Dank eines Spiegelinterviews und eines Artikels bei Arne bin ich auf diese Studie zu Geschlechterunterschieden bei der Dark Triade gestoßen:
The strong overlap of personality traits discussed under the label of “dark personality” (e.g., psychopathy, spitefulness, moral disengagement) endorses a common framework for socially aversive traits over and beyond the dark triad. Despite the rapidly growing research on socially aversive traits, there is a lack of studies addressing age-associated differences in these traits. In the present study (N = 12,501), we investigated the structure of the D Factor of Personality across age and gender using local structural equation modeling, thereby expressing the model parameters as a quasi-continuous, nonparametric function of age. Specifically, we evaluated loadings, reliabilities, factor (co-)variances, and means across 35 locally weighted age groups (from 20 to 54 years), separately for females and males. Results indicated that measurement models were highly stable, thereby supporting the conceptualization of the D factor independent of age and gender. Men exhibited uniformly higher latent means than females and all latent means decreased with increasing age. Overall, D and its themes were invariant across age and gender. Therefore, future studies can meaningfully pursue causes of mean differences across age and between genders.
Quelle: Age and gender differences in socially aversive (“dark”) personality traits
Die Dunkle Triade war hier schon häufiger mal Thema:
- Die dunkle Triade („Dark Triad“) als evolutionäre Kurzzeitpaarungsstrategie
- Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie als attraktivmachende Eigenschaften für Männer aus der Sicht von Frauen
- Auswirkungen des Feminismus auf Narzissmus und Toleranz gegenüber Meinungsverschiedenheiten bei Frauen
Was wurde genau untersucht?:
Die Studie untersuchte, wie stabil die Struktur des D-Faktors über Altersgruppen und Geschlecht hinweg ist – und wie sich die Mittelwerte im Laufe des Lebens verändern. Dazu wurden 12.501 Personen (5.982 Frauen, 6.519 Männer, Alter 21–53 Jahre) analysiert, die den D70-Fragebogen auf darkfactor.org ausgefüllt hatten.
Als Analysemethode verwendeten die Autoren Local Structural Equation Modeling (LSEM) – ein Verfahren, das Alter als echte kontinuierliche Variable behandelt und keine künstlichen Altersgruppen bildet. Es wurden 35 gewichtete Altersmodelle separat für Frauen und Männer geschätzt.
Was ist der D-Faktor?
Der Dark Factor of Personality (D) ist die grundlegende Persönlichkeitsdisposition, den eigenen Nutzen zu maximieren – unter Inkaufnahme, Gleichgültigkeit gegenüber oder absichtlicher Herbeiführung von Schaden bei anderen – begleitet von rechtfertigenden Überzeugungen. Spezifische dunkle Eigenschaften wie Narzissmus, Psychopathie oder Sadismus sind dabei nur verschiedene „Ausprägungsformen“ desselben zugrundeliegenden D.
Die fünf Themen des D-Faktors
Hartung et al. nutzten eine Struktur mit fünf empirisch abgeleiteten Themen, die alle unter dem gemeinsamen D-Faktor liegen:
| Thema | Bedeutung | Reliabilität (ω) |
|---|---|---|
| Callousness (Kaltblütigkeit) | Mangelnde Fürsorge und Empathie für andere | .91 |
| Deceitfulness (Täuschungsbereitschaft) | Tendenz, andere zu täuschen und zu manipulieren | .85 |
| Narcissistic Entitlement (Narzissistisches Anspruchsdenken) | Überhöhtes Selbstbild, Überzeugung, mehr zu verdienen als andere | .86 |
| Sadism (Sadismus) | Tendenz, anderen zum eigenen Vergnügen Schaden zuzufügen | .93 |
| Vindictiveness (Rachsucht) | Tendenz zur Vergeltung und Bestrafung anderer | .92 |
Es geht also jeweils um sehr eigennützige Punkte bzw solche, bei denen man seine eigenen Interessen höher bewertet und zu deren Umsetzung auch „unfaire“ Mittel einsetzt und das vor sich selbst auch entsprechend rechtfertigt, weil man besser etc ist.
Zu den Ergebnissen:
Die Messmodelle waren über alle untersuchten Gruppen hinweg hochstabil. Das bedeutet: D und seine fünf Themen bedeuten bei jungen und alten Menschen sowie bei Frauen und Männern dasselbe. Vergleiche zwischen Gruppen sind also sinnvoll und nicht durch Messartefakte verzerrt.
Pro Lebensdekade lagen die D-Werte im Durchschnitt etwa 0,2 Standardabweichungen niedriger. Dieser Rückgang verlief für alle fünf Themen parallel und gleichförmig – sie sinken gemeinsam, nicht unabhängig voneinander.
Erklärt wird dies durch das Reifeprinzip: Soziale Rollen werden mit dem Alter verantwortungsvoller, antagonistisches Verhalten wird im Job und in Beziehungen zunehmend nachteilig. Hinzu kommen biologische Faktoren wie der altersbedingte Rückgang des Testosteronspiegels.
Die ursprüngliche Hypothese, dass dunkle Persönlichkeit mit dem Alter „spezialisierter“ wird (z.B. jemand wird im Alter kaltblütig, aber nicht mehr rachsüchtig), wurde widerlegt. Die Korrelationen zwischen den fünf Themen blieben über das gesamte Altersspektrum stabil und stark.
Man wird also „altersmilder“.
Jetzt zu den Geschlechterunterschieden:
Wie man sieht zeigt sich ein Unterschied über die Altersstrukturen, am dichtesten Zusammen sind die Geschlechter bei „Narcissistic Entitlement“, was bei Frauen um die 20-30 auch nicht so verwunderlich sind, weil sie da häufig auf dem Höhepunkt ihrer sexuellen Macht sind.
Der standardisierte Mittelwertunterschied für D betrug d = .42 – das entspricht etwa einer halben Standardabweichung.
Die Zusammenfassung:
Im Detail nach Thema:
-
- Callousness, Sadism, Vindictiveness: Männer erzielten durchgängig höhere Werte. Die Unterschiede vergrößerten sich mit zunehmendem Alter leicht, allerdings ohne statistische Absicherung.
- Deceitfulness: Der Geschlechterunterschied blieb über das gesamte Alter hinweg stabil.
- Narcissistic Entitlement: Hier zeigte sich das interessanteste Muster: Junge Frauen und Männer unterschieden sich kaum (d = .13 bei Alter 27), aber mit dem Alter wuchs dieser Unterschied erheblich (d = .40 bei Alter 52). Ältere Männer zeigen also deutlich ausgeprägteres narzissistisches Anspruchsdenken als gleichaltrige Frauen.
Wichtig: Die Altersverläufe waren bei Frauen und Männern in Form und Stärke nahezu identisch – beide Gruppen zeigen einen ähnlich starken, linearen Rückgang dunkler Persönlichkeitseigenschaften, nur auf unterschiedlichen Ausgangsniveaus.
Das ist schon interessant: 0.13 ist ein sehr kleiner Unterschied (Männer sind aber immer noch vorne) und dieser weitet sich dann auf immerhin 0.4 aus.
Wäre natürlich interessant wie dieser Unterschied verteilt ist. Zeigen Männer mit besonderen Erfolgen auch eher „Narcissistic Entitlement“? Oder vielleicht sogar umgekehrt? Lässt sich aber leider aus der Studie nicht entnehmen.
Das Männer in dem Bereich der „Dark Triad“ „besser“ abschneiden ist erst einmal nicht so verwunderlich. Wobei man nicht vergessen darf, dass die Umfrage auf Selbstauskünften aufbaut und es insofern immer Möglichkeiten gibt, dass Frauen eher ihre „Dunklen Seiten“ verbergen.
Aus einer anderen Studie fand ich dazu die Dunkle Triade in Bezug auf Unterschiede zwischen bestimmten Fächern ganz interessant:
Hier sieht man, dass Frauen und Männer, die Wirtschaft studieren beide wesentlich eher bestimmte Merkmale der „dunklen Triade“ zeigen im Vergleich zu Leuten, die Psychologie studierten. Wirtschaftsfrauen zeigen im Vergleich zu Psychologiestudentinnen etwa gleich große Unterschiede im Bereich Machiavellismus (was auch möglich ist, wenn die Frauen insgesamt niedrigere Werte haben als die Männer) dagegen zeigen Frauen im Bereich Jura weniger Machiavellismus, dafür mehr Psychopathie im Vergleich zu den jeweiligen Studenten aus dem Bereich Psychologie etc

