Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe. Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse

Wir sind mal wieder erwähnt worden:

Pädagogik und Geschlecht als Gegenstand politischer Kämpfe. Zur Analyse rechter, antifeministischer und rassistischer Diskurse

Und dort Seite 107:

Jennifer Degner-Mantoan: Antifeministische Netzwerke: Die deutsche Männerrechtsbewegung

Soziale Bewegungen zeichnen sich aus durch
(1) einen (informellen) Netzwerkcharakter,
(2) die Ausbildung einer kollektiven Identität und kollektiv geteilter Deutungsrahmen,
(3) das Streben nach gesellschaftlichem Wandel sowie
(4) darauf abzielendes Protestverhalten
(della Porta/Diani 1999: 16; Rucht 1995: 11; Roth/Rucht 2008: 638).

Sie sind ein relationales Phänomen, d. h. sie handeln die eigenen Grenzen und Zugehörigkeiten, Problemdeutungen und Verantwortlichkeitszuschreibungen, Strategien und Ziele ständig neu aus und sprechen Anhänger_innen und Unterstützer_innen, aber auch Opponent_innen, in einer Weise an, die auf die (De-)Mobilisierung verschiedener Zielgruppen hinwirkt (Rucht 2005: 197).

Die deutsche Männerrechtsbewegung besteht aus Einzelpersonen, Vereinen und informellen Gruppen, die netzwerkartig miteinander verbunden sind. Um moralische Ressourcen zu generieren, muss sie insbesondere die Legitimität ihrer Anliegen kommunizieren (Roth/Rucht 2008: 25; Rucht 1984: 616) bzw. die Illegitimität ihrer politischen Gegner_innen betonen, eine starke Solidarität untereinander entwickeln und Verbündete finden, die ihre Interessen auch über den Wirkungskreis der Bewegung hinaus verbreiten.

Die aus dem Netzwerk entstehenden Bewegungsgemeinschaften (Staggenborg 1998; Hassan/Staggenborg 2015) sind in ihrer ideologischen Prägung, thematischen Schwerpunktsetzung und Organisationsform durchaus verschieden. Es gibt:

  • informelle (Unterstützungs-)Netzwerke,

  • institutionalisierte Strukturen sowie

  • parteinahe Strukturen
    (Beck et al. 2021).

Mit Hilfe eigener alternativer Medien lassen sich Inhalte über die Bewegungskanäle hinaus verbreiten und neue Unterstützer_innen generieren. Die Bewegung kann aber auch auf Befürworter_innen in den hegemonialen Medien zählen, die über die Benachteiligung von (cis) Männern und die vermeintlichen Verfehlungen „des Feminismus“ berichten oder zentralen Akteur_innen der Männerrechtsbewegung über Interviews und Gastbeiträge eine Plattform geben (Aigner 2012).

Thematisch problematisiert die Männerrechtsbewegung zu unterschiedlich starken Anteilen eine Benachteiligung von (cis) Männern u. a. bezüglich:

  • Bildung

  • Arbeit

  • Gesundheit

  • Partnerschaft

  • Elternschaft

  • Erziehung

Antifeminismus und eine (cis)männliche Opferhaltung dienen als geteilter Deutungsrahmen, der eine kollektive Identifikation ermöglicht. Ideologisch reicht das Spektrum von (links-)liberalen bis hin zu extrem rechten Einstellungen und Weltdeutungen.

Die verschiedenen Gemeinschaften können als Teil einer „Bewegungsfamilie“ (della Porta/Rucht 1995: 232) verstanden werden, die sich zunächst über den Einsatz für Männerrechte definiert. Innerhalb der Bewegungsfamilie lässt sich zwischen diversen Gruppierungen unterscheiden, die miteinander kooperieren, konkurrieren oder auch in Konflikt zueinander stehen.

Darüber hinaus lassen sich situationsspezifische Bewegungskoalitionen, d. h. zeitlich begrenzte Kooperationen, beobachten, während derer Ressourcen geteilt und Aktionen gemeinsam koordiniert werden (McCammon/Moon 2015: 326f.). Dies ist bspw. der Fall, wenn einzelne Organisationen der Männerrechtsbewegung sich mit christlich-fundamentalistischen oder auch verschwörungsideologischen Akteur_innen verbünden, etwa bei Protesten gegen eine Pädagogik der geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt (Oldemeier et al. 2020) oder im Rahmen der Coronaproteste (Blum/Rahner 2020).

3 Netzwerke als Bewegungsressource

Das Internet und neue Technologien bieten Möglichkeiten der schnellen, zeit- und ortsunabhängigen, kostengünstigen, vergleichsweise niedrigschwelligen und massentauglichen Kommunikation sowie eine Vielzahl an Handlungsrepertoires für Bewegungsakteur_innen (Dolata/Schrape 2015: 17ff.; Rucht/Teune 2017: 21; Illgner 2018: 254; Fielitz/Staemmler 2020: 433).

Netzwerke lassen sich mit wenig Aufwand aufbauen und pflegen. Sie stellen nicht nur eine Ressource von Bewegungen dar, sondern bieten auch die Möglichkeit der Einflussnahme auf Gelegenheitsstrukturen (Diani 1996; Cinalli/Füglister 2008). Darüber hinaus können sie ein kollektives Bewusstsein fördern, mit dem die eigene Position und Weltdeutung – insbesondere im Falle radikaler Gruppierungen – weniger alleinstehend erscheint (Ackland/Gibson 2013: 231ff.; Veilleux-Lepage/Achambault 2019: 23).

Personalisierte Kommunikationsformen wie Social News Aggregatoren und Mikroblogs ergänzen kollektives Handeln, das wiederum von Onlineplattformen koordiniert und gebündelt werden kann (Bennett/Segerberg 2012: 743ff.). So entstehende Koalitionen mobilisieren wiederum größere Mengen an Akteur_innen (Earl/Kimport 2011: 148ff.). Gleichzeitig besteht die Gefahr einer Abschottung in homogene, virtuelle Gemeinschaften und einer Radikalisierung von Online-Communities (Caiani/Parenti 2013: 3ff.), wie in Teilen der Manosphere (Horta Ribeiro et al. 2020; Rothermel 2020).

3.1 Soziale Netzwerkanalyse

Die soziale Netzwerkanalyse liefert relationale Daten über die Einheiten, Beziehungen und Abgrenzungen eines Netzwerks (Serdült 2002: 127f.). Betrachtet werden einzelne Verbindungen von Individuen sowie die allgemeine Netzwerkstruktur (Snow/Zurcher/Ekland-Olson 1983: 118), welche als Form sozialen Kapitals und damit als Bewegungsressource interpretiert werden (Diani 2005: 340; Schmidt 2006: 38f.).

Wie eingangs beschrieben, liegt bisher keine Studie vor, die das Netzwerk der Männerrechtsbewegung erfasst. Zwar konnte eine breite Anschlussfähigkeit maskulistischer Ideologiefragmente und Narrative festgestellt werden (u. a. Ganz/Meßmer 2017; Mayer/Ajanovic/Sauer 2018; Höcker/Pickel/Decker 2020; Kaiser 2020; Näser-Lather/Oldemeier/Beck 2019; Kalkstein et al. 2024), ein Überblick über die Akteurslandschaft und deren Verbindungen über die eigenen Kanäle hinaus stellt jedoch weiterhin ein Forschungsdesiderat dar.

(…)

Ausgehend vom oben skizzierten Forschungsstand zur Männerrechtsbewegung habe ich sieben Akteur_innen zum Ausgangspunkt genommen, von deren Webpräsenzen aus ich händisch eine Wanderung über die jeweiligen Verlinkungen unternommen habe, um so weitere Startknoten für die Netzwerkanalyse zu finden.

Außerdem habe ich das Bundesforum Männer als einen Akteur aufgenommen, der aus pro-feministischer Perspektive agiert, während für die anderen Akteur_innen auf Basis bisheriger Forschung eine antifeministische Positionierung angenommen wird (Beck et al. 2021: 7ff.; Claus 2014: 16ff.; Kemper 2011a: 36ff.).

Insgesamt ergaben sich so elf Startknoten. Darunter befinden sich:

  • die Homepages der bekanntesten deutschen Männer- und Väterrechtsvereine
    (u. a. MANNdat, AGENS, Forum Soziale Inklusion, Väteraufbruch für Kinder),

  • verschiedene, meist von Einzelpersonen bespielte Weblogs.

Daneben wurden Kampagnen und Aktionsbündnisse, die eine Schnittstelle zwischen der Bewegung und anderen zivilgesellschaftlichen sowie politischen Akteur_innen darstellen, in das Sample aufgenommen (u. a. die Initiativen Genug Tränen und Familienschutz).

Ebenfalls berücksichtigt wurde der deutsche Genderkongress als eine – zumindest in der Außendarstellung – international ausgerichtete, von Bewegungsakteur_innen getragene Tagung.

Außerdem wurden die Knoten auf den Dimensionen politische Orientierung¹⁰ und thematischer Schwerpunkt und welcher politischen Orientierung die Akteur_innen am ehesten zuzuordnen sind.

(…)

Maskulismus

Maskulismus

Liberale Akteur_innen sind kaum Teil der direkten Routen zwischen anderen Knoten. Zentraler sind dagegen Akteur_innen, die eher dem konservativen bis (extrem) rechten Spektrum zugeordnet werden können (1).

Besonders schnell erreichen einige Blogs sowie das alternative Nachrichtenportal Cuncti andere Akteur_innen. Sie sind somit besonders einflussreich (2).

Gut vernetzt sind neben zwei maskulistischen Blogs zwei der größten deutschen Männerrechtsvereine (3).

Die Korrelation der Zentralitätsmaße ergibt einen (sehr) starken positiven Zusammenhang. Dies spiegelt sich auch in der Übersicht der Zentralisationsmaße: Unter den fünf zentralsten, populärsten und einflussreichsten Knoten befinden sich auch nach weiteren Reduktionsschritten immer wieder die gleichen Akteur_innen.

Diese können als Kern des Netzwerks beschrieben werden.

Man merkt die Daten sind etwas älter,  ich meine es wird auf 2023 verwiesen.

Deutlich wurde, dass das Netzwerk aus wenigen, dafür umso aktiveren Akteur_innen besteht. Die Strukturen sind kaum formalisiert. Thematisch liegt der Schwerpunkt auf Männerrechten und Antifeminismus, die eine ideologische Klammer für die Bewegungsfamilie darstellen. Trotz politisch unterschiedlicher Verortung weisen die zentralen Akteur_innen in ihren Verlinkungen zumindest eine Offenheit für die (extreme) Rechte auf.

Liberale Akteur_innen weichen mit jedem Reduktionsschritt zugunsten konservativer und extrem rechter Akteur_innen. Dies deckt sich mit der Abnahme institutionalisierter Strukturen zugunsten von Einzelpersonen betriebener Weblogs.

Konkrete Hilfs- und Unterstützungsangebote für Männer wie psychologische und medizinische Beratung, Präventionsangebote, Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt, Sozialberatungen oder Straffälligen- und Obdachlosenhilfen werden kaum bis gar nicht verlinkt und verschwinden nach nur wenigen Reduktionsschritten gänzlich. Fraglich ist, warum institutionalisierte Angebote im Netzwerk kaum präsent sind. Anti-etatistische Vorstellungen und ein allgemeines Misstrauen gegenüber staatlichen Organisationen, die stets unter Feminismusverdacht stehen, können eine mögliche Erklärung sein.

Darüber hinaus lässt sich fragen, wie hoch die Bereitschaft ist, über die Textproduktion hinaus aktiv zu werden, um eigene Strukturen aufzubauen. Wenn bspw. der Ausbau von Frauenhäusern mit dem Mangel an vergleichbaren Angeboten für (cis) Männer in Frage gestellt wird, könnte sich darin eine verletzte Anspruchshaltung (Kimmel 2017) zeigen.

Thematisch verschiebt sich der Schwerpunkt mit jedem Reduktionsschritt zugunsten maskulistischer und antifeministischer Inhalte. Dies bestätigt den Befund, dass Antifeminismus und eine (cis)männliche Opferhaltung fester Bestandteil der kollektiven Identität der Männerrechtsbewegung sind und die heterogenen Gemeinschaften der Bewegungsfamilie zusammenhalten. Interessant ist darüber hinaus, dass zwar Familie und Elternschaft auch in diesem Rahmen verhandelt werden, Akteur_innen, die einen Fokus auf das Thema setzen, jedoch kaum präsent sind.

Aus den bisherigen Erkenntnissen lässt sich folgern, dass die Männerrechtsbewegung einen starken Fokus auf Problemdeutung und Ideologieproduktion legt, jedoch wenig eigene Problemlösestrategien entwickelt. Der Aktivismus ist geprägt von Abgrenzung und Empörung und lässt somit wenig Raum für konstruktive Ansätze. Vorhandene Ressourcen werden aufgrund ideologischer Differenzen nicht wahrgenommen. Die Männerrechtsbewegung schafft es somit bisher nicht, nachhaltige Bündnisse einzugehen und die eigenen Inhalte über ein begrenztes Unterstützungsnetzwerk hinaus zu etablieren.

Da sind wir eigentlich wieder bei einer alten Diskussion, etwa: