Eigentlich ja ein spannendes Thema. Und auch verständlich: Warum sollte man es gut finden, wenn sich Jungen als Verlierer fühlen.
Entsteht also gerade ein neues, toxisches Männerbild? Die Soziologin Sylka Scholz von der Universität Jena hält das für verkürzt. „Gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit sind eigentlich immer im Wandel“, sagt sie. Bereits seit den 1980er-Jahren werde über engagierte Väter diskutiert. Tatsächlich habe sich das Ideal vom distanzierten Ernährer zum präsenten Vater verschoben.
Gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit sind gleichzeitig im Wandel und konstant. Männer sollen immer noch stark sein, Versorger, Beschützer. Sie sollen üblicherweise die Hauptverdienerrolle einnehmen, einen guten Job haben etc.
Sie sollen, dass ist vielleicht das Neue, aber auch aktiver im Haushalt und der Kinderbetreuung sein. Wobei das auch wieder relativ ist, meist sollen sie es neben der Vollerwerbstätigkeit sein.
Und das wollen ja auch viele Männer. Sie wollen für ihre Kinder da sein, Zeit mit ihnen verbringen, etwas mit ihnen zusammen erleben.
Wobei für viele Frauen diese Gleichwertigkeit bei einer Trennung dann nicht so klar ist. Sie wollen dann eher kein Wechselmodell (auch wenn sich heute einige Paare durchaus auch darauf einigen können) sie wollen lieber die Kinder bei sich und sie bekommen Unterhalt und nur Umgang für den Vater
Auch die Frauenrolle ist da traditionell.
Doch dieser Wandel ist widersprüchlich. Fürsorge werde weiterhin mit Weiblichkeit verbunden und überwiegend von Frauen geleistet. Zugleich erlebten traditionelle, autoritäre Entwürfe ein Comeback. Die größere Vielfalt an Lebensentwürfen eröffne Chancen, glaubt Sylka Scholz. Sie könne aber auch verunsichern. Theoretisch stünden Männern viele Möglichkeiten offen, „doch die Ressourcen sind gesellschaftlich sehr ungleich verteilt“.
Mal sehen was sie damit meint.
Fitness, Proteine und Abwertung von Frauen
Unsicherheiten würden in der sogenannten „Manosphere“ aufgegriffen. Antifeminismus werde von rechten Kräften „als Brückenideologie instrumentalisiert“, so die Soziologin. Emanzipierte Frauen oder Migranten würden als Konkurrenten dargestellt. Doch solche Schuldzuweisungen lösten keine sozialen Probleme.
Da fehlen erst einmal die Inhalte. Es ist erstaunlich, dass Frauen über Männer herziehen können wie sie wollen, sogar in Magazinen wie Spiegel und Co und das aber keine Brückenideologie ist.
Es ist auch nicht so, dass nur Männer etwas gegen ungebremste Einwanderung haben.
Der Autor und Comedian Aurel Mertz beschreibt in seinem Buch „Alpha Boys“, wie junge Männer in sozialen Netzwerken auf Influencer stoßen, die Dominanz, Disziplin und Härte propagieren. Oft sei das verbunden mit Fitnesskult, Protein-Diäten und Abwertung von Frauen. „In Zeiten von Krisen sind die einfachen Antworten die, die am leichtesten gewinnen“, sagt Mertz.
Fitnesscult bei den Männern ist etwas schlechtes. Warum eigentlich? Bei Frauen gibt es das ja durchaus auch und genug Frauen lieben es ihren Körper zu zeigen. Und Dominanz ist ja bei Frauen durchaus gefragt, ebenso wie eine gewisse Härte. Ist Disziplin jetzt etwas negatives?
Das Versprechen laute: Wer an sich arbeite, könne zum „Alpha“ werden. Dabei beruhe schon der Begriff auf einem Mythos. Die Vorstellung vom dominanten Alphawolf gilt in der Verhaltensforschung längst als überholt. Dennoch halte sich das Bild vom natürlichen Anführer hartnäckig, auch als Projektionsfläche für männliche Selbstbilder.
Da wird auch einiges zusammengewürfelt. Bei Frauen gibt es ja auch den Wunsch „Alpha“ zu sein, es ist nur etwas anderes definiert: Nicht umsonst spielen Mädchen gern Prinzessin. Frauen wären natürlich auch gerne sehr schön, alle Jungs, aber insbesondere die Schönen und Coolen wollen sie als feste Freundin und alle Mädchen wollen sein wie sie. Stehen ganz oben in ihrer Clique und alle Mädchen wollen gerne mit ihnen befreundet sein.
Und es mag sein, dass man in der Verhaltensforschung mal auf den Wolf abgestellt hat, aber in Primaten gibt es relativ unstreitig Alphamännchen, etwa bei Schimpansen, die aber natürlich, genau wie Menschenmänner auf Koalitionen angewiesen sind und ihre Unterstützer brauchen.
Und natürlich gibt es auch Menschen, die „natürliche Anführer“ sind und die es eher schaffen sich an die Spitze einer Gruppe zu setzen – was dann üblicherweise auch bei Frauen gut ankommt.
Frauen finden Männer mit Status und Ressourcen interessant.
Verunsicherung in der Jugend sei normal, betont die Soziologin Sylka Scholz. In der Adoleszenz müssten sich alle mit Geschlechterrollen auseinandersetzen. Für Jungen blieben die Erwartungen erstaunlich konstant: Unabhängigkeit, Härte, emotionale Selbstkontrolle. Dieser „Boy Code“ sei trotz gesellschaftlicher Öffnung wirkmächtig. Wie Männer damit umgingen, hänge stark von den ungleich verteilten Ressourcen ab. Aus Sicht der Soziologin verfügen nicht alle jungen Männer über die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten. Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sieht Scholz bei heutigen Jugendlichen allerdings kaum noch. Entscheidend seien soziale Ressourcen, nicht die Region.
Das sagt ja alles erst mal wenig aus.
Wie stark prägen Filme und Serien solche Vorstellungen? Medienbilder würden nicht eins zu eins übernommen, glaubt die Soziologin. Sie müssten individuell angeeignet werden. Dennoch verhandle die Popkultur gesellschaftliche Konflikte oft früher und sichtbarer als politische Debatten.
Warum werden da eigentlich immer Soziologinnen befragt? Das die Unterschiede zwischen den Geschlechtern tiefe evolutionäre Wurzeln haben ist in den Bereich ja leider noch nicht vorgedrungen.
Vom Western zur Netflix-Serie „Adolescence“
Schon die klassischen Hollywood-Western erzählten von klaren Rollen. Schauspieler wie John Wayne stünden für den wortkargen Einzelgänger, der Recht mit Härte durchsetzt. Stärke zeige sich in körperlicher Überlegenheit und moralischer Entschlossenheit. Zweifel oder Verletzlichkeit blieben Randnotizen.
Männlichkeit als Selbstbehauptung in einer feindlichen Welt: Ein Ideal, das über Jahrzehnte wirkmächtig geblieben ist. Heute verschieben sich allerdings die Schauplätze. Serien im Streaming-Zeitalter zeigen Männer häufiger als Suchende. Die Konflikte spielen nicht mehr nur im staubigen Grenzland, sondern in Klassenzimmern, Familien oder digitalen Räumen.
Moralische Entschlossenheit ist auch nichts schlechtes.
Die Netflix-Serie „Adolescence“ erzählt von Jungen, die in Online-Männerforen radikalisiert werden. Hier wird Männlichkeit nicht als naturgegebene Stärke inszeniert. Sie wird vor allem im Netz performt und ständig bewertet. Zugehörigkeit, Status und Abwertung anderer greifen ineinander. Der Druck entsteht öffentlich, in Chats und Kommentarspalten.
Die Serie hatte ich hier besprochen. Sie zeigt auch nicht wie Jungen in Online-Männerforen radikalisiert werden. Das wird nur angedeutet, genauso wie eine Erklärung über den Vater, der auch zur Wut neigt.
Ich hasse ja solche kurzen Absätze. Im Netz gibt es genug Materialien, auch gerade in schlimmen „Männerforen“ die ohne Abwertung anderer auskommt und eher Selbstentwicklung anspricht: Jemand werden, an sich selbst arbeiten.
Ein Inner Game Ansatz wäre zB , dass man sein Leben so einrichtet, dass man selbst mit Stolz auf sich blicken kann. Es geht um Punkte wie Authentizität etc.
Immer auf der Suche nach einer „Retterin“
Gleichzeitig entstehen Gegenentwürfe: verletzliche Helden, fürsorgliche Väter, Männerfiguren, die scheitern dürfen. Doch diese Bilder stehen im Wettbewerb mit hypermaskulinen Idealen, die in sozialen Netzwerken millionenfach geklickt werden. Drehbuchautorin Anika Decker kritisiert, viele Formate reproduzierten weiterhin problematische Muster, etwa den emotional verschlossenen Mann, den eine Frau „retten“ müsse.
Fürsorgliche Väter sind glaube ich heutzutage kaum noch ein Bild, welches Kontrovers ist. Die meisten auch von Männern verbreiteten Männlichkeitsvorstellungen sehen das so. Und auch scheitern kommt darin vor, aber natürlich mit dem Wunsch, dass man wieder aufsteht und sich verbessert oder reflektiert, was schief gegangen ist.
Aber es ist auch eine sehr positive Darstellung von „Gegenentwürfen“. Weitaus häufiger als der liebevolle Vater oder der Mann, der scheitern darf, ist der männliche Idiot, der neben der weiblichen Heldin alles falsch macht. Oder der Gegner der weiblichen Heldin, der nur eine Witzfigur ist.
Ein Beispiel wären die letzten Starwars Filme. Welche positiven „Männlichkeitsentwürfe“ waren dort enthalten? Die Schurken waren alle unfähige Karikaturen, die männlichen Protagonisten Nebenfiguren der Heldin, die wie etwa Poe jederzeit von den Frauen ausgebremst werden konnten. Selbst Luke wurde der Mann, der aufgegeben hat und durch die neue Heldin ersetzt wurde die aus irgendwelchen Gründen dann auch eine Skywalker war um die Ersetzung noch deutlicher zu machen.
Ein klar umrissenes „neues Männerbild“ gibt es nicht. Stattdessen konkurrieren unterschiedliche Entwürfe, zwischen Gleichberechtigung und Dominanz, Fürsorge und Abgrenzung. Die politische Debatte um Jungenförderung trifft auf tiefere gesellschaftliche Fragen: Wer hat Zugang zu Bildung und Aufstieg? Welche Werte gelten als erstrebenswert?
Die Antworten entstehen nicht allein im Netz. Ausgehandelt werden sie in Schulen, Familien und kulturellen Erzählungen. Ob junge Männer sich als Verlierer fühlen oder als Teil einer vielfältigen Gesellschaft, hängt deshalb nicht nur von Leitbildern ab, sondern von realen Chancen.
Auch sehr nichtssagend. Es wird nicht angesprochen, warum sie sich als Verlierer fühlen, was für sie verbessert werden muss etc.