlosem Blödsinn“ zu sprechen, ist verfehlt.

        • Wieso ist es das? Ist es nicht eine völlig lächerliche Übertreibung, Schröder in eine Reihe zu stellen mit Stalin, Mao, Kim Il Sung, Torquemada und Robbespiere?

          Davon abgesehen halte ich Rot-Grün für eine Bundesregierung mit durchwachsener Bilanz, die mehr oder weniger Realpolitik gemacht hat. Schröder, Fischer und Co. waren nicht sonderlich ideologiegetrieben.

      • So so, Wellness mit Ökotouch, is klar…..
        (Editiert: bitte keine nazivegleiche)
        Özdemir fordert seit ca. 2010 die Zwangskita per Gesetz.

        Das ist quasi Wellness, die mit’m Gummiknüppel praktiziert wird…….

      • Du kannst auch die heute herrschenden politischen Kräfte sehr wohl mit Schreckensherrschaften vergleichen. Wenn man Ethik und Moral freier definiert und sein eigenes, anerzogenes Weltbild außer acht lässt und versucht die Vorgänge Zeithistorisch zu betrachten, dann erschreckt man über sich und das was wir als Miral und Ethik definieren.
        Der Feminismus kommt hierbei sehr schlecht weg.

  3. Stephan Lessenich
    Neben uns die Sintflut
    Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis

    Uns im Westen geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo schlecht geht. Wir lagern systematisch Armut und Ungerechtigkeit aus, im kleinen wie im großen Maßstab. Und wir alle verdrängen unseren Anteil an dieser Praxis. Stephan Lessenich bietet eine Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft. Er veranschaulicht das soziale Versagen unserer Weltordnung, denn es profitieren eben nicht alle irgendwie von freien Märkten. Die Wahrheit ist: Wenn einer gewinnt, verlieren andere. Jeder von uns ist ein verantwortlicher Akteur in diesem Nullsummenspiel, dessen Verlierer jetzt an unsere Türen klopfen.
    Verlag Hanser Berlin, 224 Seiten, € 20,00
    https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/neben-uns-die-sintflut/978-3-446-25295-0/

  4. Die viel spannendere Frage ist doch, ob es überhaupt jemals eine Bewegung oder Ideologie gegeben hat, die „das Gute“ wollte und auch verwirklichen konnte?

    Uninteressant sind dabei Bewegungen oder Konzepte, die „das Gute“ wollten aber nie die Mittel bekamen, das zu verwirklichen. Eine in solchen Konstellationen beheimatete Ethik bleibt nämlich zwingen gesinnungsethisch mit einer Neigung zum Eskapismus.

    Für all jene aber, welche die Mittel hätten und „das Gute“ verfolgen wollen, wird Nietzsches Diagnose über unsere universalistisch-christliche Moral als „lebensfeindliche Sklavenmoral“ zum ganz praktischen Problem: Denn in ihrer Verkennung der Konkurrenzbedingungen des Lebens ist diese universalistische Ethik zwangsläufig unrealistisch und für praktische Fragen weitgehend ungeeignet, wodurch wir in unserer Fixierung auf den Universalismus letztlich ohne eine taugliche realistische Moral zurückbleiben. Unter diesen Bedingungen ist es eigentlich kein Wunder, dass die Kraft, die das Gute will, so oft das Böse schafft.

    Daneben gibt es natürlich auch noch die unter anderem von David Graeber festgestellte Tendenz, dass unsere Moral auch wesentlich dazu dient, Rechtfertigungen dafür zu liefern, anderen etwas anzutun. Der „Böse“ darf bestraft werden, weshalb ein ethisches System wesentlich dazu dient, den „Bösen“ so zu definieren, dass man den eigenen aggressiven Impulsen folgen und sich so in den Konkurrenzbedingungen des Lebens durchsetzen kann ohne die Hässlichkeit dieser Bedingungen des Lebens zur Kenntnis nehmen zu müssen.

    Nach alledem halte ich mich lieber an Mephisto…

    • @lh:

      »in ihrer Verkennung der Konkurrenzbedingungen des Lebens ist diese universalistische Ethik zwangsläufig unrealistisch und für praktische Fragen weitgehend ungeeignet, wodurch wir in unserer Fixierung auf den Universalismus letztlich ohne eine taugliche realistische Moral zurückbleiben.«

      Das Argument ist insofern richtig, als Menschen niemals nur Ideen folgen, sondern stets auch ihren Eigeninteressen. Eine Ideologie, die das zu tilgen versuchte, muss früher oder später totalitär werden. Universalistische Moral ist dennoch mehr als das, was Nietzsche unter Sklavenmoral fassen wollte.

      Sie ist der Endpunkt einer zivilisatorischen Entwicklung, die es uns ermöglicht hat, über die primären Kleingruppen hinaus Kooperationsbeziehungen zu unerhalten, weil wir bis dahin »Fremde« als »Gleiche« anerkennen können. Als universalistische Moral hat sie nur den höchsten möglichen Verallgemeinerungsgrad erreicht.

      Ohne diese Entwicklung würden wir immer noch Stammeskriege wie im Hochland von Neuguinea führen.

      • Der sogenannte „zivilisierte Westen“ mit seiner universalistischen Moral führt seit Jahrhunderten fast ununterbrochen Kriege mit weit schlimmeren Folgen als die Stammeskriege in Neuguinea. Das unrealistische Selbstbild ist Teil des von mir skizzierten Problems irrationaler Ethik des Abendlandes.

      • Und übrigens muss dieser Westen überall da, wo es wirklich drauf ankommt, seine Moral zur Seite schieben und zur sogenannten „Realpolitik“ greifen. Ich plädiere lediglich dafür, diese „Realpolitik“ als eigentliche weil rationale Ethik zu betrachten und als solche zu entwickeln.

        • @lh:

          »Der sogenannte „zivilisierte Westen“ mit seiner universalistischen Moral führt seit Jahrhunderten fast ununterbrochen Kriege mit weit schlimmeren Folgen als die Stammeskriege in Neuguinea.«

          Aber Deine »Realpolitik« findet sich mit diesen Verhältnissen ab. In der universalistischen Moral bleibt dagegen die Möglichkeit offen, auch das eigene Verhalten einer kritischen Bewertung zu unterziehen.

        • „Aber Deine »Realpolitik« findet sich mit diesen Verhältnissen ab. In der universalistischen Moral bleibt dagegen die Möglichkeit offen, auch das eigene Verhalten einer kritischen Bewertung zu unterziehen.“

          Das ändert aber nichts am Verhalten der anderen. Es kann aber sehr wohl die eigene Seite schwächen.

        • @JC Denton:

          »Das ändert aber nichts am Verhalten der anderen.«

          Nach Axelrod schon. Das Verhalten der anderen ist ein Teil der Evolution von Kooperationsbeziehungen, das mein eigenes Verhalten in Rechnung stellt.

          »Es kann aber sehr wohl die eigene Seite schwächen.«

          Dann folge ich einer suboptimalen Strategie.

        • @ djadmoros

          „Nach Axelrod schon. Das Verhalten der anderen ist ein Teil der Evolution von Kooperationsbeziehungen, das mein eigenes Verhalten in Rechnung stellt.“

          Du hast recht: Die anderen werden ermutigt, aggressiver ihre Interessen durchzusetzen, wenn ich mich selbst kritisiere / der Westen sich selbst kritisiert.

          „Dann folge ich einer suboptimalen Strategie.“

          Wahrscheinlich. Doch welche Konsequenzen ziehe ich daraus?

        • Aber Deine »Realpolitik« findet sich mit diesen Verhältnissen ab.

          Ganz genau. Denn in der ein oder anderen Form sind sie offensichtlich unvermeidlich. Und erst wenn ich bereit bin, das zur Kenntnis zu nehmen, kann ich anfangen darüber nachzudenken, wie mit diesen Verhältnissen tatsächlich am besten umzugehen ist und was „am besten“ eigentlich wäre. Die Alternative der universalistischen Moral besteht ja daraus, viel Geisteskraft darauf zu verwenden, was und wie wäre, wenn denn alles gut wäre nur um dann, wenn zu entscheiden ist was tatsächlich getan werden soll, geistig recht unvorbereitet „amoralisch“ zu handeln. Das scheint mir nicht sinnvoll.

  5. Das Hauptproblem ist nicht, dass diejenigen, die das Gute wollen, über das Ziel hinausschießen, sondern dass es eine einheitliche Meinung darüber gibt, was das Gute eigentlich ist.
    Natürlich werden viele jetzt denken, dass es gewisse Werte gibt, die einheitlich als gut gelten wie beispielsweise keinen anderen Menschen zu töten oder die gleichheit aller vor dem Gesetz. Aber
    genauso wird von einigen denjenigen dann wieder die Todesstrafe befürwortet oder die Gleichheit vor dem Gesetz an bestimmte Bedingungen geknü

    • Versehentlich abgeschickt, hier gehts weiter:

      …geknüpft wie das Lebensalter, Krankheiten oder Behinderungen. Und welche Bedingungen zu welchen Unterscheidungen führen, darüber gibt es dann wiederum Uneinigkeit.

      Genauso ist der Satz „Ich bin tolerant, aber nicht gegenüber Intoleranz“ bezeichnend. Nur gegenüber den eigenen Ansichten bzw. Personen mit ähnlichen Ansichten tolerant zu sein hat nichts mit tolerant zu tun. Aber das sehen diese Menschen nicht, denn sie sind ja die „Guten“.

      Fakt ist, es gibt kein allgemeingültiges gut und böse, jedehält sein Handeln für richtig und gut und findet „gute Gründe“ für Handlungen, die von der Mehrheit dann nicht mehr als moralisch richtig eestuft werden…

      • „es gibt kein allgemeingültiges gut und böse, “

        Leseempfehlung: The Righteous Mind von J Haidt.

        Es gibt universale moralische Prinzipien, in dem Sinne, dass sie sich in so gut wie jeder Kultur und jedem Zeitalter finden lassen.

        Unübersichtlich wird es nur dadurch, dass verschiedene (Sub)Kulturen und erst recht verschiedene Menschen diese Prinzipien in verschiedenen Situationen verschieden gewichten.

        • „Leseempfehlung: The Righteous Mind von J Haidt.“

          Habe ich vor kurzem gelesen und kann der Empfehlung nur beipflichten. Sehr gutes Buch.

        • @only_me:
          „Es gibt universale moralische Prinzipien, in dem Sinne, dass sie sich in so gut wie jeder Kultur und jedem Zeitalter finden lassen.“

          So ähnlich habe ich ja versucht zu formulieren. Die Prinzipien mögen die gleichen sein, aber die praktische Umsetzung und Gewichtung unterscheidet sich dann in der Folge.

          Alle Menschen sollten gleiche Rechte haben bedeutet eben nicht immer, dass tatsächlich alle Menschen gleiche Rechte haben sollten. (eigentlich bedeutet es nie genau das)

      • Sehe ich genauso. Jede einigermaßen stabile Gruppe mit eigener Ideologie hält sich selbst für gut, die gewalttätigen und historisch „auffälligen“ machen da keine Ausnahme. Bei den drei oben aufgezählten ist es nur so, dass es für uns relativ leicht ist, die Plausibilität ihres Glaubens an das Gute nachzuvollziehen. Die Nazis z.B. haben ihr kriegerisches und mörderisches Handeln in vieler Hinsicht als Selbstverteidigung gedeutet. Zum Beispiel, wenn sich Soldaten des Vernichtungskriegs im Osten gesagt haben, stellt euch vor, was die Rote Armee zu Hause unseren Frauen und Kindern antun würde, wenn wir das hier nicht tun würden. Die zugrundeliegende Weltdeutung ist weit hergeholt, aber wenn man die erst mal kauft, lässt sich das Handeln der Nazis mit ganz gewöhnlichen moralischen Prinzipien legitimieren. Harald Welzer argumentiert in seinem Buch „Täter“, dass der Holocaust sonst gar nicht möglich gewesen wäre.

        Deswegen ist es so verhängnisvoll, sich allein auf sein Moralgefühl zu verlassen. Mit entsprechendem Weltbild lässt sich alles legitimieren. Wir müssen viel mehr Mühe darauf verwenden, erst mal die relevante Realität richtig zu erfassen, bevor wir moralische Urteile treffen.

        • „Wir müssen viel mehr Mühe darauf verwenden, erst mal die relevante Realität richtig zu erfassen, bevor wir moralische Urteile treffen.“

          Hälst du es für möglich, dass die tatsächliche Realität richtig erfasst werden kann von einem Menschen, der selbst Teilt des „Systems“ ist. Keiner hat die Möglichkeit, die Welt als Außenstehender zu betrachten, jeder ist immer irgendwie betroffen.

        • @Miria: Deswegen „relevante“ Realität und deswegen „Mühe“. Viele begnügen sich damit, den eigenen Standpunkt für moralisch und den gegnerischen für unmoralisch zu halten und sitzen dabei dem Trugschluss auf, dass der gegnerische auf derselben Empirie beruhe wie der eigene. Es ist durchaus möglich, nachzuvollziehen, worauf die Gegner ihre Urteile stützen. Dann könnte man sich fruchtbar darüber streiten, welche Informationen zutreffend sind und welche der jeweils andere vielleicht vernachlässigt. Man käme aus der Sackgasse heraus, den anderen einfach für unmoralisch zu erklären. Das ist als Erklärung immer unterkomplex und führt zum Abbruch der Kommunikation.

      • Zustimmung zu Miria, das Problem beginnt schon vor der Korrumpierung dort, wo Sachlagen unterschiedlich eingeschätzt werden.
        Ich meine, aufgrund ihrer psychotischen Spinnertheorie der jüdischen Weltverschwörung haben auch die Nazis geglaubt, das Gute zu tun und die Menschheit zu retten.
        Wo Christentum, Kommunismus & Co. immer noch eine Verwässerung brauchten, die sie in Hinsicht auf das gute Endziel entschuldigen konnten, blieben sich die Nazis treu und haben trotzdem mit die größe Scheiße der Weltgeschichte gebaut.

        Daher gibt es wohl gleich zwei Stellen, an denen falsch abgebogen werden kann: Einmal, ob die Ziele und Lagebewertung der Ideologie an sich richtig sind und wenn ja, ob sie auch richtig umgesetzt werden können, ohne dass sich dabei wieder die Leichen türmen.

        • @DMJ:
          „…ob sie auch richtig umgesetzt werden können, ohne dass sich dabei wieder die Leichen türmen.“

          Diese Einschätzung kannst du nur so in der jetzigen Situation machen, da du aktuell nicht in einer solchen Überlegung steckst. Die Mehrheit der Menschen hat in der Vergangenheit den Tod von anderen mit dem „guten Ziel“ gerechtfertigt. Das bedeutet, dass in der konkreten Situation die Frage, ob für das Erreichen des Ziels Menschen getötet werden müssen eigentlich nie eine Rolle spielt.

  6. Das Problem beginnt schon beim Anspruch „gut“ sein zu wollen.
    Mensch sein bedeutet, dass man unweigerlich auch eine dunkle Seite hat, und wer die leugnet, ist ihrem hinterhältigen Wirken schutzlos ausgeliefert.
    Die eigene dunkle Seite zu kennen und zu erkennen wann sie sich unmerklich nach vorne drängelt, das ist es was man als erstes lernen muss wenn man versuchen will gut zu sein.
    Diejenigen die das können werden niemals sagen dass sie „gut“ sind, weil sie wissen auf welch dünnem Eis sie fahren.

  7. Ich bin wieder spät aber denke ein gutes Beispiel sind die Geheimdienste von GB, USA und FR u.a.. Eigentlich wollen sie uns nur vor dem Bösen schützen und wurden selbst zu einer Art Stasi. Das Hauptmerkmal potentieller Attentäter für die Selektoren „Gerechtigkeitssinn“ ….. 🙂 — Dümmer gehts nümmer…

    Noch ein Beispiel die Folterungen im Zusammenhang zu 9/11, so wie der Wiederaufbau der Gebiete im Nahen Osten.

    George Bush: ‚God told me to end the tyranny in Iraq‘

    Und sehr aktuell die europäische (Nicht)Entwicklungshilfe in Afrika.

    Zudem nerven mich einige Auswüchse von Greenpeace und Amnesty.

    Und megaaktuell das Wegdiskutieren von „Ausländer“kriminalität, bewirkt das genaue Gegenteil.

    Und nicht zuletzt mussten wir Faust fürs Abitur lesen und ich hatte das 2te Buch nicht einmal gekannt. Zum Glück gabs Berthold Brecht.

  8. Beispiel, bei dem „das Gute“ erreicht worden ist:
    die Republikanische Partei der USA haben die Sklaverei abgeschafft.
    Und zwar nicht, indem sie einfach ein Gesetz erlassen hätte, sie haben einen blutigen Bürgerkrieg geführt, bei dem viele Landsleute und natürlich auch Parteigenossen umkamen geführt, und an dem ihr Land beinahe zugrunde gegangen wäre, um die Sklaverei in den USA abzuschaffen. Keine Halbherzigkeiten oder faule Kompromisse – Freiheit für alle.

    Trotzdem ist das kein Argument, Trump zu wählen.

    • „die Republikanische Partei der USA haben die Sklaverei abgeschafft“

      Das fällt mir immer als Beispiel ein, wenn ich hier von einigen Apologeten die deutsche links/rechts-Definition auf die amerikanischen Demokraten und Republikaner übertragen sehe.

    • „Checken die nicht warum das Sexismus ist …“

      Warum ist das Sexismus?
      Vielleicht sind ihnen ja tatsächlich mehr Frauen als Männer für den Job eingefallen.
      Soll ja vorkommen.

      Sexismus ist es erst, wenn das Geschlecht das ausschlaggebende Kriterium für die Nominierung war.

      Gut, es wird auch so gewesen sein, da mach auch ich mir nichts vor. Aber immerhin gibt es – zumindest theoretisch – auch noch andere Gründe für die Zusammensetzung der Liste.

  9. „Die französische Revolution
    Gutes Ziel: Liberté, Égalité, Fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit)
    Folge: Die Revolution frisst ihre Kinder, die Schreckensherrschaft nach der französischen Revolution“

    Die Französischen Revolution erscheint in dieser Auflistung deplatziert: Es handelt sich – im Gegensatz zu Kommunismus und Christentum – ja nicht um eine Weltanschauungen sui generis, sondern in erster Linie um eine Epochenbezeichnung, welche mit dem Sturm auf die Bastille beginnt und mit dem 18. Brumaire endet. Wenn man auf die Schattenseiten der Revolution rekurrieren möchte, sollte man wohl eher auf den konkreten Zeitabschnitt, d.h. den (Grande) Terreur, die Initiatoren desselbigen, also die Jakobiner, oder aber auf die hinter dieser Bewegung stehenden politische Philosophie (d.h. den Republikanismus) verweisen.

    Daneben stellen sich zwei allgemeine Frage: Inwiefern ist es überhaupt plausibel, dass Ideen in konkreten Situationen verhaltenssteuernd wirken? So ist es einfach, bei Nationalsozialismus und Stalinismus eine gerade Linie von der Ideologie in die KZs bzw. Gulags zu sehen. In anderen Fällen ist das Verhältnis von Theorie und Praxis weniger klar. Um beim Beispiel der Französischen Revolution zu bleiben: Das politische Programm eines der zentralen Köpfe des Wohlfahrtsausschusses wäre über weite Strecken (allgemeines Wahlrecht, Ende der Sklaverei, Ablehnung der Angriffskriege gegen Österreich und Preußen, Abschaffung der Todesstrafe) wohl heute Allgemeingut. Nur assoziiert man mit Robespierre eben nicht den aufgeklärten, leidenschaftlichen Gegner der Todesstrafe, sondern denjenigen, der tatsächliche und vermeintliche „Feinde der Revolution“ ruchlos hat guillotinieren lassen.

    Die zweite Frage wäre, inwiefern Normabweichungen/Verbrechen einzelner Akteure der Gesamtideologie zugerechnet werden können. Hier kann man das Beispiel der Kolonisierung Amerikas aufgreifen: In der spanischen Spätscholastik wurde eine intensive Diskussion, insbesondere in der Schule von Salamanca, über die Legitimität des spanischen Vorgehens in Amerika geführt. Die, insbesondere von Franciso de Vitoria entwickelte, Theorie des bellum iustum diente ja v.a. der Einhegung und Begrenzung des willkürlichen Handelns der spanischen Krone und der von ihren Repräsentanten in der Neuen Welt ausgehenden Gewalt. Nur haben solche theologischen Überlegungen auf die conquistadores keinen Eindruck gemacht. Dennoch dürften sich beide Seiten, die Theologen der Schule von Salamanca wie auch die Konquistadoren, als gute Christenmenschen gesehen haben. Nur wer ist in solchen Fällen der „authentische“ Repräsentant des Christentums – Praktiker oder Theoretiker?

    „Ich würde es interessant finden, hier mal eine kleine Sammlung zusammenzutragen, die man dann bei Gelegenheit als Argument verwenden kann.“

    Hier würde mir eine weitere politische Ideologie einfallen – der Nationalismus. Dieser war ja, zumindest im 19. Jhd., auch eine Kraft des Fortschrittes. Mit dem Verweis auf die Nation ließen sich nicht nur breite Schichten politisieren und mobilisieren (so z.B. in der Revolution von 1848/49), sondern man konnte die Idee der Nation auch immer wieder als Kampfbegriff gegen die überkommene, kleinteilige Ordnung des Restaurationsregimes Metternichs in Stellung bringen. Daneben konnte der Nationalismus z.T. als Modernisierungsmotor fungieren (z.B. Atatürks Reformkurs, der ja auch stark nationalistisch eingefärbt war). Dennoch ist Nationalismus heute etwas, dass bei vielen – ja nicht zu Unrecht – entweder Aversionen oder aber Abwehrreflexe auslöst.

    • „Hier würde mir eine weitere politische Ideologie einfallen – der Nationalismus. Dieser war ja, zumindest im 19. Jhd., auch eine Kraft des Fortschrittes.

      Dennoch ist Nationalismus heute etwas, dass bei vielen – ja nicht zu Unrecht – entweder Aversionen oder aber Abwehrreflexe auslöst.“

      Was aber eigentlich gar nicht nötig ist. Die Definition „Nation“ müsste nur weiterentwickelt werden.

      Heute werden Definitionen des 19. Jahrhunderts ja auch nur noch mit staunendem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen.
      Noch vor 150 Jahren gehörten – ein Umkreis von etwa 50 km – Schleswig zu Österreich, Altona (Ortsteil im Zentrum des heutigen Hamburgs) zu Dänemark, Hamburg selbst war freie Reichsstadt, Holstein gehörte zu Preußen und das südlich der Elbe gelegene Lüneburg zu England.
      Alles abgegrenzt mit den jeweiligen Schlagbäumen.
      Die Eisenbahn beendete diesen Irrsinn und Kriege zwischen Hamburgern und Holsteinern gibt es allenfalls noch zwischen den Fan-Gruppen irgendwelcher Viertliga-Vereine.

      Ich fände es wünschenswert, wenn wir das zukünftige Europa als Nation ebenso anerkennen könnten und uns nicht – wie in den letzten Jahren zu beobachten – an den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts orientierten. Das Modell trägt nicht im 21. Jahrhundert, so wie das Modell der Microstaaten im 19. Jahrhundert nicht mehr trug.

      • „Was aber eigentlich gar nicht nötig ist. Die Definition „Nation“ müsste nur weiterentwickelt werden.“

        Es gibt ja eine Vielzahl von Modellen der Nation – von voluntativen Ansätzen á la Renans „Die Nation als tägliches Plebiszit“ hin zu eher auf Ethnie und Schicksalsgemeinschaft abzielenden Konstrukten. Vielleicht täusche ich mich, aber mein Eindruck ist, dass mittlerweile jegliche Partikularismen (wie Nation) als ungeeignet gelten und stattdessen nur universelle Prinzipien wie Demokratie und Menschenrechte als ideeller Bezugsrahmen zulässig sind.

        „Ich fände es wünschenswert, wenn wir das zukünftige Europa als Nation ebenso anerkennen könnten und uns nicht – wie in den letzten Jahren zu beobachten – an den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts orientierten.“

        Die Frage scheint mir eher zu sein, wie man sich Europa imaginiert. Wenn man Europa in den Kategorien von Staat und Nation denkt und entwickelt – als Ziel also einen europäischen Bundesstaat hat – dürfte das Ergebnis wohl eine weitere Politisierung des europäischen Projektes sein. Eines der Probleme der EU ist ja, dass es zwar viel kratos, aber kein dazu passendes demos gibt – eben eine der Folgen, dass sich die Europäer überwiegend über Nationalitäten definieren. Wahrscheinlich sollte man die EU nicht werte- sondern zweckrational begründen: statt normativer, pathosbeladener Slogans und Ideen Europa eben schlicht als Partnerschaft zum gegenseitigen Vorteil. Konsequenz wäre natürlich, dass man sich vom Ziel der „Vereinigten Staaten von Europa“ löst und die Idee eines „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ aufnimmt; also den jetzigen Zustand nicht als Provisorium, sondern als das eigentliche Modell begreift.

        • „Wahrscheinlich sollte man die EU nicht werte- sondern zweckrational begründen: statt normativer, pathosbeladener Slogans und Ideen Europa eben schlicht als Partnerschaft zum gegenseitigen Vorteil.“

          Hmm, ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich richtig versteh. Europa sollte meiner Meinung nach durchaus eine Wertegemeinschaft sein, auch wenn das im Moment überhaupt nicht klappt, weil die europäische Idee sich auf die Ausnutzung der Fördertöpfe reduziert, ansonsten aber die uralte Nationalstaaten-Karte gespielt wird.
          Genau daran scheitert Europa gerade. Die immensen Vorteile, die die Union den einzelnen Staaten gebracht hat, werden ignoriert, während die Reibungsverluste – die ja genau NICHT von Brüssel, sondern von den einzelnen Mitgliedsländern verursacht wurden, der EU zugeschrieben werden.
          Wenn man der EU ein Versagen zuschreiben muss, dann darin, der südeuropäischen Vetternwirtschaft nicht weit früher einen Riegel vorgeschoben zu haben. Aber auch hier wird die Schuld an den hausgemachten wirtschaftlichen Problemen der EU zugeschrieben.

          „Konsequenz wäre natürlich, dass man sich vom Ziel der „Vereinigten Staaten von Europa“ löst und die Idee eines „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ aufnimmt“

          Ich denke, die VSE (oder USE 😉 ) wird es langfristig nicht geben, weil praktisch kein Nationalstaat Europas bereit ist, seine Souveränität aufzugeben.
          Andererseits ist zumindest in meinen Augen ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten nicht denkbar, obwohl es realiter Fakt ist.
          Wen sollte man in die „abgehängten“ Staaten verorten und welchen restlichen Status sollen diese Länder in Bezug auf die vorauspreschenden haben?
          Vermutlich würden die Südeuropäer weit besser dastehen, würde nicht so unglaublich viel Wirtschaftskraft in korrupten Kanälen versickern. Das wäre zumindest ein Hebel, wo man ansetzen und relativ schnell sichtbare Erfolge verzeichnen könnte.

        • „Hmm, ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich richtig versteh. Europa sollte meiner Meinung nach durchaus eine Wertegemeinschaft sein“

          Falls sie Dir nicht bekannt sein sollte, die Unterscheidung zwischen Zweck- und Werterationalität geht auf Max Weber zurück (womit ich mich mal als oberstreberhafter Student einer nutzlosen Laberwissenschaft oute ;-)) [1]:

          „Zweckrational ist eine Handlung, wenn der Handelnde ein Ziel vor Augen hat und die entsprechenden Mittel zur Erreichung dieses Zieles einsetzt (…)“

          Werterationalität „(…) orientiert sich nach Geboten oder nach bestimmten Forderungen ethischer, ästhetischer, religiöser oder sonst werthafter Art, die der Handelnde an sich gestellt glaubt (…)“

          Hinsichtlich der EU würde dies bedeuten, bei der Begründung ihrer Existenz und Nützlichkeit weniger auf wertegebundene Konzepte („Friedensmacht Europa“) zu setzten, als vielmehr mit dem, ja auch von Dir herausgestellten, gemeinsamen Nutzen zu argumentieren – wie etwa Handels- und Reiseerleichterungen, gemeinsame Handlungsfähigkeit etc. Das Europa auch für gemeinsame Werte – Liberté, Égalité, Fraternité – steht, ist davon natürlich unbenommen; wie bereits gesagt, es ist m.E. eine Frage der Kommunikation und Schwerpunktsetzung. Außerdem kann man bei einer zweckrationalen/funktionalen Begründung auch die Frage ausklammern, was die europäischen Werte denn nun en détail bedeuten.

          „Wen sollte man in die „abgehängten“ Staaten verorten und welchen restlichen Status sollen diese Länder in Bezug auf die vorauspreschenden haben?“

          Bereits heute kann man ja Europa als ein System konzentrischer Kreise und Ellipsen vorstellen: Die EU hat 28 Mitglieder, der Schengenraum 26, den Euro als Währung haben 19 EU-Staaten eingeführt usw.
          Diese Uneinheitlichkeit sollte man einfach als Modell/Regelfall begreifen: Wenn einige Staaten mit dem Integrationsniveau unzufrieden sind, sei es, weil sie mehr und tiefere Kooperation wünschen, sei es, weil sie überfordert sind, kann dieses eben angepasst werden – ohne dass dies als Defizit gesehen wird.

          „Vermutlich würden die Südeuropäer weit besser dastehen, würde nicht so unglaublich viel Wirtschaftskraft in korrupten Kanälen versickern.“

          Gewiss ja. Die Frage ist nur, ob sich Europa bei der Reform nicht verhebt: Der Klientelismus in Griechenland ist ein Überbleibsel des Muthar-Systems – also der osmanischen Herrschaftspraxis; die klientelistischen Strukturen haben seit Unabhängigkeit Griechenlandes mehrere Staatsbankrotte (z.B. 1843, 1860, 1894 und 1932), mehrere Kriege inklusive eines Bürgerkrieges und Regimewechsel überstanden. Wenn sich eine Praxis wie die Rousfeti so lange hält [2] – weshalb sollte ausgerechnet Europa erfolgreich sein? Die Vorstellung eines auf Gemeinwohl verpflichteten politischen Handelns und die notwendigen, robusten Institutionen sind schlicht nicht überall vorhanden. Auch wenn es eine überspitzte (und leicht polemische) Frage ist: Weshalb sollte den Europäern mit ihrem Projekt einer Modernisierung von außen mehr Erfolg beschieden sein als der ungleich ressourcenstärkeren Weltmacht USA mit ihrem ‚large scale social-engineering‘ Projekten Irak und Afghanistan? Aus dieser Perspektive scheint ein System, indem ein einfacher Wechsel der Integrationsebenen möglich ist (im Fall Griechenlands eben ein Ausscheiden aus dem Euro), erfolgversprechender als ein, von außen angestoßenes, Modernisierungsprojekt mit unklarem Ausgang aber garantiert hohen Kosten.

          Quellen:
          [1] http://rechtssoziologie-online.de/?page_id=498 (Zitate aus dem 3. Abschnitt)
          [2] http://www.bpb.de/apuz/142833/politische-kultur-in-griechenland?p=all

        • Interessante Daten.

          „Die Frage ist nur, ob sich Europa bei der Reform nicht verhebt:“

          Ja, vielleicht versucht man die EU zu schnell zu erreichen und ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten wäre schneller am Ziel. Das ist ja auch, was ich mit einem „Europa neu denken“, durchaus meine.
          Aber man darf die Gefahr nicht verkennen, dass die „Abgehängten“ dann erst recht nicht mehr mitziehen könnten und in der Wirtschaftsleistung immer weiter zurückfallen.
          Das könnte zu politisch unerwünschten Effekten führen, aber auch den Europäischen Markt schwächen, fielen doch die Länder als Käufer weg.

          Das Beispiel USA -> Afghanistan/Irak lass ich nicht gelten.
          Zum einen waren die USA niemals an einer Befriedung der Region interessiert, sondern nur an einem Gleichgewicht der Kräfte, das die Ölförderung zu attraktiven Preisen sicherte, zum anderen gibt es in den Ländern keine Identifikation der Bürger mit dem Staat, wie wir es kennen.
          Gerade in Afghanistan machen demokratische Wahlen nur dann Sinn, wenn die einzelnen lokalen Clans paritätisch an der Macht beteiligt würden – was dem Demokratieverständnis an sich widerspricht.
          Solche Verhältnisse haben wir in Europa allenfalls sehr lokal (Baskenland) und dann meines Wissens nach durch föderale Strukturen aufgefangen.

  10. Die Auflistung ist sehr pauschal und deshalb falsch. Man kann Politik nicht mit einer Religion vergleichen, denn der Atheismus hat auch viel schlimmes angestellt. Und welche Kirche soll das gewesen sein. Und welche Inquisition? Es gab mehrere. Und welche Kirche ist gemeint, es gibt mehrere und jede ist in einem zeithistorischen Kontext zu sehen.
    Die Aufklärung hat übrigens auch sehr brutal gewütet. Und das gleiche gilt für jede Ideologie und Religion.
    Das Gute und das Schlechte steckt in jeder Ideologie und Religion, so sind wir Menschen nun mal.

    • Man kann alles mit allem vergleichen, es macht nur nicht immer Sinn 🙂

      Da Religion auch nur eine Ideologie (=Weltanschauung) ist, kann ein Vergleich mit anderen Ideologien durchaus Erkentnisgewinn bringen.

      Etwa hinsichtlich Etablierung, Übertreibung, Bekämpfung von Nicht-Ideologen, Freund-Feind-Denkweise, Denkfehlern, Instrumentalisierung usw.

      Natürlich ist das menschlich, Ideologien sind immer nur komplexitätsreduzierte Modelle der Realität und entsprechend fehlerhaft (abgesehen davon, dass sie auch zu persönlichen Vorteilen ausgenutzt werden).

      Etwas Ganzheitliches bekommen wir vermutlich nicht hin, weil wir zu dumm dafür sind. Im besten Fall mendelt sich über die Jahrhunderte ein Regelset heraus, welches die Konflikte minimiert…
      zur Zeit bin ich da aber wenig optimistisch.

  11. Jetzt fange ich zum dritten Mal an, weil mir jedesmal neue Gedanken gekommen sind 🙂

    Anregendes Thema.

    Zuerst das Ziel, das ist mir im Artikel ein bisschen zu sehr aus der Hüfte geschossen. Wem gegenüber man „gut“ (auch im Sinne von gefällig) sein möchte, scheint mir DAS Hauptunterscheidungsmerkmal von Ideologien.

    Die chr. Kirche (in ihrer Verbrechenszeit) war z.B. (im Ggs. zur nachaufklärerischen) nicht so sehr an Nächstenliebe orientiert, sie wollte vor allem gottgefällig sein. Also „gut“ gegenüber Gott.

    Ähnlich ist es mit dem Mohammedanismus und Allah:
    https://tangsir2569.wordpress.com/turkentum/der-indische-genozid/

    Anders ist es mit dem deutschen Nationalsozialismus, der wollte nur (oder hauptsächlich) gut zu Deutschen (oder weiter gefasst Ariern) sein.

    Der Kommunismus wollte gut zum Arbeiter und Bauern sein (die Intelligenzia brauchte man zwar, aber sie sollte keine Macht haben, in PolPot-Kambodscha hat man sie sogar ermordet).

    Der Kapitalismus will gut zum Kapitaleigner sein.

    Der Feminismus will gut zu Frauen sein.

    Der Multikulturalismus will gut zu Fremden bzw. kulturellen Minderheiten sein.

    Der Globalismus, als spezielle Form des Ultraliberalismus, will gut zu allen Jetsettern sein.

    Der Individualismus will gut zu Außenseitern sein.

    Der Ökologismus will gut zur Natur sein usw.

    Der Humanismus will gut zu allen Menschen sein.

    Fazit: viele Ideologien entstehen aus sinnvollen Gegenbewegungen und können dann nicht mehr aufhören und übertreiben, wenn sie sich einmal durchgesetzt (und institutionalisiert) haben.

    Die klassische Pendelbewegung, denn durch die Übertreibung entstehen wiederrum Gegenideologien, denen es wieder genauso ergeht.

    Von daher könnte Trump sich z.B. als Glück für die USA erweisen, weil er keine eigene erkennbare Ideologie verfolgt, eher eine Art harte Erdung darstellt.

    In Deutschland ist hingegen ein Umschwung erkennbar, aber er wird bis 2017 vermutlich nicht wirkmächtig genug, während die neurechte Bewegung eine klar ideologische Ausrichtung hat (forciert durch die unselige Parteienstruktur) und durch die Exklusion immer radikaler wird. Das könnte wieder ein gefährliches Rückschwingen geben, wenn die 2017-Koalition das nicht entgegenkommend abzumildern vermag.

    • „Die klassische Pendelbewegung, denn durch die Übertreibung entstehen wiederum Gegenideologien, denen es wieder genauso ergeht.“

      Deshalb bin ich optimistisch, dass der Feminismus in 10 Jahren abgewirtschaftet hat.
      Und dann wird es – FÜR FRAUEN – sehr unangenehm. Denn Gleichberechtigung ist im Grundgesetz verankert, also kein originär feministisches Produkt.
      Man wird aber nach den ganzen feministischen Wohltaten von den Frauen endlich auch die mit den Rechten verbundenen Pflichten einfordern.
      Da ist dann für viele Frauen die soziale Hängematte (und unter der versteh ich auch die Tradition, den Ehemann/Partner zum Anschaffen zu schicken) Geschichte.

      „Von daher könnte Trump sich z.B. als Glück für die USA erweisen, weil er keine eigene erkennbare Ideologie verfolgt, eher eine Art harte Erdung darstellt.“

      Trump hat so schnell wie kein anderer Politiker je zuvor seine Wahlversprechen gecancelt. Ich fürchte, dass die von ihm verursachte „Erdung“ eher zu einer massenhaften Politikverdrossenheit führen wird, die das Gewicht anderer radikaler Chaoten erhöht.

      „Das könnte wieder ein gefährliches Rückschwingen geben, wenn die 2017-Koalition das nicht entgegenkommend abzumildern vermag.“

      Da geb ich Dir recht.
      Wenn Political Correctness, PC, derart zum Credo wird, dass jeder Verstoß mit Verbrennen bestraft wird, wird PUC (Political Uncorrect) zur entsprechend radikalen Gegenbewegung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s